Einzelbild herunterladen
 

M 142.

ranrstag -en 24. Juni 191b

38. Jahrgang.

fuiaaek

W Zeitung •

3. Bloh.

Vrn« uttb Verlag der Znidaer Aelittdruckerei in znlda.

X Ein heimischer Maler.

vergangenen Sonntag sand die Atelieraus- stellnng des Rhöumalers Julius v. K r e h f e l t in Kleinsassen ihr Ende. Es wäre geradezu Undank, bar, wollten wir nicht wenigstens noch zum Schlüsse ihr und ihrem Veranstalter einige Betrachtungen widmen.

Gerne leisteten wir der sreundlichen Einladung n der Zeitung Folge, denn gilt doch unser Interesse der heimatlichen Kunst. Ein sonniger, lockender Frühsommertag umfing uns, als wir am Bahnhof Bieberstein aus dem dumpfen Eisenbahnwagen liegen. Vor uns breitete sich ein Bild aus, wie es aum schöner zu erdenken wäre. Unter uns liegt riedlich im Tale Schackau mit dem alten Jagd« chlößchen, zur Rechten und zur Linken waldige Hö­hen und grünende Wiesen. Hinter dem Bergrücken lugt neugierig der Kirchturm von Kleinsassen her­über, das Ziel unserer kleinen Reise, lieber alles aber erhebt die Milseburg, die mit Recht die Perle der Aihön genannt wird, ihr schirmendes Haupt. Dieses Bild wird eingerahmt von dunklen Tannen, in denen die Sonne spielt und die Vöglein singen. Alles at­met hier Freude, alles lockt uns an. Hinter uns ragt auf waldiger Bergesspitze das Schloß Bieber­stein, der einstige Sonrmerausenthalt der Fuldaer Fürsten empor. So sehr auch die Brandkatastro­phe, die vor einigen Jahren dieses alte Schloß heimsuchte, zu bedauern ist, so muß man sich doch auch eingestehen, daß es durch den Wiederaufbau des Dachgeschofses in modernisierter Form vom malerischen Standpunkte aus nicht gelitten hat. Wie ganz anders wirkt doch jetzt dieser Dachstuhl aus der Ferne. Das kleine Türmchen hätte man sich allerdings sparen können. Wir wenden unsere Schritte talabwärts und durchwandern Schackau. Das Schlößchen, das heute den Freiherren von Guttenberg in Würzburg gehört, war wohl früher einmal eine Wasserburg, so malt es sich wenigstens unsere Fantasie aus, und ich glaube, ich habe recht. Mancher durchzieht dieses kleine Tal ohne zu ahnen, daß eine Fülle malerischer Motive in feinen Ecken und Winkeln bem andächtigen Beschauer ihre Reize offenbaren. Aber nicht alle gehen ahnungslos vor- über. Hier fällt mir ein kleines Gedicht ein, dessen letzte Zeilen so gut hierher passen, daher will ich sie gerne dem freundlichen Leser mitteilen:

„Und Sänger und Maler wissen es, Und es wissens viele andere Leut'. Und wers nicht malt, der singt es Und wers nicht singt, dem klingt es In dem Herzen vor lauter Freud'!"

Ja, ja die Maler wissen es und sie wußten es auch schon vor vielen Jahren. So treffen wir denn auch, sobald die ersten Schwalben zurückgekehrt sind, gar manchen Jünger der Kunst in der Gegend uich viele kommen jedes Jahr in diese Täler, um, wie die Bienen den Honigseini, Sonnenschein und Farbe in sich aufzunehmen, die künstlerische Nahrung für die lange Winterszeü. Das war schon früher so. Einen aber von diesen Malern packte die Landschaft und ließ ihn nicht mehr ziehen, den Maler Julius v. Krehfelt.

