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Fulda, Montag den 3. Juli 1911

38. Jahrgang

Erstes Blatt

ÜV8 148.

Aus Mche und Schule

;u

;um die

Reichstagswahlvorbereitungen.

0 Friedberg (Oberhessen), 2. Juli 1911. Als gemeinsamer Kandidat der bürgerlichen Par» leien wurde der Amtsgerichtsrat Strack in Gießen in Vorschlag gebracht, der im Falle seiner Wahl der nationalliberalen Fraktion als Hospi­tant beitreten wird. Die Kandidatur wird erst noch den Vertrauensmännerversammlungen der einzelnen Parteien zur Beschlußfaffung vorgelegt.

* Montabaur, 30. Juni 1911. Für die Zen­trumspartei wird im Wahlkreise Montabaur-Unter- lahn-St. Goarshausen Justizrat Dr. Dahlem- Nicderlahnstein, der seitherige Inhaber des Man­dats, wieder kandidieren.

Deutsches Reich.

*♦ Berlin, 2. Juli 1911. Der Kaiser ist auf dem „Meteor" in Travemünde eingetroffen und be­gab sich auf den „Hohenzollern". Auch das Kron­prinzenpaar ist von der Englandreise in Travemünde eingetroffen. — Das Gesetz betr. die Entlastung

Ausland.

** König Georg hat ein Dankschreiben an sein Volk gerichtet,' in dem er sich für die Willkom- menSgrüße und Sympathiekundgebungen bei der Krönung bedankt. Der Brief schließt: „Welche Ver­wicklungen und Schwierigkeiten vor mir und meinem Volle liegen mögen, wir werden uns standhaft und ruhig vereinigen in dem Vertrauen, daß unter gött­licher Führung das schließlich zum Guten sein wird."

** Der Berfaffungsstreit in England verschärft sich. Das englische Kabinett hat beschloffen, dem Könige den Rat zu erteilen, neue Peers zu er­nennen, wenn das Oberhaus seine Abänderungsan­träge zum Vetogesetz nicht fallen lassen sob.e.

** Kämpfe in Portugal. An der Nordgrenze haben mehrere Gefechte zwischen Republikanern und Anhängern des Königtums stattgesunden. Die Republikaner sollen große Verluste gehabt haben, darunter 27 Tote.

** Auf der Sundainsel Timor ist es infolge von Grenzstreitigkeiten zu Zusammenstößen zwischen por­tugiesischen und holländischen Trup­pen gekommen.

** In Rußland sollen im nächsten Jahre acht Fliegerabteilungen gebildet werden; der Ministerrat bewilligte hierfür einen Kredit von rund 600 000 Mark.

die je in einem anständigen Parlament begangen wor­den", .Schwindelprojekt", „die eS am dring­lichsten brauchen, werden gar nicht versichert werden — sie werden die L a st t r a g e n, aber keiueRechte besitzen", „das famose Projekt . . . ein Attentat auf die Taschen der übergroßen Mehrheit der Ar­beiterklasse", die Arbeiterklasse soll entrechtet werden".

Und so geht es fort — alles bekannte Schlager und Phrasen. Kann man da die sozialdemokratische Krittk überhaupt noch ernst nehmen, die heute so und morgen so über ein und denselben Gegenstand urteilt — aus lauter Agitationsbedürfnis?

(') Fulda, 2. Juli 1911. Der Verein kath. deutscher Lehrerinnen, Ortsgruppe Fulda hält Mittwoch, 5. Juli nachmittags *M Ühr eine Ver­sammlung im Kloster der Engl. Fräulein ab mit folgender Tagesordnung: 1. Besprechung eingegaugener Fragen. 2. Vortrag des Herrn Proseflor Haggeney (vergl. Anzeige.)

