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Fulda, Freitag den 14. Juli 1911

38. Jahrgang.

Erstes Blatt

158.

nicht über daS Jahr 1906 zurück. Die „Voss. Ztg. scheint nicht mehr zu wissen, daß es eine Zeit gab, in der Fürst Bülow tm Reichstag in Hinsicht auf Zentrum und Konservative erklärte, eine Regierung müsse mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und er lehne es ab, die freisinnige Parteisuppe kochen zu helfen. Und die Zuschrift an die „Nattonalztg.", die von Entrüstung über den angeblich „antinationalen Seift* des Zentrums trieft, hat vergessen, daß es eine Zeit gab, da Fürst Bülow dem Zentrum im Reichs­tag feierlich das Zeugnis nationaler Gesinnung und Handlung ausstellte — und beide Artikel haben ver­gessen, daß unter dem Regime des Fürsten Bülow die Sozialdemokratie nicht angenommen, sonderen zuge­nommen hat. Daß die sozialdemokratischen Man­date 1907 zurückgegangen sind, hatte seine besonderen Gründe, die in dem gegen das Zentrum proklamierten Kampfe wurzelten. Die rote Stimmenftut aber ist ständig gestiegen.

♦* Ein Bund der kaufmännischen Angestellten, der die kaufmännischen Angestellten der Industrie ähn­lich wie die Techniker im Bund der technisch-indu- striellen Beamten auf unabhängig gewerksckaftlicher Grundlage organisieren will, wurde am Mittwoch in Berlin gegründet. Ueber 400 kaufmännische An­gestellte aus allen Teilen des Reiches beteiligten sich an der Gründung.

nahm hier mit Versammlungen der Verbands reviso- ren, der Molkereiinstruktoren, der Beamtenwohlfahrts­kasse und der Versicherungskasse seinen Anfang.

---- Rostock, 13. Juli 1911. Heute trat im hie­sigen Ständehaus ein Konvent der gesamten mecklen­burgischen Ritterschaft zusammen, der sehr zahl­reich besucht war. Einziger Gegenstand der Be­ratung ist die Verfassungsfrage.

* Düffeldorf, 13. Juli 1911. Die Demokratische Vereinigung Düsseldorf beschloß die Ausstellung eines eigenen Kandidaten. Der Name des Kandidaten soll in Kürze bekannt gegeben werden.

* Eine Erklärung gegen Dr. K. Kaufmann.

Die von Dr. Karl Kaufmann (früher Köln, fetzt Frankfurt a. M.) herausgegebene sogen. „Zentral- auskunftsstelle der katholischen Presse* brachte in ihrer letzten Nummer einen ihr angeblich „von einer unterrichteten Stelle in Rom" zugegangenen Artikrl, in dem es heißt:

X Rietzer nnd die Sozialdemokratie.

Geheimrat Rießer, der Alleinherrscher im (einigten* Hansabunde, hat am Mittwoch abend in Dortmund vor seinen Anhängern den ersten der pon chm angekündigten Vorträge in Rheinland-West- sale über die „Gegner des Hansabundes gehalten

Wir haben längst gewußt, daß Herr Rießer viel Anlage zum Agitator, aber wenig oder gat lein Ta­lent zu einer gewissenhaften positiven Politik hat; doch sind wir neuerdings in Erstaunen versetzt durch die Skrupellosigkeit, mit der Herr Rießer die Wahr­heit und Wirllichkeit mißhandelt.