Wir haben nun den höchsten Punkt der Straßen­steigung erreicht und vor uns liegt im Tale Klein­sassen, hart am Fuße der Milseburg. Ein anderes Bild, aber nicht minder schön wie die vorigen. Auf eine Bank, tu die ein Wandersprüchlein ein­geritzt ist, lassen wir uns nieder und genießen die herrliche Aussicht, dann geht es ins Dorf und durch das Dorf, dann am andern Ende erst, fast versteckt, gelangen wir zur Behausung unseres Malers. Ur­sprünglich ein Bauernhaus, in dem aber so mancher Künstler von gutem Rufe einst gerastet und in stiller Zurückgezogenbeit einige Zeit gearbeitet hat. Herr v. Krehfelt ist nämlich nicht der erste und hoffent­lich auch nicht der letzte Maler, der dieses stille Tal zum Wohnsitze wählte. Könnte dieses Haus er­zählen, es würde uns vielleicht von mancher fröh- lichen Künstlerlaune, aber auch von der Enttäu­schung, die dem Künstler beschieden ist, Kunde tun. Die einstige alte Künstlerherberge, die seit vielen Jahrzehnten gleichgesinnten Männern und Jüng­lingen unter ihrem Dache gastliche Aufnahme bot, ist heute das Wohnhaus des Künstlers. Viele werden sich noch auf die alte Künstler-Kneipe ent- finnen können mit dem gemütlichen Wirtsstüble, dem alten Ofen und dem noch älteren Lehnstuhle. Der aber, der einst, fo oft man das Wirtshaus be­trat, in dem Stuhle saß, ist längst nicht mehr am Leben; seine Tochter, die Gattin unseres Künstlers, trat das Erbe an. Ein Bild, das wir später in bet Ausstellung sehen werden, zeigt uns alter noch das bekannte Angesicht des alten Wirtes mit der Hausmütze und den langen, weißen Haaren. Ein späteres Logirhaus, das neben dem alten Wirts- Hause stand, ist bereits wieder abgebrochen und an seiner Stelle erhebt sich heute ein origineller Neu­bau im Einklang mit seiner ländlichen Umgebung, das Milseburg-Hotel, das manchem Maler und manchem Sommerfrischler einen angenehmen Aufenthalt bietet. Die Anhöhe über dem Hotel mit ihrem reichen Rundblicke aber ist für moderne Landhäuser vorgesehen und zum Teile schon bebaut. Da unser Ziel die Ausstellung ist, die Herr v. Krey- felt uns bietet, so wenden wir uns natürlich zuerst nach der Wohnung. Im Hofe schon sehen wir aller­hand Gegenstände, welche die Behausung eines Ma­lers verraten. Der Künstler heißt uns nach den Üblichen Vorstellungen freundlichst wMommen und wir erklimmen die enge Stiege, die zum Atelier führt. Wir grollen dem Maler nicht, daß er uns nicht in sein Heiligtum begleitet, denn das ist eine wohlbegründete Eigenart, die viele Maler mit chm teilen.

Zuerst feflelt uns hier das lebensgroße Bildnis her Tochter des Künstlers. Wir glauben ein Del« tzemälde vor uns zu haben, so tief und satt sind seine Farben, doch ergibt eine nähere Betrachtung, daß es ein Pastellgemälde ist. Wie vornehm stehen hier hie Farben zueinander, wie meisterhaft ist das be­handelt. Dieser leicht melancholische Zug, der um die Lippen schwebt, diese zarten Töne auf Hand und Gesicht! Meister v. Krehfelt beherrscht die Pastell- technik, das zeigen uns auch die übrigen Bilder und Studien. So oft aber der Blick abschweift zu einem andern Gemälde, immer wieder zieht uns dieses Porträt an. Ein großes Oelgemälde „Waldinneres" fällt uns auf. Es ist pastös und mit viel Geschick gemalt. Der Wand gegenüber hängt eine flüchtige Studie zuchiesem Bild. Sie mutet uns an wie cine_

