Zeitung
• Juldaer
und er gibt sich nur
W«m, wie
Am Gberheffen u- -en Hess. Remtern.
* Ziegenhain, 21. Juli 1911. Der gestern auf dem Paradeplatze abgchalteue Pferde- und Foh- len m a r k t, verbunden mit Prämienverteilung, hatte unserer Stadt zahlreichen Besuch von ausiväris gebracht. Die Preisrichter hatten keinen leichten Stand, denn unter den dicken Tieren, die ihnen vorgesührt wurden, waren zumeist sehr schöne Exemplare. Im ganzen gelangten 400 Mk. und Diplome zur Verteilung. Die mit dem Markt verbundene Verlosung zog vick Publikum herbei.
* Fmnkenberg, 22. Juli 1911. Auf der Tagesordnung der letzten Sitzung der Stadtvewrdnetenver- sammlung stand nur ein Gegenstand, aber ein sehr wichtiger, die Vergrößerung der Wasser- lettung. Die Vockage wurde ckner längeren Er- örtenmg unterzogen und schließlich vorbchaltlich der Aufklärung mehrerer Einzckheiten des Projekts und des Kostenanschlags einstimmig genehmigt. Mit dem Bau soll so bald als möglich begonnen werden.
♦ Homberg, 22. Juli 1911. In dem benachbarten Rückersfeld stürzte der zehnjährige Knabe des Bürgermeisters Weber aus einer Scheune herab auf» Straßenpflaster und eriitt außer einem Armbruch nicht unbedeutende Kopfverletzungen, sodaß er in das Krankenhaus nach Hephata gebracht werden mutzte.
* Borken, 22. Juli 1911. Dieser Tage fand im Rathaus dahier dieReuverpachtung derRat» Hauswirtschaft zum 1. Januar 1912 statt. Von den zahlrckchen hiestgen und auswärtigen Jnteresien- ten blieb die Herkulesbrauerei Kassel, welche z. 'Zt. die meisten Wirtschaften unserer Stockt zu ihren Abneh- ment zählt, mit einem Gebote von 2650 Mark Höchst» bietende. Die GenossmschaftSbrauerck Homberg hatte 2600 M. geboten. — Bisher brachte die Rathaus» wirtschaft, mit welcher Metzgerei verbunden ist, 1500 Mark Pacht ein.
M 165.
Samstag den 22. 3ult Ml. ,
38. Jahrgang.
5. Blatt
nnd vertag He gnidaer Aetiendrmkerei te znlda.
ihm die Zustimmung au den Steuervorlagen gewiß gern verziehen haben, da er sie doch vor der schrecklichen Herrschaft deS Zentrums bewahrt haben würde. Die immer wtederkchrende Behauptung, daß die Finanzreform die Minderbemittckten bckaste, bagegen die Besttzmden fretgckassen habe, ist schon oft genug tot« derlei worden. Wenn der Besitz nicht noch stärker herangezogm ist, so trifft dafür niemanden anders die Schuld als ben Liberalismus, speziell bat Freisinn, ber mit allen Mitteln zu verhindern suchte, daß das mobile Kapital stärker herangezogen wurde. Wahr, leider nur allzu wahr ist es, daß eine »heillose Verbitterung der Bevölkerung* Platz gegriffen hat. Und es gehöri die ganze Unverfrorenheit, um nicht einen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen, des Liberalismus dazu, um diese Tatsache gegen die Finanzreform inS Feld zu führen.
Wer war e» denn, der diese Berbitterung im Volke hervorgerufm hat? Doch niemand anders als der Liberalismus mit feiner verlogenen Hetze. Mag der Liberalismus nur sehen, wohin er mit seiner verlogenen Steuerhetze treibt und wenn die „Voss. Ztg.' von einem gewaltigen Anwachsen des Radikalismus spricht, so hat ste da schon die ersten Folgen jenes Treibens. Richt der Liberalismus wird die Früchte seiner Hetze ernten, sondern einzig und allckn die Sozialdemokratie. Das hab«, ja die letzten Nachwahlen zum Rckchstage mit genügender Dcullichkeit dargetan.
