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Betatioasbretfnnb Verlag der Lnldarr Sk. üendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.
ja 162. Erstes Blatt.
Fulda, Mittwoch den IS. Juli 1911.
38. Jahrgang.
die Staatsregierungen jene sozialen und wirtschaftlichen Rücksichten, die den hl. Vater zur Einschränkung der Ruhetage veranlaßt haben, auch ihrerseits würdigen und ollso dahin wirken, daß der Protestant. Bußtag nicht wieder Veranlassung zur Vermehrung der katholischen Feiertage wird. Die beste Lösung der Frage wäre offenbar die Verlegung des Bußtages auf einen der beibehaltmen katholischen Pflichtfeier-
Einseitigkeit deS politischen Urteil» mehrerer Ihrer Führer, Ihr« lediglich auf Aufstachelung gerichtete Agitation, die Unwahrhaftigkeit Ihrer Zeitungsberichte, der Terrorismus, der von Ihren Parteiinstanzen aus«
X Die zweiter» Feiertage.
Der zweite Weihnachtstag (Stephanus), der Ostermontag und der Pfingstmontag sind nach dem päpstlichen Erlaß vom 2. Juli für die Katholiken keine Pflichtfeiertage mehr, d. h. der kirchlichen Vorschrift, die hl. Messe zu hören und sich der knechtlichen Arbeit zu enthalten, bleiben diese zweiten Tage der drei höchsten Feste nicht mehr unterworfen.
Für andere Länder, in denen Weihnachten, Ostem und Pfingsten schon bisher nur an einem Tage begangen wurden, bringt diese Verordnung nichts neues. In dm deutschen Landm aber waren bisher zwei Feiertage üblich, und zwar bei den Evangelischen sowohl wie bei dm Katholiken, und zwar staatlich anerkannte Feiertage, sodaß die staatlichm Vorschriften über die Sonntagsruhe auch für den zweiten Tag galten und gelten.
Bedeutet nun etwa die päpstliche Verordnung einen Eingriff in die st a a t l i ch e Ordnung? Durchaus nicht. Der hl. Vater hebt nur ein Ktrchen- gebot in seiner Geltung für diese Tage auf; er erklärt, daß die Kirche ihren Gläubigen die Arbeitsfreiheit an diesen Tagm nicht beschränken will. Die st a at l ich e n Vorschriften über die Sonn- und Feiertagsruhe bleiben für diese Tage in Kraft, so lange nicht die staatlichen Organe sie abändem.
Eine Abänderung der gesetzlichen ober polizeilichen Bestimmungen würde gewiß erfolgen, toenn auch die p r ot e stan t i s ch e n Religionsgemeinschaften auf die Doppelfeiertage verzichten wollten. Im anderen Falle würde an den drei erwähnten Tagen eine ähnliche Sage eintreten, wie bisher schon am Karfreitag. Für die Katholiken besteht keine kirchliche Verpflichtung zur Arbeitsruhe, aber sie fügen sich den staatlichen Vorschriften über die „äußere Heiligung" des betref- fenben Tages.
Das Beispiel bes Karfreitags trifft auch für bie innere Heiligung zu. Für den Karfreitag ist der Katholik nicht durch ein förmliches Kirchengebot zum Besuch des Gottesdimstes verpflichtet; trotzdem ist der Karfreitag ein Tag bet Andacht für bie Katholiken, unb zwar, wie bie Erfahrung lehrt, ein Tag des eifrigen Gottesdimstes, auch durch Teilnahme an den Trauerzeremonien in der Kirche, den Kreuzprozeffio- nen oder Kreuzwegandachten usw. Aehnlich wird es fortan — immer unter der Voraussetzung, daß der päpstliche Erlaß ohne territoriale Ausnahmen gemäß Absatz 4 zur Ausführung gelangt — in Deutschland en dm bisherigen zweiten Feiertagen gehalten werden. Der Wille des hl. Vaters geht nämlich durchaus nicht auf „Abschaf fü n g* der fraglichen Andachtstage hin, sondem nur auf die Milderung des Kirchengebotes in der Richtung, daß bie Verpflich- t u ng auf bestimmte Formen bet Feier fortfällt, aber von dem freiwilligen Eifer der Gläubigen die andächtige Begehung des Tages in der für jeden einzelnen geeigneten Form erwartet wird. Richt die Festtage selbst, sondem nur die Pflicht feiertage sind ausgehoben.
