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Fulda, Donnerstag den 27. Juli 1911

38. Jahrgang

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mmakd-llag«- „Klldaer Geschlchtrblätter"

veutlche; Reich.

Berit«, 26. Juli 1911. Der Kaiser begab sich vormittags an Bord des Begleitschiffes .Kol- berg* und hörte dort die Vorträge des Vertreter» de» Auswärtigen Amtes, de» Chefs des Generalstabes und de» Generalintendanten der königlichm Schau­spiele. Die „Hohenzollern* nahm inzwischen Kohlen. Das FrüWück nahm der Kaiser mit einem Test deS Gefolge» beim deutschen Konsul Mohr. Um 4 Uhr

«»scheint täglich mit W Ä

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•UmwärtsVMmt. W ; verantro. Hete«eu<

Zur ManEkostage Üügen heute folgende Tele­gramme vor:. ,

• Berlin, 27. Juli 1911., Das Kanonenboot Eber*, da» zur zeitweiligen Ablösung der „Ber­lin* bestimmt ist, ist auf der Fahrt nach A g a d i r in Teneriffa eingetrofsen.

* London, 26. Juli 1911. Im Hinblick aus dm Umstand, daß Lloyds cs adlehnte, bei den SchtffSverstcherungen daS Krtegsrifsto nach dem 9. August zu übernehmen, waS von einigen Zei, tun gen mit der marokkanischen Angelegenheit in Zu­sammenhang gebracht wurde, erklärt „Financial Ti­mes", daß es sich lediglich um ein* finanzielle Trans­aktion haÄAe. m ._

* Madrid, 26. Juli 1911. Nach dem Minister» rat teilt CanalejaS soeben mit, die Verhandlungen zwischen Spanien und Frankreich betreffend El Ksar hätten zu einem durchaus befriedigenden Resultat geführt, nicht nur waS die Beziehungen von Macht zu Macht, sondern auch die Würde und die Rechtssphäre einer jeden anbetteffe.

Blätter ä la „Berl. Tagebl." und Genoffen wiffen »u.melden, der Auszug der AbteUungen des Königin- Eltsabech Garde-Grenadier-Regiments aus der ge. nannten Kirche habe überall das größte Aufsehen erregt. Bei dem Geistlichen der Kirche, Pastor Kraatz liefen fortgesetzt Briefe ein; in denen immer wieder bet „Entrüstung" über daS Verhalten des Militärs Ausdruck gegeben werde. Pastor Kraatz habe au da» Konsistorium eine kurze Darstellung gelangen lassen. In diesem Schreiben betonte er, daß die plötzliche und ostentative Entfernung der Offiziere und Mannschaften während der Predigt eine überaus große Störung gewesen sei. Den Wortlaut seiner Predigt werde er dem Konsistorium in den nächsten Tagen gedruckt zugehen lassen. Dem Vernehmen nach befaßte sich auch bereits die höhere Militär­behörde mtt der Sache. Daß der liberale Pre­diger Kraatz das Konfistorium zu seinem Schutze anruft, ist de» Schicksals höchste Ironie'. — Pfarrer Kraatz wird am nächsten Sonntag in einer Berliner Kirche vertretungsweise predigen und am Sonntag über acht Tage in der Charlotten­burger Luisenkirche den Hauptgottesdienst abhalten. ES bleibt abzuwarten, ob die Mannschaften des Elisabethregiments diesem Gottesdienst beiwohnen werden.

K Reichsbeihilfen für Kolonialbräute. Nach dem in der letzten Session vom Reichstage angenommenen Kolonialreisekostengesetz können die aus Deutschland stammenden Bräute der in unseren Schutzgebieten angestellten Reichsbeamten in Zukunft eine staatliche Beihilfe für die Ausreise nach den Kolonien, und zwar in Höhe der für die eigene Dampferkarte und für den Transport der Aussteuer erwachsenen Kosten erhalten. Von dieser Neuerung ist schon in mehreren Fällen Gebrauch gemacht worden. Durch diese Er­leichterung soll dem großen Mangel an weißen Frauen in unseren Kolonien wenigstens einigermaßen abgeholsen werden.

Q Bei der Laudtagsersatzwahl im Kreise Witten- Hallingen wurde der nationalliberale Bergwerks­direktor Knupe mit allen 306 Stimmen gewählt.

