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Zeitung

fuldaer

von Trient, für gottgefällig und nützlich gehalten worben. In welcher Form diese Verehrung zu den Heiligm und zu ihren Ueberresten zum Aus­druck kommt, ob durch Wallfahrteil, Heiligenbilder, Rosenkranzgebet (zilr Mutter Gottes) oder in anderer Weise, das ist dem Ermessen der kirchlichen Vorsteher überlassen, vorausgesetzt nur, daß sie die Schranken der allgemeinen katholischen Glaubens- und Sittm- lehre hierbei nicht überschreiten. Deshalb sehen wir hier auch einen Wechsel in den Andachtsformen im Laufe der Jahrhunderte; so z. B. ist das Rosen­kranzgebet, wie wir es jetzt haben, im ersten christlichen Jahrtausend unbekannt.

Nicht also die Hetligmverehmng als solche, nicht die Fürbitte für die Verstorbenen als solche kann durch die kirchlichen Vorsteher geändert werden, wohl aber können die Formen der Heiligenverehrung und ähnliches gilt von den Formen der Gottesverehrung — den wechselnden Zeitbedürfniffen angepaßt und dementsprechend verändert werden. Wenn dämm der Papst jetzt eine Anzahl von Heiligenfesten auf den Sonntag'verlegt hat, so hat er damit die Heiligen­verehrung nicht abgeschafft, ja er hat nicht einmal die herkömmliche Form der Verehmng der betreffenden Heiligm umgeändert, er hat das Gedächtnis der be­treffenden Heiligen in der alten Form bloß auf einen anderen Tag verlegt; in ähnlicher Weise hat er auch einige Feste des Herrn, z. B. Fronleichnam nicht ab­geschafft, sondern bloß verlegt. In welchem Um­fange eine solche Verlegung bezw. Abschaffung von Feiertagen durch den Papst geschehen kann, das hängt von dem Charakter der betreffenden Feste ab. Würde durch die Abschaffung eines Festes eine unveräußer­liche Glaubens- oder Sittenlehre der Kirche bezw. eine unantastbare Kultcinrichtung Christi und der in seinem Auftrage handelndm Apostel umgestoßen oder auch nur gefährdet, dann könnte der Papst selbstver­ständlich eine solche Abschaffung nicht vornehmen. Daß durch die in Rede stehmde Maßnahme Pius X. solches nicht geschieht, liegt auf der Hand. Der Papst schafft nur einige zweite Feiertage ab, ohne daß der Hauptfeiertag angetastet wird, und andere Feste schafft er nicht ab, sondern verlegt sie bloß. Was aber den Zölibat betrifft, so ist die Ehe­losigkeit des Priesters allerdings eine rein diszipli­näre kirchliche Einrichtung, die jederzeit auch wieder aufgehoben werden könnte. Daß sie aber jemals auf­gehoben werden wird, ist ohne Zweifel ausgeschlossen. Die Kirche verkennt gewiß nicht die Nachteile, die besonders in wirtschaftlicher Hinsicht im Gefolge des Zölibates auftreten, aber sie kennt ebenso gut die noch viel größeren Vorteile, die der Zölibat der Kirche, den Priestern und dm Gläubigen bringt; sie kennt die großen Verpflichtungen, die sie Christo, dem ivartnen Empfehler und Förderer der Jungfräulichkeit gegm- über hat, sie kennt die Heiligkeit des katholischen Prie­stertums, das nur von jungfräulichen Trägem gezie­mend verwaltet werden kann. Die Verdächtigungen aber, die von ungläubiger und kirchenfeindlicher Seite, und jetzt wieder von den Leipz. N. Nachrich- ten gegen den Zölibat geschleudert werden, als er­niedrige er die Ehe, als werde er doch nicht beobachtet, als sei er eine Gefahr für fromme Jungfrauen und dergleichen, müssen mit aller Entschiedenheit zurück­gewiesen werden. Wie man nicht berechtigt ist, des einen Judas wegen sämtliche Apostel als geldgierig, geizig, ungläubig und verräterisch zu bezeichnen, so ist man auch nicht berechtigt, einiger treubrüchiger Priester wegen den ganzm Pciesterftand zu verun­glimpfen. öder sollte es erlaubt sein, den ganzen Ehestand als eine unsittliche Einrichtung zu er­klären, weil so viele Männer die Ehe brechen, weil so viele Eheleute im Unfrieden leben, und so viele vor der Ehescheidung nicht zurückschrÄken? Soll es erlaubt sein, alle diejenigen, die in der Welt aus freiem Willen oder durch wirtschaftliche und gesund­heitliche Gründe genötigt, z. B. durch die Sonderheit ihres Berufes oder durch körperliche Gebrechm oder .durch Mangel an Subsistenzmitteln, unverheiratet bleiben, für eine Gefahr der frommen Jungfrauen, für unsittliche Mmschm zu erklären? Und doch ist es unendlich leichter im Priesterstande mthaltsam zu bleiben denn im Laienstande.

