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Maer W Zeitung
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jV6 164. Erstes Blatt.
Fulda, Freitag den 21. Juli 1911.
38. Jahrgang.
(S Marokko.
Der Schwerpunkt der Führung unserer politischen Geschäfte scheint zur Zeit bei der Presse zu liegen. Die Staatssekretäre und preußischen Minister smd dem Zuge der Zeit gefolgt und haben ihrer Amts- ftube, in der keine wichtigen Materien zur Entscheidung drängen, den Rücken gekehrt. • Herr v. Beth- mann-Hollweg erholt sich auf seinem Gute Hohm- stnow, Dr. Delbrück weilt im Harz, v. Tirpitz hat .St. Blasien wieder ausgesucht, Staatssekretär Wermut weilt im Lande der Streichhölzer und Herr Krätke überlegt sust im Moment, wohin er den Wanderstab setzen soll. Die preußischen Kollegen sind nicht weniger vom Wandersteber ergriffen: v. Dallwitz ist nach Gastein, Herr v. Heeringen lauscht dem Jodler in Tirol, dm Kultusminister hat der Zug nach Bebra 'entführt, der Finanzminister kraxelt in der Schweiz, Justizminister Dr. Beseler macht eine Tournee durch .Süddeutschland, Herr Sydow ist den kaiserlichen Spuren nach Norden gefolgt und Herr Schorlemer- Lieser endlich hat die heimatlichen Penatm aufgesucht. Ein Bild der politischen Ruhe, wie wir Deutschen es nur feiten erleben. Aber ein Mann ist in Berlin zurückgeblieben und seine Tätigkeit allein genügt, um nicht nur die inländische, sondern auch die gesamte ausländische Presse in Atem zu haltm. Er hat den Urlmrb schon glücklich hinter sich und kann sich mit frischer Kraft seinem Werke widmm. Es ist -er Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter, der mit seinem französischm Kollegen C a m b o n über die Marokkofrage verhandelt. Was die beiden diplo- mattsieren, das erfährt man nicht authentisch, denn ;eS ist ein berechtigter Grundsatz der Diplomatie, daß die Oeffentlichkeit über schwebende diplomatische Unterhandlungen nicht aufgeklärt wird. Wer auch im Staatssekretariat des Auswärtigm Amtes haben die fLände Ohren und so dringen täglich Nachrichtm in ie Oeffentlichkeit, welche sich den Anschein der .Authentizität geben. Mit diesen unkontrollierbaren und unverantwortlichen offiziösen Notizen und No- jizchen wird im gegenwärtigen Mommt, wenn man es vom nationalen Gesichtspunkt aus betrachtet, geradezu ein Unfug getrieben, da sie die ausländische Presse gegen die inländische und umgekehrt verhetzen und dazu noch die inländische Presse untereinander in die Haare geraten lassen. So hat die Notiz der Äöln. Zeitung, daß Deutschland Kompmsationen Außerhalb Marokkos erhalten könne, den Streit auf -er ganzen Linie der Presse entfacht. In dec französischen Presse stellt man sich denkbar entlüftet darüber, daß Deutschland in der Gegend von Kamerun „Kompensationen"' für Marokko verlange. Der sensationsbedürftige „Statin" versichert, zu wissen, daß jn der letzten Unterredung der deutsche Staatssekretär Kompensationsansprüche gestellt habe, die für Frankreich durchaus unannehmbar feien.
„Deutschland fordere nicht mehr und nicht weniger als die Küste des französischen Kongos mit Einschluß Von Libreville, während Frankreich das Hinterland zum größten Teil verbleiben würde. Aus Vie Bemer.'ung Cambons: „Wo hätte denn unsere Kongokolvnie ihren Zugang?" habe Kiderlen-Wächter erwidert: „Durch 'eine Bahn, die man bauen wird." Cambon habe daraus 'natürlich diesen Anspruch abgelehnt. Kiderlen-Wächter habe versprochen, mit dem Kolonial-Staatssekretär Rücksprache zu nehmen. „Deutschland versteht es glänzend zu feilschen", fügt das Blatt seinen MU- fei'ungen bei. „Gleich einem geschickten Händler hat es die Gewohnheit, viel zu viel zu verlangen, um möglichst viel zu bekommen oder, wie ein französischer Sprichwort sagt: „Es fordert einen Ochsen, um ein Ei zu trügen."
