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ZeihiM

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ten Mann und den letzten Dollar des amerikanischen Volles für ein von Deutschland bedrohtes England einzusetzen und hinzugebm'. Der Mann erhielt seinen amtlichen Rüffel, weil er auSgeplaudert hat, was der Busen verschließen muß. Wenn man bedenkt, daß auf dem Weltmarkt — nachdem England einen auf absehbare Zeit nicht einzuholenden Vorsprung hat: deckt doch die englische Flagge y4 der gesamten Han­delsbewegung der Erde — Deutschland und Amerika ebenbürtige Rivalen sind, so kann man das Sims- Wort verstehen. Es denken viele Leute jenseits des großen Teiches so. Als die deutsche Preffe im vori­gen Jahre ihre Randbemeckungen zu dem „Schnitt" Deutschlands machte, hiell Washington es doch für gut herüberzukabeln, der Besuch deutscher Hafen werde im nächsten Jahre folgen. Als höfliche Leute haben wir das akzeptiert, und so haben wir den B e- such der amerikanischen Panzerdivi­sion im Kieler Hafen höflich-freundlich begrüßt. Zu einem Mehr haben wir keine Veranlassung;. im Ge­genteil ist zu wünschen, daß nicht „Seebären-Ver- brüdemngm" k la Sims unnötiges Aufsehen erregen.

In Oesterreich-Ungarn hat die christlich­soziale Partei bei den Stichwahlen infolge eines Zu- sarmnengehms der fteisinnigen Parteien mit den So­zialdemokraten zu der Schlappe, die sie bei den Haupt­wahlen erlitten hat ,eine weitere Schlappe erlitten. In Wien selbst, der früheren Hochburg der christlich­sozialen Partei, konnte die Partei in der StichwaU nur zwei Mandate retten. Die meisten ihrer Führer, so Prinz Liechtenstein, Dr. Geßmann, Hierhammer, Dr. Wetßkirchner u. a. sind nicht wiedergewählt wor- ben. Trotzdem ist der christlich-soziale Gedanke in Oesterreich nicht tot? In den Kronländern hat sich die Macht der christlich-sozialen Idee behauptet, und es wird auch die Zeit kommen, wo sie aus den Hän- ben deS Freisinns und der Sozialdemokratie, die ver­eint mit seltener Infamie die Partei Luegers be­kämpft haben, die Wiener Mandate wieder erobern wird.

In England findet in diesen Tagen mit selte­nem Pomp die Krönung König Georgs statt. Deutsch­land ist durch das Kronprinzenpaar vertreten. Auch Prinz Heinrich und verschiedene deutsche Fürsten wei- Icn in London. Das ist ein erfreuliches Zeichen von den langsam im Stillen sich beffernten Beziehungen zwischen den beiden auf dem Weltmärkte revalisieren- den Mächten.

In Portugal ist am 19. Juni in dem inzwi­schen zusammengetretenen Parlament die Republik als gesstzliche Staatsform Portugals proklamiert und die Verbannung des Hauses Braganza ausgesprochen worden. Vergegenwärtigt man sich, auf welche Weise die Wahlen zu'dieser gesetzgebenden Körperschaft zu­stande gekommen sind, wie die Regierung nur ihre Elemente wählen ließ rind alle anderen Kandidaten und diejenigen Wähler, die einen der Regierung nicht genehmen Kandidaten ihre Stimme geben wollten, mit Gewalt bedrohte ober gleich verhaften ließ, so kann man nur sagen, daß, wie auch schon von Anhän­gern der Republik offen ausgesprochen worden ist, die gesetzlichen Handlungen bet konstituierenden Ver­sammlung nicht die Stimmung des Volles wieder­spiegeln und eigentlich ungesetzlich sind. Die Bevöl­kerung verabscheut zum größten Teil die Gtivissms- knechtung des jetzigen Regiments und dadurch ge­winnt die monarchistische Erhebung, deren Vorboten aus verschiedenen Teilen des Landes gemeldet wer­den, neue Nahrung.

Die spanisch-französische Rivalität in Marokko ist noch nicht beseitigt. Die direkten Verhandlungen zwischen den beiderseitigen Negierun­gen sind zum Stillstand gekommen und es scheint, als ob man die Streitfragen auf diplomatischem Wege aus der Welt schaffen will. Unterdessen suchen die Franzosen in Marokko ihre Macht durch Befestigung mehrerer Orte flcherzustellen und General Moinier ist bereits in die „heilige Stadt" Mnlai Jdris, die bis­her noch kein Europäer betreten hatte, eingezogen.