Die Auslassung der Leipz. N. Nachrichten ist wiederum ein Schulbeispiel für die Unkenntnis und Unverfrorenheit, mit der gewisse, allem kirchlichen 2eben entfremdete Kreise über katholische Dinge zu urteilen belieben.

den Weg nach dem alten Teil des Hauses. In jede Nische kriegt sie, in jedes Loch steckt sie dm Kopf.

Plötzlich fährt ihr ein lustiger Gedanke durchs Hirn. Ha, nach dem Geheimzimmer! Sie will Feuer im Kamin machm, und, wmn's recht warm und mollig da oben ist, ein bischen hemmstöbem. Hurra, wird das ein Spaß werden!

Wie der Wind fliegt sie die Wendeltteppe hinauf. Da seit Monaten das Geheimzimmer nicht gelüftet wurde, schlägt ihr muffige Lust entgegen. Sie öffnet das Fenster; große Regenttopfen klatschen ihr ins Gesicht. Hastig wirft sie das Fenster wieder zu.

Huh, wie kalt es hier ist! Rasch Feuer! Aus Frau Forsters ehemaligem Schlafzimmer holt sie Holz und Papier. Dann hockt sie am Kamin nieder und beginnt, abgebrochene Melodim summend, Feuer zu machen. Bald flackern lustige Flammm empor. Slh, wie mollig rs wird!

Nun geht's ans Jnspizierm der Truhe. Eine Re­liquie nach der andem nimmt sie heraus und legt sie fein säuberlich nebeneinander auf dm großen, wurm- stichigm Tisch — anttke Schmuckgegmstände, verbli­chene Photographim, gepreßte Blumen, Bänder und Schleifen jeder Art, mehrere Päckchen mit farbigem Seidenband umwundener vergilbter Briese — und vor allem Haare, Haare, Haare.--

Besonders das Sammeln der Haarlocken macht ihr Spaß Braune, schwarze, blonde, weiße — von den goldigm Locken, der Kindheit an bis zu den silber- glänzmdm des Gretsenalters. — Alles ist vertreten. Hui, wie das zischen und pmzeln wird!

Lustig schlägt sie in die Hände. Ihre Wangen glühm vor Aufregung — der Aufregung eines Kin­des, welches ahnt, daß es etwas Verbotenes tut.

Gerade will sie zwei zierlich zusammengebundme Löckchm — eine schwarze und eine rotblonde — in die praffelndm Flammen werfen, als ein Geräusch an der Tür sie anhalten läßt. Sie wendet den Kopf.

Aus der Schwelle steht Armin.

„Was tust du hier, Ruth?"

Der tieftraurige Ausdruck seines Gesichtes macht sie lachen.

M 164.

Freitag den 2|. Juli Ml

38. Jahrgang.

2. Blatt

vrn« und Verlag der 5»Id««r Actlenlrmckere in Xulba.

„Ich glaube nicht. Mein Herz ist tot. Ich liebe nichts mehr auf der Welt — nur meinen füßm, klei­nen Spitz. Wir paffen so gut zu einander — Amt und ich!"

Ein Schauer überfliegt Armin. Er steht auf und legt den Arm um Ruths Nacken.

„Du bist krank, mein armes Kind. Ich iverde dm Arzt rufen laffen."

Ungeduldig schüttelt sie dm Arm ab.

