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38. Ja'jrqang
Fulda, Montag »en 10. Juli 1911.
154.
Deutsches Reich.
* Berlin, 9. Juli 1911. Der Kaiser machte jcflein in Bergen, während die „Hohenzollern" Kohlen einnahim einen Spaziergang an Land und erledigte dann an Bord des Begleitkreuzers lausende Arbeiten. Mittags begab er sich nach der Villa des deutschen Konsuls Mohr zum Frühstück. — Kaiser Wilhelm hat den österreichischen Manne- komniandantrn Grasen Montecuculi zur Teilnahme an der Kieler Flottenparade im September d. I. eiugeladen. — Der königlicheHos hat sür die verstorbene Königinwitwe Maria Pia von Portugal Trauer auf 3 Wochen angelegt. Desgleichen für die verwitwete Prinzessin Napoleon Bonaparte ans 14 Tage. — Ter deutsche Kronprinz hat die Willa Maund bei Hopsreben tn Voratbera, wo er bereits mehrere Male zur Jagd weilte, auf drei weitere Jahre gepachtet. Er wird am 15. Juli mit der Kronprinzessin und seinen
Ausland.
** Kaiser Fran, 3-f'Ph ist bei bestem Wohlsein in Bad Ischl eingetroffen.
*♦ Die italienische Kammer erteilte dem Ministerpräsidenten Giolitti ein Vertrauensvotum, indem sie mit erheblicher Mehrheit beschloß, in die Spezialdebatte über die Lebensversicherungsvorlage einzutreten.
** Die albanefischeu Wirren. Mehrere Botschafter in Konstantinopel haben von maßgebendsten türkischen Faktoren die feierliche Versicherung erhalten, daß die Pforte entschlossen ist, kriegerischen Verwickelungen vorzubeugen. Türkische Blätter melden, daß König Nikolaus nunmehr bereit sei, die Beschwichtigungs-Aktion des Erzbischofs von Sku'ari zu unterstützen.
*» Die „Ruhe" in Portugal. In Portugal herrscht Ruhe so bestätigt andauernd die Regierung. Dabet befanden sich aber augenblicklich 35 000 bewafsnetePor-- tugiesen an der Nord grenze und man hat begonnen, auch die S ü d g r e nz e zu besetzen. — liebet einen soeben aufgedeckten Plan königstreuer Verschwörer an der Nordgrenze wird berichtet, daß es dem Kapitän Jnceso gelungen sei, einen Teil der portugiesischen Truppen, die zur Verteidigung der Grenzlinie nach dem Norden gesandt worden waren, für die monarchistische Sache zu gewinnen. Es wurde ein Plan ausgearbeitet, nächtlicherweile die Quartiere und Verschanzungen der der Republik treu ge- bliebenm Truppen mit Dynamit in die Luft zu sprengen und bie' Soldaten in einem großen Massakre niederzumachen. Darauf wollten sich die royalistischen Streitkräfte der Festungen von Valence und Vianno- Castello bemächtigen. Der Plan wurde inbeffen burch einige Soldaten dem Kriegsminister verraten. Dar- aufhin flüchteten die in der Verschwörung verwickelten Soldaten und auch eine große Anzahl Offiziere über die Grenz- nach Spanien.