In der belgischen Kammer gab am Dienstag der neue Premierminister Brocqueville sein Programm bekannt. Nach demselben will die Regierung ihr Augenmerk besonders dem Kinderschutz, den Arbeiter­pensionen, der Förderung des Mittelstandes und der Vermehrung des kleinen Besitzes zuwenden. Auch die Lage der Beamten soll gebessert werden. Die Frage

§a»rtag de« 24. 3um Ml-

38. Jahrgang.

Zuslüsterungen, die den Anschein der Wahrheit meisterhaft zu erwecken verstanden — darin sind die Leute groß — zu widerstehen, dazu gehört schon be­sondere Festigkeit, die der Durchschnitts-W-ener nicht besitzt. So ist es gekommen, daß man allmählig glaubte, was man jeben Morgen aufs Butterbrot be­kam, und irre wurde an den Männern seiner Partei und damit schließlich an dieser selber. Das ist Luegers einziger Fehler gewesen, daß er nicht an die Zukunft gedacht hat, wenn er, der Bezwinger durch seine Persönlichkeit, nicht mehr war; er hat nicht vorgesorgt, daß eine weitverbreitete gute Presse eine Ideen weiter vertrat und verteidigte gegenüber mächtigen Gegnern, die über die stärkste Waffe, eine zahlreiche Presse, verfügten.

Die Nutzanwendung für uns in Deutschland liegt auf der Hand. Stärken wir unsere, mit unfern Anschauungen übereinstimmende Presse, so stärken wir unsere Partei! Wenn diese Waffe nicht kampffähig ist, haben wir schon vor der Wahl ver­loren. Das mögen jetzt, vor dem Quartalswechsel, und in den kommenden Monaten vor der großen Ent­scheidungsschlacht der Reichstagswahl, die man kann wohl sagen — über ein christliches oder nicht­christliches Deutschland entscheidet, alle diejenigen be­herzigen, die es angeht. Ein jeder muß da Mit­arbeiten. Damit, daß man selbst Abonnent ist, hat man seine Pflicht noch nicht getan; sondern diese ver­langt auch Werbetätigkeit bei anderen. Vor der eigentlichen Wahlagitation, die vor der Türe steht, mögen unsere Freunde zunächst in eine A g i - tation für unsere Zeitung eintreten! Die Partei und die hohe Sache, für die wir alle arbeiten, wird es ihnen danken!

Deutsches Reich.

•0 lieber eine Reform des humanistische« Gymnasiums iverben in der „Post" allerlei Mit­teilungen gemacht, die darauf hinauslaufen, daß man es verstanden habe, ben. Kaiser bei fernem Aufenthalt in Wiesbaden für gewisse Reformen des humanistischen Gymnasiums zu beeinflußen.

Danach soll sich im Winter eine Bewegung in Fankfurt a. M. geltend gemacht haben, welche über die Frage der K u r z st u n d e und die Möglichkeit bet Zusammenlegung des Unterrichtes auf den V o r m t t - i a g hinaus sich mit den Aufgaben der höheren Schule überhaupt beschäftigte. Diese Bewegung habe sich-, lebhaft gefördert von einem höheren Regierungs. beamten, zu einer von den „ärztlichen Vereinen ein, gesetzten Kommission verdichtet, die unter Heran, ziehung einiger Direktoren eine Denkschrift ctuSge». arbeitet habe. Diese Denkschrift sei dann unter Be> Nutzung der persönlichen Beziehungen, die Professor Dr. Spieß in Frankfurt zum Kaiser habe, bei dessen Anwesenheit in Wiesbaden in einer Audienz dem Kai­ser überreicht worden. In kluger fortgesetzter Rück­sichtnahme auf die Persönlichkeit, für die sie in erster Linie bestimmt war, geht die genannte Denkschrift, deren Bekanntwcrden in der Oeffentlichkeit man sorg­fältig hintanzuhalten suchte, aus von den mannig­fachen sanitären Schädigungen (Abnahme der Mili- tärtauglichkeit usw.), die nach Ansicht der Verfasser der höheren Schule zur Last gelegt werden, müsse». Die Denkschrift schlägt dann weiter als Heilmittel eilte wesentliche Herabsetzung der Stunden­zahl (im Maximum 30 wöchentliche Stunden von 40 Minuten), erhebliche Verminderung der totf« senschaftlichen Anforderungen, Vermeh­rung der Turnstunden, Abschaffung des Abi- turientenexamens und anderes vor. In erster Linie sollen wieder die klassischen Sprachen die Kosten der Reform tragen.

