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gierung gebraucht immer den alten Trick, daß sie von den Taten der Karbonarios nichts wissen will.

Ernst glauben.

im

6235 im Jahre 1909, sie stieg dagegen in den Real- gymnasten von 2058 auf 4363, in den Oberrealschu- ! en von 447 auf 1740. Auch die Schülerzahl in dm berliner Realschulen nahm von 1890 bis 1909 von 2058 auf 4363 zu. Interessant sind auch die Durch- chnittszahlm für den preußischen Staat. Es kamen auf 10 000 Einwohner 30 Schüler humanistischer und 26 realistischer Lehranstalten, in der Provinz Posm dagegen auf 10000 Einwohner 38 humanistische, da­gegen nur 2 realistisch gebildete Schüler, in Berlin 36 Humanisten und 57 Realisten. Eine Verschiebung, wie sie sich in diesen Ziffern knndgibt, war als Folge der Rmregelung des Berechtigungswesens von vom- herein zu erwarten.

— Eine nicht unberechtigte Frage stellt die .Germania' in ihrem letzten Brief aus Holland":

„Im parlamentarisch regierten Holland sind die Minister nicht auf Rosen gebettet. Ihre Existenz hängt immer nur an einem dünnen, seidenen Faden; sie sind' der Spielball der Parteien und in vielerlei Beziehung chlechter dran, als ihre Kollegen in Preußen oder Deutschland. Andererseits jedoch, als Menschen und Bürger erfreuen sich die niederländischen Minister der denkbar größten Freiheit. Sie dürfen sogar — man höre und staune! — in einem „Jcsuiten- kloster" an den Exerzitien teilnehmen, ohne daß die nichtkatholische bezw. freisinnige Presse gleich Zeter und Mordio schreit. Haben doch vor einigen Wochen drei — sage und schreibe drei wirkliche Minister, nämlich die beiden Regouts (zwei Brüder, wovon der eine Justizminister, der andere Minister der öffentlichen Arbeiten ist) und Finanzminister Kolk­mann zusammen mit einer ganzen Anzahl katholischer Abgeordneten im Exerzitienhaus Manresa zu 'Venlo 'holl. Limb.) dreitägige Exerzitien gemacht. Was würde wohl die freisinnige Presse in Deutschland dazu sagen, wenn ein aktiver preußischer Minister seine reli­giöse Neberzeugung so offen an den Tag legte?"

Ausland.

** Die Kirchenfeinde haben im „geeinten" Italien noch immer Oberwasser. Bei einer gegen die Katholiken gerichteten Kundgebung in Traste- vere kam es am Sonntag zu Streitereien vor der Karmeliteffen-Kirche. Die Sozialisten bewarfen die aus Anlaß der kirchlichen Feier geschmückten Fenster mit Steinen und brüllten: Nieder mit d en Geistlichen; Hoch Giordano Bruno! Es lebe die Republik. Die aus der Kirche strömenden Gläubigen stimmten Marienlieder an, während hunderte von Kirchenfeinden die Gari- baldihymne sangen. Als ein Anarchist sich mit Lästerworten an das Volk wandte, säuberte Polizei den Platz und stellte die Ordnung wieder her.

** Die Revolution der „vnniinstigen Leute". Ein Blatt in der spanischen Stadt Vigo veröffentlicht den Aufruf eines republikanischen Journalisten Lugos, der g flüchtet ist. In diesem Aufruse heißt es: „Zu den Waffen, ihr Portugiesen! Es ist nicht eine monarchistische Revolution gegen die Republik, es ist eine Revolution aller vernüastigen Leu e, die sich von den jetzigen Verhältnissen im Lande verletzt und gedemütigt fühlen. Man weiß nicht, ob die Monarchie wieder kommen wird, aber ich ziehe die königliche Herrschaft der Tyrannei der Carbonari vor. Zu den Waffen für unsere Familie, für unser Eigentum, für unsere Freiheit. Den Tyrannen darf kein Pardon gegeben werden."

