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Mittwoch den 28. 3«ni |9((.

38. Jahrgang.

* fuldaer W Leitung •

2. Blatt.

vruck Mb Verlag der Fuldaer AeNendrnSerel in «fnlbe.

* Eine brennende Frage!!!

Ein Wort an die Eltern

und deren militärpflichtige Söhne.

Wieder rückt die Zeit heran, wo eure Söhne zum Militär eintreten müssen. Mit banger Sorge schaut ihr vielleicht schon lange dieser Zeit entgegen, da chr fÜK zwei oder sogar drei Jahre der Stütze eures Sohnes im Haushalt oder im Ackerbau, seines Ver­dienstes, den ihr in eurem Alter oder bei der großen Kiuderzahl so gut gebrattchen könntet, auf längere 'Zeit entbehren müßt. Noch größer ist eure Beküm­mernis, und das mit Recht, wegen der vielen und großen religiös-sittlichen Gefahren, die nun einmal mit diesen Jahren verbunden sind. Das war immer so; das ist in den letzten Jahrzehnten aus verschie­denen Ursachen eher schlimmer als besser geworden. Bischöfe in ihrem hochzeitgemäßen gemeinsamen Rundschreiben von Fulda (1. Adventsonntag 1909), „daß das Laster der Unzucht leider auch in den Soldatenstand, in diese Schule der Zucht und Ord­nung, eingedrungen sei, und daß . . . es dort nicht wenige gebe, welche sich zu groben Ausschweifungen verführen laffen . . . und das Gift der Sünde nach­her weiterschleppen".

Doch, christliche Eltern, sind auch groß die Ge­fahren des Soldatenstandes, groß mtb vielfach sind auch die Schutzmittel, die den jungen Leuten gerade in unserer Zeit geboten werden. Von euren elter­lichen Weisungen, Mahnungen und Warnungen an Eure Heranwachsenden Söhne, und namentlich auch von euren Sorgen und Gebeten für dieselben wäh­rend der Dienstjahre rede ich gar nicht. Wie mancher junge Mann hat sich in den Versuchungen und Lockungen des freien Großstadtlebens nur gehalten durch die Erinnerung an seine Mutter. Ihr Wort — ihr Blick — ihr Gebet machte ihn stark.

Auch rede ich nicht davon, daß die Jünglings- und Gesellenvereine mit allem Eifer daran arbeiten, ihre militärpflichtigen Mitglieder schon lange vor­her diesbezüglich aufzuklären und deren Charakter zu festigen.

Ein besonders wirksames und recht erprobtes Mittel der Soldatenfürsorge, ein Mittel der Sol­datenfürsorge, ein Mittel für junge Leute aus der Stadt wie vom Lande, für solche, die einem Verein angehören oder auch nicht, ein Mittel, dessen sich alle Militärpflichtigen mit großem Nutzen bedienen können, ist die Teilnahme an einem „Kursus reli­giös-sittlicher Borträge für Militärpflichtige" (Re- rruten-Exerzitien).

Was sind Rekruten - Exerzitien? Nekruten-Exerzsiien sind Vortragskurse über reli­giös-sittliche Wahrheiten, die dem Verständnis und dem Bedürfnis der angehenden Soldaten angepaßt borgetragen werden. Damit aber diese Vorträge desto tiefer in Geist und Herz eindringen, kommen die betreffenden jungen Leute zu 30 bis 50 in einem kigens dazu eingerichteten Hause für 3 Tage zusam- tnen, fern von aller Arbeit und Zerstreuung. Täg­lich werden des Morgens und Nachmittags mehrer- IBorträge gehakten; die übrige Zeit wird mit entspre- Henden Lesungen oder kurzen religiösen Hebungen 'ausgefüllt. Für Wolmung und Kost wird in dem betreffenden Haufe gesorgt gegen eine kleine Ver­gütung von nur 4 Jt für die drei Tage zusammen.