Ist es z. B. nicht geradezu verblüffend, wenn Herr Rießer gleich zu Beginn seiner Rede behauptet, die Sammlungspolitik sei von allen politi­schen Parteien abgelehnt Word» und sei also erledigt? Abgelehnt auch vom Zentrum und von den Konservativen! Für die angebliche Ablehnung seitens des Zentrums führte der beredte Diktator des Hansabundes (nach dem uns vorliegenden Bericht) auch nicht den Schatten eines Beweises an. D'e Konservativen aber sollen nach seiner Ansicht die Sammlungspolitik abgelehnt haben, als die „Konserv. Korrespondenz" unlängst die vielbesprochene Sttch- wahlvarole ausgegeben. Mit dieser Stichwchlparvle ist Herr Rießer schon unlängst trebfen gegangen in dem Briese an Herrn v. Kirdorfs. Aber wir fragen erstens: Wie kann Herr Rießer feine kritische Rede Pom Hansabundtage rechtfertigen mit einer Preßkund­gebung, die erst nachher ergangen ist? Und zwei­tens: Ist das eine „Ablehnung" der Sammelpolitik, wenn die Konservativen die Gegner der Sammel­politik bedrohen mit der Erklärung: Wir werden auch wegen eurer Verbrüderung mit der Sozialdemo­kratie künftig nickt mehr als das kleine Nebel be-

Blut dabei zu Kopf steigt. Dann wird ihr Blick ängstlich, bis sie plötzlich hastig die Lider senkt.

„So toelfeft du meine Gabe zurück?" fragt sie mit siebenden Lippen.

Ja, Ruth. Ich kann mich dir nicht weiter er­klären. Vielleicht verstehst du mich in diesem Augen­blick, vielleicht aucfr nicht. Vergiß, daß bu mir den Brillantstem schenken wolltest — eS ist das Beste.

Ruth ist totenbleich. Krampfhaft preßt sie die Hand aufs Herz. — Dann schließt sie das Etui und will es wieder in die Tasche schtebm, als Lord Do­nald eintritt.

„Ah, guten Tag, Frau Skott! Wie geht's dir, mein süßes Lieb? Ich störe gewiß ein trautes Plau­derstündchen, wie? — Doch was tft das?" Verwun­dert blickt er von seiner Braut auf Ruth und wieder auf seine Braut. „Deine Wangen glühen, Virginia, und Frau Skott zittert! Was ist los?"

„Ich wollte Ihrer Braut ein kleines Hochzeitsge­binde bringen", sagt Ruth hastig, sich zur Ruhe zwin- gmd.

„Ah — darf ich es sehen?"

„Gewiß."

Ruth öffnet daS Etui. Wie vorhin Virginia, so fann jetzt Gilbert einen Ausruf der Ueberraschung nicht zurückhalten. Er nimmt den Diamanssiern und hält ihn an Virginia» dunkle» Haar; die Sonnen­strahlen fpiden in seinem Glanze, so daß es aufblitzt wie Millionen Steme.

„We herrlich er dich kleidet, mein Lieb!"

Unwillkürlich weicht Virginia ein toentg zurück. Doch sagt sie nicht».

„Virginia weist mein Geschenk zurück", bemerkt Ruch mit bitterm Lächeln. „Wollen Sie sie nicht überreden, Lord Donald —"

Abwehrend hebt Virginia beide Hände.

„Nein, nein, ich will die Diamanten nicht haben!

Sie sind viel zu kostbar für mich."

„Aber wenn Frau Skott sie dir doch schenken will, mein Lieb —*

„Ich mag sie aber nicht!"

