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Aus ttlrche und Schule.

* Würzburg, 5. Juli 1911. Die katholische Pfarrei ad s. Mich, in Aschaffenburg wurde dem Dechanlpfarrer V. Reuß in Eltmann ver­liehen, die Pfarrei Rohrbach dem Subregens im Würzburger Priesterseminar Dr. V. Schmitt. Mit der Verwaltung der Pfarrei Himmelstadt wurde Pfarrer Dr. A. Schneider in Zellingen beauftragt.

Ami Geisa und Umgebung.

♦ Bacha, 6. Juli 1911. Hier stürzte das zwei­jährige Kind des Mühlenbesitzcrs Mosebach in den Mühlgraben und trieb dem Wafferrad zu, wo es sicherlich von den Schaufeln des eisernen Wasser­rades erdrückt worden wäre. In seiner Todesangst klammerte sich das Kind kurz vor dem Rad an den den Graben überdeckenden Bohlenbeschlag, wo es von dem hinzuspringenden Vater gehalten und später nach Entfernung des Belages auss Trockene gebracht werden konnte. Im vorigen Jahre fielen an einem einzigen Tage »er kleine Kinder in dieses Wasser, sodaß eine Sicherung an dieser Stelle wirklich not­wendig erscheint.

* Dermbach, 6. Juli 1911. Zum Andenken an die im Jahre 1866 gefallenen und auf dem hiesigen Friedhöfe beerdigten Krieger veranstaltete der hiesige Kciegerveiein eine kleine Gedenkfeier an den Gräbern der Gefallenen. Bezirksdireklor Baron von Groß hielt dabei eine Ansprache. — Seitens des Bezirks- Direktors Baron von Groß, des Vorstandes des Eiseubahnbetriebsamtes in Salzungen sowie des Baurats Jaenisch und Oekonomierats Dodenecker fand eine Besichtigung derjenigen Teile der Feldabahnstrecken statt, wo die Gleisanlage em großes Hindernis für den Fuhrivrrksverkehr bildet.

♦ Wenigentaft, 5. Juli 1911. Der Firma Havc- stadt und Contag ist vom Großherzoglichen Staats­ministerium in Weimar die Erlaubnis zum Ver­kehr mit Brbeitszügen mit Lokomotivbetrieb aus d.r im Bau begriffenen Strecke von Wenigen­taft nach Oechscn unter Beachtung der üblichen Srcherhcitsmaßregeln und Aufstellung von Halte- laseln an den Wegkreuzungen erteilt worden.

* Weilar, 5. Juli 1911. Auf der Straße zwischen hier und Stadtlengsfeld rannte Vas Automobil der Firma Görwitz u. Co. von hier mit voller Wucht gegen einen Apfelbaum, sodaß der Baum direkt entwurzelt wurde. Beide In­sassen, Fabritbesik^er Adler sowohl wie auch sein Schwager Bartholomae, wurden in großen Bogen aus dem Auto geschlendert und erlitten mehr oder minder erhebliche Verletzungen. Das Automobil wurde ebenfalls stark beschädigt.

* Kaltenwestheim, 6. Juli 1911. Die Frauen von Kaltenwestheim begingen dieser Tage ein originelles Fest. Frau Niedling, die Hebamme sür den hiesigen Ort, feierte ihr Löjähriges Dienst- jubiläum. Sämtliche 130 Frauen, denen sie während der Zeit ihrer Wirksamkeit beistand, halten sich im Saale der Gemeindeschenke versammelt, um sie unter flotten Weisen der Dorskapelle und Dankesrrden reichlich mit Kaffee, Kuchen und Likören zu bewirten.

„Ich — Ich — ich kann es doch nicht annehmen, --* sie stockt.

.Warum nicht? Was quält Sie, Frau Forster?" Aengstltch blickt sie zu ihm auf. „Sie werden mich veracht«." .Vertrauen Sie mir, Frau Forster. Vielleicht

Verzeichnis der NeuanjchaMgen derKälldesblbliothtk j« Fulda üaEtatsjrhr 1910. Die Bibliothek leiht ihre Werke an i-d ermann m Fulda und außerhalb FuldaS unentgeltlich au».) (Fortsetzung.)

