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«otatloardruckund Verlag der Fuldaer Ak» SeudruSerei kn Fulda Fernsprecher Ur. 4.
168.
Erstes Blatt.
Fulda, Mittwoch den 26. Juli 1911.
38. Jahrgang.
G»tteät>,e»ft oder JathoiNenft?
Die angeblichen »Vorkämpfer der Freiheit' wollen allen Ernstes den Strafrichter anrufen gegen die Offiziere, die mit ihren Soldaten die Hetzpredigt des liberalen Pfarrers Kraatz verließen. Sie sollm sich gegen den § 167 vergangen haben, der mit Gefängnisstrafe bis zu 3 Jahren denjenigen bedroht, der „durch Erregung von Lärm oder Unordnung den Gottesdienst einer im Staate bestehenden Religionsgesell- sthaft vorsätzlich verhindert oder stört'. Auch der Prediger Kraatz selbst soll das Konsistorium ersucht haben, die Namen der beteiligten Offiziere festzustellen, da er diese zur Anzeige Bringen wolle. Nebenbei bemerkt, bezeichnet er es als eine „Denun- ziation", wenn jemand i h n wegen seiner sonderbaren Predigt zur Anzeige bringen sollte.
Natürlich wird jedes Zivil- oder Militärgericht die strafrechtliche Anklage gegen die Offiziere von vornherein abweisen, da der Dor s a tz der Störung offenbar nicht vorlag. Die Sache spitzt sich im letzten Grund auf die Frage zu, ob ein Kirchenbesucher das Recht hat, sich während der Predigt zu entfernen. Es ist nun mehr als sonderbar, wenn gerade die Freigeister und Demokraten die Kirchenbesucher kn Fesseln schlagens und zwingen wollen, auch den anstößigsten und peinlichsten Kanzelvortrag unbedingt bis zu Ende anzuhören.
Das Strafgesetzbuch will dm „Gottesdienst' einer „Religionsgesellschaft" schützen. War diese Kampfrede gegen die kirchliche Ordnung und das kirchliche Bekenntnis überhaupt ein „Gottesdienst"? 'Handelte der Redner im Sinne einer „Religionsgesellschaft", als er seine persönlichen Ansichten im schärfsten Gegmsatze und in einer kräftigm Polemik gegen die Religionsgesellschaft vortrug?
Wenn jemand eine katholische Kirche besucht, so weiß er vorher, daß dort von der Kanzel die katholische Glaubens- und Sittenlehre gemäß der Ordnung dieser Kirche vorgetragen wird. Wer eine evangelische Kirche besucht, darf voraussetzen, daß dort gemäß dem Bekenntnis und dem Herkom- Skcti dieser Religionsgemeinschaft gepredigt wird. Wer eine katholische Predigt verlassen wollte, weil °>vrt vom unfehlbarm^Lehramte des Papstes gesprochen wordm, oder eine protestantische Predigt ver- laffm wollte, weil dort von der „Rechffertigung aus ■’km Glauben allein" gesprochen worden, der würde Wtweder urteilslos oder hinterlistig erscheinen. Aber 'toenn der Kirchenbesucher statt der konfessionellen Erbauungsrede, die er erwarten durfte, eine Kampfrede gegen die betreffende Religionsgemeinschaft und gegen dm christlichm Glauben überhaupt zu hörm bekommt, so muß ihm gegen diese Willkür des Predigers, gegen diesen Mißbrauch der Kanzel das Notwehrrecht der Enffermmg aus der Kirche zu- steheu.
Fühlen denn die Freigeister und Demokratm nicht, daß sie einen Gewissenszwang der schlimmstm Art versuchen, wenn sie dm Kirchenbesucher mit Hilfe des s 167 zwingen wollen, alle beliebigen Ausfüh- -.ungen des mit seiner Kirche und mit dem Glauben Zerfallenen Predigers unweigerlich bis zu Ende über sich ergehen zu taffen?