In den alteren prmßischen Landesteilen ergibt sich im Falle voller Durchführung des päpstlichen Erlasses bie interessante Erscheinung, daß von protestauti- s ch er Seite mehr Pflichtfeiertage veranlaßt werden, als von katholischer Seite. Der hl. Vater verpflichtet die deutschen Katholikm zur Arbeitsuche^ an Wochentagen nur 4mal im Jahre, am 8. Dezember, 6. Januar, 29. Juni und 1. November. Dagegen bestehen zur Zeit noch 5 Ruhetage, bie vom Protestantismus veranlaßt sind ober gehalten werden, nämlich außer den erwähnten drei zweiten Feiertagen der Karfreitag und ber preußische Buß- unb Bettag. Der letztere ist vor einigen Jahren in den November verlegt worben, und bie katholische Kirche hat, nm eine allgemeine Feiertagsruhe zu sichem, auf diesen Tag ein Fest gelegt, obschon ein inneres Bedürfnis nicht vorlag. Jetzt wird verhandelt wegen eines allgemeinen Bet- unb Bußtages für dm ganzen deutschen Protestantismus. Man darf wohl erwarten, daß
Daneben erhebt sich nun, wie schon angebeutet, bie roeitergretfenbe Frage, ob ber zweite Tag an Wechnachtm, Ostem unb Pfingsten von ben Evangelischen als kirchlicher Feiertag unb vom Staate als gesetzlicher Feiertag auftecht erhaltm werben solle. Wir brauchen freilich in dieser Richtung nicht zu drängen; dmn die Kacholikm werden sich ganz gut zurecht fin- dm in ber jetzt geschaffenen Rechtsordnung, die ihnen auf kirchlich-religiösem Gebiet die volle Be- wegungsfreiheit läßt und ihnen auch jede Arbeit gestattet, bie mit der polizeilichen Sonntagsruhe vereinbar ist. Wir befinden uns an ben Festtagen, für welche die kirchliche Verpflichtung aufgehoben ist, in einer ähnlichen Sage, wie die Engländer an ihren sog. Blockfeiertagen. Der päpstliche Erlaß läßt sich mich ohne Jnanspmchnahme der Staatsgewalt glatt und befriedigend durchführen.
Deutsches Reich.
** Berlin, 18. Juli 1911. Der Kaiser unternahm heute einen Spaziergang in Balfftrand und hörte einen Vortrag des General» Dickhuth. Es verlautet, daß der Kaiser, von seiner Nordlands, fahrt zurückkehrmd, am 27. bezw. 28. Juli in Swinemünde eintrifft. — Prinz und Prinzessin Eitel Friedrich befinden sich im strengsten Inkognito zum Ferienaufenthalt in Shanklin auf der englischen Insel Wight.
* Eine interessante Wahlrechnung, fiir die wir allerdings keinerlei Verantwortung übernehmen, wird im „Sag" von dem früheren nationalliberalm Abgeordneten Nötiger einerseits unb bem Zentrumsabgeordneten Erzberger anderseits aufgemacht. Herr Nötiger hat berechnet, daß durch das Znsam- mengehen von Nationalliberalm und Sozialdemokraten das Zentrum 15 bis 18 Mandate verlieren könnte, bie Konservativen 40, bie Liberalen 24. Der Abg. Erzberger weist nach, daß diese Rechnung vollkommen unzutreffmd ist. Der mögliche Verlust des Zentrums sei weit geringer. Wenn die Sozialdemokraten überall den Freisinn unterfMtzen, so könnte Rechte und Zentrum nut um 6 Mandate geschwächt werden, welche an ben Freisinn fallen werden. Wenn der Fressinn dagegen aus anderm bürgerlichen Kreisen keine Unterstützung finden würde, so verliere er mindestens 27 Mandate an die Sozialdemokratm. Wenn der Freisinn dagegen in der Stichwahl überall zugunsten der Sozialdemokraten einträte, so könnte die Rechte insgesamt 23 Wahlkreise verlieren, 12 davon ober verlöre allein die Reichspartei. Und das Schlußresultat von dieser Stichwahlparole sei nahezu völlige Aufteibung des Liberalismus, Schwächung der Kon- servMven unb ungeheurer Mandatszuwachs für die Sozialdemokraten.
