Zeitung
fuldaer
* Wer fördert den Aberglauben? Die liberalen
Münchner N mesten N^ttchten" haben sich gegen- - Recht das meiste Gewicht darauf legen, daß d^ Recht- wärtia wieder einmal Lourdes und die Wunder über- sprechung gerade in den Strafsachen von dem Verhau!? vorgenommen, wobei auch dicke Unwahrheiten trauen des Volkes getragen werde, muffen unbedingt
Reuest. Nachrichten", die vome auf der ersten Seite so kräftig wieder den „Aberglauben in Lourdes" zu Felde ziehen, selbst dm allerdicksten und plunip- sten Aberglauben kräftig unterstützen und verbreiten, weil dieses Verbreiten ihnen — Geld trägt. In Nr. 277 erscheint z. B. folgendes Inserat:
Aus Oberhessen u. den Hess. Aemtern.
* Marburg, 27. Juni 1911. Dem Dichter Dr. Julius Rodenberg in Berlin wurde aus Anlaß seines 80. Geburtstages von der philosophischen Fakultät der hiesigen Universität der Titel eines Ehrendoktors verliehen. R. war ut den 50er Jahren Marburger Student.
* Wabern, 26. Juni 1911. Der von der Bahnverwaltung angelegte neue Weg über das Mhienen- gleise beim Bahnhof mußte natürlich eine nicht unerhebliche Steigung habm; es ist deshalb ein stellen, weise 10 Meter hoher Damm aufgeführt. Durch diesen Damm Men sich die Eigentümer einiger in der Nähe des Dammes stehenden Häuser beschwert Sie habm deshalb Schritte getan, und verlangen Besei- lrgung dieser Urbelstände. Sicher ist, daß sie — wenn sie geahnt hätten, daß ihnen je einmal so ein Berg vor ihr Haus gebaut würde, nicht an der Stelle gebaut hätten.
* Niedennarsberg, 25. Juni 1911. Die Arbeiten an der Diemettalsperre beim nahen Helminghausen, die vom hiesigen Talsperren-Bauamt geleitet werden, schreiten rüstig vorwärts. Augenblicklich wird m unmittelbarer Nähe der Sperranlage ein großes Be« amten-Wohnhaus errichtet, in welchem die Ver« messungsbeamten und Bau-Ingenieure wohnen sollen.
* Fritzlar, 26. Juni 1911. Wir meldeten gestern, daß bei den G e sch ütz v o rfü h ru n g en im Vor- führungsring der Kasseler Landwirtschaftsausstellung ein wertvolles Werd gestürzt und derart verletzt wor- dm sei, daß es getötet werden mußte. Das betroffene Geschützgespann gehört zu der hiesigen reitenden Abteilung des Kurhessischen Feldartillerie-Regiments Nr. 11. — Daß auch eine Stadtgemewde mit dem Eisenbahnfiskus sich über den Wert der zum Bahnbau nöligen Gelände nicht einigen kann, dürfte nicht gerade häufig vorkommen. Unsere Stadt ist in dieser Lage und läßt es aus die Enteignung und Feststellung der Preise im Enteignungsverfahren ankommen, weil ihr für das zur Erweiterung deS Bahnhofs erforderliche Gelände nicht genügend geboten ist.
der Sesfion. Die VertrauenSmänner.Verfammlung der ZentrumSpar'ei hat damals dementsprechend Prof. Spahn für den Rest der Legislaturperiode ausgestellt und zwar unter der ausdrücklichen Be- dingung, daß im nächsten Jahre an feiner Stelle ein einheimischer Kandidat nomimert werde. Diese Sachlage veranlaßt dar in dem Wahlkreise maß. gebmde Paderborner,Westfälische Volksblatt', gegen eine abermalige Kandidatur SpahnS Stellung zu nehmen. Es nennt weiter dre.Wlederaufstellung deö 9ßrnf ©petbtt nach bett betcuuitett Sotlotntntuifen, sowie namentlich angesichts der starken Gegnerschaft im Wahlkreise im höchsten Grade untunlich m,d meint, die von unberufener Seite ausgehenden Be- strebungen, die aus eme Wrederaufstellung Spahns hinzielen, müßten den Wahlkreis in groß« Schwierig, keilen bringen. - Uebrigens lieft man eben Dr Martin Spahn nun emen neuen Wahlkreis gefunden habe, er werde wahrscheinlich in H a g e n a u im Elsaß aufgestellt werden.