In dem vorliegenden Falle handelte es sich um Soldaten, die in dm Gottesdienst kommandiert waren. Das Kommando hat natürlich nur insoweit Sinn und Zweck, als die Soldaten in einen Gottesdienst ihrer Religionsgemeinschaft geführt Werden. Das ist keine Verletzung ihrer Gewissens- fteiheit, da sie der Betreffenben Religionsgemeinschaft freiwillig angehörm. Aber toenn man katholische Soldaten in eine protestantische Predigt, oder evan- xriische Soldaten in einen katholischen Gottesdienst kommandieren wollte, so läge allerdings ein Eingriff in die Gewissens- und Glaubmsfteiheit vor. Aehn- klch stellt sich aber die Sache auch schon bann, wenn man Soldaten, die sich zur evangelischen Landeskirche bekennen, in die Predigt eines Mannes kommandiert,
der gegen das Bckermtnis und die Rechtsordnung dieser Kirche zu Felde zieht. Die Offiziere hattm das richtige Gefühl, daß die von ihnen in die Kirche ge- führtm Mannschaften eine derartige Verletzung und Gefährdung ihrer refigiösm Gefühle und Ueber- zmgung nicht ausfetzen dursten.
Die „Kreuzztg." trifft den. Kern der Sache mit folgender Ausführung:
„Die Soldaten waren zu einem Gottesdienste ihres kirchlichen Bekenntnisses kommandiert. Als die Offiziere aus dem Inhalte der Predigt erkannten, daß hier nicht Gotteswort im Sinne der evangelischen Landeskirche gepredigt wurde, sondern ganz im Gegenteil eine Verurteilung der Kirchenlehre aus dem subjektiven Ermessen der einzelnen Predigers heraus begründet werden sollte, da hielten sie eS für ihre Dienstpflicht, die Soldatm zum Verlaffen deS Raumes zu veranlaflm, in dem zur Zeit nicht GoUesdienst ge- halten, sondern gegen ein im geordneten Verfahren von der gesetzlich zuständigen Instanz gefälltes Urteil agitiert wurde."
So ist eS. Das ist kein Gottesdienst mehr, fonbem vielmehr ein Mißbrauch des Gotteshauses und der Kanzel zur Verherrlichung eines Jatho und zu Selbstverherrlichung der gleichgesinutm Inhaber des geistlichen Amtes. Der Vorfall zeigt, wie unhaltbar die Zustände in der Kirche werden, wmn der Prediger sich für berechtigt hält, feine subjektiven Meinungen, auch im Gegensatz und in der Polemik gegen Bekenntnis und Ordnung der Kirche, nach Belieben von der Kanzel zu verkünden und für diese willkürliche Beredsamkeit noch den Schuh der Staatsgewalt in Anspruch zu nehmen, als- ob solche Kampf- und AuflehnungSredm „Gottesdienst" seien!
deutsches Reich.
** ®erlitt, 25. Juli 1911. Der Kaiser wird am 28. d. Mts. von feiner Nordlandsreise in Swinemünde eintreffen und dort mehrere Tage verweilen. Während des Aufenthalts in Swinemünde wird der Monarch eine Reihe von Vorträgen ent« gegeunehmen, darunter wahrscheinlich auch den des Reichskanzlers. Von Swinemünde aus wird sich der Kaiser nach dem Truppenübungsplatz Alten - Grabow begeben und dort Besichtigungen vornehmen. — Wie ans Rom gemeldet wird, soll in den ersten Augusttagen der deutsche Kronprinz als Gast des italienischen Königspaares in Racconigi eintreffen, um an den Gemsjagden in den Alpen bei Valsavaranche teilzunehmen. — Geheimrat Pros, von Martitz, der berühmte Staatsrechtslehrer en der Universität Berlin, beging am Montag fein 50 jähriges Doktoijubiläum. Aus diesem Anlaß verlieh ihm der Kaiser die Große goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft.
D Um die Verbreitung der Maul- und Klauenseuche durch die bevorstehenden Manöver zu verhüten, wurde im Einvernehmen des Kriegsministers mit dem Landwirtschaftsminister angeordnet, daß die berittenen Truppen im Manöver möglichst nicht marschieren, sondern mit der Bahn befördert werden. Ferner wurde bestimmt, daß die verseuchten Ortschaften, wenn angängig, durch die manövrierenden Truppenteile gemieden werden sollen, toenn die Manöverdispositionen dies zulaffm. Sollte dies nicht angängig sein, bann find wenigstens die verseuchten Gchöste unter keinen Umständen mit Truppen zu belegen, um auf diese Weise eine Verbreitung der Seuche durch weiterziehende Truppen zu verhüten. Eventuell muß dann ein vermehrter Gebrauch vom Biwack gemacht werden, vorausgesetzt, daß der Gesundheitszustand der Truppen dies nur irgendwie zuläßt. Bei richtiger Einhaltung dieser Verhütungsmaßnahmen ist alles getan worden, um den berechttgten Wünschen, eine Verschleppung der Maul- und Klauenseuche zu verhüten ,entgegenzukommen.
