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Huldaer W Zeitung

A.parzrLer in Lnlda. wochenbeirase: „illustrierte 5onntagzzeitung"

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Fulda, Montag den 26. Juni 1911

38. Jahrgang

Verant«. Redaktrnrr «ar! Schütte;

monatrdeuager „Zuldaer Geschichtsblätter"

Erscheint täglich mit Ausnahme -er $o.m« nndZeiertage.viertel- jühklichervezugrpreir ohne vringerlohn nnd vesteSgeld in Zuldaso- wieanrwärtrl.SOMl.

Anzrigenr vte m* fPaltigePetitzeileo-er deren Botin 15 pfg. BeNamendtePetitzeile pfg., bei wieder- yokungen wird entspr.

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Rotationrdruckun- Verlag der Fuldaer Ak- tiendrnckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

* Prediger Jatho abgesetzt.

Der Urteilsspruch des evangelischen Oberkirchen- tateS gegen Pfarrer Jatho wurde am Samstag nach­mittag in vorgerückter Stunde verkündigt. Das Spruchkollegium erklärte, eine fernere Wirksamkeit des Pfarrers Jatho innerhalb der Landeskirche sei unmöglich. Jatho hatte sich in der Verhandlung nach wie vor zu den ihm zur Last gelegten Irrlehren bekannt und rundweg den Glauben an einen per­sönlichen Gott und an die Gottherrschaft Jesu ab- gelehnt.

Die Absetzung Jathos ist, an sich betrachtet, eine innere Angelegenheit der evangelischen Landes­kirche, aber die Wellen, die dieser Fall zieht, gehen weit hinaus über das ganze öffentliche Leben, sodaß auch die außerhalb des Protestantismus stehenden Bürger sich über den Vorgang und seine voraus­sichtlichen Wirkungen klar werden müssen.

Die evangelische Landeskirche hatte sich im vorigen Jahre ein neues Kirchengesetz geschaffen, das bei Be­anstandung der Lehre von Geistlichm die Entschei­dung einem besonderen Spruchkollegium überträgt. Man wolle von dem Verfahren jeden Charakter der disziplinären Rüge oder Strafe fern­halten und der „Spruch" sollte einfach mit Ja oder Rein die Frage beantworten, ob eine wettere Wirk­samkeit des betreffenden Pfarrers innerhalb der evan­gelischen Landeskirche mit der Stellung, die er in feiner Lehre zum Bekenntnis der Kirche ein­nimmt, vereinbar sei oder nicht. Dieses Haupttolle- gium hat nun im Fall Jatho auf Unvereinbar erkannt. Daraus folgt, daß Jatho die Pfarrstelle in Köln verliert. Irgend ein Ehrverlust ist mit dieser „Ab­setzung" nicht verknüpft: der aus dem Kirchendenste xlusscheidende erhält auch das volle gesetzliche Ruhe­gehalt. Wenn die liberale Presse von einem „Mar­tyrium der Ueberzeugung" spricht, so muß zugleich hervorgehoöen werden, daß die Gesinnungsgenoffen Jatho's bereits eine „Jathospende" begründet haben, die den „Abgesetzten" wie auch etwaige weitere .Opfer" des Spruchkollegiums vor jeder materiellen ..Schädigung sicher stellt. Was die moralische Folge des Urteils angeht, so kann freilich Herr Jatho nicht mehr die Kirchenkanzel besteigen, aber die bestehende Versammlungsfreiheit läßt ihm Mittel und Wege genug, um mif den gleichgesinnten Mit­gliedern seiner bisherigen Gemeinde und auch anderer Gemeinden in regem Verkehr zu bleiben. Zu einer vropagandisttschen, agitatorischen Tätigkeit hat er als Pensionär jetzt noch mehr Zeit und Bewegungsftei- heit als früher, und die Berühmtheit, die er jetzt in allen freisinnigen Kreisen erlangt hat, würde eine solche Tätigkeit sehr erleichtern.

