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58. Jahrgang.

Tuldaer W

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Leitung

ts 2. Blatt.

druck Mn» Verlag der Mdaer Xetieibruderei in Zulda.

* Schutzzoll und Sozialdemokratie.

der Agitations- und Verhrhungs-Methode der Sozialdemokratie ist „Schutzzoll"' em Wort, das ein echter „Genosse' nur unter V-rwünschm^en ausspricht. Diejenigen, die der durch dieses Wort ber->ckmeteu Handelspolitik folgen, werden von der Sozialdemokratie als die finstersten „Reaktionäre", als d"e gierigsten „Aussauger" des Lölkes verschrien. DaK es nicht immer so war, zeigt in interessanter Weise ein Aufsatz des „Genossen" Schippet m der neuesten Nummer (14) der .Sozialistischen Monats- beite' Recht interessant ist da schon der Hinweis au'r ■_ Friedrich Engels, einen der alten Gründer, Führer und nunmehrigen „Heiligen" der deutschen Sozialdemokratie. „Genofle" Schippel nennt ihn geradezu — einen wahren schutzzöllnerischen Sturm gesellen. Friedrich Engels schrieb näm­lich (Gesammelte Schriften Bd. II, Stuttgart 1902): „Wenn wir die Handelsfreiheit proklamieren und unsere Zölle aufheben, so ist unsere In­dustrie bis aus wenige Zweige ruiniert. Von Baumwollspinnerei, von mechanischer Weberei, von den meisten Zweigen der Baumwollen- und Wollenindustrie, von bedeutende» Branchen der Seidenindustrie, von beinahe der ganzen Eisengewin­nung und Eisenbearbeilung kann dann keine Rede mehr sein. Die in all diesen Zweigen plötzlich brotlos gewordenen Arbeiter würden in Massen auf den Ackerbau und die Trümmer der In­dustrie geworfen werden, der Pauperismus würde überall aus dem Boden wachsen. .

Schrieb so „Genosse" Engels in den 40er Jahren, so redeten die Führer im Reichstage später llicht viel anders. m ,

„Wir Sozialdemokraten gehen von der Ansicht aus, daß die Frage, ob Freihandel oder Schutzzoll eine Frage der Praxis für den einzelnen Fall ist, daß von Fall zu Fall zu entscheiden ist, ob ein Industrie­zweig stark genug ist, um die ausländische Konkurrenz zu ertragen. Es kann also leicht einlreten, daß wir in einer Branche den Schutzzoll für notwendig hallen, während wir ihn in einer anderen für sehr schädlich und üb erflüssig ansehen." .

So der „Genofle" Bebel in der Reichstags­sitzung vom 25. Februar 1881. In neuerer Zeit, am 10. Dezember 1904, hat der „Obergenosse" Bebel sich im Reichstage noch bestimmter aus- gedrückt:

„Ganz falsch ist es, wenn der Abg. Dr. Heim sagt, ehemals seien wir schutzzöllnerisch gewesen, und jetzt seien wir sreihändlerljch. (Sehr richtig! bet den Sozialdemokraten.) Die entgegenstehende Behauptung ist nicht wahr. Die Zollfrage ist uns keine Prinzipien- srage, sondern wir haben uns von Fall zu Fall die Frage vorzulegen: Ist ein Schutzzoll notwendig, und wenn ja, m welcher Höhe ist er notwendig? Und wenn wir das Bedürfnis für einen solchen anerkennen, stimmen wir dafür."

Was allerdings Hern Bebel nicht hinderte, zu­sammen mit seinen Uutergenossen bei den Zoütarif- kämpfen Anfang vorigen Jahrzehnts bei jeder ein­zelnen Warengattung des Zolltarifs „Zollfrei- beit" zu beantragen — auch wenn's noch so un­sinnig war. , „ .t

Endlich schrieb sogar Otto Hu e, vielleicht der „griffenste' AgitationSches der „Genoflen" 1907 m den „Sozialistischen Monatsheften':