— Stuttgart, 24. Juni 1911. Bei der Generaldebatte zum Justtzetat in der württembergischen Zweiten Kammer hat der Abg. G r o b e r unter dem größten Beifall sämtlicher Patteien eine bedeutsame Rede gehalten, in der er u. a die Frage des neuen Strafrechts und der Zuziehung der Laren auch in der B e r u f un g s i n st a n z behandelte Er forderte, daß für diese Zuziehung vo» Laien auch »n der Bemfirngsinstanz die württembergische Regierung stärker und fester eintrete, als seither geschehen, besonders nachdem Preußen den entgegengesetzten Standpunkt eingenommen habe. An dieser Frage entw>eide sich das Schicksal der jahrelangen Arbeit. Nicht erfreulich wäre es, wenn alle diese Arbeit in den Papierkorb wanderen werde. Bezüglich der Zuziehung von Laien in der Berufungsinstanz seien die gleichen Gegensätze in zehn und zwanzig Jahren noch gerade;» vorhanden, wie heute. Es seien das gewifie Juristen, die es nicht ertragen können, wenn an ihrer Seite Laien mit gleichem Recht mitentscheiden sollen. Nachdem aber nach dem Vorschlag dere verbündeten Regierungen die Berufungsinstanz bei der Straflammer sein soll, kon,me man um die Zuziehung der Laien oar nicht herum. Diejenigen Regierungen, die mit
zugezogen werden, komme das natürliche Rechtsempfinden zur Geltung, und das sei tausendmal mehr wett als eine hochgelehtte Entscheidung, die schließlich kein Mensch begreifen könne. Gelehrsamkeit und Gerechtigkeit sei zweierlei.
Dienstag den 27. 3uni X9U.
38. Jahrgang.
ist der Bau einer Schule und einer Wasserleitun- geplant. . L >
* Arolsen, 25. Juni 1911. Im Lause des kom- wenden Herbstes findet in unserer Residenzstadt eine Ausstellung für heimische Kunst und heimt« cheS Kunstgewerbe statt. Die Ausstellung elbst soll in den dis zum Herbst vollständig fertig gestellten Räumen des neuerbauten Waldeckischeu Krüppelheimes stattfinden.
Deutsches Reich.
♦ Kaiser und Gymnasialreform. Wir haben Mitteilung davon gemacht, daß ein Frankfurter Gewährsmann der „Post" das Treiben gewisser Kreise in Frankfurt a. M. zur Beeinfluffung des Kaisers in Sachen einer Beeinträchtigung des
Aus dem Nachbargebiele.
* Hersfeld, 26. Juni 1911. Der Arbeiter Pfaff- möller dahier, der vorige Woche einen Mordversuch aus seine Frau unternahm, hat sich in vergangener Nacht in seiner Zelle des Amtsgerichtsgefäng. insses mittelst Bettuches erhängt.
* Melsungen, 26. Juni 1911. Vermißt wird seit Montag die hiesige Schülettn Elise Kasper gen. Salzmann. Sie ist 13 Jahre alt, ziemlich groß, hat dunkles Haar und die Zöpfe am den Kopf gelegt. Das Mädchen hat sich wegen einer zu erwartenden Strafe, die es sich geringer Vergehen halber zugezogen hatte, von hier entfernt.
* Sontra, 26. Juni 1911. Einen schweren Unfall erlitt der 18jährige Dienstknecht K. des hiesigen Rittergutes. Beim Drehen mit einem Heuwender schlug das eingespannte Pferd aus und zerschmetterte K. das linke Bein. Der Verunglückte wurde dem Landkrankenhaus in Hersfeld zugeführt.