Das Urteil des Spruchkollegiums stützt sich auf das „Bekenntnis der Kirche". Die freisin­nige Richtung im Protestanttsmus sagt nun, es gebe gar kein feststehendes Bekenntnis der Kirche: auch die Mitglieder des Spruchkollegiums selbst wären sich nicht einig und klar über den Inhalt dieser angebli­chen Bekenntnisnorm. Der katholische Zuschauer kann gegenüber einem solchen Stteit sich nur darüber freuen, daß er nicht bloß ein klares Bekenntnis seiner Kirche hat, sondern auch ein kirchliches L e h r- fl m t, das in seinen endgültigen Entscheidungen durch die Gabe der Unfehlbarkeit vor Irrtum und Wandelbarkeit geschützt ist. Die lehramtlichen Wirren, die im Protestantismus von Zeit zu Zeit hervortreten, bemhen im letzten Grunde auf der Un­möglichkeit, ein geordnetes Kirchenwescn in Gang zu erhallen auf der Grundlage der „freien Forschung", bei individueller Glaubens- und Lehrfreiheit. Oer subjektiven Ansicht in Religionssachen kann nicht ein unbeschränkter Spielraum gelassen werden, wenn eine religiöse Gemeinschaft bestehen soll. Eine gewisse lehramtliche Autorität ist in der Praxis unentbehrlich, wenn man sie auch in der Theorie nicht anerkennen will. Diese Schwierigkeit datiert schon von Luthers Zeiten, er selbst, der im Namen der

freien Forschung die Autorität der alten Kirche ver­worfen hatte, ging in seiner späteren Wirksamkeit sehr scharf vor gegen alle „Schwarmgeister", die sich nicht an seine Lehre halten wollten.

Auch bie freifinnige Richtung des Protestan­tismus kann nicht grundsätzlich dem Prediger die schrankenlose Willlür gestatten. Sie glaubt aber das unentbehrliche Mindestmaß von lehramtlicher Autori­tät in die Einzelgemeinde legen zu können. Die Gemeinde soll ihren Pfarrer frei wählen und so lange diese Gemeinde mit der Lehre ihres Predigers zufrieden ist, soll niemand eingreifen dürfen. Nach diesem System gibt es keine „Kirche" im geltenden Sinne der organischen Zusammenfassung der verschie- denm Gemeinden; jeder Prediger, der die Mehrheit der Mitglieder seiner Gemeinde zu fesseln weiß, würde unbehindert in dem christlichen Gotteshaus das blanke Heidentum predigen können. Die „evangelische Lan­deskirche" will die willkürliche Entwicklung der Ein­zelgemeinden nun insoweit einschränken, daß eine ge­wisse Gemeinsamkeit in Ordnung und Lehre für das ganze Land bestehen bleibt. Sie will also die Ent­scheidung über die Zulässigkeit der Lehre des einzel­nen Pfarrers nicht der Absttmmung in der Einzelge­meinde überlassen, sondern behält sie dem zentralen Spruchkollegium vor, und letzteres muß, da die Bibel von allen „Schwarmgeistern" in ihrem Sinne gedeutet wird, das „Bekenntnis der Kirche" als Norm hin­stellen, wenn auch über Umfang und Sinn dieses Be­kenntnisses die Meinungen selbst unter den Richtern auseinander gehen mögen. Das apostolische Glau­bensbekenntnis kann nicht mehr als Norm gebraucht werden, da ein großer Teil der Prediger schon über dieses älteste und ehrwürdigste Bekenntnis der Chri­stenheit hinaus ist.

Die Einrichtung des Spruchkollegiums ist so ge­troffen, daß nur die ärgsten Jrrlehrer, die mit dm Grundlagen des Christmtums vollständig und in an­stößiger Weise gebrochen haben, mit aller Schonung von den Kirchenkanzeln entfernt werden können. Lei­der Hai nun Herr Jatho schon soviel Gesinnungsge­nossen im Predigerstande, daß das Spruchkollegium sich in Permanenz erklären muß, wenn es gleiches Recht für alle schaffen will. £>5 die Zersetzung über­haupt auftuhattm ist?

Deutscher Reich.

: Berlin, 25. Juni 1911. Der Kaiser besich. tißte in Kiel Samstag eingehend die Unterseeboote Ul, 11 4, U 6 und U 8 und hörte den Vortrag des Staatssekretärs des Reichsmarineamts. Sonn­tag morgen hielt er auf der „Hohenzollern" Gottes- dienst ab. — Am Samstag abend traf der Reichs­kanzler in Kiel ein. Er nahm aus dw „Hohen­zollern" Wohnung. Der Kaiser empfing den Reichskanzler bald nach dessen Eintreffen. — Der neue deutsch-japanische Handels, und Schiffahrts-Vertrag nebst dem zugehörigen Zollabkommen ist vom Staatssekretär des Aus- wärtigen, v. Kiderlen-Wächter, und dem japanischen Botschafter Baron Chinda in Berlin unterzeichnet worden.