Ju der Handelspolitik kamen ivir glücklich so weit, daß die weitesten Kreise der Parteigenossen jetzt der Ansicht sind, die Sozialdemokraüe fei prinzipiell gegen jeden Schutzzoll. Man soll nut hören, wie in Partei- vorsaminlvnaen über unsere prinzipielle Stellung zu Freihandel pder Schutzzoll referiert wird ! Danach wären wir prinzipielle Freihändler, und wer anderer Mei­nung ist, der gilt nicht mehr als voll. Nun wird aber niemand aus den Werken unserer anerkannten Theoretiker nachweisen können, daß wir prinzipiell Freihändler sein müssen. In den ersten parlamentarischen Kämpfen um den Schutzzoll haben unsere Parteigenossen darüber keinen Zweifel gelassen. Schweitzer erklärte ,n der 9. Sitzung der Reichstagsseflion 1870, die „vor­zeitige Aushebung eines Schutzzolls" könne die Industrie lahmlegen, den Arbeiter schädigen. Liebknecht sagte am 22 November 187,; im Reichstag, ein Zoll, der die Arbeiter vor ausländischer Schmutzkonkurrenz (Fehlen jegl-.r cr Arbeilerschutzgesetzgsbung in dem Konkurrenz­lande) schütze, iväre „unzweifelhaft gerechtfertigt" und „der Unterstützung eines jeden Sozialdemokraten gewiß". Jin gleichen Sinne sprachen Bracke am 23. April 1877 und Bebel am 5. Juli 1879. In der Parteitagsresolution von Gotha (1876; heißt es, „daß die Frage, ob Schutz­zoll oder n cht, eine praktische Frage sei, die in jebcm einzelnen Fall entschieden werden muß". Hätten unsere Parteiliteraten und unsere Parteireserenlen überall und konsequeul dies« Haltung eingenommen.

kein Parteigenofle wäre dann wegen einer bedingt schutzzöllnerischen Auslaflung d«S Parteiverrats ver- dächtigt worden, unsere Position gegenüber den hoch- schutzzöllnerischen Monopolisten und ihren konservativ- klerikalen Helfern wäre eine bessere, der breiten Mafle verständlichere gewesen.

Würde man allerdings fraßen: Wann und wo habt ihr, wenn wirklich die Industrie bedroht war, auch durch die Tat eure schönen theoretischen Lehr­sätze verwirklicht? ja, dann steht die Sache anders aus. Das ging ja nun einmal nicht. Denn das wäre — fürchterlich zu denken — eine Stützung der Industrie, also des „Bestehenden", gewesen. Darum waren die „Genoflen" in der Praxis immer „da­gegen", wenn auch die Sachlage selbst noch so dringend eine Stellungnahme für Industrie- und Wirtschastsförderung erforderte. Die Sozialdemo­kratie hat fürs .Praktische' keine Grundsätze. Sie hat alte Lehrdogmen, an die ihre Führer allerdings zum größten Telle selbst nicht mehr glauben, wenn sie auch den Masten zu der Verdummung immer und immer wieder in den Kopf gepredigt werden. Für die „Praxis" gilt nur der eine uner­schütterliche sozialdemokratische „Grundsatz": „Es muß alles oerungeniert werdenl"

Aus -em Nachbargebieie.

p. Giesel, 31. Juli 1911. Die außerordentliche Versammlung des hiesigen Arbeiter- und Männervereins am vergangenen Sonntag stand ganz im Zeichen lebenskräftiger, begeisterter Vereins­liebe. P. Karl 0. F. M. (Frauenberg) sprach über „Die prinzipielle Stellung der katholischen Kirche zu den wirtschaftlichen Bestrebungen ihrer Anhänger". Durch Beleuchtung derTatsache des wirtschaftlichen Hochstandes katholischer Völker im Mittelalter und in der Neuzeit und durch Hinweis auf die von Gott gewollte Haupt­aufgabe der Kirche: Rettung der Menschenseelen, ge­lang es dem Redner, die Anteilnahme der Kirche am wirtschaftlichen Leben ihrer Kinder den Hörern zu>n richtigen Verständnis zu bringen. Daran anschließend zeigte P. Karl die Gefahr zu irrtümlichen Auffassungen bezw. Uebertreibungen bezüglich des Anteils der Kirche an der materiellen Kultur; er wies aber auch die Ver­kehrtheit und Sinnlosigkeit des gegnerischen Schlag­wortes von der Rückständigkeit und Unbrauchbarkeit der katholifchen Kirche in sozialen Fragen nach. Nach diesen mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausfüh­rungen brachte der Vorsitzende mehrere Angelegenheiten des Vereins zur Sprache. Zum Schluß führte P. Karl in begeisterten Worten das Bild des großen sozialen Bischofs vor, in besten Geist die kleine Versammlung getagt und dessen Name in den kommenden Tagen von vieltausend Arbeiterherzen in der großen Mainzer Versammlung gepriesen werde, de? hochseliaen Bischofs Ketteler von Mainz.