* Volkmarsen, 26. Juni 1911. Unter dem dringenden Verdacht unerlaubter Fischerei sind dieser Tage sechs Männer verhaftet worden. Die Strafe wird sie umso schärfer treffen, da sie, um die Fische leichter zu fangen, Dynamit verwendet haben, wodurch die Brut auf längere Zeit verloren gehen wird.
* Vom Westerwald, 26. Juni 1911. Glückliche Zustände herrschen in dem Dörfchen Arlertchen im Steife Westerburg. Tie Gemeinde erhebt keine Steuern und ist trotzdem in der Lage, die 20 000 Mark betragenden Kosten für die gegenwärtig stattfindende Melioration einer Viehweide zu tragen. Außerdem
. 2. Blatt.
vrllck xxb Verlag der gnlba« Actiendruckeret iw $ul»a.
Amt Geisa und Umgebung.
* Dermbach, 26. Juni 1911. Der hiesige Ziegenzuchtverein hat beschloffen, nachdem da. Großh. Staatsministettum die Abhalwng eines Zie- genmarktes hier genehmigt, am 30. Juli d. I., zugleich mit dem Schtoeinemartt einen Ziegenmarkt abzuhalten.
* Stadtlengsfeld, 26. Juni 1911. Hier wird erzählt, daß am Samstag mittag Baron v. Etchel- Streiber am Rückertsberg ein Zusammentreffen mit dem Wilderer Klotzbach gehabt habe. Klotzbach hatte ein Fäßchen Bier vor sich gehabt, welches er kurz zuvor auf der Hohenwart gestohlen hatte.
♦ Gerstungen, 26. Juni 1911. Beim Rangierdienst geriet der 22 jährige Hilfsrangierer Baruhke von hier auf dem hiesigen Bahnhofe zwischen die Puffer. Den inneren Verletzungen, welche B. davontrug, ist der Unglückliche erlegen.
* AnS Thüringen, 26. Juni 1911. Für die Hochschule der bildenden Künste in Weimar, die demnächst neu aufgebaut wird, hat der Großherzog 150000 Mark gespendet. — Auf dem Werkplatz eines Zimmermeisters in Gotha spielte die vrer« jährige Tochter bei einem Holzstapel, ein Balken fiel herab und tötete das Kind. — Das (Schöffen« oeridjt in Walter shausen verurteilte zwei Brüder aus Cabarz zu je einem Monat Gefängnis, weil sie verdorbenes Fleisch nach auswärts versandt hatten. - In Herschdorf ist em^sünssahriges Kind an einer Kirsche erstickt, die m die Luftröhre geraten war.
„Heroskop. Astrologiekundiger Mathematiker gibt wissenschaftlichen Aufschluß über das ganze Leben, Geschäft, Familie, Liebe, Gesundheit ic. Streng wissenschaftliche Methode nach dem Stand der Pia,leien am Geburtstage, der anzugeben ist (wenn möglich auch Stunde). Wichtige Ausschlüffe und Winke für die Zukunft."