* Castro in Venezuela. Tas Gerücht, daß der aus Venezuela vertriebene Präsident Castro wieder auf
Regimenter durch die verschiedmfarbigen Kragen- und Aermelbiesen als zu gering erwiesen. Eine deutlichere KennÜichmachung erwartet man von Spiegeln" in der Grundfarbe deS bisherigen
Kragens nach Art der jetzt an der Offizierslitewka be- indlichen Spiegel. Die Notwendigkeit der Erprobungsversuche wird damit motiviert, daß die Franzosen jetzt eine der unserigen fast völlig gleiche Feld- uniform eingeführt haben. Als sicher dürfe schon beute angenommen werden ,daß die leuchtenden und blitzenden Gegenstände an der Offiziersuniform, die Feldbinden, Adjutantenschärpen, silbernen und goldenen Schuppenketten, die breiten Ordensschnallen, die blanken Trompeten, Signalhömer und Trommelbeschläge, die weiße Trommelfelle und Kniefelle der Tamboure im Verlaufe der Potsdamer Versuche fallen würden. —
----- Die Wahrheit über die Tabaksteuer. Noch immer will der Streit über die Wirkungen der Tabaksteuer nicht zur Ruhe kommen. So wird eben 'wieder von inrerepieilel Seite ein Artikel zum J - druck an die Presie versandt, weichet' sich "Mess 5er= schieden- offiziöse und auch sonstige Darstellungen über die gegenwärtige Lage im Tabakgewerbe und über die Wirkungen der Tabaksteuer richtet. Der Artikel wendet sich zunächst gegen die amtlichen Darstellungen bezüglich der Erträge und des finanziellen Erfolges der neuen Tabakbesteuerung. Es ist aber an der Tatsache nicht zu rütteln, daß, obwohl die inländische Tabaksteuer um 700 000 Mark hinter dem Voranschläge zurückgeblieben ist, obwohl auch bie Zigarettensteuer um 4,4 Millionen hinter dem Voranschläge zurückstand, so doch das Gesamtergebnis aus der Tabaffteuer größer als der Voranschlag ist. An sich könnte es nun überhaupt der Tabakinbustrie sehr gleichgiltig sein, ob tatsächlich bas finanzielle Ergebnis bett Erwartungen entspricht oder nicht. Weit wichtiger ist die Frage: Ist ein dauernder Konsum- rückgang auch heute noch zu bemerken? Diese Frage wird amtlicherseits verneint. Der hier angezogene Artikel von intereffierter Seite rechnet allerdings aus, daß eine Minderverarbeitung von Rohtabak in bet Höhe von 49 000 bezw. 93 000 Doppelzentner zu verzeichnen sei. Demgegenüber ist zu bemerken: Wenn man untersuchen will, ob das Tabakgewerbe wieder normal beschäftigt ist, also in einer Weise beschäftigt ist, wie im Durchschnitt der Jahre 1904 bis 1907, so ist es vollkommen unangebracht, das ganze Jahr 1910 zum Vergleich heranzuziehcn. Es hat noch kein Mensch behauptet, daß vom Januar 1810 ab die Lage des Tabakgewerbes wieder normal gewesen sei. In den offiziösen und sonstigen Artikeln kommt stets zum Ausdrucke, daß seit dem letzten Vierteljahre 1910, also seit Oktober 1910, wieder ziemlich normale Verhältnisse eingetreten seien. Die vorausgehenden neun Monate des genannten Jahres standen noch ganz unter der Wirkung der gewaltigen Voreinfuhr von 1909 und 1908. Vom Juli 1908 bis Juli 1909 wurden rund 200 000 Doppelzentner mehr eingeführt, als in dem normalen Jahre. Es wäre nun, wenn der Konsum sich gleich geblieben wäre, ganz selbstverständlich, daß das darauffolgende Jahr ober die folgenden anderthalb Jahre einen Rückgang der Normaleinfuhr von 200 000 Doppelzentner gezeitigt hätten. Das ist jedoch nicht eingetreten. Es betrug vielmehr die Einfuhr von September 1909 bis September 1910 548 446 Doppelzentner, was gegenüber dem Durchschnitt der gleichen Zeit des voraus- gegangenen Jahres eine Minbereinfuhr von 112 000 bis 120 000 Doppelzentner ausmacht Das zeigt, daß trotz der Steuer der Konsum zu genommen hat. Seit September 1910 ist nun die Einfuhr ausländischen Rohtabaks bedeutend gestiegen. Als Normalzufuhr werden 55 000 bis 56 000 Doppelzentner angegeben. Nun aber betrug die Zufuhr September 1910 56 800, Oktober 1910 57 363, November 1910 61181, Dezember 1910 62 075 Doppelzentner. Auch in den ersten Monaten von 1911 hielt diese gestiegene Zufuhr an. Im Februar betrug sie sogar 65 000
und im März 61000 Doppelzentner. Alles in allem kann man sagen, daß im Durchschnitt sowohl der finanzielle Effeft der neuen Tabakbesteuerung ein guter gewesen ist, als auch die Konsumtion sich sehr rasch den neuen Verhältnissen anbequemt hat.