„Laß mich! Du zerdrückst mir mein Kleid. Ich will keinen Arzt. Ich fühle mich sehr wohl — leicht und frisch wie ein Schmetterling! Ach, so ein Schmet­terlingsleben ist doch schön! Und wie herrlich der Regen an die Fensterscheiben klatscht! Sieh nur, steh! Ich will die Tropfm zählen. Jeder von uns sucht sich einen Tropfm aus, und der, deffen Tropfen zu­erst am Fensterbrett ankommt, wünscht sich was. Ich hab' das ost als Kind gemacht.--Also — dies

ist dein Tropfm — und dies meiner. Hurra! Sieh, wie schön meiner läuft! Paß auf, er ist zuerst unten! — Siehst du, ich wußt' es ja. Ich hab' gewonnen. Wo bist du, Armin —"

Sie wendet den Kopf. Doch Armin hat das Zim­mer verlassen. Mit der Mime eines schmollenden Kindes wirft sie den Kopf zurück. Dann beschäftigt sie sich wieder mit dem Zählen der Waffertropfen. —

Regm und Sturnr nehmen immer mehr zu. Bei besonders heftigen Stößen leuchten Ruths Augen vor Vergnügm; laut auflachend schlägt sie die Hände zusammen.

Nach einer Weile setzt sie sich aufs Sofa, nimmt den Spitz auf den Schoß, wiegt ihn liebkosend in den Armen hin und her, zieht ihn an dm Ohrm — der Regm ist vergeffen.

Jetzt tritt ein Diener ins Zimmer, um das Kaffee­geschirr hinauszutragm. Frau Skott wirft dm Spitz zur Erde, schüttelt und glättet ihr weißes Kleid und rennt dann zur Türe hinaus.

Planlos läuft sie durch die einzelnen Zimmer. Auf dem Korridor begegnet ihr die alte Haushälterin, die ihr kopfschüttelnd nachblickt. Jetzt nimmt Ruth

Diasporaeknd und vonifattus-verem.

Der soeben erschienene Rechenschaftsbericht des Generalvorstandes des Bonifatius-Vereins zu Pader­born bringt wieder einen unwiderlegbaren Beweis für die überaus regsame und segenbringende Tätigkeit des Vereins in den Jahren 1908, 1909 und 1910. Die Erkenntnis von der Notwendigkeit des Vereins ist in immer weitere Kreise gedrungen und hat ihm neue Freunde und Gönner erworben. Es ist dies an erster Stelle dem bleibenden Wohlwollen zu verdanken, das wie Pius IX. und Leo XIII. so auch der jetzt regierende Papst Pius X. dem Verein zuwandten. Einen erfreu­lichen Aufschwung haben die vom Verein herausge« gebenenen Bonisalius-Blätter genommen. Am 23. Okt. 1910 konnte der Bonisatius-Verein sein 25jähriges Jubi­läum feiern. Während der 25 Jahre seines Bestehens hat der Verein bis jetzt ungefähr 2Vi Millionen Mark verausgabt zur Erbauuung von K»mmunikanten-An- sialten, für Fahrkatten der Kinder, für Bekleidung armer Erstkommunikanten usw.

Die gesamte Summe aller freien Gaben, welche in den letzten 3 Jahren für die Zwecke des BonifatiuS- Bereins eingenommen wurde, beziffert sich auf insgesamt 7291003,08 Mark, von denen der Generalvorstand 1249035,61 M., die Diözesankowitees 5579155,16 Mk. und der akademische Bonifatius-Berein 27735,57 Mk. aufbrachten. Diese Summe wurde verwandt zur Er­haltung der bereits errichteten Misfionsstationen, zur Gründung neuer Stationen und Schulen, zur Abhaltung periodischen Gottesdienstes an einzelnen Orten usw. Es erhielten aus der Kasse des Vereins zirka 1000 Diasporagemeinden zur Beschaffung von kirchlichen Grundstücken, Erbauung von Kirchen und Schulen usw. Unterstützungen, die um so reicher ausfallen konnten, weil in den letzten 8 Jahren zirka 53 Pfarreien bezw.

Deutscher Reich.

