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M 159.

Mittwoch den 2b Juul Mb

38. Jahrgang.

«Ndaer W Zeitung

2. Bläh.

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K Albanien nnd die deutsche Ost­mark.

In bem türkischen Reiche wird jetzt das be­lieben, was unsere Hakatisten aufs äußerste scheuen Änd fürchten: die Politik der V e r s ö h n u n a. Die Unrufriedenen und unruhigen Elemente in Awanren sollen nicht mehr bloß Hiebe, sondern auch 8 r e b e zu kosten bekommen.

Me Kulturvölker freuen sich, daß die: jung­türkischen Machchaber von chrer Borttebe für em zentralisierendes Gewaltregiment über die nicht- fnohamedanischen Bolksteile zurückkommen und die Schonung der Eigenart sich angelegen sein lasten Pollen. Vor allem beglückwünscht sich unser Bun­desgenosse Oesterreich-Ungarn zu der Ver­söhnungsära in Albanien, weil gerade von Wien Zus die heilsame erzieherische Einwirkung auf die ranihflustigen Türken erfolgt ist. Auch bte b e u t- s ch e Staatskunst sieht mit Genugtuung den Erfolg der österreichischen Mahnungen, die vor der Oeffent- lichkeu in offiziöser Form und in der Stille durch 'offizielle freundnachbarliche Besprechungen erfolgt sind. Von deutscher Seite ist die Wiederherstellung des Friedens in Albanien quittiert worden durch die Bemerkuim, daß Deutschland sich den Vorstel­lungen in Montenegro behufs Vermeidung wei­terer Ruhestörungen anschließen werde.

* Also haben unsere Diplomaten in der jungen Türkei die schönen Grundsätze zur Geltung gebracht, daß in der inner» Politik der Friede ernährt, aber der Unfriede verzehrt und daß bei dem rücksichts­losen Niederkämpfen einer unbequemen Min­derheit alle Teile mehr Schaben leiden, als bei einer väterlichen Behandlungsart, die mit der gehö­rigen Autorität auch die Humanität, mit der nötigen Ordnung auch die Schonung der Eigenart zu ver­binden weiß.

Ob die Methode, die man den türkischen Macht­habern für Albanien empfohlen hat, nicht auch in Landstrichen, die uns naher liegen, am Platze foären?

In Albanien war ein Aufstand ausge- hrochen, wie es im Laufe der letzten Jahrzehnte viele gegeben hat. Das revolutionäre Ver­halten dieser Leute konnten die jungtürkischen Kul- furköpfe zur Begründung ihrer Schärfe und Strenge anführen. In unserer O st m a r k führt man den hakatistifchen Kulturkampf gegen eine anderssprachige pnd andersgläubige Bevölkerung, die sich seit mehr äls ein Jahrzehnt durchaus staats - unbge» setzestreu benommen hat. Unsere Polen hätten Ülso offenbar mehr Anspruch auf eine milde, schonende, versöbnliche Behandlung chrer angchamm- ten Eigenart. Warum schikaniert man ihre Mut­tersprache? Warum sucht man ihnen den Be­sitz des ererbten Grund undBodens zuent- zechen? Warum versagt man.ihrwn bie Gleich­berechtigung, obschon sie doch die gleichen Pflichten tragen und erfüllen, wie die andern Staatsbürger? Warum treibt man mit allerhand Mitteln der Gewalt und der List die Germanr- s i e r u n g, bie zugleich die Protestantifie- tu n g bedeutet?

