Fuldaer W Zeitung
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Monatrbeilager „8uldaer GeschichtZblätter
Fulda, Samstag den 1. Juli DH
Erstes Blatt.
38. Jahrgang
Jv8 147.
ertatttrt täglich MN rkruah»» Hx ro.m- »«-Zeiertege.Viertel- WrNch«v«r»gMeir ohne vrdlgrrwh« und VefteSgeldinMdaf«. «irm»«orrtr1.soMr.
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Sotationsdruckund Verlag der Zuidaer N- Henbruderei in Fulda Zernsprecher Nr. 4.
Mutter und Tochter sind allein.
„War jemand da, Mama?" fragt Virginia, den Kopf von der Mutter Schuller hebend. „Ich hörte soeben eine Tür gehen."
Zärtlich streichelt Frau Forster die ttänenfeuchten Wangen ihres Lieblings.
„Gilbert Donald war hier, mein Kind."
„So hat er auch gehört —* Virginia wischt sich über die Augen. „Es schadet übrigens nichts. Er und seinesgleichen wird sowieso bald nichts mehr mit uns zu tun haben wollen l"
Tief seufzt sie auf. Dann faßt sie die Mutter bei der Hand und sagt leise, ihre Stimme zur Festigkeit zwingend:
„Setz dich, liebe Mama! Ich will dir alles er- zäbl-'n. Aber erst lies dies Dokument — ach, sich nur!" Beklomnien wehrt Frau Forster ab.
„Laß nur, mein Kindl Ich kenne den Inhalt."
„Wie, Mama? was sagst du?" Weit öffnet Virginia die Augen. „Ach, ich habe dich mit meiner dummen Aufregung erschreckt — 0, und ich muß dir noch viel Trauriges mitteilenI Arme, liebe Mama!" Und wieder birgt sie ihren Kopf an der Mutter Brust.
Frau Forster schweigt. Ihr graut vor dem, was jetzt kommen muß. Mit Aufbietung aller Energie zwingt fie sich zur Ruhe.
„Nun, mein Kind?" fragt sie endlich matt, wäh- renb eg in ihren Zügen vor verhaltener Erregung zuckt. „Was hast du mir mitzuteilen?"
Kurz und gedrängt erzählt Virginia das ganze nächtliche Abenteuer von dem Augenblick an, da Ruth das Licht anzündete bis zu dem schrecklichen Moment, als Virginia das verhängnisvolle Dokument in den Händen hielt.
„Ach, Mania, liebe Mama! Was kann Ruth mit den Worten gemeint haben: „Das Testanient ist ge- fAscht! Ich habe meine Seele dem Teufel verkauft!" ... In meinem Kopf dreht sich alles im Kreise — ich bin ganz wirr, liebste, beste Mama!"
Frau Forster ist oie Kehl: wie zugeschnürt. Ein paarmal öffnet sie die Lippen, bevor sie gewaltsam hervorstößt:
Ausland.
♦♦ Wir eS gemacht wird. In einer Studie über den Geschäftsbetrieb der Wiener Großbanken ist das ,91. W. Journal', ein liberales Skandal- und Böricn- djatt, unvorsichtig genug, einiges davon auszu- plaudcrn, wer eigentlich die liberalen Wahlen in Wien gemacht hat. Auch sonst kommen schöne Bekenntnisse edler Seelen in dem Bericht vor. Da liest man:
Von größeren Verlusten blieb man erfreulicher- weise verschont. Ja, die em,einen JnUiiute ersparen sogar die viertel oder halbe Million, die man ihnen seinerzeit „fürs Kind" abgepreßt hat, denn der Beitrag, den sie für die Wahlkosten freiwillig leisten muß. ten, war wesentlich kleiner. Wenn wir also nicht noch im Herbste Neuwahlen bekommen, so wird das Spesenkonto nirgends außerordentliche Steigerungen aufweisen. Nur das der Unionbank wird durch die letzten Ereignisse mit fast einer halben Million belaste,.