Der Eucharistische Kongreß.

j. Madrid, 1. Juli 1911. Der König von Spanien erhielt vom hl. Vater ein Telegramm, in welchem der Papst die Königsfamilie segnet und für die Mitwirkung an der Prozession anläßlich des Eucharfftischen Kongresses dankt, deren Schilderung ihn (den hl. Vater) bis zu Tränen gerührt habe. — Der Eindruck, den die Anwesenheit des Königs und seiner Räte bei der Schlußsitzung des Eucharistischen Kongresses gemacht hat, hält an. Diese Beteiligung des Königs und aller Mitglieder des Hofes kam unerwartet, da der König sich ur­sprünglich nur an der Prozession beteiligen wollte, nicht aber an einer Sitzung. Ministerpräsident Ca» nalejas begleitete den Monarchen. Als der König erklärte, daß Spanien eine katholische Nation sei und bleiben werde und er es als eine Ehre empfinde, Herrscher dieses katholischen Voltes zu sein und daß er die Empfindungen der Mehrheit seines Volkes verkörpere, nahm der Beifall kem Ende. Die Presse bespricht lebhaft diese Beteiligung des Hofes und der Regierung. Sie bildet überhaupt zurrest das Tagesgespräch in Madrid.

des Oberverwaltungsgerichts ist nun­mehr in bet preußischen Gesetzsammlung veröffent­licht worden. — Die türkische Studienkom- misston, die inzwischen Posen und Hamburg be­sucht hat, ist jetzt in Kiel eingetroffen.

*♦ Austritt weiterer Jndustrieverbiinde aus dem Hausabuud. Aus Saarbrücken wird gemeldet: Die Vorstände der südwestlichen Gruppe des Vereins Deutscher Eisen« und Stahlindustrieller, des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen der Saarindustrie beschlossen in einer gemeinsamen Sitzung den Austritt aus dem Hansa- bund. Ferner zeigten ihren Austritt aus dem Hansabund an: der Vorsitzende des Stahlwerks­verbandes, Kommerzienrat Louis Roechling (Völllinghausen), Mitglied des Direktoriums und Großen Ausschusses des Hansabundes, die Mitglieder des Direktoriums des Zentralverbandes Deutscher Industrieller Major Richard v. Vopelius, Dr. Tille, der Geschäftsführer der Ortsgruppe Saar­brücken, der Generaldirektor der Burdacher Hütte, Kommerzienrat Edmund Weisdorsf, das Mit­glied des Gesamtausschuffes und Vorsitzender der Ortsgruppe Saarbrücken, Hüttendirektor Theodor Müller (Neunkirchen) in Firma Gebr. Stumm, Mitglied des Gesamtausschusses, und die Vorstands­mitglieder Kommerzienrat Karl Roth, Hermann Roechling, Dr. Max v. Vopelius.

* Ein .Reichsdeutscher Mittelstandsverband". Vor kurzer Zeit hat sich ein vorbereitender Ausschuß ge­bildet, um die Gründung eines „Reichsdeutschen Mittelstandsverbandes" und die Abhaltung eines Reichsdeutschen Mittelstandstages in Dresden vom 23.-25. September d. I. in die Wege zu leiten. Nach dem Ausruf will der geplante Verband keinerlei Eingriff in die schon bestehenden Mittel­standsvereinigungen, sondern er will ihre Zusammen­fassung. Der Verband soll gewissermaßen eine Zentrale fein, die ein einheitliches Vorgehen er­möglicht, und die alljährlich stattfindenden Mittel- standstage sollen den Charakter von Mittelstands- Parlamenten erlangen. Jede konfessionelle und parteipolitische Betätigung soll absolut ausgeschlossen fein. Dem Aufruf ist zu entnehmen, daß der Ver­band zu den Warenhäusern, industriellen Groß­betrieben, Konsumvereinen, Gefängnisarbeit, Sub­missionswesen usw. in handwerkerjreundlichem Sinne Stellung nehmen will. — Wir versprechen uns von dem neuen Verbände nichts, er ist auch gänzlich überflü fig. Der gewerbliche Mittelstand hat keinerlei Neuorganisation notwendig, viel notwendiger ist eine umfassende Agitation, um die Handwerker in die Organisation hineinzubringen und zur opfer­willigen aOZitarbeit zu gewinnen. Ein ganzes Netz von gewerblichen Organisationen ist über das ganze Reich gezogen. Wir haben Handwerkskammern, Zwangs- und freie Innungen, Gewerbevereine, Handwerker-Genossenschaften und -vereine aller Art, und diese Vereinigungen sind wieder zu Bezirks-, Landes- oder selbst Reichsverbänden zusammen­geschloffen, die periodisch wiederkehrende Versamm­lungen und Kongresse abhalten. Solche haben im letzten Jahre in ganz Deutschland über 100 statt- gesunden, und — was das wichtigste ist — alle be­kundeten in den grundsätzlichen Handwerkerjragen vollste Uebereinstimmung. Für eine Vermittelungs­stelle in strittigen Fragen besteht also gar kein Be­dürfnis.