* Die Jakobinerherrschaft in Portugal. Die Ange­legenheit des portugiesischen Pfarrers Arpais, der nach einem offiziellen Berichte des Gouverneurs von Orense nach Portugal geschleppt worden war, ge- staltet sich sehr eigenartig. Der Madrider portu­giesische Gesandte Vasconsellos bestreitet nicht nur, daß portugiesische Agenten je spanisches Gebiet be- treteu hätten, sondern auch, daß die portugiesischen Behörden von der Existenz eines Geistlichen Arpais etwas wußten. Tie Mehrheit der Bewohner von Perin verlangen in einer Eingabe an die Regierung, daß Truppen in jene Gegend entsandt werben, um die Invasion von Portugiesen zu verhüten. Sie bleiben darauf bestehen, daß Arpais, den sie persön­lich kennen und der sich bei ihnen befand, auf portugiesisches Gebiet geschleppt wurde. Es läuft mit Beharrlichkeit das Gerücht uw, der Geistliche lei im Gefängnis ermordet und sein Leichnam bei­seite geschafft worden. — Tie portugiesische Re

2. Blatt.

Druck et> Verlag ter Fuldaer Aettendrucker« iw Zwlte.

ihr Kopf auf einmal frei sei — jeder Druck, jede Be­nommenheit geschwunden.

Mit kurzen Worten schreibt sie ihr ganzes tra­gisches Schicksal nieder von dem Tage ihrer geheimen Vermählung an bis zu dem Augenblick, da sie das Gebetbuch mit dem von Fräulein Palmers Hand geschriebenen Bibelspruch in der Kirche fand. In großen Schriftzügen setzt sie ihren Namen barunter, faltet die Bogen, ohne sie noch einmal durchzulesen, zusammen und steckt sie in ein Kuvert mit Virginias Londoner Adresse.

Tief atmet Ruth auf. — Endlich! Endlich! Aber wie den Brief zur Post bringen? Eine fieberhafte Unruhe erfaßt sie. Wenn Armin käme, bevor der Brief abgesandt ist!

Sie öffnet die Tür nach dem Korridor. In dem sonst so stillen Hause geht es heut geräuschvoll zu. Fußtritte, Türenzuschlagen, leises Gemurmel all­überall. Dazwischen banges Aufschluchzen, heiteres Kinderlachen. —

Schnell tritt Ruth wieder ins Arbeitszimmer zu­rück. Ihren überreizten Nerven ist der Lärm uner- ttäglich. Und draußen hinter den zugezogenen Gar­dinen unermüdliches Riederplätschern, unermüdliches Sturmgeheul.

Sie zieht die Glocke und fragt den eintretenden Diener, ob der Postsack schon zur Post gebracht sZ. Der Diener verneint; auch wäre es unwahrscheinlich, daß der Postsack überhaupt heute noch abginge. Die Wasser stiegen immer höher.

Erregt geht Ruth im Zimmer auf und ab. Ihr Brief liegt ihr wie ein Stein auf dem Herzen. Wenn sie ihn nm erst los wäre! Und habe wwderdist unerträglichen Kopfschmerzen dies wüste Gefühl im Hirn, dies Pochen in den schlafen! —

Jetzt hält er es nicht mehr aus. S»e selbst will versuchen, den Brief zur Post zu tragen; Vielleicht lst die Flut gar nicht so schlimm. Eilends wirst sie einen dicken Shawl um Kopf und Schultern und rennt hin» aus in die kalte, sturmbewegte Nacht.

(Schluß folgt.)

beendet ist, legt sie ihn mitten auf den kleinen Hügel. Und wieder trifft ein Sonnenstrahl die einsame Mut­ter cm Grabe ihres Kindes. Die Wärme dringt bis in ihr Herz und schmilzt dort das harte, eisige Gefühl des Meinseins. Sie hebt die Augen gegen Himmel.

Da ist es ihr, als ob mitten aus dem Sonnenschein das Antlitz ihres Kindes sie anblicke. — Und die Ge­stalt des Kindes wird größer und größer und heller und vermischt sich mit dem Sonnenschein und schwin­det plötzlich ganz hinweg. —

Ruth fährt sich über die Augen. Noch einen Blick wirft sie auf den kleinen Hügel. Dann begibt sie sich auf den Heimweg.