---- Ei« Königreich für einen nationalliberale« Kandidaten. Es wird berichtet, daß der Bergmann Bach, der sich erboten hatte, in dem viel besproche­nen Pfälzer Wahlkreis Homburg-Waldmohr für oen Jnseratenkandidaten Jung als national- liberaler Reichstagskandidat einzutreten, nachträg­lich das Mandat doch abgelehnt hat. Wird nun die nationalliberale Parteileitung wieder zum In­serat greifen müssen?

o München, 26. Juli 1911. Zum erstenmal* hat, wie bereits gemeldet, da» Zentrum seit de* Hauptwahl von 1907 ein Landtagsmandat bei de* Ersatzwahl im Wahlkreise Günzburg verloren- In diesem Wahlkreise spielen zurzeit lokale Vor- kommniffe eine große Rolle, welche die Bevölkerung in Aufregung versetzen. Lokalbahnbau, Kreisdauten haben vielen Aeraer bereitet. Dazu sind die Leute erbittert durch bte strengen Absperrmaßregeln, die wegen der Maul- und Klauenseuche getroffen worden sind und die dm dortigen Bauemstand an der Ber­gung der Ernte stark behindern. In solchen Fällen ist der Radikalismus nicht feiten daS Ventil. ES darf aber auch nicht verschwiegen werden, daß seitens der Zentrumspartei nichts geschehen war, um diesen dm Bündlem abgenommmen Wahlkreis zu behaupten. Die Versäumniffe könnm und müssen wieder ausgeglichen werden. DaS Zentmm hat 275 Stimmen weniger als der Bauernbund, mtt dem die Liberalen und Sozialdemokraten gestimmt haben. Der Groß block ist in Bayern wieder auferstanden und es wird gut fein, energisch und beizeiten dis Konsequenzen daraus zu ziehen. ES muß alles daran gesetzt werben, bei den Haupt- wählen den Wahlkreis Günzburg zurückzuerobern, was keine besonders schwierige Arbeit ist.

Je? Ruhig Blut!

Eine gewiffe Unruhe hat um sich gegriffen, sett- dem der englische Minister L l o h d G e o r g e einige volltönende Worte über die unentwegte Wahrung der englischen Weltmachtstellung gesprochen hat. Die politischen Flaumacher und die Baisse-Spekulanten an der Börse sind jetzt mit vereinten Kräften bereits bemüht, aus der Verzögerung der Nordlandsfahrt englischer Kriegsschiffe eine Art Mobilmachung, eine Konzentration der britischen Flotte bei Ports­mouth herauszudestellieren.

Die „Times entnimmt nämlich der „Western Morning News' eine Sensationsmeldung, wonach das englische Schlachtschiff - Geschwader, befehligt von Vizeadmiral Jellicose, und das Kreuzer-Geschwader unter Konteradmiral Burney, programmäßig gestern abend von Cromarty Firth nach Norwegen hättm adsahren sollen. Der Vizeadmiral sei aber tele­graphisch angewiesen worden, in Cromarty Firth bis Freitag liegen zu bleiben und dann nach Portsmouth abzubampfm, wo die beiden Geschwader am Sonntag ankommen würden!. In Pottsmouth werde die Atlantische Flotte durch das Schlacht­schiff „London", Flaggschiff des Konteradmirals Garden, des zweiten Befehlshabers dieser englischen Flotte, verstärkt werden, das soeben gereiften Reparaturen unterzogen werde. Wahrscheinlich hat es mit diesen Nachrichten, die die ,Times' mit großer Wichtigtuerei roiebergibt, dieselbe Bereandnis, wie mit der angeblichen Mobilisierung von 400 000 deut­schen Reservisten.

Was ist denn geschehen? Tie Rede des Nach­geordneten Ministers Lloyd George war im Grunde nichts anderes, als die Wiederholung der Erklärung, die s. Zt, der Ministerpräsident Asquith in aller Form der Feierlichkeit abgegeben hatte. Er kün­digte der „neuen Situation" gegenüber an, daß England sich zur Wahrung seiner Interessen an den diplomatischen Verhandlungen beteiligen werde. Vielfach schloß man aus Asquiths Worten, daß die englische Diplomatie sofort den dritten Stuhl an dem Berliner Unterhandlungstisch für sich in Be­schlag nehmen wolle. Aber das geschah nicht; man ließ zunächst das Zwiegespräch zwischen dem Bot- toafter Cambon und dem Staatssekretär v, Kider- len-Wächter ungestört in Gang kommen. Jeder Einsichtige wußte aber, was an dieser Stelle gegen­über optimistischen Erwartungen wiederholt hervor­gehoben wurde: daß England sich eine Nachprü­fung der sog. Kompensationen Vorbehalte.

