Zeitung
Tuldaer
H- Straßburg, 5. Juli 1911. Die von den Abgg. Blumenthal, Wetterlü und Gmoflen angeregte und betriebene Gründung einer nationalistischen Partei ist, wie schon gemeldet, Tatsache geworden. Man kann dieses neueste Gebilde der Pacteipolitik nicht anders als eine Mißgeburt bezeichnen. Man vergegenwärtige stch: der kirchenfeindliche Demokrat Blumenthal und der kacholische Priester Wetterltz sind die Begründer der neuen Partei. Schon diese Tatsache allein genügt, um das zu geigen, was der Nationalbund ist: eine Unmöglichkeit. Die elsaß- lothringische Zentrumspartei hat ein Zusammengehen mit der neuen Partei erfreulicherweise in ihrer großen Mehrheit abgelehnt. Besonders scharf hat sich die Straßburger Zentrumspartei gegen den Nationalbund ausgesprochen und es ist nur zu hoffen, daß auch die übrigen Zentrumsvereine des Reichslandes der scharfen Absage der Straßburger sich anschließen. Der Nationalbund wird niemals irgendwelche Bedeutung im politischen Leben erlangen können, wenigstens nicht ans eigener Kraft und etwa auf sein Programm gewühlte Abgeordnete werden im Reichtsag auch nicht das Mindeste für das Reichsland erreichen können. Wir gelten die Hoffnung nicht auf, daß schließlich doch die klare Vernunft die Oberhand behalten und man einsehen wird, daß nicht diejenigen die wahren Freunde eines Volkes sind, die das Land durch ihre Taten in Verlegenheit sehen, sondem die, die in praktischer Arbeit Erfolge zu erringen wissen.
M ,51.
Freitag in 7. Juli MU
38. Jahrgang.
v-ntsches Reich.
*♦ Sie dürfen der Wahrheit nicht die Ehre geben. Die „Freisinnige Zeitung" bringt es heute noch fertig die Behauptung aufzustellen, daß die Reichsfinanz- reform von 1909 sich nicht bewährt habe. Wir weifen demgegenüber allein auf die Tatsache hin, daß das Jahr 1910 mit einem lieber schuß von 18 Millionen Mark abgeschlossen hat und daß dieses günstige Ergebnis in den Stand setzte, alle jene Schulden zu bezahlen, welche unter freisinniger Mitwirkung in der Zeit der Blockperiode gemacht worden sind.
)( Statistik der Fideikommisse in Preußen. Nach der amtlichen »Statist. Korrck sind im Jahre 1909 in Preußen 25 Fideikommisse mit einer Gesamtfläche von 33247 Hektar und einem Grundsteuer- reinertrage von 328821 Mark neu errichtet und 70 Fideikommisse find erweitert worden, womit der Ge- samtzugang 36 059 Hektar und 387952 Mark beträgt. Aufgelöst find 8 Fideikommiffe und 81 sind verkleinert worden, wodurch sich ein Gesamtabgang von 10056 Hfftar und 155 310 Mark Grundsteuerreinertrag ergibt. Der Zugang berechnet sich also aus 17 Fideikommisse mit 26003 Hektar und 232 642 Grundsteuerreiuertrag.
Ausland.