* Hofbieber, 31. Juli 1911. Fliegenstiche setzten dem Pferd des Gastwirtes Sondergeld derart zu, daß es auf dem Wege zum Bahnhof Langenbieber, wo der 13jährige Sohn des Herrn Sondergeld mit dem Wagen ein Frachtgut holen sollte, durch- ging. Der Junge vermochte das dahinrasende Tier nicht mehr zu halten, stürzte ab und kam unter den Wagen zu liegen. Er wurde eine ganze Strecke geichleist, bis Leute hinzusprangen, das Geschirr auf« hielten und den Knaben aus feiner gefährlichen Lage befreiten. Am Bahnhof wurde er verbunden und dann von seinem inzwischen herbeigerufeneu Vater »rach Hause gebracht.

* Alsfeld, 30. Juli 1911. Eine Kreisacker­bau- und Obstausstellung für den Kreis Alsfeld soll vom 30. September bis zum 1. Oktober hier abgchalten werden. An Preisen stehen für Ackerbau 500 Mk., für Obstbau 900 Mk., zur Ver­fügung.

* Eisenach, 31. Juli 1911. Während die Som­merferien in den städtischen Schulanstalten sich jetzt ihrem Ende nähern, haben in den meisten L a n d- orten der hiesigen Gegend die Schulferien erst begonnen und zwar wegen des jetzt eingetretcuen Beginns der Ernte.

* Wiesbaden, 31. Juli 1911. Em 18 jähr. Mädchen, dem man Vorhallungen wegen seines langen Ausbleibens gemacht Halle, versuchte sich die Pulsadern zu durchschneiden und stürzte sich dann von der Mansarde aus ans die Straße. Das Mädchen war sofort loi.

* Ems, 31. Juli 1911. Die Aufhebung der Verbrauchssteuern auf Wild und Ge-

siügel, die im vergangenen Jahre noch 5100 Mk. eingebracht hat, wurde genehmigt. Die Steuer auf Fische soll weiter erhoben werden.

Amt Geisa und Umgebung.

* Dorndorf a. W., 31. Juli 1911. Wegen des entschlossenen Handelns zur Verhütung des Ueberfahrens eines Kindes, das sich auf dem Eisenbahndamm befand, als der Zug heranbrauste, wurde der Lokomotivheizer Kappauf in Dorndorf von der Eisenbahnverwaltung mit einer ehrenden Belohnung bedacht.

Aus Oberhessen u- den Hess. Aemtern.

* Marburg, 31. Juli 1911. Die vereinigten Milchlieseranten von Marburg geben bekannt, daß infolge der anhaltenden Dürre und des Futter­mangels vom 1. August ab eine Erhöhung des Preises für Vollmilch um 2 Pfg. für das Liter eintritt. Das Liter Vollmilch soll zukünftig 22 Pfg., Kindermilch das Liter 35, resp. das ff- Liter 18 Pfennig kosten. — Der Landrat von und zu Löwenstein hat sämtliche Bürgermeister seines Be­zirks zu einem umgehenden Bericht über den jeweils vorliegenden Mangel an Futter und Streumitteln aufgefordert, um dadurch eine llebersicht darüber zu gewinnen, ob und in welchem Umfange die Hergabe von Futter und Streu aus den Staats- Waldungen erforderlich erscheint.