Werk eine fortschreitende Gesundung eingetreten ist, die auch für die Zukunft weiter Gutes erhoffen läßt.
Damit wollen wir nun nicht umgckchrt einem zukunftsfrohen Optimismus das Wort reden, der an die Zukunft die höchsten Erwartungen auch bezüglich des Handwerks stellt. Aber ohne einen gewissen Optimismus geht es nun einmal im Harck- werk selbst nicht. Wer den Glauben an feine Sache verloren hat, dessen Schaffenskraft wird gckähmt,
Hutschenreuter. Er zog sich klaffende Wunden im Gesicht und innere Verletzungen zu. — In Eoburg Herrscht aroße Auftegung über eine Verschandelung des aus dem Jahr 1680 stammenden MorizbrunnenS einer wertvollen alten Sehenswürdigkeit. Zwei durchs gegangene Pferde waren in den Brunnen gefallen. Um ü man/ angeblich auf Anordnung
be3 Bürgermeisters einfach einen Teil bet Brunnen- umwandung herausgebrochen. Mm ist der Meinung
Me Stere auch auf andere Weise aus ihrem un- freiwtlligen Bad hätten herausgcholt werden können und dah man ganz leichtsinnigerweife ein wertvolles Altertum beschädigt hat.
* Mehr Optimismus.
Kaum etwas ist bisher für unsere H a n d w e r- kerbewegung und für eine gesunde Fortentwicklung des Handwerks selbst schädlicher gewesen als eine übertriebene Schwarzseherei, ein mangelnder Glaube an sich selbst und die Zukunft seiner Sache. Nun {oll sicherlich nicht bestritten werden, daß es eine Zett gegeben hat, wo im Handwerk eine gewisse Schwarzseherei e r k l ä r l ich war. Aber diese Zetten sind ziemlich vorbei. Die Entwicklung namentlich des letzten Jahrzehnts zeigt, daß im Hand
0 Der günstig« «b'ch'«S hauptkaffe ________
, a.wantllcb den liberalen Steuerhetzaposteln ben Lem so benoten, daß sie kaum ein Mock zu der erfreulichen Tatsache zu sagen wußten DaSwarja scklieklick zu begreifen, denn mtt dem Tage der Veröffentlichung des Hauptabschlusies der Reichskaffe kam auch die Verlogenheit der liberalen Steuerhetze in ihrem ganzen Umfange an den Tag. Darum auch suchte die liberale Presse ihren Lesern den glanzenden Stand der Reichsfinanzen möglichst zu verheimlichen. Aber mit der Zelt hat Ihr doch wohl die Erkenntnis gedämmert, daß das doch nicht gut geht. Und nachdem sie sich lange genug besonnen, erscheint jetzt die ,Voss 3tg/ auf dem Plan, um auf ihre Manier chren Lesern einzureden, daß zum jubilieren über die Gesundung der Reichsfinanzen gar fein ersichtlicher Grund vorhanden sei. Die alte Tante Dotz müht sich sichtbar ab, nachzuweisen, daß die Reichssinanzrefonn von 1909 die Gesundung der Reichsfinanzen gar nicht herbeigesührt habe. Sie muß zunächst, wenn auch widerwillig, anerkennen, daß es ein erfteuliches Er- gebnis ist, daß das Defizit von 1909 zwei Jahre früher als geplant war, gedeckt werden konnte und doch noch 35 Millionen übrig blieben zur Verminderung der Anleihe des Jahres 1911. Aber das ist nicht die Folge der Reichsfinanzreform von 1909, o nein das ist die Folge der gesteigerten Erträge der älteren Einnahmequellen, d. h. eine kleine Einschränkung muß die Tante Voß doch machen
Nach ibrer Berechnung übersteigt das Ergebnis der neuen (Steuern das Etatssoll um eine halbe Million, „der Ueberschuß des Jahres 1910 rührt also vornehmlich aus älteren Zöllen und Steuern und sodann aus ber Steigerung der Verlehrsselnnahmen her."
