Einzelbild herunterladen
 

Zeitung

Tuldaer M

U-!

+

Krankenversicherung haben Verhandlungen zwischen dem Reichsamt des Innern und dem preußischen Handelsministerium mit Vertretern der Verwaltungs­behörden und der beteiligten Jndustrieen stattge­funden. Diese Verhandlungen haben jetzt ihren Ab­schluß gefunden. Nach der Reichsversicherungsord­nung soll der Bundesrat die Vorschriften über die Krankenversicherung der Hausgewerbetreibenden

Auf dem Balkan hat sich die Situation eher verschlimmert als verbessert. Zwar hat Montenegro unter dem Druck der Mächte seine Rüstungen gegen die Türkei offiziell eingestellt, aber nach den Meldun­gen der letzten Wochen scheint die montenegrinische Regemng die Macht über ihre Bevölkerung verloren zu haben. Denn die Malissoren sind bisher trotz des weitgehmdsten Entgegenkommens der türkischen Re- giening nicht zu bewegen, sich zu unterwerfen und werden von den Montenegrinern in ihrem Widerstand nach wie vor durch Wort und Tat ermuntert und unterstützt. Neue Schwierigkeiten drohen der Türkei durch eine Aufstandsbewegung, die sich jetzt auch in Südalbanien bemerkbar macht und einen großen Um­fang anzunehmen scheint. Dazu kommen außerdeni noch zahlreiche bulgarische, griechische und serbische Banden, die neuerdings in Mazedonien eine rege Tätigkeit entfalten. Daß auch die Tückei selbst die Lage als eine bedrohliche erkannt hat, zeigt die Mo­bilisierung der Reserveformation und die Ersetzung des bisherigen Kommandierenden in Albanien Torg- hut Pascha durch Abdulla Pascha.

Auch in Persien haben die Dinge eine Ent­wicklung zum Schlimmen genommen. Die sog. kon­stitutionelle Regierung in Persien hat seit ihrem Be­stehen mit fortwährenden Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt und ward der Lage infolge der Streitigkeiten untereinander in keiner Weise gewachsen. Die Folge war zunächst eine allgemeine Unsicherheit im ganzen Lande, die durch den fortwährenden Wechsel in der Leitung der Regierungsgeschäfte noch vermehrt wurde. Diesen Umstand haben sich die Anhänger des früheren Schahs Mohammed Ali zunutze zu machen gewußt. Sie haben in den letzten Tagen mehrere wichtige Plätze des Landes besetzt und verfügen über einen großen Anhang. Auch der frühere Schah Mohannned Ali selbst ist in Persien eingetroffen und die ganze Situation drängt jetzt ganz offenkundig zur Entschei­dung. Wer in dem kommenden Kampfe die Oberhand behalten wird, läßt sich schwer sagen.

Die Marokko-Affäre bietet, obwohl bei Be­ginn der Verhandlungen zwischen dem sranz. Botschaf­ter Cambon und dem Staatssekretär v. Kiderlen-Wäch- ter ausdrücklich hervorgehoben wurde, daß über die Verhandlungen strengstesStillschweigen beobachtet wer­den würde, hüben und drüben Anlaß zu allen mög­lichen Kombinationen, die nach Lage der Dinge vor­erst als leere Mutmaßungen angesprochen werden müs­sen. Eine große Rolle spielt in den Preßauseinan­dersetzungen die Frage der Kompensation. Besonders sind es französische Blätter, die von etwaigen Kom­pensationen sprechen, die Deutschland im Kongo zu- gestanden »erben sollen, wofür dann Frankreich in Marokko freie Hand erhalten soll. Diese Haltung eines Teils der französischen Presse läßt klar erkennen, was von der französischen Rederei von einer friedlichen Durchdringung Marokkos zu halten ist. Es ist ganz unzweifelhaft, daß Frankreich auf nichts geringeres ausgeht, als Marokko in der einen oder anderen Form seinem afrikanischen Kolonialreich einzuverleiben. Und in diesem Bestreben ist Frankreich durch das Ein- ichreiten Deutschlands gehindert worden. Daher das Gerede von Kompensationen. Aber auch in einem Teil der deutchen Presse, besonders natürlich der all­deutschen Presse, ist die Rede von Kornpensattonen. Natürlich wollen die alldeutschen Blätter von einer Kompensation außerhalb Marokkos nichts wissen, und verlangen kurzerhand die Besetzung Agadirs und sei­nes Hinterlandes, des Susgebiets. Wir meinen, daß alle diese Preßäußemngen über Kompensationen und ähnliche Dinge besser unterblieben. Denn daß die Verhandlungen aus diese Weise nur gefährdet wer­den können, liegt doch klar auf der Hand. Wie die Verhandlungen ausfallen werden, läßt sich unmöglich sagen. Jedenfalls aber ist es verfrüht, jetzt schon von Kompensationen zu sprechen. Denn durch den Ver- irag von Algeciras ist die Integrität Marokkos garan- trert und solange dieser Vertrag noch zu Recht be­steht, und das ist wenigstens formell auch heute noch der Fall, kann nicht die Rede von einer Aufteilung Marokkos fein.