In ihrem Kops vermischen sich zwei Bilder; die Vision ihres verklärten Kindes und die Handschrift ihrer Tante mit dem Bibelspruch: „Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner Seele," — —

Als sie die Treppe zur Terraffe emporsteigt, tritt ihr die alte Haushälterin entgegen.

„Um Gotteswillen, wo waren Sie, Frau Skott?

Ihr Kleid ist ganz naß!"

„Am Grabe meines Kindes, ßaffen Sie mich jetzt! Ich habe keine Zett. Ist mein Mann zu Hause?"

„Rein, Herr Skott ist drunten im Dors. Er schickt die Frauen und Kinder hierher. Die Scheunen sind schon alle gefüllt. Ich weiß nicht wo ich die letzten unterbringen soll."

„Führen Sie sie ins Haus, liebe Frau Marrison! Stellen Sie sämlliche Zimmer des oberen Geschoffes den Frauen und Kindern zur Verfügung! Die Män­ner können in den Scheupen bleiben. Und sorgen Sie, daß alle etwas zu effen bekommen!"

„Ja, Frau Skott. Und Sie, wollen Sie nicht et­was zu sich nehmen? Sie sehen ermüdet aus."

„Rein, ich danke. Ich habe eine wichtige Arbeit vor mir. Sorgen Sie, daß ich nicht gestört werde, Frau Morrison! Lasten Sie niemand zu mir herein — außer meinem Mann. Ihn will ich fofort spre­chen, sobald er zurückkebri."

Erhaltung de, Schutze» der nationa- l e n A r b e i t die natürliche Wahlparole tft. Aus dieser Erkenntnis heraus haben sich auch die Schwer- industriellen vom Hansabund entfernt; sie haben eingesehen, daß der Hansabund dresen wrrtschast- lichen Schutz bekämpft. Zutreffend schrerbt bte „Kreuzzeitung":

„An dieser Feststellung ist nicht zu rütteln! Der Linksliberalismus, dem der Hansabund bient, und die Sozialdemokratie, die vom Hansabund erst nach den Wahlen zum nächsten Handelsvertrag-Reichstag bekämpft werden soll, find freihändlerisch und werden es bleiben. Mag die fortschrittliche Volkspartei und mag der Jung- liberalismus auch sonst alle möglichen guten Absichten hinsichtlich der Industrie und des Handels haben: einen ausreichenden Zollschutz durchzusetzen sind nur die Rechte, der Altnationalliberalismus und das Zen­trum entschlossen, und darum können dmemgen Er- werbsstände, denen unter den heutigen Verhältnissen des Weltmarktes der Zollschutz unentbehrlich ist, den Kampf gegen alles, was rechts steht, nicht mttmachen. Sie haben in den 2 Jahren nach dem Rücktritte des Fürsten Bülow einsehen gelernt, daß dessen letzte Gründung, an der allzusehr sein Her, hing, der konser­vativ-liberale Block, die Probe der Zolltarifberatung ganz fiter nicht bestanden hätte, wenn er auch ausder Finanzresorm »unversehrt hervorgegangen wäre. Aber sie haben ferner erkannt, daß Zentrum, Konser­vative und Altn ationalliberale sehr wohl m wirtschaftspolitischen Fragen sich verständigen und er­trägliche Kompiomiffe schließen können, sodaß das Ausscheiden des Fortschritts und des Jungliberalismus aus der Arbeitsmehrheit gar kein so großes Unglück ist. Und darum können sie sich der Desparade­politik RießerS nicht anvertrauen, die „der ge­fährlichsten Feindin aller gesunden Weiterentwicklung unterer Gewerbetätigkeii", der Sozialdemokratie, Vor­schub leistet, um die bisher zuverlässigsten Bundes- aen offen der Industrie und des Handwerks, die Rechte und das Zentrum, außer Gefecht zu setzen. So stehen die Dinge, und Herr Rießer mag reden, was er rotJ, er ändert an der Tatsache nichts mehr.....Es macht

auch auf die Sezesstonisten offenbar nicht den geringsten Eindruck, daß sie vom Hansabund als Verbündete der Agrarier denunziert werden. Ein solches Bündnis be­steht selbstverbändlich noch nicht; es könnte vielleicht einmal geschloffen werden; aber das hängt doch sehr von den Ansprüchen ab, die von beiden Seiten an den Zolltarif gestellt werden." . __ ,,

Daß Zentrum und Konservative um eine Wahl­parole verlegen seien und es nötig hatten, sich eine solche für die Wahlen erst künstlich zu konstruieren, kann angesichts dieser politischen Lage wohl niemand

Die Macht »cs Gewissens.