ns Köln, 12. Juli 1911. Im weiteren Verlaufe des christlichen Bergarbeiterkongresses re­ferierte Eifert über „Die Jugendbewegung". Etwa 100 000 Jugendliche unter 18 Jahren seien heute schon in den sozialdemokratischen Gewerkschaften or­ganisiert, benen die Christlichen leider nur einen ver­hältnismäßig geringen Prozentsatz gegenüberstellen könnten. Die Jugendfrage sei für die christlichen Ge­werkschaften zu einer Lebensfrage geworden. Man möge jedoch keine eigenen Jugendabteilungen grün­den, sondern man solle von den jugendlichen Arbeitern dis zu 16 Jahre 10 Pfennig Wochenbeitrag, von de­nen bis zu 20 Jahren 20 Pfg. fordern, sie aber an allen Unterstützungseinrichtungen teilnehmen lassen. Ueber das Referat fand darauf eine Debatte statt, die in die Aufforderung ausklang, alle? einzusetzen, um die Jugendlichen für die christliche Arbeiterbewegung zu aewinnen. Redafteur Jmbusch vom „Bergknappen" hielt einen Vortrag über die „Grundsätzliche Stel­lung des Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter", dessen Zwecke und Ziele vielfach verkannt würden. Der Gewerkverein stelle nur durchführbare Forderun­gen auf, um die Industrie nicht zu schädigen. Durch ein solches Verfahren werde am ehesten die Gleichbe­rechtigung der 2<rbeiter mit den Arbeitgebern in dem Abschluß von Tarifverträgen anerkannt. Der christ­liche Gewerkverein sei auch dadurch von den sozial­demokratischen unterschieden, daß er die Hebung des Arbeiterstandes auf dem Boden der bestehenden Ge­sellschaftsordnung anstrebe. Es folgten dann die Schlußansprachen der Abg. Brust und Behrend.

** Stuttgart, 14. Juli 1911. In Württem­berg beabsichtigt das Kultusministerium, die kleinen katholischen Pfarreien, die unter 300 Seelen haben, auszuheben und zu- sammenzuleaen, um weniger Gehälter zahlen zu müssen. Das katholische Volk ist sehr auf- gebracht darüber, daß der Kultusminister darüber entscheiden will, ob eine katholische Pfarrei, und welche, entbehrlich ist. Die Pfarrangehörigen fragt man einfach nicht. WaS werden ferner die Patronatsherren zur Beschneidung ihres Rechts der Präsentation der Geistlichen auf diese Pfarreien sagen? Wo kommen die vielen Sliftungsgelder bin? Sackt diese der Staat einfach ein? Die katholische Bevölkerung in Württemberg wird sich eine derartige Schmälerung ihrer Rechte nicht ohne weiteres gefallen lassen.

ns Hannover, 13. Juli 1911. Der 27. Deutsche Landwirtschaft!. Genossenschafts^ag

Virginias Ton ist so heftig, daß Gilbert nicht wei­ter in sie bringt. Doch fühlt er sich von der ganzen Szene äußerst veinlich berührt

Mit zitternden Händen legt Ruth den Brillant- ftern wieder in das Etui, schließt dasselbe und läßt es in ihre Tasche gleiten. Dann küßt sie Virginia, reicht Gilbert die Hand und wendet sich der Tür zu — alles wie im Traum. Schon fühlt sie wieder, wie etwas nach ihrem Herzen greift — jene grausige, un­sichtbare Faust, die so unbarmherzig ihr junges Leben zu zerstören droht.

Lord Donald reicht ihr den Arm und geleitet sie zum Wagen. Dann kehrt er zu seiner Braut zurück. Zum elften Mal ist er unzufrieden mit ihr. Er be­greift nicht, weshalb sie Ruths Geschenk zurückgewie- sen. Er erhält ihre Weigerung für eine Saune, ihr Benehmen für unweiblich. Vergebens bittet er sie, ihm den Grund ihres eigentümlichen Verhaltens mit« znteilen. Virginia schüttelt nur stumm den Kopf oder antwortet ihr fterothpes:

„Ich kann es dir nicht sagen."

Ernstlich böse nimmt er endlich seinen Hut. Zum ersten Mal scheiden die beiden in Uneinigkeit.

*

Ruch rollte in ihrem Wagen inzwischen durch die belebten Straßen. Die Fahrt in der ftischen Lust tut ihr gut. Nach und nach verliert sich der Druck auf der Bmst. Sie atmet wieder freier. Sie zieht die Uhr Noch drei Stunden bis zum Abendessen. Sie gedachte, dieselben bei Virginia zuzubringen. Nun sst es so ganz anders gekommen. Armin wellt im Klub. Was also mit der Zeit beginnen?