Also die Wiener Großbanken haben den Mammon zu den liberalen Wahlen hergegeben.
„Es ist so, mein Kind, wie das Testament angibt. Ruths mysteriöse Worte sind nur ein Ausfluß ihres krankhaft überreizten Hirnes; darauf darfft du keinen Wert legen. Zürne ihr nicht; sie ist ein edles, wahrhaft großherziges Geschöpf! . . . Und, Virginia, mein liebes, liebes Kind, auch ich habe dir etwas zu gestehen. Bedenke dabei: das, was ich tat, war nur für dich, zu deinem Besten!"
Frau Forsters Stimme wird immer leiser. Es ist, als ob die Worte an ihrer Zunge klebten.
Virginia springt empor.
„Du hast mir etwas zu gestehen, Mama? Nehmen die Überraschungen gar kein Ende,"
„Vor einigen Monaten —" beginnt Frau Forster zögemd — „vor einigen Monaten fand ich bereits das Testament. Ich las es und — ach Virginia, mach' nicht so große Augen!"
„Weiter, Mama! Weiter!"
„Du tust mir wehe, Virginia! Laß meine Hand los!"
„Ja, ja; aber sprich nur! Sprich!"
»Ich — fand also das Testament. Ich fand es dort ,wo du es heute nacht fandest. Sieh mich nicht so entsetzt an, Kind! Ich dachte — später, toenn du verheiratet wärst — und reich und glücklich — dann wollte ich--auf einmal war das Testament ver
schwunden. Zuerst hatte ich Angst; dann freute ich mich. Manchmal hielt ich das ganze nur für einen bösen Traum . . . Jetzt weiß ich, daß Ruth das Testament gefunden, daß sie es verborgen hatte. Schon seit langem weiß sie, daß sie die eigentliche Erbin der Waldburg ist — das edle, uneigennützige Mädchen! Und sie hat nichts davon gesagt! . . . Nun muß die Freude über ihre baldige Hochzeit ihre ohnehin überreizten Nerven noch mehr eregl haben, sodaß sie allzu lebhaft träumte. Im Schlaf trug sie das Dokument zu derselben Stelle zurück, von der sie es vor Monaten genommen. . . . Es fft ja gut so — ja, ja, es ist gut! Aber du, mein armes Kind —'
„Denk' dabei nicht an mich!" fällt Virginia heftig ein. Ihre sonst so sanften Augen sprühten. „Ich
— ich hatte einen Augenblick Verdacht auf Ruth, während ich doch —"
Sie vollendet den Satz nicht; aber vor ihrem tief- traurigen, vorwurfsvollen Blick senkt Frau Forster die Lider .
„Ich tat es für dich," murmelte sie schuldbewußt. „Verzeih' mir, mein Kind!"
„Ich - ich will es versuchen, Mama!"
Virginia verläßt rasch das Zimmer. Ihr ist, alK cb in ihrem Herzen eine Saite gesprungen wäre.
23. Kapitel.
Ein Maitag voll Entzücken ...
Die Waldburg hat ihr festlichstes Kleid angelegt. Türen und Fenster sind bekränzt.die Wege im Pack mit frischem Kies bestreut, die Rasenplätze non jedem Tüpfelchen Unkraut befreit. Auch der Rosengarten prangt in vollstem Glanze. Di^vielen Rosenbaum- chen und Sträuche: biegen sich fast unter der Last der Blüten. Die lange Allee vom Hause bis hinunter zum Varktor ist mit Blumen bestreut; hier und da ragt ein girlandenumwundener Triumphbogen mit transparen- ten Willkommengrüßen empor. Auf beiden Seiten dieser Feststraße bildet eine erwartungsvolle Menge Spalier. Das ganze Dorf hat sich eingefunden — jung und alt, groß und klein. Selbst Greise humpeln an Stöcken herbei; Kranke, von den Angehörigen sorgsam geführt, schleichen daher . . .