54] Roman von Erich Friesen.

Ta stößt sie mit dem Arm an etwas Hartes. Klatichend fällt es zu Boden. Sie bückt sich und hebt än Gebetbuch aus. Bevor sie es wieder an seinen Platz neben dem Familienstuhl legt, wirft sie einen flüchtigen Blick darauf.

Ursula Palmer, Geboren 8. März 1830", steht fa zierlichen Goldbuchstaben in der einen Ecke des fdHrmqen Lrdereinbandts.

Unwillkürlich öffnet Ruth das Buch. Da fallt ihr Blick auf die wohlbekannten kräftigen Schriftzüge der alten Dame.

„„Was nützt es dem Menschen, wenn er bte ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele?""

first sie mit bebenden Lippen.

Sie liest die Zeilen einmal, zweimal, dreimal. Ihr Gesicht ist totenbleich. Hasttg, als brenne sie der Boden unter den Füßen, verläßt sie die Kirche.

Draußen bleibt sie stehen. Wieder fühlt sie jene Merkwürdige Benommenheit im Kops. — Warum ist ste hier auf dem Kirchhof, Weshalb trägt sie einen Korb mit Blumen? Was soll damtt geschehen? — Und plötzlich fällt ihr alles wieder ein. Die tief am Himmel stehende Sonne wirft ihre langen Strahlen auf all bte feuchten Gräber. In den Zweigen zwit­schern die Vögel ihre munteren Weisen. —

Ruth lenkt ihre Schritte nach dem Erbbegräbnis .her Palmers. Niemals hat sie noch dem Grabe chres Hindes gefragt; doch nimmt sie an, daß es sich dort "fii der Nähe befindet. Vor einem winzigen Efeu- tügel neben dem reichummauerten Erbbegräbnis bleibt sie stehen. Kein Kreuz, keine Blume schmückt den Heinen Hügel — aber eine innere Stimme sagt ihr, daß sie zur Stelle ist.

Sie läßt sich auf dem Hügel nieder. Etftig be- «tmun ihre FinaZr die Mumm zum Kranz zu roinben. Sie hat Draht, Schere,«d Bindfadm mitgenommen; so geht die Arb p ftinl ton statten. Als bet Kran,

Amt Geisa und Umgebung.

* Oechsen, 25. Juli 1911. Auf bet Gewerkschaft Heiligen müh le wird ein Logierhaus für Ar­beiter gebaut. Ein ebensolches ist auf dem der Gewerkschaft gehörigen Grundstücke gegenüber dem Schorn für die Basaltarbeiter geplant. Eine Bahnhofswirtschaft ist ebenfalls in Aussicht ge­nommen.

* Weida, 25. Juli 1911. Die Folgen der anhal­tenden Trockenheit machen sich auch für die hiesige Industrie bemerkbar. In zwei Abteilungen der Weldaer Jutespiunerei und Weberei, in der etwa 600 Arbeiter beschäftigt sind, mußte der B e- trieb e i n g e ft e 111 werden, weil der Dampf­kessel aus dem Wasser des Weibaflusses nicht mehr gnügenb gespeist werden konnte.

* Aus Thüringen, 25. Juli 1911. Nachdem die Maul- und Klauenseuche im Kreise Mei­ns n g e n weitere Verbreitung angenommen hat, sind bis auf weiteres von der zuständigen Stelle alle Viehmärkte im Kreise Meiningen, insbesondere aber ist die Abhaltung des Znchtviehmarktes am 24. b. Mts., sowie des Schweinemarktes am 25. d. Mts. in der ©tabt Meiningen verboten worden. — Aus dem Truppenübungsplatz Ohrdruf ereigneten sich

+ Wahlparole».