Pastellstudie und doch ist es eine Kohlenzeichnung, deren Wirkung nur durch Pastell erhöht ist. Trotz der wenigen Mittel ist sie ungemein wirkungsvoll auf dunkelgrünes Tonpapier hingeworfen. Ein trefflicher Kenner des Winters muß Herr v. Krey- felt sein, denn eine ganze Anzahl Bilder betraten uns das. In dem Pastell „Straße im Winter" ist die Abendsonne, die ihre letzten Strahlen über die verschneiten Dächer der Häuser ausgießt, so vor­trefflich der Natur abgelauscht, daß wir die Kälte der hereinbrechenden Nacht schon zu fühlen glauben. Der „Winter in Schackau" zeigt uns eine ähnliche Stimmung, die gleich gut beobachtet und wiederge­geben ist. Es fröstelt uns, wenn wir den Lauf des Baches, der sich durch die mächtigen Schneemassen einen Weg gebahnt hat, verfolgen. Eine Pastell- ftubie auf grauem Tonpapier rechts an der Wand, mit schweren Schneewolken, die vielleicht in wenigen Minuten entstanden ist, toürbe_ gewiß mancher Ken­ner einem ausgeführten Gemälde vorziehen, so ge­schlossen ist ihre Wirkung. Nicht nur der harte Winter, auch Frühling, Sommer und Herbst mit all ihren Stimmungen, die sich in der Seele des kunstempsindenden Menschen auswechseln, werden uns hier vor Augen geführt. So die zwei „Bor­frühlingsmorgen", einer in Pastell und der andere in Del. Ferner der „Frühling in Schackau" mit den Strahlen der untergehendeu Sonne und die vielen anderen Skizzen von blühenden Bäumen und Sträuchern, auf deren einzelne Vorzüge ich leider nicht mehr Hinweisen kann. „Feldeinsamkeit", eine feine Sommerstimmung, die sich über reiche Aehren- felber ausbreitet, erregt neben manch anderem Bilde unsere Aufmerksamkeit.

Der farbenfrohe Herbst mit seinem lockenden oder auch wehmütigen Gesichte tritt uns ebenfalls in mehreren teilweise hervorragenden Gemälden vor Augen. Roch einmal müssen wir aber die Por­trätkunst erwähnen. Ein „Studienkopf", alla prima gemalt, steht hinter uns auf dem Tische, den wir nicht übersehen dürfen, daneben das jedenfalls schon vor längerer Zeit gefertigte „Bildnis eines alten Bauern", das aber lange nicht so flott gearbeitet ist wie das erste. Ferner hängt an der Wand ein lebens­großes Bild eines Knaben, das uns ebenfalls in guter Erinnerung bleiben wird. Aus den einzelnen Bildnissen tritt uns das eine oder andere bekannte Gesicht entgegen. Nebenbei lernen wir I. v. Krey- felt auch als Tiermaler kennen, fo in dem großen Pastellgemälde „Unterwegs", das 3 Fuldaer Dffl« ziere porträtähnlich wiedergibt und abermals einen Beweis für die fertige Technik, die der Meist« In der Pastellmalerei sich errungen hat, liefert. Die größeren Pastellgemälde sind auf Malleinen ober gebleichter feiner Leinwand ausgeführt. An einer Bleistiftzeichnung „Dornröschen" können wir das tiefgehende Studium v. Kretzfelt's erkennen. Es ist nicht möglich, auf alle Bilder näher einzugehen, zumal diese Zeilen aus der Erinnerung geschrieben sind. Die Ausstellung bietet eine solche Menge älterer und neuerer Werke des Malers, daß wir an Hand der ausgestellten Bilder seinen ganzen Entwicklungsgang verfolgen können. Schwer ist es zu sagen, ob I. v. Kreyfelt's Vorzüge in der Land­schaft oder im Porträt zu suchen sind, da er auf beiden Gebieten gleich gut bewandert ist.

Vor allem sind wir aber dem Maler dankbar für diese Ausstellung und der rege Besuch derselben dürfte vielleicht eine Veranlasiung bieten, daß bei Künstler in nicht allzuferner Zeit uns wieder ein­mal einen Einblick in sein Wirken und Schaffen vergönnt. Erfreulich ist es auch, daß für erholungs­bedürftige Kinder, denen der kleine. Eintrittspreis zufallen wird, ein ganz nettes Sümmchen zusam­mengebracht wurde, und auch der Meister selbst dürfte, wenn man den sonst geringen Bilderumsatz in unserer Gegend in Erwägung zieht, auf seine Kosten gekommen sein, denn es haben einige Bilder ihre Liebhaber gesunden. Diese Erwerber sind zn beglückwünschen. Wenn man bedenkt, wie leicht der Kleinstädter umherziehenden Händlern in die Hände fällt, die chre Machwerke, die sie zuhause nicht an den Mann bringen konnten, nun für billiges, aber immer noch zu teueres Geld, unter lobpreisen­dem Redeschwall den Bürgern feilbieten, so muß man sich wundern wie wenig Verständnis für wirk­liche Kunst man. trotz aller Bemühungen der Künst­lerschaft, durch Wort und Bild (Wanderausstellun­gen) Aufklärung zu schaffen, immer noch hei bei Mehrzahl der Bevölkerung vorsindet. Statt sechs wertlosen Bildern hänge ich mir doch lieber ein Bild von Wert an die Wand und habe die Gewißheft, daß es etwas Gutes ist, das seinen Wert auch späterhin behält.