--- Verkäufe von Reichseigeutum. Die „Nordd. Allgem. Ztg.' veröffenllicht einen Aufsatz des Reichs
gerichtsrats v. Romeick, in welchem ausgeführt wird, der Verkauf von Reichseigentum sei erst dann zustande gekommen, wenn die Zustimmung des Bundesrates und Reichstages vorliege, und könne darum auch erst bann notariell beurkundet werden. Die Ausführungen Romeicks, die freilich nicht in allen Punkten Besonders klar gehalten sind, scheinen in der Hauptsache doch dem Standpunkte zu widerprechen, den das Reichschatzamt in Ueberein- stimmung mtt dem Kriegsministerium Beispielsweise bei der Veräußerung des Tempelhofer Feldes eingenommen hat.
* Tie AttsfnhrullgsBestimmungett zum Reichswert- zuwachsstenergesetz sind gestern im ,Reichsanzeiger" veröffentlicht worden. Das Gesetz ist damit in Kraft getreten.
(•) Neber die angebliche Zentrumsherrschast fchreidt Karl I ent sch, ein im gegnerischen Lager anerkannter politischer und historischer Schriftsteller, im,Tag":
„Aus der Struktur der Zentrumspartei erklärt sich der Schein, als ob sie im Reiche herrsche. Weil sie Menschen aller Berufsstände, aller Gemütsarten, politischen und ethischen Richtungen umfaßt, sieht sie sich, geradeso wie die Regierung, in die Bahn des Juste Milieu Mittelweges) gewiesen. Die Reichstagsbeschlüsse beruhen auf Kompromissen zwischen den im Volke vorhandenen Interessen und Richtungen, und einen solchen Kompromiß muß die Zenlrumspartei, deren Struktur dieselbe ist, wie die des ganzen Volkes, jedem ihrer Voten zugrunde legen. Ihr Votum fällt darum gewöhnlich so aus, wie wenn sie gar nicht vorhanden wäre, und darum sieht es so aus, als hätte sie den Beschluß diktiert."
Diese Auffassung ist zutreffend; erst muß das Zentrum in seinen eigenen Reihen einen Beschluß gefaßt haben, dann findet es in der Regel schnell eine Mehrheit.
* Für die Reichstags-Ersatzwahl in Düsseldorf wird jetzt auch schon von einer polnischen Kandidatur beliebtet. Die Polen sollen beschlossen haben, einen in Gvesen ansässigen eifrigen Politiker als Zählkandidaten aufzustellen. Die endgültige Ausstellung des Kandidaten erfolgt am 80. Juli.
+ Zur Verwendung der Warenhaussteuer. Nach § 14 Abs. 3 des Warenhaussteuergesetzes wird bekanntlich die Warenhaussteuer zur Bezahlung der Gewerbesteuer der Gewerbetreibenden der Steuerklasse III und IV und erst nach völliger Befteiung dieser von der Gewerbesteuer wird ein etwa verbleibender Ueberschuß für Gemeindebedürf- niffe verwendet. In einer Bittschrift einer schlesischen Gemeinde an das preußische Abgeordnetenhaus wird nun hervorgehoben, daß, wenn die Verteilung der Warenhaussteuer in dieser Weise erfolge, auch solche Gewerbebetriebe an der Verteilung teilnehmen, die überhaupt nicht mit den Warenhäusern zu konkurrieren hätten. Es müßten daher nur die wirklichen Konkurrenten, bezw. die durch die Warenhäuser Geschädigten, die Warenhaussteuer erlassen bekommen; der überschießende Betrag dieser Steuer aber müßte der Gemeindekasse zufließen. Ter Handels- und Gewerbeausschuß des Avgeord- netenhauses beschloß, rote der „Verband deutscher Waren- und Kaufhäuser" mitteilt, beim Abgeordnetenhaufe zu beantragen, daß diese Bittschrift der Regierung als Material überwiesen werde. Die Ausführung dieser Bittschrift würde nach Ansicht des „Verbandes deutscher Waren- und Kaufhäuser" auf außerordentliche Schwierigkeiten stoßen, da es sich schwer feststellen lasse, welche Gewerbetreibenden durch die Warenhäuser wirklich geschädigt werden. — Wir sind anderer Rieinung und glauben nicht, daß es so besondere Schwierigkeiten machen würde, wenigstens einigermaßen einroandftei sestzustellen, welche Gewerbezweige unter der Konkurrenz der Warenhäuser besonders zu leiden haben.
