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Rotatlonrdruckuud Verlag der Fuldaer At- tieidruckerei in Fulda Fernsprecher Rr.4.

173. Erstes Blatt.

Fulda, Dienstasi den 1. August 1911.

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38. Jahrsiüttsi.

K Fortschrittliche Stichwahlpolitik.

Von Dr. Otto Wiemer, Mitglied des Reichs- aas" und des Preußischen Abgeordnetenhauses." So -ompös ist ein Artikel über die konservative Stichwahlpolttik in der „Vossischen Zeitung" über­schrieben. Nun, wenn ein Mitglied beider Parlamente unter Aushängung von Namen und Würden los- legt, so darf man eigentlich etwas erwarten, was be­lehrend oder wenigstens anregend zu nennen wäre. Aber Herr Dr. Otto Wiemer, Mitglied usw., der einstige Blockgewaltige, setzt uns mit komischer Gran­dezza den zweiten Aufguß einer wunderlichen Polemik des „Reichsboten" vor.

Der „Reichsbote", der als konservativ und christ­lich gelten will, aber durch seinen pyramidalen Rom- Haß aus dem Gleichgewicht gebracht ist, hatte mit einer wahrhaft verblüffenden Menwidrigkeit die Behaup­tung aufgestellt, die konservcttive Parteileitung habe die Parole ausgegeben, bei den Stichwahlen zwischen Fortschrittlern und Sozialdemokraten unter allen Um­ständen für den Sozialdemokraten einzu­treten. Diese unerhörte Wahrheitswidrigkeit fand den begeisterten Beifall der linksliberalen Preffe. Natür­lich erfolgte in der konservativen Preffe eine durch­schlagende Widerlegung. Aber daraus machen sich die Großblockleute nichts. Herr Dr. Otto Wiemer, Mit­glied usw., fischt in aller Gemütsruhe das Märchen aus dem „Reichsboten" von neuem auf; er behauptet ungeniert, daß die parteiamtlich verkündete konfer- vative Stichwahlpolitik eine direkte Begünsti­gung der Sozialdemokratie bedeutet". Er hat also noch nicht einmal genug an dem Vorwurf einer indirekten Begünstigung; nein, wenn schon gelogen werden soll, dann gleich ordentlich! Mso ruft er unter dem Aufgebot seiner ganzen Autorität in die Welt hinaus, daß die konservative Partei die Sozial­demokratie direkt begünstige. Dazu zitiert er dann noch folgendm Sah aus dem „Reichsboten": „Ein roter Stimmzettel bleibt doch immer rot, auch Ipenn er parteiamtlich den konservativen Wäh- lem in die Hand gesteckt wird".

Aber Herr Dr. Otto Wiemer, Mitglied uiw., ha­ben Sie denn gar nicht die Verpffichtung gefühlt, erst einmal nachzusehen, wo und wie die konservative Parteileitung die Abgabe eines roten Stimmzettels empfohlen oder überhaupt in Aussicht genommen hat? Wir haben nichts derartiges finden können. Es handelt sich um den bekannten Satz in der „Kons. Korresp.": „Wir vermögen einen Unterschied zwi­schen Sozialdemokraten und deren Helfern nicht gel­len zu laffm." Alle ehrlichen Schiedsrichter werden sofort einstimmig bestätigen, daß das nichts anders bedeutet, als: Wir werden bei-Stichwahlen zwischen einem Sozialdemokraten und einem linksliberalen Hel­fer der Sozialdemokratie beide Teile gleich be­handeln, d. h. wir werden weder für den einen noch für den andern stimmen. Wäre es auf eine Unter- fmhung des sozialdemckratischen Stichwahl­kandidaten abgesehen, so hätte die „Kons. Korresp." ja sagen müssen, es gebe doch einen Unterschied, der fortschrittliche Helfer der Sozialdemokratie sei bo3 größere liebel, der erklärte Sozialdemokrat verdiene uoch den Vorzug. Sie Hat aber im Gegenteil die Gleichwertigkeit und die gleiche Behandlung verkündet.