)( „Meine Sozialdemokraten". Das kürzlich mit- geteilteKaiserwort: »Meine Sozialdemokraten sind gar nicht so schlimm", soll nach einer Mitteilung der über Hofaffären stets gut informierten .Allgemeinen evangelisch-lutherischen Kirchenzeitung' wirklich gefallen fern. Im Zusammenhangs soll es aber ganz anders geklungen haben. In der ersten Mitteilung habe es sich um ein Bruchstück gehandelt; es fehlte die weitere Ausführung: »gar nicht so schlimm, wie . . ."; es fehlte auch die Be­gründung zu diesem Urteil und es fehlte auch die Angabe, daß dieser abgerissene Satz aus einem Ge­spräch stammt, das schon im Herbst vorigen Jahres stattgefunden hat.

* Modernismus und Loge. Für die moder­nistische Strömung recht bezeichnend ist es, wie ihr Hauptorgan in Deutschland, „Das neue Jahrhundert" in München, in sreimaurerischen Kreisen eingeschätzt wird. Im „Zirkel" (Nr. 31/32) widmet ihm der Bruder Glücksmann überschwengliche- 8ob und bemerkt:

„Das Blatt sollte in keiner Loge fehlen, da es ge­eignet ist, rote kein zweites, über die Bewegung zu orientieren, die un8 Freimaurer auss höchste interessie­ren muß und der unsere vollste Anerkennung gilt."

DaS ist deutlich und geeignet, auch Halb- blinden die Augen zu öffnen.

— Erft so — bann so. Wie die Katz auf die Maus, so lauert der „rote" Agitator auf jede Ge­legenheit ,dem „Deutschen Michel" in der Arbeits­bluse zu zeigen, wie viel besser es doch dem Ar­beiter int Ausland ergeht. Dabei passiert manch drolliges Stückchen. — Anfang Mai legte die eng­lische Regierung dem Parlament eine Arbeiterver- sicherungsvoriage vor, die von allen Parteien freudig begrüßt wurde. SÄbft in Arbeiterkreisen fand sie — wie wir in der deutschen sozialdemokratischen Presse lesen — „wohlwollende" Aufnahme. Der „Vor­wärts" lobte die englische Gesetzesvorlage über das Bohnmlied und versetzte der in der Sozialpolitik „rückständigen und lächerlich kurzsichtigen deutschen Regierung" bei dieser Gelegenheit den üblichen Esels- tritt. Die Sache war fein ausgeklügelt. Man wollte auch dadurch ein bischen helfen, die de rischen Arbei­ter gegen die ReichSverflcherungSordnung aufzubrin- gett, die bet uns auf der Tagesordnung stand. Nun ist die ReichsverflchemngSordnung fertig. Die eng­lische Vorlage steht erst vor der Beratung. Da hat sich das Urteil in der sozialdemokratischen Presse über die Vorlage mit einem Schlage gänzlich geändert. In der „Leipz. Volksztg." Nr. 138 begegnet man folgen­den Stilblüten:

„Ein infame» Attentat", „die Minister- rede . . . eine der dreistesten Schwindeleien,

Lokaler.