( Im deutschen Blätterwald sind die Alldeutschen geradezu aus dem Häuschen geraten. Die Berl. N. .Nachrichten weisen den Gedanken an solche Kompensationen „mit der größten Entschiedenheit und Entrüstung" zurück, die Rheinisch-Westfälische sieht die '^deutsche Ehre" auf dem Spiele stehen und in der Täglichen Rundschau malt Herr Litzmann „die -schwarze Macht" an die Wand und sieht im Geiste bereits eine Invasion der Marokkaner, Tunesen, Algerier und Regeriruppen unter französischer Führung in Deutschland voraus. Sie alle stimmen in der Auffassung überein, daß, wenn Frankreich auch nur einen Bruchteil des Sherifenreiches in Händen behalte, Deutschland nicht auf Länderbesitz "in Afrika verzichten könne und dürfe.
Erfreulicherweise macht sich aber auch eine besonnenere Auffassung in unserer Presse geltend, die von dem alldeutschen Draufgängertum nichts wissen will. Man geht auf dieser Seite von der richtigen Erwägung aus, daß, wenn endlch einmal eine klare «Situation in Afrika geschaffen werden soll, durch die Künftigen Konflikten vorgebeugt wird, von beiden Deiten Opfer gebracht werden müssen. So urteilt die Kreuzzeitung realpolitisch nüchtern: „Eine territoriale Machtstellung Deutschlands in Südmarokko fft Akin glühender Wunsch weiter patriotischer Kreise. .Aber die Erfüllung dieses Wunsches ist ausgeschlossen, fvenn wir daran festhalten, daß das Ziel der jetzt schwebenden Verbaudkungen eine Ausgleichung unserer und der ftonzösischen Interessen in Afrika sein Muß. Verzichten wir darauf, den lockenden Aussichten in Südmarokko nachzugehen, und damit auch eine Stellung, die ohne Zweifel das rwrdafrikanische Deich Frankreichs gefährdet, so muß eine bedeutsame Afrikanische Kompensation an anderer Stelle gefunden .Werden, so daß beide Teile sich zufrieden geben kön- "f‘n- und die afrikanische Frage ein für alle Mal aus deutsch- französisch en Santo gestrichen wird." Uehnlich äußert sich die Deutsche Tageszeitung, nur »lacht sie den Vorbehalt gewisser politischer und wirt- Maftlicher Garantien für die deutschen Interessen in Zlfrika.
„Es scheint uns sachlich unmöglich, den Kompen- kationSgedanken überhaupt ober bestimmte Kompensationsvorschläge, die man bei uns lediglich vermutet, Einfach zu verwerfen, bevor man weiß, was nun jttit Marokko selbst wird. Der künftige Zustand Marokkos, unter dem Gesichtspunkte der deutschen und der sranzüstschen, vielleicht auch der englischen Interessen, kann einzig und allein den Anhalt für die Beurteilung der Kompensationsfrage im allgemeinen wie im einzelnen Aeben. Wissen tun wir hinsichtlich der künftigen Ord
nung in Marokko, wie gesagt, nur, daß das Deutsche Reich dort keine territoriale Erwerbung anstrebt. Damit ist aber natürlich nicht gesagt, daß das Deutsche Reiche nun Marokko politisch und wirtschaftlich den Franzosen überließe. Es muß sich unseres Erachtens vielmehr darum handeln, die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands in Marokko durch tatsächliche Garantieen stcherzustellen, und zwar nicht nur so, wie sie heute find, sondern insbesondere diese Garantieen für ihre zukünftige Ausdehnungsmöglichkeit sorgfältig zu berechnen."