’+ Die Tagesordnung für den sozialdemokratischen Parteitag in Jena ist wie folgt festgefetzt: 1. Geschäftsbericht des Parteivorstandes. Berichterstatter: H. Müller, F. Ebert. 2. Bericht der Kon-
trollkommisfton. Berichterstatter: A. Kaden. 3. Par- lamentartscher Bericht. Berichterstatter: A. Geck. 4. Die Reichsversicherungordnung. Berichterstatter: Hermann Molkenbuhr. 5. Die Reichstagswahlen. Berichterstatter: A. Bebel. 6. Die Maifeier ^Berichterstatter: W. Pfannkuch. 7. Sonstige Anträge. 8. Wahl des Parteivorstandes, der Kontrollkommission und des Ortes, an welchem der nächste Parteitag ftattfinden soll. Vor dem Parteitage findet am 8. und 9. September im Gewerkfchastshaus zu Jena Johannisplatz 14, eine sozialdemokratische Frauenkonferenz statt. — Die vorläufige Tagesordnung dieser Konferenz lautet: 1. Gefchäftsbertcht des Frau- enbüros. a) Agitation, b) Frauentag, c) die Kinderschutzkommissionen. Berichterstatterin: L. Zietz. d) die Leseabende, e) die Beschwerdekommiffionen. Berichterstatterin: O. Baader. 2. Die Frauen und die Reichstagswahlen. Berichterstatterin: K. Zetkin. 3. Die Frauen und die Gemeindepolitik. Berichterstatterin: K. Wehl.
— Fritzlar, 26. Juli 1911. Im Landtags- Wahlkreise M e l s u n g e n - F r i tz l a r stehl bekannt- lich infolge des Ablebens des seitherigen Abgeordneten Gleim eine Ersatzwahl bevor. Gleim gehörte der nationalliberalen Partei an, auf deren äußersten rechten Flügel er stand. Die nationalliberale Parteileitung hat in der Sorge um die Erhaltung des Mandates für die Ersatzwahl bereits einen Kandidaten in Aussicht genommen, den Gutsbesitzer N öll in Gudensberg. Dieser soll sich bereit erklärt haben, der nationalliberalen Fraktion des Landtags im Fall feiner Wahl beizutreten. Wie der Vorstand desKonservativen Vereins für Hessen und Waldeck feststellt, ist nun aber Herr Nöll eingeschriebenes Mitglied des Konservativen Vereins sür Hessen und Waldeck. Dieser Umstand ist — was wohl den Nationalliberalen erwünscht fein mag — geeignet, Verwirrung in den durchaus konservativ gerichteten ländlichen Wahlkreis zu bringen. Der Vorstand des Konservativen Vereins bittet in einem Ausruf dringend alle Wahlmänner, sich vorläufig aller bindenden Erklärungen zu enthalten. Der Bund der Landwirte wird in einer am 30. d. Mts. zu Felsberg stattfindenden Vertrauensmänner-Verfammlung einen Kandidaten aufstellen.
Ausland.
** Die im englischen Unterhause am Montag nachmittag gegen den Premierminister veranstaltete Kundgebung war von etwa 30 unversöhnlichen Unionisten vorbereitet. Sie wird von den Parteien allgemein verurteilt. Die Unionisten unterzeichneten eine Adresse für Asquith, in der sie die dem Premierminister erwiesene Unhöflichkeit bedauern.
*♦ König Also«» von Spanien ist an Bord der Jacht „Giralda", von dem Kreuzer „Reina Re- gente" begleitet, von Santander nach England abgereist.
** Persien. Das Parlament hat den S e p e h- dar zur Abdankung gezwungen. Wahr- scheinlich wird Samson es Saltaneh, der Häuptling der Bachtiaren, an feiner Stelle ernannt werden. Es heißt, daß em hoher Preis auf den Kopf des Ex-Schah ausgefetzt werden soll. Nach einem Petersburger Telegramm der Times sind sich die russische und englische Regierung darin einig, daß die Herrschaft des Regenten in Persien der Wiedereinsetzung Mohammed Alis vorzuzichen wäre.
Die Revolution in Haiti. Die ,Köln. Ztg.' meldet aus New-York: AuS Port au Prince wird gemeldet, daß der ganze Norden in den Händen der Aufständischen fei. Die Regierungstruppen seien bei Croix des Bnquets nach
Die Macht der Sewissenr.