Der reine Eifer wider den „Aberglauben", erscheint da in etwas merkwürdigem Lichte
--- Warburg, 26. Juni 1911. Im Wahlkreise Warburg-Höxter, den bekanntlich der Abg. Prof. Spahn junior als Nachfolger des verstorbenen Abg. Schmidt-Warburg erhielt, entwickeln sich bereits jetzt Kämpfe um das Mandat. In einer Versammlung in Brakel hatte jüngst Pros. Spahn Über die politische Lage referiert. Im Anschlüsse daran sprach der Versammlungsleiter, Rechtsanwatt Sierp unter lebhaftem Beifall die Hoffnung aus, daßHerrPros.Spahn auch im nächsten Reichstage der Vertreter für den Wahlkreis sein werde. Es wurde die Anfrage an den Abgeordneten gestellt, ob er ein Mandat in Warburg-Höxter nicht wieder annehmen werde. Prof. Spahn erwiderte, daß der Wahlkreisvorstand nach eigenem Ermessen, gebunden allerdings durch die Altenbekener Resolution, einen Kandidaten aufzustellen habe. Er habe das Mandat für den Rest der Legislaturperiode mcht für seine Person, sondern im Jntereffe der Sache wegen der elsaß-lothringischen Verfassungsfrage ge- wünscht. Weiter könne er sich nicht zur Sache äußern. „Es gibt Fälle', so schloß der Redner, „wo ein ehrlicher und anständiger Mann bester schweigt." — Zur Erläuterung ist es nötig, daran zu erinnern, daß Abg. Spahn junior im Herbst 1910 sich um das Mandat beworben hatte, nur für den Schluß
j* Das Berhalteu bei de« Stichwahlen
bildet des Pudels Kem in dem Briefwechsel RSt« ver-Rieß er. Aus dem im Bett. Tageblatt, tn jenem Blatte, das für die rücksichtsloseste Großblocktaktik mit leidenschastlchern Eifer einftttt, veroffentttcy- ien Briefwechsel geht hervor, daß Herr Rötg« m Prästdialfitzung des Hansabundes .fftets und innner wieder die Bekämpfung der Sozialdemokratie verlangt" hat. Nach langwierigen Verhandlungen kam dort im November ein Kompromiß zustande, dessen Inhalt Herr Rötger dahin zusammenfaßt. Neutralität bei den Stichwahlen gegenüber den bürgerlichen Parteien, aber nicht gegenüber den Sozialdemokraten. Herr Rießer, der erfte Präsident, ließ den zweiten Teil dieses Kompromißbefchluffes unter den Tisch fallen und gab seinerseits als Bundesparole aus: Neutralität bei allen Stichwahlen (so wett nicht ein erklärter Kandidat des Bundes selbst beteiligt ist). Das war und ist eine Fälschung des Präsidialbeschlusses. Herr Rötger hat mit diesem. Vorwurf gegen Dr. Rießer zweifellos recht, denn in dem Beschluß, der im November veröffentlicht worden, stand der Satz: „daß der Han- sabund die Sozialdemokratie ebenso zu bekämpfen hat, wie dies seitens aller übrigen im Hansabund vertretenen politischen Parteien geschieht." Im November hat Herr Rießer sich diesen Zusatz gefallen lasten, um den Kollegen Rötger vorläufig zu beruhigen und bei der Fahne zu halten. Jetzt hat Rießer die Maske fallen lasten, eigenmächtig die zweite, wesentliche Hälfte des Präsidial b e s ch l u s s e s gestrichen und in der öffentlichen Versammlung diejenigen, die sich nicht zur mittelbaren Unterftüfcung der Sozialdemokratie verstehen mögen, als Schwächlinge und Mantelträger verhöhnt.
Die Auftlämng des Tatbestandes ist wertvoll, denn man kann aus dem ganzen Auftreten des Diktators Rießer ganz klar ernennen, was die angebliche Neutralität, der Verzicht auf eine Bundesparole für die Stichwahlm, bedeuten soll. Wo ein Konservativer oder ein Zentrumsmann oder auch ein Rationallibecaler der Heylschen Richtung mit einem Sozialdemokraten in Stichwahl kommt, da Wird Herr Rießer mit seinem Bundesapparat so operieren, daß der Sozialdemokrat durchkommt. Er hält alles, was rechts von Basser- Mann-Stresemann steht, für ein größeres liebel als die Umsturzpartei. Und wenn der Schutzzolltarif sowie die Arbeitsfähigkeit des Reichstags in Trümmer gehen sollte, Herr Rießer will den Sozialdemokraten Stichwahlsiege verschaffen!
