trschetnt «»glich mit jtomtalhnt ö«r Sean« Mit» Zelertage. Viertel’ l»hrliche?Ve;k>grpreis ohne vringerishn und vefkSgeldinZitUafd- »letmrwärtrtsvMt
Verantw. Redatteurr
Larl Schütte, für die Anzeigen:
H.P«zeLer in Znlda.
Zuldaer
wochenbeimge: „.illustrierte Sonutagrzettung"
Monatsbeilage: ,fl
»nz-tgenr vte et» fpaüigepetitzetleoder Xte» Heu* 15 pfg. «eNEendiepetttzeile Pfg., bet wieder- gelungen wird entspr.
Rabatt gewährt.
Retationedrnckvnd Verlag der Lnldaer Al- kiendruckerei in Fulda Lernsprecher Ur. 9.
JV3 174.
Erstes Blatt.
Fulda, Mittwoch den 2. AuMst Wil.
38. Jahrgang.
ÄE Parteikämpfe im Innern «nd E intracht in der auswärtigen Politik.
Die jüngste Rede deS englischen Premiers Asquith im Unterhause wurde bekanntlich zu einet wohlvorberetzeten Demonstration benutzt. ES sollte vor aller Welt eindrucksvoll bekundet werden, daß die Engländer trotz aller Verfassungskämpfe und sonstigen inneren Zwistigkeiten einmütig zusammenstehen hinter der auswärtigen Polttik ihrer Regierung. Balfour, der Wortführer der gegenwärtigen Opposition, sprach seine rückhaltlose Zustimmung zu der Erklärung Asquiths aus und fügte hinzu: „Mitglieder beider Parteien des Hauses haben ost gesagt, daß wir unfern Parteistreitigkeiten, so heftig sie auch sein mögen, niemals einen Einfluß gestatten da, wo die Jntereffcn des ganzen Landes auf dem Spiele stehen". Auch der Sprecher der Arbeiterpartei gab in diesem Sinne seine Zustimmung zur auswärtigen Politik der Regierung.
Was man uns vordemonstrieren wollte, muffen wir insofern anerkennen, als tatsächlich das ganze Londoner Parlament einig ist in einer Politik der Eifersucht gegen Deutschland. Die große Liebe zu Frankreich und die väterliche Sorgfalt für die französischen Interessen ergeben sich von selbst als Konsequenzen des Mißtrauens und der Mißgunst gegenüber Deutschland. Man sucht Frankreich gegen Deutschland auszuspielen.
Das ist ganz einfach und klar. Aber nicht so leicht und glnti läßt sich die Frage beantworten, ob benn wirklich die Partei st reitigkeit en in England keinen Einfluß auf die auswärtige Politik haben. Bei näherer Prüfung will cs uns doch scheinen, daß der innerpolitlsche Wetfftreit der beiden großen Parteien sehr wesentlich auf die hochpolitische Haltung der Regierung einwirkt, und zwar zur Zeit in ungünstiger Weise.
Am Ruder ist ein liberales Ministerium, das seinem Programm nach für Einschränkung der Rüstungen und für die Sicherung des Friedens eintreten müßte. Aber das gerade Gegenteil ist der Fall. Dieses liberale Ministerium hat die Verstärkung der englischen Kriegsflotte mit einem Eifer betrieben, der die bisherigen Leistungen der Tories und Unionisten in den Schatten stellt. Mit (einem Eifer, der über das normale Maß hinausging, wie sich besonders in der wunderlichen Tatsache zeigte, daß dieses angeblich so friedlich gesinnte Ministerium zwei ganze Jahre hindurch falsche Angaben über die deutschen Flottenbauten trotz aller Berichtigungen aufrecht erhieit und die öffentliche Meinung in dem amtlich erregten Irrtum beließ, um mittels dieser bewußten Uebertreibung der deutschen Flottenkraft die Zustimmung zu immer weiteren Dreatmoughts zu gewinnen.