Was unsere Auffassung anlangt, so möchten wir sie dahin präzisieren, daß, so lange man Authentisches über die Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich noch nicht weiß, es etwas Müßiges an sich hat, sich auf Grund einer Zeitungsmeldung, deren offiziöser Charakter nicht einmal fesffteht, ja durch andere, ebenfalls als offiziös kursierende Meldungen gegenteiligen Inhaltes in Frage gestellt wird, zu streiten. Ob Deutschland sich mit Kompensationen zufrieden geben kann, würde in erster Linie davon ab* hängen, ob diese Kompensationen einen vollen Ersatz für dasjenige bieten würden, auf das wir in Afrika verzichten würden. Für diese Fragestellung ist zur Zeit die Voraussetzung noch nicht gegeben und daher kann es unserer Aufastung nach nicht die Aufgabe der Presse sein, über das Wie? der Lösung der marokkanischen Frage sich im gegenwärtigen Moment den Kopf der Regierung zu zerbrechen.
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Fortsetzung der Preßerörterungen.
Pariser und auch deutsche Blätter fahren im Gegensatz zur Schweigsamkeit der Regierungen fort, die etwaigen Kompensationen zu erörtern, die Deutschland von Frankreich erhalten könnte. Ein Blatt behauptet, daß Deuffchland als Entschädigung für Marokko das ganze Gagungebiet nebst Libreville beanspruche. Sofort haben sich natürlich die Pariser Blätter aus diese Meldung gestürzt. Der „Temps" schreibt hierzu: Das sind Feststellungen, von welchen wir bedauern, daß sie von französischen Blättern überhaupt verzeichnet worden sind. — Auch die aus Anlaß der deutsch-französischen Besprechung von der „Frankfurter Zeitung" geäußerte Anregung über finanzielles und wirtschaftliches Zusammenwirken von Frankreich und Deuffchland wird, wie aus Paris berichtet wird, von den Blättern ablehnend erörtert.
Sensationsmeldungen.
An der Berliner Börse war gestern das Gerücht verbreitet, daß der Staatssekretär von KiderlcmWäch- ter nach Norwegen reife, um dem Kaiser über die Marokkoangelegenhett Bericht zu erstatten. Man wollte daraus schließen, daß die Verhandlungen einen ungünstigen Verlauf nehmen. An amtlicher Stelle wttd die gesamte Nachricht als Schwindel bezeichnet. Herr von Kiderlm-Wächter gedenke in der nächsten Zett Berlin nicht zu verlassen.
Der Reichskanzler von Bethmann-Holl- weg traf gestern vormittag in Berlin ein, wo er einige laufende Geschäfte erledigte. Nachmittags kehrte er wieder auf seine Besitzung Hohenfinow zurück. Eine besondere polittfche Bedeutung hatte der Berliner Aufenthalt des Kanzlers nicht. Am Tag zuvor war Staatssekretär von Kiderlen-Wächter einige Stunden auf dem Gute des Kanzlers von Hohenfinow gewesen und hatte mit ihm über Marokkofragen eine Unterredung.
Deutsches Reich.
0 Neue Kolonialsorgen.
lfil-cr die Niedermctzelung einer deutschen Patrouille im Ngaimlauv (cergL Nr. 163, Ausland) liegt im Neichsloloniaiaml eine amtliche Bestätigung der Nachricht bis zur Stunde noch nicht vor. Das Reichskolonialamt teilt die Ansicht, daß man an und für sich den unter den Eingebolenen Derbrciteten Gerüchten skeptisch gegenüberstehen muß, daß aber die Meldung insofern einige Wahrscheinlichkeit besitzt, als Herr v. Franken berg sich tatsächlich im Kaprivizipfel befunden hat.