Der Haniabund ist der wahlpolitische Vorkämpfer der Jung- und Linksliberalen, die ihre Macht mittels des G r o ß b l o ck s zu begründen Boffen. Natürlich erhebt sich jetzt die Frage: Wie werden die rechtsstehenden Parteien sich nunmehr stellen bei einer Stichwahl zwischen einem So- Stalbemolraten und einem Jung- oder Linksliberalen? bekanntlich hat sich dieser Tage die „Kons. Korresp." namens der Parteileitung zu der Anschauung bekannt, 'daß man direkte Bundesgenossen der Sozialdemokratie genau wie diese s elbst bei der Stichwahl behandeln müsse. So mußte es kommen. Die Liberalen können doch wirklich nicht erwarten, daß dieselbe Pattei, welche sie zugunsten des Sozialdemokraten niedergestimmt hatten, in einem anderen Wahlkreise den liberalen Kandidaten gegen den Sozialdemokraten heraushaut. Gegens eitigkeit muß herrschen; wird die Gegenseitigkeit von den Jung- und Linksliberalen verweigert, so müssen auch die andern bürgerlichen Patteien die Gegenseitigkeit ablehnen. Dagegen ist gar kein Vorwurf zu erheben, so lange nur die staatstreuen Wähler sich des roten Stimmzettels enthalten. Man soll nicht für den Sozialdemokraten stimmen, aber man braucht nicht für dessen gleichwertigen Konkurrenten zu stimmen.
humanistischen Gymnasiums aufgedeckt hat. Die „Post' erhält von demselben Gewährsmann eine weite Zuschrift.
Die Zuschttst läßt <8 dahingestellt fein, ob die auf ben 80. Juni d. Js. anberaumte Beratung der sämtlich,n preußischen Provinzialschulräte mit der Drnk- christ, welche die Frankfurter Aerzte dem Kaiser überreicht haben, zusarnrnenhänge, sie erhebt aber Protest gegen den Weg, den jene Frankfurter Reformfreunde eingeschlagen haben und gegen den gewählten Zettpunkt. Es fei nicht ju billigen, wenn ein paar Aerzte unter Benutzung persönlicher Beziehungen und unter bewußter Ausschaltung aller berufenen Faktoren eine Frage von so großer nationaler Bedeutung und eine . tulturfrage allerersten Ranges vor die allerhöchste Stelle brachten, um ihren Ideen größeren Nachdruck zu verschaffen. Und was den Zeitpunkt anlange, so eien feit dem vielgepriesenen Schulftteden kaum zehn Jahre verflossen, und nun solle das blühende Leben, welches sich auf unseren höheren Schulen tn dieser Zeit geltend gemacht habe, mit einem Schlage wieder vernichtet werden.
** Zu dm Beschränkungen der Fronleichnamspro- zeffionm in der Saargegend sieht sich selbst die liberale ,Köln. Ztgtt veranlaßt, zu schreiben:
Grundsätzlich möchtm wir betonen, daß wir eine kleinlich engherzige, auch nur den Anschein von Schikane und konfessioneller Voreingenommenheit erweckende Be- schränkung dieser Art mißbilligen würden. Je weitherziger die Behörde der religiösen Veranstaltung der Fronleichnamsprozeffwn im allgemeinen entgegenkommt, um so objektiver werden die im Interesse der Aufrechterhaltung des Verkehrs unbedingt notwendigen Einschränkungen von ruhig denkenden Katholiken beurteilt und ertragen werden. Die Straße dient zwar im allgemeinen dem Verkehr, doch wäre es bureaukratisch, auf diesem Grundsatz fußend ben schönen Brauch der katholischen Fronleichnamsprozession ganz und gar verbieten und einem großen Teil unserer Mitbürger bi-.fe namentlich auf dem Lande fo stimmungsvoll wirkende Art ihrer Gottesverehrung verkümmern zu wollen. Daß biefe Art ber Gotlesverehrung in ben Verkehrs- unb volkreichen Städten mit engen Straßen sich nicht so unqebinbert entfalten kann und von ber Allgemeinheit eine größere Selbstbeschränknng erfordert, versteht sich von felbft, aber mit gutem Willen auf beiden Seiten wird sich immer ein modus vivendi finden lassen.
Oie Macht der Gewissens.
80] Roman von Erich Friesen.
Erwartungsvoll blick Ruth den Gatten an. Ein eigentümliches Lächeln spielt um ihre Lippen
ES ist gar nicht so schlimm, Böses zutun, fiu- fterte sie ihm ins Ohr. „Ja, es bringt sogar Freude, Glück —"
Armin runzelt leicht die Stirn.