Die Erklärung für diese nicht sehr schöne Taktik ist einfach. Die liberale Partei fühlt, daß sie die Mehrheit der Wähler verlieren könnte, wenn es der unionistifchen Gegenpartei gelänge, die deutschfeindliche Stimmung des Volkes für sich auszunutzen. Um bei den Wahlen die Oberhand zu behalten, betrieb die liberale Regierung die Bangemacherei vor der deutschen Flotte und die Uebertreibung des englischen Flottenbaues mit jenem kranchf- haften Eifer, der zu dem liberalen Programm paßte, wie die Faust aufs Auge.
Die Gegenpartei muß in Sachen der „nationalen Kcastpolittk" übertrumpft werden! Aus diesem innerpolitischen Bedürfnis erklärt es sich mich, daß Herr Asquith jetzt als kommandierender Schiedsrichter auftritt und in die schwebenden deutsch- französischen Verhandlungen sich rücksichtslos einmischt. Er sucht dieses öffentliche Eingreifen zwar zu bemänteln mii der Bemerkung wenn er länger gewartet hätte, so wäre vielleicht Ueberrasch- ung und Verbitterung hervorgerufen worden buch die Geltendmachung des englischen Interesses in der letzen Stunde der gebieterischen Notwendigkeit. Aber es
ist eine leert Ausrede. 6t konnte die englischen Wünsche ober auch da» englische Ultimatum in gewisser Form in Berlin und in der wirksamsten Form bei der von ihm abhängigen Pariser Regierung sehr gut zur Geltung bringen, ohne durch eine öffentliche ParlamenÄtede die West tn Aufregung zu versetzen und den Fortgang bet diplomatischen Verhandlungen zu gefährden. Aber et wollte den Eklat vor der Oeffentlichkett, weil et ihn braucht, um die Tüchtigkeit seiner Partei tn bet hohen Politik den deutschfeindlichen Engländern zum Bewußtsein zu bringen.
Der innerpÄttische Wettsttett bet beiden großen Parteien in England wird auf diese Weise zu einer Gefahr für den Weltfrieden.
Deutscher Reich.
* Berlin, l.Aug. 1911. Der Ka iser ist Dienstag abend mit Gefolge mittel» SouderzugeS von Swine- münde nach Altengrabow abgereist. — Es verlautet ziemlich bestimmt, der amerikanische Botschafter in Rom, Leishman, ober der Boffchaster in Paris, Bacon, werde den Berliner Botschasterpoften erhalten. Die größere Wahrscheinlichkeit habe Leishman für sich. — Das neue deutsche Linienschiff „Ostfriesland" ist Dienstag zum erstenmal in Dienst gestellt worden. — Gegen die Abtretung Togos an Frankreich, die im Zusammenhang mit den Marokkoverhandlungen angeblich geplant sein soll, wird, wie dem ,B. 3V mitgeteilt wird, in kolonialen Kreisen eine Agitation eingeleitet werde".
* Die Reichsversichenmgsmduuug ist am Dienstag amtlich im.Reichsgesetzdlatt' veröffentlicht worden.
* Die deutsche Marokko-Politik. Pariser Blätter hatten mit schadensroh r Beflissenheit ihren Lesern den Bären aufgebundeu, der deutsche Kaiser fei mit bet Marokkopolitik deS Herrn von Kiderlcu-Wächter so unzufrieden, baß er überhaupt nichts mehr von Marokko hören wolle. Eine ossijiöse Mitteilung b.r .Kölnischen Zeitung' stellt nachdrücklich scsi, daß zwischen dem Kaiser und seinen Ratgebern volles Einvernehmen übet die vom Auswärtigen Amt beobachtete Haltung herrsche.
)( Handelskammer und Hansabuud. Die Handelskammer Dortmund hatte im Juli 1909' den Anschluß an den Hausabund empfohlen. Irr der jüngsten Sitzung der Kammer wurde der Beschluß gefaßt, diese Aassorderuug zum Beitritt zurückzuziehen. Für den Vorschlag, der vom Syndikus Dr. Martens ausging, stimmten Jndu- strielle und Kaufleute mit allen gegen eine Stimme.