** AVer, Freundchen! Die Fortschrittliche Volkspartei in Eschwege hat auf das Verlangen ber dort'gen Sozialdemokraten mit folgendem Absagebrief geantwortet:
„Durch Schreiben vom 30. Juni fordern Sie die Fortschrittliche Vottspartei Eschwege auf, mit bet sozialdemokratischen Partei eine gemeinsame Versammlung in Sachen der preußischen Wahlrechtsfrage zu veranstalten. Wir sind der Ueberzeugung, daß die so notwendige Berbesserung des preußischen Wahlrechts durch keine Partei so sehr geschädigt wird, als durch die Sozialdemokratie. Ihre grundsätzliche Bekämpfung der Monarchie, Ihr» Klasseakampfstheorie, mit der Sie das freiheitliche Bürgertum ununterbrochen befehden, die
geht, daS erschwert heutzutage in Deutschland ben Fortschritt in der Richtung auf eine Erweiterung der Volksrechte. Die Sozialdemokratie ist heute dank der Haltung ihrer Führerschaft zum sichersten Hort des veralteten preußischen Wahlrecht» geworden. Sie werden es bann wohl mit uns für richtiger halten, wenn eine gemeinsame Aktion unterbleibt, ba ja eine Gemeinsamkeit ber Auffassung solange nicht besteht, solange Ihre Partei sich nicht auf den Boden deS Gegenwartsstaates stellt und ihre unsachliche Kampfesweise aufgibt.•
Der Verfasser dieser trefflichen Charakteristik des linken Flügels des Blocks von Baffermann bis Bebel scheint noch sehr in der Theorie besangen zu sein. Wie kann denn ein Volksparteiler den roten Bundesgenossen bei der nächsten Wahl derartig bloßstellen? Die um Naumann, Geheimrat Rirßer vom Hansabund und das.Berliner Tageblatt' werden ein blutiges Strafgericht über den Urheber dieses unhöflichen Absagebriefes halten.
)( Industrie und Hausabund. Der Bergische Fabrikantenverein, eine der Organisationen des westlichen Industriegebietes mit weit über 200 Firmen als Mitglieder, hat in feiner Vorstandssitzung am Montag einstimmig beschlos. ien, aus dem Zentralverband Deutscher Industrieller, dem er bisher korporativ ange- schlosfen war, auszutreten. Der Bergische Fabrikantenverein begründet seinen Austritt aus dem Zenkralverbande damit, daß er die Haltung des Zenlrakoerbandes gegen den Hansabund nicht • billigen könne und spricht dem Hansabunde sein Vertrauen aus. — Die bergischen Fabrikanten, meistens Kleinunternehmer, stehen unter freisinniger Führung, was ihre Begeisterung für den Hansabund hinreichend erklärt. Die Leute haben oft genug Veranlassung gehabt, sich Über die Jndustriegewaltigen vom Zentraloerbande zu entrüsten. Besonders war das der Fall, wenn ihnen die Preispolitik der Großen die Rohmaterialien verteuerte. Die Gegensätze kommen hier dem Hansabunde zugute.
** Oberbürgermeister Vkltman in Aachen beabsichtigt, infolge einer entschiedenen Mißbilligung, welche ihm die überwiegende Mehrzahl der Stadtverordneten wegen seiner Haltung bei der Abstimmung über bas Leichenverbrennungsgesetz ausge- sprachen hat, aus seine Eigenschaft ats Herren- hausmitglied zu verzichten. In Aachens Bürgerschaft findet die Erklärung der Stadtverordneten ungeteilte Zustimmung.
ns. Wieder eine nette Erbschaft ist der Sozialdemokratie zugesallen. Der verstorbene Pauk Singer hat, wie der »Vorwärts' mitteilt, dtztwillig die Genossen A. Bebel und Hugo Heimann zu Erben seines Nachlasses eingesetzt mit der Bestimmung, daß der nach Abzug verschiedener Legate und einge- gangener Verpflichtungen verbleibende Vermögensrest für die Bestrebungen, denen er fein Leben gewidmet hat, Verwendung finde. Diese Auseinandersetzung ist nunmehr beendet und die beiden Genossen haben den Vermögensrest in Höhe von 4 8 0 5 4,8 7 Mark der Parteikasse überwiesen. Hiernach waren die Dermögensverhättnisse Singers durchaus nicht so glänzend, wie sie gewöhnlich dargestellt wurden. Anscheinend haben die vielen Streiks, zu deren Rettung er in feen ersten Jahrzehnten seiner Parteitätigkeit immer wieder scharf herangezogen lourfee, ihn gründlich mitgenommen. — Von ben reichen Einkünften feer Sozialdemokratie gibt die vom „Genossen" Ebert veröffentlichte Quittung über feie im Juni feer Parteikasse überwiesenen Beiträge einen Einblick. Bemerkenswert sind: Groß-Berlin ä, conto seiner acht Wahlkreise 20000 Akk., Hamburg
(3 Wahlkreise) 24000 Mk., Vorwärts-Buchband- lung 40000 Mk.