Von seilen der Regierung wird man wohl eine Aeußerung zu diesen Mitteilungen erwarten dürfen. Daß sich unser Kultusministerium mit den hier gemachten Vorschlägen befreunden wird glauben wir nicht.

* Auf eine Stimme kommt es an! Die .Germania': schreibt:

Die Abstimmung über die letzten Gesetze läßt et' kennen, wie sehr es in gewissen Fällen auf eine einzige Stimme ankommen kann. Man erinnere sich nur an folgende Tatsachen: die Erbschaftssteuer fiel mit 8 Stimmen Mehrheit; die Leichenverbrenn­ungs-Vorlage wurde im Abgeordnetenhause mit 2 Stimmen Mehrheit angenommen, im Herrenhaufe mit 6 Stimmen Mehrheit. Dies sind markante Erschei-

bes Schulgesetzes, das der Anlaß zum Sturz des dis- berigen Ministerpräsidenten Schollaert wat, fou mit Ruhe und Ueberlegung geprüft werden, um durch Abänderungsanträge zu einer Verständigung zu ge­langen.

ö Bo» der Zeitung.

Drei Jahrhunderte sind vergangen, seitdem die er­sten „Zeitungen" erschienen, wenn m°n die gedruckten Nachrichten der Kuriere so nennen darf, die damals nach Echndung der Buchdruckerkunst an die Rathmiser angeschlagen oder ausgestellt wurden. Die eigentliche Ztitung, aus welcher sich die Presse der Gegenwart entwickelt hat, ist aber erst 100 Jahre alt. Wenn Na­poleon sie schon damals, in ihren bescheidenen An­fängen, als Großmacht tituliert hat, welche Bezeich­nung Würde er wohl heute lvählm wo sie geradezu Vorbedingung für das öffentliche Leben geworden ist!

Die Bedeutung der Zeitung ist vielen m diesen Tagen wieder zum Bewußtsein gekommen, als m einer Berliner Druckerei ein partieller Streck aus- brach, im Verlauf dessen eine ganze Anzahl Berliner Blätter nicht erscheinen konnten. Mit wenig Phan­tasie kann man sich an Hand dieses Vorfalles die fol­gen eines allgemeinen Nichterscheinens der Zeitungen ausmalen: Das öffentliche Leben würde stocken! Wie sind die Leser heute verwöhnt: Was wenige Stunden vorher geschehen ist, lesen sie; die großen Vorgänge aus aller Welt werden ihnen vorgelegt, frisch tote warme Semmeln. Die wenigsten Laien machen sich einen Begriff von der Organisation des N ach rich­te n d i e n st e s, der die modernen Veckeyrsmittel ue« Telegraphen und des Telephons zu Hilfsarbeitern hat. Eine Berliner Zeitung veröffentlichte vor eini­gen Tagen dm Etat allein ihrer Redaktion, der sich auf mehr als zwei Millionen Mark lahrlich be­läuft; die Gesamtausgaben der Firma betrugen 19 Millionen. Aber auch bei der kleinsten Zeitung handelt es sich schon um viele Tausende von Mark. — Direkt von dem Berliner Streik mitgetroffen wurde die Berliner Geschäftswelt, der die Reklame durch das Nichterscheinen der Zeitungen entzogen war und die dadurch einen empfindlichen Schaden erlitt. Man wird verstehen können, daß die Geschäftsleute nicht an letz­ter Stelle das wieder regelmäßige Erscheinen der Zeitung heiß ersehnten.

Das sind einige der realen Werte, welche die Zei­tung gewährt. Viel größer und wichtiger aber sind bie i b e a l e n. Auf Politik und. Kultur übt die Zei­tung den allergrößten Einfluß aus. Der Gedanke der Zeitung geht in ungezählte Köpfe, arbeitet dort weiter, pflanzt sich in tausend andere fort, und erhall schließlich als gesetzgeberische, kulturelle ober sonstige Tat, sei es positiv, sei es negativ, seine Wiedergeburt.