In Viersen hat man mit diesen Rekruten-Exer- !itien im Jahre 1905 begonnen mit 50 Mann; auch n Münster i. W. wurden derartige Hebungen wie­derholt obgehalten, desgleichen in Trier, Engelport, Risa, Vechta, in Hannover, sowie in versckiedenen Orten Süd-Dentschlands. Wie zugkräftig aber der­artige Veranstaltungen sich erweisen, und wie bereit- willigst die jungen Leute derartige Gelegenheiten be- .nützcn, beweist die ungeahnt große Beteiligung. Zählte man doch im Jahre 1910 bereits 4305 junge Männer, die vor ihrem Militärantritt diesen reli­giös-sittlichen Hebungen sich unterzogen. Zudent sei bemerkt, daß bei den letzten Kursen wiederholt 30, 60, ja bis 100 Mann abgewiesen werden mußten, da immer nur eilte beschränkte Anzahl untergebracht werden kann. Tie Teilnehmer an diesen heilsamen Alebungen warett nicht bloß Handwerksgesellen, Berg­leute, Fabrik- und Hüttenarbeiter, sondern auch Inanche Kauslettte, Btireattgehülsen, sowie verschie­dene Einjährig-Freiwillige. Recht erfreulich war es, daß auch sehr diele junge Leute vom Lande sich ein­sanden.

Doch warum diese Neuerung? Weil sie gut und zeitgemäß ist. Warum? Die Exerzitien bringen euren Söhnen

1. Aufklärung über manches, was sie wissen müs­sen. Das steht fest: Alle, welche vor der Milt- tärzeit einen Exerzitien-Kursus mitmachen, er­fahren genau, vor welchen Dingen sie sich während ihrer Milttärzeit besonders zu hüten haben, um gesund an Leib und Seele zu bleiben;

2. Erweiterung und Vertiefung ihrer Religions- kenntniffe: Glaubensüberzeugung;

3. Charakterfestigkeit: jedes Opfer, jedes Gebet stählt den Charakter, macht stärker und edler und besser.

Jünglinge, was tut euch während eurer Dienst­jahre mehr not, Eltern, was könnt ihr euren Söh­nen jetzt besseres wünschen als: Aufilärung, Glau­bensmut, Charakterfestigkeit.

Und der Erfolg? Die Wirkung ist viel­fach tiefgehend und dauernd für Geist und Willen. Viel Gutes wird durch diese Veranstaltungen ge­stiftet, und wohl noch mehr Böses verhindert. Das geht u. a. klar hervor aus den vielen Soldatenbrie­fen, die überall her bei den Pfarrern, den Präsides und den Exerzitienmeistern immerfort einlaufen.

Da heißt es noch nach einem Jahr und-später. „Noch immer denke ich an die schönen Tage der Exerzitien zurück." „Die Tage der Exerzitien gehen mtr nicht aus dem Gedächtnis." „Immer bin ich unserm Herrn Kaplan dankbar, daß er mir die An­regung gab, Exerzttien zu machen. Hätte ich keine Exerzitien vor der Militärzeit gemacht, ich wäre ver­dorben und hätte andere verdorben." „Es war gut, ja notwendig für mich, Exerzitien zu machen. Ich habe gute Exerzitien gemacht. Bei der ersten Beichte beim Militär hatte ich keine schwere Sünde zu beich­ten." Ein wackerer Gefreiter schreibt aus einer der größeren Garnisonstädte: „Alles, was ich in den Exer­zitien mir vorgenommen habe, konnte ich allerdings nicht halten. Doch dem Gebete bin ich stets treu geblieben, und bei schlechten Reden und Zoten tue ich nie mit. Allerdings konnte ich nicht verhindern, daß manche andere anfangs unverdorbene Kame­raden von anderen verführt, und auch mit in schlechte Häuser geschleppt wurden. Das bringt aber bei mtr niemand fertig. Dann denke ich immer an das, was Sie uns in den Exertizien so eingeschärft haben, „das ist mir zu gemein! Immer nobel!" Hnd daß ich bisher Mut und Kraft hatte, diesen Verlockungen zu widerstehen, das verdanke ich ganz allein den Exerzitien. Das können Sie allen Rekruten sagen, die kontmen, um Exerzitien zu machen." In einem andern Briefe: „Für mich wie für manchen andern waren die Exerzitien ein Rettungsanker." Wieder­um: „Tausend Dank meinen lieben Eltern, daß sie mir rieten, die Exerzitien mitzumachen. Ich bin um vieles bester geworden." Oesters heißt es so oder ähnlich: „Möchte doch jeder, der seiner Wehr­pflicht genügen und Soldat werden muß, vorher ölche Exerzitien mitmachen. Dann würde man ölche traurige Sachen, wie man sie mitunter erlebt, nicht sehen" usw. ttsw.