„Laß das, Ruths Es gibt Dinge, die niemals berührt werden sollen — selbst nicht zwischen Her- gen, die aufs engste verbunden sind."
„Warum nicht? Wenn wir eins sind —"
„— so ist es erst recht unnötig. In unserem Fall liegt sogar Gefahr bann."
„Wie, Gefahr? Weshalb?"
Armin blickt Ruth fest an.
„DaS Gewissen muß schlafen. Richt» darf e» aufiveckm."
„DaS Gewissen muß schlafen," wiederholt Ruth monoton. „Du hast recht."
Er fühlt, wie ihre Hände in den seinen zittern. Dann fügen sie sich ruhig seinem festen Druck gleich einem gefangenen Vögelchen.
Triumphierend leuchtet eS in Am,in» Augen auf. Endlich, endlich hat er diese starke Seele, dieses fraft- volle Herz bezwungen l Sie ist sein — ganz unb für tarntet . . . Einen Augenblick ist ihm, als ob ein Schauer ihm über den Leib riesele — ein Schauer vor dem Zerstömngswerk, das er begonnen. Unwillkürlich läßt der Druck seiner Hände nach.
Erschreckt hebt Ruth den Kopf.
„Was haft du, Armin? Du siehst so bleich ausl" „Nichts, mein Herz."
Er steht auf und küßt sie auf die Augen « ■ » Dann fährt er mhig, fast geschäftsmäßig fort:;
„Nachdem du mich gestem abend verlassen hattest, dachte ich genau über unsere Zukunft nach, Ruth. Da niemand van unserer bereits stattgehabten Vermählung weiß, tft es am besten, wir ignorieren die
selbe und feiern sie nochmals — und zwar in allernächster Zeit. Ist es dir fo recht?"
„Ganz recht."
„Vorher jedoch muß das Testament gefunden wer-
Ruch zuckt zusammen. Ihre Lippen teilen sich, als ob fie etwas sagen wollte.
„Bist du anderer Meinung?" fragt Armin, sie scharf anblickend.
„Nein, o nein. Ich wollte nur —*
„Was wolltest du?"
„Ich wollte nur an unsere Abmachung erinnern. Frau Forster erhält von uns jährlich —"
„Methundett Pfund Rente," fällt Armin schnell ein.
„ Fünfhundert l" bittet Ruth.
„Vierhundert; mehr geht nicht an. Genug da- vonl"
Schweigend senkt Ruth den Kopf.
„Die Art und Weise, wie das Testament gefunden wird, ist äußerst wichtig," fähtt Armin wieder geschäftsmäßig sott. „Ich habe Fräulein Forster dazu bestimmt."
„Me? Virginia?"
Ruch ist aufgesprungen.
„Ja. Virginia Forster wird das Testament finden, hörst du?"
„Ach, Annin —'
„Gib mit deine Hand, Ruth! Was hast du mit letzte Nacht versprochen? Wolltest du dich nicht in allem von mit letten lassen? Wie? Ich bin der Wille, du nur die ausführende Kraft. Wenn der Kampf beendet ist —'
„Es gibt keinen Kampf mehr!" unterbricht sie ihn mit glühenden Wangen. „Als ich gestem abend zu dir tarn, al» ich meine Arme um deinen Rackm schlang, ÄS meine Lippm die deinen suchten — da endete ber Kampf. Hinter mir schloß sich eine Türe, bie nie mehr geöffnet werden wird. Ich kann nicht mehr zurück — und ich will auch nicht. Ich gehe mit dir, wohin du befiehlst, du mein Geliebter, mein Gatte, mein Leben!"
Mit entzückten Augen betrachtet Annin das hen- liche Weib. Die Leidenschaft läßt Ruth in ganz neuem Lichte erscheinen. Ihre Augen erstrahlen in überirdischem Glanze. Stürmisch wogt ihr Busen.
„Wie schön du bistl" murmelt er, ihre Hand ergreifend. „Nun setz dich wieder! Wir wollen alles mhig besprechen." —
Nach einer Stunde verläßt Armin seine Gattin, und diese begibt sich unverzüglich zu Frau Forster. Jetzt gilt es, klug und mit Ueberlegung zu handeln, um den mit dem Gatten verabredeten Plan unverzüglich zur Ausfühmng zu bringen.
