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Leitung •

Tuldaer

M 161.

6le«il«g den 18. Juli 1811

38. Jahrgang.

2. Blatt.

drack m»d Verlag der zaldaer Actiendrn<k«re in Zalda.

veutscher Reich.

--- Sin koniervativ-nationalliberales Bündnis, um hm Zentrum einen Wahlkreis abzujagen. Sin eigenartiger Wahlkampf steht bet den nächsten allgemeinen Reichstagsw ahlen dem Wahlkreise Mörs-Rees in Aussicht, der gegenwärtig durch den Zentrumsabgeordneten Justizrat Fritzen ver- treten wird. Die Konservativen und National« liberalen haben in diesem Wahlkreise eine gemein« schaftliche Versammlung abgehalten, in der be« schloffen wurde, daß jede von beiden Parteien einen eigenen Kandidaten ausstellen solle und daß dann derjenige Kandidat, der mit dem Zentrumskandida­ten in die Stichwahl komme, bet dieser auch die Stimmen der anderen Partei erhalten solle. Die liberale .Köln. Ztg." weiß über dieses Abkommen, das sie selbst einen .Ansturm gegen den tzentrumsturm" nennt, folgendes zu berichten:

Bei der letzten Stichwahl eroberte daS Zentrum den Wahlkreis nur mit Hilfe der Sozialdemokratie, die 2792 Stimmen zählte, und der Polen, die 221 Stimmen aufbrachten. Inzwischen ist eine betracht- liche Volksvermehruug eingetreten, die eine wesent- liche Stimmenvermehrung der liberalen Parteien(?) bringen wird. Das Zentrum wird unwesentlich stärker geworden sein, den Konservativen ist durch die Eigen- brödelei der Christlich-Sozialen, die sich in konser- hativen Hochburgen festgesetzt Haben, Abbruch getan Worden. Bei voller Berücksichtigung dieser Verhältnisse wollen aus praktischen Gründen die nationalliberale Partei wie auch die konservative Partei durch Auf­stellung eigener Kandidaten in eine umfassende Werbe- arbeit eintreten. Sie wollen sich gegenseitig im Wahl­kampfe nicht befehden, sondern als Freunde nebenein­ander gehen. Die Führer haben den Wunsch, daß der Wahlkampf so geführt wird, daß sich die beiden Par- teien bei der Stichwahl gegen das Zentrum beidersei­tige Wahlhilfe zusichern. Es läßt sich vorläufig kerne Klarheit darüber verschaffen, welche von beiden Parteien die meisten Stimmen auf sich vereinigen wird. Mit der Parole „Getrennt marschieren, vereint schlagen" soll im Wahlkreise Mörs-Rees zum ersten Male der Versuch gemacht werden, das Zentrum aus diese Weise zu stürzen.

Wie die Wahlziffern beweisen, ist das Zentrum imstande, den Wahlkreis aus eigener Kraft zu hal­ten, wenn sich nicht die Roten mit dm Blauen ver­binden. Das Bündnis ist vorläufig nur bezeichnend für die konservativ-liberale Freundschaft, dir offen­bar angebahnt ist. Das Zentrum hat, da der Adg. Fritzen nicht wieder kandidieren will, den Landtagsadg. Rechtsanwalt Bell-Essen als Kan­didaten aufgestellt.

— Der Geist der Burschenschaften. Auf einem Feste der studenlischen Burschenschaft Ger­mania in Braunschweig hielt ein Herr Mügge eine Festrede, in der u. a. ausführte:

„O Jahrhundert, die Geister erwachen, es ist eine Lust zu leben! Das war vor 400 Jahren. Welche trüben Zeiten deutscher Geschichte liegen zwischen damals und heute. Seit einem Jahrhundert lehnen sich deutsche Burschen und freie Männer mit dem gleichen Idealismus nun wieder auf gegen des Bater- landes innere Feinde und kämpfen gegen falsche Rtiier und römische Pfaffen, gegen Willkür und Rückschritt gegen Byzantinismus und Fanatismus, wo hnmcr er herrschen will und woher er auch kommt."