IV. Sprachen und Literaturen.

Bartels, A.: Wilhelm v. Potenz. Dresd. und ^Baumgartner: Geschichte der Weltliteratur. Bd. 4. Freiburg i. B. 1911. 8°. .

Beawnlf: Hrsg, von Heyne. 9. Aufl. Paderb. 1910 8°.

Bethe, ®.: Hektors Abschied. S. «. Leipzig j <)Q9 4 o

Biese, A.: Deutlche Literaturgeschichte. 3. Aufl. «d. 1 3. Münch. 1910-II. 8".

Billeter, G.: Goethe. WilhelmMerstrrS thea- lralische Sendung. 2. Aufl. Zür. 19iO. 8«.

Blaß, F.: lieber dre Aussprache des Sri echt­scheu. 3. Aufl. Berl. 1888. 8°.

Braeker, U.: Das Leben und die Abenteuer de» Armen Mannes in Docken bürg. Berl. 1910.8 .

Braan, Im Schatten der Tttanen. Braunschw. IcQg §»

Brentano, Klemens: Sämtliche Werke, hr»g. von Karl Schüddekopf. München u. L. 8». — Bd. 4 und 10. 1910. „ __.

J» 151.

v-imerrtag tei 6. 3*0

58. Jahrgang.

kann ich Ihn« einen 8tat geben."

Armin sieht so ernst, so vertrauenerweckend au». — Frau Forster faßt Mut. E» tut ihr förmlich wohl, sich aussprechen, ihr Herz erletchtem zu können. Bir- ainta tit letzt immer 1» kalt, k« ftrena.

tere Ausbreitung der christlichen Gewerkschastsorgani- ätionen. , , , m

Die verschiedensten Gegner der christlichen Gewerk­schaften haben deren Bormarsch in 1910 nicht zu ver­hindern ermocht. Im Gegenteil die christlichen Ge- weckschasten haben alle gegen sie entfachten Stürme abgewehrt und sind in das Jahr 1911 eingetreten ge­kräftigt und gefestigt nach allen Richtungen hin. Sie haben ihre Kräfte während der voraufgegangenen bö- en Wirtschaftsjahre gesammelt und ihre Organisa- tionm innerlich weiter ausgebaut. Und jetzt, wo das deutsche WirffchaftSleben wieder an einer zuverstcht- lichm Stellung angelangt ist, müffen die einzelnen Streiter im christlichen Geweckschaftslager sich wieder erneut ihrer großen Aufgabe bewußt werden, mitzu­arbeiten an dem weitem soztalm Aufftiege der Arbei­terschaft im Rahmen der volkswirtschaftlichen Mög­lichkeiten und de» Bolksganzenk

ten kann ich Ihnen gewähren. Ich komme sogleich zurück."

Damit verläßt sie das Zimmer.

Frau Forster unterbotet einen Seufzer. Freund­lich ladet sie Armin ein, Platz zu nehmen.

J®ie geht e» meiner lieben, guten Ruth?"

„Natürlich gut, Fran Forster; aber sie grämt sich, weit Sie ihre wiederholten Bitten, eine Jahres­rente anzunehmen, immer wieder abschlagen."

„Das liebe, gute Kind!"

Armin rückt seinen Stuhl etwas näher zu Frau Forster heran. Forschmd ruhen seine stahlharten Äugen auf ihrem Gesicht.

.Warum nehmen Str eine solche unfreundliche Haltung gegen Ruth ein?"

Frau Forster wird rot; unruhig blickt fie nach der Türe.

„Ich — ich bin nicht schuld daran. Virginia will e» so haben."