Was Wunder, daß nach solch schönen Erfolgen der Hochwürdigste Herr Armeebischof Dr. Vollmar chreibt, es sei täglich sein Gebet, daß die Einrich­tung der Rekruten-Exerzitien recht viele Nachah­mung finden möge.

Darum, Jünglinge, die ihr eintreten müßt zum Militär, zögert und überlegt nicht lange, kommt und überzeugt euch! Ihr Eltern aber tut alles, damit eure Söhne sich an einem der unten näher bezeich­neten Exerzitien-Kurse für Militärpflichtige betei­ligen. Weg mit solchen oder ähnlichen Einwen­dungen, daß man derartige Veranstaltungen auch icüher nicht gekannt habe, oder sogar, daß euch da­durch einige Mark Tagelohn verloren gingen, daß die Feldarbeit dies jetzt nicht zulasse usw. Väter, Mütter, sind denn heute die Zeitverhältnisse nicht ganz anders geworden, als sie noch vor 20 bis 30 Jahren waren? Hnd sind die Seelen eurer Kinder nicht mehr wert als alles Geld und Gut?

Heberlegt deshalb mit euren Söhnen und sorget ür möglichst baldige und frühzeitige Anmeldung. Sonst könnte es leicht geschehen, daß wegen Heber« iüllung des Hauses manche abgewiesen werden müs- en; und das wäre im Interesse eurer Söhne sehr zu bedauern.

Eltern! Sollte die Anteilnahme eurer Söhne an diesen so überaus heilsamen Hebungen wirklich ein Opfer verlangen, bringt es! Nachdem ihr fchon so viele Opfer für eure Kinder gebracht, bringt auch dieses noch! Gerade für diese echt christliche Eltern­fürsorge werden euch eure Söhne danken zeitlebens, und Gott wirds euch lohnen ewiglich.

Ihr jungen Freunde aber, die chr euch rüstet zu den Jahren, die vielleicht entscheidend find euer ganzes Leben, hört auf des Vaters und der Her Wille. Hnd dann voran nach des Dichters

Wort:

Werdet Männer! Treu und stark. Deutsch und christlich bis ins Mark!

Die Rekruten-Exerzitien finden statt im Bon i- fatiuskloster in Hünfeld:

1 von Samstag den 12. August, abends 8 Hhr, bis Dienstag den 15. August (Mariä Him­melfahrt), nachmittags 4 Hhr;

2 . von Samstag den 19. August, abends 8 Hhr, bis Dienstag den 22. August, nachmittags 4 Hhr.

Spätere Exerzitienkurse können eingerichtet wer­den, sobald sich genügen!) Teilnehmer dafür melden.

Anmeldungen mit genauer Angabe von Bor- und Zunamen und Wohnort wolle man bald­möglichst richten

An das Bonifatiuskloster in Hünfeld. .

Aur dem Nachbargebreie.

* Witzenhausen, 26. Juni 1911. Wie man als Oberkellner zur Hauptfigur eines Theaterstückes wird, zeigt der neue Spielplan des Kasteler Resi- denzthealers. Wie noch erinnerlich, war einer hier auftretenden Traumtänzerin auf eine „schlagfertige" Beantwortung eines kleinen Wortstreites von dem betreffenden Oberkellner die Quittung in einer wei­teren Ohrfeige überreicht worden. Diese Ohrfeigen- ge'chichte, die ja eigentlich nur auf die Köpfe der aktiv Beteiligten hätte einwirken sollen, ist nun auch bei zwei Schwankdichtern nicht ohne Folgen ge­blieben und erscheint unter dem Titel „Die Traum­tänzerin" auf der Bühne des Kasteler Residenz­theaters, wo sie eine gute Ausnahme fand. Das Werk selbst ist ohne jede Bedeutung und wird sicher bald von der Bildfläche verschwinden, immerhin wird der dramatisierte „Ober* manchem Zuschauer Spiß bereiten.