Und auch das war nach dem ganzen Zusammen­hang klar an die Voraussetzung geknüpft, daß die fraglichen Linksliberalen, namentlich die Fortschritts­pattei, bei der Taktik beharren, bei Stichwahlen zwi- .schcu rechtsstehenden Kandidaten und Sozialdemokra­ten für den letzteren einzutreten. Es sollte der eigentümlichen Tattik entgegengetreten werden, daß die Fortschttttler überall, wo sie können, ein konserva­tives oder Zrntrumsmandat den Sozialdemokraten zu­schanzen, dagegen in den Wahlkreisen, wo sie selbst

von einem Sozialdemokraten bedroht sind, die Unter« tützung der konservativen und Zentrumswähler für ich beanspmchen.

Es ist wirklich zum Kopffchütteln, daß man diese sonnenklaren Dinge noch eröttern muß, die Macht der Lüge fft überraschend groß.

Zum Kopffchütteln ist auch die Verwegenheit des Herrn Dr. Otto SBiemer, daß er die Bezeichnung der Fottschritller als „Helfer der Sozialdemokratie" noch zu bestreiten wagt. Nachdem bereits bei den biS- hettgen Ersatzwahlen so vielfach erfolgreiche Hilfe ge­leistet ist, hat soeben die Fortschttttliche Volkspartei in Düsseldorf förmlich und feierlich beschlossen, schon im ersten Wahlgang für ben Sozialbemo- kraten zu sttmmen. Also über die Stichwahlhilfe hinaus ist man schon zur Solidatttät in der Haupt­wahl gelangt! Herr Dr. Otto SBiemer, Mitglied usw., hat seine Augen so tief in ben Unsinn des „Reichsboten" versenkt, daß er für das packende Düs­seldorfer Ereignis keinen Blick hat. Aber er hält eine Ausrede für alle Fälle berett. Die Leitung der Fortschrittlichen Volkspattei schiebt die Veraniwor- ung für die Sttchwahltakttk den örtlichen Or­ganisationen zu. Auf diese Weise hofft man dort, wo man die Stichwahlhilfe der rechtsstehenben Wähler nötig hat, baS unschuldige bürgerliche Kind spielen zu können.

Herr Dr. Otto Wiemer aber sagt, nicht feine Par­tei, sondern vielmehr die konservcttive Pattei sei in der Sttchwahltakttk „doppelzüngig". Wie geduldig ist das Papier!

Deutsches Reich,

*♦ Die Swinemünder Besprechungen.

Der Besuch des Reichskanzlers und des Staats- sekretärs des Auswärtigen beim Kaiser inSw'mernünde hat neue Tatsachen offenbar nicht gezeitigt; wenig­stens sind nach außen hin bisher keine solche sicht­bar geworden Herr v. Btthwanx-Hollweg hat sich, wie wir -schon 'meldeten, von Swmemündr nach Hohenfinow begeben. Herr v. Kiderlen-Wächter ist nach Berlin zurückgekehrt und nimmt hier die Ver­handlungen mit dem französischen Botschafter wieder auf. Da diese Besprechungen nun schon fo lange dauern, daß die Leute, die das Gras wachsen hören, Zeit genug hatten, so ziemlich alle Kombinations- Möglichkeiten zu erschöpfen, find neue Kombinatio­nen nicht hinzugekommen. Die,Voss. Ztg/ schreibt:

Den Beginn einer neuen Phase haben von den Swinemünder Beratungen der beiden Staatsmänner mit dem Kaiser nur die Aufgeregten diesseits und jen­seits der Vogesen erwartet. Die einen hofften, ein deutliches Geklirr wahrnehmen zu können, die anderen verstiegen sich im Gegenteil sogar zu der Vermutung, der Äaifei werde um der schönen Augen der Franzosen willen die deutschen Forderungen schleunigst auf ein ihnen genehmes Maß zurückschrauben. Die Wahrheit liegt wohl auch hier in der Milte, nämlich daß, auch nach Swinemünde die Richtlinie eingehalten wird, von der sich die deutsche Politik seit Agadir hat leiten lassen. Die drahtlose Telegraphie, die während bet Nordlands­reise des Kaisers die ständige Verbindung zwischen der Wilhelmstraße und der „Hohenzollern" aufrecht erhielt, überbob den Reichskanzler und den Staatssekretär der Notwendigkeit, dem Kaiser in Swinemünde mit Neuig­keiten auszuwarten, von denen er noch keine Kenntnis gehabt hätte. Umgekehrt hat der Kaiser die beiden Staatsmänner nicht erst in Swinemünde mit seinen Auffassungen bekannt zu machen brauchen. Ruhiger denkende Beobachter der Lage haben daher von den Swinemünder Besprechungen irgendeine „Plötzlichkeit" nicht erwartet. Der eingefädelte Faden geht seinen Gang weiter. Er soll die Löcher in den deutsch-sran- zösischen Beziehungen mit afrikanischen Flicken stopfen und doch keine Arbeit zu liefern, die bloß wie ein Flick­

werk aussieht. Wenn erst die diplomatischen Künstler aus den Kulissen heraus auf die Bühne treten, wird man sehen, wie sie dieser schwiettgen Aufgabe gerecht geworden sind.

Der französische Botschafter in Berlin, Jules Cambon, begab sich am Montag mittag nach dem Auswärtigen Amt, wo er mit Herrn v. Kiderlen- Wächter eine Unterredung hatte. Die Besprechung scheint sehr eingehend gewesen zu fein, denn sie währte ungewöhnlich lange.

**Serlitt, 31. Juli 1911. Die S w i n e m ü n- ber Kaisertage gehen zu Ende. Heute oder morgen wirb der Kaiser in Stettin erwartet. Am Mittwoch fährt er zur Einwechuug der Garni­sonkirche nach S t a r g a r b. Am nächsten Freitag Wird der Kaiser zu einem kurzen Besuch des Fürsten zu Solms Baruth auf Schloß Klitschdor f ein­treffen und am Abend desselben Tages die Reise nach W i l h e l m s h ö h e fortsetzen. — Graf Botho zu Eulenburg, der frühere Ministerpräsident, feierte am Montag feinen 80. Geburtstag. — Mit der Reform der akademifchen Disziplinarg e- fetzgebung hat sich am Sonntag und Montag in Berlin eine Konferenz beschäftigt, an der Akade­miker und Studenten aus zahlreichen deutschen Universttätsstädten feilnahmen. — Im Landwirt- schaftsministerium schweben Erwägungen, wie dem Wunsch nach einer beruflichen Vertretung des Gärtnereigewerbes Rechnung getragen werden kann. — Deutschland hat eingewilligt, an der internationalen Opiumkonferenz teilzu­nehmen, die am 1. Oktober d. I. im Haag abgehal­ten werden soll. Damit haben die Großmächte die Einladung angenommen.

---- Preußisch-süddeutsche Klaffenlotterie. Am Samstag b ergangen er Woche sind Verhandlungen zum Abschluß gebieten, wonach die preußische Klaffen- lotterie mit Bayern, Württemberg und Baden künftig als Preußisch-Süddeutsche Klassenlotterie sottgeführt werden wird. Der Gewinnanteil Bayerns soll für die ersten fünf Jahre der zunächst aus fünfzehn Jahre berechneten Vertragsdauer 2 215 000 Mk., später 42 Mk. für jedes bayerische Los betragen. Der Anteil Württembergs beträgt 785 000 Mk., Badens 690 000 Mk.,

)( Die neuen Hundertmarkscheine. Zu ben Klagen über die neuen Reichsbanknoten zu 100 Mark wird jetzt halbamtlich geschrieben:

„Die Wahl des länglichen Fo mats ergab sich aus ber Notwendigkeit, behufs Erschwerung der Fäl­schung ein größeres und deutlich erkennbares Wasser­zeichen anzubringen. Die technische Druckausführung ist noch besser, als die der allen war, über deren Be­schaffenheit bei der Reichsbank niemals Klage geführt worden ist. Die blaue Farbe hat bis zu einem ge­wissen Grade auch bei der alten Note zu 100 Mark abgefärbt. Diese Eigenschaft, die sich, wie anzunehmen ist, mit der Zeit verliert, besitzt feder Kupferdruck “

)( Der neue Hansabund. Die Miiglieder- zahl der nach Ausscheiden aus dem Hansabund gebildeten Niederrheinischen westfälischen Gruppe zu Schutz und Förderung der Interessen von Gewerbe, Handel und Industrie hat die zwei- tausend überschritten.