* Frankenberg, 31. Juli 1911. Der Ge­schäftsbetrieb dec hiesigen Sparkasse gibt für das Rechnungsjahr 1910 folgende interestannie Zahlen: Im Laufe des Jahres wurden 506 Sparkassenbücherausgegeben, I86zuruckgenommen. Es befanden sich am Schluffe des Jahres in Umlauf mit Einlagen bis 60 Mk. 1205, über 60—150 Mk. 9'2, über 150—300 Mk. 825, über 300-600 Mk. 864, über 600-1500 Mk. 7t 9, über 1509-3000 Mk. 556, über 3(00 bis 100 0 Mk. 253, über 10000 Mk. 36, überhaupt 5430 Sparkassenbücher, darunter 178 gesperrte.

♦ Beltershausen, 30. Juli 1911. Der Mardacher Polizeihund ermittelte hier einen Mann, der ver­dächtig ist, zum Trockenen ansgehängte Wäsche zer­schnitten zu haben.

* Schönstadt, 1. Aug. 1911. Kurz vor dem Orte wurde am 29. Juli das fünfjährige Kind des Ver­walters Türmer auf Dem Lneius'schen Gute über­fahren und schwer verletzt. Das Kind wurde in lebensgefährlichem Zustande nach d.r Klinik in Mar» burg überff'chtt.

vermischtes.

* einem originellen Gaunertrick ist in M end cn in Westfalen ein Wirt zum Opfer gefallen. Ein Unbekannter verkaufte ihm 500 Zigarren zum bil­ligen Preise von 3,50 Mk. pro hundert Stück. Als der Wirt die erste Kiste aufbrach, gewahrte er zu seinem Schrecken, daß er beschwindelt worden war. Von den angeblich guten Zigarren war nämlich nur die oberste Schicht zu genießen, alle anderen hatten als Deckblatt ein so sauber umgelegtes braunes Pack­papier, daß die Fälschung kaum zu entdecken war, während als Einlage alle möglichen Tabakabfälle und so weiter benutzt waren.

* Von einer sonderbaren Erbschaftsznrnckwei- snng wird aus Paris geschrieben: Vor etwa zehn Jahren beivarb sich ein junger Arzt um die Hand seiner Kusine, der Tochter eines sehr wohlhabenden Mannes aus dem Faubourg St. Germain. Der Vater des jungen Mädchens willigte in diese Heirat nicht ein, und es blieb der Tochter nichts anderes übrig, als sich dem Wunsche des Vaters zu fügen und einen Geschäftsfreund zum Ehegatten zu er­wählen. Der junge Doktor Meunier war ebenso empört über die Härte des Vaters wie' über die mangelnde Standhaftigkeit seiner Base und zog sich ganz von dem Verkehr'mit seinen einzigen und näch­sten Anverwandten zurück. Er war nicht wenig er­staunt, als ihm vor einige« Tagen die Nachricht

zuging, daß er der Erbe von zwei Millionen F r an k fet, einer Summe, die sein Onkel ihm der- macht hatte. Den alten Herrn hatte anscheinend noch nachträglich die Reue gepackt, daß er in diese Heirat nicht einwilligte, zumal die Ehe seiner Toch­ter mit seinem Geschäftsfreunde höchst unglücklich geworden und nach einem Jahre wieder geschieden wurde. Als Entschädigung hatte er seinem Neffen die Summe vermacht, der inzwischen ein bekannter gesuchter Arzt geworden ist und sich weigert, die Erbschaft anzunehmen. Er erklärte, daß er aus der Hand dieses Mannes, selbst nach seinem Tode nichts entgegennehmen möchte, weil der Stolz ihm das verbiete.

Neklamrn- und Anzeigenteil.

58. General-Versammlung der Katholiken Zeutsch- lands in Mainz.

(6.—10. August.)

Tic Berkehrskommiffion macht folgendes bekan nt:

ZurBesörderung der an dem Festzuge teilnehmenden Vereine haben die beteiligten Eisenbahndirektionen für Sonntag, den 6. Slugust, eine große Anzahl Sonder- züge vorgesehen, deren Fahrpläne auf den Stationen zum Aushange gelangen und durch die Zeitungen ver­öffentlicht werden. Außerdem werden jedem Vereine die für ihn maßgebenden Züge und Abfahrtszeiten durch die Eisenbahn-Direktion Mainz besonders bekannt gegeben werden.

