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38. Jahrgang

Fulda, Freitag den 23. Juni 1911

Erstes Blatt

M 141.

Deutscher Reich

Herr R i e ß e r versucht dann eine Verdunkelung des Tatbestandes, indem er erklärt, seine Schlußrede hätte .lediglich den Kampf gegen die Ueberagracier,

vor mit freundlicher Erlaubnis der Regierung viele Handelskammern. We die Regierung dann tm näch­sten Reichstag eine Mehrheit für einen brauchbaren Zolltarif zustande bekommen wird, scheint den Mini- stern vorläufig noch nicht am Herzen zu liegen.

In Summa: Herr Bassermann schien durch die jüngsten Ereignisse im Reichstage lahm gelegt zu sein. Aber Herr Ri eß er führt seine Tccktik fort, und er läßt sich auch durch den Zentralverband noch nicht lahmlegen.

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Die Spaltung im Hansnprtnv.

Von dem Schriftwechsel, der die Spaltung im Hansabund begleitet hat, find jetzt zwei Stücke ver­öffentlicht worden: der gestern mitgeteilte Ab- schiedsbrief RötgerS, des Vorsitzenden des „Zmtralverbandes deutscher Industrieller" vom 21. Juni und das Antwottfchrtt ben RießerS, des Hansabundspriffidmtm.

Diese Aniwort deS Herm Dr. R t e ß e r ist sehr dürftig ausgefallen. Dm Borwurf, daß er ohne Ver­ständigung mit dem übrtgm Direktorium gehandelt habe, sucht er durch die billige RedmSart zu ent* kräftigen, daß er zu Werbeaufrufm generell die Ge­nehmigung erhaltm habe. Das ist die Sache doch zu formell aufgefaßt, denn es kommt auf die Politik an, die Herr Dr. Rießer verfolgt und die hier ange­fochten wurde, weil die rücksichtslose Verkündigung des r!nbedingtm und ausschließlicher Kampfes ge­gen r e ch t 8 von Hm. RStger u. seinen Genossen vom Zmtralverbande für eine Abweichung von der alten Richtlinie des HansabundeS und für unvereinbar mit ihrem wirtschaftlich«, Verbände gchaltm Wird, in dem alle bürgerlichen politffchm Parteien, sowohl rechts- als linksstehmde, vertretm sind.

L Berlin, 22. Juni 1911. Der Kaiser besichtigte Donnerstag in Kiel einige Neuerungen auf der Werst. — Prinz Joachim, der sich bekanntlich unlängst bei einet militärischen Hebung eine Knie­verletzung zuzog, hat Mittwoch die ersten Gehversuche unternommen. Das Knie war aber noch nicht wider«

also speziell gegen den Bund der Landwirte", ge­fordert in Gemäßheit der RichLtnim des Hansabun- des. Das ist unwahr; die KriegSecklärung richtete sich gegen alle Konservativen ,gegen die gesam­ten .bodenständigen und rückständigen" Elemente; sie verspottete die PolitS der Sammlung der bürger­lichen Parteien gegen ben Umsturz, sie jubelte über die elf Ersatzwahlm, bei benen bie Sozialdemo­kratie die großen Erfolge davon getrogen hat, sie verweigert das eintreten für einen rechts stehenden Kandidatm gegen ben sozialdemokratischen Stichwahl- gegnet. Von bem Sinn unb bem Zweck seiner Kampfrebe kann Herr Rießer nachträglich nichts ab­leugnen. — Nach bem Umdeutungsversuch setzt sich Herr Rießer zum Schluffe seines Antwortschreibms wieder auf das hohe Pferd unb versichert, bie Mions­kraft unb Geschlossenheit des Hansabundes würden durch dm Austritt Rötger's und des Zmtrcllverban- des dmtscher Industrieller nicht gemindert. Einen ähnlichen Ton schlägt die für 'Herm Rießer begei­sterte Großblockpreffe an, indem sie die „reinliche Scheidung" als ein klärendes unb befreiendes Ereig­nis begrüßt. Das „Berl. Tagebl." z. B. tut so, als ob das Ausscheidm des Zmtralverbandes sogar ein großes Glück für ben Hansabund sei unb widmet die­sem Gedanken nahezu zwei Spalten. Da wundert es nur, daß man ben Zentralverband, von dem es jetzt heißt, daß er von vomherein ein störender gefährlicher Kantonist gewesen sei, nicht schon längst den Stuhl vor bie Tür gesetzt hat.