** Der Marokkohandel.
Der französische Botschafter Cambon ist Samstag nachmittag in Berlin eingetroffen. In Berliner diplomatischen Kreisen sieht man dem Beginn der Verhandlungen mit lebhaftestem Interesse entgegen.
Unterdessen ist der angekündigte Schiffswechsel vor Agadir vor sich gegangen. Der Kreuzer .Berlin" ist in Agadir eingetroffen. Das Kanonenboot „Panther" hat darauf sofort die Anker gelichtet und ist Samstag nachmittag bereits in Teneriffa angekommen.
Der russische Botschafter in Berlin erkundigte sich am Samstag im Auswärtigen Amt in sreund- schastlicher Weise über die Ansichten der deutschen Regierung über die Marolkosrage.
Im spanischen Ministerrat bezeichnete Minister- vräsident Canalejas aufs neue nachdrücklich jene (SerücKie unrichtig, daß Spanien mit Er o b erring s ab n.« umgehe. Spamens Vorgehen beschränke sich lediglich aüp- Maßnahmen in Larrasch und Elksar. — Oberst Sylvestre dagegen ist, wie den Blättern aus Elksar gemeldet wird, dem ihm vor zehn Tagen erteilten Auftrage nach Tanger und dann nach Madrid zurückzukehren, um dort Aufklärung über seine Handlungsweise, insbesondere über seine Unternehmungen in Eltsar und Larrasch zu geben, nicht nachgekommen. Er hat die Operationen fortgesetzt und soll erklärt haben, daß die Militärpartei in Madrid gegenwärtig einen großen Einfluß besitze, und er sicher sei, auf deren Unterstützung gegen die Entscheidung der Regierung rechnen zu können.
[® Der J-»r-sabschl«tz der Reichs- ‘ haupttaffe iur 1910
Effi jetzt vom „Reichsanzeiger" halbamtlich veröffent- Glicht worden, nachdem bereits am 21. ^juni die »No k deutsche Allg. Ztg." die Hmrptzrffern bekannt gegeben t bat Es wirb bestätigt, daß sich ein Ueberschuß stz o n 117 709000 Mark ergeben hat.
? Der Endabschluß bestätigt völlig die Erwartungen, bie man an das Jahr 1910 geknüpft hatte. Der setzt iick aur Hälfte zusammen aus ben Mehreinnahmen an R6üen Steuern und Gebühren einerseits und einem Mehrertrag bei bet Post- und Eismbchnverwaltung sowie aus Ersparnissen andererseits ^e Mehrein- nabmen an Zöllen usw. belaufen sich auf 57% Millionen Mark, der Ueberschuß bei den beiben genannte« werbenden Ressorts auf 3^ Millwnen bei der Marine auf fast 1 Million Mark. Beachtenswert ist fei? ner bie Verstärkung bet ordentlichen Betriebsmittel M W d-m Oft Men 18
Mark dem Betriebsfonds zugefuhrt werden. Dieser Vetrao ist um 9U Millionen überschritten worden, ! sodaß die Steigerung des Betriebsfonds bie erfreuliche Höhe von 271/2 Millionen aufweist.