Wenn bie Jungtürken die Zähigkeit unserer Hakatisten hälfen, so könnten sie sich aus Berlin die Liste der hakatistifchen Gesetze und Verwaltung»- maßnahmen kommen lasten und den diplomatischen Friedenspredigern antworten: „Seht,.wir wollen in Albanien dieselbe „Versöhnunaspolitck" betreiben, die uns der vielgepriesene KuUurstaat Preußen m seinen sprachlich und konfessionell gemischten Pro- Hinzen vormacht. Das ist doch sicher eine humane, friedliebende, väterliche und beruhigende Politik. Sie sehen, meine Herren, wir Jungtürken marschieren an der Spitze der hakatistischen Zivilisation." ' Die Liebestätigkeit soll zu Hause beginnen, sagt ein englisches Sprichwort. Ehe wir den Tur- ken humane Klugheit in Albanien empfehlen, soll- fen wir unseren Hakatisten beibringen, daß es an den islamitischen Fanatismus erinnert, wenn sie fort und fort die Vertreibung polnisch sprechender Mitbürger aus ihrem ererbten Haus- und Grundbe­sitz iordern!

Ter Friede ernährt, der Unfriede verzehrt — euch bei uns zu Lande, wie die Erfahrungen nn ostmärkischen Kulturkampf zeigen.

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Die Macht bes Gewissen;.

25] Roman von Erich Friesen.

Lord Donald hat für einige Tage London verlas­sen und mit Armin auf Folkestone Wohnung genom- facn, als dieser Brief emläust. Die beiden Herren sitzen gerade im Rauchzimmer und schmauchen behag­lich ihre Nachmittagspfeife. Unter dem Kamin hängt ein Gemälde von Lady Donald, Gilberts Mutter. Sie muß sehr schön gewesen sein; das schönste an ihr jedoch ist ein Paar herrlicher, blauer Augen, deren kindlich offener Blick das Herz erwärmt.

t Gilbert hat die Augen seiner Mutter. Jetzt, beim Lesen des Brieses, wendet er sich von dem Gemälde ». Ihm ist, als ob der ernste Blick der Mutter vor­wurfsvoll auf ihm ruh«. Reben dem Bild, auf «ine Hhaiselongue hingestreckt, ruht Armin. Scharf de- 1»bachtet er den Freund beim Lesen deß Briese». Jetzt läßt Gilbert die Hand mit dem Brief sinken.

‘ ■ „Nun?* fragt Armin hastig in dem vergeblichen Vernähen, seiner Stimme etwas Meichgiltiges zu feben.

,, .Lies selbst!* Mißmutig wirst Gilbert den Brief Prf den Tisch. Das Ganze ist dein Werk. Lies also!* ■» Armin überfliegt rasch die enggeschrtebenen Zei- (kn. Dann legt er den Brief, ohne ein Wort zu sagen, gteder auf den Tisch.

Gilberts Btienen drücken unverhohlenes Mißsal- l$n aus.

»Kannst du nicht sprechen?* fragt er heftig.

.Gewiß. WaS wünschest du?*

»Eine Auseinandersetzung."

. „Hier — im Zimmer? Wie niederdrückend! Laß tn» lieber ins Freie gehen! Die frische Luft beruhigt Me Nerven."

Gilberts Mißmut wächst.

.ch.Jch bin nicht aufgelegt zu Späffen. Komm mit ßrf die £erraffe."

Unter halbgeschloffenen Lidern hervor blickt Armin Kn Freund forschend an. Er sieht sofort:, dieser «ist so fügsame Mann ist heute widerspenstig wie An

Bock. Da wird wohl Rachgiebigkeit das vorteilhaf- teste sein!

Er erhebt sich also und folgt Gilbert- auf die Terrasse.

Mit zusammengezogenen Brauen, den Arm auf die Brüstung gestützt, erwartet dieser den Freund.

.Nun, Gilbert? Ich stehe zu deiner Verfügung."

„Du wirst wohl wissen, daß es unverantwortlich von dir war, mich zu jener unwürdigen Rolle zu überreden*, beginnt Lord Donald finster. „Meinst du, ich wäre darauf eingegangen, wenn ich geahnt hätte, daß du verlobt bist, und daß deine Braut auf der WaMurg weilt?"