** Köln gegen Berlin. Dt. Karl Bachem erwidert in einem > packen'origen Artikel der ,Köln. Volks ztg.' auf Angriffe, die bas Organ des Ver- bandes der kathotstchen Arbeitervereine (Sitz Berlin) ,Ter Arbeiter' gegen b:e »Köln. Volksztg.' auch ueuerdmgs wieder mehrfach erhoben l;al, deß dieses ZentrumsblaU .uivdermstlsch verseucht" rväre. Dr. Bachem hatte den ,'Srbeitei' aufgeforb-rt, daß er nui Belegstellen tzttaasrücke, die d'.e moo.xiü:'i:;d;eu Sünden bet .Kölnischen Pottszruung' bewrcftu. Tie Antwort der Berliner ist nunmehr in der letzlcn yZinmru des .Arbeiters" vom 30. Juli erschienen, und Dr. Bachem geht mit ihr folgendermaßen ins Gericht:
Was enthält sie? Man soll es nicht für möglich halten: keine Spur von Bcwrismalerial, nicht den mindesten Versuch, den aiigeboleneu und g-sorder!en Beweis mit Belegstellen aus der Iätn. Bolksztg.' zu er- dringrn! Sie enthält nur wieder die allen, früher biszum Ueberdruß beleuchteten und zurückgewiesenen allgemeinen Bedauplungen über Nnkirchlichlett der Politik der .Kölnischen Volkszeitung' vnd d e allen Angriffe auf ihre Haltung tu der Gewerlschastssrage.
Weiter schreibt Dr. Bachem:
„Die Ansichten und Forderungen vo» „Sitz Berlin" in der Gewerkschaflssrag« gehen übet die Forderungen der Kirche hinaus. Er fordert von den ka-
kholischen Arbeitern etroai — nämlich den ausschließlichen Beitritt zu seinen „katholischen Fachadteilungen", — was die Kirche nicht verlangt. Die katholische Kirche hindert die katholtjHen Arbeiter nicht, den christlichen Gewerkschaften beizutreten, während der Berliner „Art-eiter" und „Sitz Berlin" sie mit allen Mitteln daran yt hindern suchen und in der leidenschaftlichsten Weise alle diejenigen verketzern, welche die Eristenz- berechtigung der christlichen Gewerkschaften anerkennen und das Recht her katholischen Arbeiter, diesen beizu- treten, verteidigen. „Sitz Berlin" und der Berliner „Arbeiter" stellen diese übertriebene Forderung auch nur und ausschließlich an die katholischen Arbeiter, während sie die christlichen Bauernvereine, die interkonfessionellen Handwerker- und Seamteiroereine, schließlich die Unternehmerverbände, welche prinzipiell und prakttsch dem christlichen Gewerkverein der Arbeiter durchaus entsprechen, mit keiner derartigen Forderung behelligen. Wir dürfen und müssen tn religiösen Dingen alles verlangen, was die Kirche verlangt. Aber niemand hat das Recht, mehr zu verlangen, als die Kirche tut. Wer freiwillig mehr tau will, dem bleibt da? unbenommen; je nachdem kann e- mehr oder weniger verdienstlich fein. Aber niemand kann und darf gezwungen werden, mehr zu tun, wenn er fein Recht in Anspruch nimmt, das zu tun, waS die kirchlichen Grundsätze ihm gestatten. Wenn ein katholischer Arbeiter den katholischen Fach- abteilungen beitreten will, so wird niemand vom kirchlichen Standpunkt aus ihm wehren können. Ebenso darf aber auch niemand einen katholischen Arbeiter tadeln, welcher von seinem kirchlich anerkannten Recht Gebrauch macht, den christlichen Gewerkschaften beizu- ttcten. Sobald „Sih Berlin" die christlichen Gewerkschaften als kirchlich unzulässig bekämpft, sobald er die katholischen Arbeiter durch kirchlichen Einfluß und sogar kirchlichen Druck zwingen will, seinen katholischen Fachabteilungen beizutreten, sobald er diese durch lieblose und ungerechte Verketzerung abhalten will, den christlichen Gewerkschaften beizulreten, geht er zn welk und überschreitet sein Recht. Das tut er aber seit Jahren, und darin zeigt stch eben der rigoristische Charakter der „Berliner Bewegung". Dieser rigo- ristckche Charakter hat sich auch stets darin gezeigt, daß er alle diejenigen, welche in völliger Uebereiustimmung mit dem kirchlichen Standpunkte die Existenzberechü- gung der christlichen Gewerkschaften und das Recht der katholischen Arbeiter, ihnen anrugehören, vertei- bigten, als „»»kirchlich", „modernistisch", „protestauli- stereud" nfro. verdächtigte."