Dafür bietet auch wieder die Gegenwart ein ekla­tantes Beispiel, und zivar in Oesterreich. Die dortigen Reichsratswahlen sind bekanntlich unglückuch für die Christlich-Sozialen, das österreichische Zen- trum, ausgefallen. Wie war es möglich, so haben viele gefragt, baß die Partei Luegers eine solche Nie­derlage, und gerade in der Stadt Luegers, erleben konnte? Hat nicht Lueger Wien groß gemacht? Hat nicht der christlich-soziale Gedanke bie liberale Kor- ruptionsberrschast zerschmettert unb eine neue Aera begründe:, in welcher Oesterreich aufblühte? Und nun dieser Rückfall! Gewiß hat die christlich-soziale Par­tei Fehler gemacht. Aber diese immerhin Germg- sügigkeit würden die Niederlage nicht erklären. Der Grund liegt anderswo, nämlich in der — Presse. In dem großen Wien besteht nur eine größere christ­liche Zeitung, die „Reichspost". Aber ihr Wirkungs­kreis ist zu e n g b e g r e n z t, well sie durchaus nicht im Verhältnis zu der Parteianhängerzahl Abonnen­ten hat. Seitdem Lueger, der alle mit dem Bann seiner Persönlichkeit gefangen nahm, die Augen ge­schlossen hat, begann ein Preßfeldzug gegen die Christlich-Sozialen, der fein, auch das unsauerste Mittel verschmähte, um die Partei zu diskreditieren. Die Abwehr der „Reichspost", die Zurückweisung der Verleumdlmgen gelangte in zu wenig Häuser, und so konnte das Gift der liberalen Blätter, die Wien be­herrschen, ungestört wirken. Mancher brave Mann mag den ersten Artikel mit Entrüstung toeggetegt haben; aber den monate- und jahrelangen

wochen-Rnn-schau.

ft) Fulda, 23. Juni 1911. I

Die preußische Regierung hat es fertig ^bra^t, oas Leichenoerbrennungsgej e ß, das zah - tausend alten religiösen Sittenund Gebrauchenwtoer- pricht und toeiten Kreisen des chrrst-glaubigen 3ol- fe§ ein Aergemis ist, auch im Herrenhause zur An- nabme»u bringen. Als die Verbrennungsvorlage im Abgeordnetenhause mit nur zwei Stimmen Mehrheit durchging, war das katholische Volk empört über die fehlenden Zentrumsabgeordneten, deren Anwesenheit die Vorlage zu Fall gebracht hätte, Herrenhause ist Ähnliches geschehen-, auch hier haben eme Anzahl Herren gefehlt, beren Votum - wenn es ablehnend gelautet hätte — einen Strich durch ine Rechnung der Freidenker gemacht hätte; denn auch hrer fehlten nur s e ch s Stimmen, um die Vorlage aus der Welt zu schaff en. Es ist gut, wenn das.katholische Volk diese Herren kennen lernt: Es fehlten die BurgM' meister der weit übertoUgenb katholischen Städte Aachen, Koblenz, Köln, Trier; ferner der Gründer der Deutschen Vereinigung Graf H o e n s- broech-Haag, der zwar in Berlin, doch nicht im Herrenhaus war. Die Köln. Vollztg. nennt noch als Fehlende die Minffter bezw. Staatssekretäre in und außer Dienst: v. Amim-Criewen, v. Köller, v. Thiel- mann, Graf Posadowski. v. Tirpitz. Der Lmrdwirt- schaftsrninister von Schorlemer-Lieser hat für das Gesetz gestimmt. — Die Vorlage ist leibet Gesetz geworben. Angesichts der Mehrheiten, mit welchen sie durchgegangen ist, unb der schwerwiegenden Reden eines Grafen Häseler, Kardinals Fischer und Ober­hofpredigers Dryander wird die Regierung sich ihres ^Erfolges" kaum recht freuen. Sie hat ein groß Teil Vertrauen im christlichen Volke verloren das nur zu gut weiß, warum die Regierung solche in einem christlichen Staat unerhörten Zugeständnisse nicht nur an den politischen, sondern sogar an den re­ligiösen Liberalismus macht.