X Ein köstliches Grschichtcheu. Die,Kons. Korr/ erzählt folgendes hübsche Geschichtchen:

„Herr Dr. Müller-Meiningen bringt seine Reden — wie uns aus einem Spezialfall au8 der bayerischen Kammer bekannt ist — zunächst im Wort­laut bis auf den letzten i-Punkt zu Papier, lernt sie dann wortgetreu auswendig und schickt sie schließlich an dem Tage, an dem er sie hält, den Vertretern der­jenigen Blätter, auf die er Einfluß zu haben glaubt, schon geraume Zeit vorher im Manuskript zu mit dem Ersuchen, um möglichst wörtliche Wiedergabe. Diesen Manuskripten seiner Rede sind aber, wohl­

weiter. Wo Bergmann nur immer kann, legt er mir Steine in den Weg. Den Prozeß mit der Gemeinde wegen der Kirchenrenovation hatte er angeettelt — und ich habe ihn verloren. All die Güter im Tal, die an unseren Besitz grenzen, hat er angekauft, um uns näher auf ben Leib zu rücken und uns feine Schlote vors Gesicht zu stellen. Jetzt fängt er gar an, am Fuße des Schloßberges einen Sandsteinbruch anzulegen. Er will wohl den Schloßberg unterminieren, daß Schloß Sonneck zufammenffürzt wie das alte Geschlecht, das seit zweihundert Jahren hier herrschte.

„Aber Papa, du stehst zu schwarz. Das darf er doch, gar nicht."

„Traue einer diesem Menschen, Viktor. Der bringt alles zustande, toaS er will, ©dingt es ihm nicht mit Gewalt, so wendet er List an. Und damit kommt er immer durch. Zudem besitzt er die stärkste Macht un­serer Zeit — das Geld. Alles beugt sich ja heute vor dem goldenen Kalbe und unser alter, adeliger Name kommt dagegen nicht mehr auf. Wenn ich be­denke, daß all das, was vor uns da in der Sonne lügt: das Tal und der Fluß, das Dorf und der Wald oben einst unserem Geschlechte gehörte, dann möchte ich verzweifeln an der Zukunft."

„Ja — es sind eben andere Zeiten," senkte Viktor.

„Andere Zetten — ja. Aber sind die Menschen da unter dem neuen Herrn besser geworden, glück­licher? . . . Nein. Höre nur den Pfarrer, tote er klagt, daß Armut und Not mit jedem Tage wachsen, daß die Sittlichkeit, die Achtung vor dem Gesetz ver­schwindet und die Unzufriedenheit immer drohender ihr Haupt erhebt. Die Arbeiter sind elender als je einmal. Und doch will keiner mehr Bauernarbeit tun. Das ist ihnen zu schwer. Vom vierzehnjährigen Burschen angefangen, bis zum Greis, laufen sie alle in die Fabttk. Da haben sie sicheren Verdienst und sind ihre eigenen Herren, sobald die Stunde "'s Feier­abends schlägt. Es ist schlimm, Viktor. Ich finde keine Arbeitskräfte mehr für meinen landwirtschaft­lichen Betrieb — die Fabttk entzieht mir alle. Darum kann auch niemals Fttede' werden zwischen mir und jenem Mann dott drüben. Ueberall ist er vom dran, sucht mich zu verdrängen, meinen Einfluß zu unter­graben, und dabei für sich im Trüben zu sischnu Dte Gemeinde hött in allem auf ihn. Er tst ihr Abgott,

Schloß Sonneck.