4- Liberalismus und Sozialdemokratie. Bei dem Soinmrrfefte des liberalen Vereins in Remscheid hielt der fortschrittliche Abg. Professor Eickhofs eine Rede, in der er sich nachdrücklich gegen ein Paktieren des Liberalismus mit der Sozialdemokratie aussprach. Er meinte, daß ein derartiges Paktieren den Liberalismus auf eine schiefe Ebene und schließ- sich ins Verderben führen würde. — Mir dieser Anschauung dürste Herr Eickhoff unter seinen imkslibe- raleit Freunden ziemlich einsam flehen.
X Wenn's da nicht irgendwo hapert! linier dem Titel „Em sozialdemokratischer icilho- lffcher Pfarrer" machen liberale Blätter ein großes Sein über den katholischen Pfarrverweser Feuerstein, der in einer Broschüre sich zum soziawemvkrcitffchen Evangelium bekennt. „Soziak- oemaliat-e und Bet k gor ich t" heißt das Buch, durch welches der bedauernswerte Herr sich einen Namen machen will. Feuerstein versiehert,
et sei vom Geiste Gottes in sich (innerliche erleuchtet, ja er fei geradezu einer der En l, die beim allgemeinen Wettgerichte mit der Posaune gesendet werden mit großem Schalle; die Posaune aber sei teure nunmehr herausgegebene Schrift und andere Bücher, die et noch schreiben werde; sein Buch fei der Trourprlensioß, der die Auferstehung der Tölen, d. I). das Aufwachen der bis jetzt noch geistig toten und blinden, aber für die Wahrheit empfänglichen Christen emlcite, die nun anfangen würden, die volle Wahrheit zu erfeuneu und kiirzuseheu, worauf das Christentum hinauSlaufe, auf den Kommunismus des Reiches Gottes. — Aber nicht bloß empfängliche Christen will Feuerstein durch den Schall seiner Pojauue aufwecken, auch das Volk Israel, die jetzt lebenden Juden, hofft er zu Christas und feiner Lehre, rote sie wirklich von ihm gemeint war, und wie
er — Feuerst«» — Ihn tn diesem Buch« offenbaren burtte, zu bekehren. Diese Bekehrung werde in den nächsten Jahrzehnten erfolgen; denn die letzte Zeil ist da. „Als ein Apostel der letzten Zeit weiß ich mich. Der Inhalt dieses Buches ist meine Legiti- maiion; Gott selbst wird seinen Inhalt durch die kommenden Ereignisse bestätigen. Gott wird sein Mott, da? ich in diesem Buche verkünden durfte, durch die kommenden Ereignisse bestätigen. Diese werden Zeugnis davon ablegen, daß ich kein falscher Prophet bin."
Wenn ein „ Zentrum-Pfarrer" so etwas von sich schreiben würde, welches Urteil würden da die liberalen Blätter über ihn fällen?