Mc möchten uns die Frage an die „Vofflsche Zeitung" erlauben, wie sie sich diese Gesundung der Reichsfinanzen, die sie zunächst leugnete, und dann in den eben mitgeteilten Sätzen doch zugibt, ohne die Reichsfinanzreform eigentlich denkt? Es bleibt auch ihr Geheimnis, wieso die Reichssinanzreform nur um deswegen nichts taugen soll, weil der größere Tckl des Ueberschuffes sich aus Mehreinnahmen der alten Steuern zusammensetzt. Die Reichsfinanzreform hat in jeder Beziehung den auf sie gesetzten Erwartungen entsproßen, denn sie hat die veranschlagten Eriräge Erbracht und noch eine halbe Million darüber, Ivie die „Vofl. Ztg ' ja selbst angibt. Wie nm des Himmels willen kann man da noch von einem Fiasko der Finanzreform reden. Die Tante Voß hat denn auch von vornherein eingesehen, daß es nicht länger angeht, den Leuten über die Finanzresonn Dinge einzureden, die sich nicht beweisen Taffen. Aber sie weiß sich zu Helsen. Sie macht sich dm Umstand zunutze, daß der Mensch in der Erregung nicht so scharf zu urteilen und zu dmken vermag, als bei ruhiger, nüchterner Ueberlegung Um ihre Leser in die richtige Stimmung zu versetzen, beschwört die „Voff. Zch." in dec Einleitung ihres Artikels dar Schreckgespenst der Zentrumsherrschaft und sonst allerlei für ein echt liberales Gemüt schreckhafte Dinge herauf. Man höre:
„Wieviel Schaden, irnreparierbar, so wird vielfach gefürchtet, ist burch biefe Fmanzreform ungerichtet worben! Das Volk wieder unter die Bol- mästigkert des Zeutrums gezwungen, der es kaum erst entronnen war; mitbedrückt von ben oft» elbischen Junkern, bie burch engsten Anschluß an den Klrrraüsmvs ihre gefährbete Macht auftechtzuerhatt« rohren- bie Minderbemittelten sowie Handel und Verkehr mit nenaen Abgaben belastet, während bie wirklich Bestnenben frei ausgrgangen sind — aus allebem eine heUiose Verdi ueruug in ber Bevölkerung, Helle Zwietracht unter ben bürgerlichen Parteien und ein ge- wal'i.es Anwachsen des Radikalismus."
Es ist erstaunlich, was die Tante Voß ihren Sofern alles bieten kann. Zu einer Zeit, wo die Leichen- verbreimungsvorlage Gesetz geworden ist, wo die preußische Regierrmg ben Liberalen zuliebe das Pflichtfortbildungsschulgesetz an der Forderung des RriigionSmiterrichtes scheitern ließ, — von anderen Dingen ganz zu schweigen — von einer Botmäßigkeit des Volkes unter das Zentrum zu reden, ist denn doch wirklich ein starkes Stück. Aber einmal zugestandm, es bestände wirklich eine solche Botmäßigkeit. Der Freisinn hatte es ja 1909 in der Hand das Volk von dieser Botmäßigkeit zu retten, warum nur hat er biefe Rettungstat nicht geleistet? Seine Wähler würden
otbnungen kommen, bie feine Lage verbessern helfen'. Sie brauchen nicht bloß zu kommen, sie sind schon dal Aber tote wenig kennen sie vielfach bie Handwerker, wie wenig werden sie kraftvoll auSgenützt! Und eS werden noch weitere Verordnungen für bie Hanbwerker kommen, wenn es dem Handwerker gelingt, mehr Einfluß hn öffentlichen Leben und auf bie Parteien zu gewinnen und vermtttckft derselben ihre Wünsche durchzusetzen. Vor allem ist es aber not- wendig, die vorhandenen Gesetze erst einmal gründlich auSzunützen. Da hatzertS aber vlckfach.
Also zu Schwarzseherei im Handwerk Ist kein Grund. Mehr berechtigter Optimismus möchten wir ihm wünschen. Optimismus gepaart mit praktischen StandeSarbett. Dann wttd'S eher besser , f!
vermischtes.