Auch wir halten es für gut, baß bie Geister sich scheiden und die Lage sich klärt. Es war tm Han­sabund ein ähnlicher Gärungsprozeß tm Gange, wie in der nationalliberalm Partei. Dort ist eS jetzt schnel­ler zum Klappm gekommm. Herr Rießer wollte durchaus die Bassermann-Wiemer'sche Großblocktaktik in seinem Hansabund miimachm. Er glaubte den rechten Flügel der nationalliberalm Partei und die Schwerindustrie deS Zmtralverbandes links liegen laffen zu könnm. Zu seinem schroffen Verhaltm wird gewiß der Umstand beigetragm habm, daß der Zen- tralverband dmtscher Industrieller sich feinen eige­nen Wahlfonds reserviert hatte. Für die Rie- ßer'sche Agitation warm also keine erheblichm Mit- tel von btefen Großindustriellen zu erwarten. Desto reichlicher wird die Kriegskaffe deS Herm Rießer ge­speist wordm sein von dem B l o ck und den G r o ß- händlern, und so glaubte er mit deren Hilfe den Feldzug zu gunstm des „mobilen Kapitals" durchführen zu könnm. Aus dieser Erwägung erklärt sich wohl d« Ton bet Geringschätzung und Selbstübek- ' Hebung, den Herr Rießer am Schluffe seines Ant­wortschreibms anschlägt.

Es bleibt nun abzuwarten, ob der Austritt der ' Großindustriellen die mittleren und Heineren Jndu- ' striellm und bie Irregeleiteten Vertreter deS Hand- 1 wecks zur Mwmdung von der Großblocktaktik Rie- ßer'S bewegm wirb. Man barf nicht zu viel erwar- tm, denn der .Bund der Jndnstriellm" hat bereits Herrn Rießer ein förmliches Vertrauensvotum erteilt. : Jetzt ist Herr Rießer der unbehinderte = Alleinherrscher über die großen Geldmittel t des Hansabundes und über die schreibenden und re- = denden Agitatoren, die aus dieser Kaffe besoldet wer- : ben. Jetzt kann man erst recht die offene Unter- । stützung der bürgerlichen Oppositton und die ! verschleierte Unterstützung der Sozialde- ' mokratie betreiben. Dabei helfen ihm nach wie

standSfähig genug. — Die Kaiserin wohnte heute der Enthüllung ihre- Bildnisse» in den Kinderheil« stättm zu Hohmlychen bei. — Der Reichskanzler v. Bethrnann-Hollweg nahm am Donnerstag an dem Festgottesdienst aus Anlaß der Krönungs­feier in der englischen Kirche zu Berlin teil. — Staatssekretär v. Kiderle» - Wächter ist vom Urlaub nach Berlin zurückgekehrt und hat die Amts« geschäste wieder übemommm. — Der,Reichsanzeigeck meldet nunmehr die Verleihung des GroßkreuzeS des Roten AdlerordenS mit Eichmlaub in Brillanten an Staatssekretär Delbrück, sowie die schon be­kannten Auszeichnungen des Ministerialdirektors E a S p a r und des Ministerialdirettors Dr. L e w a l d.