— Sozialdemokratische Moralwächter Die sozial- demokratische .Rheinische Zeitung' in Kö!>.t und nach ihr ein« Anzahl anderer sozialdemokratischer Blätter fühlen stch berufen, als Moral- und Sittenrichter der christlichen Gewerkschaften in Köln aufzutreten. Sie behaupten, aus dem Programm des Begrüßungs- abends anläßlich des Verbandstages der christlichen Bergarbeiter in Köln hätten sittlich anstößige Lieder gestanden. In einer Antwort aus christlichen Arbeiterkreisen int Kölner ,Lokalanzeiger' wird der .Rheinischen Zeitung' gesagt, daß eine bedenklich unreine Phantasie dazu gehöre, um an dem zwar derben aber hannlosen Hnmor in den betreffenden Liedern (plattkölnischer Mundart) fittlichen Anstoß zu nehmen. Dann heißt eS u. a. weiter:
„Das Faungesicht des Verfassers hätten wir sehen möge», als er diese Moralrpisiel niedergeschrieben hattet (Eine solche Heuchler- und Pharisäersippe! — Wenn cs aber der .Rheinischen Zeitung' wirtlich ernst darum zu tun ist, Moral und gute Sitte zu predigen, so wollen wir ihr ein dankbares Feld der Tätigkeit anweiscn, und zwar in ihren eigenen Reihen, in den sozialdemokratische» Organisationen. Vor uns liegt eine ISfeit'ge große (hcktographierte) Festzeitung von einem Gewerkschaftsfest des soztalvemokratischen Tapezierrrverdandes, di« den Moralschnüfflern (der ,RH. Ztg.') Ursache zur flammenden Entrüstung liefern wird. Sowohl der Text wie die Zeichnungen dieser sozialdemokratischen Festzeitung strotzleu von Zoten des unflätigsten Inhalts. Die „Witze" find fo eindeutig und gemein, daß fie in einer anständigen Zeitung nicht einmal andeutungsweise wiederzugeben sind. Wie sich die Macher dieses roten Kulturdokumentes sonst noch selbst vorirätiert habe», und die Kreise, die regelmäßig auf ihrem Ber- bandsbureau ein- und auszeheu, das läßt einen schauder- haften Abgrund vermuten. . .
Arif diese Züchtigung hat die sittengestrenge /Rheinische Ztg.' bisher noch keine Antwort gefunden; sie scheint plötzlich die Sprache verloren zu haben. Den Übrigen sozialdemokratischen Blättern, die den Quark der »Rheinischen Ztg.' geschäftig abgedruckt haben, kann mit vorstehendem ebenfalls das Pharisäerhandwerk gelegt werden.
)( Sozialdemokratische Poesie. In verschiedenen Blättern werden wettere Proben aus der von uni schon früher beleuchteten Gedichtsammlung von Dr. Rudolf Franz, betitelt „Abrechnung", „politische Verssußtritte", veröffentlicht, die an Gemeinheit nicht mehr übertroffen werden können. So schildert der Vcrsaffer einen sozialdemokratischen Straßen« krawall in einem „Gedichte", das mit einer unerhört ordinären Verunglimpfung der demütig-dank« borkt- Kaiserdepejche „Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!" endet:
„Als sich der Qualm verzog, war nichts zu sehen, kein Hans, sogar kein Pissoir blieb stehen. Und di« Ruinen inspiziert Herr Jagow, wie Hamnbal die Trümmer von Karthago.
So war des grausen Umsturzkampses Endung: Durch Gottes Fügung, ach, welch eine Wendung!"
Roch zwei weitere Proben, die ernstliche Zweifel erwecken mü'se«, ob man es hier nicht mit einem Geisteskranken zu tun hat:
„Und den (Eltern nebst den Kindern wuchs der (Selbfad uriterm Hinter», bis der Vater einen Schlag betam, weil er sich beim Saufen übernahm.
Sprach's und nahm vom Mist die Gabel, stach den Kindern durch den Rabel, hat sie obendrein noch ausgehenkt und sich selbst im Jauchefaß erträntt."
Schloß Sonneck.
6] Roman von Felix Nabor.
„Da wirb wohl die Irls auch ihren Teil an den Millionen haben?" fragte Viktor.
„Gott bewahre! Wie Heinrich starb, waren sie erst auS dem Gröbsten heraus. Heinrich hat zwar das Geschäft zur Blüte gebracht und die schweffte Arbett getan, aber Leos Frau gab das Geld und er schöpfte den Rahm ab. Iris ist mittellos und völlig auf die Gnade ihres Onkels angewiesen. Was das bedeutet, wirst du wissen."
„Wieso, Papa?"
„Nun — er behandelt fie geradezu niederträchtig. FriS ist das Aschenbrödel im Hause und muß ihr Brot sauer verdienen. Seit sie aus der Pension zurück ist, hat Bergmann die ganze Buchführung auf sie abge- .wälzt und erspart sich so einen Buchhalter. Er hat sie auch nur ausbilden lassen, um eine billige und willige Arbeitskraft in ihr zu erhalten; eine Kraft, die für ihn unschätzbar ist, denn Iris ist ein gescheites Mäd- wen. . . . Die Art aber, wie Bergmanns Tochter ihre Kusine behandelt, ist geradezu empörend. Sie A nur die Magd im Hause, die Zielscheibe ihres Spottes und ihrer Launen. Man erzählt sich die schauerlichsten Dinge ... Die arme Iris dauert Mich.