* „Ein Jahr ohne Ostmarkenminister" betitelt sich eine Erörterung in der,Tägl. Rund- schau', in welcher von einer Ostmarkenseele ein neuer Vorstoß gegen den Landwirtschaftsminister v. Schorlemer unternommen wird. Der Inhalt des Artikels charakterisiert sich hirj dahin, daß Herr v. Schorlemer mit Rücksicht auf das Zentrum sich das Programm der Einschläfe» run g bezüglich der Ostmarkenpolilik gestellt habe. Der Verfasser muß ziemlich weltfremd sein, wenn er glaubt, daß die preußische Regierung im allgemeinen oder der preußische Landwirtschafts- Minister im Besonderen seine Politik nach den Wünschen deS Zentrum einrichte. Wie wenig das der Fall ist bei der Regierung, haben wir noch neulich bei der Feuerbestattung und bei dem Fortbildungsschukgeseh gesehen und wie sehr Herr v. Schorlemer geneigt ist, die Wünsche des Zentrums zu erfüllen, geht aus dem Umstand hervor, daß er sich politisch als ein Gegner des Zentrums bekennt. Damit hat es also nichts auf sich. Im übrigen können wir sür die Unrichtigkeit der Behauptung nur auf die Verhandlungen Hinweisen, die jüngst im Abgeordnetenhause zu dieser Frage staktgefunden haben.
* Die preußischen Gerichte in feer untersten Instanz sind nach der Statistik im letzten Jahre um ein Geringes weniger in Anspruch genommen worden als sriiher, während bei den Landgerichten unb Oberlandesgerichten die strafrichterliche Tätigkeit zugenommen hat. Anscheinend ist das zurückzuführen aus schwächere Handhabung der Strafverfolgung in Bagatellsachen. Besonders das Kapitel Strafbefehle hat eine Besserung erfahren. Dahingegen sind die Privatklagen von 80000 auf 84000 gestiegen.
+ Die BetriebSemnahm« der preußisch-hessische« Staatseifeutahneu, deren Ergebnis jetzt amtlich fest- gestellt sind, weisen sür den Monat Juni eine weitere erfreuliche Entwicklung auf. Sie haben gtgen den gleichen Monat des Vorjahres im Personenverkehr 12,6 Mill. Mark, 23,63 vom Hundert, im Güterverkehr 4,6 Mill. Mark, 4,25 vom Hundert, insgesamt mit Einschluß der Mehr» einnahme aus sonstigen Quellen 18 Mill. Mark, 10,66 vom Hundert mehr betragen. — Bei der Beurteilung des Ergebnisse» ist zu berücksichtigen, daß das Pfingstfest m diesem Jahre in den Juni, im vorigen Jahre in den Mai gefallen ist.
Ausland.
** Der österreichische Reichsrat ist am Dienstag vom Kaiser Franz Joseph mit einer Thronrede eröffnet worden, dte allgemein mit Befriedigung ausgenommen wurde. Der Kaiser betont darin die Notwendigkeit der Fürsorge sür die Wehrmacht, der Erschließung neuer finanzieller Hilfsquellen, kündigt die Vorlage eines Sozialversicherungsgesetzes an und bespricht dann die Nationalitätenfrage. Den Italienern wird ein Gesetz über eine italienische Rechtssakultät angekündigt, unb für Böhmen wird gesagt, die Erkenntnis sei allgemein, daß die Beziehungen der beiden Böhmen bewohnenden Volksstämme der dauernden Regelung aus Grundlage gegenseitigen Einvernehmens bedürften. Zum Schluffe betont der Monarch das „innige Verhältnis zu unseren Verbündeten".
** Die christlichen Gewerkschaften Oesterreichs, die am 29. v. M. in Wien erst ihren zweiten Kongreß abgehalien hatten, leiten ihren Anfang aber doch schon ins Jahr 1894 zurück, wo als erste christliche Fachorganisation ber christlichen Fortbildungs- und Unter-
Die Macht der Gewissem.
48] .Roman von Erich Friesen.
(Fortsetzung au§ dem zweiten Blatt.)