.Dacht ich es mir doch! Wmn Fräulein Virginia ins Paulusstist eintreten sollte — ich hoffe noch im­mer, daß sie diefm Gedanken fallen läßt — aber ge­setzt, sie tut es wirklich, alsdann wärm Sie frei, zu tun, was Ihnen beliebt. Meine Frau hat mich be­auftragt, Ihnen nochmals eine Jahresrente von vier­hundert Pfund Sterling anzubietm und zwar in der Weise, daß blefdbe nach Ihrem Tode -m Ihre Erben üdergcht."

Frau Forster schweigt.

.Run?" fragt Armin mit zusammengezogenen Brauen.

। M

Meine Fran und ich wünschm lebhaft, ^hum und Ihrer Fran Mutter eine Jahresrente von vier- hundert Pfimd Sterling —"

Feindlich blitzten ihre Augen ihn an

.Schon wieder dieses lästige Thema! Ich hatte Ihnen mehr Zartgefühl zugetraut, Herr Skott. Eine

Pflicht, eine übereilte Zurückweisung nicht anzue^ kennen, bevor ich die Beweggründe weiß, mutz sie schon bitten, mich noch einige Augenblicke anzu­hören. Ihre Stellungnahme uns — meiner Frau und mir — gegenüber schmerzt uns —

Er macht eine Pause.

.Fahren Sie fort!" sagt Virginia ruhig. .D« Gegenstand des Gesprächs ist mir zwar antipathffch — aber da er nun einmal angeregt Üft wollen wir ihn gleich, für immer beenden. Fahren e>« forit.

Ihrer Frau Mama wäre mit der Rente gebient. Sie'hat mir eine Andeutung gemacht, als ob Sie, mein Fräulein, nicht damit einverstanden waren

Virginia wird noch um einen Schatten bleicher

.Sie hat recht. Ich bin das Hmdemis. Es tut mir leid — aber ich kann es nicht andern, ^ch vermag mich nicht zu ihrer Anschauungsweise zu de- kennen." , .

Bitte, ecHären Sie sich deutlicher!

'Sogleich. Daneben gibt es auch noch einen an» beten Grund, ben ich Ihnen nicht nennen kann, weil er nur meine Mutter angeht."

Armin tritt einen Schritt näher. ......

.Dieser Grund ist hinfällig, sagt er lebhas , Ihre Frau Mutter hat ihn mir bereits selbst be­kannt. Sie meinen doch die Tatsache, daß Frmi F ^ siet schon seit Monaten Kenntnis von der Existenz

Äte'fteigt in Virginias Wangen.

-ihre Züge beleben sich. Für den Moment ähnelt sie wieder mehr dem harmlos unbefangenen Kinde, wel­ches noch vor kurzem mit Nero im Pack der Wald- burg Hemmtollte.

(Fortsetzung folgt.(

vermischter.

♦♦ Eins neue militärische Erfindung. Dee hol­ländische Major Enklaar veröffentlicht in der „Jnde- lendence" die Beschreibung eines von ihm erfundenen Apparates, welcher an dem Gewehr angebracht wer­den kann und den Zweck hat, die Zielsicherheit bei Salvenschießen bedeutend zu vergrößern. Der Appa­rat gestattet, das Gewehr in eine bestimmte Wtnkel- lage zu bringen, so daß ein Abweichen wahrend de» Schießens aus dieser Linie nicht mehr möglich ist. Außer der bedeutend erhöhten Treffsicherheit hat der Apparat als weitere Vortelle eine Ersparnis an Munition, eine bessere Ausnützung und Ueberstcht der Mannschaften, eine Verringerung der Unfälle und eine Erleichterung des Nachschubs von Munition.