Es ist eine Politisch interessante Erscheinung, daß »erabe von denienigen Parteien, welche am krampft |afteften nach einer zugkräftigen Parole suchen, dem Zentrum und den Konservativen nachgesagt wird, Pe bemühten sich eifrigst, eine WahlParole ausfindig Tu machen, um das Volk über die politische Siwation hinwegzutäuschen und sich aus den Schwierigkeiten, in die sie ihre Politik hineingefuhrt, heraus zu retten. So schreibt der „Vorwärts":

„Das döse Gewissen schreit nach einer Wahlparole, rach einer Zauberformel, die das deutsche Volt verwirren und benebeln soll, damit es ver­gesse und taumelnd an die Urnen gehe, um seine Femde noch einmal zu wählen".

Uns ist nichts davon bekannt, daß das Zentrum auf der Suche nach einer künstlichen Wahlparole sei; auch in der konservativen Presse haben wir der­artiges nicht beobachtet. Ebensowenig trifft es zu, daß diese Parteien daraus hinausgehen, Verwirrung anzustiften. Wer die Verwirrung anrichtet, das feftzustellen hat man jeden Tag Gelegenheit. Wir verweilen nur auf die Agitation des Hans a - Bundes. Ist nicht die Krisis, die im Hansabunde lingetreten ist, gerade eine Folge der Verwirrung sie er eingeleitet hat? Der Hansabund hat die öf­fentliche Meinung dahin irreführen wollen, daß die jetzige Mehrhett des Reichstages für Handel, Industrie und Gewerbe kein Verständnis und In­teresse habe und daß daher die Gefahr, welche von diesen Parteien drohe eine größere fei als die Ge­fahr seitens der Sozialdemokratie. Und diese Pa­role gab man aus, um das Augenmerk der Oeffent- lichkeit davon abzulenken, daß der Hansabund die Abbröckelung der Schutzzollpolitik beabsichtige. Lügen haben kurze Beine und so war die gegenwärtige Flucht aus dem Hansabund die na­türliche Konsequenz. Die neue Erklärung des Han- sabundes, welche die Berliner Konferenz dieser Tage veröffentlicht hat, stoppt ja inbezug aus die Sozialdemokratie etwas zurück. Die „Tägl. Rund­schau" meint, der Hansabund scheine jetzt den Ernst der Sage mehr zu würdigen, als es bis jetzt der Fall gewesen. Tas mag sein, aber wir geben uns in­bezug auf diese Erklärung keiner Täuschung hm. Sie beweist nut, das man es, um die Flucht aus dem Hansabund, wenn möglich zu sistieren, für opportun gehalten hat, den Kampf gegen die So­zialdemokratie theoretisch etwas stärker zu betonen, ober der alte Geist, der Geist Riefers wird nach wie vor im Hansabund der herrschende sein. Das beweist »eutlich die Haltung der fteisinnigen Presse.

Tas „Berliner Tageblatt" ist zwar von seiner bisher zur Schau getragenen Genugtuung und Freude über den Klärungsprozeß im Hansabund zurückgekommen. Es sieht sich jetzt zu dem Aus- druck des Bedauerns veranlaßt, daß von einem Teil der schweren Industrie des Westens versucht werde, einen Keil in die liberale Phalanx zu treiben. Während das Blatt es noch vor kurzem als ern Glück bezeichnete, daß die Quertreiber in der schwe­ren Industrie dem Hansabund den Rücken kehrten, bewertet es heute ihren Austritt als „Verräterei . ^as klingt schon anders. Es sieht die Wahlparole des Hanfabundes gefährdet und darum fabmrert es wn einer Verständigung des Agrariertums mit der Schwerindustrie dahin, daß beide gemein,am den Raubzug auf die Taschen der Konsumenten nnter- uehmen: Eisenzölle sür Brotzölle'. Aehnlich der .Vorwärts", den die Verwirrung ,o wett treibt, daß ’.'v sich nicht scheut zu behaupten, daß die heutige Teuerung nach dem Plane von Konservativen und Jeutrum verschärft und gesteigert werden solle.