* Frankfurt a. M., 28. Juni 1911. Die Fleischer- Innung zu Frankfurt a. M. hat in Hebereinstimmung mit dem Gesellenausschuß bei dem Regierungspräst- benten in Wiesbaden den Antrag gestellt, die Aus­nahmebestimmung für Metzgereien, die eine fünfstün­dige Arbeitszeit an Sonntagen gestattete, aufzuheben und dagegen die Arbeitszeit auf drei Stunden herab­zusetzen, wobei die Ruhepausen in Wegfall kommen.

* Aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden, 28. Mai 1911. In Mademühlen im Dillkreis wurde in ast allen Kartoffelpflanzungen ein Schädling „Kar­toffeltriebbohrer" festgestellt. Tiefer Schäd­ling ist hier seither Nur selten beobachtet worden. Außer an Kartoffeln tritt er auch an Erdbeeren, Ho­ffen und Reben auf und ist in England sogar in grü­nen Tomatenfrüchten beobachtet worden. Die von dem Schödling befallenen Triebe zeigen eine welke Spitze. In dem Triebe sitzt er in Gestalt einer Raupe.

* Oberingelheim, 28. Juni 1911. In der Affäre des Brudermörders Wolf, in der am 7. Mai der Adolf Wolf seinen älteren Bruder Johann auf dem Felde erschoß, hat die Hntersuchung jetzt dazu geführt, daß auch die Schwester des Mörders, Luise Wolf, verhaftet und ins Hntersuchungsgesängnis nach Mainz gebracht wurde.

Amt Geisa und Umgebung.

* Geisa, 28. Juni 1911. Auf dem St. Gangolfi- berge fand am Sonntag das Gruppenfest der Gruppe 12 des Großh. Sachs. Krieger- und Militür- vereinsbundes statt, mit dem gleichzeitig ein Kornblumentag verbunden wurde. Der Fest­tag wurde früh durch Kanonenschüsse und Weckruf eingeleitet. Vormittags fand auf dem Marktplätze

ein Konzert statt. Nachmittags 3 Hhr nahmen die Kriegervereine auf dem Marktplatz Paradrauf­st e l l u n g und kurz darauf erschienen die Ehren­gäste: Bezirksdirektor v. Groß und Bergwerksdirektor Pfordten-Buttlar. Nach einer Ansprache des Be> zirksdirekwrS fand ein Parademarsch statt, worauf sich der Festzug durch die Stadt nach dem Festplatz in Bewegung setzte, wo Konzettvorttäge mit An­sprachen, Kinderbelustigungen, Turnspielen ab- wechselten.

i Bacha, 27. Juni 1911. Großartige Lei­stung des Evangelischen Bundes! In Weimar fft am 22. Juni eine Hauptversammlung des Evangelischen Bundes für Sachsen-Weimar abgehal­ten worden. Diakonus Weyrich-Weimar erstattete dort als Schriftführer den Jahresbericht. Darin nannte er unter den als „wichtigste Punkte" aus dem Jahresbericht hervorgehobenen Tatsachen folgenden „glänzenden" Erfolg der evangelischen Sache: „In Vacha ist die Gefahr eines katholischen Krankenhausbaues glücklich abgewehrt wor­den. Tort wird ein evangelisches Krankenhaus ge­baut worden." — „Stimmt an das Lied vom braven Mann mit Orgelton und Glockenklang!" Denn noch einmal ist durch die Heldenhaftigkeit thüringischer Bundesbrüder trotz des Falles Jatho und seiner be- denkltchen Begleiterscheinungen der Protestantismus „gerettet" worden — durch die Vereitelung des „ka­tholischen Krankenhausbaues" in Vacha.

* Dorndorf, 28. Juni 1911. Hier gerieten zwei kroatische Arbeiter in einen Streit, in deffen Verlauf der eine den anderen mit einer Eisen st ange auf den Kopf schlug, sodaß dieser bewußtlos zusammenbrach und in das Krankenhaus überführt werden mußte. Der Täter, der sich Theodor Rydasz nennt, wurde in Haft genommen.