* Amerikanischer Nervenkitzel. Die Volksfeste an den Niagarafällen haben jetzt ihren Abschluß ge- unden. 300 000 Menschen waren erschienen, um den sportlichen Veranstaltungen beizuwohnen, deren, Nervenkitzel von Stunde zu Stunde erhöht wurde. Als Erster stieg der Aviatiker Lincoln Beachy, der chon einmal am 27. die Fälle überflogen hatte, zu einem neuen Fluge auf. Wieder gelang es ihm unter dem brausenden Jubel der Menge, seinen Aeroplan glücklich über die Niagarafälle zu steuern. Kaum war er gelandet, als schon ein neues wag­halsiges Unternehmen die Menge fesselte. Der Draht- seilkünstler Houdin kündigte an, daß er sogleich auf einem Drahtseil die Fälle überschreiten werde. Atem­lose Spannung! Und langsam balanciert der Künst­ler auf dem Seil. Als er die Mitte erreicht hat, schwankt er einen Augenblick. Hat ihn die Angst gepackt? Er kehrt um, und manch höhnisches Wort aus der Menge trifft ihn. Nun kommt das Auf­regendste, das die Werben bis zum Aeußersten an- spannt Der kühne Leauch wird in einer Tonne die Fälle durchschwimmen. Er kriecht in eine Stahl­tonne, die innen gut auswattiert ist. Die Tonne wird geschlossen und ins Wasser geschleudert Sie fällt auf eine sich hochaufbäumende Welle und totrb in einem 7 Meter hohen Bogen fortgeschleudert. Nun geht es von Strudel zu Strudel. Zwei Stunden lang dauert der Kampf mit den Elementen. Man fürchtet für das Leben des Eingeschlossenen, denn alle Anstrengungen, die Tonne ans Land zu bringen, sind vergeblich. Endlich, nach drei Stunden, wird sie von einer Strömung erfaßt und unterhalb der Fälle ans Land geworfen. Man öffnet die Tonne und findet einen ohnmächtigen Mann. Es dauert lange, bis man den Bewußtlosen wieder zum Lebe» nn uckerweckt. Und während man sich um den Ohm mächtigen bemüht, jubelt und jauchzt die vielköpfige Menge. _

— Hausmusik. Hausherr (zum Diener): .Sagen Sie doch Dem Stubenmädchen, es möchte die Klavia­tur ein wenig vorsichtiger abstauben; das ist ja eine ohrenzerreißende Musik!" - Diener: „Verzechen Herr Baron, das ist die gnädige Frau, die spielt im Salon."

* Dem vierten Hunderttausend entgegen.

»40 bis 350 Tausend gewerkschaftliche Stteiter bie christlichen Gewerkschaften ^«nblicklich in sich vereinigt, und rüstig und wacker schreiten sie dem vierten Hunderttausend entgegen.

Dar muß jeden mtt starker Genugtuung erfüllen, der in ben christlichen Organisationen einen werwol- len Bestandteil unserer heutigen Volkswirtschaft und im Gegensätze zu den mit der Sozialdemokratie eng versippten (»genannten .freien" Gewerkschaften einen für unsere christliche und nationale Ord­nung bedeutungsvollen Gewinn erblickt.

Die Genossen", die vor etwa einem Jahrzehnte schon in 'prophetischem Geiste nach den Worten eines besonders intimen Freundes der christlichen Geweck- schäften diese auf den .letzten verfaulten Krücken hum­peln" sahen, müssen jetzt beschämt gestehen, daß ihr frommer Wunfch nicht in Erfüllung gegangen ist. Alle« Schwierigkeiten, der gehässigsten Bekämpfung durch die Sozialdemokratie und die „freien" Gewerk­schaften zum Trotz sind die christlichen Organisationen in stetem Aufstieg vorwärts geschritten. Ihre Mitglieder sind Leute, die den Warnen Ge­werkschaftler mit Ehren tragen; kein Haufen planlos zusammengewürfelter Arbeiter, sondern Leute mit festen und geNärten Grundanschauungen, die wie die Mitgliederentwicklung zeigt, auch bei Stürmen nicht wankelmütig werden, sondern ihrer Organisation die Treue zu bewahren wissen. Mit diesen Tatsachen werden sich die „Genossen" ab finden müssen; abfinden müssen aber auch jene im Scharf­macherlager, die sich noch immer nicht dazu be­kehren können, die gewerkschaftlichen Organisationen bei dem Abschlüsse des Arbeitsvertrags als gleichbe­rechtigte Beteiligte anzusehen und gar noch wähnen, durch einseitigen Zusammenschluß bet Unternehmet und Einengung bet Bewegungsfreiheit der Gewerk­schaften durch eventuelle gesetzliche Maßnahmen diese „niederzwingen" oder gar „zerschlagen" zu können.