Am Fuß der breiten Freitreppe versammelt sich die Dienerschaft — die Männer in nmer, silberbetreßter Livree die Frauen und Mädchen in srischgestartten, Hellen Kattunkleidem mit weißen Häubchm und Schürzen . . . Und auf allen Gesichtem ehrliche, Helle Freude. Gilt es doch, die neue Gutsherrin an ihrem Ehrentage zu begrüßen — ihr verehrtes ^autem Ruth, die jetzige Frau Armin Skott! Nun gehört sie zu ihnen für immer. Ihre liebe Gestalt wird wie früher in den Hütten bere Armen austauchen; ihre fränbe werden Gaben austeilen, ihre Appen Trostes- worte spenden. Ihre Kinder werden im Pack 1 pie- len bewundert und verzogen von den Dorsbewohnern, wie ehedem die kleine Ruth selbst . . . Ach, wie schön wird das alles sein! kAiortiebun^ »olw 1
in welcher Höhe, das beweist ja das Spesenkonto der Unionbank. Es wird immer einleuchtender, daß der internationale GroßkapitaliSmus und der Liberalismus identische Begriffe sind. Wunder- hübsch ist es ja auch, daß die Großbanken, die für den liberalen Klingelbeutel so viel übrig hatten, zu Zeichnungen für das Kind „gepreßt" werden mußten, zu Zeichnungen, die auf Anregung des Monarchen erfolgten, der sich jede andere Ehrung für feinen Jubeltag verbeten hatte, als die Stiftungen zum Wohl der Kinder. Es geht doch nichts über ein gutes, empfindsames Herz — wie eS die Machthaber der Wiener Banken augenscheinlich haben! DaS liberale Blatt hat sich durch seine Indiskretion sehr „wohlverdient" gemacht.
* Blutige Bauernunruhen in Oesterreich. In der Umgebung von Kalusz in Galizien kam es infolge lebhafter Wahlagitation zu Bauernunruhen. Die Bauern steckten mehrere Häuser in Brand, zerstörten Brücken und beschädigten Eisenbahnschienen. Ein bisher unbestätigtes Ge- rücht besagt, daß es zu einem Zusammenstoß zwischen Bauern und Miliiär gekommen sei, bei dem mehr als zweihundert Personen verwundet und einige getötet worden sein sollen
** In Belgien betrug nach den eben veröffent- lichten Ergebnissen der letzten Volkszählung die Zahl der Bevölkerung am 31. Dezember 1910 7 516 730 Seelen. Die größte Stadt des Landes ist noch immer Antwerpen, mit 320640 Einwohnern, Brüssel zählt deren nur 195 630, wobei allerdings nicht vergeffen werden darf, daß die Hauptstadt von einem Kranze mit ihr eng verwachsener Vorstädte umgeben ist, die man anderwärts längst eingemeinbet hätte. Mit diesen Vorstädten zusammen, dir von der eigentlichen Stadt nicht mehr zu trennen sind, hat Brüssel beinahe 800000 Einwohner. In politischer Hinsicht ist das Ergebnis deswegen bemerkenswert, weil die neue Bevölkerungszahl die Erhöhung der Abgeordnetensitze um 22 nötig macht, wovon nach den bisherigen Berechnungen die Mehrzahl den Liberalen» oder Sozialisten zugute kommen dürste.
** Caillaux vor der Kammer. In der sranzö- fischen Deputier tenkammer verlas am Freitag der Ministerpräsident Caillaux und im Senat der Justizminister Gruppt die Programmerklärung der Regierung, die besagt, daß das Parlament zuerst die Frage der Abgrenzung der Wein- -gebiete sowie die Wahlreform erledigen solle. Im übrigen werde die Regierung sich zunächst daraus beschrän-.m, dir dringendsten Reformen zu verwirklichen. Sie verlange ferner, daß die Laienschule verteidigt werde und das Einkommensteuergesetz schnell zur Verabschiedung komme.