Fulda, den 3. Juli 1911.

* Vom Bezirksausschuß. Die Ferien des Bezirksausschusses in Kassel beginnen am 21. Juli und endigen mit dem 1. September d. Js. Während der Ferien dürfen Termine zur münd- lichen Verhandlung der Regel nach nur in schleunigen Sachen abgehalten werden. Auf den Lauf der gesetzlichen Fristen bleiben die Ferien ohne Einfluß.

7 Versetzung. Bau-Assistent Balduin Schön­feld beim Eisenbahn-Betriebsamt Fulda ist vom 1. August ds. Js. in gleicher Eigenschast nach Höchst a. M. versetzt.

Jagdkalender für den Monat Juli 1911. Im Monat Juli darf folgendes Wild erlegt werden: Rehböcke, wilde Entm, Schnepfen, wilde Schwäne, Brachvögel, Kranich-, Wachtelkönige und alle jagd­baren Sumps- und Waffervögel ausschl. wilder Gänse. Alles andere Wild hat Schonzeit.

& Dir katholischen Mannschaften der hiesigen Garnison begingen gestern am Fraueuberge ihre Fronleichnamsfeier. Die Klosterkirche, die zugleich Garnisoukirche ist, war innen und außen festlich mit Girlanden, Fichten, Fahnen und Blumen geschmückt, besonders der Hochaltar erstrahlte in fest- kichern Glanze. Rach dem seierlichen Hochamte, bei dem Kanoniere Ministrantendienst versahen, und die Militärmusik mitwirkte, zog das Militär, über 100 Mann stark, durch die gut gepflegten Klostergärten und hübschen Obstanlagen, wo die einzelnen Altäre errichtet waren. Die lateinischen Gesänge wurden unter der Leitung von p. Bernardin von den Fran­ziskanern und einem Knabenchor ausgeführt. Feier­lich schallten die Choräle und die mtt Musikklängen abwechselnden Volksgesänge vom Berge ins Tal herab. Die eigenartig-schöne Prozession zog dann unter dem „Großer Gott wir loben Dich" wieder in die Kirche zurück, wo der letzte Segen erteilt wurde,

a. Arbeitgeber, Quittungskarten Nachsehen! In den nächsten Tagen werden die Karten durch einen Be­amten der Versicherungs-Anstalt revidiert.

iry Die Allgemeine Krankenverficherungskasse der Stadt Fulda hielt am Samstag abend eine Gene« ralv ersam m lung ab, die von 2 Arbeigebern und 57 Arbeitnehmern besucht war. Bei der Ersatz­wahl des Vorstandes wurde Kaufmann Franz Böhning, der früher schon dem Vorstand ange­hörte, neu gewählt. Das Vorstandsmitglied Köhler referierte über die neue Reichsversicherungsordnung, woran sich eine längere Diskussion schloß. Nach Abhörung der Rechnung von 1910 wurde Über Mehrleistungen der Kaffe im Falle fakultativer Familienversicherung beraten. Bei dieser Neu­einrichtung ist die freie Arztwahl nicht möglich. Die Aerzte sind jedoch mit einem Abgehen von der freien Wahl nicht einverstanden. Es wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in der die Generalversammlung den Vorstand aussordert, mit den Aerzten erneut in Unterhandlungen zu treten. Sollte eine befriedigende Vereinbarung nicht zu erreichen sein, soll eine außerordentliche General­versammlung einberufen und in dieser dann positive Vorschläge gewacht werden.