„Rein*, erwidert Armin mit brutaler Offercheit.

„Hälft du dem Benehmen für korrekt?*

„Rein, Gilbert!"

„Warum in aller Welt hast du den ganzen Plan auSgeheckt?"

„Um meine eigenen Pläne zu fördern. Habe ich dir nicht oft gesagt, ich sei der selbstsüchtigste Mensch auf dem ganzen Erdboden?"

„Ja, aber ich glaubte dir nicht. Jetzt steilich möchte ich e8 beinahe annehmen — doch nein, nein —"

„Sprich ruhig weiter!"

„Ich verstehe dich nicht", führt Gilbert kopffchut- telnd fort. „Dein Charwkter ist für mich ein ver­schlossene» Buch. Doch davon später! — Du hast mich in den Augen jener beiden Damm herabgesetzt. Frau Forster will verzeihm; aber Virginia —"

Gllbert smfzt leise. Vor seinem Geiste steht das liebreizende Mädchm, die unschuldigen Augm voll zu ihm aufgeschlagen, da» herzige Grübchenlächeln um die frischen Lippen, das weiche kastanienbraune Haar goldschimmernd im Licht der Sonne. —

Spöttisch lacht Armin auf.

„Pah, sie wird nicht vneinnehmbar sein! Viel­leicht etwa» schwerer zu erobern al» die Me, aber immerhin —"

„Ich ersuche dich, Fräulein Virginia Forster ein für allemal au» dem Spiel zu lassen!" ruft Gilbert, mit dem Fuß aufstampfend. „Nie wieder sollst du in meine Angelegenheiten ehtarelfen -- ich schwöre e» beim Andmke« oft meine Mutter! .,. Und nun —*

Deutscher Reich.

)( Reue Verkäufe deutscher Güter an Polen. In Winzig, Sfrei» Glogau, wurde das Besitztum de» Stadtgutsbesitzers Scholz, ein» der schönsten bot» tigen Stadtgüter, von dem Polen Kolziol käuflich er­worben. Dw» Rittergut Gtäschtne taufte ein Pole Hettle, außerdem ging in Gräschine noch eine bäuerliche Besitzung in polnische Hände über. Ferner wurde in bet Landgemeinbe PluSkau ein kleineres Gut und endlich auch bas 400 Morgen große Gut Strien von Deutschen an Polen ver­kauft. — Mit einem tiefen Seufzer bemerkt die Haka- tistenpresse: „Mithin hat da» Polentum in wenigen Tagen in und um Winzig, also in einer bisher rein deutschen Gegend, fünf Sitze erworben.*

)( Sozialdemokratische Moral. Der „Vorwärts", da» Hauptorgan der Sozialdemokratie, schimpft auf der ersten Seite der zweiten Beilage der Nr. 127 über bie „bürgerlichen Blätter, die durch ihre soge­nannten Adöptionsannonce den Kinderhandel begünstigen". E» zitiert bann einige Inserate Berliner Sensationsblätter und greift besonders das ftllgende heraus:

„Nehme Kind in Pflege, Mutter kann einwohnen. R. . . , P . . .-Str. 18."

lieber dieses Inserat entrüstet sich bet „Vorwärts*. Blättert man aber dieselbe Nummer des „Vor­wärts* weiter durch, so findet man auf der 4. Seite im Anzeigenteil folgendes Inserat:

„Nehme Kind in Pflege; Mutter kann einwohnen. S. W . . , 6 . . .straße 24.“

Das Ist die sozialdemokratische Moral!

