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Sulba, Freitag den 7. Juli 1911

38. Jahrgang.

Erstes Blatt

M 152.

nimmt sie Hut und Sonnenschirm, um Armin ent- gegenzugehen. Langsam schlmdert sie durch den Park. Sie hat keine Eile. ES dauert noch beinahe eine Stunde, bis der Zug ankoinmt. Hier und da bleibt sie stehen, um eine besonders schön erblühte Blume zu pflücken. Sie will Amnn mit einem Strauß empfangen.

Bald jedoch wird sie müde. Heiß glühen die Sonnenstrahlen hernieder. Kein Lüstchen regt sich. Ruchs Schritte werden langsamer. . .

Sie zieht die kleine, diamantengeschmückte Uhr. Noch eine viertel Stunde — also Zeit genug, um ein wenig auszumhen. Sie blickt sich nach einem schat­tigen Plätzchen um . . . Ha, dort hinten, an der anderen Seite des Feldes, steht eine dichtbelaubte Buche neben einer kleinen, strohbedeckten Hütte. Dort will sie rasten. —

Zehn Minuten später öffnet sich die niedrige Tür der Hütte. Ein unordentlich aussehendes Weib tritt heraus. Ihr Gesicht ist hager und pockennarbig. Struppige, graue Haarsträhne hängen wirr um die gefluchte Stirn.

„Josua l* ruft sie mit schriller Stimme ins Haus hinein.

„Was ist Io8?"

Die kurze Holzpfeife in einer Ecke des breiten Mundes, die Hände in den Hosentaschen, tritt ein gedrungener, verlottert aussehender Mann mit auf­fallend großem Kopf über die Schwelle.

„Du hast jüngere Augen al- ich. Was leuchtet dort Helles durch die Hecke?"

Hastig fährt der Bursche ein paarmal mit den plumpen Fingern durch dm roten StoppAbart. Seine klemm, grauen Augen funkeln.

„Pah, ein Weibsbild! Hat ein weißes Kleid an. Nichts weiter!"

Etwas Unverständliches vor sich hinbrummmd, zieht er sich wieder ins Haus zurück.

Doch die Neugierde treibt chn, zu erforschm, wer jene Dame in Weiß sein mag Leise, ganz. leste schleicht er bis zur Hecke. Plötzlich wird sein Gesicht

]:[ Stuttgart, 6. Juli 1911. In der württem- bergischen Zweiten Kammer brachtm die Sozialdemo­kraten eine Interpellation ein, in der ange­fragt wird, ob vor Entsendung eines deutschen Kriegs­schiffes nach Agadir der Bundesratsausschuß für aus­wärtige Angelegenheitm zusammenbemfm wordenJet, und ob die württembergische Regierung diesem Vor­gehen zugestimmt habe.

** London. 6. Juli 1911. Im englischen Unter- Hause gab Premierminister Asquith zur Marokko- srage der Ansicht der britischen Regierung Ausdmck, daß die entstandme neue Situation die künftige Ent­wicklung der britischen Interessen direkter berühren könnte als bisher, und schloß mit dm Worten: Wir hegen das Vertrauen, daß die diplomatische Diskussion eine Lösung finden werde. In dem Anteil, den wir an ihr nehmen, werden wir gebührende Rücksicht neh­men auf dm Schutz jener Jnteresien und auf die Er­füllung unserer Vertragsverpflichtun- gen gegenüber Frankreich, die dem Hause wohl bekannt sind. Asquith erklärte weiter, er sei über­zeugt daß die Lösung der Marokkofrage das frmnd- jchaft'liche Verhältnis Englands zu Deutsch­land nicht trüben werde, und daß das Verhältnis zu Frankreich Großbritannien nicht zwingen könne, auf die guten Beziehungen mit Deutschland zu ver­zichten.

Virginia hebt die tränenglänzenden Augen zu ihm empor.

„Ach, toenn ich Ihnen glauben könnte!"

„Sie können es. Wäre es möglich, daß jene sinn­losen Worte die Freundschaft zweier edler Frauen­herzen für immer zerstört hätten?"

Schweigend schüttelt Virginia den Kopf.

„Weisen Sie jenen unwürdigen Verdacht von sich!" fährt Armin eindringlich fort. „Begleiten Sie mich nach der Waldburg! Ruth selbst wird am bestm die letzten Zweifel bannen."

Virginia denkt einige Augmblicke nach.

„Ich möchte wohl — aber mein Eintritt in das Paulusstist steht bevor."