Wenn Herr Mügge gegen den Fanatismus fÄmpfen will, so empfehlen wir ihm an erster Stelle den Kampf gegen feine eigene Gesinnung. Sie scheint im Fanatismus förmlich erstickt zu sein. Im übrigen aber ist der Ton dieser Musik bezeichnend für den Geist, der die Burfchenfchaften befeelt. Den katholischen Studenten, der den Weg zu ihnen findet, muß man bemitleiden.

) ( Dir Berliner Sen offen sind recht besorgt um die Erhaltung des Reichstagsmandats im dritten Berliner Wahlkreis. Dieser Wahlkreis gehört wie der erste zu denjenigen, beren Wählerzahl im Abneh- men begriffen ist. 1903 hatte er noch 31513 Wähler, 1507 nur noch 30 655, jetzt werden es höchstens noch 28 000 sein. Heine war persönlich schr beliebt, Pfannftich dagegen ist kaum bekannt; auch dieser Umstand spricht gegen einen neuen sozialdemokrati­schen Wahlsieg. Hatte 1903 der sozialdemokratische Kandidat not? 60 v. H. aller abgegebenen Stimmen guf sich vereinigt so waren es 1907 nur noch 55 t. H. Dir Genossen brauchen den Mut nicht finken zu lassen; die verbündeten Freisinnsmänner haben durch ihre

Steuerhetze schon dafür gesorgt, daß der Sozialdemo­kratie neue Wühlermassen zulaufen werden.

* Prophezeiungen über das Zentrum. Die romhafsende,Tägl. Rundschau", der es ein be­sonderes Vergnügen macht, den ©puren des Zentrums nachzugehen und die Vorgänge im Zentrumslager mit ihrem Kommentar zu begleiten, spirit heute die Prophetin. AuS Anlaß der Preßpolemik in Sachen des Buches des P. Weiß schreibt sie:

„Von einer wirklichen Einigkeit kann im Zentrum schon längst keine Rede mehr sein, heutzutage am allerwenigsten. Die Gegensätze zwischen beiden Rich, tungen haben sich je länger um so mehr vertieft. Daß hier in absehbarer Zeit eine innere Wiederannäherung stattfinden könnte, ist nicht gut denkbar. Anderseits ist aber auch nicht zu erwarten, daß die beiden Richtungen im Zentrum da? Tischtuch zwischen stch zerschneiden und ihre eigenen Wege gehen würden. Wahrschein­lich ist vielmehr, daß die gedrückte Stimmung bei der Kölner Richtung, die jetzt schon einen bedenklichen Grad erreicht hat, bei fortgesetzter Agitation der ultra- konfessionellen Richtung sich noch mehr steigern und die Führer der Kölner Richtung veranlassen wird, ihre an und für stch schon sehr schüchternen und schwäch­lichen und mehr von tÄtischen als von ernstgemeinten Absichten eingegebenen Versuche, das Zentrum seiner konfessionellen Natur zu enttleiben, mit der Zeit gänz­lich einzustellen. Das Zentrum und insonderheit die Kölner Richtung ernten hier die Früchte ihrer eigenen Unnatur."

Die ,Tägl. Rundschau' ist mit ihren Prophe­zeiungen bereits so oft hereingefallen, daß sie doch endlich mit ihnen etwas vorsichtiger sein sollte. Daß daS Zentrum den Versuch dran­geben würde, die Mitwelt darüber zu belehren, daß eS keine konfessionelle Partei ist, kann stch schon deswegen nicht bewahrheiten, weil daS Zen­trum keine konfessionelle Partei ist.

Am rttrche Md Schule.

* Würzburg, 18. Juli 1911. Die Pfarrei Aub wurde dem Pfarrer B. Hermann in Theinheim über­tragen. Genehmigt wurde, daß bon dem Bischöfe in Würzburg das Benefizium St. Catharinä in Dettel- bach dem Pfarrer S. Büttner verliehen wurde.