** Tie Kaisermanöver in Frage gestellt? Die Maul- und Klauenseuche, die in der vorigen Woche im südlichen Holstein vereinzelt festgestellt wurde, hat sich in den letzten Tagen über den ganzen süd­lichen Teil der Provinz Holstein aus­gebreitet, so daß ganze Ort chasten verseucht worden find. Das Vieh stirbt in großen Mengen. Di- für die Kaisermanöver, das im August dort gehalten werdm soll, angesagten Einquartierungen sind bereits abbeftellt worden. — Es scheint also, daß die Abhaltung der Kaisermanöver, die in den verseuchten Teilen der Provinz ftaitfindeii sollten, in Frage gestellt ist.

** Die Reise des Kolonialstaatsstkretärs v. Linde- quist nach Süd-West-Afrika soll, einer Blätter­

meldung zufolge, im Oktober ds. Js. ewigen. Es heißt, daß der Staatöselretär in erster Linie die durch die Dernburg'scheu Verträge geschaffene Lage in der Diamantenfrage, sowie die künftig dem Ovambolande gegenüber zu befolgende Politik an Ort und Stelle studieren wolle. Als Termin für die Rückkehr fei der März in Aussicht genommen.

= Die Siebener-Kommission der Privatangestellten hat wiederum in Berlin getagt, um zu dem Gesetz­entwurf bett, die Angestellten-Versicherung Stellung zu nehmen. Vom Reichsamte des Innern wohnten der Besprechung die Geh. Ober-Regierungsräte Koch und Beckmann bei. Der Entwurf wurde als eine brauchbare Grundlage betrachtet und seine baldige Verabschiedung unter Berücksichtigung ge­wisser Abänderungen gefordert. Die Siebener-Kom­mission erkennt die vorgenommene Verbesserung der Selbstverwaltung an, hält aber int übrigen an den Forderungen des Hauptausschuffes für die Ausge­staltung des Gesetzes fest.

* Der Reichstagsprüsident Graf v. Schwerin- Löwitz hat in seiner mehrfach erwähnten Rede in Treptow a. d. T. nach dem Bericht eines Berliner Blattes gesagt:

Ganz anders aber, ja zum Teil geradezu umgekehrt, liegen nun für mich die Verhällnifle bet anderen Par­teien und namentlich beim Zentrum. Das Zentrum halte ich durchaus nicht wie die Nalionalliberalen für eine nützliche oder gar notwendige Partei. Im Gegenteil halte ich die aus den ver­schiedensten politischen Elementen von den konservativ­sten Aristokraten bis zu den radikalsten Demokraten zusammengesetzte und lediglich durch ein außer­deutsches Bindemittel, d. h. die Rücksicht auf die Interessen der römisch-katholischen Kirche zusammen­gehaltene Zentrumspartei für eine sehr unerfreu­liche Erscheinung, welche unserem Deutschen Reiche seit seiner Begründung anhastet.

Die „Köln. Vztg." will es nicht glauben, vaß Graf Schwerin-Löwitz sich so ausgedrückt haben soll. Sie schreibt:

Wir verlangen von einem politischen Gegner selbstverständlich nicht, daß er das Vorhandensein des Zentrums schlechthin als erfreulich zu betrachten habe. Aber besonders im Munde des Reichstagspräsidenten, der auch durch das Vertrauen des Zentrums zu seiner hohen Würde berufen worden ist, wäre eine solche Aeußerung, wenn sie richtig wiedergegeben, doch zum mindestens sehr auffällig.. Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß die Rücksicht auf die Interessen der kathol. Kirche das Zentrum in gar keiner Weise hindert, die Jntereffen des ganzen deutschen Volkes zu vertreten. Daß aber ein angesehener Parlamentarier die Rücksicht auf die katholischen Interessen als außerdeutfches „Bindemittel" bezeichnet haben sollte, ist uns schlechter­dings unfaßbar. Die katholische Kirche ist im Deutschen Reiche nicht weniger heimatberechtigt als die protestan­tischen Landeskirchen. Die deutschen Katholiken sind ebensogut Deutsche, wie ihre andersgläubigen Mit­bürger.

Die „K. Vztg." hofft, daß Graf v. Schwerin- Löwitz den Bericht über seine Worte als un­richtig zurückweisen wird. Demgegenüber wird in anderen Blättern festgestellt, daß in pommer- chen konservativen Zeitungen die Worte des Reichstagspräsidenten genau so gelautet haben.