So weit es irgendwie angängig war, sind die Wünsche bezüglich der Abfahrts- und Ankunftszeiten berücksichtigt worden. Wo es nicht der Fall war, be­ruht die Abweichung auf technischen Schwierigkeiten.

Die Fahrkarten für Hin- und Rückfahrt sind bis Freitag, den 4. August durch die Vereins-Vorsitzenden oder deren Slelloertreter an den Bahnhöfen zu lösen. Am 6. August darf morgens kein Aufemhalt und kein Gedränge an den Fahrkartenschaltern und in den Vor­hallen entstehen.

Gepäck außer dem zulässigen Handgepäck und den Vereinsfahnen wird in den Sonderzügen nicht befördert.

Bei der Ankunft in Mainz wollen die Ver­eine geschlossen unter Führung der jebem Vereine zur Verfügung flehenden Herren der Ordnungs-Kommission die Bahnsteige durch die dem Vereine zugewiesenen Ausgänge verlassen.

Die Abfahrt am Abend erfolgt von demselben Bahnhofe aus, an dem der Sonderzug angekommen ist.

Bei der Abfahrt am Abend wollen sich die Vereine möglichst an einer Stelle sammeln und geschloffen an bie Absahrtsstelle begeben. Die Herren Vorsitzenden oder deren Stellvertreter wollen die Mitglieder früh­zeitig an den Ausbruch erinnern, damit nicht durch Jagen und Drängen in der letzten Minute die Sicher­heit auf den Bahnhöfen gefährdet wird. Zeit und Ort der Abfahrt ist aus der Fahrkarte vermerkt.

Seitens der Eisenbahn-Direktion sind die weit­gehendsten Maßnahmen getroffen, damit der Verkehr mit Ruhe und Sicherheit abgewickelt werden kann.

Den Anordnungen der Verkehrs- und Ordnungs- loinmifsion, sowie allen Weisungen der Bahnbeamten ist unbedingt Folge zu leisten.

Das Betreten der Bahnhofsgebäude ist soweit aI8 möglich zu vermeiden. Es sind die seitlich der Ge­bäude geschaffenen, unmittelbar auf die Straßen führenden Ausgänge bezw. die von den Straßen direkt auf die Bahnsteige führenden Eingänge zu benützen.

Die Sanitätswachen sind an ihrer Flagge: „Rotes Äreir, im weihen Felde" erkennbar.

Das Büro der Verkehrs-Kommission und der Be- grüßungs- und Ordnungs-Kommission befindet sich von Freitag, den 4. August ab im Empsangsgebäude des Bahnhofs, Zugang vom Bahnsteig I, Telephon 3761.

Wir bitten dringend, unsere Anordnungen zu be« achten. Trotz der großen Anzahl der Teilnehmer wird sich daun der ganze Verkehr in Ruhe bewälti gen lassen

Die Brxkehrskommissio«:

Gerhard Schiss mach er, F. I. S chreib er, 2. Vorsitzender.__________________Schriftführer.

zz Anzeigen =

find i» der „Md. Itg." von fichtrem Erfolg.

„Gefü*lDo2cs" Na.nrdeUverfahren.

Es war zu den Zeiten des Königs Heinrich IV. von Frankreich, f® ums Jahr 1600 hemm, da gab’3 in einem kleinen Neste von Nocbsrmckreich einen gro­ßen Umstand. Der Umstand aber hatte zum Mittel- puickt eine glänzende Karaffe, aus der man einen reichgekleideten, adeligen Herrn in Uniform steigen sah. Se-nc Herrlichkeit, der lange Lord Lawfitt, englischer Gesandter am Hofe des Königs von Frank­reich, hatte unterivegs den Unfall erlitten, daß er ein steifes Genick erhielt, das ihn sehr belästigte, und so ließ er hier halten und beliebte auszusteigen.

Ms nun aber der Miet den Kranken und seinen Diener sah, sagte er gleich händereibend: „Ach, Sie konmren, um sich von Fl eurot heilen zu lassen?"

„Fleuroi, wer fft Fleurot?" sagte der Engländer erstaunt „Rein sich komme nur, um hier die Nacht zuzubringen und morgen weiter zu fahren."