•/. Sozialdemokratie und Eisenbahnhandwerker und -Arbeiter. Man schreibt uns aus Kreisen der hiesigen Eisenbahnhandwerker: Die Sozialdemokratie ver­sucht es auf jede Art und Weise, angesichts der Reichstagswahlen Stimmung für sich zu machen. So wurde vergangenen Samstag ein Flugblatt betitelt »Ein Mahnruf an die deutschen Eisen­bahner" an die hiesigen Eisenbahner verteilt. Nach diesem Flugblatte, das die sattsam bekannten Schlag­wörter der Sozialdemokratie, wie: Ausplünderung des Volkes, Für Freiheit! für Kultur! Nieder mit der Ausbeutung usw. aufweist, müßte man an­nehmen, keine Partei, keine Organisation, wäre für die Befferstellung der Eisenbahner eingetreten als nur die sozialdemokratische Partei oder deren Gewerk­schaften. Für einen klarsehenden Eisenbahner und jeden Kenner der Verhältnisse ist ein solches Ge­bühren widerlich. Denn gerade die Beratungen des Eisenbahnetats haben augenscheinlich bewiesen, daß die bürgerlichen Abgeordneten in sachgemäßer Weise für die Interessen der Eisenbahner einge­treten sind und zwar nicht ohne Erfolg. Dieses Eintreten der bürgerlichen Abgeordneten ist doch sicher nicht auf den Einfluß der sozialdemo- kratiscljen Gewerkschaften zurückzuführen, sondern hieran haben nur die Organisationen, die auf den Boden der heutigen Gesellschaftsordnung ftet^n, ihren Anteil. Ist nun auch noch mancher gerechte Wunsch der Eisenbahn-Handwerker und -Arbeiter zu erfüllen, mancher Mißstand zu beseitigen, so wissen wir Gsenbahner doch, waS wir unserer Familie und unserem Vaterlande schuldig find. Wenn auch in Bezug auf die Organisationsfrage leine volle Uebereinstimmung unter den Eisendahuarbetteru ist, so steht doch die Tatsache sest, daß die Ruser tm Streit (sozialdemokratischer Tisenb.-Verband) sich unnötige Mühe und Kosten machen, wenn sie hoffen, Dumme zu sangen, die auf ihre Lockmittel hereui- fallen und sich und ihre Familien ungtuckttch machen. Ebensowenig Erfolg werden sie bei den kommenden Wahlen haben, denn ein Eisenbahner gibt nur dem Kandidaten seine Stimme, der für Thron und Altar eintritt.

j. Die großen nationalen olympische» Spiele, die der „Erste Fuldaer Fußballklub Borussia" gestern zum zweiten Male hier im Schloßgartcn veranstat­tete, waren ein bemerkenswertes sportliches Ereignis. Nicht nur aktive Sportfreunde aus Fulda und am, dm näheren und entfernteren Orten des Vater- landes, so aus Frankfurt, Offenbach, Aschagenburg, Köln, Würzburg, Magdeburg, Berlin ha"en sich i tn großer Zahl zur Teilnahme an den überaus mmiiug- faltigen Wettkämpfen gemeldet, auch die dem Lport mehr mit platonischer Liebe gegenübers eheudcn Be- standterle der hiesigen Bevölkerung brachten der Beranstallung großes Interesse entgegen. Das be- »ugte die aus allen Gesellschastsschichten zusammen­gesetzte Schar der Zuschauer, die den Kampftasen,

3 Eingreifen Deutschlands in Marokko.

Am Samstag abend meldete die „Nordd. Allg. Fig.", und der offizöse Telegraph beeilte sich, diese Meldung weiter zu verbreiten:

Die im Süden Marokkos interessierten deutschen Firmen haben die kaiserliche Regierung unter Hinweis zuf die Gefahren, die angesichts der Möglichkeit be8 Aebergreisens der in andermTeilenMarokkos herrschenden Unruhen ven dortigen gewichtigen deutschen Interessen drohen, um Maßregeln zur Sicherung von Beben und Eigentum der Deutschen und deutschen Schutzgenossen 'm jenen Gegenden gebeten. Die kaiserliche Regierung hat zu diesem Zwecke zunächst die Entsendung von S. M. S. „Panther", das sich m der Nähe befand, nach dem Hafen von Agadir beschlossen »md dies den Mächten angezeigt. Den in jener Gegend Maßgebenden Marokkanern ist gleichzeitig mitgeteilt worden, daß mit dem Erscheinen des deutschen Kriegs­schiffes in dem Hafen keinerlei unfreundliche Absicht gegen Marokko oder seine Bewohner verbunden ist.