Armin schlägt Ruth eine Erholungstour durch bie Schweiz und Italien vor Sofort stimmt sie bei. lieber Haupt ist sie von einer ganz merkwürdigen indolenten Fügsamkeit. Alles läßt sie ruhig; nichts scheint sie zu erregen. Zuerst hält Armin diese Ruhe als ein Zeichen wiederkehrender Gesundheit. Dann befremdet ihn ihre Apathie. Schließlich beginnt er, sich darüber Gedanken zu machen.
Die Aerzte sind mit ihrem ustand sehr zufrieden. Ihr Herz, welches ehedem zu ben lebhaftesten Besorgnissen Anlaß gab, klopft jetzt gleichmäßig unb kräftig. Ihr Ruhebebürfnis scheint ein großes zu sein. Fast den ganzen Tag »erbringt sie auf der Ottomane liegend oder lang ausgesträkt unter den schattigen Buchen im Park. Ihr Schlaf des Nachts ist fest unb tief; kein Geräusch vermag sie aufzuwecken Ost erhebt sich Armin vom Lager, zündet eine Kerze an und beobachtet diesen eigentümlichen Schlaf. Dabei huscht hier und da ein LLächeln über ihre Züge, als träume sie angenehm; doch wenn sie aufwacht, spricht sie nie von irgendwelchem Traum.
Ueberhaupt ist Ruth sehr schweigsam geworben. Em gleichmütiges Nicken, ein harmlos heiteres Zusttm- men, wenn Armin etwas vorschlägt — das ist zumeist alles. Die Projektierte Reise wirb ausgeführt. Herr und Frau Skott besuchen die hervorragendsten Punkte Italiens und der Schweiz; sie weilen auf ben mit ewigem Schnee gekrönten Gipfeln der Alpen unb tauchen unter in bem blinkenden Azur der Blauen Grotte auf Capri. Ruhig läßt Ruth alle Naturwunder über sich ergehen; nichts erregt sie, nichts begeistert fie.
Niemals spricht sie von ihrem toten Kinde. Hat fie es vergessen? Ist jene Episode völlig aus ihrem Gedächtnis cusgelöscht? Armin hütet sich, fie daran zu erinnern. Doch je mehr die Zeit vorschreitet, «m so unheimlicher wird ihm Ruths Wesen. Sie er
scheint gesund — und doch ist fie es nicht. Ihr Antlitz prangt in vollster Jugendfrische — aber ihrem Lächeln fehlt die Seele, ihrer Stimme feer Wohlklang. Wenn Armin von seinen Zukunstsplänen spricht — kein Strahl der Teilnahme in ihren großen Augen; wenn er ihre Lieblingslieder singt — ein müdes Zurücklehnen ihres Kopfes in die Kissen; wenn er ihre Hand zwischen die seinen nimmt oder ihre roten Lippen küßt — keine Erwiderung der warmen Liebkosung.
„Die Reaktion der furchtbaren Gemüts erschütte- rung nach dem Tode des Kindes!" tröstet sich Armin. „Die Zeit wird auch diesen Zustand befetttgen. Es ist am besten, wir lebten nach Hause zurück!"
Spät im Oktober halten Armin und Ruth wieder ihren Einzug in ber Walbburg.
Schon nach ein paar Tagen künbigt Gilbett seinen Besuch an Mit Besorgnis blickt Armin ber Ankunft des Freundes entgegen. Wie wird sein Anblick auf Ruth wirken? Seit der Geburt ihres Kindes hat sie nie weder Gilberts noch Virginias Namen erwähnt . . .
Ruch liegt in einem bequemen Korbstuhl auf der Terrasse, als Gilbert die Stufen zu derselben emporsteigt.
Aengstlich forschmd ruhen Armins Augen auf ihrem Antlitz. SBie wird sie den Freund empfangen?
Jetzt blickt fie auf. Kein Zeichen ttgeninvelchet Ueberraschung, kein erfreutes Lächeln.
„Ah, Lord Donald —" „Schön, daß Sie stch mal wieder sehen lassen. Wir haben eine hübsche Reise gemacht, viel Neues und Schönes gesehen. O ja, sehr Old Neues unb Schönes. Jetzt find wir wieber zurück. Hier ist es auch hübsch, noch hübscher, als unten in ber Schweiz ober in Jtalim."
Ihre Stimme Singt monoton, ausdruckslos, wie bas gleichmäßige Pläffchern eines Baches.
Gilbert blickt Ruch befrembet an.
„Sie sehen wohl au8, Frau Skott."
„Ich fühle mich auch sehr wohl, Wohler als jemals zuvor. Von Ihnen kann man bas nicht sagen, Lord Donald."