)( „Meine Sozialdemokraten sind noch aar nicht o schlimm:" Diesen Ausdruck soll der Kaiser vor einiger Zeit über die Sozialdemokraten gebraucht haben. Die Korrespondenz, die diese Nachricht auf- tischt, fügt hinzu, daß kein Dementi die Echtheit diesir Nachricht zu fälschen imstande sein werde. Tie Korrespondenz glaubt daraus auch den Schluß ziehen zu dürfen, daß das Urteil des Monarchen über die sozialdemokratische Partei, ihre Ziele und ihre Gefahr für Thron und Vaterland sich im Lause der Jahre wesentlich geändert hat. — Wir möchten trotz der Sicherheit, mit welcher die erwähnte Kor­respondenz auftritt, hinter ihre Mitteilung doch ein großes Fragezeichen machen. •

* * Fürst und Fürstin Bülow werden anfangs Juli in Norderney eintreffen, um dort den ge­wohnten mehrmonatigen Sommeraufenthalt zu nehmen.

X Acrzte und Strafgesetz. Auf der Tagesordnung der Schlußsitzung des deutschen Aerztetages zu Stuttgart stand die Frage der Stellung des Arztes im Strafgesetzbuch. Es wurde nach den vom Referenten, Geheimen Sanitätstat Dt. S. Alexcmder- Berlin aufgestellten Leitsätzen für das neue Straf­gesetzbuch folgender Paragraph zum Schutze der Aerzte vor Verfolgungen wegen ihrer beruflichen Tätigkeit vorgeschlagen: „Nicht strafbar ist, wer eine Handlung zur Rettung einer Person aus einer gegenwärtigen auf sachgemäßer Weise nicht zu be­seitigenden Gefahr an ihr selbst vornimmt, es sej denn, daß die Gefahr nur gering ist."

— Dresden, 24. Juni 1911. Die türkische Studienkommission ist von Berlin hierher ge­reist und besuchte verschiedene hervorragende Indu­strie-Anlagen und die Hygiene-Ausstellung. Von hier geht die Reise nach Posen.

-ri Straßburg, 25. Juni 1911. Die elsaß- lothringische Nationalpattei, die von den Abgg. Blumenthal und Wetter!« gegründet und mit viel Eifer propagiert wurde, ist bereits gescheitert. Der Straßburger Zentrurnsverein hat in seiner heutigen Sitzung beschloffen, jede grundsätzliche Gemeinschaft mit der Nationalpartei abzulehnen, da sie den Bestand der Zentrumspattei gefährde und ihr Programm unvereinbar sei mit einer nachdrück­lichen Vertretung der christlichen Ideale und weil endlich ein Erfolg der Nationalpartei dazu führen würde, daß die wirtschaftlichen und sozialen Forde­rungen des Zentrumsprogramms nicht mit der nötigen Entsch edenhett tm Landtage vertreten werden könnten. Auch Blumenthals treueste Anhänger der Abteilung Kolmar der elsaß-lothringischen Volkspartei lehnten es ab, dem Antrag Blumenthals auf Ein­tritt in der Nationalpattei zuzustimmen.

]:[ Stuttgart, 23. Juni 1911. In der württem- bergischen Zweiten Kammer brachten sämtliche Fraktionen den gemeinsamen Antrag ein, die Re­gierung zu ersuchen, im Bundesrat dafür einzu« treten, daß als Gericht, das zur Entscheidung über die von den Strafkammern in erster Instanz erlassenen Urteile gebildet wird, ein aus Schöffen xnb Betufsrichtetn bestehender Berufungssenq! eingesctzt wird.

]:[ Stuttgart, 23. Juni 1911. Die Finanz» läge Württembergs kam bei der Etats­beratung in bet Ersten Kammer zur Sprache. Sowohl Ministerpräsident v. Weizsäcker als auch Finanzminister v. Geßler bezeichneten die Finanz­lage durchaus nicht als ungünstig, wenn auch als sorgenvoll für die Zukunft. Der Betriebs­überschuß der Staatseisenbahnen betrage für das letzte Jahr 26 Millionen, eine bisher nicht erreichte Höhe.

Ausland.

** Die Lage in Oesterreich. Auch der Eisenbahn« Minister Gtombinski ist zurückgetreten; die Ent- cheidnng über fein Abschiedsgesuch wird gleichzeitig mit der über das Gesuch des Handelsministers er« blgen. Der Ministerpräsident Bienerth hatte mit dem Haupte der christlich-sozialen Partei, dem Prinzen Liechtenstein, eine Besprechung, die der Klar» tellung der Lage galt.