b. Die Pflichtsottbildungsschulkommifsion des Ab- geordnetenhauses dehnte in ihrer gestrigen Sitzung im § 4 die Schulpflicht auch auf diejenigen aus, die im Betriebe ihrer Eltern beschäftigt sind. #u § 5 wurde ein Antrag angenommen, nach welchem Personen, welche zum einjährig-freiwilligen Heeres­dienst berechtigt sind oder nach dreijähriger Lehrzeit die Gehilfenprüfung bestandm haben, nur durch ein Statut zum Schulbesuch verpflichtet werden könne«.' Zu 8 7 liegen Anträge vor, wonach den vom Staate aneckannten Konfessionen mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde eine angemessene Zeit zur reit«, giösen Unterweisung zur Verfügung zu stellen ist und beim fakultativen Religionsunterricht, sofern er besondere Mittel erfordert, die Gemeindebehörde entscheidend mitzuwirken hat. Uebet diese An­träge wird später abgestimmt. In der Debatte beharrten die Redner des Zentrums auf dem Stand­punkt, daß der Religionsunterricht obligatorisch sein müsse, (vrrgl. Letzte Nacht.)

+ Zu der Stichwahl-Politik bei den kommenden Reichstagswahlen hat der Präsident des Reichstages, Graf Schwerin-Löwitz, sich dieser Tage in einer Versammlung in Treptow a. Toll, dahin geäußert, daß er gegebenenfalls bitten würde, immer und unter allen Umständen die schlimmsten bürger­lichen Demokraten doch noch mit aller Entschie­denheit gegen jeden Sozialdemokraten zu unterstützen. Demgegenüber teilt die »Deutsche Tagesztg/ mit, daß die Diehrzahl der bei der Leitung der konservativen Partei beteiligten Herren in diesem Punkte vom Grafen Schwerin abwichen und der Ansicht seien, man müsse von Fall zu Fall entscheiden und direkte Bundesgenossen der Sozialdemokratie genau wie diese selbst auch bei den Stichwah«, len behandeln. Diese Mitteilung hat das .Berliner Tagebl." sehr verschnupft. ES wirft den Konserva­tiven vor, daß sie damit die Sozialdemokratie de- Äge und fügt bann hinzu, die liberalen Wähler n nur gleiches mit gleichem vergelten, wenn sie bei Stichwahlen zwischen Konservativen und Zentrum einerseits und Sozialdemokraten anderseits sich gegen rechts entscheiden. — Das,B. T/ ist am allerwenigsten befugt, anderen Leuten den Vorwurf einer Unterstützung der Sozialdemokratie zu machen, und wenn die Konservativen auch jene Stichwahl- Politik nicht befolgten, würde das,B. 3V bei seiner Vorliebe für den schwarz-blauen Block zwischen einer konservativen und sozialdemokratischen Kandidatur bei ben Stichwahlen doch zweifellos für die letztere eintreten.

+ Die Hanptverhandlnng gegen Pfarrer Jaiho findet heute Freitag vormittag in Berlin statt. Die Verhandlung findet vor einer beschränkten Oeffeni« lichkeit statt. Die Presse, selbst theologische Fach- organe, ist ausgeschlossen.

Sinko mmensteuerzusch läge aufrecht zu erhalten. Diese «uffaffnng mich ich sofort zerstören, «n eine Beseitigung der Zuschläge ist nicht zu denken.

Herr v. Buch: Ausgabe jedes Fimmzministers muß eS fein, dafür zu sorgen, daß die EchnLenlast nicht wächst. Der Staat muß Vorsorge treffen für den schlimmsten Fall, den eS gibt: für de» Krieg, und für diesen Fall sind Schulden für ihn doppett und dreifach bedenklich. Deshalb muß eine gute Finanzverwaltung in erster Linie dahin mitten, daß nicht nur im Staate selbst, sondern auch bei den Gemeinden daS Schulden- machen möglichst beschräntt wird.

Bankdirektorv. ©»inner: Die Steuerzuschläge wären seinerzett zu entbehren gewesen. Nachdem wir sie nun einmal haben, wird es schwer sein, fie wieder abzuschaffen. Im wetteren erörtert Redner die von ihm bereits wiederholt zur Sprache gebrachte Frage, ob es nicht möglich sei, die 2,10 Prozent des statistischen AnlagekapttalS, die jetzt für allgemeine Staatsausgaben in Anspruch genommen werden, auf 2,25 Prozent zu erhöhen. Jedenfalls wäre eS besser gewesen, wenn 300 Millionen Lasten der Essenbahnverwaltung geborgt wären, statt fie auf Defizitanleihen zu übernehmen.