♦♦ ließet die Lage in Portugal wird der Voss. Ztg. vom 30. Juni aus Lissabon geschrieben: daß es an der Nordgrenze überaus emst aussehe, das Volk habe dort keine Ahnung von dem, was eine Republik eigentlich ist oder sein soll. Die wenigen Anhänger, die die Republik in diesen Provinzen habe, gehörten dem kleinen Handwerkerstand an, während der Hauptbestandteil der Bevölkerung von Grundbesitzern gebildet werde, die zum allergrößten Teil Anhänger der Monarchie waren, sind und bleiben toerben. Daran ändern, so liest man weiter, die 2000 Carbonarios nichts, die nach dem Norden gesandt worden sind, und daran ändem die 20 000 Reservisten nichts, die zu den Wafsen gerufen worden sind Im Gegenteil: Die Anwesenheit der Truppen unter teilweise mußrepublikanischen Offizieren zwischen einer antirepublikanischen Bevölkemng bringt die größten Gefahren für die im jetzigen Augenblick so unbedingt nötige Aufrechterhaltung der Disziplin mit sich. Wie es um den inneren Zusammenhalt der Truppen steht, kann man aus den Erklärungen eines Abgeordneten ersehen, der wörtlich sagte: „Unsere Leute lernten die zweifelhaften Elemente unter den Offizieren ganz genau. Diese werden von Unteroffizieren und Gemeinen überwacht, und beim echten Versuch einer unloyalen Handlung ist ihnen eine Kugel sicher." Ich möchte die Frage aufwerfen, ob unter solchen Umständen von einer einheitlichen Truppenaktion die Rede sein kann, wenn der Nebenmann nicht weiß, ob nicht in des Nachbars Rohr die für ihn bestimmte Kugel schlummert? So wird mir heute zu- verläsiig aus Braga berichtet, daß das 5. Jägerregiment nach Oporto zurückgezogen worben ist, da etwa der dritte Teil der Soldaten mit Waffen und Gepäck befediert sein soll. Man kann aus allen Nachrichten den Schluß ziehen, daß die Regierung zum, Schutz gegen eine Gegenrevolution nur über die Marine und die Carbonarios verfügt. Das Heer ist eine zweifelhafte Waffe, da die Soldaten kein volles, unbe- schränktes Vertrauen zu ihren Offizieren, und diese wiederum kein Zutrauen zu ihren Untergebenen haben. In sehr vielen Kreisen befürchtet man für den Fall eines Verfuches der Gegenrevolution einen bewaffneten Konflikt mit Spanien. Es entzieht sich natürlich hier der Beurteilung, ob ein folcher Kon- flitt tatsächlich so nahe bevorsteht, wie man glaubt. Es darf nicht geleugnet werden, daß die Beziehungen zwischen den beiden benachbarten Ländern nicht die allersrenndlichsten sind. Auf Grund aller Anzeichen und Informationen glaube ich, schließen zu dürst», daß sich hier wieder eimal ernste Dinge vorbe- reiten. Sicher ist, daß die erträumten Zeiten des goldenen Friedens heute Porüigal ferner liegen denn je zuvor.
2. Blatt.
Druck nttb Verlag der Zuldaer Aellendruckerel in Zulda.
„Na", meint Ritter, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, „wenn Sie das Blau nennen, mir kann s recht fein, ich nenne das grün."
Jetzt erschien der Baumeister Darwan auf der Bildfläche, er schlug schon von ferne die Hände über dem Kopfe zusammen und lachte ans vollem Halse.
„Mensch!" rief er, „Kartefius? Wie können Sie sich denn einen solchen Anzug machen lassen, Sie sehen ja aus wie ein Zeisig!"
„Wieso, warum?" fuhr Kartefius auf. „Halten Sie den Anzug etwa auch für grün?"
„Das hätte ja nichts zu bedeuten", erwiderte Darwan, „wenn Sie nur nicht ein so entsetzliches Grün gewählt hätten! Mensch, das ist ja eine ganze Wag- gonladung von Geschmacklosigkeit!"
„Verrückt! Alle beide verrückt!" ries Kartefius und rannte wütend davon. Nach kaum hundert Schritten stieß er auf dm Bankier Trappe.
„Wie ist der Anzug?" fuhr er ohne Gruß und Einleitung auf diesen los.
„Der Anzug ist sehr hübscht" antwortete der Gefragte.
„Ich meine die Farbe!" rief Kartefius ungeduldig.
„Ach so, die Farbe!" sagte Trappe. „Die Farbe ist auch ganz nett!"
„Herr ich meine, wie sie ist! rief der auf Kohlen stehende Kartefius.
„Wie sie ist? — na, wie soll sie denn fein?" sagte der absichtlich falsch verstehmde Bankier, „sie ist eben, wie sie ist." —
Kartefius knirschte mit dm Zähnm, aber er zwang sich zur Ruhe.
