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Zeitung

uldaer

Fulda, Mittwoch den 12. Juli 1911

38. Jahrgang.

Erstes Blatt

JV» 156.

Monatrbellage: „8uldaer Geschichtzblatter"

»«r-t-««: v»e dn. spattige Petit jeile »der deren Hm <5 pfg. Befiamen bte petit jeile Pfg., bet Nieder- yolungenwlrd entspr. Rabatt gewährt.

ÄetattonsbrudeB» Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

,5*5. wochenb-i,age: .Illustrierte Sonirtagsjeitung

»rschetnl rÄgliq mit Ausnahme de, $o.m= nnd Feiertage, viertel- jShrlicherverRgrpreis ahne vringertohn und vepeLgeld in Fulda sd- wie atutöärts 1-50 int

verantw. Redakteur! «arl Schütte;

Lk Die Marokko-Berhandlnngen.

8iach ein«» Berliner offiziösen Telegramm der Köln. Zeitung' sind von deutscher Seite nach Ver­lauf der Unterhandlungen der Herren Kiderlen und Cambon weitere Mitteilungen als die be- kante kurze amtliche Note über den Gang der Unterhaltung nicht beabsichtigt Dieselbe Absicht scheine auch in Paris vorzuherrschen, so daß die Angaben Pariser Blätter über die erfolgte Ein­leitung der Verhandlungen danach zu beurteilen sind. Diese Nachricht wird durch eine Meldung aus Paris bestätigt, wonach der französische Minister des Aeußeren de Selves jede Mitteilung über die französisch-deutschen Vorverhandlungen ablehnt.

Sehr vernünftig! Die Erfahrung lehrt sowohl für das Privatleben als für das öffentliche, daß die Beilegung von Meinungsverschiedenheiten oder In- teressengegensätzen um so besser gedeiht, je weniger Ohren und Zungen, Augen und Federn an der Erörterung beteiligt sind.

Im vorliegenden Falle kommt besonders in Be­tracht, daß es in Europa eine Anzahl von einfluß­reichen Ränkeschmieden gibt, die gar zu gern ihre störenden Finger in die Verhandlung stecken möchten. Je schlechter sie informiert sind, desto eher darf man hoffen, daß sie den geeigneten „psycholo- gischen Moment" zum Einsetzen ihrer Hetzkünste ver- pgsscn werden.

Anderseits darf man freilich nicht erwarten, daß infolge des verkündeten Amtsgeheimnisses nun alle Kannegießereien undQuertreibereien aufhören würden. Ein großer Teil der Preffe läßt sich auch durch die »mtliche Sperre der Information nicht in den Ruhe­stand versetzen. Wir sehen das schon jetzt an mehreren französischen Blättern und an einem großen englischen Blatte. Die St immun gsmache gegen Deutschland und zugunsten Frankreichs wird dort flott fortgesetzt. Wenn man keine Melvungen aus Berlin bekommen kann, so läßt man die tendenziösesten .Nachrichten" aus allen möglichen anderen Haupt­städten abdrrtcken. Augenblicklich geht das deutsch­feindliche Preßkomplott darauf hinaus, die ganze Welt (abgesehen von Deutschlarid) als solidarisch mit Frankreich hinzustellen. Sogar die Ver­einigten Staaten von Nordamerika werden mobil gemacht. Die dortigen Staatsmänner sollen erklärt haben, daß sie in einer deutschen Flotten- station Agadir eine Bedrohung des Panama­kanals erblickten. Dieser Unsinn ist nebenbei eine unwillkürliche Huldigung für Deutschlands Seemacht; als die Franzosen sich in Casablancc festsetzlen, hat niemand ihnen eine solche Fern­wirkung über den Atlantik hin zuzutrauen geivagt.

Das englische Weltblatt ,Times' bezieht seine deutschfeindliche Weisheit aus Petersburg. Na- türlich läßt das Blatt die russische Regierung unbe­dingt und unbesehen alle Absichten Frankreichs billigen, wie sie auch aussallen mögen. Dann folgt der wunderliche Schluß:

.Der allgemeine Eindruck in diplomatischen Kreisen sei der, daß Deutschland sich jetzt Faktoren gegenüber- sehe, die es anfänglich nicht richtig ein geschätzt habe, nämlich die feste Haltung Englands und die Unterstützung Frankreichs durch Rußland."