Diese Kreise sind es oor allem auch, die die Ge­werkschaften gleich welcher Richtung in einen Topf zu loerfen pflegen und sie alle ohne Ausnahme als unternehmet- und staatsfeindlich ausgeben möchten. Sie übersehen dabei aber geflissentlich, daß die chtist- lichnattonalen Organisationen von den sozialdemokrati­schen ein tiefgehender Unterschied trennt. Die christlichen Gewerkschaften stehen auf dem Boden der h e u t i g en Gesellschaftsordnung und er­kennen auch die hohe wirtschaftliche Bedeutung des Unternehmertums rückhaltlos an. Nut wollen sie einen solchen Anteil an den Erträgnissen unserer Produktion, wie es unserer wirtschaftlichen und kulturellen Gesamtentwicklung entspricht Der Unterschied zwischen christlichen und sozialdemokrati­schen Gewerkschaften offenbart sich vor allem auch in der grundsätzlichen Bewertung dec Tarifver­träge. Strömungen, die im Lager der sozialdemo­kratischen Gewerkschaften namentlich unter dem Ein­drücke des durch Schiedsspruch beendigten Kampfes im Baugewerbe sich bemerkbar gemacht haben, lassen erkennen, daß manche Kreise hier in dem Abschlüsse der Tarifverträge weniger mehr ein Mittel zum so­zialen Frieden, denn als ein solches des Klasse n- kampfes, vor allem als ein Mittel zur Steigerung der wirtschaftlichen und politischen Macht der Arbeiterschaft erblicken. Letztem Standpunkt lehnen die christlichnationalen Gewerkschaften ab. Für sie ist der Tarifvertrag nicht lediglich eine Machtfrage, sondern eine notwendige Form unserer heutigen Wirt­schaftsordnung. Die christlichen Gewerkschaften sehen in den Tarifverträgen geeignete Mittel, die zu gleicher Zeit eine ruhige solide gewerbliche Entwicklung und ein schrittweises Aufsteigen Der Lohnarbeiterklasse er­möglichen. Das ist ein Standpunkt, gegen den auch ein weitsichtiges Unternehmertum nichts Stichhaltiges einwenden, und mit dem es sich auch ohne Schädigung seiner eignen berechtigten Interessen abfinden kann.

Dem vierten Hunderttausend schreiten die christli­chen Gewerkschaften entgegen. Aber fie müffen dar? über noch hinaus, wett hinaus, sollen nicht die Bestrebungen der sozialdemokratischen Gewerkschaften, auf dem Arbeitsmackt die Alleinherrschaft zu erringen und Deutschlands Gewerbe und Industrie unter ihren einseitigen Einfluß zu zwingen, Aussichten auf Erfolg Wecken. Und Raum ist noch reichlich für eine wei-

„Jch habe ein großes Unrecht begangen", beginnt sie zögernd. „Ich — ich hatte schon Kenntnis von dem Testament lange bevor Ruth cs sand. Um Vir­ginias willen verschwieg ich es, und jetzt zürnt mir mein: Tochter. Ach, ich arme, arme Frau!"

Armin ist nicht m geringsten überrascht. Ruth hatte ihm die Tatsache bereits mitgdeilt Wie trö­stend legt er die Hand auf Frau Forsters Arm.

„Fräulein Virginia ist noch jung. Sie wissen: schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort! Ihr Zorn wird verrauchen."

„Und Sie verachten mich nicht?"

„Wie könnte ich! Ihre Handlungsweise war menschlich. Wenn das also der einzige Grund ist."

„Nein, nein, nicht der einzige."

„Wa» denn noch?"

Armin beginnt ungeduldig zu werden. Er ver­liert feine kostbare Zeit und kommt doch nicht zum Ziel.