Im Hofe treffen wir den Maler wieder. Nach­dem wir uns im Hotel gestärkt haben, machen wir einen Spaziergang auf eine der nahen Höhen. Hier merken wir, toie innig I. v. Krehfelt mit der Scholle verwachsen ist. Manches Bild, das wir eben gesehen haben, tut sich hier, wenn auch in anderer Stim­mung, vor uns auf. Unser Künstler ist so recht ein Maler der Scholle, dem das Nächstgelegene gut ge­nug ist, um es künstlerisch zu verarbeiten. Ihm isl die Natur überall vollkommen und in der Nähe seines Heims so heilig wie anderwärts. Er ist ver­wachsen mit Land und Leuten und wer ihn genauer kennt, dem ist es längst bekannt, daß er sich im Wams Wohler fühlt wie im Frack. Daher ist auch seine Kunst echt zu nennen, die nicht heute hier und morgen dort herumtastet und hinter einem Schein von Vielseitigkeit einen hohlen Kern verbirgt. Wir finden heute eine Menge Ausstellungen der Künst­ler, auf denen I. v. Kreyfelts Kunst vertreten ist und geschätzt toirt. Biele Private, auch außerhalb Fuldas, rühmen sich eines Bildes unseres Rhön- malers.

Inzwischen ist es Abend geworden und wir treten befriedigt den Heimgang an. In Schackau wird gerade das Slbenbglöalein geläutet und Friede liegt über der weiten Flur. Ein Bäuerlein, den Hut in der Hand, geht andächtig an uns vorüber. „Millet", lispelt mein Begleiter, der unser Schweigen unter­bricht. In der Tat müssen wir an die herrlichen Schöpfungen des Franzosen denken. Nur in einer solchen Atmosphäre, weitab vom flüchtigen Stadt­getriebe, konnte v. Kreyfelts Kunst sich ausreifen. Das wußte er, als er einst, fein Ränzlein auf dem Rücken, diese Thäler betrat und deshalb wurde er ein Rhöner. Noch voll der Eindrücke, die Natur und Kunst uns heute boten, erreichen wir den Bahn­hof Bieberstein und schließlich Fulda.

* Hessische Rathäuser.

Infolge des Andranges an Kongreßbrrichten, den bic Pfingstwochr brachte, mußte in unserem Blatte ein Bortrag etwas stiefmütterlich behandelt werden, der in weit größerem Maße als es zunächst geschehen konnte, weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient.