Ach, du lieber Himmel, was für urteilslose Leser must doch dieses „Weltblatt" haben. Die deutsche Dip'omatik müßte ja noch in Kinderhöschen stecken, wenn sie nicht gewußt und berechnet hätte, daß eine lran ösisckz-englische Entente und ein sranzösisch- nt’i'i ches Bündnis bestehen. Vielleicht weiß Herr 9. Ktderlen-Wächter auch noch, daß diese Freund- fcha'ten bereits zur Zeit der bosnischen Krisis be­standen und doch nicht die friedliche Erledigung der Streitfrage im Sinne Oesterreichs und Deutschlands verh udert haben! —

Wir müssen uns darauf gefaßt machen, daß die Verhandlungen trotz der amtlichen Vorsichtsmaß reg'!« nicht ohne ärgerliehe Zwischenfälle abgehen

werden. Hoffentlich bewahrt das deutsche Publikum die Ruhe und das Vertrauen auf seine Diplomatie.

♦

** Paris, 11. Juli 1911. In der Deputier- tenkammer erklärte der Minister des Aeußern de S ö l v e s bezüglich der Agadir-Angelegen­heit: Man hat von mir Auskünfte verlangt über die Vorgänge, die mit der Entsendung eines deuffchen Kriegsschiffes nach Agadir in Zusammenhang stehen. Ich kenne die Weisheit und den Patriotismus, der die Kammer beseelt, und an diese Eigenschaften appel­liere ich in dieser Stunde. Verhandlungen haben begonnen, eine Besprechung ist im Gange, und ich bitte darum, zu gestatten, daß diese Besprechung in Ruhe und in der hohen und würdigen Form vor sich gehe, die Großmächten, die sich miteinander unterhal­ten, geziemen. (Lebhafter Beifall auf allen Bänken mit Msnahme der äußersten Linken.) Wenn die Stunde gekommen sein wird, werden wir, seien Sie überzeugt, nicht zögern, vor Ihnen zu erscheinen und Ihnen zu sagen, was wir getan haben. Für diesen Augenblick bitte ich Sie um die Erlaubnis, die Tri­büne verlaffen zu dürfen und uns Vertrauen zu schen­ken. Die im Gange befindliche Besprechung wird mit einer beharrlichen und der unerschütterlichsten Sorge für das geführt, was die Jntereffen und die Würde des Landes erfordern (Anhaltender Beifall auf all>m Bänken, ausgenommen auf der äußersten Linken), und auch mit der Sorge dafür, mit der Mach t, mit der wir unterhandeln, die Veziehuit- gen des guten Einvernehmens und vollkom­mener Loyalität aufrecht zu erhalten. (Langan­haltender Beifall auf den gleichen Bänken.) I a u r tz s verlangte, daß die Debatte morgen beginne, die Würde Frankreichs sei in keiner Weise in Gefahr, de Selves verlangte Vertagung auf unbestimmte Zeit, die auch mit 476 gegen 77 Stimmen angenommen wurde.

venisches Reich.

** Berlin, 11. Juki 1911. Der Kaiser hörte am Montag auf der Fahrt von Bergen nach Bahol- men die Vorträge der Vertreter des Auswärtigen Amts und der Chefs des Militär- und des Marine­kabinetts. — Der preußische Landwirtschaftsmini­ster Frhr. v. S ch o r l e m e r ist nach Hannover und der Rheinprovinz abgereift. — Tie Gesellschaft deutscher Arbeiter, die z. Z. in England weilt, besuchte gestern das Geburtshaus Shakespea­res in Stratford. — Die Heranziehung der Spa r- kassengelder für den Reichs- und Staatsbe­darf, die 1906 vom preußischen Landtag abgelehnt wurde, soll im kommenden Winter seitens der Re­gierung mft einer neuen Vorlage versucht werden.