5] Roman von Felix Nabor.

„Ich will gar keinen Kuß! Ich hau dich," rief Viktor, sprang auf und suchte Hilde zu haschen. Aber sie wich ihm geschickt aus und flog über die Terrasse. „Fang mich — wenn du kannst!"

In toller Jagd waren die beiden hintereinander her und der Major lachte aus vollem Halse. Als Vittor zuruckkehrte, ohne seinen Zlveck erreicht zu ha­ben, klopfte ihm sein Vater auf die Schulter. „Na, tröste dich, mein Junge! Denn siehst du — die Wei­ber führen uns schließlich alle ein bißchen an der Nase herum! . . . Deiner Mama brauchst du das natürlich nicht zu sagen. Das ist nur so meine Privalanstcht."

„Das sieht ja aus wie eine Verschwörung," sagte Hilde, die hochatmcnd und mit brennenden Wangen herbeigekommen war. „Da steh, da hast du was schönes angerichtet," fügte sie etwas schmollend hin­zu. Sie war bei der wilden Jagd an einem Oleander­busch hängen geblieben und das reiche schimmemde Haar hatte sich gelöst. Nun flutete es wie eine leuch­tende Woge über Hals und Nacken, über das iveiße Kleid hinab bis wett über den Güttel. Wie Hilde so dastand, mitten im hellen Sonnenschein, mit heißen Wangen, mit hellen, blauen, blitzenden Augen, hoch und schlank, da glich sie in ihrer hehren, reinen Schön­heit so recht einer herrlichen Walküre.

Auch Herr v. Sonneck und Vittor toaren von ihrem Anblick betroffen. Vittor sprang auf und rief I".. licher Bewunderung: „Himmel, Hilda — wie fqjoit bist du! Nie sah ich dich so." Und mit ritter- adjer Artigkeit beugte er das Knie und sprach, Wo­tans Motte aus der „Walküre" variierend: '

"Ich grüß dich, du kühnes herrliches Kind!"

Hilde trat erzürnt von ihm weg. „Sich, du — laß deinen Spott!"

„Es ist mir heiliger Emst — du schöne, stolze Walküre!"

Er erhob sich, während Hilde zu Papa flüchtete und sich an ihn schmiegte. „Sag ihm mal ordentlich die Meinung, Papa."

Herr von Sonneck zog seine Tochter an sich und fuhr ihr zättltch über da- weiche, fchimmemde Haar. „Er hat recht, Hilde," sagte er. „Du bist ja doch mein herrliches Kind. Meines Herzens heiliger Stolz! . . ."

Er küßte sie auf bat Scheitel unb es würbe ihm plötzlich klar, wie reich er in biefen feinen Kindern war. In dieser Stunde fühlte er sich glücklich wie nie zuvor.

Hübe lief mit heißen Wangen weg, um ihr Haar aufzustecken, unb Bcmtz von Sonneck unb Viktor blie­ben allein zurück. Frau Elga war vor Abenb nicht mehr zu sehen. Die lag jetzt in ihrem Zimmer auf ber Chaiselongue, rauchte Cigaretten unb las fran­zösische Romane, die ihr so unentbehrlich waren, wie ihrem Gatten seine Havannas.

Vittor fragte sich, ob er jetzt seinem Vater seine Schuldm bekmnen sollte. Aber als er dessen heitere Stimmung^sah, gab er ben Gedanken auf. Nein, dieser Tag gehörte der Freude, dem Glück. . . .

Der Major lag behaglich in seinem Sessel, blies blaue Rauchwölkchen in die Lust und blickte hinüber zur Villa Bergmann, die sich kräftig von dem blauen Hintergründe abhob. Die Fenster sahen wie drohende Augen herüber, in deren Tiefe der Haß lauert. Viktor mußte unwillkürlich an zwei Riesen dritten, die sich als zomige Kämpfer gegmübettagen, der eine swlz und bis an die Zähne in Wehr und Waffen, mtt erhobener, ehemer Faust. Das war die alte unb bie neue Zeit, bie in heißer Fehde lagen und sich bis aufs Blut bekämpften.