Außer dem „Brenn"gesetz hat die Sommertagung der beiden Häuser des Landtags nicht viel Auf­regendes gebracht. Das Herrenhaus erledigte vor allen Dingen das Großberliner Zweckverbands- gcsetz und das Allgemeine Zweckverbandsgesetz. Das Abgeordneten ha us beriet mit Gründlichkeit bie rheinische Sanbgemeinbeorbmmg unb bie Einfüh­rungsbestimmungen znm Reichsviehseuchengesetz unb erledigte außerdem die Novelle zur WestfAischm Pro­vinzialordnung, das Ausführungsgesetz zur Reichs­wertzuwachssteuer und eine ganze Anzahl kleinerer Vorlagen. In der Kommission des Abgeordneten­hauses erklärte bei der zweiten Beratung über das Fo'rtbildungsschulgesetz die Regierung, daß sie Ais Gesetz fallen lassen werde, falls der Re­ligionsunterricht als obligatorischer Lehrgegenstand in den Unterrichtsplan ausgenommen werde. Daraufhin ließen die Konservativen diese Fordemngen, die sie in Gemeinschaft mit dem Zentrum aufgestellt hatten, fallen unb so wurde denn der obligatorische Reli­gionsunterricht gegen die Stimmen des Zentrums ab­gelehnt und nur der fakultative gestattet.

Im H a n s a b u n d ist ein Krach eingetreten. Der Vorsitzende des Zentralverbandes deutscher Indu­strieller, Landrat a. D. Rötgcr, hat {einen Aus­tritt aus dem Präsidium des Hansabundes und aus dem Hansabunde selbst erklärt, unb zwar in Ueber- einstimmung mit dem Direktorium seines Zentralver- banbes. Der Austritt erfolgte, weil der Hansabund sich auf seinem ersten Hmsabunbiage als das bekannt hat, was er ist, eine liberale Wahlorganisation, der es auch auf bie indirekte Unterstützung der Sozial­demokratie nickt ankommt. Die Großindustriellen, „ftentralverband deutscher Industrieller", wollen die offensichtliche Linksschwenkung nicht mitmachen, weil sie nicht ganz die Fühlung mit den rechten Parteien verlieren wollen.

Im vorigen Jahre fuhr die ganze Schlacht- flotte der Vereinigten Staaten von Nordamerika nach Europa, lief englische und franzö­sische Häfen an, feierte dort „Verbrüderungen" und — schnitt Deutschland. Beim Aufenthalt in Eng­land ging die Verbrüderung so weit, daß Commander Sims, wohl unter bet Einwirkung des Festbanketts, bie amerikanische Bereitwilligkeit erklärte, „den letz-

2. Blati.

Ptei unb Verlag der julbaer Aetienbrnckerel in Selbe.

Unpolitische Zeitkäufe

(N.) Berlin, 22. Juni 1911.

(Nachdruck verboten.)

„Morgen in das kühle Grab!" So hieß es bisher in dem Morgenrot-Lied. Die Fassung ist rück­ständig. Jetzt muß es heißen: Morgen In des Ofens Glut!

Im preußischen Landtag ist nämlich der Leichen­brand durchgegangen. Mit Mühe und Not ist das Gesetz zustande gekommen: in dem einen Hause mit zwei Stimmen, in dem anderen mit sechs Stimmen Mehrheit. Aber diese paar Stimmen genügen, um das Land mit kannibalischen Bratöfen zu „beglücken". Die Freimaurer haben es sehr eilig mit der Aus­mauerung von „Krematorien". Im Berliner Rat­haufe wird der Bau einer solchen Brennerei bereits beraten, unb in dem anliegenden Charlottenburg ist schon ein „dringlicher Antrag" den Stadwerordneten zugegangen. Allerdings fordert das Gesetz für einen städtischen Leichenofen eine Zweidrittelmehrheit; aber hier zweifelt man keinen Augenblick daran, daß die Liberalen mit den Sozialdemokraten zusammen nahe­zu einstimmig die Vorlage im Stadtrat durchdringen werden. Auf Kosten der gesamten Bürgerschaft wird dann neben den Sportplätzen für die Lebendigen eine Anstalt errichtet in der die „aufgeklärte" Minderheit einen hochmodernen Sport mit den Leichen betreiben kann.