)( Das Fortbildungsschulgefetz, das im preußischen Landtage wegen des Widerspruchs der Regierung gegen den nur halbstündigen Religionsunterricht wöchentlich nicht verabschiedet werden konnte, soll, so läßt die Regierung offi­ziös verkünden, dem Landtage in der nächsten Session nicht wieder vorgelegt werden.

X Heber einen gemeinsamen Buß- und Bet­tag im ganzen Reiche schweben augenblicklich zwischen den Einzelstaaten aussichtsvolle Ver­handlungen. — Zur Festlegung des Oster- festes wird berichtet, daß die Regierung eine internationale Regelung für das richtige hält.

4- Uebcr eine angebliche „Zentrumsblamage" weiß die sozialdemokratische Presse zu berichten. Sie soll darin bestehen, daß in einer Versammlung der christlich-nationalen Arbeiter in Nürnberg, in welcher der Abg. Giesbert s sür die Reichsver- sicherungsordnung sprach, eine Resolution ange­nommen wurde, in welcher der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion die Anerkennung für die Ableh­nung der Reichsversicherungsordnnng ausgesprochen, die Haltung aber der christlichen Arbeiterabgeord-

neten und des Zentrums in der üblichen Weise als Verrat bezeichnet wird. In dem Bericht heißt es u. a.: „Giesberts fühlte sich an den Pranger gestellt, er stammelte verlegen ein Sprüchlein herunter und trat stark blamiert ab." Der Bericht ist ein Kabinettsstück sozialistischer Verdrehungskunst. Daß ausgerechnet Herr Giesberts, der zu den ge­wandtesten und erfolgreichsten Volksrednern gehört, ein „Sprüchlein gestammelt" haben soll, glaubt auch der bornierteste Sozialdemokrat nicht, welcher den Abg. Giesberts kennt und ihn schon einmal reden gehört hat. lieber den Verlauf der Versammlung wird uns aus Süddeutschland folgendes mitgeteilt:

Die christlich-nationalen Arbeiter Nürnbergs hatten zu einer öffentlichen Versammlung eingeladen, in wel­cher die Reichsversicherungsordnung behandelt werden sollte. Die Sozialdemokraten, die bekanntlich in Nürn­berg in erdrückender Mehrheit sind, hatten zu biejer Versammlung etwa 800 Mann aus den Schuckertwerken kommandiert, die lange vor Beginn der Versammlung die besten Plätze des Saales besetzt hielten. In der überfüllten Versammlung hielten sich die beiden Rich­tungen an Stärke wohl die Wage. Mit den Führern der Sozialdemokraten, dem bayerischen Abg. Simon und Dr. Süßheimer, wurde vereinbart, daß eine halb­stündige Redezeit in der Diskussion gegeben wurde. Davon machten drei Sozialdemokraten Gebrauch. Die christlicken Arbeiter verzichteten ihrerseits darauf, Dis­kussionsredner zu stellen, nachdem Herr Simon fein Wort gegeben hatte, daß man das Schlußwort des Referenten ruhig anhören wolle. Die sachliche Kritik, die Abg. Giesberts an dem Verhalten der sozialdemo­kratischen Partei bei der Verabschiedung der Reichs- versicherungsordnung übte, fand sogar teilweisen Bei­fall bei den Sozialdemokraten, ganz besonders die Schilderung des Widerspruchs in" dem Verhalten der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion und der Taktik, welche sonst von den Gewerkschaften geübt wird: das Erreichbare unter allen Umständen zu sichern. In dem Schlußwort führte er u. a. aus: Die drei Diskussions­redner, insbesondere Herr Simon, haben über alles mög­liche geredet, Finanzreform, Erbschaftssteuer, Zivilliste, preußisches Wahlrecht, Getreidezölle, schwarz - blauen Block usw., nur über den Gegenstand, der zur Debatte steht, haben sie herzlich wenig zu sagen gewußt. Wenn Herr Simon diese feine Schwäche zu decken suchte durch persönliche Angriffe, so lönnte man das bei irgendeinem Dutzendagitator übersehen, für einen Parlamentarier ist ein solches Verhalten ein Beweis für die Unfähigkeit, ächlich zu polemisieren, und für die totale Unkenntnis der behandelten Sache. Weitere Ausführungen konnte Herr Giesberts nicht mehr machen. Der tobende M o b brüllte ihn nieder. Trotzdem die sozialdemokra­tischen Führer ihr Wort dafür gegeben hatten, daß man das Schlußwort ruhig anhören werde, machten sie auch nicht den allergeringsten Versuch,^ sür ein ruhiges Verhalten ihrer Genoffen zu folgen. Es ist eine unwahre Unterstellung, wenn in dem sozialistischem Bericht behauptet wird, die von den Sozialdemokraten eingebrachte Resolution fei angenommen wurden. Bei der Abstimmung hielten sich beide Parteien die Wage, soweit überhaupt bei dem Tumult, den die Genossen machten, ein Resultat erkennbar war. Wenn die Sozialdemokraten in der Nürnberger Versammlung durch die Gewalt ihrer Stimmittel den Referenten niedergebrüllt haben, so ist das nicht eine Blamage der Zentrumspartei, — die übrigens mit der Veranstaltung der Versammlung überhaupt nichts zu tun hat — sondern eine Blamage der Urheber des Tumultes und das um so mehr, als die Genossen sich damit in Widerspruch zu dem von ihnen ge­gebenen Wort gesetzt haben.