* Wieder ein« SpümageafsLr« in Köln? In Köln wurde in einem Festungsgraben an der Militär-Ringstraße von der Patrouille ein gutgekleideter Herr abgefaßt, der sich in der Nähe eines Forts versteckt hielt, das zurzeit umgebaut toirb. Der Mann gab an, daß er im Fort hätte nächtigen wollen, da er völlig mittellos fei. Die Patrouille übergab ihn der Kriminalpolizei, bie ihn unter Spionageverdacht verhaftete. Es handelt sich um einen angeblich stellenlosen Buchhalter aus Ost- prmßen.
* Ei« Sonderling. Der in Bad Sassendorf bei Soest in Westfalen in sehr guten Verhältnissen lebende Rentner Emil Knipping hat feinem Leben durch einen Revolverschuß ein Ende gemacht. K. lebte am Rande des Ortes im eigenen Hause ganz allein. Er hatte sich em durch eme Letter besteig- bareS Turmzimmer bauen lassen, in bem er, nachdem er bie Letter heraufgezogen, schlief.
* Vom „vernagelten gustav". Der „Naturmensch" Gustav Nagel aus ber Altmark macht wieder einmal von sich reden. Seine vorige Ehe, ber ein Töchterlein entsptoß, das „gustav", um es abzuhärten, gleich nach ber Geburt ins eiskalte Wasser steckte, sodaß es elendiglich zu Grunde gehen mutzte, scheint wenig glücklich gewesen zu fein. Jetzt wandelt „gustav" anscheinend wieder auf Freiersfüßen, allerdings vorläufig vergeblich. Im Colbitzer Wochenblatt" ist nämlich folgendes Inserat zu lesen: „meine seckobung mtt fröuldn frtba günter erkläre ich hiermtt für aufgehoben, gustaf nagel, wanderprediger."
betont, im Handwerk eine Gesundung eingeircken ist, so ist das nicht zum mindesten zu verdanken der staatlichen Gesetzgebung, die in dem sogenannten Handwerkergesetz vom Jahre 1897 dem Handwerke die Möglichkett gegeben hat, sich durch eine zielbewußteOrganisationsarbeit in den Innungen, durch eine sorgfältige Pflege des Lehrlingswesens wieder auf sich selbst zu besinnen und sich emporzurichten. Daneben hat auch die S e l b st h i l f e im Handwerk eine höhere Bedeutung erfahren. Und wenn diejenigen, die ruftn: „Nicht zu vick staatliche Verordnungen für das Handwerk" — sich bestreben, durch eine zielbewußte energische Organisationsarbelt die Staatshilfe nach Möglichkett durch eine dieser entsprechende Sckbst- Hilfe zu ersetzen, so wird niemand etwas dagegen haben, der es mit bem Handwerke gut meint.
Doch diejenigen, die diesen Ruf in die Oefient- lichkett senden, denken hier weniger an die staatnchen Verordnungen, wie sie in dem obengenannten Handwerkergesetz enthalten sind, als an die Verordnungen auf dem Gebiete des VerficherungS» Wesens. Sie beneiden gewissermaßen die Gesellen «m die Leistungen desselben und klagen, daß sie derselben nicht teilhaftig würden. Sie übersehen dabei, daß es auch ihnen möglich war, z. B. die Leistungen der Invalidenversicherung, die Renten, das Heilverfahren, sich für die Zukunft zu sichern durch eine freiwillige Wetter- und SelbstversiHe- rung. Aber wie sehr wird hier beim Selbständlg- werden gesündigt. Aus Kurzsichtigkeit und Unverstand schätzt man die Versicherung nur allzu gering ein und läßt die erworbenen Ansprüche fahren. Gegenüber den Verordnungen zu gunften der Gehilfenschaft sagt man: „Warum dem Handwerker nicht gestatten, daran mitzuwirken, daß auch Ber-
Amt Geisa und Umgebung.
* Dermbach, 21. Juli 1911. Für die Herstellung eines würdigen EingangstoreS für den 66 er MilitSrfriedhos hier ist vom Kpffhäuserbmid ein Zuschuß von 100 Mark bewilligt worden. Der Gemeindevorstand wird im Einvernehmen mit dem Kriegervereinsvorstand dak Weitere veranlassen.