> ... Rechtlichkeitsgefühl empörte sich, sein edler, ritterllcher Sm» bäumte sich auf. „Steht es wirklich jo schlimm? rief er flammend vor Entrüstung.
„Schlimmer als wir glauben —"
„Wenn ich das gewußt hätte — nicht angeschaut würde ich Alice haben." Und er erzählte seine Be- ftgnung mit Mce Bergmann. Aber zu seiner Ver- vundemng fing der Major nicht zu wettern an. „DaS ikht ihr gleich," sagte er. „Sie wirft ihre Millionen als Köder aus, um einen Mann vom Adel zu an- itfn."
-Papa!"
„Ist ja wahr, mein Junge. Du bist jung, hübsch, von Adel — was liegt da näher, als daß dir Alice Bergmann liebr Augen macht? Sie will unter allen Umständen einen Adeligen zum Mann, und ihre Millionen werden ihr auch über kurz oder lang die Tore öffnen. Sie kauft stch einfach einen Gatten — und er muß ihr dafür Namen, Rang und Wappen übertragen."
Viktor war durch diese Enthüllung ganz verblüfft. Also deswegen war Allce fo liebenswürdig zu ihm gewesen? Rein, das war zu lächerlich: Alice Bergmann Schloßherrin auf Sonneck? Niemals! . . . Er lachte zornig und ballte dir Faust.
Sein Baier verstand ihn. „Nicht wahr, mein Junge," sagte er, „fo weit sind wir noch nichr? Ver- kaufm wird stch ein Svnnrck niemals. Dazu sind wir zu stolz und zu vornehm — lieber untergeben i . . . Gold ist eine Großmacht — aber die Ehre steht noch höher. Und die Ehre, mein Junge, dir haben wir immer hochgehalten."
Viktor geleitete seinen Vater in dessen Zimmer, wo er rühm wollte; et selber begab sich dann in sein Turmgcmach, das er bei seiner Anwesenheit stets bewohnte, und dachte über feine fatale Lage nach. Jetzt, da er PapaS Verhältnisse so ungefähr kannte, ward es ihm noch schwerer, feine Schuld zu bekennen, und er suchte vergeblich nach einem Ausweg.
Auch Bautz von Sonneck fand die erwünschte Ruhe nicht. Eben al« er sich in feinem Schlafsessel so recht behaglich reckte und eine Havanna bereitlegte, öffnete stch die Türe und feine Gemahlin trat lautlos ins Zimmer. „Ich will nur eins Minute mit dir reden," faßte fie. Ihre Stimme hatte dm tiefen, lamentablen Klang, ben er fürchtete. Sr wußte zum voraus, was kam. Die „Minute" wuchs zu einer Stunde aus, und er mutzte mm ihre Klagen über „die Kinder", die Dienstboten, ben Verwalter — über die ganze Welt über stch ergehen Men. Diese ewigen Jere- miaden, mit denen ihm Elga immer tn ben Ohren lag, verbitterte» ihm da» Beben und mileideten ihm ost den Aufenthalt im Schloß. Daß fie ihm heute
gerade damit kam, an seinem Geburtstag, ärgerte ihn, und etwas gereizt sagte er: „Ich wollte eben ein kleines Schlummerstündchen halten —"
„Ich bin gleich zu Ende," sagte Elga, „aber anhören mußt du mich."
„Ra also — in Gottesnamen denn — schieß los!"
Elga von Sonneck setzte sich ihm gegenüber an den Tisch, stützte das Haupt in die Hand und machte eine Miene wie ein Kind, das sich beim Vater beklagt. „Ihr habt mich alle so sehr gekränkt," Hub fie an. „Kaum beachtet ihr mich. Immer Viktor und Hilde — und Hilde und Viftor l ... An deine arme Frau hast du garnicht gedacht." In diesem Tone ging es nun fort eine gute halbe Stunde lang.