erlassen. Hierbei ist eine ganze Reihe von Fragen zu regeln, die einer gründlichen Vorbereitung be­dürfen. Um diese Vorarbeiten durchzuführen, hat die Kommission in der Zeit vom 18. Juni bis 30. Juni die hauptsächlichsten Gebiete unserer Hausindustrie bereift. Die Erhebungen haben sich erstreckt vor allem auf die Zigarren«, Leinen«, Spitzen-, Lederwaren«, Spiel- und Korbwaren-, NahrungSmittel-Jndustrie und auf die Konfektion, soweit sie für die Kranken« Versicherung in Frage kommen. Besondere Schwierig­keiten bei der hausgewerblichen Krankenversicherung bietet die Berechnung der Roh. und Hilssstoffe, wo zahlreiche verschiedenartige Materialien zr in kleinerem Umfang zur Verwendung gelangen, und die Ver- rechnung des Auftraggeber-Zuschusses, wo sich der Hausgewerbetreibende zur Herstellung des Fabrikats der Hilfeleistung anderer selbständiger Hausgewerbe­treibender bedient.

Neber die künftige Gestaltung des Extra- ordinariums des Neichshaushaltsetats bringen die „Berl. N. Nachr." eine bemerkenswerte Zu­schrift. Es wird darin zunächst darauf hin­gewiesen, daß die Herabsetzung des Anleihe­bedarfs im laufenden Jahre auf 97 Millionen nur dadurch ermöglicht werden konnte, daß nach den neuen Grundsätzen für die Schuldentilgung für das Jahr 1911 rund 100 Millionen vom Anleiheetat abgesetzt wurden. Die Zuschrift ver­tritt dann des weiteren den auch von uns wieder­holt vertretenen Grundsatz, daß nur werbende Ausgaben aus Anleihen übernommen werden dürften. Dieses Ziel könne erreicht werden, in­dem man entweder die Beträge für nicht­werbende Ausgaben auf den ordentlichen Etat übernimmt, oder indem man entsprechende Beträge zur Schuldentilgung zur Verfügung stellt, die vom Anleihebedarf abgesetzt werden. Die günstige Gestaltung der Reichsfinanzen läßt eS als möglich erscheinen, daß dieses Ziel innerhalb der nächsten beiden Etatsjahre erreicht wird.

— Los vom Hansabund! Der Verein für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund zu Effen hat in seiner gestrigen Vorstandssitzung beschloffen, aus dem Hansabund auszutreten.

JV° 165.

Samstag den 22. Juli l-N

58. Jahrgang.

Ausland.

* Bom französischen Zündholzmonopol. Die neueste Statistik über den Umsatz und den Rein­gewinn des staatlichen Zündholzmonopols in Frankreich zeigt, daß im Jahre 1909 nahezu 100 Millionen Wachshölzchen und mehr als 372 Millionen Schwefelhölzer ohne besondere Reib­fläche weniger verkauft wurden als im Vor­jahre. Dagegen ist der Verbrauch an den sogen. Schweden sehr gestiegen und hat die phan­tastische Ziffer von 2001559 700 Hölzchen er­reicht. Die Einnahmen aus dem Verkaufe über­steigen die des Vorjahres um nahezu 400000 Frank und erreichen nicht weniger als 40884933 Frank. Der Bericht des Monopols gibt den Reingewinn, den die Staatskasse aus dem Zünd­holzverkauf bezogen hat, auf nahezu 30 Millionen, genau auf 29832443 Frank an. Durchschnittlich hat jeder Bewohner Frankreichs im Jahre 1909 1146 Zündhölzer verbraucht, sodaß auf den Kopf der Bevölkerung eine Ausgabe von 1,24 Frank für Feuerzeug kommt. — In Frankreich hat man keine Zündholzsteuer, aber trotzdem ist der Preis höher als bei uns in Deutschland mit Steuer.