* Rom, 17. Juli 1911. Der Papst richtete an die brasilianischen Bischöfe ein Schreiben, in dem er ankündigt, daß er nach Möglichkeit auswan- dernde Priester nach Brasilien dirigieren werde, weil dort sehr großer Priestennangel herrsche.

Am dem Nachbargebiete.

* Aus dem Vogelsberg, 17. Juli 1911. In Lauterbach wurde dieser Tage zum ersten Male die Stadtvorstaudssttzung öffentlich abge­halten. — Die geistesschwache Frau eines Ein­wohners von Alsfeld war mehrere Tage spur­los verschwunden. Im Walde wurde sie dann in völlig erschöpften Zustande ausgefunden. — Unter eine fahrbare Motorbandsäge geriet in Schotten der 4jährige Sohn .des Kaufmanns Schlörb. Das Kind wurde tödlich verletzt. — DaS Sägewerk von Krömmelbein bei Lauter­bach, das bekanntlich im Frühjahr niederbrannte, wird neuaufgebaut und dürfte im kommenden Winter den Betrieb wieder aufnehmen. — In einem Dorfe im hohen Vogelsberg trafen ermüdete Frankfurter Touristen das einzige Gasthaus ver- schlosseu an. Ein benachbarter Landwirt lud jedoch die Wanderer ein, labte sie reichlich mit Dickmilch, Brwt und Butter. Als sie bezahlen wollten, lehnte der Bauer die Bezahlung ab. Die Frankfurter waren über eine derartige Gast­freundschaft natürlich sehr erstaunt. So was gibt'S auch nicht auf der Kaiserstraße und der Zell. Um solche Beweise altgermanischer Gast­freundschaft zu finden, muß man schon in den hohen Vogelsberg steigen. — In Maar bei Lauterbach geriet em 3 jähriges Kind zwischen das Getriebe eines Göpels. Der Kopf wurde ihm völlig zermalmt.

Die Macht der Gewissen;.

46; sUsaeax von Erich Friesen.

„Unmöglich, Herr Doktor. Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Güte — aber ich kann Ihnen we­der unseren Kummer mitteilen, noch irgendeinen Rat­schlag annehmen."

»Dann habe ich hier nichH mehr zu sagen." Dr. Brassey sicht auf. „Ich bemitleide Sie, denn Sie handeln nicht recht an Ihrer Frau — ob abstchllich, tdeiß ich nicht. Das aber weiß ich, daß Ihre Frau unter diesen Umständen nicht mehr lange leben kann. Ich empfehle mich!"

„Roch eins! Darf ich darauf rechnen, daß Sie meiner grau während ihrer Krankheit beistehen wer­den?"

Dr. Brassey zögert. Dann sagt er fest:

,91 ein, unter den gegebenen Umständen nehmen Sie besser einen anderen Arzt, der dem Leiden unbe= fangen gegenübertritt."

, Armin preßt die Lippen aufeinander . . .

Eine Minute später rollt der Wagen mit dem Arzt davon.

Jetzt verläßt Armin seine mühsam bewahrte Fas­sung. Mtt tiefem Aufftöhnen stuft er auf einen Stuhl mrd^vergräbt sein Gestcht in den Händen. —

So sitzt er still, unbeweglich — lange, lange. —

Als er den Kopf wieder hcht, erscheinen seine Zuge noch hagerer al« sonst. Tiefe Furchen durch- iiehen sein Antlitz. ®r hat in biefer halben Stunde m viobre gealtert. Schwerfällig erhebt er sich. Ihm t, als hege ihm Blei in den Gliedern. Dann stergt : die Treppe hinab in das Boudoir seiner Frau

. » Die Hände über einem Buch hn Schoße gefaltet M so sitzt Ruth am Kamin. Träumerisch blicken ihre Abecgroßen Augen in die prasselnde Mut.

-f Sie bemertt Armin nicht sofort. Still steht er auf dxr Schwelle, mtt einem langen, sorgenvollen Blick die geliebte Gestalt dort am Karnin umfangend.

v Jetzt wendet Ruth den Kopf.

, „Gehst du aus, Armin?"