Einen grausigen Sport. Denn jedes gesunde Ge­fühl muß sich empören bei der gewaltsamen Vernich­tung eines menschliche,» Körpers. Mit scheuer Ehr­furcht stehen wir vor dem erkalteten Leib unserer Mutter, unseres Vaters, unseres Gatten, unseres Kin­des, unserer Geschwister. Wie einen Mörder würden wir den hassen und verfolgen, der es wagte, dem teu- E Leichnam irgend eine Verletzung zuzufügen. Auch staatliche Gesetz bestraft streng jeden Leichen- frebel. Doch die neue Mode mutet uns zu, den Leib, den wir verehrt und geliebt haben, in einen Bratofen zu schieben und dort so lange sengen und brennen zu lassen, bis nichts weiter übrig bleibt als ein

Häuflein Asche und einige Stücke von den großen Knochen, die gegen das Feuer allzu widerspenstig waren.

Wer schaudert nicht, wenn er lieft, daß ein Mör­der die Leiche seines Opfers in der Kochmaschine oder im Ofen zu verbrennen gesucht hat? Dem Wesen nach ist diese verbrecherische Gewalttat an der Leiche nicht verschieden von der gesetzlichen Verbrennung in dem Krematorium; nur die Technik ist hier besser als dort.

Also — so sagen die Anhänger der Leichenver­brennung — es soll ja nur derjenige verbrannt wer­den, der es selbst so berfügt hat! Nun, wenn jemand an mich das Verlangen stellte, ich solle ihn töten, so würde ich das nicht tun. Und wäre das Verlangen noch so ernstlich und dringend, es blieb dock immer eine grausige, unmenschliche Tat, einem Mitmenschen durch Gift oder Dolchstoß ober Erschießen zum ge­wünschten Tode zu verhelfen. Ebenso widerstrebt es dem gesunden Gefühl, eine menschliche Leiche ge­waltsam zu vernichten, wenn auch der Verstorbene den Wunsch nach einer solchen Vergewaltigung seines Leichnams gehabt haben sollte. — Vernünftige Leute lassen unvernünftige Wünsche unerfüllt.

Das natürliche Gefühl steht hier offenbar in Ein­klang mit der christlichen Sitte: die sterblichen Reste eines Mitmenschen schont und ehrt man, und über­laßt das weitere Schicksal derselben jener höheren Gewalt, die das Werden und Vergehen regelt Das geschieht in der würdigsten und zweckmäßigsten Form, wenn wir den unangetasteten Leichnam in den Schoß der Muttererde versenken. Der Christ pflanzt am Grabe die Hoffnung auf Wiedersehen auf; er glaubt an die Auferstehung am jüngsten Tage. Wer biefen tröstlichen Glauben verloren hat, kann boch ben Leich­nam bem Wirken bet Naturgesetze überlassen, und beide Teste können sich am Grabe einigen in bem Wunsche: Ruhe in Frieben! Wenn aber bie Leiche in einen Ofen hineingeschoben werben soll, so kann man boch wahrlich nicht von Frieden reden!

Das Gegentell von Frieden zeigt sich auch nach anderer Richtung hin. Die Einheit bet Bestat­tungsart wird zerstört. Bisher hieß es: der Tob macht alles gleich und wirllich fanden alle, weß Stan­

des und welcher Art sie auch im Leben gewesen sein mochten, das gleichmäßige Ende im Grab. Jetzt aber fährt der eine im Leichenwagen zum Kirchhof, der andere zum Krematorium. Hier schmücken die Hinterbliebenen den Grabhügel, unter denen die un­angetasteten Ueberreste ruhen; dort stehen die Hin­terbliebenen vor einer Urne, in der nichts weiter steckt, als ein Häufchen Asche unb einige unförmige Knochenreste. Satt des einheitlichen Friedhofs ha­ben wir einen Zwist der Grundsätze und der Ge­schmacksrichtung. Der Streit unb die Agitation, mit der wir so wie so schon so überreich „gesegnet" sind, werden nun auch auf das Gebiet her Leich enbestat- tung ausgedehnt.