** Schultpramiei in Frankreich. Das jetzige Ka­binett Caillaux ist noch nicht zufrieden mit den schon vom tiorigen Kabinett geplanten Maßnahmen gegen die Gewissensfreiheit bet Familienväter, welchen jedes Mittel genommen werden soll, ihre Kinder selbst rett-

Deutsches Reich.

lieber die Durchführung der hausgewerblichen

2. Blatt.

Druck Hüb Verlag der Mdaer Aetiendruckerei in Snlba.

* „Modernes Agrariertum."

Ein Vertreter der sozialdemokratischen „Leipziger Volkszeitung" war auf der Jubiläumsausstellung der „Deutschen Landwickschaftsgesellschaft" zu Kassel. Wat'S ehrliche Forscherlust und Wahrheitsliebe, die chn dahin geführt, so könnte man's sehr erfteulich fin­den. Denn was man da in der sozialdemokratischen Parteipreffe und Agitatton über landwirtschaftliche Dinge zu hörm und zu lesen bekommt, zeugt fast regel­mäßig von einer solch abgründigen Unwis- s e n h e i t in den einschlägigen Fragen, daß es in der Tat begrüßenwert wäre, diese Leute würden sich ein­mal in der Wirklichkeit etwas umsehen. Aber frei« lich, was der Mann da in der „Leipz. Volksztg." (Nr. 157) unter obigem Titel als Ergebnis seines Be­suchs in Kassel niedergelegt hat, zeigt nur Wieder die alte Wahrheit, daß es den „Noten" und ihrer Presse ja gor nicht darauf ankommt, Wahrhett und Klarheit über die Tatsachen des Wirtschaftslebens bei ihren Lesern zu verbreiten.

Und so ist auch der Wgesandte der „Leipz. Volks­zeitung" eigentlich nur hingegangen, um zu sehen — nicht was die Landwirtschaft bietet und leistet, sondem was an Stoff für Nörgeleien etwa zugunsten der „ro­ten" Partei dort in Kassel zu finden wäre. Es ist ein sehr bedeutsames Zeichen für die DLG., daß der Mann trotz eifrigsten Suchens so eleub wenig gefun­den hat. lind darum muß er ältere Ladenhüter wie­der hervorholen und sie mit allerlei Täuschungsver- fuchen verbrämen, um dem Ziele seines Strebens — den „modernen Agrariern" eins auszuwischen — in etwa dienen zu können.

Aber — im ponierthabenihmdie „mo­dernen Agrarier" doch! So wenig et davon spricht, ganz unterbauten kann er's doch nicht, daß es „großartig" war, was bort zu sehen war. Aber eine Lumperei muß dieses notgedrungene Zugeständ­nis wieder aufheben: „Staunend ging das hessische Bäuerlein an diesem entwickelten Werkzeuge des Gross» gmndbesitzes (nämlich an dem „großartigen System von Maschinerie, vom Umbrechen der Scholle und Ein­streuung des Düngers an bis zum Mähen, Dreschen, Binden des Getreides") vorüber; für ihn ist es mit wenigen Ausnahmen nicht gemacht." . . . Hat der Mann eine Ahnung! Die „Leipz. Volksztg." muß doch nächstens einen andern Sendling schicken, der sie nicht so unglaublich mit seinen Schwindeleien blamiert.