„Halt, wie wäcks, wenn sie Dr. Brasseh wieder einmal konsultierte? Schon seit langem wird sie die Empfindung nicht los, als ob ihr Leiden sich ver- schlimmert habe.

„Kutscher! Kerkstreet Nr. 210.

Schon rollt der Wagen dem Hause des berühmten Arztes zu. Jetzt hält er. Hastig eilt Ruth die we­nigen Stufen empor. Die Sprechstunde ist beendet. Sie schickt ihre Visitenkarte hinein und wird sofort Horgelassen,

Es ist in der ganzen katholischen Welt bekannt, daß die deutschen Katholiken in zwei Lager getrennt sind. Aus der einen Seite die Kölner Richtung, so genannt, weil sie ihren Hauptsitz in und bei Köln hat, von wo aus sie einen großen Teil der Organisation deutscher Katholiken und der katholischen Presse Deutschlands beherrscht. Auf der andern Seite die katholische „Richtung", welche ihren prägnantesten. Ausdruck in der sogenannten Osterkonferenz fand. Am besten aber weiß man das in Rom an un­maßgeblichen und an maßgebenden Stellen.

Da es sich eben um Prinzipiensragen handel^ dazu noch um solche von weitester Tragkraft, lassen sich die Auseinandersetzungen durch, Berichte ie- rungen und Machtsprüche nicht unterdrücken. Der Streit mutz, wie die Kölnische Volkszeitung seinerzeit richtig bemerkte, auf-getragen werden, und es 'st nur zu wünschen, datz dies sine odio et ira geschehe. Wenn gegenwärtig gerade ein Teil^ der au sl a n d: katbolischen Presse, an ihrer spitze die Eorrespondance de Nome, gegen die Kölner Richtung vorgeht, so ft. die» damit zu erklären, datz m Deutschland selbst die Gegner jener Richtung gegen deren allmächtigen Einfluß mcht oder noch nicht auskomuren können. Es handelt sich auch nicht um eine internationale Organisation, sondern lediglich um eine Aktion der Correspondenee de Rom^ eines offiziellen Organs des Vatikans, welches sich bisher als gut informiert erwiesen hat. Das Buch von p. Weih gab nur den letzten Anlaß zu dem Vorgehen der Correspondance de Rome. Diese HE aber schon längst anderes Material in Händen und sie verfugt über gute Informationen.

Daraufhin erhält die „Schlesische VolkSzettung" von maßgebender parlamentarischer Oette die nachstehende Erklärung:

Diese Ausführungen würden mir aI8 Katholiken Anlaß zu manchen sehr bitteren Bemerkungen geben. Ich will mich darauf beschränken, lediglich als Zew> .rnmsmann auf etwas hinzuweisen, waS lewer dringend notwendig ist, zumal das wohl nicht der erste Artikel des Herrn Kaufmann (Frankfurt a. M.) au» neuerer Zeit nach dieser Richtung hm ist.

Es ist unwahr, daß die deutschen Ka. t ho l i k e n, welche auf dem Boden des Zentrum» stehen, durch die sogenannte Osterdienstagskonferenz in zwei Lager getrennt sind; denn tm Verfolg der Polemik, welche sich au die Osterdlenstagskonfe. oenz knüpfte, sind am 28. November 1909 und am 24. Oktober 1910 die Vorstände der Zentrumsfraktion ,m Deu.schen Reichstage und preußischen Abgeordneten- hause, sowie der Landesausschuß der preußischen Zen­trumspartei in Berlin im Reichstagsgebaude zu ge­meinsamer Sitzung zusammengetreten und haben m mehrstündigen Beratungen diejenigen Fragen durch­gesprochen, welche in der Osterdienstagskonferenz be- hatidelt oder durch sie angeregt worden find, ^n diesen Berliner Besprechungen ist man zu völlig einmu- tigen Erklärungen gelangt, auf deren Boden auch der Zentrumsabgeordnete Roeren getreten ft, indem er am 24. Oktober 1910 folgende Erklärung

Ich trete nunmehr unzweideutig und vorbehalt­los auf den Boden des Beschlusses des Landesausschus- ses von 28. November 1909 und werde alle wettere direkte oder indirekte Vertretung einer anderen For­

mulierung unterlassen.