* Oechsen, 28. Juni 1911. Auf der Gewerkschaft Heiligenmühle bei Oechsen fiel beim Ausfahren ein Bergmann aus dem Förderkorb und stürzte in den 100 Meter tiefen Schacht hinab auf die unten arbeitenden Bergleute, von denen einer getötet und zwei lebensgefährlich verletzt wurden. Auch der Hinabgestürzte war sofort tot.

* Aus Thüringen, 28 Juni 1911. Vor dem Eisenacher Schwurgericht wurde der Flei­scher Franz Meyer aus Kloster Schlegel (Oesterreich) wegen Mordes zu 12 Jahren Zuchthaus unter Ver­tagung mildernder Umstände verurteilt. Meyer unter­hielt mit dem Dienstmädchen Marie Heller ein Lie­besverhältnis. Er versuchte das Verhältnis zu lösen und bedrohte die Heller mehrmals mit dem Tode. Als ihm das nicht gelang, lauerte er seiner Geliebten auf der Straße auf und versetzte ihr mehrere Meffer- stiche, die den Tod des Mädchens herbeiführten. Er flüchtete zunächst, wurde aber in Langensalza ergrif- en. Meyer war geständig. — In der Nähe von Spichra ertrank beim Fischen in der Werra der 40 Jahre alte Maler Christian Andrees aus Eisenach. Andrees ist Vater von acht Kindern. — Im Lager von Ohrdruf geriet ein Sergeant vom 82. In­fanterie-Regiment mit dem Feldwebel in Streit, wo­bei letzterer geschlagen wurde. Der Sergeant wurde narb Göttingen ttansportiert. — Das bekannte Stu­dentenbierdorf Lichtenhain, das rings von weimarischem Gebiet umschlossen ist, und ebenso die Gemeinde Köstriz, werden von der meiningischen Regierung an Sachsen-Weimar ausgetauscht.

Aus Gberheffen u- den Hess. Aemtern.

A Marburg, 28. Juni 1911. Bei dem nächste Woche beginnenden Schwurgericht kommen fol­gende Fälle zur Verhandlung: Postaffistent Thomas- Gladenbach, Verbrechen im Amt; Händler Joh. Schultheis-Marburg, Meineid; Korbmacher H. Boos- Hartenrod, Meineid; Dienstmagd Hoffmann-Kirch­hain, Kindesmord; Steinhanec Schröder-Ockershau­en, Mordversuch und Straßenraub. — Gestern fand die B i s m a r tf f e i e r der Marburger Studenten­schaft in der althergebrachten Weise auf den Höhen der Lahnberge statt.

* Kirchhain, 27. Juni 1911. Der Kreiskrie­gerverband Kirchhain hielt gestern seine 39. De­legiertenversammlung in dem festlich geschmückten Torfe Emsdorf ab. Sämtliche 33 Vereine hatten ihre Vertreter hierzu entsandt, sodaß die Versamm­lung die stattliche Teilnehmerzahl von 108 aufwies.

Die Macht ds§ Gewissens.

81] Roman von Erich Friese n.

„Wie komisch du bist, Virginia! Ich habe ja die ganze Zeit über von nichts anderem geredet, als .von Liebe!"

Gewiß. Aber der Grundton hatte einen anderen Klang als sonst."

Betroffen blickt Ruth die Freundin an.

„Vielleicht hast du recht. . . . Aber ehe ich mich ganz in Selbstsucht verliere, laß mich dir noch einen tauten Rat geben, Virginia! Ich bin sehr, sehr glück­lich. Ich nröchte, daß du ebenso glücklich würdest. Du «erstehst mich?"

„Ich verstehe dich, Ruth. Aber ich möchte über die Angelegenheit nicht sprechen."

Doch Ruth läßt sich nicht einschüchtem.

„Du würdest geborgen sein als Lord Donalds Gat- ftn," fährt sie eindringlich fori, „und deine liebe, vor­treffliche Matter wäre eine große Sorge los."