„Ich möchte roifien", sagte er, jedes Wort schwer betonend, „ob Sie die Farbe für braun oder gelb halten!"
„Ich halte sie weder für braun noch für gelb! sagte Trappe, dem eS Spaß machte, Kartefius auf die Folter zu spannen. _ „
„Na, Wie nennen Sie sie berat? schrie Kartefius wütend. , r „ , .
„Grün!" sagte Trappe sehr ruhig, „wie soll ich
unterlegen. Auch hier würbe der Kamps »» Zeichen des „AnttklerkkaliSmuS" geführt, und die Blatter der iegreichm Koalition betonen in ihrem trimnphierm- )m Kirchmhaffe, daß bet „antiklerikale" Zug nicht nur in der Hauptstadt Oesterreichs, sondern insbesondere auch in dm Sudeienländem mächtig gewesen fei, wo zehn „Klerikale" Alttfchechm und Agrarier hättm weichen müffm.
Die vorerwähntm Länder haben zumieil eine nahezu ausschließlich, alle elne toelt überwiegend katholische Bevölkerung. Wte hat es angesichts dieser Tatsache so weit kommm können, wie es gekom- men ist? Neber diese Frage ist viel gesagt worden und wäre noch vieles zu jagen. Man überläßt das aber am besten dm Katholiken der betreffenden Landet selbst; sonst wird über unbefugte Einmischung des Außenstchenden gefiagt. So viel leuchtet ohne weiteres ein, daß ohne schwere Mitschuld der katholische« Kreise, nammtlich der fahrenden Kreise, die Dinge diese Entwicklung nicht haben nehmen können. Aus dem öffentlichm Leben ihrer Länder auSgeschaliet ober doch in der Einflußnahme stark zurückgedrängt, habm die Kacholckm jetzt Muße, nicht nur über unheilvolle Zeiterscheinungen zu weh- ftagen, sondem auch darüber nachzudenken, was sie getan und unterlaffm, um eine solche Entwicklung zu ermöglichen oder doch zu erleichtem, und was sie zu tun und zu unterlassen habm, um aus ihr herauszukommen. Daß die „antlHeritale" Flutwelle in nächster Zukunft von selbst abebben werde, ist wenig wahrscheinlich, es wäre wmigstmS töricht, sich darauf zu verlassen.
Die „antiflerikale" Flutwelle steigt auch im deutschen Reich, und es wird alles geschehen, um sie vor den nächsten Reichstagswahlm höher und höher zu treibm. Aber im katholischen Teile Deutschlands wird sie, das daff man wohl aussprechen, auf Wellenbrecher von Granit stoßen. Die jetzt in ausländischen katholischm Blättem vielfach verdächtigten und herabgesetzten deutschen Katholiken — man will sich damit wohl über die Misere daheim leichter Hinwegsetzen — hängen am Glauben ihrer Väter, sie haben manche Fehler bis jetzt bemiieben, die in andern Ländern gemacht worden sind, und sind vor- trefflkl) organisiert, um jedem Ansturm zu Begegnen, wie sie dem furchtbaren Ansturm der 1870er Jahre begegnet find.
Dieser hoffnungsvolle Ausblick hat aber eine Voraussetzung: im katholischen Lager Deutschlands müssen auch ferner die Lehren, welche die Entwicklung in andern Ländern erteilt, sorgsam beachtet werden ; man muß die Einheit im Notwendigen zu erhalten, Nebeffchwang und Schwarmgeisterei sowie einen ungesundm, alle Arbeitsfrmdigkeit lähmen- dm und zu ungerechtm Verallgemeinemngen und Verdächtigungen führenden Peffimismus, anbererfeitS aber auch Unmut und Verdrossenheit fern- znhalten wiffm. Alles das könnm die Katholikm in Deutschland nicht brauchen, in Deutschland noch weniger als anderswo.
sie dmn sonst nennen?" .
Ein hohles, verzweifeltes Lachm entrang sich der Brust des Geguältm.