Jawohl, Agitation wirb es geben. Zur Empfehlung des Gefetzentwurfs hieß es freilich, die Derbrennungsfreunde wollten nur etwas „Toleranz" haben, damit ihre Leichen „nach ihrer Fasson selig werden" dürften. Aber nachdem nun der Bau von Leichenöfen in Preußen gestattet ist, wird man sich eifrig bemühen, für diese Anstalten Kundschaft zu ge­winnen. Schon bisher gab es Vereine, die für die „Flamme" künftige Leichen anroarben. Bei der ent­fernten Lage der Krematorien toar die Sache kost­spielig ; aber dir Schwierigkeit suchte man durch Abonnements mit Ratenzahlungen zu überwinden. Jetzt wird die Sache billiger werden, also wird die Agitation sich auf weitere Volkskreise erstrecken kön­nen. Dabei wird man die Autorität der Stadwäter in die Wagschale werfen, indem man den Leuten sagt: „Seht, die Stadt selbst hat bie Verbrennungs- aichalt errichtet, und es liegt im Interesse dec Stadt, baß bie schöne Einrichtung auch gehörig benutzt wird", usw.

Auf eine solche Propaganda für ben Leichenofen, namentlich von ber Freimaurerei, müssen wir uns ge­faßt halten unb ihr nach Kräften bas Gegengewicht hätten. An die Agitation muß man auch benken, wenn bie Gegner sich auch auf den Willen der'Ver­storbenen berufen. Was da als eigener Willensent­schluß zum Vorschein kommt, ist den Leuten zumeist eingeblasen worden durch stetiges tendenziöses Zureden, durch Aufrühren von Glaubenszweifeln, durch Aufstachelung der Eitelkeit, durch die Vorspie- geluna daß die Feuerbestattung etwas viel feineres

und vornehmeres fei, als das Begräbnis in der Reihe ber „gewöhnlichen, rückständigen Masse".

Wir aber »vollen festhalten an ber altehrwürdigen Sitte, die zugleich christlich und deutsch ist, und wir wollen auch unserem Nachwuchse rechtzeitig und ein­dringlich klar machen, daß die Leichenverbrennung nicht „fein" ist, sondern vielmehr eine grobe, rohe Gewalttat gegen einen erkalteten Menschenleib, und baß diese Mode nicht einen Fortschritt der Kul­tur darstellt, sondern vielmehr einen Rückfall in die alte heidnische Manier der Leichenbeseitigung, die In den Kulturstaaten seit einem Jahrtausend überwun­den war und nur in wilden ober halbwilden Völker­schaften, z. B. in Indien, noch sich erhalten hat. Vor allem aber ist hervorzuheben, daß diese Verirrung des Geschmacks und Gefühls in der Glaubens- feindschäft wurzelt, — in bem Bestreben, sich „erhaben" zu zeigen über die christlich-religiösen An­schauungen unb Sitten. —

Wir hoben in Deutschland wahrlich schon Essen und Schlote im Ueberfluß. Wo die schwere In­dustrie zu Hause ist, da stehen sie waldartig zusam­men, und anderswo gibt es Gasanstalten, Elektrizi­tätswerke, Pumpstationen, Zuckerfabriken usw. genug. Im Gegensatz zu ben Landjunkern hat man schon von Schlotjunkern gesprochen. Jetzt kommt noch eine neue und sehr widerwärtige Art von Schloten hinzu: die Schornsteine, ans denen der Qualm der verbren­nenden Leichen in die geduldige Lust abgeführt wird. Diese Leichenöfenschlote bilden einen bedauerlichen Gegensatz zu ben Kirchtürmen. Jene find gleichsam Türme der unchristlichen Zeitrichtung. Alle Agita­toren des Unglaubens werden jedes Krematorium als ein weiteres Bollweck in ihrem „Kulturkämpfe" be­grüßen unb sich ermutigt unb gehoben fühlen als Lei- chenfchlottjunker. Die Zahl der Krematorien wird einen Maßstab geben für ben Stand des Christen­tums in der betreffenden Gegend, nämlich so, daß bie Häufigkeit ber Krematorien im umgekehrten Ver­hältnis steht zu ber Geltung des christlichen Glaubens und der christlichen Sitte im öffentlichen 2eben. Da­her kann ich allen Lesern nichts besseres wünschen, als daß ihre Gemeinden unb ihre Kreise verschont bleiben von den neumodischen Leichenöfen, an denen der An­tichrist seine Hände wärmen kann.