Nach ben gesetzlichen Bestimmungen muß bet ganze Ueberschuß von 117,7 Millionen zur Deckung ches Fehlbetraaes von 1909 verwandt werben. Dieser betrug 122,9 Millionen Mark. Es bleibt somit noch ein Betrag von 5,2 Millionen aus 1909 zu decken. Nun hat ober der laufende Etat zur Deckung jenes Gesamtfehlbetrags 39,7 Millionen Mark eingesetzt. 'Statt dieser werben also nur noch 5,2 Millionen erforderlich fein, sodaß der günstige Abschluß Yon 1910 für das Rechnungsjahr 1911 eine Entlastung von 'nicht weniger als 34,5 Millionen Mark bedeutet. Nach dem ursprünglichen Plane sollte das Defizit aus 11909 spätestens 1912 gedeckt werben. In Wirklichkeit ist also fast zwei Jahre früher bieses Ziel erreicht worden. Diese eine Tatsache genügt schon, wie die .'„Deutsche Tagesztg." zutreffend hervorhebt, zu dem vollgültigen Beweise, daß die Reichsfinanzreform von 1909 sogar über die damals gehegten Erwartungen hinaus unsere R e i ch s sina n z en zur Gesundung geb rächt hat.
Die liberale Presse ist angesichts dieses Ergebnisses etwas kleinlaut geworben. Das „Berl. Tagebl." kann nicht an bem Geständnis vorbeikommen, daß „im allgemeinen das Reichsschatzamt etwas energischer als in früheren Jahren den Daumen auf den Reichssäckel gehalten zu haben scheine. Die Mehreinnahme ignoriert das Blatt, sucht sie vielmehr lediglich auf die „ansteigende Konjunktur" zurückzuführen. Solche guten Konjunkturen hatten wir auch ftüher und loch war nicht nur der Staatssäckel immer leer, sondern hatte dazu noch große Mankos. Der „Vorwärts" ist angesichts dieser Veröffentlichung ftumm geworden wie ein toter Fisch im Wasser.
Söhnen zu längerem Aufenthalt dort eintreffen. — Die Einführung von Feu erwehr kur s en an ben technischen Hochschulen ist von der preußischen Regierung beabsichtigt. Die Kurse sollen 6 Monate dauern. Ihr Zweck ist die Ausbildung absolvierter Diplomingenieure zu Feuerwehroffizleren. Die Kurse kommen für diejenigen Diplomingemeure in Be- tracht, die die Eigenschaft als Reserveoffizier bezw. die Qualifikation dazu habm. — Die Errichtung einer LandeSschwimmanstalt für Preußen ist Blättermeldungen zufolge geplant. Im Anschluß an die Landesturnanstalt soll dieses Institut begründet werden, damit die zur TurnanstaU ent- andtcn Personen gleichzeitig auch den Befähigungsnachweis als Schwimmlehrer erlangen können.
q. Herbstsession deS Landtages? Eine Korrespondenz behauptet zu toiffen, daß in maßgebenden Kreisen die Absicht bestehe, den Landtag bereits im Herbst einzuberufen. Gleichzeitig befaßt sich die Korrespondenz'mit bet RLchfolgrschllsL für Herrn v. Kröchet als Präsidenten des AbgeordnetM- hmses und nennt bie Herren v. Arnim-Züsedom, Frhrn. v. Erffa und Frhrn. v. Richthofen. Man wirb gut tun, diese Meldung mit Vorsicht aufzunehmen.
♦ Ter bekannte nationalliberale Abg. Prinz Schönaich Earolath, der den Beinamen der „rote Prinz" führt, hat in einer Wählerversammlung erklärt, daß er für den Reichstag nicht wieder kandidieren werde. Er steht im Alter von 39 Jahren, gehörte früher der freikonservativen Fraktion an, bis er nach einer den Ansichten der Konservativen diametral widersprechenden Rede über die Behandlung der Sozialdemokratie als „roter Prinz" in Bann getan wurde. Nachdem er eine Legislaturperiode „wild" geblieben, schloß er sich ben NationaUiberalen zuerst als Hospitant, dann als Mitglied an. Prinz Schönaich Earolath genießt persönlich bei allen Parteien ein hohes Ansehen, sodaß sein Ausscheiden nicht nur von den National- liberalen bedauert werden wird.