„Stein, mem Sieb, ich bleibe zu Hause. Wr tootten den Abend zusammen verbringen."

Ein sonniges Lächeln vecklärt ihre bleichen Züge. Behaglich lehnt ste sich in den Fauteull zurück.

„Herrlich, Armin! Wie lange haben wir keinen traulichen Abend für uns allem gehabt! Du bist stets so schr ix Anspruch genommen!"

Zärtlich küßt er ihre Hand. Dann schreiten beide Arm ta Arm, innig aneinander geschmiegt, in da» Speisezimmer

Unter den angeregtesten Gesprächen verlaust das trauliche, kleine Mahl. Ruths lebhafter Geist, noch gesthärst durch die Liebe zu ihrem Gatten, nimmt mit Leichtigkeit an all' seinen Bestrebmige», seinen Plä- nm und Entwürfen teil. Mtt großen, verständnis­vollen Augm lauscht sie feinen Attis An andersetzung en, während ihre schlanken Finger ihm die delikatesten Bissen auf den Teller legen.--

Während der ganzen Zett beobachtet Armin seine Gattin auf» ängstlichste. Beständig summen ihm die Worte de» Sftzte» im Kopf:

„Da» aber weiß ich, daß Ihre Frau unter diesen Umständen nicht lange mehr leben kann,"

Als sie dann wieder beim dämmerigen Schein der rotvechängten Lampen am Kamin sitzen — sie den feinen Kopf hintenübergelchnt, so daß die langen, blonden Lacke« über das violette Sanmetpolster fal­len, et auf einem Puff dicht neben ihr — da schlingt er plötzlich den Arm um ihren Nacken und preßt ihr Antlitz fest an ba8 seine, während seine Lippen heiser vor Erregung murmeln:

„Ruth, bu darfst mich nicht verlassen!"

Erstmmt hebt sie deu Kops.

„Wie könnte ich dich je verlasse«, Armin? Ich bin Heine Frau!"

„9a, ja — aber es gibt Fälle — du könntest [tciben

Sie erbleicht; doch der feste Druck feiner Hand flößt ihr Mut ein.

„Ich werde nicht sterben, Armin. Ach, ich möchte ja so gerne leben!" > ।

* Frankfurt a. M., 18. Juli 1911. Zwischen dem Bayerischen Aeroflub in München und dem Frankfur­ter „Deretn für Lustschtffahrt" sind Unterhanöttmgen eingelettet worden, welche die gemeinsame Veranstal­tung eines Rundfluges durch Süddeutfch- land im nächsten Frühjahr zum Ziele haben. Der Rundflug soll in großzügiger Weise vorbereitet wer­den. Als Zielorte sind gedacht: München, Nürnberg, Stuttgart und Frankfurt am Main.

* Rüdesheim (Rheingau), 17. Juli 1911. Die Eisen bahnbrücke Btngen-RüdeSheirn wird vom Reiche gebaut »erben. Das Interesse des Reiches soll rein strategischerNatur sein. Nicht die Eisenbahnverbindung der beiden Rheinufer, noch weniger der Personenverkehr, heißt es, kann die gro­ßen Kosten der Brücke rechtfertigen und amortisieren. Der Bau der Brücke soll im Jahre 1912 begonnen werden. Die Bauzeit soll sich auf sechs Jahre aus­dehnen.

* Aus Franken, 18. Juli 1911. Bei Aura im Smngmnde wurde auf freiem Felde ein Mädchen vom Blitze getötet, zwei andere Frauen betäubt und schwer verletzt. — Auf Wernarzer Gemeindejagd erlegte Gutsverwalter Rölling einen kapitalen weißen Rehbock. — In Zell kam das.Pferd eines Bauers­mannes im Stalle los, ging in bte Küche, von da in den Vorplatz und stieß dort auf die Kellertür; diese brach ein und das Pferd fiel in den Keller. Der Gaul hat allem Anschein nach wild um sich ge­schlagen, denn es waren eine größere Partie Milch­töpfe zerschlagen sowie ein Mostfaß zertrümmert. Most und Milch schwammen vereint im Keller. Al» War- muth vom Feld kam und sein „Nikala" im Keller sah, erschrak et sehr, aber glücklicherweise blieb e» beim Schrecken denn das Pferd hatte außer Hautgbschür- ftmgen keine wettete Verletzung.