Denn gerade auf der Ausstellung in Kassel ist das Maschinen- und Gerätewesen mit besonders starker Betonung auf die mittleren und kleine­ren Betriebsgrößenklassen eingerichtet gewesen. Ganz selbstverständlich. Denn der „Aus- stellungsgau" ist ein Gebiet fast ausschließlichen Mit­tel- und Kleinbefltzes. Selbstverständlich waren auch Maschinen da, die nur für den Großgrundbesitz in Frage kommen, aber so unstnnig sind unsere großen Jndustriefirmen denn doch nicht, in ein Kleinbetriebs­gebiet nur Rittergutsmaschinen zu schicken. Sehr im Gegenteil. Noch kaum je konnte man so wie in Kassel die großartige Ausdehnung bewundern, die das mo­derne Maschinenwesen auch in ben kleinen Betriebs­größen bet Landwirtschaft gewonnen hat und noch mehr zu gewinnen im Begriffe steht. Und wenn die „Leipz. Volksztg." nur ein weniges sich umsehen wollte in ben beutschen Bauernhöfen, könnte sie sehen, wie sehr die Dinge, bie da in Kassel zu sehen waren, gerade die Keinem Betriebe durch das moderne Atn- schinen- und Gerätewesen technisch umgebildet haben.

wochen-Rundschau.

[:] Fulda, 21. Juli 1911.

Die Krisis im Hansabund ist in der abgelaufe- nenWoche in ein neues Stadium getreten, insofern, als das Direktorium des Bundes sich endlich veranlaßt gesehen hat, seine Stellungnahme gegenüber der So­zialdemokratie zu präzisieren. In einer eigens zu fern Zweck nach Berlin einberufenen Konferenz hat her Hansabund eine Erklärung verfaßt, in der es u. a. heißt daß der Hansabund die Sozialdemokratie „eben­so zu bekämpfen hat wie das seitens der in ihm ver­tretenen bürgerlichen politischen Parteien geschieht". Diese Erklärung zeigt, daß die immer noch wachsende Austrittsbewegung aus dem Hansabund dem Direkto- rium des Bundes doch viel mehr zu Herzen geht, als tr sich bisher den Anschein gegeben hat. Gleichwohl aber wird man der neuesten Proklamation Herrn Messers keine allzu große Bedeutung zumeffen kön- jien. Die Erklärung ist wohl nur auf die ängstlichen Gemüter berechnet, die in dem gänzlichen Mangel ^iner klaren Stellungnahme des Hansabundes gegen die Sozialdemokratie, um die sich bie Bundeshäupt­linge bisher trotz aller Anzapfungen herumdrücken, dm Anstoß zu weiteren gefährlichen Absplitterungen Erblicken zu müssen glaubten. Was übrigens im „Grunde von der Erklärung des Hansabundes zu halten ist, geht schon aus der Tatsache hervor, daß der Freisinn, also bie „im Hansabund vertretene poli- 'tsche Partei", beschloffen hat, bei der im Herbst statt- fftndenden Reichstagsersatzwahl in Düsseldorf für den sozialdemokratischen Kandidaten einzutreten. Die Mationalliberalen haben sich, wie bekannt, purch ihre zweideutige Stellungnahme zu einer ganzen Isteihe wichtiger Fragen bezüglich der kommenden Reichstagswahlen in eine sehr mißliche Sage gebracht. Dazu kommt noch der Widerstreit der Meinungen im eigenen Lager zwischen den Altnationalliberalen und ,hen sog. Jungliberalen. Diese Tatsache tritt ganz besonders in dem Wahlkreis Saarbrücken in die Er­scheinung, wo Herr Bassermann diesmal seinen Wan- perstab hinzusetzen beschloffen hat. Im Wahlkreis Saarbrücken haben sich aber die Verhältnisse fttzt in­folge der nationalliberalen Haltung zu der Steiger­frage des Saarreviers derart zu ungunsten Herrn Baffermanns verändert, daß man sich in nationallibe- .xalen Kreisen in großer Sorge befindet, Herr Soffer« ptann könnte einen Durchfall erleben.

In der verbündeten Rachbarmonarchie Oe st er­reich ist das neugewählte Parlament zu seiner Ersten Sitzung zusammengetreten und durch Kaiser Franz Joseph persönlich eröffnet worden. Ob sich der neue Re'chstag arbeitsfähiger erweisen wird als ber auf« ’ge'""" ist mehr als zweifelhaft. Die deutschfreiheit- lio -arteten haben sich durch ihr Wahlmanöver, bin tag sie die christlich-soziale Partei stark ge­schwächt und die Sozialdemokratie gestärkt haben, selbst in eine üble Sage gebracht. Diese klugen Leute, .bie in einen wahren Sturm der Begeisterung über die Angebliche Zerschmetterung der Christlich-Sozialen ausbrachen, sind jetzt in ber ersten Verlegenheit, mit wem sie bie nötige Arbeitsmehrheit bilben sollen, nach­dem die Christlich-Sozialen sich klugerweise ihre Stel­lungnahme Vorbehalten haben.