Der Kaprivizipfel liegt im Norden der füd- weft-ostaftikanischen Kolonie. Ein schmater 61 reifen, springt et von der Nordost ecke Deuisch-Südwests nach Osten in daS englische Gebiet hinein, im Norden von portugiesischem Gebiet begrenzt. Er wird vom Zam- best und dessen zahlreichen Rebinsiusfen bewässert, die den größten Teil be$ Jahres fast das ganze, le'gr fruchtbare Land unter Wasser sehen. Aeußerst wildreich und auch für die Viehzucht nicht ungünstig, ist das Gebiet bisher lediglich als Eingeborenenrefervat behandelt, d. b. weißeuAusiedlern ist die Niederlassung untersagt worden. Hierbei gab das Vorbild der Engländer den Ausschlag, die ihre angrenzenden Gebiete der Charteret» Co-npavv zur Verwaltung überlassen haben, die gleichfalls .eine Einzelniederlassung von Weißen duldet. Der Kaprivizipfel ist erst im Jahre 1908-09 vom Hauptmann Streitwolf mit einer ganz geringen schwarzen Truppe erschlossen worden. Streitwolf, der seine Erfahrungen in einem interessanten Buche niedergelegt hat, hatte bei der Pazifizierung des deutschen Gebietes hauptsächlich dadurch Schwierigkeiten, daß et die auf deutschem Gebiete wohmnden Barotse von der Oberherrschaft der auf englischem Gebiete wohnenden Eingeborenen befreien und ihnen das geraubte Vieh sichern mußte. Um die noch sehr scheuen Eingeborenen nicht zu beunruhigen, ist bisher auch weder Kopf« noch Hüttensteuer eingesührt worden. Die Waffeneinfuhr ist allerdings streng verboten, immerhin dürfte gerade bei der langen Ausdehnung der Grenze die Ueberwachung sehr schwierig sein, zumal da lichtscheues weißes Volk, das den Kapnvizipfel früher als sein Jagdgebiet betrachtete, noch vielfach sich in der Gegend aufhält.
Aus Deutsch-Ostafrika meldet daS Kommando der dortigen Schutztruppe, daß in der Landschaft Urundi Karawanen farbiger Händler ausgeraubt und niedergemacht worden sind. Da auch Pozizeipatrouillen beschossen wurden, hat das Kommando dem Residenten von Urundi, Hauptmann v. Langenn-Steinkeller, anheimgestellt, mit einer aus der in Usambara stehenden 9. Kompagnie und einem Teil der in Ubiibjt stehenden 6. Kom
pagnie gebildeten Expedition gegen die Unruhestifter einzuschreiten.
♦♦ Berlin, 20. Juli 1911. Der Kaiser unternahm in Balestrand, nachdem zuvor die übliche Regatta stattgefunden hatte, einen Spaziergang. Er sah zur Frühstückstafel die Familie Battersea. Heute nachmtttag hielt General Dickhuth wiederum Vortrag. An Bord ist alles wohl.
Ä Zur Ermordung deutscher Reichsangehöriger in Puebla. Der nationalliberaler Reichstagsfraktion ist aus Orizaba in Mexiko von 25 dort ansässigen deutschen Familien ein Telegramm zugegangen, in dem um eine Interpellation im Reichstage und um Schutz ersucht wird. Be- -kanntlich hat sich der deutsche Gesandte in Mexiko bereits an Ort und Stelle begeben, um dort Erhebungen anzustellen. Die Namen der in der Spinnerei zu Puebla getöteten Deutschen sind: Wilhelm Kuhlmann und Peter Schmitz von der Köln-Deutzer Gasmotorenfabrik, Alfred Boer aus Lauban in Schlesien und Gertrud Boer. Die vier Opfer sind am 16. Juli deigesetzt worden. Bisher hat man 33 Verdächtige verhaftet. Die Täter sollen streikende Arbeiter und räuberische Tagelöhner sein.
O Geheimrat Rießer auf dem Rückweg. In einer an die Hamburger Nachrichten gesandten Berichügung des Hansabundes wird der Versuch gemacht, das von dem Chef der Organisationsabteilimg des Hansabundes in Dortmund verkündete freihändlerische Programm zu verleugnen, mit der Begründung, „daß Politik und Programm des Hansabundes ausschließlich vom Präsidium, dem Direktorium u. dm sahungs- gemäß dazu berufenen Einrichtungen des Hansabundes bestimmt würden." Diese Behauptung muß als den Tatsachen direft zuwiderlaufend bezeichnet wer- ben. Herr Rießer hat sich, wie bekannt, in seinem an Herrn Rötger gerichteten Schreiben vom 22. Juni selbst darauf berufen, daß ihm die Befugnis zur selbständigen Abfassung von 9(ufrufen übertragen sei. Mit feiner jetzigen Feststellung hat er dm besten Beweis dafür erbracht, daß er ohne Wifsen b er übrigen Mitglieder des Präsidiums feine bekannten Schlußausführungen auf dem erften Hansa- tage gemacht hat, die mit dem bisherigen Programm des Hansabundes im Widerspruch standen und den Anlaß zum jetzigen Konflikt gegeben haben. Wie die „Post" !bestimmt weiß, sind iene Ausführung^ Riesters nicht nur ohne Wissen der Mitglieder des Präsidiums und des Direktoriums gemacht, sondern sogar gegen deren ausdrücklich bekundeten Wilken.