„Ich wäre geborgen? Meine Mama wäre eine Sorge los," wiederholt Virginia verwundert. „Was meinst du barmt? Sind wir nicht reich genug, um solche Bedenken für immer von uns zu weifen?"

Ruth beißt sich auf die Lippen. Wie konnte sie nur eine solch unvorsichtige Aeußerung tun! Hnd ipe bemüht sich, die Unterhaltung in gleichgültige Bah­nen zu lenken.

In der Röhe des Parktores scheuen plötzlich die tbe vor einer am Wege hockenden Gestalt. Rur Mühe kann der Kutscher die Tiere zurückhalten, rothaariger, sich wie wahnsinnig geberdender Kerl wimmernd im Straßengraben. Seinen Lippen ngt sich beständig der ängstliche Ausruf:

„Die Sonne Bringt es an den Tag! Die Sonne Klingt es an den Tag!"

Geisterbleich springt Ruth im Wagen empor.

„Schnell vorbei! Schnell, schnell!" herrscht sie den ffstscher an.

„Während der Mann auf die Pferde loshaut, hält Ruth sich mit abgewandtem Gesicht die Ohren zu. Ihre Züge sind angstvoll verzerrt.

Als der Wagen in den Park einbiegt, wird Ruth ruhiger. Sie fängt wieder an, von ihrem Glück zu reden. Die unheimliche Erscheinung im Straßengra­ben ist vergessen.

Da Virginia und Ruth ganz unerwartet in der Waldburg eintreffen, ist nur ein kleiner Teil der Dienerschaft anwesend. Die meisten Zimmer sind nicht in Ordnung. Das ganze Haus macht einen kalten, ungewohnten Eindruck.

Ruths übertriebene Lebhaftigkeit ist ins Gegenteil umgeschlagen. Sie fühlt sich derart matt und nie­dergedrückt, daß sie sich bald in ihr Zimmer zurück­zieht.

Virginia folgt dem Beispiel der Freundin; doch kann sie ganz gegen ihre Gewohnheit nicht einschlasen. Sie ist müde; behaglich dehnt sie die Glieder. Trotz­dem — sobald sie die Augen schließt, beschleicht sie ein eigenes, niederdrückendes Gefühl von Verlassen­heit. Zum ersten Mal in ihrem Leben lauscht sie angstvoll auf die nächtlichen Geräusche um sie her. Eine durch und durch gesunde Natur hat sie stets über Gespensterfilkcht und dergleichen Gebilde einer krankhaften Phantasie gelacht. Heute ertappt sie sich wiederholt, wie sie erschreckt den Kopf vom Kiffen hebt und in die Dunkelheit hinanshorcht . . . Das Rauschen des Windes in den kahlen Baumkronen, das gleichmäßige Tröpfeln der Dachrinnen, ja das zeit­weise Anschlägen eines der Hunde im Hof — alles ängstigt sie . . ,

Die alte Rokoko-Uhr draußen in der Halle meldet eine Stunde nach der anderen — Virginia kann nicht schlafen. Jetzt schlägt die Hhr dreimal. Virginia seufzt tief auf. Schon drei Hhr! Virginias Unruhe wächst. Es hält sie nicht mehr im Bett. Hastig steht sie auf, wirst rasch einen wollenen Schal über und öffnet leise die Tur zu Ruths Schlafgemach. Ob Ruth wohl schlafen kann?

Vom Bett hex ertönen tiefe, regelmäßige Atem­

züge. Beunruhigt schließt Virginia die Tür und legt sich wieder nieder.

„Wenn Ruth schläft, warum sollte ich nicht schla­fen können?" denkt sie. „Ruth hätte eher Grund, auf­geregt zu fein, als ich . Wie angenehm und ruhig mein Leben doch dahinfließt! Ich mag nicht heiraten — nein. Schöner kann es doch nie werden. Jenem Unsinn mit Gilbert Donald muß ein Ende gemacht werden. Er ist wirklich ein netter Mensch — aber nein, er ist eigentlich nicht nett. Er hat uns getäuscht, hintergangen, belogen — dabei ist er. doch ein Gentle­man durch und durch. Wenn er mich wirklich liebt, von ganzem Herzen, wie man ein Mädchen lieben soll — wer weiß! . . . Nein, nein, auf keinen Fall! Ich heirate überhaupt nicht. Ich bleibe mit meiner lieben Mama zusammen, mein ganzes Leben lang, hier in der prächtigen Waldburg. Jeden Tag ge­winne ich das alte Haus lieber. Ich möchte nicht wie­der fort — Horch, ein Geräusch! Was ist los?"