** Die Urteilsbegründung in Sachen Jatho ist nunmehr ausgefertigt. Sie stützt sich u. a. auf folgende Feststellungen:

1. In Bezuz auf das Grundverhältnis von Gatt und Welt lehrt Pfarrer Jathv, Gott ist die uran- fängliche Kraft, von der wir nicht wiffen, ob sie ursprüng­lich blind und erst in ihrer Verfeinerung zur Geistes­kraft im Menschen sehend geworden ist, oder ob sie als ewige Vernunft und Weisheit die erste Bewegung im All hervorrief. Solche Leh > Verkündigung des Pfarrers Jatho stehe mit der christlichen Gotteserkennlnis im Widerspruch. 2. In Bezug auf Jathos Lehre über Schuld und Sühne: Eine in der Geschichte geschehene Erlösung wird ausdrücklich zurückgewiefen. Da­gegen wird „Selbsterlöfung" gelehrt. Eine solche Lehr-

Verkündigung läßt für das Verständnis des Christen- tums als Erlösungsreligion keinen Raum. 3 Heber Jathos Lehre hinsichtlich des geschichtlichen Jesus. Der „lebendige Christus" des Pfarrers Jatho ist nicht Der auserstandene Herr und Heiland der christlichen Kirche. 4. Stellt das Urteil fest, daß Jatho die persönliche Fortdauer des Einzelnen nach dem Tode leugnet und hiernach außer stände fei, am Grabe den Trost der christlichen Hoffnung eines ewigen Lebens fpenden zu können. Seine Religion sei ausschließlich Diesseits- Religion. Die in Jathos Lehroerkündigung festgestellte Verneinung der grundlegenden christlichen Glaubens­wahrheiten, die bewußte Auflösung deS geschichtlichen Christentums dürften nicht fernerhin getragen werden.

— Zum Zwist im Hairsabmid kommt eine be­deutungsvolle Nachricht aus den Rheinlanden: In Saarbrücken hat die Handelskanlmer be­schlossen, aus dem Hansabund auszutreten. In Düsseldorf ist die Gründung eines rheinischen Pro- vinzialverbandes des Hansabnndes erfolgt, der die durch die zahlreichen Austritte entstandenen Lücken durch eifriges Werben neuer Mitglieder ausfüllen soll.