Auf dem heff. Städtetag sprach Herr Regienmgs- baumeifter Dr. Holtmeye r-Kassel über „Hess. Rat­häuser, ihre Erhaltung und Entstellung". Unser Be­richt über den Vorttag, der von einer Anzahl treff« lichrr Lichtbilder wirkungsvoll unterstützt wurde, soll in folgendem eine Ergänzung erfahren. Der Redner verwies auf das Rathaus in Gelnhaus en, das man mit Fug und Recht als Rathaus aus der kultur­geschichtlich bedeutsamsten Zeit Deutschland ansprechen darf. Leider sei der Rathausbau in seiner Schönheit nicht erhalten geblieben, und was als archäologische Sehenswürdigkeit ohnegleichen für die Stadt Geln­hausen hätte sein können, das stände nun an hervor­ragender Stelle und für unabsehbare Zeiten als Denk­mal unverstandener Denkmalspflege. Das verunstal- teie Rathaus von Gelnhausen sollte zwei Wahrheiten lehren, einmal daß Denkmäler von außergewöhnlichem kunstgeschichtlichem Wert am besten ganz unberührt bleiben, zweitens, daß in Fällen, wo Wiederherstellun­gen unvermeidlich erschienen, es nicht Aufgabe der Restauratoren sein kann, zu Formen zu greifen, die um Jahrhunderte zurückliegen, die, nur äußerlich er­faßt, schon nach wenig Jahren als unpersönlich und mckünstlerisch empfunden werden. Redner ging dann des näheren ein auf das Renaissance-Rathaus W i- tzenhausens, das im Jahre 1809 abbrannte. Man baute, wie es die Mode forderte, und der Bau, der durch die Restaurierung entstand, ist künstlerisch min­derwertig. Das gotische Rctthaus in Fritzlar, des­sen malerisches Fachwerkgeschoß 1839 in Akkord ab­gebrochen wurde, ist auch schlecht restauriert worden. Ein schöner Bau sei auch das alte, seit 1404 mit der Geschichte der Stadt Kassel und seinem Fürsten­hause verwachsen gewesene Rathaus am Altmarkt, ebenso sei auch das Rathaus des Städtchens Fran­ken b e r g ein wertvoller Bau gewesen. Vom Stand­punkte her Kunstgeschichte und der Denkmalspflege gleiche Beachtung verdiene das schöne Rathaus in Marburg. Wer diesen Bau errichtet, habe gewußt, welche Eigenschaften das hervorragendste Haus der Stadt besitzen muß. Redner begrüßte es mit auf­richtiger Freude, daß die Stadt sich entschlossen hätte, die unabweislich gewordene Erweiterung des Rathau­ses in modernen Formen auszuführen. Auch dafür gebühre dem Magistrat der Dank der Kunstfreunde, daß er nicht verabsäumt habe, vor Entscheidung der Frage, die das Aussehen des wichtigsten Platzes der Stadt für Jahrhunderte bestimmen wird, sich des Ein­verständnisses berufenster Kritiker zu versichern. Red­ner verwies dann auf das Rachaus in H e r s f e l d, das in verschiedener Richtung Beachtung verdiene. Die ausgezeichnete Wirkung des Baues, der Architek­ten und Malern gleich lieb geworden ist, beruhe nicht allein auf seiner stimmungsvollen Umgebung. Der beschränkte Raum des geschlossenen Marktplatzes gibt dem gar nicht so großen Hause erst den Maßstab. Der Reichmm der Dachbildung kommt voll zur Wirkung, vergleicht man ihn mit den schlichten Giebeln der Rachlarhäuser, deren schmale, in Absätzen zurücksprin- genbe Fronten das Rathaus in voller Schönheit her- vortreten lassen. Redner erwähnte ferner eine Anzahl hervorragender hessischer Fachwerksbauten in Z i e- renberg, Grebenstein, D st heim (Rhön) und Hanau. In Hanau sei das 1899 restaurierte zweite Ältftädter Rathaus als Beispiel einer weitgehenden und hervorragenden Wiederherstellung zu erwähnen. Auch insofern kann das seit 1902 nicht mehr als Schule benutzte Haus als vorbildlich gelten, als es jetzt das stimmungsvolle Heim für die ansehnlichen Sammlungen des Hanauer Geschichtsverems bildet. Redner gab zum Schluffe seiner Freude Ausdruck über die Tatsache, daß man jetzt die Heimat wieder künst­lerisch sehen und lieben gelernt habe. Als Beweis hierfür darf man sagen, daß die lebendige Kunst un­serer Tage einen großen individuellen Zug angenom­men hat, daß die moderne Kommunalarchitektur, die weit mehr und weit größere Aufgaben zu lösen hat, als irgendeines der verfloffenen Jahrhunderte, dank der Freigebigkeit der Bürgerschaft und des Verständ­nisses der Behörden in die Sage versetzt ist, Werke zu schassen, die hinter den großen Leistungen der guten alten Zeit nicht zurückstehen brauchen. Das beweist, so schloß der Vortragende unter stürmischem Beifall, der Bau des Kasseler Rathauses, den die Fachwelt für das beste Rathaus hält, das die letzten fünfzig Jahre hervorgebracht haben.

„Brmtes Allerlei" ans der Geo- Araphie.

Von W Roß-Hamburg.

Werfen wir einen Blick auf die Generalkarte des Deutschen Reiches, so erscheint es uns als ein zu einem einheitlichen Staatsgebilde wohlabgerundetes Ganzes. Und doch findet sich in ihm eine große An­zahl geographischer Sonderbarkeiten.

