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Fulda, Montag den 24. Juli 191L

38. Jahrgang

166.

über den Ausgang dieser diplomatischen Angelegen­heit vorliegrn.

stimmen zum Abgeordnetm gewählt. Während die Sozialdemokraten sich der Stimmen enthielten, traten die Fortschrittler für Junghenn ein. Die Nationalliberalen werden voraussichtlich das Man- bot behaupten.

Im österreichischen Abgeordneten­hause überreichten die Abg. Sustersie und Genossen eine Interpellation an den Ministerpräsidenten. Unter Hinweis auf die In der Marokkofrage ge­schaffene neue Sachlage sowie aus die wichtigen Han- delsinteresien Oesterreich-Ungarns in Marokko wird die Regierung gefragt, wie sich die Monarchie zu der neuen Lage verhalte und welche Maßnah­men ergriffen worden seien, um die Interessen des Landes unter allen Umständen zu wahren, insbe­sondere einem schädlichen Präjudiz durch die zwischen Deutschland, Frankreich und England eingeleiteten Verhandlungen vorzubeugen.

Deutscher Reich.

** Berlin, 24. Juli 1911. Der Kaiser hielt am Sonntag in üblicher Weise den Gottesdienst an Bord der „Hohenzollern" ab. Nachmittags empfing der Monarch Gäste und machte einen Spaziergang.

Das Gerücht von der Niedermetzelung einer deutschen Patrouille unter dem Distrikts- kommissar v. Frankenberg, die sich hart an der Grenze des Caprivizipfels abgespielt haben soll, scheint sich leider zu bestätigen, wenn auch die amtliche Meldung noch in sehr unbestimmten Ausdrücken gehalten ist. Während die erste Nachricht, die auf englische Quellen zurückgmg, noch von zwei weißen Sergeanten sprach und Herrn v. Frankenberg als gerettet bezeichnete, ist in der amtlichen Meldung nur von dem Tode der 40 Träger und den Soldaten die Rede. Merkwürdig erscheint eS, daß von Herrn v. Franken- berg, der sich vermutlich auf englischem Gebiet in Sicherheit gebracht hat, bisher keine Nachricht eingetrosfen ist. Aus Deutsch-Südwestafcika ist im Reichskolonialamt folgendes Telegramm des Gouverneurs eingetroffen:

Die Restdentur des Caprivizipfels drahtet, es ver­laute dort gerüchtweise, daß die Kolonne Frankenberg bei Andara durch Niangama-Leute überfallen worden sei. 40Träger und Soldaten sollen tot sein. Nach Feststellung des Tatbestandrs werde ich sofort weiter telegraphisch berichten.

Zu dieser Meldung des Gouverneurs wird bemerkt, daß Andara oder Libebe am westlichen Ende des Caprivizipfels nahe der Grenze des Ngami-Landes liegt. Die Leute des Häuptlings Nrangama sitzen nach früheren Berichten des Hauptmanns Streitwvlf in der Nähe von Libebe am Okavango, aber auf portugiesischem Gebiet. Wie da« ,H. %.* hört, ist den Berliner Ange- hörigen des Herrn v. Frarikenberg auf Anfrage soeben ein Telegramm der englischen Behörde in Livingstone zugegangen, wonach es sich bei jener ersten Meldung um Eingeborenengerüchte handel. Zugleich wird die frühere MrtteiiW'g bestätigt, daß jedenfalls Herr v. Frankenberg persönlich bei dem gerüchtweise gemeldeten Zusammenstoß nicht mit niedergemacht worden, sondern daß er entkommen fei. Auch die Frau des Hauptmanns v. Frankenberg, ist noch ohne jede Nachricht über das Ereignis selbst und über den Aufenthalt ihres Gatten.