** Der erste österreichische Dreadnought. In Triest wurde Samstag der Stapellauf des ersten österreichisch-ungarischen Dreadnoughts voll­zogen. Erzherzog Franz Ferdinand hielt bie Taufrede. Er führte dabei aus, daß in fort» chreitendet Entwickelung weitere Schiffe dieser Art folgen werden, um die österreichisch-ungarische

Die Macht des Gewissens.

29] Roman von Erich Friesen.

Als der kleine Diener ihm öffnet, ruft er fast um qeftüm:

„Niemand dagewefen,"

„Nein, Herr Skott."

„Auch keine Botschaft?"

„Nein, Herr Skott"

„Es ist gut. Leg' dich zu Bett!"

„Hat der Herr schon zu Abend gegessen?"

„Ja. Kümmere dich nicht um mich! Marsch, raus!"

Annins Stimme Hingt eigentümlich gepreßt. Seine Augen stackem unstät. Äengstlich blickt ihn tznck von der Seite an. Er hat sich schon ost vor sei­nem Herrn gefürchtet; aber heute läuft ihm förmlich Hine Gänsehaut über den Rücken. Schweigend deutet Hp auf den Schreibüsch, auf welchem mehrere Zeitun­gen und Briefe liegen — dann verschwindet er eiligst.

Jacks Kämmerchen liegt eine Etage höher. Ar­min weiß, wenn der Bursche einmal schläft, so weckt Hhn keine Kanone. Vor ihm hat er also Ruhe. Jetzt macht Amiin es sich bequem. Er zieht ein kurzes Plüschjackett an, steckt die Füße in türkische Pantof­feln, nimmt die Zeitungen und beginnt zu lesen. — ' Hastig springt ec wieder empor. Ihm ist, als höre er leise Schritte auf der Treppe.

Er horcht. — Nichts.

Umuttg blättert er in den Zeitungen — er weiß kaum, was er kiest. Immer horcht er hinaus, ge­spannt, verlangend. — Er steckt sich eine Zigarre an und pafft kräftig drauflos. Doch selbst die Havana Will ihm nicht schmecken. Den Kopf in die Hände gestützt, so sttzt er da — lange, lange.

Die Sehnsucht nach seinem Weibe hat einen Höhegrad erreicht, daß sie ihn fast wahnsinnig macht. Ah — wenn Ruth nicht käme! — Er steht auf und öffnet das Fenster. Kalt weht der Märzwind herein. Armin werft es nicht. Mit starren Augen blickt et

die Straße entlang, in der Richtung nach Ruths Wohnung — —

Vermag sein Wille nichts mehr über Ruth? Er will, daß sie kommt — und sie bleibt fern? — Da plötzlich — Armin lauscht angestrengt — leise, näher­kommende Schritte unten auf dem Pflaster. — Und jetzt hastiges Läuten an der Haustür.

Annins Herz Hopft zum Zerspringen. Er nimmt einen Band mis dem Bücherschrank und setzt sich, an­scheinend in die Lektüre vertieft, wieder an den'Ka­min. Noch wenig Sekunden — bann öffnet sich die Tür. Armin wendet nicht einmal den Kopf. Erst als ein leiser Seufzer an sein Ohr dringk, blickt er auf. Vor ihm steht Ruth, die Augen halb verschleiert, die Wangen mit tiefer Glut bedeckt.

Schweigend streckt er ihr die Arme entgegen.

„Armin!" jauchzt sie auf.

„Mein Weib! Endlich?" —

20. Kapitel.

Mitternacht ist bereits vorbei, als Armin sein Weib nach Frau Forsters Hause zurück geleitet. Ver- wundett flarrt der verschlafene Diener, welcher die Tür öffnet, Ruth an. Er glaubt Fräulein Harrison läge krank im Bett. Und nun —

„Melden Sie Frau Forster morgen früh, daß ich ihr vormittags meine Aufwartung machen werde", schärst Armin dem alten Manne ein. „Skott ist mein Name — Armin Skott."

„Sehr wohl, mein Herr."

Kopfschüttelnd schließt der brave Alte die Haus­tür wieder zu. Im Stillen wundert er sich ganz ge­waltig: aber als wohlerzogener Diener behält er seine Bedenken für sich.

„Hm, hm", murmelt er nur, der schlanken Mäd» chengcstalt nachblickend, die leicht und graziös die Treppe hinaufeilt, „scheint verliebt zu sein. Die Mädels sind doch alle gleich — ganz egal, ob reich oder arm, vornehm ober gering! Hm! hm!"