Viktor deutete nach der Villa hinüber. „Wie steht ihr gegenwättig miteinander?"

Herr von Sonneck schüttelte das graue Haupt. -Wie immer", sagte er, „schlecht"! Der Kampf wird nicht enden, bis einer von uns unterliegt. Ich fürchte, Viktor, daß ich unterliege. Denn es ist ein Kampf zweier Weltanfchauungm, zweier Generationen, der Kampf der alten Zeit mtt der neuen — und die neue Zett ist stärker als wir alten, morschen Kämpen. 'Zwar äußerlich überfließt Bergmann vor Freundlich­keit, man übertüncht den alten Haß mtt des Lebms Höflichkelt, weil eS nun einmal fo Sitte geworden ist, aber das alles ist nicht echt. Der Haß glimmt

gemerkt, auch wenn sie noch längst nicht gehalten sind, schon sämtliche von Herrn Dr. Müller erhoff!- Bei- falls- und Mißfallenskundgebungen gleich« fam pränumerando von ihm selbst emoerUibt: „Heiter­keit links", „Widersprach im Zentrum", „Bravo! links", „Lärm rechts", „sehr gut! Imks", lebhafter „Bei­fall links", „Zischen im Zentrum" usw. Man sieht, Her^Dr. Müller-Meiningen hat starke Anlagen zum

Ein großer „Dichter" ist Herr Müller-Meiningen ja, daß er aber imstande wäre, alle diese Beifalls- und Mißfallsbegegnungen seinen Reden wochenlang im voraus zuzuvichten, das dürste von ihm doch niemand erwartet haben. Jedenfalls ist es aber ein neuer Beweis seines „dichterischen" Talents.

* Offenbach a. M., 31. Juli 1911. Um die Ein» snhrung konfessioneller Unterhaltungslektüre für die Volksschüler der Simultan sch ule zu ermöglichen, hat das Großherzoglich Hessische Ministerium in einer Verfügung an die Kreisschul­kommission Offenbach a. M. angeordnet, daß die Bücher der Klaffenbibliotheken von jetzt an nach konfessionellen Gefichtspunkten getrennt katalogisiert und ausgegeben werden sollen. Die Auswahl der Bücher bleibt dem Befinden des Hauptlehrers der Schulgruppe überlassen, über die Nichtverwendbarkeit für einzelne Bekenntnisse entscheidet der betreffende Geistliche. Wenn man diese Verfügung zusammen« hält mit den bekannten Offenbacher konfessionellen Klaffenausflügen für die nichtkatholischen Kinder, so darf man darin wohl symptomatische Anzeichen für eine beginnende Entsimultanisierung der hessischen Volksschule erblicken.

Ausland.

** Der Sabotagetoahnsiim in Frankreich. Am Sonntag in den frühesten Morgenstunden brannte da« Elektttzitätswerk bet Nordbahn im Pariser Vorort Saint-Quen vollständig ab. Der Schaden beträgt über 1% Millionen. Während diese Fabttkanlage flammte, brach ihr gegenüber am anderen Seineufer in einer Werkstätte ber Pariser Elektrizitätswerke gleichfalls Feuer au8, das indes rasch gelöscht toerben konnte, unb genau zu derselben Stunde geriet auch eine wenige Schritte von diesen beiden Anlagen ent­fernte Baumaterialienfabrik in Flammen. Man hat zwar von Kurzschlüssen gesprochen, eS wäre jedoch eül höchst merkwürdiges Zusammentreffen, wenn diese Kurzschlüsse gleichzeittg in drei verschiedenen Anlagen sich ereignet haben sollen. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, daß verbrechettsche Brandsttstung vorliegt. Auch sonst wurden wieder zahlreiche Anschläge auf die Eisenbahn und die Drahtverbindungm verübt, darunter einige mit erstaunlicher Frechheit. So wurde um 3 Uhr nachmittags zur Zeit des leb­haftesten Zugverkehrs auf der Strecke von PattS nach Versailles in der Nähe des letztgenannten Bahnhofes eine Telegraphenstange mit einer Dyna- mitpattone in die Lust gesprengt, die in ein an der Stange ausgebohttes Loch hineingesteckt worden war. Die Arbeit war ungeschickt ausgeführt, die Stange flog auf, doch zerrissen die Drähte, die sie trugen, nicht, unb sie blieb in ber Lust hängen. Kurz barauf sah ber Stationsvorsteher einer Pariser Ringbahn­station zu seinem großen Erstaunen einen Arbeiter plötzlich zum Sperrblock der Station hercm- feeten und dessen Hebel umschlagen, wodurch an beiden Einfahrten der Station das Haltesignal auIgelöst und der Zugverkehr unterbrochen wurde. Er ließ natürlich den Verbrecher sofott verhaften und brachte den Block wieder in Ordnung. Der Arbeiter erflärte beim Verhör, er habe beim Anblick des Block­signals der Versuchung nicht widersteh«! können, eS in Bewegung zu setzen. Bei Dssigueaux (De-