Reue Brot,ölte, um die Grundrente zu ertiöii'en und die Vodenpreije hinauszutreibcn, neue int», iielle Schutzzölle, um die Kartellprosite zu steigern, Las i i der saubere Plan, der im neuen Reichstag ver wirt! cht werden soll. Das ist nicht die Wahlparole der Herrschenden, aber ihre heimliche Absicht.' Taher macht der „Vorwärts" den Kampf gegen den Brotwucher :c. zur Wahlparole. Wir meinen, daß die bürgerlichen Parteien, abgesehen von den Link' liberalen und dem Freisinn eine eigentliche Wahlparole gar nicht nötig haben. Sie ergibt sich aus der gegenwärtigen Situation von selbst. Der neue Reichstag wird über den Zolltarif be­finden inüssen. Der Schutz der nationalen Arbeit ist durch die Sozialdemokraten und die Linksliberalen in Frage gestellt, daher ergibt sich von selbst, daß die

Erhobenen Hauptes schreitet Ruth den Korridor entlang in Annins Arbeitszimmer. Die alte Haus­hälterin blickt ihr kopfschüttelnd nach. Sie kennt Ruth von Kindheit an und ahnt, daß etwas Außergewöhn­liches in ihr vorgeht.

Armins Arbeitszimmer ist ein Bild der Behag­lichkeit. Die Vorhänge sind herabgelassen. Eine rot­verhüllte Lampe steht mitten auf dem antik geformten Tisch. Lustig flackert das Feuer im Kamin.

Ruth schließt die Tür hinter sich und setzt sich an den Schreibtisch. Auch hier gibt sich Armins peinliche Ordnungsliebe zu erkennen. Jeder Gegenstand liegt an seinem bestimmten Platz.

Ruch legt einen Bogn Papier vor sich hin, er­greift die Feder und schreibt:

„Meine liebe Virginia!"

Sie legt die Feder wieder hin. Wie soll sie nur beginnen?

„Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele?" summt es ihr durch den Kops.

Sie steht auf. Ein schmerzlicher Zug lagert um ihre Lippen. Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

„Ich muß mein Seelenheil retten — ich muß!" murmelt sie erregt. „Ich glaubte meine Seele, mein Gewissen tot; abe sie schliefen nur. Was ich vor habe, muß ich rasch tun; sonst kommt er, mein Gatte, und verbietet es mir. Vielleicht ist meine alte Liebe zu ihm erwacht, und ich stehe wieder unter der Macht seines Willens. Nein, nein, nein — das darf nicht geschehen!"

Sie finkt in die Knie. „O, mein Gott, verleihe mir die richtigen Worte! Laß mir Zeit, den Brief zu schreiben, ehe der böse Einfluß wieder über mich kommt! Gott, mein Gott, gib mir mein ruhiges Ge­wissen wieder!"

Ihre Augen leuchten, ihre Wangen glühen. Nasch springt fie empor und setzt sich an den Schrerbttsch. Die Feder fliegt über das Papier. Ihr ist, als ob

Aus dem Nachbargebiete.

* «u8 der Rhön, 24. Juli 1911. Im Jahre w™ auch in diesem Jahre wurden auf Schloß Fredrikstem beim Holzberg zwischen Bischofsheim und Wüstensachfen auf der hohen Rhön zusammen zirka 13 Hektar Fläche mit 130,000 Fichten bepflanzt. I» den Jahren vorher find auch viele Taufende Pflanzen gesetzt worden. Dies sind die größten Rhön-Aufforstungen, die hier in der Gegend vorgenommen wurden; die Höhe ist über 850 Meter. Es ist sehr erfreulich, daß die Aufforstung der jetzt kahlen Bergrücken der hohen Rhön so eifrig geför­dert wird.