„Schön, schön!" rief er, „ich trage also einen grünen Anzug! Unglaublich, unglaublich! und fort war er. ,
Der nächste, dem er begegnete, war ber Rechts anwalt Gotter. Aiff dm stürzte er sich gleich mü den Motten los: „Halten Sie dm Anzug etwa auch für grün?"
„Na, selbstverständlich!" sagte der Anwalt, „wie können Sie denn in einem solchen Zustand auf der
»mi« seinem Rücken ein lautes Lachen. Es war der Ko- '^^©fartefiul hob in stummerVerzwelflung die Arme zum Himmel empor. Dmmschnitt er unter den lästerlichsten Fluchen -me fürchterliche Gnmaffe und stürzte mit beschwingtm Sohlm fort, btreft zu ’eme$ktünnen'®ie die Unverschämtheit habm, mir einen grünen Anzug zu machen, wenn ich einen blauen bestelle?" schnaubt er diesen wutend an.
$Ba — toa — was," stotterte der Schneider entsetzt, „grüner Anzug, grüner Anzug?"
„Jawohl!" wütete Kartcsius. „Sie, elender Schurke, habm es gewagt, mit einen «rAim Anzug zu machen, daß ich zum Skandal und Gelachter in der Welt umherlaufe. Sie gewissenloser -
Aber was wollen Sie denn", unterbrach ihn der Schneider, „der Anzug ist doch blau."
Ab» Schneider, das war zur Unze» g-wrocyen. Wie ein wütender Eber stürzte Kartefius auf dm Um 6lUCl®-Ifirie er, „Sie wagen noch, mich zu ver- böbnm Sie Sie, Sie, Schneider, Sie! Warten Sie, Sie feilen halb grün und blau am eigenen Leibe unterscheiden lernen!"
Der Schneider, ein kleiner, schmächtiger Mann, ergriff heldmhast das Hasenpanier und entwischt mit großem Geschrei, was man ihm auch nicht verdenkm
Aus dem Nachbargebiete.
□ Schlitz, 6. Juli 1911. Das Gauturnfest ist nunmehr in unmittelbare Nähe gerückt. Am 8., 9. und 10. Juli wird unser Städtchen die Ehre Haden, über 900 Tümer aus allen Teilen unseres Gaues und der angrenzenden Bezirke in seinen Mauern zu begrüßen. Aus dem Festplatze, der sich in nächster Nähe des Bahnhofes befindet, regen sich emsige Hände, um demselben ein der Größe des Festes entsprechendes Gepräge zu verleihen. Durch ba8 dankenswerte Entgegenkommen der Stadtverwaltung ist es ermöglicht worden, den Fefiplah in den Abend» und Nachtstunden in elektrischer Beleuchtung erstrahlen zu lasten. In fünf großen Festhallen mit über 4000 Sitzplätzen wird man den Besuchern mit vorzüglichem Schützer Bier und den berühmten Schlitzer Fleisch- und Wurstwaren Stärkung bieten. Ein Exlrazug verkehrt Sonntag, den 9. Juli Fulda ab 11“ Uhr, Schlitz an l'° Uhr mit. tags. Zur Rückbeförderung derjenigen Festbesucher, die bereits Sonntag wieder nach der Heimat zurück- kehren, dient außer dem fahrplanmäßigen Sonderzuge in der Richtung nach Fulda: Schlitz ab 1026 Uhr nachts.