Gilbert schweigt. Er weiß, daß er sich verändert hat. Sein Gesicht hat viel von seiner Frische verloren; um seinen Mund lagert ein trauriger, fast schmerzlicher Zug.
Ablenkend fragt er Ruch, ob sie mit ihm einen Spaziergang durch ben Park machen wolle. Sie willigt fofort ein. Ihr helles Silberlachen schallt bis zu Armin herauf, als die beiben durch den Rosengarten bem Park zuschreiten.
Armin fährt mit ber Hand über die Stirn. Was sst's mit Ruth? Bedeutet ihr eigentümliches Wesen nur ein UebergangSftabtum? Ober wirb sie immer so bleiben, wie sie jetzt ist? . . . Unsinn! Sie muß erwachen unb wieber sein wie ehedem — sein kluges, teilnehmendes, liebendes und geliebtes Weib, in dessen Reizen er sich sonnt, das ihn tröstet, ihn fördert. ...
Er begibt sich in sein Arbeitszimmer, um seine Korrespondenz zu erledigen.
Durch bas offene Fenster ertönt bas muntere Gezwitscher bet Vögel. Ab unb zu vernimmt er bie Stimmen ber im Park Lustwandelnden — Gilberts volles, tiefes Organ und Ruths helle Stimme . . . Und wieder jenes perlende Gelächter, das aus dem Munde eines Kindes zu kommen scheint. . . .
Ein kalter Schauet überfliegt Armin. ®ie8 Lachen geht ihm durch Mark unb Pein. Es ist genau so nichtssagend wie alles, was Ruth jetzt spricht oder tut. Selbst ihr liebreizendes Anttitz, rosig unb frisch wie eine eben erblühte Knospe, trägt den Stempel der Oberflächlichen, Gehaltlosen. Wo ist bie Seele, die ehebem aus diesen großen Augen leuchtete? Wo bas stets wechselnde Mienorspiel, daS diese Frau ftiUjet so anziehend machte?
Er springt empor und eilt in den Park, direkt aus Ruch unb Gilbert zu.
„Es wird kühl, liebe Ruch. Willst bu nicht lieber hinein gehen? Du wirst dich erkalten!"
Lächelnd blickt sie ihn an.
„Ich bin nicht müde, nur schläfrig. Aber wenn bu willst, werbe ich zu Bett gehen. Gute Nacht!
Sie reicht Gllbett bie Hand, nickt ihrem Manne zu und geht mit eigentümlich leichtem, fast schwebendem Schritt ins Haus.
Die Freunde find allein.
Beide schweigen — jeder mit seinen Gedanken beschäftigt.
„Armin", beginnt Gilbert endlich mit sichtlicher Anstrengung. „Ich möchte dich etwa» fragen."
„Nun?" v
„Wollen wir nicht ins Rauchzimmer gehen? Es plaudert sich besser mit einer Havanna im Hintergrund."
„Wie du willst."
Gilbett hat etwas eigentümlich Gedrücktes an sich. Armin sieht sofort, daß dte Frage .die er Men will, von Bedeutung ist. Im Rauchzimmer zündet Armin zuerst die antike Hängelampe über bem eichengeschnitz- ten, achteckigen Tisch an. Dann schiebt er einen leder- übeozogenen Sessel für den Freund an den Kamin unb holt die Zigarrenschachtel.
Gilbert nimmt eine Havanna; doch setzt er stch nicht. Mit aufgestützten Armen steht er hinter der Stuhllehne.
„Du weißt, Annin, daß meine Vermählung noch immer nicht stattgestmden hat?"
Armin nickt.
„Weißt bu auch ben Grund?"
„Nein." _ ,, .
„Zwischen Virginia unb mir ist eine Entfremdung eingetreten."
Armin schweigt. Er hat sich eine Zigarre angesteckt und bläst leichte Ringelwölkchen durch bie Nase.
„Warum antwortest du nicht?
^Zwischen Ehegatten unb Brautleute hat sich niemand einzumtschen." , . , „
cvn diesem Falle doch. Virgmia leibet unter einer unerklärlichen Verstimmung. Ich bat sie, mir dm Grund derselben mitzuteilen — vergebens. Ich wurde böse — vergebens. Schließlich ließ sie sich wmigstens herab, mir anzudeuten, daß ihre Verstim- mung durch deine Frau veranlaßt wäre. Ich solle nicht Wetter forschen, es sei doch unnöttg."