„Ich möchte schon sprechen", meint Frau Forster zögernd, „aber ich weiß nicht, ob Virginia — doch da kommt fie selbst. Vielleicht teilt sie Ihnen den andern Grund mit. Nur noch eins: ich sehe die S«he von einem anderen Gesichtspunkte an teie meine Tochter."

Mit stolz erhobenem Kops tritt Virginia wieder ein. Langsam schreitet sie bis zur Mitte des Zim­mers und bleibt dort, die Hand leicht auf den runden Sofatisch gestützt, stehen. Noch ein besorgter Blick auf die auffallend bleiche Tochter — und Frau For­ster läßt die beiden allein.

Auch Armins Augen ruhen mit Erstaunen aus Virginias Antlitz. Der ernste, fast herbe AuSdmck der lieblichen Züge ftappiert ihn.

„Wollen Sie sich nicht fetzen?" fragt er, auf einen Stuhl deutend, da das Mädchen noch auf dem­selben Fleck verharrt.

„Nein, danke. Ich stehe lieber."

Er verbeugt sich.

„Auch ich ziehe da» Stehen vor. Sie sind gewiß einverstanden, mein Fräulein, wenn ich ohne Vor­rede aufs Ziel loskteuere?"

* AuS Thüringen, 6. Juli 1911. Der Herzog von Sachsen-Meiningen hat sich bereit erklärt, dem Fond» zur Erbauung eines Kleinkinderheims in Wasungen eine Summe dis zu 16000 Mr. zu überweisen. — Auf dem Thüringer Wald ist in den letzten Nächten die Temperatur unter Null ge­sunken. Auch in den Tälern zeigte sich Reisbildung. — In die außerordentliche Professur für technische Physik an der Universität Jena ist der Dr. tng. Karl Vollmer in Ludwigshafen am Rhein berufen worden. — In Greußen haben die thüringischen Gewerbevereine getagt. Dem Verband gehören jetzt 42 Vereine mit 6500 Mitgliedern an, nachdem die Vereine Kahla, Greiz, Stadtlengsfeld und Vacha neu beigetreten sind. Im nächsten Jahr wtll man n Querfurt tagen. .

2. Blatt.

vruck uu» Verlag »er Snlbaer Xctleebrwietei tu 8*11«.

Sus Gberhessen u. »en he«. Aemtern.

△ Marburg, 5. Juli 1911. Unter gewaltigem Andrange des Publikums verhandelte heute das Schwurgericht gegen den Steinhauer Karl Schröder genannt Lohrey, der unter der Beschuldi­gung stand, am Spätnachmittage des 29. April im Walde bei Niederweimar auf den Bautechniker Karl Mauß aus Marburg einen Mordversuch ge­macht und diesem eine Summe von 330 Mark ge­raubt zu haben. Mauß, ein 24 Jahre alter Mann, wollte au dem fraglichen Samstag die in den Niederweimarischen Steinbrüchen beschäftigten Ar­beiter entlohnen. Als er kaum den Wald betreten hatte, kam ihm an einer Wegebiegung ein Mann entgegen und feuerte ihm ohne weiteres eine Kugel in den Leib. Der Getroffene stürzte sofort zu Bo- den und sah noch, wie der Räuber einen zweiten Schuß in der Richtung nach seinem Kopf abfeuerte. Das Geschoß zerschmetterte dem Mauß die Hand, die er zur Abwehr vor das Gesicht gehalten hatte. In der höchsten Not warf Mauß nun den Geld- beutel weg, den der Räuber ergriff und in Den Wald floh. Der Verletzte ist in der Marburger Klinik so ziemlich wiederbergestellt worden. Der Verdacht lenkte sich bald auf Den arbeitslosen Schröver, der in Kölbe bei seiner Braut wohnte. Es gelang, ihn in Gemünden, wo er nach der Tat in Arbeit getreten war, zu verhaften. Der heutigen Verhandlung wohnten außer vielen Zeugen Pros. Hildebrand, Dr. v. Heusinger und Gerichtschemiker Dr. Popp-Frankfurt als Sachverständige bei. Der Angeklagte ist 1887 in Marburg geboren, in Ockers- hausen wurde ir von einer Familie namens Lohrey großgezogen. Von 1907 bis 1910 Diente er bei den Dragonern in HofgeiSmar. Trotzdem die Beweise sich ganz erdrückend häuften, leugnete er hartnäckig, der Täter zu sein. Die Geschworenen bejahten schließlich sämtliche Schuldsragen und billigten auch keine mildernden Umstände zu. Als der Staats­anwalt 10 Jahre Zuchthaus beantragte, meinte Schiö.er, man möge ihn zum Tode verurteilen. Das Urteil lautete auf 6 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust. — Die Stadt benannte zu Ehren des Marburger Ehrenbürgers Friedrich Siebert, der heute feinen 80. Geburtstag feierte, den Weg bei der Boruffen-Kneipe FriedrichSiebert- Weg.