Die Sachlage ist ja ganz einfach: England hat vor Frankreich nicht die geringste Furcht, weder vor dem französischen Wettbewerb auf dem Weltmarkt, noch vor der ftanzöfischen Seemacht. Bor der deutschen Flotte und vor dem deut­schen Unternehmungsgeist hat es aber eine sehr große Scheu. Darum hat England nichts dagegen, wenn Frankreich seinem nordafrikanischen Kolonial­reich auch Marokko noch einverleibt; aber England sucht nach Kräften zu verhindern, daß Deutschland m Marokko irgendwo sich festsetze oder sonst einen wertvollen Küstenstrich am atlantischen Ozean sich halte. Bei dieser Lage der Dinge war von vorn­herein nichts anderes zu erwarten, als daß England der französischen Republik den Rücken zu stärken suchen werde gegenüber den deutschen Beschwerden und Forderungen.

Die Rücksicht auf England erschwert den Aus­gleich zwischen Deutschland und Frankreich. Aber diese Belastung hat Nicht etwa die d e u t s ch e Diplo- matte allein zu tragen, sondern sie fällt mindestens ebenso stark auf die französischen Schultern. Frankreich ist es, daß sich von den Beschränkungen des Algeciras-Bettrags loskaufen möchte. Wenn nun England gegen die dazu geeigneten »Kompen­sationen" Einspruch erhebt und so das Geschäft

erfolgte die Rückkehr an Bord der „Hohenzollern*, die morgen früh zwischen 3 und 4 Uhr in See gehen wird. Die Ankunft in Swinemünde wird Voraussicht- lich Freitag zwischen 4 und 6 Uhr nachmittags erfolgen.

D Die Aufhebung einiger kirchlicher Feiertage (Petgl. Nr. 160, 162, 164 und 165 der,Fnld. Zta.') durch den päpstlichen Erlaß vom 2. Juli d. Js. wird noch immer lebhaft in der Prefte erörtert. Auf katholischer Seite tritt vielfach der Wunsch hervor, die zweiten Feiertage um Weihnachten, Ostern und Pfingsten und den Fronleichnams- tag beizubehalten. Jnbezug auf die zweiten Feier­tage weist man darauf hin, daß ihre Abschaffung zu Mißhelligkeiten konfessioneller, staatlicher und auch sozialer Art führen werde. Der Wegfall des Fronleichnamsfestes würde mancherorts zu dem Wer- suche verleiten, die Fronleichnamsvrozesfionen zu unterdrücken. — Die schiefe Beurteilung deS päpst­lichen ErlaffeS in einem Teile der Prefte hat bei den Katholiken hier und da eine gewisse Beun­ruhigung hervorgerufen. Wir glauben, daß bezüg­lich der erwähnten Feiertage kein Grund zur Beunruhigung vorliegt. Die Herren Bischöfe werden bei ihren Entschließungen schon alle ein­schlägigen Momente in Betracht ziehen und sicher das Richtige treffen. Und auch der Heilige Vater wird, darüber kann kein Zweifel bestehen, den Wünschen des Episkopates entsprechen. Damm sollte man auf katholischer Seite ruhig die weitere Entwickelung abwarten.

)( Wachsende Schnllaften. Im rheinisch-west- fälischen Industriegebiet ist' eine Umfrage an sämtliche Gemeinden im Gange, die ihren Ausgangspunkt von dem Magistrat in Herne nimmt. Die Gemeinden -beS Jndustriebezirks empfinden das starke Steigen der Schulbaulasten, das infolge der großen Geburtenhäufigkeit bei der Arbeiterbevölkerung größer ist als das Steigen der Steuerkraft, als eine Belastung, der sie auf die Dauer nicht gewachsen sind. Die Umfrage bezweckt, entsprechendes Material zu erhalten, das im Landtage als gemeinsame Eingabe aller rheinisch - westfälischen Jndustriegemeinden zwecks Erhöhung der Staatsbeiträge zu den Schulbaulasten übergeben werden soll.