)( Tas Befinden drS Prinzregrnten von Bayern sollte nach Meldungen Wiener Blätter zu Bedenken Anlaß geben. Das Gerücht, Prinzregent Luitpold habe in Hohen-Schwangau einen Schlaganfall er­litten, bestätigt sich nicht. Der Prinzregent wurde bei einer Spazierfahrt am Donnerstag abend von einer Müdigkeit befallen, die bei den Sommer-

Deutschland und Marokko.

Es ist anzunehmen, daß die Reise ix§ deut­schen Konsuls Dr. Bassel nach Berlrn, die von anderer Stelle als Urlaubsrerse aus Gesund­heitsrücksichten angegeben wurde, im Zusannnenhang steht mit den gegenwärtigen Verhandlungen zwischen der deutschen und der französischen Regierung über Marokko. Dr. Vaffel ist seit 1909 Vertreter des Deutschen Reichs in der Hauptstadt Marokkos.

Die alldeutsche Preffe setzt ihr Spiel, dem Leiter unserer auswärtigen Angelegenheiten die Arbeit zu erschweren, fort; sicher nicht zum Besten des Vater- landes. Es kann niemals zu einem guten Ende führen, wenn sich unberufene Ratgeber in Fragen so heikler Natur wie es die Marokkofrage doch ohne Frage ist, einmischen. , Um so entschiedener ist, es zu verurteilen, wenn jetzt sogar ein a n g e b l t ch hoher Diplomat unter dem Deckmantel der Anonymität in den Streit eingreift und zwar in einer Weise, die alles weniger als diplomatisch und die man, um es gleich vorweg zu sagen, nicht anders als ein Spielen mit dem Feuer - bezeichnen kann. Der „hohe Diplomat", dessen Stellung die Anony­mität seiner Person gegenüber der Oeffentlichkeit bedingt, will in einer Zuschrift an die Nationlztg. (Nr. 70 vom 22. Juli) von Kompensationen nichts wissen, weil daruMer die „Möglichkeit" zu verstehen sei, Deutschland aus Marokko zu eli­minieren."

Deutschland hat ein unantastbares Recht, sein Interesse an der Selbständigkeit Marokkos zu schützen. Die weit überwiegende Meinung in Deutschland geht heute dahin, daß schon sein wirtschaftliches Interesse an Marokko bedeutend genug ist, um nicht durch Kompen­sationen im Innern des tropischen Afrika erseht werden zu können. Verbindet man hiermit den außerordent- lichen Machtzuwachs, den Fiankreich auf politischem Gebiet durch eine völlige Aufsaugung des Sultanats erreichen würde, so ist es klar, daß sich hier eine Macht- verschiebung ergeben würde, bei der man wohl von einer Störung des europäischen Gleichgewichts reden könnte. Das ist der wesentliche Grund, warum Deutsch­land unter keinen Umständen einwilligen sollte, das Recht, über die Zukunft Marokkos mitzuentscheiden, endgültig aus der Hand zu geben.

Wir glauben nicht, daß Herr v. Kiderlen-Wächter von diesem Freundschaftdienst des „hohen Diploma­ten" erbaut sein wird. Ein solches Vorgehen ist doch nur zu sehr geeignet, die öffentliche Meinung Frankreichs zu erhitzen. Wir würden uns nicht ivrindern, wenn man in Frankreich jene Zuschrift als vom Auswärtigen Amt inspiriert ansehen würde, zumal man in Frankreich nur zu sehr geneigt ist, solche unverantwortliche Polüikastereien ernster zu nehmen, als sie es in Wirklichkeit verdienen. Aber auch die öffentliche Meinung in Deutschland wird durch derartige ganz unbegründete Unkenrufe auf das schwerste beunruhigt. Gewiß hat Deutschland „in unantastbares Recht, sein Interesse an der Selb­ständigkeit Marokkos zu schützen. Das Gegenteil hat noch niemand behauptet, auch Frankreich nicht. Und daß unsere Regierung auf dieses Recht nicht zu verzichten gesonnen ist, hat sie ja durch die Ent­sendung eines deutschen Kriegsschiffes nach Agadir unzweifelhaft bewiesen. Und daß Herr v. Kiderlen- Wächter nicht der Mann ist, der ein gutes Recht preisgibt, das wird ihm wohl von keiner Seite be­stritten werden.