(*) Bei bem^ erkrankten Reichstags. Abgkordneten Liebermann v. Sonnenberg wurde ärztlicherieits ein schwerer Schlaganfall mit Lähmung der rechtsseiiigen Körpeihälste sestcestellt. Der Kranke ist bewußtlos.
)( tzauskolllkte bei Streiks. Der Oberbürgermeister der württembergischen Oberamtsstadt Heidenheim, Tr. Jaeckie, har für Streikende einer Textilfabrik, die nicht organisiert sind und von der Gewerkschaft feine Unterstützung erhalten, eine Hauskollekte genehmigt. Der /Vorwärts' stellt ihm das Prädikat eines „sehr verständigen Sozialpolitikers" aus. — Offenbar hat den Bürgermeister der Wunsch geleitet, die Armenkasse vor einer Schädigung zu bewahren. Ob sein Vorgehen aber beionders klug und anderswo nackahmenswert ist, das steht denn coch dahin.
+ Die Erfolge der Fürsorgeerziehung zeigt eine vom preußischen Minister des Innern veröffentlicht Statistik über die Zeit vom 1. April 1904 bis 31. März 1909. Von den beobachteten entlaßenen Zöglingen ist die Mhrung jetzt genügend bis gut bei 69,4 v. H., zweifelhaft bei 11,3 v. H., ungenügend bis schlecht bei 19,3 v. H. Dieser Prozentsatz war bei amtlichen und weiblichen Zöglingen ungefähr gleich. Höher ist er bei denjenigen, die im Kindesalter bereits in Fürsorgeerziehung gckommen sind, er steigt hier bis 85 v. H. der Knaben und 88 v. H. der Mädchen mit genügender bis guter Führung. Wenn damit auch erwiesen wird, daß bet Erfolg sicherer ist, wenn die Fürsorgeerziehung möglichst früh beginnt, so zeigen doch die obigen allgemeinen Durchschnittszahlen, daß. auch bei Jünglingen und Jungsraum noch viel Bes- ferung zu erzielen ist, was von Pessimisten bei Beratung des Gesetzes stark bezweifelt wurde. So zei- gen z. B. nicht toeniger als 63 v. H. der Mädchen, die im Alter von 16—18 Jahren wegen Unzucht auf« genommen werden mußten, eine genügenbe bis gute Führung und sind meist ordenüiche Ehefrauen gewor- ben. Auch die Zahl der gerichtlichen Bestrafungen ist erheblich zurückgegangen. Diese Tatsachen zeigen, daß der richttge Weg beschttttm wor- ben ist. Von dem großen Umfang# ber Fürsorgeerziehung gewinnt man ein anschauliches Bild, wenn man erfährt, daß rund 46 000 Fürsorgezöglinge in 48 Anstalten erzogen werden. Auffallend hoch ist die Zahl der schulmtlaffenen Fürsorgepfleglinge. So sind von 10 000 Knaben im Alter von 6 bis 12 Jahren nur 14.9 Zöglinge, im Alter von 12—14 Jahren 58,2, im Alter von 14—16 Jahren 81,2, im Alter von 16 bis 18 Jahren 98,7 und im Alter von 18—21 Jahren sind es 56,4. Die Zahl der Mädchen ist etwa halb so groß. Hoffmllich gelingt es ber jetzt überall organisierten Jugendpflege, die hohm Durchschnittszahlen der schulmtlaffenm Kinder erheblich zu vermin- bem!