+ Bafftrmann schon wieder obdachlos. Prinz Schönaich-Carolath wird, wir wir bereits gemeldet haben, nicht mehr zum Reichstag kandidieren. Ueber die Gründe, die ihn zu diesem Entschluß ver­anlaßt haben, verlautet nichts. Da er in einem Schreiben an die Parteileitung seine Absicht kundge­geben hat, sich zu einer späteren Frist der Partei wieder zur Verfügung zu stellen, so scheinen nur Gründe vorübergehender Art ihn zu dem Schritte be­stimmt zu haben. Die „Kreuzzeitung", welche hervor­hebt, daß der Prinz sich aus einem Konservattven zu einem Linksnationalliberalen gemausert habe, fragt ironisch, ob der Prinz vielleicht befürchte, noch weiter nach links gezogen zu werden. Schönaich hat den jungliberalen Führer Dr. Weber zu seinem Nachfolger empfohlen. Die „Kreuzztg." kündigt an, daß diese Kandidatur zu einem äußerst heftigen und für die Nattonalliberalen sehr fragwürdigen Wahl­kampfe führen werde. Es scheint indeffen nicht zu die­ser Kandidatur zu kommen, denn der „Natlib.. Corr." zufolge ist auch Herr Dr. Weber entschlossen, bei den kommenden Reichstaaswahlen nicht mehr zu kandidie­ren. Mit Rücksicht auf die, wie man in der liberalen Presse schämig sagt, beträchtliche Veränderung der Verhältnisse im Saarrevier, d. h. Abfall deS Saarreviers vom Hansabunde, der inzwischen durch den Austritt einer bärtigen Handelskammer eine Erweiterung erfahren hat, hält man es in der liberalen Presse nicht mehr für zweckmäßig, daß B a s- f er mann in Saarbrücken kandidiere. Es ist ein merkwürdiges Geschick, von welchem der Führer "ber Nationalliberalen getroffen ist. Bei jeder Wahl muß er im Reiche herumpilgern, um eine Kandidatur zu finden. Jetzt wird chm vom „Hannoverschen Ku­rier" der Vorschlag gemacht, feinen Fuß in den Wahl­kreis Guben-Lübben zu setzen, um Nachfolger des Prinzen Schönaich zu werden. Sarkastisch be­merkt hierzu die „Kreuzztg.":

,,H?rr Bassermann ist ja zu bedauern, daß er anscheinend wieder genötigt ist, feinen Stab weiter zu setzen. Ob aber gerade der bisherige Wahlkreis des roten Prinzen für ihn ein aussichtsreiches Feld des Wettbewerbes fein würde, möchten wir stark bezweifeln."

)( Tie Presse, die sich sonst bei unseren Regie­rungen gar nicht der Anerkennung ihrer Macht er- treuen darf, findet dafür in Elsaß-Lolhringen umso aufmerk amere Beachtung. So gibt jetzt die »Straß­burger Korrespondenz^ bekannt, daß auf Grund des Gesetzes über die Presse von Elsaß-Lothringen vom 8. August 1898 die Verbreitung der in Paris er« scheinenden Zeitung ,La Croix^ in Elsaß-Loth- ringen verboten worden ist. — Diese Maßregel soll auf einen Leitartikel der Freitagsnummer deS genannten Blattes zurückzuführen fein, in welchem vieles Organ des konservativsten Flügels der fran­zösischen Katholiken sich ziemlich ungeschickt und un­überlegt mit den reichsländischen Verhältnissen befaßt.

ns Köln, 11. Juli 1911. Auf dem Kongreß des Gewerkvereins chrfftlicher Bergarbeiter betonte ber

Die Macht 6es Gewissens.

42] Roman von Erich Friesen.

Virginia lehnt sich an die Hecke. Ihr ist so eigen ums Herz. Die Unterredung mit Josua Fick hat fte mächtig angegriffen, sodaß sie Lord Donalds Nähe doppelt angenehm empfindet.

Die Freude darüber spiegelt sich in ihren Zügen wieder — zur großen Genugtuung Gilberts, dessen Mut dadurch wächst.

„Schadet nichts!" ruft er übermütig. „Ich bin da und Sie auch. Jetzt müssen Sie mich anhören."

Das lebhafte Rot auf Virginias Wangen macht tie­fer Bläffe Platz.