** 100 000 Kinder als Gäste des englischen Königs- paares. Der König, die Königin, der Prinz von Wales, die Prinzessin Mary und die Prinzen Albert und George begaben sich gestern in Automobilen, aus dcr ganzen Strecke jubelnd begrüßt, nach Bem Krystallpalast, wo hunderttausend Schulkinder geladen waren. Durch die Anlagen begaben sieh die königlichen Herrschaften in offener Equipage, um sich mit jeder der vielen kleineren Kindergruppen mehrere Minuten lang zu unter- halten. Von großen Erfrischungshallen wurde je ein Täschcherr mit Limonade und Kuchen an jedes Kind verteilt. Der Jubel war unbeschreiblich.
** Knltmkamps in Uruguay. Im Gebiet der Republik Uruguay zirkulieren Petitionen, die sich mit den ktrchenseindUchen Maßnahmen des Präsidenten Battle befassen. Battle erließ die Verfügung, daß die Feldgeistlici en abgesetzt werden sollen und daß die Nationalflagge sich nicht vor einem religiösen Symbol senken dürfe. Die Petenten behaupten, derartige Verfügungen seien Gesetze, die der Ge- nehmigung der Volksvertretung und der Volksabstimmung unterliegen.
Aus Mrche und Schule.
F. Fulda, 1. Juli 1911. Während des nun zu Ende gegangenen Monats Juni waren allabendlich die Andachten zu Ehren des göttlichen Herzens Jesu in der Klosterkirche am Fraueuberge über- aus stark besucht, so daß die Kirche stets mit ©laubigen gefüllt war. Gestern abend war Schluß des Herz-Jesu-Monals mit Ansprache, feierlichem Umgang und Tedeum.
L Fulda, 1. Juli 1911. Im Laufe dieses Monats, am 25. Juli, dem Feste des hl. Jakobus, werden folgende 11 Diakone unserer Diözese die heilige Priesterweihe empfangen: August Ackermann aus Zillbach, August Bre hler und Franz Mehlmann aus Geisa, Martin Drissel und Joseph F i l t h a u t aus Fritzlar, Leo Herbert aus Zirkenbach, Gg. Kind und Ant. Wohlgemuth aus Fulda, Richard Möller aus Neuhof, Emil Weber ans Thaiden und Konrad Wieder aus Niederklein.
ch. Fulda, 1. Juli 1911. In der letzten Sitzung des Bezirks-Vereins Fulda des katholi- scheu Lehrer-Vereins am Bachrain, in der Herr Zahntechniker Rapp»Fulda einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über die Zahnpflege und deren Bedeutung hielt, wurde eine ständige Jugeudschriften-Kommission gebildet und in diese gewählt die Herren Sell-Kohlhaus, Ritz-Peters« berg und Hütsch-Horas. Für bie nächste im August abzuhaltende Konferenz haben die Herren Vogel- Keulos und Agricola-Kü "ll Vorträge übernommen.
* Würzburg, 1. J»!i .911. Genehmigt wurde, daß vom Bischof von Würzburg die kath. Pfarrei St. Michael zu Aschaffenburg-Damm dem Pfarrer Val Reu ß, Eltmann, und die kath. Pfarrei Rohrbach dem Subregens Dr. Val. Schmitt im bischöfl. Klerikalseminar zu Würzburg, verliehen werde.
J. Nom, 30. Juni 1911. Am Mittwoch abend begab sich der Papst in den Petersdom, um am Grabe des Apostelfürsten zu beten. Weder das Kardinalskoüegium noch andere päpstliche Würdenträger begleiteten ihn, sondern nur die Antikamera und ein kleines Pikett der päpstlichen Garde. Gellern hielt Kardinal Rampolla als Erzpriefier der Basilika ein feierliches Pontifikalamt.
Der Eucharistische Kongreß.