8 München, 20. Juli 1911. In Sachen des Pfarrers Grandinger, beS liberalen Mitgliedes der bayerischen Abgeordnetenkammer, hat nach BlLUermeldungen der Erzbischof von München die fettens des Magistrats der Stadt München erfolgte Präsentation deS Pfarrers Landtagsabgeordneten Grandinger auf die Pfarrei Pullach bei München (rote zu erwarten war) abgelehnt.
Ausland.
** Regelrechte Fliegermanöver will die fran- zösische Heeresverwaltung veranstallen. Es
tebe4Ä,Um einen Wettflug über 300 Kilometer mit 300 Kilogramm Stutzlast. Bisher haben 41 Konstrukteure 138 Apparate angemeldet Diese Flugzeuge sollen mit Motoren zwanzig verschiedener Marken versehen fein. In den großen Manöver» werden brat 1., 6., 7. unb 10. Armeekorps je acht Flieger zugeteilt. Mit betn 1. unb 7. Korps nehmen auch Lenkballons an ben Manöver» teil.
** Spanier unb Franzosen in Marokko. Der spanische Botschafter besuchte, wie gemeldet, am Mittwoch den Minister des Auswärtigen deSelves und erklärte ihm, er wäre beauftragt, ihn wissen zu lassen, daß scine Regierung den Zwischenfall Boisset bedauere. Der Minister habe noch keinen Bericht darüber empfangen, aber er habe dem französischen Botschafter, nachdem er von den offiziellen Informationen der französischen Regierung Kenntnis genommen hätte, fein lebhaftes Bedauern ausgedrückt. Die spanische Regierung, fügte Perez Caballero hinzu, habe ihn gebeten, den Ausdruck des Bedauerns zu erneuern und beabsichtige, sobald sie selbst unterrichtet sei, Oberst Sylvestre aufzufordern, Boisset seine Entschuldigungen auszuspreche». — Der Ausdruck des Bedauern- durch die spanische Regierung haben genügt, in Paris wieder eine versöhnliche Stimmung aufkommen zu lasten. Es wird von dort gemeldet:
Die meisten Pariser Blätter äußern ihre lebhafte Befriedigung darüber, daß die fpanische Regierung sich beeilt habe, ber französischen Regierung über be» letzten Zwischenfall in Elljar ibr Bedauern auszusprechen. In einer anscheinend offiziösen Note wird erklärt: Damit die Beziehungen zwischen beiden Ländern wieder freundschaftlich werben, ist es notwendig, baß bie beibett Regierungen in weitherziger Weise die gegenseitigen Beschwerden prüfen. Kein Franzose denke daran, die Rechte Spaniens in Marokko zu beschränken, falls sie entsprechend den Frankreich gegenüber Angegangenen Verpflichtungen ausgeübt würden. Die französische Regierung sei durchaus von dem Wunsch« beseelt, sich freundschaftlich mit ben Mitgliedern des Kabinetts zu verständigen unb bie vor einiger Zeit unterbrochenen Verhandlungen unverweilt wieder auf- zunehmen.
Eine amtliche Darstellung des Falles Boiffet ans spanischer Quelle ist inzwischen in Madrid eingetroffen.