„So schieben Sie ihn auf oder noch besser — geben Sie ihn auf!"

„Tas geht nicht. Aber — für einen Tag werde ich es doch möglich machen können-. Ach, Herr Skott, Sie ahnen nicht, wie mich damach verlangt, diefm schrecklichm Verdacht los zu werden!"

„Also abgemacht!" Armin steht auf und reicht Virginia die Hand. „Rur noch eine Bitte! Sprechen Sie zu mir, so oft time wollen, über diese törichte Einbildung; krankhafte Phantastegebilde schwinden om leichtesten bei Hellem Tageslicht. Wer äußem Sie niemals etwas darüber zu Ruth! Es würde Sie zu bitter kränken!"

26. Kapitel.

Am nächsten Morgm erhält Ruth folgmdes Tele- gramm:

„Erwarte mich um 12 Uhr mittags. Annin."

Zärtlich streicht sie über das rosa Papier. Dm ganzen Morgm aber fühlte sie sich verstimmt und ner­vös; sie gab der drückmdm Hitze die Schuld. Jetzt weiß sie, was ihr fehlte. Armin war zwei ganze Tage abwesend; die Sehnsucht nach ihm quälte sie.

Sie blickte nach der Uhr auf dem Kamin. Noch zwei Stunden. — Sie geht hinunter in die Küche und bestellt ein besonders schmackhaftes Essen. Dann schmückt sie Armins Zimmer mit frischm Nosm und ordnet im Stall an, daß der zweiräderige Bucky Herm Skott um zwölf Uhr am Bahnhof abhole. Dann

Austrftt aus der Kirche auffordert. — Das sind wenigstens offene und ehrliche Feinde des Christentums. Die speziellen Jathofreunde haben bekanntlich beschlossen, in der Evangelischen Landes­kirche zu bleiben. Das ist ein taktischer Schach­zug. Aus diese Art werden harmlose Gemüter nicht kopfscheu gemacht und läßt sich das Christentum all­gemach gänzlich aus dem Protestantismus heraus­treiben. — Ans einer Jathoversamrnlung in Bremen erfahren wir von der Existenz eines kirchlich-libe­ralen Großblocks im Protestantismus. Der Pro­testantenverein — der unter dem Vorsitze des fort« chrittlichen Abg. Schrader die ungläubige (Sie» nente des Protestantismus in sich begreift — hatte ttt Bremen eine Protestversammlung zum Fall Jatho nach der Martinikirche (!) einberufen. Von besonderem Interesse war die von Pastor Hartwich gemachte Mitteilung, daß zwischen den kirchlich-libe- ralen Vereinigungen Deutschlands bereits seit einem Jahr ein geheimes Bündnis abgeschlossen ist, dessen Aktionsprogramm zwei Ziele verfolgt: Besei­tigung des Spruchkollegiums in Berlin und Ver- a des Schwerpunktes kirchlichen Lebens in die gemeinten. Die Herren vom Unglauben fühlen sich also. Sie halten die Zeit für ge­kommen, die Ernte aus dem Kulturkämpfe der 70er und 80er Jahre, aus der verwirrenden und ver­flachenden Wirksamkeit des Evangelischen Bundes, aus Enzyklika-Hetze und Modernistenrummel ein« zuheimsen. Die hohe Staatsregierung und auch ein Teil der konservativen Partei hat den Herren mit der Bewilligung der Leichenverbrennung und der Verwerfung der religiösen Belehrung tn der Fort­bildungsschule den kleinen Finger geboten. Die Herren wollen aber die ganze Hand haben.

*♦ Unglaublich aber wahr. Den Rekord bet Steuerhetze liefert wohl der demokratssche ,Nümb. Anz/, indem er folgenden Aufruf erläßt:

„Eltern, meldet am Montag und Dienstag alle eure schulpflichtigen Kinder zur Simultanschuir an! Gebt dadurch dem schwarzblauen Block, den Brot-und Bierverteurern, auch hier die gebührende Antwort aus

des Berliner Vertrages, auf dem Wege des gewöhn­lichen diplomatischen Verkehrs. DaS einfachste und zweckmäßigste Ware sogar, wenn sich er st D eutsch- land und Frankreich unter sich verständig­ten. Das Wird freilich nicht gut mehr gehen, da sich die großmächtige Republik sofort unter die englische Vormundschaft geflüchtet hat.