Amt Geisa und Umgebung.

* Geisa, 18. Juli 1911. Hier kam man einem halbwüchsigen Burschen auf die Spur, der schon seit längerer Zeit fremde Hühner abschoß, um seine Vorliebe für sonntäglichen HühnerschmauS zu be­friedigen.

♦ Schleid, 17. Juli 1911. Hier fand die Ab­nahme des RohbaneS unseres Schulhauses statt. Er- schienen waren hierzu Bezirksdireftor Baron v. Groß, Schulrat Heiland und Baurat Jaenisch.

♦ Wasungen, 17. Juli 1911. In bet Nähe von Schwallungen wurde der ca. 40jährige Landwirt Friedrich Sickert von einem umstürzenden schweren Wagen erschlagen. Der aus Wasungen her- beigerufene Arzt konnte nur den bereits eingetretenen Tod konstatteren. Ein zweiter Begleiter des Wagens kam mtt leichteren Verletzungen davon. Das Unglück passierte an einer abschüssigen Stelle.

* Gehaus, 17. Juli 1911. Im Laufe des Herb­stes wird hier ein Kochkursus von ca. acht Wochen Dauer abgehalten werden.

* Aus Thüringen, 18. Juli 1911. Die Freiwillige Feuerwehr Coburg beging die Feier ihres 50jähr. Bestehens. In Verbindung mit dieser Jubiläumsfeier fand hier der 43. Abgeordnetentag des Thüringer Feuerwehrverbandes statt. Der Verband zählt zur­zeit 1244 Wehren mit 42 385 Mitgliedern. Zwischen Saalfeld und Rudolstadt wurde ein Personenzug mit Steinen bombardiert. Die Tätet, die mehrere Waggonfenster zertrümmerten, waren Schulkinder. — In der Klinik zu Halle starb die Tochter eines Flei­schermeisters aus Art er n, die von einem Fuhrmann von hier mit einem Revolver in den Kopf geschossen worden war. — In Eisenach wurde von einer Frau in einem Schmuckwarengeschäft ein Kollier im Werte von 300 Mark entwendet. — Zur Er­langung von Entwürfen für ein Verwaltungs­gebäude in Weimar vetanstallet die großherzogl. Handelskammer einen Wettbewerb unter den Archi­tekten der thüringischen Staaten einschließlich des Regierungsbezirkes Erfurt. — In Rudolstadt baden die fünf Gesangvereine durchweg keinen Ueber- fluß an Sängern. Sie wollen sich deshalb zu­sammenschließen, wodurch dann ein Sängerchor von 80—90 Mann geschaffen werden könnte. — Unter einem Transport von 74 Schweinen au8 Elms­horn, für Apolda und Weimar bestimmt, wurde in Apolda beim Verladen die Maul- und Klauen­seuche festgestellt. Der ganze Transport wurde da­

her nach dem Schlachthof geschafft und sofort ge­schlachtet.

vermischter.

* Ach kann bett Kerl nicht leiben! Der betagte Chef einer Berliner Firma beging mit seiner Gattin das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Ob die Auf­regung des festlichen TageS dm Nerven der alten Dame geschadet hatte, oder ob die Braut im goldenen Kranze, den richtigen Zeitpunkt für gekommen er­achtete, — eines Tages verschwand fie au» dem Hause des erstauntm Goldbräutigams, mit dem sie 50 lange Jahre Freud und Leid geteilt hatte. Auf dem Schreibtisch des Mannes lag ein Zettel, der tn er­freulicher Kürze Aufschluß gab übet den Anlaß zu der seltenen Tat: „Ich hab' den Kerl von Anfang an nicht leiben können!" - , - Diese Erkenntnis ist, so bemerken dazu die „Leipziger Neuesten Nach­richten" der alten Dame anscheinend etwas spät ge­kommen. Wie sich jetzt herausstellte, hält sich oft gute Frau bei ihren Verwandten auf, und um nichts m der Welt will sie wieder zu ihrem Manne zurück­kehren. Die alte Frau hat sich sicher gesagt: „Lieber ein Ende mit Schrecken, als em Schrecken ohne Ende." Woraus sich auch erklärt, daß sie nicht bis zur eifemen Hochzeit warten will.