** Die Rückkehr des ehemaligen Schah von Persien. Das Medschlis (Ratsversammlung zur Erledigung von lRegierung€fragen) trat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen, in bei ber Premierminister und der Präsident unter allgemeiner Begeisterung darauf hinwiesen, daß es durchaus notwendig sei, in Einigkeit zu handeln. Das Dedschlis ermächtigte die Regierung, ein Kriegs gericht schärffter Art zu verhängen. Eine aus 500 Bachtiaren, 500 Reitern und einer Anzahl Freiwilliger zusammengesetzte Expedition wird alsbald gegen den ehemaligen Schah aufbrechen. Der Polizei- chef Jeftiem wird zur Auftechterhaltung der Ordnung in Teheran zurückbleiben. Sardar i Geug und ©urbar Jasar werden mit 2000 Bachtiaren gegen Salar ed Dauleh ziehen. Sardar Bahadur mit 1800 bachtiarischen Reitern wird binnen kurzem in Teheran erwartet. Man ist in Teheran gespannt darauf, welche Haltung England als Signatarmacht des Protokolls vom 25. August 1909 einnehmen wird, in dem Rußland versprochen hat, eine politische Agitation des ehemaligen Schahs verhüten zu wollen. Die persische Regienmg erklärt, daß Rußland die Verantwortung für alle Unruhen und Verluste an Eigentum trage, dse aus der Landung des früheren Schah entstehen können. Wie der „Petersburger Tele- graphen-Agentur" aus Asterabad gemeldet wird, ist ber frühere Schah Mohammed Ali in dem etwa zwanzig Werft von Asterabad entfernt liegenden Omt- schali eingetroffen. — Das neue p erfische Kabinett hat sich nunmehr gebildet. Prerniev- minifter ist Sepehdar.
Berbarrdstag des Hess. Verbandes ländlicher Genossenschasten (Raiffeisen), E B., z« Kaffel.
0 Hanau, 20. Juli 1911.
Heute früh wurde die Hauptversammlung des hessischen Berbaudes länblicher Genossenschaften (Raiffeisen) durch den VerbandsanwaU Rexerodt - Kastel eröffnet, ber zunächst bie erschienenen Gäste begrüßte: Fürsten zu Jsenburg-Birstein, Konfistorialpräsident Frhr. Schenk zu Schweinsberg, Pfarrer Bargon-Grohauheim, als Vertreter deS Bischofs von Fulba unb deS Generalvikars Dr. Arenhold, Polizeipräsident v. Rieß-Frankfurt, Oberbürgermeister Dr. Geb«schus, Lanbrat Frhr. Saut» Bunan, Landrat Graf von Wartensleben-Gelnhausen, uperintenbent Fritsch-Hanau, Generaldirektor Justizrat Diedrich, Direktor Lembke-Berlin, ben Vertreter des Generalverbandsanwalts Geh. Rats Haas, Assessor Dr. Grabein. Seine Begrüßungsansprache schloß Ver- banbsanwalt Rexerodt mit einem Hoch auf ben Kaiser. Darauf folgten die Begrüßungsansprachen ber vorgenannten Gäste, die bem Raiffeisen werke uub insbesondere dem hessischen Verbünde goldene Worte widmeten. Nach dem Begrüßungsakte wurde der Jahresbericht erstatlek.
Das ländliche Genossenschaftswesen des Regierungsbezirks Kassel war am Ende des Berichtsjahres in folgende Gebilde organisiert: 1. Den Hessischen Verband ländlicher Genossenschaften, eingetr. Verein zu Kassel, 2. Die Landwirtschaftliche Zentral - Darlehnskasse f. D. zu Berlin, A.-G., Filiale Kassel, 3. die Landwirtschaft- liche An- und Verkaufs-Gesellschaft .Heffenlanb", G. m. b. H. zu Kaffel, 4. bie Hessische Bezirks - Genossenschaftsbank, e. G. m. b. H. zu Kassel, 5. bie An- unb Verkaufs-Genossenschaft e. G. m. b. H. zu Kassel, «. die Hessische Siebelungs-Gesellschast, G.m. b.H. zu Kassel. Nach dem Geschäftsbericht beträgt bei dem hessischen Verband bie Zahl bet ihm angeschlossenen Genossenschaften 417. Es sind bies 383 Darlehnskassenvermne unb 34 Betriebsgenossenschaften. Die Zahl bet Mitglieder beträgt 47920 «'ge» 46032 im Stot* An Svareinlagen wurden in den Vereinen 13442 429 Ml. eingelegt und 8964166 Mark zurückgenommen. Der Gesamtbestand ber Sparkassengelber bezifferte sich um Schluffe beS Jahres uuf 51029 600 Mk. Der Gesamtumsatz in laufenber Rechnung betrug 13681157 Mark gegen 12231157 Mark im Vorjahre. Die Lundwirt- fchaftliche An- unb Verkaufs-Gesellschaft Heffenlanb,