J. Madrid, 29. Juni 1911. Den Glanzpunkt beS Eucharistischem Kongreffes bilbete bie heutige R i e- s e n p r 0 z e s s i 0 n, an ber sich über 2 50 0 0 0 Personen beteiligten. Die reizenb geschmückten Straßen, die mit Girlanben und kostbaren Gobelins behangenen Häuser, bie zahlreichenTriurnphbogen und Altäre hatten Madrid in einen prunkvollen, ungeheuren Tempel verwandelt. Rund 100 Tonnen Blumen waren zum Streuen, Werfen und Ausschmücken verwendet worden. Die Witterung war warm und btt Himmel leicht bewölkt. Die gesamte Garnison bilbete in Gala Spalier. Ein Regiment und zwei Schwadronen, befehligt von einem Feldmarschall und drei Generalen, begleitete das hl. Altarsakrament als Ehrenwache. An bet Spitze ber Prozession ritten 25 Zivil- garben unb uniformierte königliche Reiter, bann folgten zahllose Gruppen in je 12 Personen stacken Querreihen unb kleinen Abständen. Unter den Teilnehmern befanden flch 20 000 Schulkinder unb 80000 Arbeiter. An 4000 Banne: wurden gezählt. Man sah Abordnungen ber beiden Kammern, ber spanischen Granbenschast, ber Akademien, die Ritter des Heiligen Grabes unb von St. Johannes von Jerusalem, 7 Erzbischöfe, 65 Bischöfe, 3000 Domherren, Pfarrer unb Prälaten. Vor bem Baldachin des päpstlichen Legaten schritten königliche Hellebarbenträger in ihren schmucken Kostümen: Vollzählig vertreten war ber Stadtrat, flankiert von golbfuntelnben Wappenherolden. Dann folgten die Felbmarschälle, Offiziere, die Ritter vom goldenen Vließ, bie Präsibenten ber hohen Gerichtshöfe, bie Beamtenschaft, bie Mitglieder des Adels in altertümlichen Prunkkaroffen, bewafsiiete
Die Macht bes Gewissen;.
83] Roman von Erich Friesen.
„Unmöglich!" fällt Gilbert kopfschüttelnb ein. J^dj höre soeben Fräulein Virginias Stimme auf ber Treppe."
Frau Forster horcht auf.
„Wirflich. bas ist Virginias Stimme. Was mag passiert sein? Entschuldigen Sie einen Augenblick! Fch will nut nachsehen —"
Da öffnet sich auch schon bie Tüt. Virginia tritt ein. Sie ist zu erregt, um Gilbert, ber im Schatten sitzt, zu bemerken. Schnell geht fie auf bie Mutter zu. f „Da bin ich wieder, Mama. Ruth schlief noch, als ich bie Walbburg verließ. Sie weiß nichts ba- von . . . Ach, Mama, es war ja alles nur ein Irrtum! Wir — wir haben kein Recht auf bie Walb- burg — ach — ach--" ihre Stimme versagt; sie
tiridit in Tränen aus. „Ach, liebe, gute Mama," schluchzt sie auf, die Anne um ben Nacken ber Mutter schlingend, „wir sind wieder arm, ganz arm! Ach, Mama, es ist so häßlich, arm zu sein!"
Virginias Auflegung, ihre mystischen Worte sind don ganz verschiedener Wickung auf die beiden Zuhörer.
, Impulsiv tritt Gilbert rasch einige Schritte näher. Er hebt das Dokument auf, welches Virginia in Ihrer Erregung zu Boden hat fallen lassen und überfliegt die Ueberschrist.
Testament von Ursula Palmer.
‘ Was bedeutet das? Ec weiß, daß Frau Forster Fräulein Ursula Palmer beerbte, well kein Testament gefunden wurde. Jetzt hält er ein solches Testament W Händen, unb augenscheinlich ist Frau Forster nicht y* „,tn- Wer ist es denn? Ein unbehagliches Gefühl, über welches er sich keine Rechenschaft geben kann, beschleicht Gilbert. Ihm ist es gleich, ob Virginia reich ist ober arm; er liebt sie um ihrer selbst willen. Wer unwillkürlich verbinbet er mit biesem fo plötzlich aufgetauchten Testament ben Gedanken an feinen Freund Armin ... Gr legt das Papier auf den Tisch unb zieht sich leise zurück.