d* München, 19 Juni 1911. Gegen den Zen- tmmsabg. Oswald hatte der Sozialdemokrat Wiedmann auf einer Eisenbahn fahrt bie Belei­digung ausgesprochen: „Seht euren Oswald an, der hat Unterschleife von mehr als 70000 Mark gemacht, jetzt ist er durchgebrannt und ihr laßt Ihn laufen." Bot bem Schöffengericht in Landshut nahm Wied­mann freiwillig bie Aeußerung zurück und leistete Abbitte. Der vereidigte Bücherrevisor Melchner er- Härte in bet Verhandlung, die Broschüre des Wolf gegen Oswald, der Wiedmann zum Opfer gefallen ist, sei aus Rache geschrieben; es fehlten ihr jede Grund­lage. Oswtflb kommt al» Vorsitzender seines Ver­bandes gar nicht in die Lage, Gelder zu üertoenben, da er bie Kasse nicht hat. Die Kasse selbst und die Bücher sind in musterhafter Ordnung geführt.

Ausland.

* Warum die Freisinnigen in Oesterreich jubeln! Ter Börsenberichterstatter de» freisinnigen Wiener „Extrablattes" schreibt:

Die Niederlage der christlich-sozialen Parier Hal, rote nicht anders zu erwarten war, die Finanzkreise mtt Befriedigung erfüllt. Sind doch die gefähr­lichsten Gegner der Börse niedergerungen, die Persönlichkeiten, welche jahrelang einen heftigen Kampf gegen das mobile Kapital geführt haben, auzgeschaltet worden.

* Gegen die „Sabotage". Da die Zerschneidung der Telegraphendrähte und andere Anschläge gegen die Verkehrssicherheit in Frankreich immer noch fort­dauern, so hat der Justizminister Perrier dem Mi­nistertat eine Vorlage unterbreitet, um den verbreche­rischen Anschlägen zu steuern. Leicht ist das freilich nicht, denn kein anderes Verbrechen läßt sich so leicht geheim halten wie das Zerschneiden eines Telegra- phendrahte». Man hat nachgerechnet, baß innerhalb 27 Monaten 2268 solcher Fälle vorkamen und nur etwa zwölf Verurteilungen deswegen ausgesprochen werden konnten. Neberdl« betraf die Hälfte dieser Strafen unmündige junge Leute, die sich keine rechte Rechenschaft gaben und nur auf Anstiften anderer gehandelt batten.

** Spanier und Franzosen katzbalgen sich weiter um die marokkanische Wurst, d. h. bie Katz­balgerei geschieht einstweilen immer nur noch mtt Worten und auf dem Papier. Vielleicht gibt eS noch einige Personen in Europa, bie sich erinnern, daß ein schweizerischer Oberst namen» Müller feierjeit nach Marokko entsendet wurde, angeblich, um bie Oberaufsicht über die unter französischen und

spanischen Offneren stehenden Polizeitruppen In den von bet Algeciras alle bezeichneten marokkanischen Küstenstädten zu übernehmen. Dieser Herr Oberst Müllet war von allem Anfang nicht» anderes, als em Statist. Seine „Oberaussrcht* bestand und besteht bloß darin, daß er in Tanger wohnt und dort das seiner Würde entsprechende Gehalt bezieht. Zu sagen hat dieser Herr Müllet nicht da» geringste. Dafür haben die Franzosen schon gesorgt. Das wäre noch schöner, wenn dieser schweizerische Oberst defsm An- wesenhett in Marokko nur eine Formalität ist, sein Amt hätte emft nehmen und etwa den französische Polizeiofflzieren hätte Vorschriften machen wollem In kürzester Frist hätte er ausgespielt. Allgemach ist er auf diese Weise mit freundlicher französischer Nach­hilfe in das Meer der Vergessenheit versunken. Plötz­lich aber holt ihn jetzt der Pariser „Ternps* aus den dunkeln Tiefen ms Tageslicht hervor. Es habe, so meldet der „Ternps", Befremden in Tanger erregt, daß Herr Müllet keinen Einspruch dagegen erhoben hat, als ein Teil der in Larasch stehenden Polizei (bie von Spanien befehligt wird) nach Alkassar ab­geschickt wurde. Das ist ein Gipfelpunkt bet marok­kanischen Tragikomödie: der Herr Oberst Müllet als Strohhalm und Notanker, an den bie Franzosen im Kampfe gegen bie Spanier sich klammern! Das Bild ift von überwältigender Komik. Herr Müller, um den sich kein Mensch gekümmert hat, fft so auf dem heften Wege, ein berühmter Mann zu werden. Noch eins. Halbamtliche Pariser Blätter führen Be­schwerde darüber, daß bie spanische Regierung in ihren bisherigen Noten keine Anbeutung über den Zeitpunkt der Zurückziehung der spanischen Truppen aus Latasch und Alkassar gemacht habe. Ist das nicht köstlich? Spanten tut, was Frcmkreich ungeniert getan hat Spanien befolgt Schritt um Schritt das ftanzösische Beispiel — ja Bauer, sagen die Fran- zosen drauf, das ist ganz was anderes. Hat denn Frankreich vielleicht schon etwas darüber gesagt, wann es Ildscha und Casablanca und Fez und Mekines und das ganze große Marokko räumen wid? Uns scheint das spanische Verfahren ehrlicher, aufrichtiger zu fein. Wenn schon, denn schon. Sie sind da und bleiben da — selbst auf die außerordentliche Gefahr hin, daß bie Franzosen den Herrn Obersten Müller gegen Spanien mobil machen.