3 Roman von Erich Friesen.
(Schluß.)
Die herniederpeitschenden Regenttopfen kühlen ,hrcn überhitzten Kopf. Sie beginnt ruhiger zu denken. Ihr faßt ein, daß an einem bestimmten Punkte der Landstraße, dort, wo drei Wege ineinander münden, an einem Baume ein Brieflasten angebracht tft
Dorthin null sie ihren Brief tragen! Ob er etwas früher ober später in Virginias Hande gelangt, ist gkeichgiltig. Nur los will sie ihn fein — los! Schneller und schneller eilt Ruth die Landstraße hinab.
In der Feme rauschten die majestätischen Wellen des Allanttschen Ozeans: durch die Zweige des Fichtenwaldes geht es wie ein volltönender Grabgesang. Eiliger fliegen die Wolken am Himmel, hier und da dem bleichen Schein des Mondes einen Durchblick gestattend.
Don Zeit zu Zett hält Ruth in ihrem rasenden Lauf inne, um Atem zu schöpfen. Wie eine Furie bläst der Wind hinter ihr her und droht jeden Augenblick, fie umzureißen. Sie sucht den Schuh der Hecke und preßt die Hand aufs Herz. Ha, wieder jenes quälende, atemraubenbe Gefühl! Doch weiter, immer weiter! Es gilt, ihr Gewissen zu entlasten, ihre Seele zu befreien. —
Jetzt sieht sie von weitem den ersehnten Briefkasten. Doch wie dorthin gelangen? Der Sturm schleudert sie wie einen Ball von einer Sette zur "andern. Zweimal, dreimal versucht sie, mit Aufbietung aller Kräfte das letzte Stück bergansteigen- 'ben Weges zu nehmen — vergebens.
Da endlich gelingt es ihr.
Mit vorgeschobenem Kopf und angehaltenem Atent schießt fie im Zickzack die Anhöhe hinauf. Jetzt sreht fie neben dem Briefkasten; totenbleich, an allen Gliedern zitternd, nach Atem ringend lehnt sie an dem Baum.
Ihre Gedanken konzentrieren sich alle auf einen einzigen Gegenstand — auf den Brief in ihrer Tasche. Sie wird garnidjt gewahr, daß ihr schon eine Zeitlang jemand folgte.
„Ruth! Hörst du nicht. Was machst du da?" ruft es plötzlich in ihrer Nähe.
Es ist Armin. Ruth zuckt zusammen. Mtt einem Gemisch von Freude und Entsetzen fühlt fie, daß seine Stimme, seine Nähe wieder Einfluß auf fie gewinnen.
Fest drückt sie die Hand auf den verhängnisvollen Bries in ihrer Tasche.
„Äomm nachhause!"
Armins Stimme klingt rauh vor Erregung. Er versucht, ihre Hand durch feinen Arm zu ziehen. Sie widerstrebt. Mtt gesenkten Lidern steht sie vor ihm. Sie wagt nicht, chn anzusehen, aus Furcht vor dem hypnotisierenden Blick seiner Augen.
„Komm Ruch! Ich bitte dich!" wiederholt er sanft. „Wie kannst du diesem Wetter Trotz bieten! Du weißt nicht, was du tust."
Ruths Hand steckt noch immer in ihrer Tasche. Durch eine rasche Wendung des Körpers fteCt sie sich so, daß sie mtt Leichtigkeit die Einwurfsspalte deS Brieflastens erreichen kamt.
„Ich weiß wohl, waS ich tue," erwiderte sie hastig, immer die Einwurfspalte im Auge behaltend. „Ich will einen Brief in den Kasten hier werfen."
„Und deshalb rennst du wie toll in Wind und Wetter hier her? Konntest du chn nicht in unfern Postsack stecken?"
Sie schüttelt den Kopf.
„Nein, nein, hier sst er sicherer. Du weißt nicht, was er enthält."
Jetzt wird Armin aufmerksam.
„Wieso? WaS benn?1
„Untere Geschichte. Ich habe Virgina gebetchtet.
Blitzschnell zicht Ruch bte Hand aus der Tasche, und ehe Armin den Sinn der Worte ganz begriffen hat, fällt der Brief mtt dumpfem Schall in den Kasten.