Bisher hatte unsere Regierung gegenüber der ma­rokkanischen Polittk Frankreichs und Spaniens eine Geduld bewiesen, die manchem zu weit zu gehen freuen. Als die Franzosen den Marsch nach Fez an- jraten, wurden sie von unseren Offiziösen sehr sanft ■ßetoamt vor der Ueberschreitung der Algecirasakte. Daun aber herrschte offizielles und offiziöses Still­schweigen, obschon die Franzosen den Rückweg aus Fez nicht finden Tonnten und die Absicht einer dauern­den Vormundschaft über den „fouveränen" Sultan Mulay Hafid immer deutlicher hervortrat. Ebenso ver­harrte unsere Regierung in stillem Abwarten, als die Spanier in ihrer Interessensphäre zur größten Ent- ruftung der Franzosen das französische Beispiel nach­ahmten. Es schien fast so, als ob Marokko den Fran- Dosen und zu einem kleinen Teil den Spaniern aus- schließlich überlassen sei.

p Jetzt aber hat plötzlich die deutsche Regierung fcine Maßregel getroffen, die den Willen bekundet, den Schutz der Deutschen und ihre Interessen in Marokko sticht den Franzosen zu überlassen, sondern selbst zu besorgen. Das Kanonenboot „Panther" ist, 'gemäß den Wünschen der beunruhigten Deutschen, nach Agadir gesandt und dies den Mächten angezeigt worden. Agadir ist ein Hasen im.äußersten Südwesten Marokkos, er gehört zur Landschaft Sus, der süd­lichsten Marokkos. Der „Panther" ist nur ein kleines Kanonenboot mit 125 Mann Besatzung; indem die halbamtliche Ankündigung sagt, dieses Schiff sei „z u- nächst" entsandt worden, läßt sie durchblicken, daß weitere Schutzmittel herangezogen werden sollen, wenn fS zur Sicherung der dortigen deutschen Interessen notwendig wird.

In F r a n k r e i ch hat die Ankündigung des deut­schen Schrittes ein neuer Minister des Auswärtigen in dem neuen Ministerium Caillaux entgegennchmen müssen. Er hat die Antwort auf die deutsche Ankün­digung vorsichtiger Weise seinem Ministerrate Vorbe­halten. Wir sehen nicht ein, daß Frankreich irgend einen Rechtstitel hätte, um gegen die Maßnahmen Deutschlands Einspruch zu erheben. Der Wunsch der Franzosen geht freilich dahin, daß ganz Marokko ihnen reserviert bleibe; aber ein Recht auf eine solche Oberherrlichkeit haben sie nicht. Die Algecirasakte gibt 'Ahnen nur ein Vorrecht für den Grenzstreifen, neben Algeciras und gewisse zeitlich begrenzten Polizei-Voll­machten. Was insbesondere den südwestlichen Zipfel des marokkanischen Reiches jenseits des hohen Atlas, Agadir, und dessen Hinterland angeht, so haben dort die Franzosen nicht mehr Recht, als alle anderen Na­tionen. Das ist im letzten Winter noch zweifelsfrei fest- gestellt worden, als ein französisches Schiff Agadir an- stief und Frankreich diese Fahrt als eine außerordent­liche und vorübergehende polizeiliche Vorsichtsmaßre­gel cntschuloigte. Frankreich hatte aber in jenem Ge­biet keine Franzosen und keine französischen Unterneh­mungen zu schützen. Dagegen sind dort eine Anzahl deutscher Firmen mit sehr großem Grundbesitz und zahlreichem Personal tätig. Sie wünschen Schutz, weil die Unruhen vom Norden auf den Süden über­zugreifen drohen. Die Schutzbedürftigkeit werden die Franzosen nicht anzweifeln können, da sie selbst den weitausgreifenden und tief eingreifenden Marsch nach Fez unternommen haben, obschon eine ernste Be­lohnung der dort lebenden Europäer durchaus nicht jweifeisfrei erwiesen war.