„Wollen wir nicht zum Abendessen zurück sein?" sucht sie abzulenken. „Es ist schon spät."

„Abendessen oder nicht Abendessen," lacht Gilbert, »ich muß mit Ihnen sprechm."

Noch einmal versucht Virginia schüchtern, Ein­spruch zu erheben. Vergebens. Schon nach fünf Mi­nuten spazieren beide im nahen Fichtenwäldchen um­her.

Was hat Virginia bewogen, Gilbert zu folgen? Was geht überhaupt in ihrem Innern vor? Hat der ttefe, warme Blick seiner offenen, blauen Augen ihre Widerspenstigkeit bezwungen? Mehrere Male wollte sie umkrhren, aber jener Blick hielt sie stets wieder zurück.

Plötzlich bleibt Gilbert stehen.

-Sie find sehr bleich," beginnt er innig. „Ist es Ihnen nicht wohl?"

„O, doch!"

„Rein. Sie arbeiten gewiß zu viel."

„Vielleicht. Wenn ich jetzt bleich aussche — ich begegnete soeben einem Menschen, der mich in Schre­cken versetzte."

„Wer hat es gewagt, Sie zu erschrecken?" fragt tt erregt.

„Ach, es macht weiter nichts. Ein Bursche na­mens Josua Fick. Er wollte mich durchaus begleiten

und schwatzte viel dummes Zeug. Ich war ihn gerade glücklich los, als Sie kamen."

Gilberts Augen blickten drohend. Befangen senkt Virginia die Lider.

„Mr müssen jetzt nach Hanse, Lord Donald; Ruth und ihr Gatte ermatten uns."

„Mögen sie warten! Die beiden sind glücklich — sehr glücklick und werden uns kaum vermissen . . . Nein, Virginia — ich darf Sie doch so nennen, ja" — er faßt ihre Hand — „bevor wir nach dec Wald­burg zurückkehren, müssen Sie mich anhören. Wollen Sie?"

„Wenn ich muß?"

Etwas von dem früheren Schalk blitzt in ihren braunen Augen auf. Er hält noch immer ihre Hand fest.

„Virginia, wollen Sie mein Weib tverden?" Virginia wendet den Kopf zur Seite.

„Ich — ich sagte Ihnen schon einmal —"

„Was Sie früher fügten, kümmert mich nicht," fällt er lebhaft ein. „Ich will wiffen, was Sie jetzt sagen. Sehen Sie mich an, Virginia! Sie können nicht so grausam sein, mir ins Gesicht zu sagen, daß Sie mich nicht leiden mögen. Lassen Sie jenen dum­men Streich vergessen sein! Ich habe um Verzeihung gebeten; mehr kann ich nicht tun. Ich liebe Sie, Virginia, liebe Sie von ganzem Herzen. Wenn wir einander Heben, weshalb wollen wir nicht glücklich werden — so glücklich, wie die beiden dort oben in der Waldburg?"

Virginia lächelt ihr entzückendes Grübchenlächeln.

„Ich habe Ihnen ja noch gar nicht gesagt, daß ich Sie liebe —"

„So sage es jetzt, Bitginia!"

Et legt den Arm um ihre Taille und zieht die nur schwach Widerstrebende sanft zu sich heran.

„Run?" x

„Ich bin arm, ich —"

„Nur ja oder nein, Birginia. Ich frage zum letzten Mal. Ich liebe dich. Liebst du mich?"

„Ich — ja — ich glaube —"

„Und willst mein Weib werden?"

„Ja — ja —"

„Virginia! Einzig geliebtes Mädchen!"

Rasch beugt er sich nieder. Ihre Lippen finden sich im ersten Kuß.

29. Kapitel.

Gilben und Virginia kehren erst spät abends zu­rück. Herr und Frau Skott machen nicht die geringste Bemerkung über das lange Ausbleiben der beiden. Ruth hat im kleinen Salon für sie decken lassen. Sie selbst und Annin haben schon vor einer Stunde ihr Abendessen beendet.