* Ein peinlicher Vorfall. Unter dieser Ueber- schrift bestätigt jetzt die ,Köln. Vztg/, daß der geift- liche Herr Dr. theol. P. A. Kirsch, der Mitglied ihrer Redaktion war, zum Altkatholizismus übergetreten ist und schon begonnen hat, in der altkatholischen Kirche zu Köln zu fungieren. Sie fügt hinzu, daß die kirchliche Behörde in Köln, wie die zahlreichen Mitglieder des katholischen Klerus, zu denen Dr. Kirsch Beziehungen unterhielt, von seinem Schritte ebenso vollständig überrascht worden seien, wie Verlag und Redaktion der ,Köln. Vztg.t Weiter wird mitgeteilt, daß Dr. Kirsch seit Jahres- frist Beziehungen zu einer jungen Dame unterhalten hat, die er nunmehr heiraten werde. In einer eingehenden Unterredung mit den Verlegern der ,Köln. Volksztgck im September und Oktober 1910 habe Dr. Kirsch diese Bekanntschaft als durchaus harmlos dargestellt und diese Darstellung auch aus dem Amtszimmer des Hrn. Generalvikars Dr. Kreuh- wald in Köln bei einer am 28. Januar 1911 statt- gesundenen Unterredung in der bestimmtesten Weise aufrecht erhalten. Aus der ganzen Darstellung ergibt sich, daß der Verlag und die Redaktion der .Köln. Vztg/, sowie die Dr. Kirsch befreundeten Konfratres durch fein Verhalten ebenso schwer getäuscht worden find, wie die kirchliche Behörde in Köln.
*♦ Neue Abänderungen der Feldbekleidung. Vom 1. Oktober d. I. ab finden beim Lehr-Jnfanterie-Ba- taillon in Potsdam weitere Erprobungen mit der neuen FÄdbekleiduug und mit den im Anschluß an - das Kaisermanöver 1910 in Westpreußen von der . Truppe gemachten Abänderungsvorschlägen des jetzi- . gen Uniformmusters statt. Unberührt von diesen Ver- : suchen bleibt die als vortrefflich erkannte Grundfarbe. । Dagegen hat sich in der fcldmäßigen Praxis, besonders । bei bet Versammlung größerer Truppenmassen, die i Unterscheidung der einzelnen Waffen und
Die Macht der Gewiße»;.
40j Roman von Erich Friesen.
„Ein Glück, daß bet Butsche gerade hier ist" murmelt er, sich den Schweiß von bet Stirn wischend. „Wie hätte ich sonst Fräulein Forsters unglückseligen Verdacht zerstören können! Aber so wird's gehen. — Uebetmorgen kommt auch Gilbert Donald. Vielleicht lassen sich die beiden doch noch zufommmbringen. Es Würde Ruth beruhigen. — Ach, Ruth, Ruth, mein geliebtes, teures Weib!"
Ein weicher, ganz neuer Ausdruck verklärt feine Züge. Mit geschlossenen Augen wirst er sich auf die Chaiselongue. Seine Gedanken weiten bei ihr, bei Ruth, seinem Weibe. —
Doch horch — es klopft. Armin fährt empor. Seine Züge nehmen wieder ben gewöhnlichen harten, kalten Ausbruck an. Er öffnet die Tür.
„Was ist los?" herrscht er den Dienet an.
„Frau Skott möchte Sie bei sich sehen, Herr Skott."
„Ich komme sofort."
Der Diener verschwindet.
„Eigentümlich", murmelt Armin, „ich fühle mich "wirklich schwach — zum erstenmal tn meinem Leben. Das macht der Schreck, als ich Ruth heute im Felde wie tot daliegen sah."