g Eschwege, 6. Juli 1911. Die Stadtverordneten haben' sich, da die Betriebskosten deS Wasserwerks infolge einer Erweiterung gestiegen sind, mit einer Erhöhung der Gebühren einver- standen erklären müssen. Bei 8 Mk. Gebäude- steuer sind bei einem Verbrauch bis 24 Kubik- meter 12 Mk., über 24 Kubikmeter 15 Mk., bet über 8 Mk. Gebäudesteuer bei einem Verbrauch bis 40 Kubikmeter 20 Mk., über 40 Kubikmeter 24 Mk. zu zahlen. In derselben Sitzung wurde beschlossen, daß die Mieter neben den Hausergen- tümern zu den Einquartierungslasten heran;»- ' Von bet Werra, 6. Juli 1911. Unter den großen Millionenprojekten der Gegenwirt berment der Plan der weiteren Schiffbarmachung der Werra eine ganz besondere Bedeutung. Zrel- bewußte Arbeitskräfte haben die umfangreichen Uw terlagen und Vorarbeiten fertiggestellt und suchen in arbeitsfreudiger Hingabe die Regierungen und Interessenten für die Ausführungen des großzügigen Planes zu gewinnen. Der Verein für die Schiss- barmachung der Werra will nach fernen^neuesten Plänen sein Projekt nicht rm Werratal abschließen, sondern Anschluß an die Wasserstraße Marn-Donau
ich -. -q. 6. Suli toll- Di- MU. düngen und Widerrufe, die tn der letzten Zett rn der Frage der Erbauung eines neuen Kar sei« schlosses in Wiesbaden durch die Blatter gingen, bekourmen durch eine Zuschrrst^an dre 1 Franks Ztg." eine neue Bedeutung. DieSchreiber dkr betressendett Meldungen sowohl wie dre welche die Widerruse verfaßt haben, hatten danach beide rum Teil recht. Es wurde namlrch rn Wiesbadener Kreisen nicht der Gedanke, enr neues Schloß zu er- bauen und dem Kaiser zur Verfuguna zu stellen zurzeit erwogen, sondern der Erwerb des Breb- r i ch e r Schlosses am Rhein mtt fernem Herr«. lichen Park von der großherzoglich luxemburgrschen ( Finanzkammer, der die Verwaltung des den Rach-, kommen des Herzogs von Raffau gehörigen Schlffses untersteht. Ob der Großherzog von Luxemburg Nei- ! gung hat, seinen Besitz am Rhem zu verkaufen, rft. wcht bekannt. — In den Steinbrüchen des Zementwerkes Dyckerhoff und Söhne wurden dm Lerchen eines jungen Mannes und eines gleichalterigen Mädchens gesunden. Vermutlich haben sich dre beiden aus Liebeskummer getötet.
* Aus Franken, 6. Juli 1911. Das Oberkrregs- qericht in Würzburg verurteilte,den Ulan Rr- kolaus Prellkr vom 2. Ulanen-Regrment, der nut seinem Dienstsäbel seinen Kameraden Kellert erstach, ... nier Jahren und vierzehn Tagen Gefängnis.
Am «S ftndn. i» A I ch.! i - » b u r e d,° V Nationalen Olympischen Weitkampfe, veranstaltet vondem Sportverein „Viktoria"-Aschafsenburg statt. — Der bayerische Finanzmrnrster v. Pfaffund mehrere Ministerialräte sind zu einer Besichtigung des Bades Brückenau von München abgererst.
♦ Die antiklerikale Flutwelle.
Dr. Jul. Bachem (Köln) schreibt Im „Tag": Von einer antiklerikalen Flutwelle kann man reden. Man muß sogar davon reden. Ueberall sieht man sie und hört weithin ihr Getöse. Sie geht übet fast alle Länder Europas hin, hier stäcker, dort weniger stark brandend, je nach Charakter und Temperament der Bevölkerung und je nach der Entwicklung bei politischen, sozialen und kirchlichen Verhältniffe her einzelnen Länder.
Am höchsten gehen zurzeit die Wellen des „Antt- klerikalismus" — um dieses Schlagwort weiter zu ge- brauchen — in den romanischen Ländern. Frankreich war auch hier voran, wie In der großen Revolution zu Ende des 18. Jahrhunderts. Heute beherrscht der „Anttklerikalismus" das „Land des heiligen Ludwig", die „älteste Tochter der römischen Kirche", wie man es so oft genannt hat. Heute ist die katholische Kirche dort kaum nur geduldet. Es steht ihr, wie namenflich in den Departements des mittleren Frankreich, die Gleichgültigkeit der Mafien gegenüber, die fast noch bedenklicher ist als der wütende Kirchenhaß im hitzigen Süden. Mtt Spannung verfolgen die Katholiken aller andern Lander die Bemühungen der vom Staate völlig getrennten und vorn Staate gründlich ausgepowerten katholischen Kirche, sich neue Geltung im Volksleben zu verschaffen.