lieber den gegenwärtigen Stand der zwischen der rutschen und französischen Regierung wegen der Lage in Marokko schwebenden Verhandlungen können, wie die ,Nordd. Allg. Ztg/ in ihrer Wochen­rundschau schreibt, keine amtlichen oder halb­amtlichen Mitteilungen in der Presse gemacht werden. Tas Gleiche gilt erst recht in Bezug auf den weiteren Verlauf und die möglichen Ergebnisse der Verhandlungen. Es ist daher zum mindesten voreilig, über vermeintlich offiziöse Angaben Be­friedigung oder Entrüstung zu äußern. Dazu wird cs erst Zeit sein, wenn autorisierte Mitteilungen

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verant«. Redakteur

7 LLfS- vx-ch-nb°ll-g-: „Illustrierte Soimtagrzeitmg"

srischlern nicht unbemerkt blieb und Anlaß zu über­triebenen Gerüchten gab, die aber bei dem hohen Aller des Prinzregenten durchaus nicht zu ver­wundern fist. Geheimrat Proseflor v. Ängerer ist im Hoflager in Hohen-Schwangau eirmetroffen. Die Abreise des Prinzregenten zum Besuche seiner Schwester nach Wildenwarth am Chiemsee ist ver­schoben.

0 Der allgemeine Pensionfonds, der in diesem Jahre mit 154 Millionen ausgestattet ist, gehört zu dm ständig wachsendend Ausgaben des Reichs, die von großem Einfluß auf die Etatsge­staltung sind. Es muß dabei allerdings berück­sichtigt werden, daß in diesem Jahre zum ersten Mal kein besonderer Etat für den Reichsinvrliden- fonds aufgestellt ist und infolgedesien die ihm zur Last fallenden Ausgaben aus den Allgemeinen Pen­sionsfonds übernommen sind. Wer auch selbst unter Berücksichtigung der sich hieraus ergebenden Be­lastung von 32 Millionen hat der Fonds wiederum eine Steigerung gegen das Vorjahr um 3 Millionen erfahren. Da die infolge des Krieges 1870/71 zu zahlenden Pensionen dem Reichsinvalidenfonds zur Last fielen, so erreichte der Pensionsfonds vom Jahre 1872 bis 1885 nur eine durchschnittliche Höhe von 19 Millionen Mark. Aber schon die nächste fünf­jährige Periode bringt einen Durchschnitt von 30 Millionen, der mit dem weiteren Ausbau der Armee und Marine und dem Wachsen der Zivilverwaltung in dem Abschnitte von 1891—95 auf 45 Millionen ansteigt. Die beiden folgenden fünfjährigen Perio­den bringen Durchschnittszahlen von 61 und 74 Millionen, und im Jahre 1906 hat der Fonds die Höhe von 95 Millionen erreicht, um bann 1907 auf 101, 1908 auf 110 und schließlich auf 118 Millionen Mark im Jahre 1910 anzusteigen. Der außerordent­lich hohe Anteil, der von diesen Summen auf die Armee entfällt, geht aus den Zahlen des laufenden Jahres hervor, wo auf das Heer 102, auf die Ma­rine und Schutztruppen 15 und nur 3,7 Millionen auf Zivilpensionen entfallen. Die Besoldungs­erhöhungen des letzten Jahres für Offiziere und Beamte werden ein weiteres Anwachsen des Pen­sionfonds in dm nächsten Jahren zur Folge haben.