* Basiermanns Wahlkreis. Es ist nicht gerade rühmlich für die nattonalliberale Partel, daß nun schon feit mehreren Jahren die Presse immer wieder mit dem Wahlkreis beschäftigt wird, in welchem die Nationalliberalen ihren Führer sicher unterbringen wollen. Neuerdings wird nun der Wahlkreis Saarbrücken durch die Preffe gezogen, wo man den großen Bassermann nun endlich gebor­gen glaubte. Es handelt sich um den Streit darüber, ob der Wahlkreis nun auch Bassermann sicher sei. Als daran gezweifelt wurde, hat die „Nationalliberale Korrespondenz" unwirsch geantwortet, es bleibe bei Saarbrücken. Das kann man ja verstehen, endlich will man doch mit Staff ermann Ruhe haben; es gibt doch auch schon andere Dinge in der nationalliberalen Partei zu besorgen. Aber es Hilst nichts. Nachdem vorher schon die Wochenschrift „Die Mainbrücke" die „nattonalliberale Sicherheit" von Saarbrücken ange- zweifelt hatte, kommt nun auch das „Berl. Tagebl." mit einer Zuschrift, welche sehr beachtenswert ist. '

In dieser Zuschrift wird ausgeführt, daß die schwere Industrie es bisher mit Hilfe ihrer Beamten­schaft fertig gebracht habe, den Wahlkreis im Kampfe gegen das Zentrum zu halten. Bei den jüngsten Land­tagswahlen hätten aber die technischen Beamten, die von den Nationalliberalen mit leeren Versprechungen gefüttert worden seien, einem Vertreter der junglibe­ralen Richtung zum Siege verholfen. Gegen den Willen der Schwerindustrie habe man bei den verän­derten Verhältnissen die Kandidatur Bassermanns durch­gedrückt. Anfangs habe es auch keinem Zweifel unter­legen, daß der Führer der Partei selbst gegen einen Arbeiterkandidaten des Zentrums den Sieg davontragen würde. Dann aber hätte die Frage, wie man die Ein­nahmen der fiskalischen Bergwerke rentabler gestalten könne, einen völligen Umschwung der Sachlage herbei« geführt, nachdem die nationalliberalen Abgeordneten Hirsch und Röchling im Plenum des Abgeordneten­hauses den Standpunkt vertreten hätten, daß die mitt­leren technischen Beamten der Gruben nicht mehr als Staatsbeamte angestellt werden dürften. Bekanntlich besteht in Regierungskreisen die Auffassung, als ob der Rückgang der" Einnahmen aus dem fiskalischen Berg­bau darauf zurückzusühren sei, daß man vor mehreren Jahren jenen Beamten den Beamtencharakter verliehen hat, obwohl die Gründe für den Rückgang in der Hauptsache darin zu suchen find, daß der Staat seiner­zeit die Gruben zu viel zu hohen Preisen auS privatem Besitz übernommen hat. Die Stellungnahme der Na­tionalliberalen im Abgeordnetenhause, führt die Zu­schrift weiter aus, hätte unter den technischen Beamten des Saargebietes eine ungeheure Erregung hervor­gerufen. Es ist das angesichts des vorher erwähnten Umstandes sehr begreiflich, denn mit Recht lehnen es die Beamten ab, das Karnickel für anderer Leute Sünden zu sein, und es muß die Beamten in hohem Grade verletzen, wenn man ihnen sagt, nachdem ihr den Beamtencharakter habt, seid ihr nicht mehr so interessiert an den Einnahmen des Fiskus, daher muß euch der Beamtencharakter wieder genommen werden. Das setzt eine Pflichtvergessenheit der Beamten vor­aus, die man dieser Kategorie wirklich nicht »achsagen kann. Der Gewährsmann des ,Berl. Tagebl.' weist nun darauf hin, daß ein großer Teil dieser Beamten, die früher den Nationalliberalen die Wahlen gemacht hätten, sich der Wahl bei den kommenden Reichtstags- wahlen enthalten würden, und die ihnen unterstellten Arbeiter würden in dieselbe Kerbe hauen, weil man mit der bisherigen Vertretung schon längst unzufrieden sei. Die Direktoren der staatlichen Bergwerke ver­suchten zwar zu einer Versammlung zu ermuntern, in der den nationalliberalen Abgeordneten gehörig der Kopf gewaschen werden solle. Nach den'Ausführungen der Lokalpresse seien die Beamten aber dazu nicht ge­neigt. Sie hätten es aufgegeben, mit den Vertretern der Großindustrie über die Rechte von Beamten und Arbeitern zu streiten und sagten es unverblümt, daß sie den Herren bei den nächsten Wahlen die Ouittung für ihr Verhalten geben wollten.

Die „Natt. Korrefv." wird sich also davon über­zeugen können, daß der „Basferrnannsche Wahlkreis" doch noch nicht zur Ruhe kommt.