Deutsches Reich.
? Berlin, 30. Juni 1911. Der Kaiser begab sich Freitag morgen an Bord des „Meteor", um an der Wettfahrt des Kaiserlichen Nachtklubs und des Norddeutschen Regatta-Vereins von Kiel nach Travemünde teilzunehmen. — Die Kaiserin ist Nachmittags mit der Prinzessin Viktoria Luise im Sonderzug nach Station Wildpark zurück- gereist. — Das königliche Staatsministerium trat heute zu einer Sitzung zusammen. — Der Gouverneur von Kamerun, Dr. Gleim, ist wie der ,Nat. Ztg.' gemeldet wird, als Generalkonsul für die Spanisch-Westasrikanischen Besitzungen Fernando-Po und Muni ernannt worden. -
* Die Schulkonferenz, die auf Veranlassung des Kultusministers einberufen worden war, begann gestern im Kultusministerium. Erschienen waren etwa 15 Provinzialschulräte. Die Erörterungen drehten sich insbesondere um Fragen interner schul- technischer Art.
* Tas amerikanische Geschwader hat gestern vor- mittag den Kieler Hafen verlassen. Bald nach 9 Uhr machte das Flaggschiff „Luisiana" von der Boje los und fuhr, begleitet von den übrigen drei Linienschiffen, an den deutschen Kriegsschiffen vorbei, wobei die Schiffe Flaggengrüße austauschten.
4- Das Büro des Abgeordnetenhauses versendet an bie Berliner Presse einen längeren Artikel, welcher sich in Hinsicht auf bie Angriffe ber Liberalen gegen ben Präsidenten v. Kröchet mit ber Frage beschäftigt, ob die Geschäftsleitung des Präsidenten in ber Sitzung vom Mittwoch im Einklang mit ber Geschäftsorbnung bezw. ber Praxis gestanben habe. Nach biefer Darstellung war das . Verhalten des Präsidenten v. Kröchet durchaus korrekt unb bie amtliche Erörterung hat burchaus recht, wenn sie am Schluffe sagt:
Es kann also trotz aller erregten mündlichen unb schriftlichen Erörterungen festgestellt werben, baß bei ber Anberaumung ber 98. und 99. Sitzung von feiten des Präsidenten vollkommen innerhalb feiner Befugnisfe und Pflichten gehandelt und bei ber Feststellung unb Verkündigung der Tagesordnung burchaus fachgemäß und im Gei ste der Ge• schäftSordnung verfahren ist.
Diese amtliche Auslassung stammt offenbar aus ber Feber bes Direktors im Abgeordnetenhaufe, Herrn Geh. Rahnungsrat Plate. Auf Herrn Plate, bczw. dessen Kommentar zu ber Geschäftsorbnung bes Abgeorbnetenhauses hatte sich Herr Pachnicke im Ab- georbnetenhause berufen, nm festzustellen, baß ber Präsibent unkorrekt gehandelt habe. Nun heißt es 'aber in dem Kommentar ausdrücklich, daß bie Tages- orbnung sämtlichen Mitgliedern des Hauses zugestellt werben müsse, baß aber von bem Druck ber Tagesorbnung nach bet Praxis bes Hauses unb bes Reichstages abgesehen werbe in ben Fällen, wo noch Feststellung ber Beschlußunfähigkeit an demselben Tage nach kurzer Zeit eine neue Sitzung mit derselben Tagesordnung ftattfinben. Werde in solchem Falle eine neue Tagesordnung, d. h. also eine Tagesordnung mit neuen Beratungsgegenstänben ausgegeben, so müsse sie ben Abgeordneten in ben Berliner Wohnungen zugestellt werben. Im Abge- orbnclcnhaus ist nun eine neue Tagesordnung m» neuen Beratungsgegenstänben vom Präsidenten gar nicht festgesetzt worben, es brauchte also weder eine neue Drucklegung, noch eine Verteilung in ben Wohnungen zu erfolgen. Es scheint, baß Herr Pachnicke ben Kommentar nicht gründlich gelesen hat, auf jeden Fall ist es interessant, festzustellen, daß aus dem Kommentar, auf ben Herr Pachnicke sich berufen hat, klar hervorgeht, baß Herr v. Kröchet burchaus ber Praxis b es Hauses entsprechenb gehan- belt hat.