* Kirchhain, 5. Juli 1911. Tas Kuhgespann des Schmiedemeisters Siebert ging gestern nachmittag durch. Der Besitzer wurde unter den Wagen ge­schleudert und erlitt nicht unerhebliche Verletzungen an Rücken und Schulter.

* Frielendorf, 5. Juli 1911. Die Sommer- Generalversammlung des Obstbauvereins für den Kreis Ziegenhain findet am 30. Juli hier statt. Lehrer Bälstädt dahier hält Vortrag über den Kirschbaum, seine Früchte und deren Konservierung

* Münchhausen, 6. Juli 1911. Auf der Strecke von Birkenbiinghauien bis Haltestelle Wiesense'.d der Marburg-Warburger Bahn geriet ein großer Waggon mit Holzkohlen in Brand. Dir" Wasserleitung von Wiesenfeld, welche in Anfprueh genommen werden konnte, war fehr gelegen und so konnte der Brand mit großer Anstrengung der Beamten und der Eiuwohner gelöscht werden.

Vie Macht »er Gewissens.

87] Roman von Erich Friesen.

Virginia ist aufgeftanden. Sie packt ihre Arbeit zusammen und legt sie sorgsam in den Nähkorb.

„Du weißt nicht, wie ich dich liebte und verehrte, Mama, wie ich zu dir emporbliche!" fährt fie etwas lebhafter fort. „Darum empfinde ich den Schatten, der plötzlich das lichte Bild, welches ich von dir im Herzen trug, verdunkelt, umso schmerzlicher. Viel­leicht bin ich anders geartet, wie andere Mädchen. Ich geb’ mir redliche Mühe zu vergessen — aber ich rann es nicht."

Frau Forster senkt den Kopf.

„Du bist grausam, Virginia. Ruth würde mcht fe streng urteilen. Doch was ist das?" unterbricht -e sich plötzlich. „Ein Wagen vor der Tür? Wer ver­irrt sich in diese Straße?"

„Herr Skott", erwidert Virginia Mchgiltig, Mich einem flüchtigen Blick tmrchs Fenster.

.. Roch bevor fie deck Zinnner verlassen kann. Köpft e« bereits und Armin tritt «in.

„Guten Tag, Frau Forster! Guten Tag, Fräu­lein Virginia! Freue mich, Sie beide zu Hemfe zu fceffen."

Während Frau Forster dem Besuch herzlich die Kan» schüttelt ,erttribert Virginia, den hübschen Kopf « wenig zurückgeworfen, bat Gruß kalt und gleich- gütig.

„Guten Tag! Was macht Ruth? Ist «Le» beim fllten auf der Waldburg?"

„Ruth fühlt sich wohl und dir Waldburg ist noch, .immer so schön wie vor einem halben Jahr", ent­gegnet Armin lächelnd. „Darf ich Sie um eine kurze Unterredung unter vier Äugen bitten, Fräulein Forster?"

Birginis feine Brauen ziehen sich unwillig zu­sammen.

„Ich habe wenig Zeit, Herr Skott; Sie wissen jvohl, daß ich schon nächste Woche ins Paulusstist Us Krankenpflegerin eintrete. Doch ein vaar im-