* GehauS, 21. Juli 1911. Hier wurde die Vorturnerstunde des Feldabezirks im Felda- Werra-Turngau unter Leitung des Bezirks- Turnwaris Brand-Stadtlengsfeld abgehaltev, zu der sich 35 Turner aus neun Vereinen e'mgefun- den hatten. Geturnt wurden zunächst Atab- übungen. Daran schloffen sich Volks- und Jugendspiele an, die von dem zweiten Bezirks- Turnwart, Lehrer Bechmann-Oechsen, geleitet wurden. In der sich an die Turnstunde anschließenden Versammlung wurde bestimmt, daß das 2. Bezirksfest am 13. August m Empf ertS- Hausen abgehalten werden soll.
* Unterbreizbach, 21. Juli 1911. Hebet die Der» schmelzung der Gewerkschaft „Sachsen-Weimar" in Unterbreizbach mit „Alexandershall' In Berka a. W. sollte am Donnerstag in Eisenach Beschluß gefaßt werden. In der Versammlung der Gewerkschaft Sachsen-Weimar waren 878 Kuxe vertreten. Bck der entscheidenden Abstimmung bezüglich ber Fusion stimmten die Vertreter von 286 Kuxen mit „Stein", von 592 mit „Ja", sodaß der Antrag, weil bei einem Ankauf zwei Drittel-Mehrheit dafür fein muß, als abgelehnt gilt.
♦ Stadtlengsfeld, 22. Juli 1911. Der hiesige Gemeindevorstand erläßt folgende Bckanntmachung: 300 Mark Belohnung! Auf die Ergreifung und Ablieferung des Gelegenheitsarbeiters Christian Klvtzbach aus Stadtlengsfeld, der sich In ber Umgegend aushält, hat die hiesige Gemeindevertretung eine Prämie von 300 Mark ausgesetzt. Es wird ersucht, den Klotzbach festzunehmen und in das Amtsgericht abzultefem. Klotzbach, ein renommierter Wilddieb, macht bekanntlich durch feine geraden unverschämt frechen Ein- bmchsdiebstähle die Gegend unsicher.
* Dorndorf, 22. Juli 1911. Die ausländischen Arbeiter ber hiesigen Chemischen Fabrik wurden dieser Tage einer Schutzimpfung unterzogen.
♦ «uS Thüringen, 22. Juli 1911. Rücksichtslose Automobilisten au8 Oberhessen fuhren in Suhl eine Frau nieder und rasten davon, ohne sich um die Schwerverletzte zu kümmem. Durch einen nacheilen- den Radfahrer konnte jedoch bie Nummer des Automobils festgestellt werden. — Der Erfurter Flsche- retoeretn hat beschlossen, sich in das Berelusreglster eintragen zu lassen, um rechtsgülüge Prozesse führen zu können. Es handelt sich barum, einen Prozeß gegen eine Fabrik anzustrerigen, beten Abwässer ba8 wiederholt vorgekommene Fischsterben In bet Geta veranlaßt haben sollen. — Die Metzgennelstet von Emskirchen haben ben Preis für Schweinefleisch auf 60 Pfg. das Pfund herabgesetzt. Aus Freude darüber wurde der die Preisermäßigung mit der Glocke verkündende ©emcinbebiener mit Blumen geschmückt und mit Mer regeliert — Der jugendliche Arbeiter Erich Bauersachs aus Gefell fuhr auf einem Rad die steile Eller herab. Er verlor die Gewalt über die Maschine und sauste in das Schaufenster ber Firma
Die Macht des Gewissens.
51] Roman von Erich Friesen.
Em hilfloser Ausdruck tritt in Ihre Augen.
„Ja — aber — Ich mach' mir gar nichts daraus, dich zu erfreuen."
Sie schweigt einige Augenblicke. Mechanisch streicht Ihre Hand ein paarmal über Vie Stirn.