Nach wetteret unerheblicher Debatte wrrd die Vor­lage angenommen.

Es folgen Petitionen.

Eine Petition um Erlaß des im allgemeinen Berg- gesetz zugesagten Gesetze» über Aufsuchung und Ge­winnung von Stetnioblen wird der Regierüng zur Erwägung überwiesen. Eine Petttton um Inkraftsetzung deS 2. Abschnittes deS ReichSgesetzeS über die Eiche- rung von Bauforderung en in den Gemeinden, in denen der Nachweis deS Bauschwindels erbracht ist, beantragt die Kommission als Material zu überweisen.

Klempnermeister Plate: Wenn das Gesetz, daS doch zum Schutz de» Handwerks erlassen fei, seine volle Wirkung auSüben solle, müsse auch der 2. Teil deS Gesetzes in «rast treten. Er beantrage daher, die Petition der Regierung zur Berückfichttgung zu über- weisen.

Oberbergtat Wächter bittet, eS bei dem KommifsionS- beschluß zu belassen. Der 1. Teil deS Gesetzes sei ein Schlag in» Wasser gewesen und der 2. Teil würde ein Schlag in» Geficht derjenigen sein, die dadurch geschützt werden sollten. , t

Geh.-Rat Dr. Herrmann führt an», bet Inkraft­setzung de» 2. Telle» de» Gesetzes stände« ganz erheb­liche Beden entgegen. Ein Verlangsamung unb Ver­teuerung bei Bauen» würde die unausbleibliche Folge sein.

Die Petttton wird entsprechend dem Antrag Plate zur Berückfichttgung überwiese».

Nächste Sitzung: Dienstag, de» 27. Jun, 1 Uhr Tagesordnung unbestimmt.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 22. Juni 1911.

Zunächst wird das vom Herrenhaus zurückgelangte «weLerbandsgesetz für Groß-Berlin an die Kommission verwiesen, die es bereUS einmal beraten hat.

Es folgt die Beratung des Gesetzentwurfes über die Reinigung öffentlicher Wege. E» soll nuhtt NeueS aeschassen und ben Gemeinden nut ent RechtSboden gegeben werden für die Durchführung deS Reinigung», zwang es und die Verteilung bet Kosten. Die Korn- Mission hat einen neuen § la hinzugefügt, wodurch tue Orts Polizeibehörde gehalten ist, sich bet ihren An­ordnungen hinsichtlich der Reinigung der Wege mner- halb der Grenzen des in Berücksichtigung der örtlichen Veihättnisse Notwendigen zu halten. Die Kommission hat ferner im Gegensatz zu der Vorlage in § 4 be­züglich der Reinigung-Pflicht die Wohnungsberechtigten den Grundstückseigentümern gleichgestellt und hat end­lich in § 5 entgegen der Regierungsvorlage die Heran­ziehung der Gemeinden zu den Reinigungskosten dahin beschränkt, daß die Gemeinden nur bis zum Höchst- bctrng der Hälfte der Kosten herangezogen werden tönnen. „ _

Abg. B-iSly (uatl.) beantragt bie Einfügung eines § 4 a, wonach zur Reinigung auch der, der von dem Verpflichteten der Ortspolizeibehürde gegenüber die Ausführung der Reinigung übernommen hat, ausdrück­lich verpflichiet ist. _ .

Abg. Frhr. v. Gamp begründet einen Abanderungs- antrag zu § 1, wonach der Entwurf auf Städte mit mehr al» 10000 Einwohnern und Landgemeinden mit mehr als 20000 Einwohnern beschräntt wird.

Untetftoatifetretär Frhr. Coelb v. b. Brügghe bittet, den Antrag abznlehnen. Ein neuer Zustand werde durch das Gesetz nicht geschaffen.