Jetzt, da das Werk vollbracht, bricht chre Willenskraft zusammen. Ihre Gedanken, die sie vorhin mit Aufbietung aller Kräfte auf einen bestimmten Punkt gerichtet, irren wirr durcheinander. Wie ein gescholtenes Kind steht sie vor dem Gatten, der leichenblaß den Briefkasten anstarrt.
„Was ist geschehen?" fragt fie ängstlich._ „Warum stehe ich hier im Nassen? Weshalb schlägt mir der Regen ins Gesicht? Bist du da, Armin? Ach, ich fürchte mich so. Mir wird ganz schwindlig. Halte mich! Halte mich! Warum sprichst du nicht zu mir, Armin?"
Er hört nicht auf sie. Noch immer starrt er den Briefkasten an. Dort drinnen, nur durch eine dünne Eisenwand von ihm getrennt, liegt der unglückselige Brief, der ihm alles nimmt — Besitz, Stellung, Ehre. Und er kann es nicht hindern, er kann den Brief nicht erreichen, kann ihn nicht zerreißen, ihn in alle Winde zerstreuen!
Er ballt die Fäuste. Ruth sährt fort, ihn zu bitten, zu beschwören, fie nachhause zu bringen. Er achtet nicht auf sie. Einen Augenblick kommt ihm der wahnsinnige Gedanke zu versuchen, ob er den Briefkasten zerbrechen könne; aber er verwirft ihn sofort wieder. Seine Vernunft sagt ihm, daß dies unmöglich, daß fein Geschick entschieden ist. Wieder herunter von der Letter zum Reichtum, zur Popularität, zum Ruhm, deren meiste Sprossen er durch vieles Grübeln, durch unendliche Sorgfalt, ja durch Verbrechen schon erklommen — herunter in den Abgrund der Armut, der Verachtung, vielleicht des Kerkers. . . -
Und dies alles hat er der Fran zu verdanken, die jetzt zitternd und flehend sich an thn klammert — der Frau, die ihm half, so hoch zu fteigen, um chn nun um so tiefer fallen zu lassen, Zormg schüttelt er ihre Hande ab. Er könnte fie schlagen, diese Frau. s , -
Doch nein, fie ist ja krank, sie ist nicht mehr für chre Handlungen verantwortlich. Sein schon erhobener Arm nntt herab.
,^omm!" sagt er rauh, indem er ihr die Han! reicht.
Wie zwei verlorene Seelen, die aus dem Paradies getrieben werden — so eilen sie, Hand in Hand, die Landstraße hinunter. Schnaubend treibt der Wind hinter ihnen her.
Ruth fängt an zu schluchzen. Sie sehnt sich nach dem warmen Zimmer, nach dem Bett, nach dem Schlummer — sehnt sich darnach wie ein übermüdetes Kind.
Ihr Schritt wird langsamer, schwerer. Fester umspannt Armin ihr Handgelenk.
„Du tust mir weh!" wimmerte sie. „Blick muh nicht so böse an, Armin! Was habe ich denn getan?
„Was du getan hast?" preßt er zwischen den Zähnen hervor. „Du hast mich ins Verderben gestürzt. Ich fluche dem Tag, da ich dich zuerst sah!
Und in einem Anfall von Wut schleuderte er ihre Hand von sich. Ruth stößt einen fürchterlichen Schrei aus. In chrem Hirn beginnt es zu dämmern.
„Ich entsinne mich," murmelt sie, die Hände vors Gesicht schlagend. „Ich habe meine Sünde gebeichtet. Ich vermag es, deine schrecklichen Worte zu ertragen — denn Gott zürnt nicht mehr. Einst werde ich mein Kind Wiedersehen — mein liebes, süßes Kind, dessen verklärter Geist droben im Himmel wohnt." . , r, ,
„Komm!" unterbricht sie Armin barsch, nach ihrer Hand greifend.
Voll Abscheu stößt sie die Hand von sich.
„Laß mich! Denkst du, ich werde mich wieder dem Bösen ergeben? Keine Nacht schlafe rch mehr in der Waldburg. Ich habe kein Recht dazu Ich bleibe draußen m Gottes freier Natur. V-elle chl erscheint mir im Traum wem Kind — laß m:cy>
schreit sie ans. Dann wendet sie sich blitz- Kund stürmt davon. Emen Augenblick steht t wie erstarrt. Dann eilt er ihr nach. Em, wilde Jagd beginnt.
Wie ein Gespenst fliegt die weiße Gestalt vor ihm her. Instinktiv schlagt sie den Weg ein, den