Er eilt in den Speisesaal, mischt am Büfett ein Mas mit Brandy und Sodawasser und stürzt es hastig hinunter. Dann erst begibt er sich in das Schlafzimmer seiner Gattin.
Ruth hütet noch das Bett. Mehrere Stundm lang lag sie wie tot mit bleichen Wangen und geschlossenen Augen da. Der Arzt brunten vom Dorf gab ihr Tropfen und machte Hauteinfpritzungm. Jetzt acht es etwas besser. Eine leichte Röte färbt bereits fljre Wangen. Mit glücklichem Lächeln empfängt sie ben Satten.
„Komm, Armin! Setz dich zu mir!"
Er läßt sich auf ben Bettrand nieder. Ruth schlingt bie Arme um seinen Hals und zieht seinen Kopf zu sich hinab. Zärtlich nimmt er ihre beiden
fieberheißen Hände in die seinen und küßt sie wiederholt.
„Morgen, spätestens übermorgen bist du wieder gesund. Liebste", flüftert er innig. „Aber du darfst nicht viel sprechen."
„Ich mag auch nicht Ich bin glücklich, daß du da bist und mich lieb hast."
„Unaussprechlich, Ruch — du weißt eS. Aber nun schließe bie Augen und versuche zu schlafen! Ich bleibe bei dir."
Gehorsam legt Ruth ben Kopf auf bie Seite. Schon nach wenigen Minuten schlaft sie fest und tief.
28. Kapitel.
Am folgenden Mittag trifft Virginia auf bet Waldburg ein. Ruth fühlt sich bedeutend wohler, so daß sie sogar wagt, bet Freundin bis in den Rosengarten entgegenzugehen. Als Virginia den müden Gang, die schmalen Wangen, die matten Augen sieht, schämt sie sich ihres unwürdigen Verdachtes und schließt die Frmndin um so zärtlicher ans Herz.
„Du mußt mich nicht so angstvoll anblicken, Virginia", sagt Ruth mitten tn einem Gespräch mit gezwungenem Lächeln, „ich bin nur etwas nervös; daS geht vorbei."
Trotzdem befolgt sie Armins Rath und legt sich gleich nach dem Mittagessen wieder zu Bett.
Nun schlendert Virginia im Haus umher. Gat wehmütige Gedanken beschleichen sie. Wo sie noch vor kurzem als Herrin residierte — jetzt ist sie als Gast dahin zurückgekehrt. Eie bewohnt dasselbe Zimmer wie ehedem — und doch wie anders ist jetzt alles. Richt bet Verlust deS ErbeS schmerzt sie tief — gern würde sie bas ganze Vermögen und die Waldburg dazu bergegeben haben, wenn ihr dafür ihr kindlich harmloses, »ertrauenbeS Gemüt geblieben wäre. Ach, könnte sie wie früher mit unbegrenzter Verehrung zu der geliebten Mutter ernpotsehen! Könnte sie ben unglückseligen Verdacht abschütteln, bet sie immer wieder im Gedanken an Ruth beschleicht!
Den NachmittagStee nehmen bie beiben Freundin- nen zusammen im kleinen, blauen Salon. Die Un
terhaltung fließt leicht, heiter dahin; keine tiefer liegende Frage wirb berührt.
Je mehr die Stunden entfliehen, umso inniger gestaltet sich wieder das Verhältnis zwischen dm Beiden. Als gegen sechs Uhr Armin sich den Damm zu- gescllt, findet er Ruth heiter lachend und scherzend.
Da die Gatten jetzt beisammen sind, erklärt Virginia, sie wolle einen Spaziergang übers Feld machen. Zum Abendessen werbe sie wieber zurück fein. Und nach einem herzlichen Kuß auf die jetzt zart gerötete Wange der Freundin verläßt sie das Zimmer.