„Wie war das doch früher?" fährt sie nachdenklich mtt leiser Stimme fort. „Habe ich da nicht immer getan, wak du wünschtest? Unb wenn ich einmal nicht wollte, dann blicktest du mich scharf an — ach, so scharf! — bann war ich dir stets zu Willen. Ach, auch wenn ich fühlte, daß es ein Unrecht war! Wie oft fiel ich auf die Kni«, wie ost bat ich Gott, mich von dir, von deinem bösen Einfluß zu befreien. Aber Gott konnte mich nicht hören. Dein Einfluß, dein Wille, umgaben mich sv ganz und gar, daß meine Gebete nicht emporsteigen konnten zum Himmel. Unb so tat ich, was du wolltest. — Jetzt ist alles anders. Manchmal wünsche ich fast —", wieder fährt sie sich über die Stirn — „daß du keinen Einfluß auf mein armes totes Herz, auf meine geknickte Seele wieder geltend machtest, daß du mich wieder anblüfteft wie ehedem — mit Augen, so schaurig und ach, doch so wunderbar schön! — Ach, Armin!" schreü sie plötzlich auf, indem sie vor ihm niedersinkt, „erwecke wieder die Liebe in mir! Gib mir mein Herz, meine Seele zurück!"
£«f erschüttert beugt Annin sich nieder und schlingt die Arme um die zttternde Gestalt.
„Sieh, ich will mich ganz ruhig hierher setzen", fährt sie ängstlich bittend fort „Sieh mir fest in oie Augen — ganz fest — so!"
Die widersprechendsten Empfindungen durchzucken Armins Herz — freubige Hoffnungen, vermischt mtt bangem Zweifel. Er entgegnet kein Wort Fest blickt er in die voll zu ihm aufgeschlagenen, blauen Augen.--
Da überfällt ihn ein eigenes, ihm bisher ftemdes Gefühl: er vermag nicht, feine Gedanken, feinen
Willen zu konzentrieren. Zwar blickt er Ruth noch immer in bie Augen — aber tausend unsichtbare Geister scheinen zwischen ihm und Ihr zu schweben. Der Magnet zieht nicht Nach einer Minute schon blickt Ruch gar nicht mehr nach ihm hin.
„Was stierst du mich so an?" lacht sie. Ami wunder sich schon über uns. Er hält uns gewiß für verrückt. Komm, mein süßes Tier, wir wollen Blsqult naschen!"
Sie nimmt den Hund auf chre Arme und rennt mit ihm zur Tür hinaus. Augenscheinlich hat sie die Gegenwart ihres Gatten bereits vergessen.
„Barmherziger Gott was Ist auS mir geworben!" stöhnt Armin. Seine Zähne schlagen aneinander wie im fjfieberfroft
Langsam steigt er die Wendeltreppe hinab. Dann begibt er sich in sein Zimmer und verschließt hinter sich die Tür Armin Skott Ist allein — allein mit dem Gewissen, welches er zu töten versuchte, allein mit der armen Frauenseele, die er gemartert, allein mit dem Gott, den er verleugnete.
35. Kapitel.
Er ist geradezu unermüdlich, dieses miserable Regenwetter. Vom niedrigen, tiechängenden Himmel plätschert unb strömt unb trieft e8 herab in dicken Tropfen, in schiefen, eiligen Strahlen, als solle der ganze Erdball durchweicht werden. Die nächsten beiden Tage 6erbringt Armin zum größten Zeil in seinem Arbeitszimmer. Niemand stört ihn. Nur während der Mahlzetten reißt er sich aus seiner selbst- gewählten Einsamkeit. Er hat in den wenigen Tagen vrn Jahre gealtert Durch fein dunkles Haar ziehen sich berettr einige Silberfäden, und seine Züge sind noch hagerer und schärfer geworden. Auch hat et viÄl von feiner früheren Ruhe und Ueberlegenheit verloren.
Ruth hingegen ist bei vorzüglicher Laune. Ihre Schweigsanckett und Jdolenz sind einer Redseligkeit gewichen, die Annin noch viel peinlicher berührt, ja ihm geradezu körperliche Schmerzen vemrsacht.
Am vierten Tage bricht die Sonne enillich.durch
die Wolken. Der Wind läßt nach. Jetzt erst übersieht man den ganzen Schaden, den das Unwetter angerichtet Jahchrmderte alte Buchen wurden mtt ben Wurzeln aus dem lockeren Erdreich gerissen; die Wege sind zum Teil aufgeweicht unb zerstört, Mauern eingestürzt, und selbst ber arme, wohlgepflegte Rosengarten ist ein Schauplatz ber Verwüsümg. Und noch Immer steigt bie Flut. —
Zum erstenmal feit vier Tagen verläßt Armin das Haus, um eine JnspekttonStour zu unternehmen. Als er bald darauf zurückkehri, ist fein Gesicht finster, fein Auge trübe. Mit wenigen Worten schildert er Ruth die Zerstömng, welche die Flut angerichtet, den großen Schaden, ben alle Dorfbewohner erlitten, den Jammer der braven Leute.