Virginia fliegt im Bett empor. Ihr ist, als ob im Nebenzimmer ein Streichholz angezündet würde.

„Ruth!" ruft est. „Ruth!"

Keine Antwort. Wieder bemächtigt sich Virgi­nias jene quälende Unruhe. Barfuß eilt fte in Ruths Zimmer.

In der Mitte des Gemaches steht Ruch im langen, weißen Nachtgewand. Ihre linke Hand hält den Leuchter hoch über dem Kopf; grell beleuchtet das flackernde Licht ihr gänzlich farbloses Antlitz, um wel­ches wirr die blonden Locken hängen.

„Ruth!" ruft sie. „Ruth!"

dämpster Stimme. „„Was machst du da?"

Ruth weicht etwas zurück; doch erwidert sie nichts. Wie geistesabwesend bewegt sie den Kops ein paarmal hin und her. Starr blicken die großen Augen ins Weite.

Virginia überfällt eine schreckliche Angst. Sie hat ost gehört, daß man Nachtwandler nicht wecken soll. Was aber tun? Jedenfalls darf sie Ruch nicht eher verlassen, bis dieselbe wieder ruhig im Bett liegt . . .

Sie eilt in ihr Zimmer, wirst hastig einen Mor- aenrock über, rieht Strümpfe an und kehrt gleich dar­

aus zurück. Noch immer steht Ruth auf demselben Fleck, die verschleierten Augen auf eine altertümliche Kommode in der Ecke des .Zimmers gerichtet . . .

Plötzlich bewegt sich die weiße Gestalt. Sie stellt das Licht auf die Kommode, eilt dann leichtfüßige nach dem Schrank, zieht aus der Tasche eines Kleides einen Schlüssel, öffnet damit ein silberbefchlagenes Juwe­lenkästchen, drückt auf eine Feder, worauf ein Geheim­fach anfspringt, entnimmt demselben einen weiteren Schlüssel und eilt nun zur Kommode.

Mit atemloser Spannung verfolgt Virginia jede Bewegung der Nachtwandlerin. Was kann die Freun­din wohl zu solch außerordentlichen Vorbereitungen bewegen? . . . Jetzt wiegt Ruth den Schlüssel in der Hand, während sie ein paarmal tief und schwer aus- seuszt. Dann steckt sie ihn hastig in die Kommode und schließt auf.

„Natürlich tu' ich es!" murmelt sie dabei fast unhörbar, so daß Virginia nur abgerissene Worte ver­steht. „Ich tue alles, was du willst, Armin. Wozu auch Angst haben? Hahaha!"

Sie preßt die Hände an die Schläfen, hockt sich nieder und öffnet die Schublade. Dann nimmt sie mit nervöser Hast ein dickes, zusammengefaltetes Per­gamentpapier heraus, ergreift den Leuchter und — husch, ist sie zur Tür hinaus. Schnell wie der Wind folgt ihr Virginia. Jede Unruhe, jede Gespenster- stucht ist verflogen. Das natürliche, gesunde Empfin­den hat gesiegt.

Während Ruths Bewegungen, so lauge sie sich im Schlafzimmer aufhielt, langsam, lässig, fast zögernd waren, scheint sie jetzt Flügel zu haben. Hin gehts iwn Korridor entlang, treppauf, treppab, vorbei an Türen und Rischen, durch Hallen und Gänge. Kaum vermag Virginia ihr zu folgen. . . .

Vor Frau Forsters Schlafzimmer bleibt Ruth fte^en. Hastig stößt sie die Tür auf, läuft zum Schrank, schiebt die Wand beiseite und fliegt mit Windeseile die schmale Wendeltreppe hinaus nach Dem geheimen Gemach.

(Fortsetzung folgt.)