— Das preußische Herrcuhaus-Mitglied und frühere Reichstags-Abgeordnete v. Koszielski ist am Samstag früh auf Schloß Miloslaw im Kreise Wreschen g e • storben. Herr v. Koszielski ist 71 Jahre alt ge­worden ; er wurde 1881 auf Lebenszeit in das Herrenhaus berufen auf Präsentation des Verbandes des alten und befestigten Grundbesitzes im Land­schafts - Bezirke Netzedistrikts. Dem Reichstage ge­hörte er von 1884—1894 als Führer der Polen- Fraktion an. Am 9. März 1894 legte er das Man- oat nieder infolge von Differmzen innerhalb seiner Fraktion über die Haltung zur Militär-Vorlage. Seine Wähler, denen er in Heeres« und Marine­sragen zu bewilligungslustig war, hatten ihm den Spitznamen Abg. „Admiralski" gegeben.

+ Waffenverbot für Schüler. Die preußische Schul­verwaltung bat Blättermeldungen zufolge ein Waffen­verbot für die Besucher der höheren Lehranstalten erlassen, das allgemeine Billigung finden dürste. Jeder Schüler, der in Zukunft im Besitze von irgend welchen Schußwaffen oder Munition angetroffen werde, solle unweigerlich mit Ausschluß von der An­stalt bestraft werden.

* Hanau, 23. Juli 1911. Durch den bereits gemeldeten Tod des Landtagsabgeordneten Emil Junghenn wird im Stadt- und Landkreise Hanau eine Nachwahl notwendig. Junghenn erhielt in der Hauptwahl am 16. Juni 1908 151 Wahlmännerstimmen der Nationalliberalen, 77 Stimmen erhielt Lind (Bund der Landwirte), die 70 sozialdemokratischen Wcchlmänner stimmten für Stein-Hochstadt und 21 Wahlmänner für Gold- schmidt-Berlin (Liberale Vereinigung). In der Stichwahl wurde Junghenn gegen Landwirt Lind von Niederrissigheim mit 168 Wahlmänner­

Ausland.

** Spanier und Franzosen in Marokko. Von dem neuen Zwischenfall Thiriet (vergl. Nr. 165) gibt der französische Oberst Sylvestre folgende Dafftellung: ”

Leutnant Thiriet von der französischen Militär« misston verfolgte am 20. Juli, 7V, Uhr abends, Wege­spuren, die ihn zu einem Individuum führten, das er nach der Uniform für einen Deserteur der Mahalla hielt. Als Thiret einen Trupp berittener Askaris von der Poltzeiabteilung sich nähern sah, ergriff er seine» Revolver und befahl der Gruppe, Halt zu machen. Der Korporal wollte Thiriet festnehmen, um ihn zu fragen, war vorgehe. Ohne wettere ErNärung ohr­feigte Thiriet den Korporal. Der spanische Wachtposten, der den Vorgang mit ansah, gebot Thiriet Halt. Thiriet entfernte sich jedoch. In dem Augenblick, wo die Wache sich anschickte, ihn daran zu hindern, erschien eine Abteilung Kavallerie. Der Leutnant dieser Abteilung lud den französischen Leut­nant höflich ein, Oberst Sylvestre aufzusuchen, um ihm die Sache zu erklären. AlS er in mein Zelt eintrat, veranlaßten mich seine heftigen Bewegungen und seine lauten Rufe, ihn zu bitten, das sein zu lassen und mir den Sachverhalt zu erklären. Mit Rücksicht aufj feine Haltung suchte ich schließ­lich die Unterredung abzubrechen. Um zu vermeiden, daß er sich als Gefangener betrachte, lud ich ihn ein, sich von dem stellvertretenden Kommandanten be­gleiten zu lassen. Er lehnte mein Anerbieten ab. Die Haltung dieses Offiziers, der die Schildwache einer be« freundeten Nation so schlecht behandelt hat, zeigt Ihnen, daß die Angelegenheit eine außerordentlich ernste ist. Oberst Sylvestre fügt hinzu: Arn 19. Juli hat derselbe Offizier vor den Augen unseres Postens einem Mann der Mahalla die Bastonnade geben kaffen, ohne daß unsere Soldaten ihn in irgend einer Weise belästigten.