In beweglichen Worten bittet sie Frau Forster, vor ihrer Vermählung noch einige Tage in der Waldburg weilen zu dürfen. Die Waldburg sei ihr ehemaliges Httm und sie glaube, glücklicher zu werben, wenn sie von dort aus dem Erwählten zum Altar folge.
Frau Forster ist von diesem Wunsch sichtlich unangenehm berührt. Auch habe fie feint Vorbereitungen getroffen, Ruth könne doch nicht allein reisen — und ähnliche Bedenken tauchen aus.
Doch Ruth läßt sich nicht abweisen. Mit eigentümlicher Beharrlichkeit hält sie an ihrer Bitte fest. Schließlich zieht sie sogar Virginia al» Berbündtt« hinzu.
„Willst du mich vielleicht begleiten, Virginia? Dir kann» doch einerlei sein, ob du die paar Tage in London oder auf der Waldburg zubttngstl Unb mir tutft du einen großen Gefallen."
Virginia ist sogleich bereit.
„Gewiß, Ruth, ich komme gerne mit. Ich habe sowieso von London genug. Mama kann uns in ein paar Tagen folgen. Ja, liebe, gute Mama?"
Endlich gibt Frau Forster ben vereinten Bitten nach. Sie kann sich keine Rechenschaft darüber ablegen, weshalb sie sich dabei fo unbehaglich fühlt. Aber als der Zug mit ben beiden Mädchen davon- dampft, hat sie die Empfindung, als dräue eine schwarze Unglückswolke dicht über ihrem Haupte.
21. Kapitel.
Während der Fahtt ist Ruth wie ausgewechseli. Wiederholt beobachtet Virginia sie mit geheimer Verwunderung. Trotz ihrer Lebhaftigkeit war Ruth stets eine niehr zurückhaltende Natur, die selten anderen ihr Innenleben erschloß. Ost, wenn soeben noch ihr Antlitz strahlte vor Uebermut und Lebenslust — im nächsten Augenblick schon konnte es emst, melancholisch, ja resigniert dreinblicken. . . .
Dieser eigentümliche Wechsel in ihrem Tempera- tnent machte sie besonders anziehend. Jedermann liebte fie. Ihre Selbstlosigkett, ihre Rachgiebigkett, ihr gutes Herz, waren unter ihren Bekannten fast sprichwörtlich geworden. . ,.
Auch jetzt ist Ruch vergnügt — fast zu vergnügt in Virginias Augen —- aber ihre Lustigkeit hat etwas naiv Selbstsüchtiges. Ihr Glück, ihre Zukunft — etwas anderes scheint auf der Welt nicht mehr für sie zu existieren. Sie spricht von Armin und ihrer dem- nächstigm Vermählung in solch überschwenglichen Ausdrücken, daß Virginias jungfräuliche Seele sich fast verletzt fühlt. Ruths Empfinden mag ja ein natürliches fein — aber Virginia zieht die frühere Ruch der jetzigen bet weitem vor. Als bie beiden Mädchen im zierlichen Korbwagen vom Bahnhof nach der Walburg fahren und Ruch noch immer dasschbe Thema behandelt, seufzt Virginia unwillkürlich leise auf.
„Mir scheint ,alle Menschen find veränderlich!"
„Natürlich!" ruft Ruth lachend. „Wie langwellig ist die Beständigkeit! Nur durch Veränderlichkeit, durch Vielseitigkeit machen wir uns unseren Mit- menschen interessant. . . . Darf ich übrigens fragen, welche Art von Veränderlichkeit du an mir beobachtest?"
„Hm, wie du heute bist, begreife ich nicht, daß du die Waldburg um der Liebe willen aufgeben konntest!"
Ruth erbleicht. Ein leichter Flügelschlag ihres GewiflmS beginnt sich zu regen. Doch nicht lange; dann scherzt sie schon wieder.
(Fortsetzung folgt.)