+ Die Einnahmen des Reichs aus den Zöllen und Steuern im 1. Kalendervierteljahr deS Rechnungsjahres 1911 haben das Viertel deS im Haushalt für 1911 ausgeworfenen Be­trags um 88 Millionen überstiegen. Am Schluffe des 1. Quartals 1911 standen jedoch an gestundeten Zoll- und Steuerbeträgen 33,4 Millionen weniger aus, als am Schluffe des Rechnungsjahres 1910, das heißt, es find im 1. Viertel 1911 rund 33,4 Millionen mehr auf im Vorjahr gestundete Zölle und Steuern abge­zahlt worden, als neu gestundet worden find. Von der gesamten Mehreinnahme gegen das Viertel des EtatSansatzeS entfallen mithin 4,6 Millionen auf die eigenen Einnahmen des Viertel­jahres.

* Eine Reform deS höheren Schulwesens sollte noch PreßSußetungm geplant fein. Demgegenüber erklärt die Nordd. Allg. Ztg., daß alle Nachttchtm über grundsätzliche Aendemngen deS höheren Schul» wesmS und über die Bemfung einer Schulkonferenz nicht begründet sind,

** Die f«genannten Freunde der evangelischen Freiheit begleiten mit einem außerorderttttcherr Spektakel den im Leitartikel in Nr. 166 besprochenen Vorgang, der sich am Sonntag in der protestanti­schen Luisenkirche zu Charlottenburg abgespielt hat

vereiteln sollte, so hätte Frankrerch den empfrnvttch- sten Schaben davon, denn Deutschland könnte in diesem Falle sich in aller Ruhe auf den status quo zurückziehen und sagen: „Na, denn nicht! ES bleibt also bei der Algeciras-Akte und bei dem Abkommen von 1909; wir protestieren gegen die Eroberung Marokkos; wir fordern die Unabhängigkeit und Un- verfehrthett deS scheriftschen Reiches sowie die Frer- heit und Gleichberechtigung für die deutschen Waren und die deutschen Unternehmung!" DaS sind dann völkerrechtlich verbriefte Forderungen, gegen die England gar nichts einwenden kann.

Dieser Votteil der deutschen Diplomatie wird vielfach nicht gebührend gewürdigt. Wir haben gar nicht nötig, irgendwelche Kastanien ans dem ena- lischen Feuer zu holen, sondern wir können ruhig abwarten, welche Kastanien unS Frankreich darbietet, d. b. sie muffen Zug um Zug geliefert werden und wirklich auf dem Präsentierteller liegen. Frankreich selbst hat dafür zu Jorgen, daß sein guter Freund und Schutzpatron England gegen die etwa Vereinbatten Kompensattonen keinen Wider­spruch erhebt. „Zngeständniffe" mit dem Hinter­gedanken, daß England die Realisierung derselben schon hindern werde, wären gleich einem Zahlungs- Versuch mit ungedeckten Schecks.

Wenn die deutsche Diplomatie diese selbstver­ständliche Richtlinie einhält, so ist gar nicht abzn- sehen, wie England eine Veranlaffnng finden sollte, znm Vorstoß gegen Deutschland. Der Gipfel der Gefahr, den man sich vorstellen kann, fft nicht ein englisch-deutscher Krieg, sondern das Sch ei- tern der schwebenden französisch-deut­schen Verhandlungen. Wir wünschen nicht, daß sie scheitern; aber wenn sie scheitern soll­ten, so gilt das Wrnt: „Es geht auch so!" Wir be- halten dann alte Rechte und die volle Bewegungs- freiheü. Die Initiative zu den Ausgleichsverhand­lungen ist diesmal von den Franzosen ergriffen worden, und sie würden bald genötigt fern, zum zweiten Male in Verhandlungen zu treten. Bange machen gilt nicht!

Kuckuck — tote kann einer pfeifen und fröhlich fein, wenn er ft» tief hn Pech fitzt tote ich? — Schulden! — Schulden — einfach scheußlich! — Wenn nur erst diese bcrbanunte Geschichte in Ordnung wäre! Und sie muß geregelt werden, sonst geht es schief —*