Aus Gberheffen u- den Hess. Aemtern.

* Ziegenhain, 17. Juli 1911. Dem Holz- Hauermeister Peter Bernhardt und dem Holz- Hauer Johannes Bierwirt, beide zu Friedigerrode im Kreise Ziegenhain, wurde das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen.

* Neukirchen (Kreis Ziegenhain), 17. Juli 1911 Gestern fand Hierselbst das Kreiskriegerverbandsfest des Kreises Ziegenhain statt, das, begünstigt vorn schönsten Wetter, einen allgemein befrtebtgenben Verlauf nahm. Mit dem Feste war ein Korn- blumentag verbunden, deflen Ertrag den Veteranen zugute kommen soll. ।

* Grifte, 17. Juli 1911. Für unsere Gemeinde und die Gemeinde Haldorf wird die Anlage einer gemeinschaftlichen Wasserleitung geplant. Zur Durchführung dieses Planes ist nunmehr ein aus den beiden Gemeinden bestehender Zweckverband „WafferleitungSverband Grifte und Haldorf" ge. gründet worden. Man ist in den beteiligten Ge­meinden sehr ftoh, die Angelegenheit nunmehr im Gang zu wissen, da die Wasserkalamität in beiden Gemeinden groß ist.

* Mardorf, 17. Juli 1911. Sonntag und Mon­tag wurde hier durch den Gesangverein „Lieder­kranz" unter großem Aufwand das 35jährige Stiftungsfest des Vereins gefeiert. In dem Festzuge waren etwa 22 auswärtige Vereine ver­treten.

* Kleinenglis, 17. Juli 1911. Das Amtsgericht Fritzlar war dieser Tage hier tätig, um in der Rusche'« scheu Brandsache Ermittelungen anzustellen. Es wurden die sämtlichen Brandstätten besichtigt und eine große Anzahl von Zeugen vernommen. Hebet daS Resultat der Feststellungen verlautet nichts be­stimmtes. Der der Brandstiftung verdächtige Schweizer sitzt aber noch in Haft, waS daraus schließen läßt, daß der Verdacht sich bestätigt hat. Besonders schwer geschädigt ist der Landwirt Werner hier, deffen land« wirtschaftliche Gebäude alle niedergelegt sind.

• Fritzlar, 18. Juli 1911. Bei der Prämie­rung von Pferden, die mtt dem hiesigen Pferde- martt verbunden war, erhielten den 1. Preis mit 35 Mark Rittergutsbesitzer Lteprecht in Gilserhof für einen 4jährigen Fuchs, den 2. und 3. mtt je 20 Mk. Wagner in Maden und Liegmann tn Kirchberg, Mehl in Haddamar und Röll in Gudensberg. — Bei der Zwangsversteigerung der Fabrikgebäude der Gesellschaft m. b. H. Bechtel u. Biedendorf gab das Höchstgebot ab der Architekt Düßler-Kaflel, der, um seine eigene Fordemng nicht verloren geh«: zu sehen, bas Werk kaufen mußte. Ebenso erstand er auch einen großen Teil der auf dem Hofe lagernden Vorräte an Zementrohren ufw. Die erhielten Preise waren gering. Dem Vernehmen nach will Düßlek bat Betrieb wieder aufnehmen, waS für unsere Ge­gend sehr erwünscht wäre.

Ein paar Augenblicke schweigt er: Dann sagt er ernft: „Dein Organismus ist nicht der kräftigste, Ruth, Wenn du dtt nicht mit aller Energie vor­nimmst, zu vergessen und glücklich zu sein, so wirst du nicht alt werden."