4- Zentralisierung der Katasterämter. Es besteht die Absicht, die einzelnen bundesstaatlichen Katasterämter zu einem Reichs-Katasteramt zu­sammenzuschließen. An zuständiger Stelle wird, der „Post" zufolge, augenblicklich ein dahingehen­der Gesetzentwurf ausgearbeitet, der dem Reichstag noch für das Haushaltsjahr 1912 zur Bearbeitung überwiesen werden wird,

Ausland.

** Das päpstliche Motn proprio über die Verlegung einiger Feiertage hat in Oberöster­reich zu lebhaften Erörterungen geführt. Das „Linzer Volksblatt" teilt nun mit, daß der hoch­würdigste Herr Bischof von Linz sogleich nach Bekanntwerden des Motu proprio erklärt habe, er vertraue fest, daß in der Dtözese Linz die Felertage ungeschmälert erhalten bleiben werden. Ferner meldet die Wiener „Reichspost", daß, der Verbandstag. der christlichen Arbeiter- vereine Niederöfterreichs di« Verbandsleitung be­auftragt hat, bei den kirchlichen Stellen Schritte zu tun, daß der päpstliche Erlaß auf Wien und Niederösterreich keine Anwendung finde.

* Wegen Lohnforderungen beim Drxschen mit Maschinen sind in der italienischen Provinz Umbrien 6000 Landarbeiter in den Ausstand getreten. Die Arbeiter sind christlich organisiert. Der Bischof Nasalli, deffen Vermittlung gewünscht wurde, erklärte, daß die Arbeiter nicht gut be­handelt würden und daß ein Teil der Guts­besitzer ihre Verpflichtungen nicht eingehalten habe. Die Sozialisten unterstützen aus Erbitterung über den Rückgang ihrer Organisation die Gutsbesitzer.

** Die Stärke des italienischen HeereS ist durch das vom Parlament angenommene Kadregesetz auf 27 2 629 Mann festgesetzt. Das Land ist aber zur Zeit noch nicht in der Lage, die dafür erforderlichen Kosten aufzubringen, so daß die wirkliche Stärke hinter jener Festsetzung bedeutend zurückbleibt. Das letzte Budget hat nur die Kosten für die Unter­haltung von 240000 Mann bewilligt. Die Differenz beträgt also 32 629 Mann, und zwar nach den einzelnen Waffen bei der Infanterie 19724 Mann (13 Proz.), Kavallerie 4079 Mann (15,6 Proz.), Artillerie 6316 Mann (14,6 Proz.), Genie 1214 Mann (11,6 Proz.) Es sind infolgedessen die Eeffktivstärken der einzelnen Truppeneinheiten herab­gesetzt worden. So fehlen bei jeder Kompagnie 16 Mann, Schwadron 28, Batterie 20, Geniekom« pagnie 12 Mann. Dieser Mangel ist um so empfindlicher, als die Etatsstärken dieser Einheiten an und für sich schon sehr gering waren und be­trächtlich hinter unseren deutschen Stärken zurück­blieben. Dadurch wird aber die Friedensausbildung sehr erschwert und die Sicherheit und Schnelligkeit der Mobilmachung in Frage gestellt. Die Mehr­einstellung von 31000 Mann würde 9,7 Millionen Mark verursachen.

Die Macht der Gewissens.

60] Roman von Erich Frresen.

„Ich habe eine gute Nachricht für dich, mein Herz, beginnt er foeben wieder.

. „So —? Sich, sieh doch nur meinen Arni an, wie entzückend er bettelt! O, du süßes, süßes Tier!"

Armin runzelt die Stirn.

„Laß jetzt den Hund! Ich habe dir etwas zu sagen."

Sie gibt dem Spitz einen Stoß, daß er quiekend zu Boden fliegt.

‘ „Ich höre", sagt sie, sich mit der Hand über die Stirn fahrend.

„Vor einer halben Stunde ist Gilbert abgefahren. Er war bei vorzüglicher Laune. Seine Vermählung mit Fräulein Virginia Forster soll in den nächsten Tagen stattfinden."

Erwartungsvoll blickt er feine Frau an. Wie sie sich freuen wird!

' „Spitz, du bist zu reizend!" xust sie lachend. „Komm, ich muß dich küssen!"