„Nun, wie Eure Herrlichkeit befehlen; aber Fleu- rot hat schon Tausende turiert", wagte der Wirt zu sagen.

Daß toir’s kurz machen: Der Engländer ließ sich zuletzt doch herbei, den Wundarzt Fleurot holen zu lassen, dec im nächsten Dorfe wohnte. Fleurot kam: ein großer, riesenhaft gebauter Bauersmann in den besten Jahren, mit klarem Blick und kerngesundem, blühendem Aussehen.

r.. ,"'^r feid ein Quacksalber?' näselte ihn der Eng­länder an.

4 faSte der Bauer, „ich heile mit

.natürlichen Mitteln.' '

'Alle Krankheiten der Welt natürlich!" lautete bie englische Erwiderung.

„Di- Verrückbeit und die Dummheit ausgenom- tnen, Mrlord' war die ruhige Antwott; „ich em- Pft-le mich!" Damit wandte sich Fleurot zur Tür.

Der Engländer zog nun andere Saiten auf, und Fleurot blieb, untersuchte den Hals und erklätte, so­fort helfen zu können. Das Honorar wurde auf 10 Goldstücke festgesetzt, und der lange Engländer ver­schwand nach diesen Vorbereitungen mit Fleurot in

einem Nebenzimmer, das Fleurot verschloß. Rach kaum einigen Minuten hätte man dann ein klatschen­des Geräusch ,einen zornigen Aufschrei, ein paar Worte, welche gewechselt wurden — und der englische Lord marschierte steif, trocken und feierlich heraus, ihm nach Fleurot. „Ich bin geheilt", erklätte er, „hier ist das Geld". Damit bezahlte er, verfügte sich in seinen Wagen .wobei er allerdings eine besondere Vorsicht beobachtete beim Niedersitzen, und Gnhr da­von, Paris zu. Unterwegs bedachte er den überstan­denen Fall nochmals. „Es war sicher nicht ange­nehm", murmelte er, „allein, keine Erfahrung ist ohne Nutzen. Wir können schweigen und warten." Da­mit toenbete er sich sachte hübsch langsam auf die an­dere Seite und überlegte, wie er wohl die gemachte Erfahrung am besten zu Frankreichs Schaden und Englands Nutzen ausbcuten könne. Wir überlassen ihn seinen Betrachtungen, überspringen etwa ein Jahr und versetzen uns nach Paris; da finden wir die Fortsetzung und den Abschluß der Geschichte von der wunderbaren Naturheilung.

Ein großes Fest am französischen Hofe stand be­vor, da bekam der König Heinrich IV. einen steifen Hals. Wie wenn er drei Ladstöcke verschluckt hätte, so steif mußte et sich halten bei Tag und Nacht; sein Genick vermochte nicht die geringste Neigung zu machen, noch sich nach rechts oder links zu wenden; bei Tag fehlte der Allerhöchste Schlaf, und so war's wirklich unmöglich, das Fest zu halten. Die Königin war in Verzweiflung; sie hatte sich schon auf ihr neues Kleid gefreut — und nun sollte alles nicht sein.

Auch König Heinttch selbst war nichts weniger als erbaut übet diese Bescherung. Er ließ all' seine Hofärzte, Hosmedizinet, Hofchirurgen, Hofphysici, Hofdoktoren, Hofpflasterstreicher und Hofbandagisten entreien und befahl jedem derselben, ihm zu Helsen. Aber umsonst. Das wat ein Befehl, auf welchen selbst, der König von Frankreich keinen Gehorsam fin­den konnte.

In diesem Augenblick ließ sich der englische Ge­sandte melden, unser langet Lord Lawfitt, welcher dem Könige schon manche Schwierigkeiten gemacht

hatte. „Nun, Mister Lawfitt!" rief ihm der König zu, „können Sie mir vielleicht helfen?"

„Damit kann ich dienen, wenn Sie geruhen, mich zu hören."

„Wie sollte von diesem langen Halunken etwas Gutes kommen?" dachte der König, hütete sich aber wohl, es zu sagen und fragte nur aleichgiltig: „Und das wäre?"