Obgleich Doktor Brasseh tagtäglich neue Gesichter sieht, so sind ihm Ruths Züge doch tm Gedächtnis geblieben. Gütig reicht er ihr die Hand.

„Wie geht es Ihnen, mein Fräulein? Bitte, neh­men Sie Platz!" Er wirst einen Blick auf die Vt- sitenkarte. „Ah — Sie sind verheiratet! So haben Sie meinen Rat befolgt?"

Ruth hebt schüchtern die Augen. Sie gehört zu jenen schwachen, hingebenden Naturen die leicht durch eine stacke Individualität zu beeinflussen sind. Es ist ihr urnöglich, den Mann da vor ihr mit dem scharfm und doch freundlichen Blick zu belügen. Darum ^"/Sie sind glücklich, nicht wahr?" fragt er abermals.

Zwei dicke Tränen lösen sich aus ihren Augen und rinnen langsam die Wangen herab.

Dottor Brasseh steht auf und zieht die Vorhänge zu damit das hereinflutende Sonnenlicht die Pattentin Stblenbe. Dann reicht er ihr -in Glas Wasser.

Verzeihen Sie meine Schwäche, Herr Dottor! murmelt sie, beschämt ihre Tränen trocknend „Ja, ich habe Ihren Rat befolgt und den Mann, den ich

liebe, geheiratet. Trotzdem bin ich nicht glücklich. Eine Schuld drückt mein Gewissen. Ich kann sie nicht loS werden."

Nachdenllich wiegt der Arzt den Kopf.

„Das tut mir sehr leid, Frau Skott. I- kann Ihrem Körper mcht helfen, so lange Ihr Gemüt "^iS^gtmibte," mein Gewissen würde einschlafm/

„Das Gewissen ist die Sttmme Gottes, Frau weiß ich weiß!" Unruhig rücN Ruch auf . "'N l ,,nb fier Ich kann Ihnen nicht mehr Tagen, Herr Dokwr.' Aber ich fürchte mich vor d^n Tode. Ich möchte leben, leben und glücklich fel"®ottor Brasseh ist aufgestanden. Voll tiefen Mit- gesühls ruht sein Blick auf der bleichen Frau.

(Fortsetzung folgt.)

Deutscher Reich.

* Berlin, 13. Juli 1911. Das Staatsmini- t e r t u m ist am Donnerstag abermals zu einer Sitz­ung zusammengetreten. — Prinz Adalbert von Preußen, der dritte Sohn des Kaiserpaares, vol- lenbet am Freitag da» 27. Lebensjahr. — In dem Befinden des Reichstagsabg. Hug (Konstanz) ist dem „Bad. Beobachter" zufolge eine erfreuliche Besse­rung eingetreten, sodaß auf eine baldige Genesung zu hoffen ist. — Von der Medizinalabieilung des Mini­steriums des Innern wird die Einsetzung einer E Pi­tz e m i ek o m m i ssto n für Erforschung und Be­kämpfung von epidemischen Krankheiten beabsichtigt.

*• Unser Schiffsdienst in Agadir. Die ,Rordd. Allg. Ztg/ schreibt: Wie wir erfahren, tritt das Schiff „Panther" nunmehr von Tene­riffa aus seine Heimreise an. An seine Stelle übernimmt der derzeitige Stationär von Deulsch- Südwestasr-ka „Eber" für den vor Agadir liegenden Kreuzer „Berlin" den Post- und Telegraphendienst und löst die „Berlin" zeitweilig ab, falls diese zum Kohlen vorübergehend einen anderen Hafen aussuchen sollte. — Agadir soll also auch nicht vorübergehend aus den Augen gelassen werden.