Ter Major saß mit zusammeagebiffenen Zähnen da; er hörte gar nicht, was seine Frau lammtierte. Seine Gedankm kehrten in die Vergangenheit zurück und er dachte daran, wie es gewesen war, als seine erste Gemahlin, deren verjüngtes Ebenbild Hilde war, noch lebte, und wie es jetzt war. Damals nichts als Sonne und Freude — jetzt nichis als Wolken und Tränen. . . .
Viktor war zehn Jahre alt gewesen, als Mama starb, und fünf Jahre lang trug Bautz die Witwerschaft. Seine Kinder waren aber doch noch zu jung, und er mußte ihnen eine neue Mutter geben. Da trat Elga in sein Leben und bezauberte ihn mit ihrer Schönheit. Außer dieser Schönheit und ihrem leichten Sinn besaß fie aber auch gar nichts. Doch Bautz von Sonneck fragte nichts danach; er sah stch geliebt und führte Elga als fein Weib heim. Aber bald zeigte es sich, daß fie nur dem Genuß nachjagte und überdies eine Verschwenderin war. Die Rechnungen, die sie ihm vorlegte, häuften stch zu kleinen Bergen. Er bezahlte fie, verlangte ober eine genaue Einhaltung des Etats. ... Da lachte sie ihm ins Gesicht. Ob er denn glaube, sie wolle ihr Leben hinter Kerkermauern ver- tiauem? Rein, fie wolle leben, genießen, lachen und stöhlich fein.
Er war tote auS allen Himmeln aefiürzt. Er sah, daß er seinem Ruin entgegenging.
Mefleicht trug auch die sich bei ihm steigernde Ner- vosirät etwas dazu bei, daß er nicht so sicher war wie sonst und bei jenem Ritte stürzte und verunglückte.
Nun der „schöne Sonneck" ein Krüppel war, verlor er in Elzas Augen an Wert, und als er vollends nach Schloß Sonneck übersiedelte, wollte sie sterben vor Elend. . . . Von dieser Zeit an war eine Kluft zwischen den Gatten und alles Glück schien von dem Hause gewichen.
Sie waren zwei zu verschiedene Naturen, um sich auf die Dauer zu vertragen. Er stark und fest in seinen Grundsätzen, ein wenig ernst, aber auch mit gesundem Humor; sie wankelmütig und schwach, oberflächlich und nur darauf bedacht, eine Rolle zu spielen und bewundert zu werden. Die kleinlichen Dinge, aus denen fie ein so großes Wesen machte, berührten ihn fast gar nicht; er hatte kein Verständnis dafür, begriff es nicht, wie man sich wegen einer zerbrochenen Vase, welche die Zofe vom Kamin gestoßen hatte, ärgern und einen Lärm schlügen konnte, als wäre ein Königreich in Trümmer gegangen.
Dieses ewige Jammeni um kleine und unbedeutende Dinge verbitterte ihm das Leben. Er wußte ja wohl, daß sich Elga, welche sich nach dem glänzenden Leben der Residenz sehnte, in dem einsamen Schlosse nicht glücklich fühlte. Mer nachdem nun einmal die Verhältnisse so lagen, wäre es das klügste gewesen, sich in sie zu fügen, und in friedlichem Zusammenleben ein neues Gluck zu suchen. Elga hatte Sonne in sein Leben hineingetragen, ihn in seinem Unglück aufrichten und echeitem können. Statt dessen »erbitterte sie ihm das Leben durch ihre endlosen Klagelieder.
Seine Gattin verstand ihn nicht, ahnte nicht, um was er zu klagen hatte! Wußte nicht, wie es Mmerz.e, Kraft Gesundheit und einen heißgeliebten Beruf zu verlieren. Trotzdem kam kein Wort der Klage über seine Lippen. All den Jammer verschloß er in seiner Brust, trug ihn allein, mit zusammengebiffenen Zähnen, und wußte doch: er war irmerliJ) gebrochen und geknickt, ein kranker, lebensmüder Mann.
(Fortsetzung folgt)