Wir machen uni aber über all die formellen und taktischen Fragen keine Kopsschmerzen, jonbern Über- lassen sie den verantwortlichen Fachmännern. Zu- nächst freuen wir uns, daß der Versuch der hmier- listigen Umgehung der Verträge, die heuchlerisch be­mäntelte Eroberung Marokkos durch Frankreich zum Stillstand gekommen sst.

Die Einleitung von Verhandlungen ist tm Fort­schritt. Aber wir brauchen Frankreich nicht die Hand zu küssen wegen dieses „Zugeständnisses". — Es war feine Pflicht und Schuldigkeit, schon vor ter er­zieherischen Maßnahme Deutschlands.

Es soll verhandelt werden. 1

In Frankreich betrachtet man es schon als ein großes Entgegenkommen, wenn mit dem deutschen Reiche über die Marokkofrage Verhandlungen ge- pflogen werten sollen. Dieses „Zugeständnis sst aber nicht gemacht, sondern nur erst durch die Presse angekündigt worden. Die französische Regierung Will frühestens am Samstag über die Antwort auf die denssche Ankündigung sich schlüssig machen, wenn Präsident Fallieres und der Mimster des Auswär­tigen ans Holland heimgekehrt sind. Nach den Be­richten der Presse hat sich in ter Zwischenzeit die Sacke so entwickelt, daß die e n g l r s ch e Regierung, bei der Frankreich Rat und Hilfe gesucht, bon der Entsendung französischer oder britischer Kriegsschiffe nach Agadir abgeraten, dagegen Verhandlungen mit Deutschland, und zwar unter Teilnahme Englands, anempfohlen habe. Ist von dem englischen Vor- mund ein solcher Wunsch ausgesprochen, so wird er Natürlich für die Republik Beseh [Jem. Die fran­zösischen Blättern erörtern denn auch schon lang und breit, welche Mächte an den Verhandlungen teilzu- nehmen hätten; damit ihre Seite das lieber gewicht habe, soll auch Rußland zngezogen werden ob­schon es in Marokko und tm westlichen Mittelmeer gar keine Interessen hat. An Oesterreichs Beteiligung denken die Franzosen nicht, und doch hat Oesterreich dort gewichtige wirtschaftliche Interes­sen. Das Bezeichnendste aber ist, daß die Franzosen ihren alten Helfershelfer von Algeciras, das sonst so viel umschmeichelte Italien, diesmal links ie- aen lassen möchten. In Italien haben sich nämlich neuerdings zahlreiche und gewichtige Stimmen er« hoben für die Selbstbesinnung des Landes aus seine Mittelmeer-Jnteressen und für die Verfolgung der­selben im Anschluß an Deutschland.

Bei all diesen Erörterungen über den Umsang und die Formen der fraglichen Verhandlungen hat man bisher soiiderbarer Weise eine nicht ganz un­wesentliche Instanz unberücksichtigt. gelassen. Es kommt doch vor allem auf die Willen s Mei­nung ter deutschen Regierung an. Erst muß man Deutschland fragen, mit wem und ans welche Weise es in Vechandlungen zu treten Wunsche.

Während die französische Presse 'n diesen for­malen Vorfragen ohne Befragung Deutschlands vor- geht, seht sie in einer materiellen Vorfrage dem Nachbar die Pistole auf die Brust. Die deutsche Regierung, so meinen diese unberufenen Unter- suchungsrichter, müsse jetzt sofort klipp und klar sagen, was sie wolle. Eine sonderbare Zumu­tung.' Deutschland hat einen Kreuzer entsandt zu dem amtlich bekundeten Zweck, die dortigen Deut­schen zu schützen, solange die Gefahr besteht, daß die Unruhen vom Norden Marokkos auf den ^uten überspringe. Wenn es nun geboten fern soll, daß man die vorhandenen weiteren Wünsche und Ziele bekenne, dann mögen mit solcher Offenherzigkeit ge- sällwst diejenigen den Anfang machen, die v o r h e i nicht bloß Schutzschisse an die Küste sondern ganze Armeekorps tn die Schau ja und dann bis zur Haupt­stadt des Landes geschickt haben.

Deutschland kann seinen Willen dahin knndgebcn, daß die A l g e c i r a s a k t e ehrlich eingehalten wer­den sollen. Frankreich aber betreibt fett Jahren Dinge, die erst Über diese Akte hinausginaen und dann geratest die Grundlage ter ganzen J.rte, die Souveränität des Sultans und die Integrität der, Reiches, unterhöhlten. Frankreich arbeitet ans eine Aenderuiig ter bestehenden Verhältnisse hm, und darum muß es seinerseits zuerst sagen, wa» es eigentlich will.