C ':t überaus wichtiges Ereignis auf dem Gebiete ber äußeren Politik ist ber Abschluß eines Schieds­pertrages zwischen England unb den Ver­einigten Staaten. Die einzige Schwierigkeit, bie diesem Abschluß entgegenstand, war der englisch­japanische Bündnisvertrag, der England in einem Kriegsfall zwischen Japan und den Vereinigten Staa­ten verpflichtete, Japan zu Hilfe zu kommen. Diese Schwierigkeit ist jedoch aus dem Wege geräumt, da ber englisch-japanische Bündnisvertrag eine Abände­rung erfahren hat, wodurch, wenn eine von beiden Parteien einen allgemeinen Schiedsgerichtsvertrag mit seiner dritten Macht abschließt, diese Partei nicht ver­pflichtet sein soll, einen Krieg mit der Macht zu be­ginnen, mit ber sie einen Schiedsgerichtsvertrag ab­geschloffen hat.

Unpolitische Zeitkäufe.

(N.) Berlin, 20. Juli 1911.

«Nachdruck verboten.)

Die „reiche Heirat" ist ber moberne Rettungs­anker für „noble" Jünglinge, bie das Schulden- piachen als ihren vorläufigen Lebensberuf betrachten.

In ben Skandalprozessen ber jüngsten Zeit spielt sjdie Jagd aus die reiche Heirat eine große Rolle, 11k >ms die entscheidende Rolle. Da wurde vor eini­gen Wochen über drei ostelbische Adelssproffen ver­handelt, bie ohne Bargeld Rittergüter „gekauft" hat­ten, um sich den dringend ersehnten reichen Bräuten gls bodenständige Edelleute, als Guts- und Schloss- herrcn präsentieren zu können. Dann kam vorige Woche der Bettugsprozeß von einem verbummelten Grafensohn aus dem Nordwesten Deutschlands. Der Rome tut nichts zur Sache und kann also zur Scho­nung der unschuldigen Familie verschwiegen bleiben. Der Tunichtgut, der auch durch zweimalige Abschie­bung nach Amerika nicht auf bie Bahn der Arbeit zu bringen war, erhielt von seinem verzweifelten Vater schließlich nur ein ©nabengelb von 30 Mark monat­lich; er verbrauchte aber mindestens das doppelte täglich. Dieser Bedarf für das „standesgemäße Auftreten" würbe gepumpt, unb als ber hochadlige Name allein nicht mehr pumpkräftig genug war, Würbe ber Kredit aufgemuntert durch das Gerücht pon ber bevorstehenden Verlobung mit ber reichen Aochter eines großen Warenhausbesttzers. Die straf­rechtliche Entscheidung hängt nun davon ab, ob der iunge Mann wirklich des Glaubens sein konnte, daß sie Millionendame ihren bürgerlich-jübischen Namen Mit seinem Adelstitel vertauschen wolle, ober ob er stnder besseres Wissen diese erlösende Heiratsausstcht pur seinen Geldgebern vorgespiegelt habe. Darüber soll noch eine gründliche Untersuchung durch Verneh- Mmg der angehenden Schwiegermutter angestellt wer­den, so daß die Klatschzungen noch auf eine reiche Ernte hoffen dürfen. Ferner hat soeben das Kriegs­gericht verhandelt gegen jenen mitteldeutschen Frei- Herrn, der vor zwei Monaten seinen Geldgeber, auch iln Mitglied der „Gesellschaft", im Duell erschossen Hal. Der Angeklagte wurde nur zu der geringsten ifeträfe, die das Gesetz bei Zweikämpfen mit tödlichem Ausgang zuläßt, nämlich zu zwei Jahren Festungs­haft. berurteilt, weil das Gericht die Hauptschuld an