)( Kein Petroleum-Monopol. Halbamtlich wird die Meldung, die Regierung plane ein Petroleum- Verkaufsmonopol, als zum allermindesten ver­früht zurückgewiefkn.

-i- Em tiefes Sehnen nach dem Fürsten Bülow geht durch die liberale Presse Es ist, als ob mit dem Augenblick, wo dec frühere Reichskanzler die Villa Malta mit dem sommerlichen Aufenthalt in seinem Hause an der Nordsee vertauscht hat, sein Geist die liberale Presse in Bann genommen habe." „Zwei Jahre ohne Bülow" seufzt die „Voss. Ztg." in einem Artikel, in welchem sie darlegt, daß das politische Testament des Füften Bülow, das er am 13. Juli 1909 gegeben, sich zu erfüllen beginne. Die Sozialdemokratie habe Sieg auf Sieg errungen, das Deutschtum in der Ostmark sei in Gefahr und der schwarz-blaue Block triumphiere. Genau demselben Gedankengang begegnen wir in einer Zuschrift an die „Rationalztg.", die ihr aus Parteikreisen zugeht und die stch mit der nationalliberalen Wahlpolitik befaßt. Auch hier ein Jammern nach dem entschwundenen Staatsmann, die Klage über die Zunahme dec Sozial­demokratie und der Groll über Konservative und Zentrum. Aber das Gedächtnis beider Artikel geht

lende» Gelächter und Rufe: Wie ich nuch da ver­halte, werde ich mit meiner politischen Partei ab­machen! Eine gemeinsame Parole für alle Mrtglreder ist nicht nur ein Unding, sondern man kommt damit auf die schiefe Ebene. Denn außer dem Agrarier würde auch der Zentrumsmann da sein, für den die Mitglieder ,n stimmen hätten."

Wohlgemertt, e» handelt sich da immer nur um Stichwahlen, bei denen zu entscheiden ist, ob man lieber einen Konservativen und einen Zentrums­mann oder aber einen Umstürzler in den Reichstag bringen will. Au» Rießers Reden werden feine Anhänger die Ansicht gewinnen, es sei eine läch er- iche Zumutung, ein Unding, ein Schritt auf der schiefen Ebene, einen Konservativen oder Zen- trumsmann gegen einen Sozialdemokraten zu unter- tützen. Herr Rießer arbeitet darauf hin, daß recht viele Umsturzleute anstelle der „blau-schwarzen" Vertreter unserer Wirtschaftspolitik gewählt werden. Er denkt die künftigen Zollgesetze und Handelsver­träge mit Hilfe der Sozialdemokraten zu machen. t u .

Das „erwerbstätige Bürgertum", das sich durch eine solche Agitation verblenden läßt, wird seiner­zeit froh sein, wenn die Regierung und die posi­tiven Parteien wieder gut machen, was der blinde Haß und verstiegene Eigensinn verdorben haben.

Die Macht bes Gewissem.

44] Roman von Erich Friesen.

Eines Nachmittags — Virginia ist gerade damit beschäftigt, die fertigen Gegenstände ihrer Ausstattung dutzendweise fein zierlich mit rosa S-idenband zu um- binbeit — haft ein Wagen vor der Türe. Gleich darauf liegt Ruth in den Armen der Freundin.

Du wirst zwar bald alles haben, was du dir wünschest!", ruft sie lebhaft, unter dem weiten Man­tel ein rotes Lederetui hervorziehend, „aber em klei­ne» Hochzeitsgeschenk nimmst du doch vonmir an nicht wahr, Virginia? Wer weiß, ob ich be, bemer Vermählung werde anwesend sein können!