Nachstehend eine kleine Auslese:

4y2 Stunden gebraucht man, um zu Fuß in sicben deutschen Vaterländern einen Besuch zu ma­chen: Man beginne zu Saaltal im Altenburgfichen, wandere in einer Swnde nach dem preußischen Drog­nitz, sodann weiter in % Stunde nach Altengesees (Reuß j. 8.). Schon Gleima, y2 Stunde darauf, liegt im Rudolstcidtischen, von wo man in 30 Minu­ten bei Rauschengesees dem Lande Reuß ä. L. einen Besuch abstattet. Alsdann geht man in 1% Stunden nach dem meiningischrn Lichtentann, um nach weiteren 30 Minuten in Steinbach im bayerischen Dberftan- ken die Reise zu beschließen.

Handelt es sich vorstehend um ein Angliedern von Unzusammengehörigem in geringster Längendistanz, fc fehlt es hinwieder auch nicht an Beispielen von Vereinigung solcher Orte auf gleicher Linie oder gar m einem Punkte. Man gedenke der mancherlei Dop­peldörfer zwischen Werra und Elster, wo die Landes­grenze mittendurch läuft. Bei dem ettoa 15C4) Ein­wohner zählenden Orte Kürnbach sind besonders veizwickie Grenzverhältniffe. Der Drt gehört Baden und Hessen gemeinsam, doch ist wenigstens nach Uebereinkommen Kirche, Rat- und Schulhaus dem erstgenannten, der Gemeindewald dem anderen Lande jUtt Oberaufsicht zugespcochen worden.

Schwierig ist auch die Uebersicht in dem Städb chen Kranichfeld, dessen Bewohner links der Ilm fiir ihre Perfon wohl ineintngifdj, rechts davon weimarifch sind, beten Wohnhäuser und Scheunen dagegen örttich bereits arg durcheinander gerieten. Kneipbrüdern kommt diese Konfusion infofem zugute, als nach der Polizeistunde vom meiningischen Bier- hause einfach in das weimarische ausgewandert wird, wo, wie Eingeweihte behaupten, der Nachtwächter einer milderen Praxis sich befleißigt.

Der Gipfel des Wirrwarrs jedoch wird wohl in dem an der Bahnlinie Braunschweig-Hannover lie­genden Woltorf erreicht. Es gehört infofem Preu- 6en und Braunschweig gemeinsam, als nach der Zäh­lung von 1910 ersterem 485, letzterem 262 Einwohner zufielen, deren Häuser völlig schachbrettartig durchein- anbergetoürfelt sind. Jede Untertanengruppe hat ihren eigenen Schulzen, ihre Rekrutenaushebung, Haus­nummern, Schänken und Steuern, dagegen vermißt man die f»genannten „Hoheitstafeln", da andernfalls fast vor jedem Hause eine stehen müßte. Merkivürdi- gerweise läßt sich nicht erweisen, wodurch dieses Kun terbunt entstanden ist. Schon in den ältesten Akten werdm die Anteile als bischöflich-hlldesheimisch (spä­ter hannoverisch, endlich preußisch) und braunschwei­gisch bezeichnet.

Bei diesem Anlaß sei auch des Weilers Jäge^ brennen gedacht. Zum lauenburgischen Orte Wei tors gehörig, wohnt der Vorsteher in Schwärzendes die Steuern werden in Kröppelshagen erledigt, unz sofern dies nicht prompt erfolgt, kommt der Gerichts Vollzieher aus Trittau, allenfalls unterstützt durch der. Gendarm aus Friedritysruh Um das Hin und Her zu vervollständigen, steht die Kirche in Hohenhorn, die Schule in Bergedorf und, wenn das Vaterland Arme braucht, müssm sich die streitbaren Jünglinge in Till Eulenspiegels Ruheort Mölln einfinden.

In kirchlicher Hinsicht bietet Hilbersdorf in der sächsischen Enllave Liebschwitz', wo sich die Beter aus vier deutschen Vaterländern: Altenburg, Preu­ßen, Sachsen und Weimar versammeln, eine Selten heit.

Eine andere Anomalie findet sich in dem lothrin­gischen Dorfe A j o n c o u r t, welches 1871 mit dem Nachbarorte Arraye in diesem auf gemeinsame Kosten einen Friedhos errichtete. Nach dem Frankfurter Frie­den kam ersteres an Deutschland, letzteres blieb bei Frankreich und so kommt es, daß die Bewohner von Ajomourt zu Lebzeiten Deutsche sind, während sie nach dem Tode Franzosen werden.