(*) Soden-Stolzenberg, 24. Juli 1911. Gestern fand dahier im geräumigen Saale zum goldenen Hirsch auf Einladung des Herrn Pfarrer Schulz eine Versammlung des hiesigen Volksver­eins statt. Herr Benefiziat Krieg aus Fulda widerlegte in gründlicher und packender Weise die antickristlichen und antistaatlichen Irrlehren und wirtschaftlichen Phantastereien der Sozialdemokratie und hob insbesondere hervor die notwendige Zu­sammenarbeit der verschiedenen christlichen Konfes­sionen gegen den gemeinsamen Feind, als den man auch den Liberalismus, den Vater der Sozialdemo­kratie, zu betrachten hat. Nach den sehr klaren Auseinandersetzungen erteilte Herr Rechnungsdirektor Böschen aus Kassel wie auch Herr Pfarrer Schilo aus Eltville noch manche guten Ratschläge inbezug auf Themata für weitere Versammlungen. Herr Direktor Böschen erklärte sich bereit, später einen Vortrag zu halten, was mit großer Freude ausge­nommen wurde. — Trotz der großen Hitze war die Versammlung sehr gut besucht.

* Hersfeld, 24. Juli 1911. In dem Fabri­kationsraum der Jutespinnerei der.Firma Ang. Gottlieb A.-G. entstand durch Selbstentzün­dung der in diesem Raum lagernden Inte ein größerer Brand. Vernichtet wurden etwa 200 Zentner Jute. Außerdem wurden mehrere Maschinen sowie Gebäudeteile mehr oder weniger beschädigt. Der Schaden dürfte einige Tausend Mk. betragen. Bereits am Samstag und am Donners­tag hatten infolge der zurzeit herrschenden großen Hitze Selbstentzündungen der Jute statt- gesunden. Beidemal jedoch konnten die Brande von der Fabrikfeuerwehr gelöscht werden, ehe sie großen Umfang angenommen hatten.

* Rotenburg, 23. Juli 1911. In B r a a ch wurden heute morgen die Pferde zur Schwämme in die Fulda geritten. Hierbei ertrank der einzige Sohn des Schneidermeisters Fischer, ein junger hoff­nungsvoller Mensch von 24 Jahren. Trotz so­fortiger Hilfe gelang es nicht, das Unglück abzu­wenden. Die Leiche ist geborgen; das Pferd konnte sich retten.

Deutsches Reich.

* Gymnafialreform und Abnahme der Schüler­zahl. Zu den jüngsten Meldungen über die Reform der Ghnmasien wird der „Inf." über die Abnahme der Schülerzahl der Gymnasien und die Zunahme der Schülerzahl auf anderen höheren Lehranstalten fol­gendes mitgeteilt: Trotz einer Vermehrung der hu­manistischen Gymnasien in Preußen von 329 im Jahre 1906 auf 342 im Jahre 1910 hat die Schülerzahl fast ständig abgenommen, und zwar von 103 979 im Jchre 1906 auf 101717 im Jahre 1907 und auf 101094 im Jahre 1908. Im Jahre 1909 erfolgte zuerst eine kleinere Steigerung, und zwar auf 102 297 und im Jahre 1910 auf 103 643. Gegen das Jahr 1906 be­deutet dies aber immer noch eine Abnahme von 336 Schülern. Die Lehrkräfte in den humanistischen Gym­nasien wuchsen, was mit dec Neugründung der 13 Gymnasten zu erklären ist, von 6199 auf 6481, also eine Zunahme an Lehrern, die beinahe so groß, als die Abnahme an Schülern ist. Die Realgymnasien vermehrten dagegen ihre Schülerzahl von 31668 au 31 214, 37 683, 41202, 44 885 in denselben Jahren. Zu berücksichtigen ist allerdings dabei, daß 44 Real­gymnasien neu errichtet wurden (108 im Jahre 1906, 152 im Jahre 1910). Auch die Schülerzahl in den Oberrealschulen hat sich bei 29 Neugründungen von 27 086 auf 26 985, 30 702, 34 737, 37 677 für die genannten Jahre gesteigert. Abnahmen haben da­gegen stattgesunden an den Progymnasien, Realpro- gymnaflen und Realschulen, und zwar von 5016 am 3885 in den Progymnasien, von 4551 auf 4019 in den Realpxogymnasien und von 39 551 auf 32 484 in den Realschulen, für die Jahre 1906 und 1910. Ganz beionders charakteristisch sind in dieser Hinsicht die Berliner Schulen. In den hurnanistifchen Gymnasien fiel die Schülerzahl von 8800 im Jahre 1890 auf

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38. Jahrgang.