In Italien und Spanien ein ähnliches Scl m spiel. Nur ist dort noch viel mehr religiöser gc.-.vä in der Bevölkerung, ist die religiöse Traditton noch stärker und febenbiger als tn Frankreich. In Italien wirken die besonderen Schwierigkeiten mit. Welche sich aus der Stellung des Papsttums zu Staat und Dynastie ergeben. Ohne diese Schwierigkeiten würde der „Antiklerikalismus", der sich dort mit der nationalen Flagge drapiert, in Italien nicht so viel Terrain gewonnen haben. In Spanien wogt der Kampf noch unentschieden; aber auch wenn das gegenwärtige Ministerium einmal wieder im fortwährenden Wechsel der Regierungen beiseite geschoben werden sollte, würde der „Antiklerikalismus" da- mst^ nicht beseitigt sein.
Von Portugal braucht man kaum zu reden. Dort feiert die aus der Revolutton geborene Republik wahre Orgien des „21 n t i t i et ikalismu s", von denen stch sogar solche angewidert abwenden, denen ein „Antiklerikalismus" daheim nicht leicht genug geschehen tarnt. , .
Sprechen in Frankreich, Italien, Spanten und Portugal das heiße Blut und das leichtentzündliche Temperament der Bevölkerung in der Gestalt der kir- chenpolitischen Verhältnisse mit, und kann dort auch leichter als in anderen Ländern ein gewisser Wechsel von heute auf morgen eintreten, so geht die Flutwelle des „Antiklerikalismus" doch auch zurzeit über Länder hin, deren Bevölkemng weniger beweglich und erregbar ist, wo man also die Erscheinung, um die es ich handelt, noch ernster zu nehmen hat, nämlich übet Belgien? Oesterreich und das deutsche Reich.
In Belgien toanft die katholische Regierung, vclche die Geschäfte des Landes so lange und nach lern Urteil aller Besonnenen nicht schlecht gefühtt hat. beim Belgien ist auch heute ein blühendes Land, von gesunden Finanzen, mit mächtig entwickelt*: Industrie, ein Land, welches sich in jeder Beziehung ehrenvoll an der Sette der größeren Nachbarstaaten behauptet. Es unterscheidet sich nach dieser Richtung sehr vorteilhaft insbesondere von Spanien. Aber beim Mittklettkolismus" tut man es dort gegenwärtig den romanischen Ländern gleich. Insbesondere weiß sich die auf der Linken führende Sozialdemokratie in fanatischen Angriffen auf die katholische Religion nicht genug zu tun. Statt langer Ausführungen genügt rs wohll darauf hinzuweisen, daß der einflußreichste Mann im sozialdemokratischen Lager, der auch weit über diese; Lager hinaus einflußreiche Vander- velde, dieser Tage in der Abgeordnetenkammer angekündigt hat, die nächsten Wahlen würben sich unter dem Schlachtgesang der Geusen vollziehen: Van’t ongediert der papen, verlost oos vaderland!
In Oesterreich fit soeben die christlich-soziale Partei, welcher das Genie und die Tatkraft Luegers, seiner der bedeutendsten Persönlichkeiten der Gegenwart, die Haupfftadt und die ausschlaggebende Stellung im Parlament erobert hatte, in Wien nahezu vollständig der liberal-sozialdemokratischen Koalition
Amt Geisa und Umgebung.
* Dermbach, 6. Juli 1911. Eher als man dachte, wird sich auf dem Baier ern neuer Aussicht?-
„Kinder!" rief der Komiker Trapsag, „wollen wir ihm elnreben, bet Anzug fei grün?"
Allgemeines Beifallgejohle!
„Aber es daff keiner aus der Rolle fallen, ich werde heraus bekommen, wann er Ihn zum ersten Mal anzieht."