dem Streit unb dessen Folgen dem Erschosseneii zu­schrieb. Der Angeklagte gehört auch zu jenen lebens« triftigen Jünglingen, die mehr Geld gebrauchen, als sie haben; fein Vater hatte deshalb in dem Testa­mente das Erbteil dieses verschwenderischen Spröss- lings festgelegt. Da half nun der ältere „Freund" des jungen Mannes, fein späterer Duellgegner, mit einem Darlehn von 25 000 Mark, unb er ließ sich da- für bie künftig frei werdende Erbschaft von 40 000 'Mack verschreiben. Aus diesem bedenklichen Geld­geschäft, dessen Geheimhaltung nebenbei „auf Ehren­wort" vereinbart sein soll, enffprangen bie Streitig­keiten, die zuerst zu einem Faustschlag unb bann zu» dem verhängnisvollen Zweikampf führten. Hier in­teressiert uns vor allem bie Feststellung im Prozeßbe­richt, baß auch biefer gelbbebürftige Jüngling auf eine reiche Heirat, unb zwar mit einer Amerikanerin, spekuliert hat.

In ben Tagesblättern haben nun verschiedene Stimmen ihre Meinung gesagt über ben gesellschaft­lichen Verkehr zwischen abeiigen Sprösslingen unb bürgerlichen Millionärsfamilien. Von ber einen Seite wird geklagt über ben Mangel an Standesbe- wußtsein bei ben Adligen, von ber anberen Seite werden bie bürgerlichen Kreise getabelt, bie um jeden Preis Veckehr mit den Adligen suchen unb sogar bie zweifelhaftesten Elemente mit offenen Armen aufneh­men, wenn sie nur einen vornehmen Namen fuhren. Nün ja, es wirb auf beiben Seiten gefünbigt. Man­cher gelbbebürftige Adelige macht ben Tanz um das golbene Kalb mit, unb manches golbene Kälblein läßt sich mit Vergnügen auf bem Altar der Adels­krone opfern. Das ist übrigens nicht erst feit gestern ober vorgestern so, sonbern jahrzehntelang hat man schon in ernster Klage ober in scharfem Spott von dem „Vergolben" bet alten Wappen gesprochen.

Man kann auch nicht sagen, baß bie Jagd aus eine reiche Heirat eine Besonderheit des adeligen Nachwuchses sei. In den b ü r g e r li ch e n Kreisen gibt es ebenfalls genug Leute, die aus dem Heiraten ein Geschäft machen und bei der Brautwahl nur auf bie Mitgift sehen. Auf die erlösende Mitgift, die vor­handene Schulbea decken, einen drohenden Krach ab» wenden oder wenigstens ein Leben mit höherem Glanz unb Luxus ermöglichen soll.

Allerdings wirb einem Jüngling mit einfachem bürgerlichen Namen bie reiche Heirat nicht so leicht gemacht wie dem Inhaber eines klangvollen AbelS-

titels. An ben letztem brängen sich ja bie Spekulan­ten förmlich heran. In jener Gerichtsverhandlung wurde einerseits festgestellt, daß man jenem Grafen­sohne, der nichts hatte und nichts konnte, 50 000 Mk. Anteile an einem industriellen Unternehmen aufge­drängt hatte, und andererseits, daß er in bie Familie bes reichen Warenhausbesitzers sofock eingeladen und bock anbauemb im intimsten Verkehr festgehalten tourbc, nachdem er auf einem Wohltätigkeitsbazar ber Schwiegermutter in spe eine Erfrischung mit einem (natürlich geborgten) Hundertmarkschein be­zahlt hat. Man behauptet nun freilich, ber junge Graf sei abgehalftert worden, nachdem man gehört hat, baß bas Gerücht seiner bevorstehenden Ver­lobung mit der Tochter des Hauses in den Bank- unb Börsenkreisen umgehe. Aber die Ausschaltung ist offenbar nicht sehr eilig erfolgt. Man konnte doch von vornherein nicht darüber im Zweifel fein, dass der junge Lebemann nicht bloß aus Verehmng für die Mutter des Hauses sich zum Stammgast ihres Salons unb zum freiwilligen Laufburschen des Hau­ses mache. Daß man den wahren Zweck erkannt hatte, geht schon aus dem Eingeständnis hervor, es seien Witze üblich gewesen über die schlechten Aus­sichten des gräflichen Bewerbers gegenüber einem an­deren Heiratskandidatm.