Sofern die einznleiteutenBerhandlungen aus, eine Abänderung oder gar die Aushebung „ter Algeciras- akte hinauslaufen, müssen selbstverständlich sämt­liche Mächte, die das Aktenstück unterzeichnet haben, zur Mitwirkung herangezogen werten. Ob dazu eine regelrechte neue Konferenz nötig sei, ist eine andere Frage. Es geht auch, wie bei ter Revision

Deutsches Reich.

** Berlin, 6. Juli 1911. Der Kaiser ist au der Nordlandsreise am Donnerstag nachmittag tn Stavanger eingetroffen. — Der Reichskanzler will sich am Freitag nach seinem Gut Hohenfinow be­geben Er wird jedoch die Leitung der Geschäfte wei­terführen. — Prinz Eitel Friedrich begeht am Freitag seinen 28. Geburtstag. — Der Reichsanzei- aer veröffentlicht das E t s enb ah nanleih eg e- setz. — Eine Novelle znm Fürsorgeerzteh- ungsgesetz ist, einer Korrespondenz zufolge, im Ministerium des Innern fertiggestellt worden. Zweck derselben soll sein, daß Jugendliche bereits bann der Fürsorge überwiesen werden können, wenn andemfalls ihre Verwahrlosung ernstlich zu befürchten steht. — Der „Reichsanz." veröffentlicht eine Bekanntmachung bett. Bestimmungen zur Ausführung des Gesetzes über den Absatz von Kalisalzen. •— Dis von Sir Ernest Cassel ins Leben gerufene britisch- deutsche Stiftung hat sich am 4. in einer Sitz­ung des vom Kaiser berufenen Verwaltungsrats kon­stituiert. Zum Vorsitzenden der deutschen Abteilung wurde der frühere Staatssekretär Graf Posadowsky, zu seinem Stellvertreter Dr. Vallin gewählt. Die Stiftung soll bekanntlich zur Untesstühung großbri- tanischer in Deutschland in Not geratener Staatsan­gehörigen dienen, weiterhin aber auch zu Stipendien für Studienzwecke in Deutschland Verwendung fin­den. — Die türkische Studienkommission besuchte in

den letzten Tagen Düsseldorf, Duisburg, M.-Gladbach und die Kruppschen Werke in Essen und Rheinhausen.

* Referendare und Rechtsauskunftsstellen. Der Justizmmister hat nachstehende Verfügung erlassen: Die Mitwirkung von Referendaren bei Rechtsaus- unftsstelle» ist geeignef, diese Stellen bei der Er- üDung ihrer Aufgaben zu unterstützen und die Referendare in ihrer Ausbildung zu fördern, Refe­rendaren, die in ihrer Ausbildung schon genügend vorgeschritten sind, kann deshalb gestattet werden, bei Rechtsauskunftsstellen mitzuwirken, die von Ge­meinden oder gemeinnützigen Vereinen unterhalten werden.

)( Erhöhung der Zeugengebuhren. Gegenwärtig wird im Reichsjustizamt ein neuer Entwurf ans- gearbeitet, der entsprechend wiederholten Reichstags­wünschen die gerichtlichen GebührensürZeugen und Sachverständige erhöhen soll. Ein erster Entwurf begegnete dem entschiedenen Wider­spruche des preußischen Finanzministeriums, so daß er gar nicht erst an de» Bundesrat gelangte. Bei dem neuen Entwurf ist man bemüht, nach Möglich­keit den berechtigten Wünschen der Beteiligten und den finanziellen Bedenken Rechnung zu trogen. Ob dies gelingen und ob der zweite Entwurf ein besseres Schicksal als der erste haben wird, bleibt abzuwarten.

♦♦ Der Anfiedelungssonds. Von einer Wiederaus- füllung des Anssedelungsfonds ist in den Blättern kürzlich die Rede gewesen. Es wurde behauptet, daß die Notwendigkeit einer Wiederauffüllung des Fonds bereits jetzt vorliege. Dem gegenüber erklärt die «Schief. Ztg/, daß der Fonds noch keineswegs erschöpft fei, vielmehr noch 60—70 Millionen vorhanden seien. Außerdem sind besonders für April nächsten Jahres starke Rückeinnahmen zu erwarten.— Die Ansiedlungskommission hat das Gut Neu-Jaschinitz im westpreußischen Kreise Schwetz zum Preise von 670000 Mark angekauft. Das Gut ist 2315 Morgen groß.