Und sie hebt den Hund, der auf den Hinterbeinen sitzt und die Vorderpfoten bettelnd ausstreckt, in die Höhe und drückt ihr rosiges Gesichtchen in fein lang­haariges Seidenfell.

„Ruth, hörst du nicht, was ich sage?"

Armins Stimme klingt scharf, verletzt.

„Pah, die dumme Hochzeit! Wie ost sollte die schon ftattfinben!"

„Ruth, du hast dich sehr beränbert!"

„Ich weiß, ich weiß! Ich bin froh, daß mein gewissen fort ist und meine Seele und mein Herz da- jii. Ich fürchte nichts mehr und liebe nichts mehr M tralala —tralala!"

Ein geisterhaftes' Lächeln verzerrt für einen Augenblick Armins Lippen.

„Du liebst nichts mchr, Ruth? Auch mich nicht Mehr — deinen Gatten?"

Sie schüttelt den Kops.

„Ich sammele Locken. Sieh mal, wie hübsch!"

„Ich wundere mich sehr, daß du dich hier auf» hältst, Ruth!"

'Warum? Es ist so hübsch hier. — Und wir müssen diesem alten, braven Zimmer sehr dankbar fein, nicht wahr, Armin? Hahaha, wo wären wir jetzt ohne dieses Zimmer!"

„Sttll davon!" Armin ist noch bleicher geworden. „Komm jetzt herunter! Wenn du recht brav bist, sing ich dir nachher etwas vor. Komm!"

Er faßt sie bei der Hand. Sie schüttelt die­selbe ab.

„Ich mag keinen Gesang hören. Wo ist mein Spitz? Ah, Ami, bu süßes Tier, komm her! — Nein, ich geh' nicht mit; ich will hier bleiben unb ble Locken verbrennen."

„Wie?"

„Brennende Locken — brennende Liebe — wie bald ist beides vorbei, hahahaha!"

„Ruth!"

Sie versteht nicht den Aufschrei seines gequälten Herzens. Behutsam nimmt sie eine goldblonde Locke zwischen zwei Finger.

„Sieh hier! Dieses Haar gehörte einem Kinde. Es starb. Die Mutter schnitt es von dem Keinen Köpfchen. Sie liebte bas Kind ja so sehr — so sehr, wie ich dich früher liebte. — Und alle diese Locken hier — sie alle bedeuten Liebe, Liebe, Liebe! — Hahaha, wie muß man lachen, wenn man diese Haare von meinem Standpunkt aus betrachtet! Paß auf!" _

Mit beiden Händen greift sie in das Häufchen Locken, unb bevor Armin es htnbern kann, fliegen fie in die hell auflobernben Flammen.

’ Ruth, bu benimmst dich wie ein ungezogenes Kind!" ruft Armin, zitternd vor Erregung. „Komm sofort hinunter — ich befehle es Mr!

Sie tritt ein paar Schritte zurück. Zomrg blitzen ihre Augen ihn an.

„Du hast mir nichts zu befehlen. Geh fort!"

Er sieht seinen Mißgriff ein.

„Verzeihe, Ruth! Ich befehd dir nicht. Ich bitte dich — komm! Du erfreust mich damit!"

ß Pitts X — Modernist!

Es war den liberalen »Leipziger Neuesten Nachrichten" in ihrer Nummer 195 Vorbehalten diesen „geistreichen" Gedanken auszuhecken. Das Blatt führt in dumm-dreister Weise aus:

Mus X. hat den Modernisteneid nicht beschworen, es steht ihm darum frei, Modernist zu sein; von dieser Freiheit hat er jetzt Gebrauch gemacht, indem er, vom Modernistengeist erfüllt, altehrwürdige Feiertage abzu­schaffen beschloß. „Uralte kirchliche Bräuche", „religiöse Sitten« hat er „den Bedürfnissen des modernen Levens nachgeordnet", „geheiligte Traditionen ließ er vor dem Windhauch zerflattern". „So find Perspektiven ge­öffnet in unendliche Weiten.« „Wenn kirchliche Ge- gohnheiten und altersgraue Traditionen dem modernen edürfnis unterworfen werden, dann werden demnächst fiuch Rosenkränze und Heiligenbilder, Zere- jnonien und Wallfahrten aus dem Kodex ver- ewinden, dann wird Herr Otto Sickenberger keinen iderspruch mehr finden, wenn er in einem Briefe an den Erzbischof von München die Aufhebung des Zölibates fordert.... denn auch die Wallfahrt will sich nicht in den Gang des modernen Lebens Bgen, sie steht in ihrer gemächlichen Art m starkem iderspruch zu der Hast des Handels und Verkehrs; s Zölibat, das eine große Anzahl kräftiger Manner von der Gründung einer Ehe ausschließt, schafft schweren nationalwirtschastlichen Nachteil, es^erniedrigt, wie Sickenberger an den Münchener Erzbischof schrieb, die Ehe, verwehrt den frömmsten Söhnen des Volkes die Nachkommenschaft und bringt Tausende frommer Frauen in entsetzliche Gefahren. Und daß all die Zeremonien der Kirche nicht mit den Bedürf­nissen des modernen Lebens zusammenstlmmen, daß auch von der täglichen Frühmesse gesagt werden könnte, sie bringe wirtschaftlichen Schaden, ist kaum zu be­streiten.« „Indem der Papst an den Traditionen der Festtage rüttelt, stößt er zugleich die Pforte auch zu änderen Forderungen ein. Er macht der Modernität Zugeständnisse und schleift selbst die Wälle der alten Bastionen .... Was kann dann noch der Ao laß bedeuten und die ErlMng der Seelen aus dem Feg­feuer durch die Mfftung von Messen!''

Es wirb iadann noch einiges getebet von der SpringproxHwn in Echternach, vom Lourbeswas-

Imb Walpurgisöl, vom Niedergang Spaniens in- jolge der vielen Festtage (!) unb schließlich wird parauf hingewiesen, daß auch die protestantische Kircge endlich einmal Ernst machen solle mit ber Abschaffung 'gewisser Feiertage, z. B. bes Epiphanifestes unb des Buß- unb Bettages, unb daß die Sabbate der Juden ebenfalls weichen müssen.

In letztere Angelegenheiten mischen wir uns Irnndsätzlich iricht ein, sie unterstehen den betreffenden protestantischen unb israelitischen Kirchenbehörden, Hnen ist deren Regelung zu überlassen. Aber das törichte, von keiner Sachkenntnis getrübte Gerede der Zeipz. N. Nachr. über katholische Lehren unb Ein­richtungen müssen wir ganz entschieden als unpassenb Und haltlos zurückweisen. Ehe man über solche tinge schreibt, sollte man sich vor allem erst einmal larheit verschaffen über gewisse fundamentale Dinge, phne deren Verständnis eine auch nur irgendwie ge- rechte Beitrteilnng katholischer Lehren unb Einrich­tungen nicht denkbar ist: man sollte sich erst klar wer­den über das was Dogma in der katholischen Kirche ist und was zur D i s z i P l i ir gehört, man sollte die wesentlichen von den unwesent­lichen Kultuseinrichtungen zu unterscheiden ver­stehen. Das Dogma unb bie wesentlichen Kultuseinrichtungen ber katholischen Kirche kann unb wirb kein Papst unb kein Konzil jemals änbern, denn das ist durch Christi, des Gottessohnes und Stif­ters der Kirche, unb ber Apostel Willen im hl. Keifte unveränderlich für alle Zeiten so ge» 5ehr! unb angeoibnet worben. Zn solchen wesent- i ch e n Kultuseinrichtungen ber kathol. Kirche ge­hört das hl. Me ß o p f e r, gehören die sieben Sakra­mente; zu den unwesentlichen Lehren per katholischen Religion gehört bie Lehre vom A b - laß vom Fcgfener unb von ber Erlösungsmög- Uchkeit der armen Seelen im Fegfeuer durch die Zu­wendung ber Früchte bes hl. Meßopfers. Das finb Lehren, bie ganz klar unb bestimmt in der hl. Schrift und Tradition enthalten sind unb bie von Hetzer Erbgut ber Kirche waren. Auch bie Gottgefäl- Ugkeit und Nützlichkeit ber Heiligen- unb Reli- huien Verehrung ist unveräußerliche katholische Lehre; nicht als ob bie Kirche bie Heiligen- unb Reliquienverehrung für notwendig zur Seligkeit Märte, wohl aber ffi dieselbe in der katholischen Kirche jederzeit, unb zuletzt noch burch bas Konzil