Ruth hat für aff’ bie herzbeweglichen Schilderungen nur ein lustiges Lachen.
„Wie werden die Kinder sich über die Überschwemmung freuen!" ruft sie em über da» andere Mal. „Ich möchte sie wohl einmal sehen."
Trotzdem Armin über diese unangebrachte Freude ben Kopf schüttelt, willigt er doch ein, Ruth auf feinem nächsten Spaziergang nach dem Dorf mitztmeh- men. Er hat sich nachgerade daran gewöhnt, sie wie ein unvernünftiges Kind zu behandeln.
Am Nachmittag wandern beide langsam durch den Park, dem Ausgangstor zu. Plötzlich fragt Ruch ganz unvermittelt:
„Wie mag es wohl fein, wenn man ertrinkt?" Erschrocken nimmt Armin ihren Arm.
„S8ie kannst bu solch törichte Gedanken hegen, Ruth!"
„Hm, ich meinte nur."
Schwelgend schrotten beide bie Allee entlang, durchs breite, eiserne Parktor, hinaus auf die hochgelegene Landstraße. Von einer kleinen Erhöhung aus können ste bie ganze Umgebung überschauen. Die Wiesen ringsum alle überschwemmt. Nur bie Wipfel der Bäume lugen aus dem Wasser hervor. Ruths Augen funkeln vor Vergnügen. Ste kann sich nicht jatt sehen gn bau für sie herrlichen Schauspiel.
Plötzlich wird ste ernst. Ihr Antlitz verliert ben stereotyp harmlosen, kindlichen Ausdruck; aus Ihren Stoßen leuchtet wieder etwas wie Seele.
„Wie grandios!" murmelt .sie mtt gefallenen Händen. „Armin, ist dies alles ringsum mein Grund unb Boden?"
„Ja, Ruth. Die Ueberschwemmimg Hai unS unermeßlichen Schaden zugefügt.'
„Armin, vielleicht —" voll blickt ste ihm ins Gesicht — „vielleicht ist dies die Strafe Gottes für —' sie stockt.
Armin antwortet nicht, doch zieht er den Hut tiefer über die Sim. Und weiter unb weiter gehen sie auf der Landstraße, dem Dorfe zu. Ein paar Kühe, welche sich auf eine kleine Anhöhe auf der Wiese geflüchtet hatten, stehen bereits bis zum Hals im Wasser. Sie blöken herzzerreißend unb blicken wie hilfesuchend mit ihren großen Augen nach ben beiden vereinzelten Menschen hinüber.
Jetzt kommm Annin und Ruth an eine Stelle, von wo aus man das ganze Dorf überfehen tarnt — ein schauriges Bild der Verwüstung. Einige der Häuser stehen bis zu ben Dächern im Wasser; bei den meisten sind Türen und Fenster etngeriffen, so daß die Flut ins Innere bringt. In aller Eile zurecht- gezirnmerte Boote aus Brettern und Kisten fahren hin und her, um zu retten, was irgend möglich ist. So- eben nähert sich ein solch improvistertes Boot der Landstraße. Zwei Männer sitzen darin.
„Wenn der Himmel noch dunkler wird", schreit einer von den beiden zu Armin herüber, „so ist unser Dorf verloren, Herr Skott. Gott helfe uns!
„Hallo, Johnson!" ruft dieser zurück ?j?olen Sie die Frauen unb Kinder zusammen unb schassen Sie alle zu unS herauf nach der Wqldburg! Die Scheunen bieten viel Raum."
„Gott segne Sie, Herr Skott!'
Eine kurze Beratung zwischen ben beiden Mannern im Boot — bann wenden sie unb rudern eiligst dem Dorfe zu.
(Fortsetzung folgt.)