Der „Temps" bemerkt dazu: „ES ist sicher, daß die spanische Regierung, wie in dem vorhergehenden Fall, ihr Bedauern ausdrücken und Entschuldigung«« befehlen wird. Aber wenn man eine Katastrophe vermeiden will, so muß mehr geschehen; Sc­hauern und Entschuldigungen genügen nicht. Wenn die spanische Regierung darauf besteht, eine übrigens ungerechtfertigte Besetzung zu verlängern, so muß sie bett Oberbefehl über ihre Truppen wenigstens einem Offizier anvertrauen, bet fähig ist, seinen Solbaten deren Führung für die Fremden unerträglich ist und die spanische Armee in Mißkredit bringt, die Beobach­tung ftrenger Disziplin aufzuerlegen.— Der Minister- präfident und die vier gegenwärtig in Madrid wei­lenden Minister traten gestern vormittag zu einer Er­örterung der marokkanischen Fragen zusammen. Cana- lejas telephonierte dem abwesenden Minister deS Aeußern, er und die vier Minister wünschten und er­hofften eine schnelle, freundschaftliche Lösung der ma­rokkanischen Fragen.

** Lloyd George und Englands Weltmacht­stellung. Bei einem Festmahl, das Freitag abend zu Ehren des Kanzler- der Schatzkammer Lloyd George, des Gouverneurs und der Direktoren der Bank von England sowie der Bankiers und Kaufleute der City im Mansion-House veran­staltet wurde, erwiderte Lloyd George auf einen Toast für das Gedeihen des Staatsschatzes:

Der Fried e sei die erste Bedingung einer g«° deihlichen Entwicklung. Aber es sei unum­gänglich notwendig, daß Großbritannien unter allen Umständen seinen Platz und sein Ansehen unter bett Großmächten aufrecht erhalten müsse. Wenn uns eine Lage aufgenötigt würde, in der der Friede nur auf­recht erhalten werden könnte durch das Aufgeben de« großen und vorteilhaften Stellung, die Großbritannien in Jahrhunderten des Heldentums und der Vollendung

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Die Macht der Gewißen;.

62] Roman von Erich Friesen»

Ruth ist ganz still geworden. Verwundert blickt sie ihren Gatten von der Seite an, als beide langsam zur Waldburg zurückgehen.

„Ich erlernte dich gar nicht wieder, Armin! Du kümmerst dich doch sonst nicht um die Leiden anderer!"

Er schweigt. Rascher eilt er der Waldburg zu. Kaum vermag Ruch ihm zu folgen.

Heut abend wcstlm wie in der Scheune wieder einen Tanz arrangieren", sagt sie nach einer Weile, ganz außer Atem von dem eiligen Saufen. „So ähn­lich, wie damals, als wir in der Waldburg unseren Einzug hielten. Hei, wie ich mich freue! Tanzen, hopsen, springen — das ist jetzt mein Element."

Armin antwortet nicht. Hastig zieht er Ruths Hand durch seinen Arm und eilt mit ihr, so rasch es geht, durch den Park. Am Fnße der Terraffentreppe bleibt er stehen.

„So, jetzt bist du sicher zu Hause. Ich begebe mich fofort wieder ins Dorf, damit alles in Ruhe Und Ordnung geschieht. Adiett!"

Kopfschüttelnd blickt Ruth dem Gatten nach, wie jr festen, energischen Schrittes davoneilt.

„Wie komisch!" murmelt sie halblaut. „Woher hat er auf einmal Herz und Gemüt und Seele? Ist das mein Herz und mein Gemüt und meine Seel:, die ich verloren Babe und die er sich angeeignet hat?"

Gedankenvoll wendet sie sich dem Rosengarten zu. Doch als sie die Verwüstungen in demselben bemerkt, schrickt sie zusammen.