Liebevoll blickt ihr Ruth nach.
„Weiß Virginia, daß Lord Donald heute abenb kommt, Armin?"
„Nein, mein Herz. Sie soll überrascht werdm. Mag er die Festung im Sturm nehmen!"
„Du meinst, sie wird üjn heiraten?" ,
„Ja, Ruch "
„Sie hat ihn doch schon einmal abgewiefen!"
„Hm — Fräulein Virginia besitzt Charakter. Die trüben Erfahrungen der letzten Zeit habm Eigmschaf- ten in ihr entwickelt, bie sonst wahrscheinlich stets geschlummert hätten. Um ihren Grundsätzen treu zu bleiben, weist sie selbst das zurück, was ihr größtes Glück vorschwebt. Gilbett hat sie beleidigt — sie hält es für notwendig, ihn dies fühlm zu lassm. Trotzdem — sie Wird ihn heiraten."
Ein Seufzer bet Erleichterung hebt Ruths Brust „Ich wünschte es von Herzm."
„Es wird geschehm. Wenn nöttg, werde ich das Meinige dazu tun. Es macht dich glücklich — so soll sie ihn heiratm."
Fast ängstlich hebt Ruch die Säugen zu dem Gatten empor.
„Du hast zu viel Macht über die Herzen, Armin."
„Bedeutet meine Macht über dein Herz nicht imfer Glück, mein Sieb?" fragt er leise, ihre Hand an feine Lippen drückend.
Wieder seufzt sie leise auf.
#3a, ja wenn bu bei mir bist, bin ich unaussprech
lich glücklich; dann fürchte ich nichts. Ach, Armin, Armin, verlasse mich nie!"
„Aber, mein Sieb, wie kannst du so reden", er- widett er vorwurfsvoll, sie an seine Brust ziehend. „Ich bin dein Gatte!"
Hastig befreit Ruth sich aus seiner Umarmung.
„Gewiß in diesem Leben! Aber jenseits! Werdm unsere Seelen auch dort vereint sein? Manchmal habe ich Angst —"
Er schließt ihr dm Mund mit einem Kuß.
„Gewiß auch jenseits, Ruth. Aber nun genug davon! Du wirst schon wieder bleich. Komm' mit in dm Rosengatten!" —
*
Inzwischen eilt Virginia leichtfüßig durch ben Pack, dem Feld zu. Als sie ben schmalen Weg querfeldein biegt, fragt sie sich, ob wohl bie H«kenrosen am Enbe desselben schon blühm ober nutzt. Und schneller eilt sie vorwärts. Richttg, da leuchten schon die erste Blüten! Virginia hebt ben Arm, um eine besonders schöne zu brechen, als aus der nebenstehenden Hütte die alte Frau Fick tritt, Josuas Mutter.
„Guten Tag auch, Fräulein!"
Obgleich die unsaubere Person Virginia stets antipathisch war, so treibt ihr gutes Herz sie doch, ihr ein paar fteundliche Sorte zu sagen. Sie beachtet nicht, daß ein ungeschlachter und listig blickender Mensch, bie Hände in dm Hosmtaschm, sich breitbeinig auf der Schwelle ausgepflanzt hat.
„Wollen Sie nicht 'reinkommen, Fräulein? fragt Frau Fick mit katzmfreundlichem Lächeln. „Was macht die gnädige Frau Mama? Granü sich wob sehr daß sie weg mußte von dem feinen Platz hwr< Aber Recht bleibt Recht, ja wohl - di- gehört unserem Fraulein Ruth und ntemanb anders Kommen Sie doch 'rein Fräulein! Ich suhle Mich sehr geehrt, ja wohl — und mein Junge, der ^osua, auch! Josua sich her! Dies ist Fräulein Förster, bie junge Dame' die in der Waldburg wohnte, bevor unser Fräulein Rutb wieder Herzog!"
(Sortfebung folgt)