Eins jähe Röte fchlug ihm ins Gesicht. „Warum bin ich auch vom Kafwo aus noch in den „Römischen Kaiser* gegangen? — Dazu mit diesem Rirhofen, der größten Spielratte in den vier Königreichen? — Und darum tarn ich daS Derb .... Fen nicht taf­fen, wo ich doch immer Pech habe? — Besonders wenn ich Eckt getarnten habe — da sehe ich erst alles doppelt, bis es sich heranSstellt, daß im Beutel überhmrpt nichts mehr zu schm ist! — Hagel und Kanonen: 20000 Emm verloren! D<yu die übrigen Brummer, Summa fummarum 30 Mille! Ah, waö bin ich rin schlechter Kerl! Wenn nur die Schuld bei Rhchosen nicht wäre! Die mutz innerhalb 48 Stunden berappt fein! — Und daß mir die ver­dammte Geschichte just gestern passieren mußte, bitett vor PapaS Geburtstag! Re, ne, alter Herr — heute wird nicht gemuckst! Ich will doch Papa den schö­nen Tag nicht berriet». Morgen ist auch noch ein Tag! — Und wenn alle Sttänge brechen, dann muß Hilde helfen! Die weiß immer Rat. —' _

Viktors Gesicht heiterte sich auf; die Augen blick­ten wieder keck und luftig in die Wett. „Ach was — Sorgen!--Kennt ein richtiger Soldat gar

nicht! Für die Schuldm ist doch Papa da! Der muß eben noch einmal blechen! — Fori mtt dm Sorgen — ich will ftöhlich fein, man ist ja nur ein­mal jung. Und Jungsein, ach — das ist schön, so schön! -*

Seins heitere Natur brach wieder durch Er pfiff vor sich hin, reichte dem Pferde rin paar Brocken Zucker und llopste ihm dm Hals. „Bist ein braves Tier! — Im Herbstrennen holen wir einen Preis, im Frühjahr zu Baden-Baden noch einen — und bann sind wir fein heraus und aller Schuldm und Sorgen ledig.*

Fröhlich blickte er ins Geäst der Bäume, durch welches die Sonnenstrahlen wie goldme Lanzm brachm. um an ben mächtigen Stämmen zu zer-

Schloß Sonneck.

Ij Roman von Felix Nabor.

; Viktor von Sonneck ließ die Trakehnerstute in Schritt fallm und lenkte von der Landstraße, auf »eiche die Herbstsonne noch recht kräftig nieder» brannte, in einen Waldweg ein, der einen weiten Bogen durch ben Forst schlug. Hier herrschte ange­nehme Kühle, welche ihm sehr wohl tat.

Der schmucke Leutnant mit dm hrilm, schönen Äugen, dem frischen Gesicht und dem keck aufwärts 'gebürsteten Schnurrbärtchen nahm die Mütze ab, fuhr sich über das steil ausstehende Haar und murmelte: ^Verdammtes Sch ab elbrummen! Daß e8 heute gar picht aufhörm will! Wir habm gestern beim Siebe8- wahl allerdings scharf gezecht: Wein, Sekt, Hmnchh kein Wunder, wenn man da Haarweh hat! Ab« fanros war s doch und riesig fibell*

Er setzte die Mütze wieder aufs, Haupt, leicht gegen bas rechte Ohr gmeigt, was ihm etwas Krikes unb Uebermütiges gab, unb sang mit dm Vögeln um die Wette:

„Freut euch des Lebens, Well noch das Lämpchen glüht; Pflücket die Rose, Eh' sie verblüht! . . .*

Etwas Sieghaftes war in feinem Wesen unb et schien das Leben nur von der hellen unb lichten Sette zu kennen. Der Kampf des Lebens war ihm fremd: wie sollte ein so junges Blut auch Sorgm habm? — Das sieht ja auf allen Wegen nur die Sonne, die alles in goldenen Schimmer hüllt; das pflückt die Freude, wo sie blüht; das lebt sorglos in ben Tag hinein! Das ist bie Jugend, die mit dem leichten Ranzel der Freude in die Welt hineinwanbett und bie schwere Bürde der Sorgm nicht kennt, welche die Jahre und das Alter dem Menschm auf den Rücken If°#n.

Mit einem Mal aber brach Viktor ben fröhlichen Gesang ab, zog mit scharfem Ruck die Zügel an, daß fein Roß „Freva* stutzte unb verwundert den Kopf hob, unb richtete sich steil im Sattel auf. „Zum

„Freya* blieb plötzlich stehen — ber Wald war zu Ende. Zwei mächtige Buchen wölbten ihre Aeste zu einem hohen, bunfien Tor — draußen aber lag der blanke Sonnenschein. Da tat sich die Welt auf, fo schön, fo wett! — Da war alles hell unb strahlend, gerade wie fein Lebensweg bisher gewesen war: voll Sonne! Immer war er hinter der Frmde her, hinter einem Vergnügen oder Genuß — ohne Sir- beit, ohne Sorgm I Ein tändelndes Spiel war ihm das Beben gewesen, ein Haschen und Jagen nach Lust unb Freude — et« beständiges Schreiten in der Sonne!