Ein halb glückliches, halb schmerzliches Lächeln huscht bei diesen Worten über ihre Züge. Virginia bemerkt es nicht. Ihre Aufmerksamkeit ist auf das ®tui gerichtet .welches sie jetzt behussam öffnet. Ein leiser Schrei der Ueberraschung entschlüpft ihren Lip­pen.

Auf purpurnem Sammet strahlt und blitzt und funkelt e» daß sie unwillkürlich geblendet die Augen schließt.

„Nun, Virginia? Gefällt dir der Brillantstem?"

„Wie schön! Wie schön! Niemals sah ich herr­lichere Diamanten. Aber wie kannst du dir eine solche Ausgabe machen —"

„Nicht doch, Virginia! Die Diamanten gehörten Kante Ursula. Ich ließ sie nur neu fassen."

Im Nu erstirbt die Fröhlichkeit in Virginia» Ant- ütz.

„Sie bilden also einen Teil des Palmerschen Fa- Mienschmucks?" fragt sie sichtlich verstimmt.

' .Ja.'

„Hast du ein Recht, dieselben fortzugeben?'

„Natürlich. Ich als Erbin

Sie stockt. Virginias Augen blicken sie gar so seltsam an. Zuerst versucht sie. dem forschenden Wick standzuhalten, trotzdem sie fühlt, wie ihr da»

trachten?

Die sogen. Stichwahlparole der Konservativen ist In der linksliberalen Kresse ganz bösartig ver­dreht worden. Herr Rießer bekundet seine Gei­stesverwandtschaft mit diesen Großblockpolitikern auch birin, daß er die unehrliche Verdrehung in sein agi­tatorisches Repertoire aufnimmt. Jeder ehrliche Be­obachter der Zeitgeschichte mutz zugestehen, datz die konservative Partei seit dem Krach von 1909 sich fort­gesetzt bemüht hat, den gemäßigten Liberalismus wie­der zur positiven Mitarbeit heranzuziehen, was neben­bei bemefft auch des Zentrums Wunsch und Bestreben war. Ebenso steht zweifellos fest, daß gerade die Konservativen mit besonderem Eifer die andere Seite der Sammlungspolitik, die gemeinsame Abwehr der Umsturzpartei, betont haben. Auch heute noch ist hie Mitwirkung sowohl der Konservativen als des Zentiums zu einer antisozialdemokratischen Wahlab- machnng zu haben, sobald nur volle und treue Geaenseitigkeit gesichert ist. Diese Samm­lung'der staatsechaltenden Kräfte ist gescheitert an der Großblocktaktik der Jungliberalen und Fortschrittler von Baflermann bis Naumann. Wenn nun angesichts der sonderbaren Spekulation die­ser Leute, die selbst d'e Roten gegen die „Blauschwar- zen" unterstützen wollen, aber für ihr« eigenen Kandi­daten Stichwahlhflfe gegen die Roten von denselben „Blauschwarzen* beanspmchen, die „Konservative Korrespondenz" klar aussvricht: daß em Bundesge­nosse der Sozialdemokratie nicht besser fei. als der Sozialdemokrat selbst, so ist es doch eine wahre Ver­gewaltigung der Wahrheit und Gerechtigkeit, wenn man darin eine Unterstützung der Sozialdemokratie finden will! _ . r

Wo die wirklichen Unterstutzer der Sozial­demokratie sitzen, ist aus den Rießer'schen Reden leicht zu erkennen Herr Rießer wird doch die Stimmung in seiner Gefolgschaft wohl fernten; aus dieser Kennt­nis heraus sagte er in Dortmund wörtlich:

„Man kann sich nicht uufSgIid)er bUmieren, als wenn man bei Stichwahlen, z. B. zwischen Sozial« deinokraten und Ueberagrartern, vorschreibt: Ihr müßt den letzteren wählen! Die Antwort wäre em schal-