* Praktische Flotteupolitik. Die Teilnehmer am Festmahl des Deutschen Schulschiffvereins in Trave, münde zeichneten die noch f ehlende Summe von 80000 Mark für den Bau des Schulschiffs „Prinzeß Eitel Friedrich".

** Immer noch Jatho. Der Atheistenbund be= mssprucht Jatho als einen der Seimgen. Die K i e« ler Ortsgruppe des Deutschen Monisten­bundes hat an Jatho eine Erklärung gerichtet, in der es heißt:

„Wir anerkennen den von Ihnen mit Festigkeit ein­genommenen Standpunkt, wonach Sie ohne Einschrän­kung Ab st and genommen haben, von einem über, weltlich unroanbelb-r heiligen Gott, von der Be­trachtung des Menschen als eines der Erlösung be­dürf tigen und durch die geschichtliche Person Jesu über sich selbst hinausgesührien Sünders, von der absoluten, bleibenden Gültigkett des Ehristentums, von der Hoff­nung auf ein ewiges Leben über diese Zeit und Welt hinaus. Es ist zu verstehen, wenn demgegen­über das Spruchkollegium den korrekten Standpunkt einnimmt, daß diese Auffassung flch mit den überliefer­ten kirchlichen Glaubenssätzen nicht verein- baren läßt. Wir anerkennen, daß Ihr Standpunkt in den oben skizzierten Sätzen dem des Monismus sich nähert, und hoffen, daß Sie und Ihre Freunde die (scheinbare) Grenze, welche Sie bisher noch von uns trennt, mit festem Mut überschreiten werden."

Diese Erklärung spricht in allen Teilen für sich selbst. — Auch in Magdeburg nahm eine öffent­liche Versammlung des Monistenbundes zum Fall Jatho Stellung. Dr. Georg Kramer als Hauptt rebner kam nach eingehender Besprechung des Jatho- schen Glaubensbekenntnisses zu dem Ergebnis, daß die Frage, ob Jacho ein Christ sei, zu Vernei- . neu wäre. Geheimrat Prof. Oswald-Leipzig, der : Nachfolger Häckels als Präsident des Monistenbun- ■ des, kam zu demselben Ergebnisse und betonte, das i nächste Arbeitsfeld, dem man sich zuzuwenden habe, i sei das Gebiet der Schule, auf dem Erfolge in ab« ■ sehbarer Zeit erreicht werden könnten. Einstimmig : wurde eine Entschließung angenommen, die znm

feine Steuerpolitik!" ,

Um die Nürnberger Simultanschulen muß e’ sehr schlecht stehen, wenn ihnen durch solche ver­zweifelte Drittel die Schüler zugetrieben werden sollen. Im übrigen zeigt der Fall, wie eng sich bei den Gegnern des „schwarzblauen Blocks mit den politischen die Weltanschauungsfragen verbinden.

8 Darmstadt, 6. Juli 1911. Die Zweite Kam­mer nahm in ihrer heutigen Sitzung die gestrigen Beschlüsse der Ersten Kammer zum Gemein de- steuergesetz gegen die Stimmen der Sozial­demokraten an. Damit ist das Gemeindesteuergesetz endgültig genehmigt. Das Haus nahm sodann noch einstimmig auf Antrag des Berichterstatters Abg. Molthan einen Gesetzentwurf an, welcher den Ge­meinden das Recht einräumt, die Steuerfreiheit der sogen, selbständigen Gemarkungsparzellen abzulosen. Im weiteren Verlause der Sitzung kam es zu leb­haften Auseinandersetzungen zwischen dem Staats­minister Dr. Ewald und dem neugewahlten freisinni­gen Abgeordneten für Gießen ®r. Grünewald, weil letzterer in einer Anfrage an die Regierung die Bewilligung des Landtages tn Hohe von 500 000 Mark für die Erweiterung des Amtsgerichts Gießen als Verschwendung bemängelte, was der Staats- Minister mit aller Entschiedenheit zuruckwies. DaS Haus bepiet sodann die Bestimmung der neuen Landgemeindeordnung, die das Recht des Höchstbesteuerten in den Gemeinden behandelt. Während die Zweite Kammer dieses Recht auf tee Teilnahme an den Beratungen ohne Stimmrecht beschränkt hat, machte die Erste Kammer das Zn- ftantekommen der Landgemeindeordnung von ter Erweiterung des Rechts aus Sitz und Stimme ab­hängig. Der Minister des Innern v. Hombergk bat das Haus dringend, dem Beschlüsse der Ersten Kammer beizutreten, um nicht an diesem unterge« ordneten Punkt das Reformwerk scheitern zu lassen, feuerrot. Er hat Ruth erkannt. Er räuspett sich ein paarmal und spuckt bann geräuschvoll aus.