Das war Mb getan. Das Resultat der For- schungen war: am Montag sollte die neue Hülle zum ersten Male angezogen, ausgeführt und dem staunen- ben Stammtisch präsentiert werden.
Allgemeines Staunen.
„Warum Montag und nicht Sonntag?"
„Sonntag hat er Dienst."
M f°l"
Am Montag war jeder schon zeitig auf seinem Posten. Den ganzen Weg vom Stammlokal bis zu Kartefius Wohnung waren die Stammttschler etap- pmweise »erteilt, auch nicht einer fehlte. Hätte es sich nur um etwas Nützlicheres gehandelt, kaum die Hälfte wäre dagewesen, der geplante Unfug hatte sie vollzählig veffammelt. Die Stunde, in der Kartesms zum Frühschoppen $u gehen gewöhnt war, nahte heran. Schlag elf wurde er sichtbar. Der Erste, dem er tn die Arme lief, war der Fabrikbesitzer Ritter.
„Ra, Kartefius, wohin?"
„Zum Frühschoppen, kommm Sie mit?"
„Nachher, ich muß noch eine Besorgung machen." Und Ritter toenbete sich zum Gehen.
Kartefius, bet darauf brennt, feinen Anzug bewundert zu seh«, kann, da Ritter absolut kein Auge E seinen äußeren Glanz hat, die Frage nicht unter« den:
„Wie finden Sie benn meinen neuen Anzug,"
Darauf hatte ja Ritter nur gelauert, er lächelte halb verleg« und sagte bann:
„Hm, der Hnjug ist ganz hübsch, aber warum habm Sie denn gerade die Fache tn Grün gewählt,"
„Grün!" Kartefius lacht laut auf, „der Anzug ist doch nicht grün!"
„So, wie denn?"
„Blaut" eiferte Kartefius, das müssen doch Sie sehen!"
Der grüne Anzng.
Humoreske.
Wir nannten ihn Kartefius, weit er so schlecht ES- lartce spielte. Eskalier — Deskaries — Kartefius .— man sieht, her Name war gar nicht so wettllegenb. Sonst aber hatte er nichts mtt dem berühmten Philo- (lophen gemein, als daß er ebenso gern schliff wie jener.
Kartefius war das Opfer sämtlicher Stammtisch- Witze. Was sie mit dem aufstellten, war wirklich haarsträubend. Aber warum kam er auch immer wieder, er hatte sich doch Witz gekauft. In der letzten Woche hatten sie ihn dreimal hineingelegt, er kannte doch den Stammtisch und wußte, daß immer einet mehr Blödsinn im Kopse hatte, als der andere — dreimal jn einer Woche, das schien doch genug zu fein. Das j-rfte Mal hakten sie ihm eine Mandel Trinkeier, die •(t für seinen Jungen mit nach Hanse nehmen sollte, ausgetauscht und stemhatte Soleier in die Tüte gedockt. Ein zweites Mal eine volle Flasche Portwein, die er seiner Frau zur Versöhnung mifbringen wollte, aus dem Karton gezogen und eine leere dafür hineingetan. Und das dritte Mal: Er hatte einen Bund wunderschöner Spargel geschenkt bekommen und war fo dumm, denselben triumphierend zu zeigen, und da wundert sich diffes Heerdentter noch, als er zu Haufe das Paket öffnete, sauber verpacktes kleingehacktes Feuerholz statt der Spargelstangen zu finden. Manchen Menschen ist eben nicht zu helfen, und es gibt deren, die nie klug werden, selbst nicht durch Schaden. Aber nach der Affäre mit dem grünen Anzug Ist et doch nicht mehr wieder gekommen.
Es wat ruchbar geworden, Kattesius laffe sich einen neuen Anzug machen, den zweiten im Laufe von 'vielen Jahren. Das Ereignis wurde lebhaft erörtert und dabei auch die Farbe des erwähnten Anzuges sfftgestellt, die ein lebhaftes Blau fein sollte.
„Das wundert mich", bemerite bet Fabrikbesitzer Witter, „ich hätte dem Keck zugekaut, er ließe sich Jrtnen grünen Anzug machen."