Am nächsten Morgen meldet er vorschriftsmäßig feiner Herrin Armin Skotts Auftrag. Aeußerlich

ruhig, im Innern jedoch aufs Peinlichste berührt, hört Frau Forster zu. Den ganzen vorigen Tag über war Ruth ein Gegenstand der Sorge für sie. Ruth hatte nichts gegessen, viel geweint und war gegen Abend vollständig zusammengebrochen, sodaß Frau Forster schon den Arzt rufen wollte. Nur auf Ruths drin­gende Bitten stand sie davon ab.

Und nun dieser eigentümliche nächtliche Spazier­gang! Was hat das zu bedeuten?

Sofort begibt sich Frau Forster nach Ruths Zim­mer.

Auf ihr Klopsen öffnet diese sofort.

„Mein liebes Kind", beginnt Frau Forster, mit einem verwunderten Blick auf die glühenden Wan­gen, die leuchtenden Augen, die ganze lebenstrotzende Gestalt, „ich freue mich. Sie so munter zu sehen. Gestern erschienen Sie krank —"

„Das hotte ich schon ganz vergeffen", lachte Ruth leise auf. „Jetzt fühle ich mich sehr, sehr wohl. Aber bitte, liebe Frau Forster, wollen Sie nicht näher treten? Wie gut von Ihnen, sich selbst zu mir zu bemühen! Ich wollte gerade hinunter zum Früh­stück."

Frau Forster schließt die Tür hinter sich und faßt Ruth liebevoll bei beiden Händen.

„Der alte Anderson hat mir eine merkwürdige Mitteilung gemacht", beginnt sie, direft auf ihr Ziel lossteuemd. „Während wir Sie gestern abend krank im Bett glaubten, sollen Sie von Hause abwesend gewesen und erst nach Mitternacht in Herrn Skotts Gesellschaft znrückgekehft sein. Ist das wahr?"

„Ja, Frau Forster", erwidert Ruth ruhig.

„Waren Sie bei Herrn Skott in seiner Woh­nung?"

„Ja."

„Aber, liebe Ruth — halten Sie Ihre Hand­lungsweise für paffend?"

„Ich weiß nicht, Frau Forster. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht/

„Sie hätten aber darüber nachdenken sollen, mein Kind."

„Ich bin zu glücklich, Frau Forster. Meine Ver­mählung mit 5ernt Skott findet bereits in allernäch­ster Zeit statt."

„Wirftich? Das freut wich von Herzen!" Frau Forster atmet erleichtert auf. „Dann will ich Ihnen auch weiter keinen Vonvuif machen. Kommen Sie jetzt mit zum FrüWck!"

Leichten Schrittes trippelt Ruth neben Frau For­ster die Treppe hinunter. Sie fühlt sich so leicht, so froh, wie schon lange nicht.--Monatelang hat

sie gekämpft gegen die Sünde. Jetzt ist der Kampf zu Ende. Sie hat sich völlig dem Willen eines Lin­dem ergeben. Das Bewußtsein, ganz und gar ihm anzugehören, fortan nur zu tun, was er verlangt, hal ihr Gewissen einschlasm lassen.

Gleich nach dem Frühstück erscheint Armin und bittet Frau Forster um eine Unterredung. Dieselbe dauert etwa eine Viertelstunde. Dann läßt Frau Forster Fräulein Harrison rufen. Tränen, echte müt­terliche Freudentränen glänzen in ihren Augen, als sie Ruch an ihre Brust zieht und sie feierlich auf den Mfiud küßt. Und Ruth erwidert die Umarmung. Keine Spur von Reue, keine Gewiffensbiffe fühlt sie — nur Freude, Freude, wahnsinnige Freude.

„Nun gehen Sie zu ihrem Verlobten in den Sa­lon!" sagt Frau Forster gütig.

Und Ruth eilt davon. Bei ihrem Eintritt erhebt sich Armin und stteckt ihr die Hand entgegen. Doch sie wirft sich leidenschaftlich an seine Brust.

_ „Schling' deine Arme um mich!" fleht sie bebend. „Sprich ein Paar Sekunden gar nicht! Ich will nur suhlen und glücklich sein in dem Bewußtsein, daß wir bei einander sind!"

Er willfahrt ihrem Wunsche. Dann löst er sanfl ihre Arme von seinem Racken.

„Komm, setz' dich zu mir, mein Herz! Laß mich deine Hand in der meinen halten — so! Jetzt hör genau zu!"

(Fortsetzung folgt.)