Abg. Fleuster (Zentr.) sttmmt den Kommtssions- >,eschlüffeii zu. „ t x ,

Abg. Lippmann (Bolksp.) begründet eine» Antrag, wonach der Umfang der Reinigung durch Ortsstalnt festgesetzt werden soll. , ._ ,

Abg. Wcncke (natl.) tritt für den freisinnigen An­trag ein. , . , .

Unterstaatsselretär Coels v. d. Brügghe bittet ben freisinnigen Antrag abzulehnen.

Abg. Graf Strachwitz (Zentr.) tritt für den Antrag von Camp ein. Besser fei es allerdings, die ganze Vor­lage abzulehnen, da es für die Gemeinden ungeheure Mehrkosten mit sich bringe.

Hierauf wird § 1 unter Ablehnung aller Ableh- nunAanträge angenommen, ebenso Z 2 bis 8 4. Der Antrag Boisly aus Einfügung eines § 4a wird ange­nommen. Der Rest der Borlage wird unverändert angenommen. ___

Das Bullenhaltungsgesetz für tue Rhemprovmz wird nach kurzer Beratung als nicht genügend geklärt on bie Kommission zurückverwiesen.

Der Slaalsverlrag zwischen dem Herzogtum Sachsen-Meiningen und Preußen zur Abände- rung des Vertrages von 1868 wegen Uebertragnng der Gruudstückszusammenlegung und Gutsabiojung auf die preußischen Auseinauderfetzungsbehördeu wnd ohne Debatte erledigt. ,, , M

Freitag: Interpellation Ahrens (kons.) betr. B e t- breitung ber Maul- und Klauenseuche durch Manöver, allgemeines Zweckverbandsgesetz, rheinische Gemeindeordnung.

Herrenhaus.

Sitzung vom 22. Juni 1911.

Der Gesetzentwurf betr. die SchulversSnmuiffe im ehemaligen Kurfürstentum Hessen wird debattelos an- oenommen. , „ , , ,

Es folgt die Beratung der Sekuudarbahnvorlage.

Graf Mirbach ivünscht Elektrisierung des Bahn- welen-i, speziell für den Güterverkehr. Auf diese Weise könnte der Beckehr mindestens ebenso gefördert werden wie durch die Anlage von Kanälen. Er ist seiner der Ansicht, daß durch andere Ausstellung des Etats dre Gefahr der dauernden Aufrechterhaltung der Ein- kommensteuerzuschläge fchwinden könne.

Finanzminister Dr. Lentz«: Wenn ich den Herrn Vorredner richtig verstanden habe, hat er auszufuhren gesucht, daß es mit Hilfe eines stärkeren Zugttffs in die Ueberfchüsse der Eisenbahnvenvaliung möglich sein )vürde, den Staatshaushaltsetat zu balanzieren, ohne daß wir es nötig hätten, die

Die Macht der Gewissen;.

27] Roman von Erich Friesen.

' Bei Ruths Anblick erfttrbt das Sieb auf ihren Lippen. Die Freundin ist ganz in Schwarz gekleidet — und so bleich, so bleich.

„Du siehst nicht vottetthaft aus, Ruth. Ich wtll Dir ein paar rote Kamelien holen, unten aus dem Salon —"

„Stein, danke. Es ist gut so!"

„Bist du krank, Ruch?"

„Stein. Warum fragst du mich?"

Ruchs Stimme klingt schon wieder ungeduldig.

„Ich bin schon ruhig. Aber wenn du lieber zu Hause bleib:« willst — mir ifts recht. Ich habe Mama soeben erst gesagt, daß ich jenen Menschen Nicht sehen will — nein, ich will nicht!"

„Von wem redest du, Virginia?"

„Von Lord Donald. Er war heut nachmittag hier, unb Mama hat ihn willkommen geheißen. Er ist heute abtnb auch beim französischen Botschafter —"

„Kommt, Sinber, schnell!" schalt Frau Forsters Stimme von unten herauf.