„Du schöner Garten, was ist aus dir geworden? verwüstet bist du gleich mir. Wie ost bm ich hier Mit Armin gelustwandelt, — Ha, fort von hier! Ich Hasse diesen Garten. Er scheint mir wie ein Grab, rfln Grab voll toter Rosen und toter Liebe. — Pah, was tute! immer lustig sein, das fft das beste. Ich werde mr von oben die Ueberschwemmung ansehen. Da gibts was zu lachen!" Mit beiden Händen ihr Kleid mtfraffetti), rennt sie ins 'Haus.

Schwanzwcdlend springt ihr der Leine Spitz ent­gegen Sie nimmt ihn auf dm Arm und klettert mit chm die Wmdeltreppe hinauf ins Geheimzimmer. Roch liegt im Kanün die Asche von dem Feuer, wel­ches sie vor vier Tagm hier angezündet; noch sind auf dem Tisch die Reliquien der silberbeschlagenen Truhe ausgebreitet; Noch sbeht der wurmstichige Lehnsessel daneben, als habe ihn soebm erst jemand verlassen.

MU frenbigem Gebell springt der Hund auf ein am Boden liegendes vergllbtes Papier zu. Knurrmd beißt er hinein und versucht, es zu zerreißen. Seine possierlichen Bewegungm, seine komische Wut amü­sieren Ruth köstlich. Sie läßt sich in den Lehnstuhl finken und lacht, lacht, lacht. — Und immer wütender wird das Gelläff des Hundes, immer ausgelassener ihr Lachen. —

Die alten Möbelstücke scheinen die Köpfe zu schüt­teln über das Gebarm dieser beidm unvemünftigm Geschöpfe, die ehrwürdigm Reltquim sich abzuwm- ben von biesem traurigen Possenspiel, während drau­ßen höhere Gewalten die Arbeit vieler, vieler Jahre zerstörm, Währmd drunten im Dorf unzählige Men- schm um ihr bischen Hab und Gut, vielleicht sogar um ihr nacktes Leben kämpfen.

Auch über Ruth kommt plötzlich ein eigentümliches Empfinden. Jählings bricht ihr helles Lachm ab. Erbleichend greift ste mtt der Hand nach dem Herzen. Schweratmend bewegt sie sich dem Fmster zu und öffnet beide Flügel. Der ganze westliche Himmel bängt voll tiefschwarzer Wolkm. Mit erneuter Kraft erhebt sich der Wind, der für kurze Zeit gemht. Die alten Fichtenbäume biegen sich unter seiner Wucht. Jäh zuckt ein Blitz auf, gefolgt von dumpfem Donner- rollm.

Der Zugwind tut Ruch gut Leuchtenden Auges blickt ste von ihrer lustigen Höhe aus über die ganze verwüstete Landschaft — über die Gegend, die seit ihrem zwettm Jahr ihre Heimat gewesen. — Ja, diese Ueberschwemmung übertrifft noch diejmige ihrer Kindhettserinnenmgeni So tief ist das Dorf nie unter Wasser tzewefm. Nur gut, daß die Kirche so

hoch steht — und auch der danebenliegende Kirch­hof! —

Hier stockt plötzlich Ruths Gedankengang.

„Der Kirchhof!" flüstert sie sinnend. „Wer möchte wohl die Ruhe der Totm stürm! — Der Kirchhof — der Kirchhof, ruht dort nicht auch--" sie faßt

sich an die Stirn — „wer ruht denn bot? Ach, ich weiß — bort ruht ja auch mein Kinb! Wie konnte ich das nur vergessen! Ich will sogleich hingehm und sein Grab aufsuchm. Ich werde einen Kranz winden von weißen Blumen und ihn auf das Grab meines Kindes legen. Ja, sogleich!"