-s- Der bescheidene Freisinn. Im. Reickstag hat das Zeutrum in früheren Jahren wiederholt darauf gedrungen, daß bei der Gestaltung des außerordent- lichen Etats eine reinlichere Scheidung statt
finden müfft"zwischen den Ausgaben, die wirflich in bett außerordentlichen Etat hineingehören, also aus Anleihe genommen werden müßten, und solchen Ausgaben, die ihrer Natur nach in den ordentlichen Etat gehörten. Speziell der Abg. Speck hat diese Forderung im Reichstag wiederholt vertreten, denn seit der Jahrhundertwende machte sich bei der Reichsfinanzlritung bezw. bei den ReichSressortS das Bestreben geltend, möglichst viel auf ben außerordentlichen Etat abzuschieben, um so die Kassen der Bundesstaaten zu schonen. AIS nun neulich der Jahresabschluß der Reichshauptkasse für 1910 bekanntgegeben wurde, wurde eS dabei als zweite Aufgabe der Reichsfinanzreform bezeichnet, die Be- lastung des außerordentlichen Etats in die Grenzen zurückzuführen, die bereits feit einiger Zeit gezogen feien. Offiziös wurde dies dahin erläutert, daß der Reichsschatzsekretär die Absicht habe, die einmaligen Ausgaben nicht-werbender Natur, die zur Zeit noch im außerordentlichen Etat vorhanden seien, künftig auf den ordentlichen Etat zu übernehmen. Die .Freisinnige Zeitung' schreibt nun in Nr. 151:
„Sehr gut! Damit würde sich also ber ReichSschatz- sekretär daS Finanzprogramm zu eigen machen, das schon vor Jahrzehnten von den § r e i J i n n i g en aufgestellt unb vertreten worden ist, während bisher die Regierung, unterstützt von einem willfährigen Reichstagsmehrheit, daS Deutsche Reich immer weiter in Schulden gestürzt hat."
Das ist ja zum Kugeln. Mit Recht bemerkt die ,Kreuzzeitung', ein ReichSschahsekretär, der nach dem Finanzprogramm der Freisinnigen wirtschaften wollte, wäre eine Sehenswürdigkeit, die kein Panoptikum sich entgehen laffen würde, aber in ber Praxis wäre er ein Unding. Stimmt, und wenn sich ein solcher Reichsschatzsekretär wirklich einmal fände unb die Finanzwirtschaft nach dem Rezept des Freisinns eingeführt würde, so würde es nicht ein halbes Jahr dauern, und das deutsche Volk hätte ben Staatssekretär mitsamt dem Freisinn zu Paaren getrieben.
** Die Schwerindustrie und der tzansabund. In einer gestern in Essen abgehaltenen Sitzung des Bezirksausschusses des Haniabundes für den Ruhrbezirk, die von 58 Herren besucht war, und in der Geheimrat Kirdorf den Vorsitz führte, wurde mit allen gegen elf Stimmen beschlossen, aus dem Hansabund auszutreten und einen neuen Bund zu gründen, ber nach den alten Richtlinien des Hansabundes die Interessen von Hande! und Industrie vertreten soll. Der neue Bund will nicht gegen, sondern mit bem Hansabund arbeiten, will aber die Politik des Geheimrat Ricßer, insbesondere seinen scharfen Kampf gegen rechlS, nicht mitmuchen, fondern eine Politik der mittleren Linie verfolgen. Vertreten waten viele leitende Männer der Schwerindustrie. Geheimrat Kirdorf hat in einem Schreiben an Geheimrat Ricßer fernen Austritt aus dem Hansabund näher begründet.