Deutschland hat nicht gewartet, bis in Agadir oder seinem Hinterlande bei Bürgerkrieg bereits im Gange war. Die vorbeugende Maßnahme ist nicht bloß zweck­mäßig in Bezug auf das nächste Ziel, die Erhalttmg der Ruhe und Ordnung, sondern auch politisch vorteilhaft. Es wäre nämlich für Deutschland eine unangenehme Sage entstanden, wenn etwa der Aus­bruch von Unruhen in der dortigen Gegend von den Franzosen ober einer dritten Macht zum Vorwande genommen wäre, ihrerseits Schisse und Truppen nach Agadir zu schicken und so den Anschein zu erwecken, als ob Deutschland nicht berechtigt ober nicht befähigt sei, bie eigenen Lanbsleute und deren Jnterrffen zu schützen. Dir Franzosen und ihre näheren Freunde werben jetzt bie Hoffnung aufgeben müssen, baß Deutschland sich aus bem Marokkohanbel geduldig „aus schalten" lassen werde. Will Frankreich durchaus an die Verspeisung des marokkanischen Ku­chens gehen, so wird es zum mindesten auf das süd­westliche Stück des Kuchens verzichten müssen. Zu­fällig bildet gerade dieser Zipfel einen der besten Teile von Marokko. Die dortigen deutschen Unternehmer haben eine gute Wahl getroffen, und es wäre eine Schande und ein Schaden für Deutschland, wenn wir sie den französischen Eroberungsgelüsten ausliefern wollten. Wir hoffen zuversichüich, daß die Sache ohne Friedensstörung sich regelt.

<? München, 2. Juli 1911. Die Ortetet« Hetze der M. N. Nacht, hat nunmehr auch den Lehrkörper des Luitpold-Gymnasiums, dessen Rektor Herr v. Ortetet ist, auf den Plan gerufen. Das Lehrerkollegium bedauert in einer Erklärung diese Angriffe auf den Rektor ausS lebhafteste und betont, daß auch in Zukunft die Lehrer der Amtsführung ihres Rektors das vollste Vertrauen entgegenbrinaen. Zi Schluffe werden die Angriffe der M. N. N. auf Professoren, die als Hampelmänner hingestellt waren, entschieden zurückgewiesen. ,Die M. N. N/ setzt inzwischen ihre Hetze fesch und frech fort. Welche Früchte diese Hetze zeitigt, geht auS der Mitteilung des B. Kur. hervor, daß die Familie des Herrn v. örteret seit mehreren Tagen nächtlicherweile durch andauerndes heftiges Läuten der Hausglocke behelligt wird. Diese Lausbüberei können die M. N. N. alS ihren ureigenen Erfolg buchen.

□ Fulda, 2. Juli 1911. Nach dem .Amtlichen Schulblatt/ ist die Schulamtsbewcrberin Elisabeth Mohr mit der Verwaltung einer Schiitstelle in Rückers, Kreis Fulda, beauftragt worden. Versetzt wurde der Lehrer Ramb von Maberzell nach Neuenberg, Kreis Fulda. In den Ruhestand ge­treten ist der Lehrer Dickert in Salmünster, besetzen sind freie Schulstellen mit katholischen Be­werbern in Somborn, Kreis Gelnhausen, (Lehrer, 1.Oktober); Simmershausen. Kr. Gersfeld,(Lehrerin, 1. Okt.); Eckardroth, Kr. Schlüchtern, (Lehrer, so­gleich); Naumburg, Kr. Wolshagen, (Lehrer, sogleich); Maberzell, Kr. Fulda. (Lehrer, zum Diensteinkommen 300 Mk. Mehrbetrag für Kirchendienst, 1. Oktober).