Ruth seufzt leise auf.

„Ich möchte vergessen — ach, ivie gern!"

„Und es w'll nicht gehen?"

„Nein; mein Gewissen will nicht sterben. Manch­mal glaube ich, es ist tot; plötzlich regt es sich wieder, und alle» ist beim alten."

Fester nimmt Armin NuthS Hand zwischen die seinen.

„Glaubst du, daß ich dich liebe, Ruth?"

Sie nickt.

„Und daß ich »bne dich unglücklich wäre — gren­zenlos unglücklich?"

Wieder sttimmes Nicken.

„Nun wohl, so stelle mich über dein Gewissen, Ruth! Ich bin auf dem besten Wege, ein populärer Mann zu werden. Ich habe eine große Karriere vor mir. Hilf mir dabei! Du bist noch jung. Deine Schönheit ,bein Geist, deine Talente werden sich von Tag zu Tag, von Jahr zu Jcchr herrlicher entfalte«. Immer inniger werden wir nrtteinanber verbunden fern. In unserem Hause wird alles, was Geist und Namen besitzt, verkehren, und du wirst die Königin dieser Feste sein — die Königin aller und doch ganz nur mein eigen! — — Ruth, reizt dich nicht dies Zukunftsbild?"

Immer lebhafter, immer leidenschaftlicher fließen die Worte aus seinem bereiten Munde. Vorbei ist es mtt der sonstigen kühlen Ruhe.

„Gewiß und doch —"

Da steht Armi« leise auf und öffnet bat Flügel. Leise präludierend gleiten seine Finger über die Ta­sten. Und jetzt beginnt er zu singen ...

Ruth schließt die Augen. Ihr ist, als ob das Pa­radies sich össtie und der Gesang der hinnnlischen Heerscharen ste umschwHe. MeS um sie her ist ver­gessen. —

Armin hat sein Lied beendet.

„Ja, er ist es wert, daß ich alles, alle« seinetwegen httigche — auch mein Gewissen!" murmelt sie, noch ganz im Banne der herrlichen Stimme.

Rasch steht fie auf und legt die Hand auf Armin» Arm. Ihre Züge tragen einen entschlossenen Aus­druck, al» sie mit bei ihr ungewohnter Energie sagt: „Ich werde tun, was du verlangst, Annin. Mein Gewissen soll sterben. Aber eins versprich mirl Tue, waS in deiner Macht steht, um die Vermählung zwi­schen Virginia und Lord Donald zu beschleunigen! Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß Virginia in Armut lebt. Wenn fie verheiratet ist — geliebt, bewundert, auf der glänzenden Höhe des 2eben» stehmd, dann gebe ich mich zufrieden. Ja, Armin, dann wollen wir glücklich sein!"

32. Kapitel.

In Ruchs Schlafzimmer find die weißen Spitzen­vorhänge zugezogen Am Fuß deS Bettes sitzt die Wärterin, aufmerksam die Atemzüge der Schlafenden beobachtend. Jetzt bewegt Ruth leicht den Kopf. Schnell erhebt sich die Wärterin und hält ihr eine Tasse kräftige Bouillon an die Lippen.

Gehorsam nimmt Ruch ein paar Schlucke. Dann smft ihr Kocks ftastlos in die Kissen zurück.

„grau Davis!"

Ruths Stimme llingt müde, wie gebrochen.

„Sie wünschen, Madame?"

„Lassen Ste mich mein Kind sehen!"

Ein Schimmer von Verlegenheit huscht über die derben Züge der Frau.

.Sie — Sie sind noch nicht kräftig genug, Ma- es ein Knabe ober ein Mädchen?"

Ein Mädchen, Madam."

Ruch seufzt leise auf.

.Schade. Wir Frauen habe« so viel zu leiben In bet Wett."

Und wieder ein tiefer Seufzer.

„Sie haben Recht, Madam", die Wärterin schiebt das Kopfkissen zurecht, „aber Sie dürfen jetzt nicht mehr sprechen. Der Arzt hat « streng verboten."