Mit glühenden SBangen eilt Virginia in ihr Zim­mer. Ihr Herz ist voll zum Zerspringen. Trotzdem ste heute durch das aufdringliche Geschwätz jenes Jo­sua Fick die Gewißheit erlangte, daß die Waldburg für immer für sie verloren ist, fühlt sie sich doch so reich, so reich —. Schnell wirft sie ein leichtes, weißes Kleid über Dann steigt sie langsam, besangen die Treppe hinab. Als sie am Tisch Platz nimmt, ist Gilbert schon anwesend. Vor seinem leuchtenden Blick senkt sie mit verschämtem Erröten die Lider.

Armin, der dem Freunde bis jetzt Gesellschaft ge­leistet, erhebt sich. Ein einziger Blick auf Virginia- liebliche Züge sagt ihm, wie die Sachen stehen. Be­friedigt teilt er Ruth, die sich bereits in ihr Gemach zurückgezogen, die frohe Neuigkeit mit. Dann begibt er sich ins Rauchzimmer, um hier bei einer duftenden Havanna den Freund zu erwarten.

piuths Kammerjungfer ist gerade damit beschäftigt, die langen, blonden Haarwellen ihrer Herrin zu bür­sten, als es leise, wie zaghaft an die Tür klopft.

„Sie können gehen, Mary! Ich brauche Sie heute nicht mehr."

Damit entlaßt Ruth ihre Jungfer. Dann erst öff­net sie die Tür. Sie ahnt, daß die Freundin kommt, um ihr Herzchen auszufchütten. Sie ist nicht im ge­ringsten überrascht, ate Virginia die Arme um ihren Hals legt und verschämt das Antlitz an ihrer Schulter birgt Obgleich sie ein Jahr jünger ist, als die Freun­din, kommt sie sich um bleie, viele Jahre älter vor. Mit fast mütterlicher Zärtlichkeit ftreichett ste das dunlle, gesenkte Köpfchen.

„Ruth, ich muß es dir sagen —" beginnt Vir­ginia zögernd, während liefe Röte ihr Hals und Wan­gen färbt.

„Ich weiß, mein Herz —" und wieder streichelt Ruth die langwellenden Haarmaffen. „Ich bin sehr froh darüber. Du wirst glücklich werden, denn du verdienst es."

„O nein, nein, Ruth, ich verdiene es nicht. Ich war schroff, kalt, hart gegen meine liebe Mama, die es so gut mit mir meint — und —" sie zögert.

„Noch etwas, Virginia?"

„Ja Ruch. Ich möchte ein Geständnis ablegen. Ich suhle, daß ich im Besitz von Gilberts Liebe ein neues Leben beginne. Ich muß mein Gewissen ent­lasten."

Ruth lächelt. , , „r. ..

„Was kannst du zu bekennen haben, Kleine?

Mit einer raschen Bewegung wirst Virginia die schweren Haarwellcn hintenüber. Dann kniet sie neben Ruth nieder und drückt deren Hand an ihre heiße Wange.

„Ruch, liebe Ruth, vergib mir!"

„Was soll ich dir vergeben, Virginia?"

„Ach Ruch, du weißt nicht, wie schlecht ich bin. Ich — ich dachte, du —" , ,

Ein plötzlicher Schrecken durchzuckt Ruth. Wie be­schwörend hebt sie die Hand.

„Nicht weiter, Virginia! Ich vergebe dir jiud) so. Gedanken, die nicht ausgesprochen sind —

„Aber ich möchte sie aussprechen. Es erleichtert mir das Herz. Du entsinnst dich vc- Nacht ni rod cher du im Schlaf das Testament an fernen Platz im geheimen Zimmer zurücktrugst? Es wurde dir ja da­mals erzählt!"

Ruth antwortet nicht. Mit weitgeösfneten Augen starrt sie die Freundin an.

„Als du in dein Zimmer zurückkehrtest," fährt Virginia lebhaft fort, „da riefst du in größter Ver­zweiflung: „Das Testament ist gefälscht! Ich habe meine Seele dem Teufel verkauft!"

(Fortsetzung folgt)