Ruch ist noch bleicher geworden.

„Lord Donald wird heute abend beim franzö­sischen Bosschaftrr sein? stößt fie hastig hervor.

,Sa — unb jedenfalls auch sein Schatten, Herr

Skott."

Eine tiefe Blutwelle ergießt sich über Ruths so­eben noch geisterbleiches Gesicht.

„Ah, das freut dich, Ruth!" ruft Virginia herz­lich. „Gott sei Dank! Du bist jetzt immer so still, so kalt, so interesselos. Ednlich wieder ein bischen Leben, ein wenig Wärme! Wie schön du wieder bist ßttt deinen roten Wangen und dem Leuchten in ben Rügen! Jetzt brauchst du keine Kamelien mehr. In tiner halben Stunde wirst du den Geliebten Wieder­

sehen! Die kleine Wolke, die sich während der letzten Zett zwischen euch geschoben, wird schwinden unb —"

„Komm!" unterbricht fie Ruch hastig.

Hanb In Hand steigen bte beiden Mädchen die Treppe hinab. Eiskalt zitternd umklammem Ruths sonst so kräftige Finger Virginias kleine, warme Hand. Alles Blut strömt ihr zum Herzen. Lebens­lust, Jugendkraft beginnen sich wieder zu regen in dieser armen, gequälten Brust. — In einer halben Stunde soll sie Ihn Wiedersehen — ihn, ben Gatten, der seit Monaten täglich, stündlich ihr einziger Ge­danke war! Ihr ist, als ob kn ihrer Brust ein Stein sich löse, fo leicht fühlt sie sich, so leicht.

Die Hisse deS Dieners ablehnend, springt sie in ben Wagen; bann sinkt fie tief aufatmenb In bie Kis­sen. Wieber muß sie besorgte Fragen, ob fie nicht wohl sei, über sich ergehen laffen. Doch sie schüttelt nur mtt glückseligem Lächeln ben Kopf. In einer halben Stunde sieht sie ben Gatten wieber.

Ms bie brei Damen im Palais b'Esterre bie tep- pichbckegte blumengeschmückte Treppe emporsteigen, empfängt sie lebhaftes Stimmengewirr. Fast die ganze Gesellschaft ist bereits anwesenb. Das flutet durch Säle unb Gänge unb Wintergärten unb Rischen und blendet bas Auge, betäubt das Ohr.

Ruth schwinbelf. Unwillkürlich sähtt sie mit bet Hanb über bie Stirn.

Einige junge Herren, bie sie von früher her ken- nen, umringen sie. Schon ehedem bewunderte man fie — jetzt ist man fast verblüfft über ihre aparte Schönheit. War fie vor Jahren ein reizendes, heiter unschuldiges Kind — so blendet sie jetzt durch Witz und faszinierende Beweglichkeit des Geistes. Ein Maler nimmt sich sofort vor, fie als Maria Stuart in seinem projektierten neuen Gemälde für die Aus­stellung zu verewigen. Ein junger lyrischer Dichter wälzt sogar schon eine Ode „An Ruth" in seinem langmähnigen Kopf herum.

Der Sohn des Hmises, welcher merft, daß Ruth bie vielen Huldiaunaen etmüben, ist gerabe dabei.

fie nach dem Wintergatten zu geleiten, als Lord Do­nalds Stimme ihr Ohr trifft.

„Wie geht eS Ihnen, Fräulein Harrison? Ich suche Sie schon eine Zeltlang. Entschuldigen Sie, Vicomte, aber ich beabfichtige. Ihnen Ihre Dame zu entführen. Mein Freund Skott wird sogleich ein Sieb fingen, unb Fräulein Harrison soll es hören.

Damit nimmt Sorb Donald Ruths Arm unb ge­leitet sie durch das Gedränge unb Gewoge nach bem Musiksaal. Im Gegensatz zu ben anberen Zimmern herrscht hier vollkommenste Ruhe — bte gespannte Aufmerksamkeit vor einem erwarteten Kunstgenuß.