weil er Geld und Verdienst schafft. Daß er die Finanzen der Gemeinde ruiniert, daran denken diese Hohlköpfe nicht. Er gab die erste Anregung zum Straßenbau. Die Gemeinde tat eg und steckt jetzt bis an ben Hals in Schulden. Wer aber hat den größten Votteil? — Bergmann! ... Er gründet Vereine, in denen er sich zum Präsidenten wählen läßt — alles nur, um Einfluß zu gewinnen und Nutzen daraus zu ziehen. Er ist der erste Mann im Doch er hat die ganze Einwohnerschaft in seiner Tasche. Wie er pfeift, so müssen sie tanzen. Und sie tun's, sie müssm'S tun. Sonst zerdrückt er sie zwi­schen seinen derben Fäusten. Wenn ich das mit ansehe, so möchte ich diesem Menschen, der seine Ar- beiter wie Sklaven behandelt, ins Gesicht schlagen. Ein Fluch ist er für das ganze Tal, weil er die Men- fffen zu Sklaven macht weil er sie aussaugt bis auf ben letzten Trovfen Blut und sie an Körper unb Geist

zugnmbe richtet ..."

„Das ist freilich fchrecklich," sagte Viktor. „Ist er wirklich so immens reich, wie man sagt?"

„Gewiß Er schartt Millionen zusammen. Unb doch möchte ich sein Geld nicht haben — es ist Sün­dengeld, der Schweiß unb bet Fluch von Hunbetten, bie er zugrunbe gettchtei hat, fleht daran. Unb was für ein Glück ber Mensch hat. Sein Vater arbeitete in einer kleinen Werkstatt mit ein paar Arbeitern. Die Beiben Söhne besuchten bessere Schulen, ber öftere hat in bas Geschäft seines Vaters. Der jüngere, ein fixer Kerl, ging in bie zweite Welt unb kehrte erst nach bem Tode des Vaters zurück. Er hatte da irgend­wie eine Erfindung im Maschinenbau gemacht. Diese beuteten sie nun aus, erweiterten das Geschäft, und damit fing das unmensckliche Glück an. Die bei den haben audi tüchtig gearbeitet, das ist wahr; bann hat­ten sie billige Arbeitskräfte, die Eisenbahn wurde da­mals eben gebaut, und so fanden sie A-nstme Absatz- oelegenheit für ihre Erzeugnisse — kurz und gut, die Bestellungen mehrten sich von Jahr zu Jlchrundrm» mer neue Fabrikgebäude wuchsen aus der Erde. Fünf sechs Jahre ging das so, bann starben Heinrich unb eine Frau rasch Ijtntereinanber, ich glaube, an Ty­phus. Sie hatten nur ein Kinb: die Iris, ihre Mut« ter war aus bem Süden. Nach dem Tode Heinrichs führte Leo die Fabrik allein weiter, machte eine reiche Heirat unb wurde zum Millionär. (Forts, folgt.)