Der Hund winselt, als Ruth die Treppe hinunter­eilt, ohne von ihm Notiz zu nehmm. Der Gedanke an ihr totes Kind erfüllt ste momentan vollständig. Im Wintergarten schneidet sie ohne Wahl alle weißm Blütm und Blumen ab, deren sie habhaft wird. Weiße Rosm, weiße Kamelien, weiße Orangmblütm, weiße Myrthen, weiße Azaleen, weiße Hyazinthen, weißer Jasmin — alles fällt unter ihrer Schere.

Mit dem gefönten Korb in der Hand verläßt sie das Haus. Ohne Hut, ohne Mantel, ohne Schirm, so eilt sie über dm nassen Rasen im Sturm und Regm dahin — bin zrtm Kirchhof, zum Grabe ihres Kindes.

36. Kapitel.

Von der Landstraße her führt ein schmaler Seiten­weg auf den Kirchhof. Inmitten deSselbm ragt die Leine, viele Jahrhunderte alte Kirche empor mit ihrm grauen Türmen, bett srühnormwüschen, mit farbenreichen Silbern geschmückten Fenstern und vie­len anderen Merkmalen, welche charakteristisch für manche englische Kirche früherer Zeiten sind.

Die Kirchmtür steht offen. Langsam schreitet Ruth dm breiten Mittelgang entlang zu den alten, geschnitztm Familimstühlen, hinter welchm verbli- chene, zerfetzte Fahnen von der glorreichen Ver- gangmheit der edlen Familie Palmer erzählen. Sie läßt sich auf einen der Stühle nieder und stützt bm Kopf an der hohen Rücknelehne. Sie fühlt eine ganz eigenartige Benommenheit tm Kopf — eine Empfin­

dung, die sie ermattet und gleichzeitig aufregt. — Und , diese Benommenheit nimmt bestnädig zu. —

Sie schließt die Augm. —

Da ist ihr, als löse sich plötzlich etwas von ihrem Herzen, als schwände nach und nach ihre Gleichgiltig­keit, als nehme sie etwas Unfaßbares, Heiliges in sich auf. — Ein Zittern überfliegt ihren Körper. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Verwundert blickt sie auf dm Korb mit Blumen, dm ste neben sich ge­stellt hat.

Zuerst entsinnt sie sich gar nicht, wozu sie die Blumen hergebracht hat. Dann fällt es ihr auf ein­mal ein. Ein glückliches Lächeln berflärt ihre Züge.

„Ach ja, die Blumen sind für das Grab meines Kindes bestimmt", sagt sie leise. „Ich hatte einst ein Kind — ich war Mutter. Ich küßte seine reine Stirn, ich berührte seinen Leinen Körper." Still weint sie in sich hinein. „Mein Kind ist tot, sein Körper liegt draußen auf dem Kirchhof gebettet — ober seine Seele ist droben bei Gott. — Bei Gott?" wiederholt ste traurig, ihr Gesicht mit den Händen bedcckmd. „O, wie weit bin ich von meinem Kinde entfernt! Mir ist Gottes Angesicht fiir immer ver­schlossen."

Still, bewegungslos sitzt sie da, die Hände im Schoß gefaltet. Ein unnennbares Sehnen ergreift ihre Seele. — Da erdröhnt ein Donnerschlag, so hef­tig, so furchtbar, daß die Leine Kirche erschüttert. Und gleich darauf ein Blitz und ein noch stärkerer Donnerschlag. Im nächsten Augenblick scheint der Himmel sich zu öffnen. Ein Regenguß strömt her­nieder. Noch immer sitzt Ruth mit gefalteten Hän­den da. Sie fürchtet sich nicht; aber ein ganz eigenes

,ch.n»bu

bei. Vorn blauen Himmel erstrahlt m vollem Glanze die Sonne. Ihre Strahlen durchbrechen die bemalten Fenster und füllen dm ganzen Raum. Sre umgeben die einsame Frau, lmchten in ihren blonben Haaren auf und finden Widerschein in ihrm blauen, empor­gerichteten Augm. Langsam steht sie auf, nimmt dm Korb mtt Blumen und will den FamUtensMhl ver­lassen.