Gilbert geleitet Ruth zu einem Fauteuil. Doch sie setzt sich nicht. Mit etwas vorgebeugtem Oberkör- pet, bie fast überirdisch glänzenden Augen starr auf den am Klavier fitzenden Gatten gerichtet — so steht sic unbeweglich da. —

Annins schlanke Finger gleiten präludierend über die Tasten. —

Bevor er zu fingen anhebt, läßt er den Blick über bie Menge schweifen. Plötzlich leuchtet berfelbe auf. Er erkennt Ruth. Unb nun entquellen Töne seiner Brust, Töne von solchem Wohlklang, solchem Schmelz, baß ein Schauer bie atemlos lauschende Menge er­faßt. —

Armin singt Schuberts „Wanberec". Mehr unb mehr Menschen brängen nach bem Musiksaal. Aller Augen hängen an ben Sippen bes gottbegnadeten Sangers. Er jedoch sieht nur sein Weib. Für Ruch singt er, für sie allein. —

Jetzt bet tiefergreifenbe, klagenbe Schluß des herrlichen Siebes:

„Me Getsterhauch tönt's mir zurück:

Dott, wo bu nicht bist, dort ist bas Glück!"

Der letzte Ton ist verhallt. Noch einen Augen­blick verhartt btr Sänger in sich versunken auf seinem Platz. Dann steht er hastig, fast ungestüm auf. Ein unbeschreiblicher Jubel bricht los. Mcm umringt ihn von allen Seiten, bmtft ihm in überschwenglichen Worten, erb rückt ihn beinahe mit Schmeicheleien.

Hände klatschen, Facher wedeln aufgeregt hin unb her, kleine Füße trampeln, Taschentücher werben an die feuchten Augen gebrückt, begeisterte Ausrufe jeber Att ertönen — alles Leben unb Bewegung.

Nur Ruth steht regungslos, geisterbleich auf dem­selben Fleck. Wie im Trimm sieht sie, daß Annin sich ben Weg zu ihr bahrt. Mechanisch zählt sie die Men­schen, welche noch zwischen ihm unb ihr stehen: die üppige Blonbine in blau Sammet — bie pikante kleine Brünette in Rot — bet engbrüstige Jüngling mit ben herabfallenben Schultern unb bem semmel- blonben Haar — bet geschniegelte alte Geck mit bet schönfrisierten Lockenperücke unb bem Monokle im Auge — bie muntere Schar welßgekleibetet Backfische — die Gruppe ganz junget Gvttlemen, welche nicht wissen, wohin mit Armen unb Hänben — fie zählt sie alle, alle. —

Ihr ist, als ob eine unsichtbare Macht sie treibe, ihm entgegen zu eilen; boch sie vermag kein Glied zu bewegen. ' Eine Art Erstarrung ist über sie ge­kommen.

Jetzt hat et nur noch drei Menschen zu passiere» — unb jetzt noch zwei — und jetzt--

„Guten Abend, Fräulein Harrison! Sind Sie auch hier? Freue mich. Sie zu fetzen. Wie geht'S Frau Forstet unb Fräulein Tochter?"

Ruths Zunge ist wie gelähmt. Der glelchglltige Ton, das sarkastische Lächeln, der falte Blick — was bedeutet das alles? Soeben noch, als er fang, da schlug fein Hetz ihr entgegen, da tat sie einen Blick in sein Inneres, da fühlte sie, daß et sie liebt — heiß, leidenschaftlich, verlangend. — Unb nun?

Mit bem Blick eines zu Tobe getroffenen Wildes wendet fie sich Sorb Donald zu.

„Ich — ich fühle mich nicht wohl. Bitte, führen Sie mich hinaus! Unb sagen Sie Frau Forster, baß ich — nach Hause gefahren bin."

„Ich werbe Frau Forstet benachrichtigen", läßt sich Armins klare Stimme vemehmen. „Geleite du Fräulein Harrison zum Wage«, Gilbert l"

(Fortsetzung folgt)