Ruth mentet den Kopf. „

„Ergebener Diener! Ich bin Josua Fick! grinst et mit einem Kratzfuß.

Ruth erbleicht. Hastig springt sie von der Bank empor. „ „

„Josua Fick?" wiederholt sie, vergebens bemüht, ihre Erregung zu verbergen. „Sie sind also Wieder

Sie nimmt ihr Kleid zusammen und will an ihm vorbeischreiten. Wenn fie einen Menschen auf der Welt haßt, so ist es dieser ordinär aussehende Mmsch mit der hängenden Unterlippe und dem unsteten Blm — er, der einzige noch lebende Zeuge jenes unglück­seligen gefälschten Testaments.

Ja, ich bin seit ein paar Wochen wieder zurück, grinst Josua. „Darf ich Sie ein Stückchen begleiten, Frau Skott?"

Ruch bleibt stehen. Ihre großen Augen blitzen ben Unverschämten an. . . .

„Weiß mein Gatte, baß Sie zuruck sind? fragt flC Die sunverhohlene Verachtung in ihrem Gesicht, der Nachdmck, dm sie auf die wenigen Worte legt reizen den jähzornigen Menschen aufs äußerste. Die Bewunderung, die er ehedem gleich allen inngen.Var- schm im Dorf für Ruth empfand, verwandelt sich m

„Holls ter Teufel! Scher' mich wenig drum, was Ihr Mann weiß ober nicht!" knurrt

Ruch beschleunigte ihre Schritte. Mit blödsinnig pfiffigem Lachen folgt ihr der Bursche.

„Wollen Sie mich nicht allein gehen lassen? fragt -ndllch Ruth »t, Stvm»-. R--N w,u imi durch die Begegnung wieder mächtig erregt.

Er schüttelt seine rote Mahne.

N-, nee Frau Skott. ich komme mit."

Ein Schmier überfliegt Ruch. Wie den Menschen los werben? Jetzt sind sie auf der Höhe angelangt ganz in der Nahe des Bahnhof«. Erleichtert atmet Ruth auf. (Forts, folgt)

Vie Macht der Gewissen;.

83] Roman von Erich Friesen.

„Das hat meine Mutter Ihnen bekannt?" ruft sie freudig. „Das ändert vieles!"

„So find Sie also einverstanden, die Rente anzu- nehmm?"

Er greift nach dem Hut.

„Nein. Sie haben den anderen Gmnd noch nicht gehört." Virginia nimmt auf dem Sofa Platz und deutet auf einen Ktuhl. „Bitte, setzen Sie sich! Ich Will Jhnm alles mitteilen. Vielleicht sst es das Beste. ... Als Ruch nn Schlaf das Testament wieder in das geheime Gemach getragen hatte, lief fie in ihr Schlafzimmer zurück, rang die Hande und schluchzte:

„Das Testament ist gefälscht! Ich habe meine Seele dem Teufel verkauft!"

„Diese schrecklichm Worte kann ich nicht vergessen , fährt Vttginia erregt fort. „Sie rauben mir die Ruhe. Ich kann den Verdacht nicht los werden, daß —"

Sie stockt.

„Welchm Verdacht?"

Armins Sttrnme klingt eisig. Er hat sich vom Stuhl erhobm und steht jetzt kerzengerade, mit zu- sammmgezogenen ® rau en, vor Virginia. Sein Blick bohrt sich in den ihren.

„Daß jenes Testament wirklich gefälscht ist."

In Armins Zügm zuckt keine Mrskel.

„Sie setzen mich in Erstaunen, mein Fräulein", bemerkt er dann langsam, fast sanft belehrend. Wie man zu einem Kinde spricht. „Dieser Verdacht ist Ihrer unwürdig. Wie kann man eine Nachtwandlerin für im Traum geäußerte Worte verantwortlich ma- chm!"

„Ich weiß es", sagt Vttginia lebhaft. „Ich liebte Ruch ja auch wie eine Schwester."

„Und lassen trotzdem solch ungehmerlichen Ge­danken auftommen?" Armin zieht feinen Stuhl näher zu Virginia heran. „Ich brauche wohl nicht zu ver­sichern, daß Ihr Verdacht durchaus unbegründet ist, Fräulein Forster!"