Es wird hüben und drüben gesündigt: der geld- hungeckge Jüngling veckauft seinen Namen und seine Person für schnödes Gold an eine Dame, die er nicht liebt, unb an eine Familie, bie er nicht respektiert, unb bas ehrgeizige Fräulein, bas sich mit feinen Millionen in eine feine Familie einbrängt, veckauft ihr Herz, ihren Leib unb ihr Lebensglück für einen klangvollen Titel.

Wie der Grafensohn über bie Familie seiner „Zu­künftigen" dachte, trat recht drastisch zu Tage, als der Voffitzenbe des Gerichtshofs die Bemerkung machte, man habe ihn wohl als besoldeten Reisemarschall an» stellen wollen. Da brauste ber Angeklagte aber auf: so tief fei er doch längst nicht gesunken, baß er eine solche Stelle annehme, unb das sogar bei Kaufleuten! — Sonderbare Ehrbegriffe! Ich für meinen Teil habe viel mehr Respekt vor einem Reisemarschall ober sonst einem Angestellten, ber durch redliche Arbeit sein Gehalt verdient, als vor einem Heiratsspekulanten, ber sich an eine Frau „unter feinem Stande" weg« werfen will, um mit deren Selbe die alten Schulden unb bas tünftiae Wohlleben iu decken. Der Inhaber

einer Lohnstellung ist immer noch ein freier Mann; hat nichts zu leisten als die Vereinbacken Verrichtun­gen, wenn ihm das nicht mehr paßt, so kann er ton» bigen, um mit erhobenem Haupte unb reinem Ge­wissen von bannen zu ziehen. Hat er aber eine Geld­heirat geschloffen, so ist er in Ketten geschlagen, bie unlöslich bleiben, auch wenn sie von Gold unb nicht von Eisen gemacht sind. Die moberne Welt zieht allerbings bie Ehescheidung in ihre Berechnung; aber das wäre nun doch bet Gipfel bet Niedertracht, wenn ein geldbedürftiger Jüngling eine reiche Heirat schlösse mit dem Hintergedanken, bie Frau unb gegebe­nenfalls auch bie Sprösslinge sich wieder vom Halse zu schaffen, nachdem seine Finanzen wieder flott ge­macht sind!

In Geldsachen Höck die Gemütlichkeit auf, hat man schon längst gesagt. Leidet Höck auch oft die Ehrenhaftigkeit auf. Unter bem Druck von Schulden ober unter bem Antrieb von Prunk- unb Genußsucht geht das Ehrgefühl seht oft in Scher­ben, und zwar auch in solchen Kreisen, die sich als Erbpächter ber „Ehre", sogar als bewaffnete Ehren­kämpfet aufzuspielen pflegen.

Was Hilst aber alle schriftliche ober mündliche Warnung vor dem Selbstveckauf in einer „reichen Heirat", wenn die jungen Leute fort unb fort schlechte Beispiele vor Augen haben, indem die sogenannte gute Gesellschaft Ehemännern, bie sich selbst ver­schachert haben, unb Ehefrauen, bie sich aus Eitelkeit an einem ungeliebten, minderwertigen Menschen fort» geworfen haben, als vollwertige unb tadellose Mit­glieder behandelt! Wenn ber Ringkampf zwischen Ehre unb Geld so Weiter geht, wie er in ben letzten Jahrzehnten sich gestaltet hat, so siegt ber schnöbe Mammon auf der gangen Linie, unb ber Wert eines Menschen wird schliesslich nur noch auf ber Goldwage ermittelt. Es kommt nicht mehr darauf an, was der Mensch ist, sondem nur darauf, was er hat, unb dabei ist bie Frage, woher er es hat, vollständig aus­geschaltet. Um das golbene Kalb dreht sich die ganze moderne Welt. Wer da nicht mittanzt, gehört zu den rückständigen Elementen", bie nicht in bie Zeit pas­sen. Mer — das ist ber Trost — er gehört auch zu bm glücklichen Elementen, die m ihrem Gewissen Ersatz finben für den Luxus und den Glanz, mit bem bie mobemen Glücksjäger ihre innere Unzufrieden­heit vergebens zu betäuben suchen.