Ob eS wohl immer so fein würde? —

Bah — die kleine, dunkle Wolke, die machte nichts! Die ging vorüber — bann lachte wieder der schöne blaue Himmel.

Nun fühlte er sich wieder ganz als Sieger, ber et immer gewesen war, der nie ein Hindernis auf seinem LebmSweg gefunden hatte; heiter und sorg­los ritt er hinein in ben schönen golbenen Tag. —

Er befand sich nun auf einem breiten Fahrwege mtt tiefen Räderspurm, der vom Walde her, dm Fuß eineS Hügels umschlingend, in großen Windun­gen zur Landstraße fühtte. Sein Ritt hatte ihn etwas toegab gebracht. Um auf die Straße zu gelangen, mußte et dicht an dem Hügel borbetreiten, auf dem sich etwas protzig bie Villa des Fabrikanten Berg­mann erhob. Das wat ihm nicht lieb; benn zwi­schen Schloß Sonneck unb ber „Villa Bergmann* herrschte eine gewiffe Spannung, die sich in ben letz­ten Jahren noch verschärft hatte.

Bergmann mtzog dem herrschenden Gute die Ar- beiter, so daß solche von auswärts gmommm wer­den mufften, was dm Betrieb bet Güter wesentlich verteuerte. Es gab aber auch noch einen anderen, tieferen Grund zu dieser Feindschaft: die Verlegm» heitm, in welche Viktors Vater griomrnm war, hatte Bergmann bmützt, um herrschaftliche Grundstücke an sich zu bringen. So war er dem Schlöffe immer näher zu Leibe gerückt wie ein drohmder Koloß, der stets auf der Lauer steht, um sich auf feinen Gegner zu stürzen unb ihn zu erdrücken. „

Viktor selber war viel zu sorglos, als baß ihn diese Sache weiter berührt hätte, aber er wollte wo­

möglich eine Begegnung mtt ben Bewohnern der Villa vermeibm.

So ritt er langsam auf ber Grasnarbe weiter, die sich als schmaler, grüner Streifen neben bem Wege hinzog.

Es war Herbst, ein schöner, stiller Tag. Wie ein stilles Träumen ging es durchs Land. Die Bäume standen im bunten Kleid und einzelne Bäume schweb- ten wie purpurne Falter durch die Luft. An dm Aestm hingm lange, feine Fäden und flatterten wie lange, silberne Flaggen in der Sonne.

Viktor hatte bie Stelle erreicht, wo ber zur Billa Bergmann gehörige Garten, ben eine Hecke wie eine lebmbe Mauer umschloß, dicht an ben Weg heran­reichte; ba hielt er plötzlich sein Pferd an, ganz ge­bannt von bem Anblick, ber sich ihm bot. liebet einer Seinen Pforte wölbte sich wie ein Baldachin ein Spalier von Rosen, derm blutrote Blüten wie große Rubinen aus bem sonnmburchkeuchteten Grün ber Blätter hervorschimmerten.

Inmitten biese? blühmbm Rosmmeeres erblickte er ein Fraumbilbnis von wunderbarer Anmut und Schönheit. Es war ein Madchmbild von ganz eigen­artigem, süßem Reiz, ein ovales Gesicht mit großen, mandelförmigen Augen unb einer Krone vo» bunt lern Haar über ber weißen Stirne. Ein zartes, burchsichtiges Gewebe floß wie ein weißer Schleier über bas Haar und verlieh den lieblichen Zügen et­was Süß-Madonnenhaftes, wie man es auf ben Silbern von Boticelli sieht.

War es der Zauber der Umgebung — ober waren es die tiefen, dunklen Augen, was chm fast dm Atem raubte unb ihm alles Blut zum Herzen trieb?

Viktor starrte dieses grauenbilb an toie ein scho­ne, Rätsel. Solch eigenartige Schönheit war hier zu Lande etwas Seltenes, Megesehmes. Die dunk­len' Märchenaugen, das tiefschwarze Haar unb das jchgne Oval des Gesichts, bieses Typische des Sü­dens einte sich mit dem milchweißen Teint des Nor- dmS zu einem Bilde, wie es sich kein Maler träumt

„Himmel, — ist das ein Traum ober Wahrheit?* entfuhr es ihm.

(Fortsetzung folgt)