„Das wäre ein Naturheilkünstler, der in Eurer Majestät Landen lebt und dessen Ruhm über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt ist." Und nun erzählte er znm Entsetzen der hoch- und tiefgelehrten Doktoren von unserem guten Fleurot, rühmte seine Großtaten und Wunderkuren, seine Geschicklichkeit — natürlich verschwieg er gänzlich seine eigene Kur und meinte schließlich ,es möchte doch sein, daß dem König von dem Bauern geholfen würde, es wäre dies nicht zum ersten Mal in der Geschichte. — — Der Eng­länder nannte schließlich dem König den Ott und em­pfahl sich bann, nicht ohne einen boshaften Blick auf die Umgebung des Königs und die Leibärzte zu rich­ten, welche verzweiflungsvoll dastanden.

„Sofort soll ein Eilbote den Fleurot hierher bttn- gen!" lautete der königliche Befehl. Damit warm die Aerzte entlassen. Lord Lawfitt aber sagte für sich hin, als er außerhalb des Palastes war: „Eng­land wird Genugtuung erhalten; wir freuen uns."

Am übernächsten Morgen war Fleurot bereits in Varis. Man hatte ihn direkt in der Residenz des Königs abaeladen, spät noch in der Nacht, nachdem man ihn per Eilpost von Station zu Station hatte beförbern lassen.

Um 11 Uhr würbe der Bauersmann zum König geführt, der dicht umgeben war von den Ministern, Hofherren, Aerzien und sonsttgen Leuten, welchen Fleurot die Neugierde in den Augen ansah. Die Königin stand neben dem König, der dick eingewickelt auf einem Ruhebett lag.

„So, da bist du ja, Flmrot, von dem man so Wunderbares berichtet", sagte der König zu ihm.

„Ich heile bloS mit natürlichen und einfachen Mitteln", sagte Fleurot.

„Run, was hülffi du von meinem liebet?"

„Geruhen Eure Majestät bett Hals besichtigen zu lassen, bann weiß ich, ob ich Helsen kann."

„Gern", war bie Antwort, „geniere dich nicht und bedenke, du hast es nicht mit dem König, sondern ein­fach mit einem Patienten zu Lat. Mach' mich gesund, wie du eS kannst, du hast volle Freiheit!"

„Ich danke Eurer Majestät", versetzte Fleurot, legte jetzt seinen Hut auf einen Sessel, stellte bett Stock bei Seite, trat zum König, nahm Decken, Pfla­ster unb Binden von dessen Hals und Genick. „Es ist gar nichts an der Sache", erklärte er jetzt ruhig, „wenn Eure Majestät wünschen, sind sie heute noch geheilt."

„Was?" schrie der König freudestrahlend, und bie Königin wurde bald blaß, bald rot vor Entzücken. Aber die Aerzte machten entsetzte Mienen. „In einem Tage?" sagte einer endlich, „da nach bester wissenschaftlicher Erfahrung mindestens 14 Tage er­forderlich sind, um diesen Kasus zu heilen?" „Ich habe nicht gesagt, daß ich einen Tag brauche", ver­setzte Fleurot; „ich werbe den König heute noch hei­len und meine Kur ist in zehn Minuten vor­über."

Da war's mäuschenstill; so was hielt keiner für möglich. Der König aber sagte: „Wohlan, so be­ginne nur gleich!"

„Ich brauche einen langen hölzernen Tisch", be­merkte jetzt Fleurot, „unb einen Teppich barauf."

®et Tisch mit Teppich war halb da. „Jetzt zeig deine Kunst an Uns", gebot der König. F^uroi aber inachte eine tiefe Verbeugung unb sprach: „Majestak, ich bitte, zu befehlen, baß sämtliche Anwesende da« Gemach unb das Vorzimmer verlassen; ich rann Die Kur erst beginnen, wenn wir allein sind.

Da erhob sich großer Widerspruch. Die Komgm verwahrte sich zuerst dagegm (denn sie war die Neu- gierigste von Allen) und hinter sie stellten sich alle anderen. Ein Gemurmel und eine Bewegung ent­stand — aber es half nichts. Der König fragte noch­mals, ob es nicht anders gehe, oder wenigstens die Königin nicht da bleiben dürfe. Fleurot erklärte end