Noch einige andere geographische Zufallscherze: Das Wirtshaus zu Stockerpoint in Nieder­bayern, welches im Amtsbezirk Dingolfing steht, indes die Scheune in jenen von Straubing fällt, wo auch die Kegelbahn beginnt, um in jenem von Landau zv enden.

Daß solche Zufälligkeiten von spekulattven Köpfen ausgenutzt werden, zeigt folgender Fall: Der Wirt zu Warf, nordwärts Bremens, hat eine Doppel- kegelbahn derart angelegt, daß die preußisch-bremische Grenze durch deren Längenachse läuft. Je nachdem nun in dem einen oder dem anderen Lande ein Buß­tag oder dergleichen den Bauern das Kegeln verbie­tet, wandern sie einfach auf die Nachbarbahn und drehen so der machtlos zusehenden Obrigkeit eine Nase.

Teilweise ohne Herrn ist Rückersdorf. Richt nur, daß man den Fuß abwechselnd auf altenbutger und sächsisches Gebiet setzt, so weiß man absolut nicht, wem Pfarre, Kirche und Schule gehören. Des lieben Friedens willen hat sich der kirchliche Teil unter das Patronat des Rittergutes Liebschwitz bei Gera, die Schule unter Altenburger Regiment gestellt. Zwei Wirtshäuser aber, abseits im östlichen Ortsteile gele­gen, geboren keinem Landesherrn an. Zwar lassen sie sich den Schutz des Königreiches Sachsen gefallen, zeigen aber ihre Unabhängigkeit gleichzeitig dadurch, daß sie ihrem Protektor weder Geld, noch Blutsteuer entrichten.

Zum Schluffe sei noch der beiden kleinsten Dörfer in Deutschland gedacht: Das eine heißt Chran 8- b o rf, liegt bei Alt-Döbern in der Lausitz und zählt fünf Einwohner: nämlich drei Amtspersonen, einen Wirt und einen Bauer, das andere ist D ü r r e 11 e n» bach im Odenwald und hat in zwei Häusern vier Einwohner.

Allerlei

— Zieht hinauf! In großen Städten mit teuren Mieten ist manche Familie besseren Standes aus pekuniären Gründen gezwungen, eine hochgelegene Wohnung zu beziehen, und kein vernünftiger Mensch wird darin etwas unpassendes finden. Auch in kleineren Städten ziehen manche Familien gern in die oberen Stockwerke. Es braucht da nicht allein der Geldpvnkt maßgebend zu sein. Man soll sogar der Gesundheit wegen eine hochgelegene Wohnung einer solchen der unteren Stockwerke vorziehen, und dies nicht allein in den engen Straßen der inneren älteren Stadtteile, sondern auch in bretten, neuen Straßen, denn je näher den Wolken, desto reiner und dünner ist die Lust, desto geringer der Lärm. Gleich wichtig wie die Aufnahme reiner Lust ist die sich durch das Treppensteigen notwendig machende tägliche Hebung der Lunge im Tief atmen. Die Lunge wird hier gezwungen, täglich einigemal das an- haltend zu tun, woran ihr Besitzer kaum denkt, wenn er behaglich auf ebenem Wege schreitet, näm­lich die Lust bis in die äußersten Spitzen zu ziehen. Wer an Fülle und an damtt verbundener Kurz- atmigfeit leidet, der findet das Steigen im Anfang allerdings unbequem, durch den fortgesetzten Zwang gewöhnt er sich aber bald daran. Die Lunge erstarkt, sie atmet leichter, und mit der größeren Aufnahme­fähigkeit befördert sie den Verbrennungsprozeß im Körper. Der Körper verliert an Umsang nnd Ge­wicht, und bewältigt schließlich spielend, was ihm anfangs so schwer fiel. Darum: hoch hinauf ziehen! Dem Himmel so nahe wie möglich! Es ist e n Segen, daß die Hausbesitzer für hochgelegene Woh­nungen die wenigste Miete berechnen, obwohl gerade solche Wohnungen die schönsten, gejünbeften und ruhigsten sind! Wer klug ist, läßt sich solch doppelten Segen nicht entgehen! mo.