Aus Mche und Schule.

* Goldenes Jubiläum eines Samariters. Heute am 21. Juni werden es fünfzig Jahre, daß der im 77. Lebensjahre stehende Pförtner der Barmher­zigen Brüder in Mainz, der ehrwürdige Bru­der Vincenz das Kleid der damals noch jungen Genossenschaft von Montabaur erhielt. Mit großer Freude, voll innigen Dankes werden seine Ordens­genossen diese goldene Jubelfeier begehen. Gilt es doch nicht nur den Mitbruder zu feiern, sondern auch dm.langjährigen (Seneralobecn, der vom Jahre 1866 bis 1904 der Genossenschaft als Rektor Vorstand, und sie zu jener Blüte empor führte, in der bie Ge­nossenschaft heute steht. Am 21. Juni 1861 wurde er, 26 Jahre alt, in Montabaur eingekleidet. Nach­dem er die heiligen Gelübde abgelegt hatte, wurde er bah) zum Novizenmeister ernannt. Drei Jahre spä­ter sehen wir ihn bereits durch einstimmige Wahl zum Generalobern erhoben; das blieb er beinahe volle 40 Jahre, bis er freiwillig aus seinem Stinte schied, in Demut einer jüngeren Kraft das Feld räu­mend. Unter des hochverehrten Jubilars tüchtiger Leitung breitete sich die Genossenschaft, dank seines vorzüglichen Organisations-Talentes ungemein rasch aus. So entstand bie Filiale Herzogenbusch in Hol­land, der sich später noch Amsterdam, Haarlem, Ut­recht, Haag und Nhrnwegen anschlossen. In Deutsch­land rief der Jubilar die Filialen Köln, Wiesbaden, Hadamar, Düsseldorf, Dorsten in Wests., Essen, Ober­hausen, Gelsenkirchen, Mainz, Fulda, Mannheim, Karlsruhe, Baden-Baden ins Leben. Dazu gehören noch das Mutterhaus Montabaur, sowie die Filiale Frankfurt a. M., bie einzigen damals bestehenden Häuser, als Nestor Vincenz fein Amt antrat. Hada­mar und Dorsten l. W. sind große Krankenanstalten für Epileptiker und Idioten; in Oberhausen besitzt bie Genossenschaft ein großes Arbeiterheim, das etwa dreihundert Strbeitem ans bem Industriezentrum vm

fährt er ruhig fort — „zu deiner Affaire. Ich glaube, betreffs Fräulein Harrison ist deine Ehre engagiert*

„Wenn ich mich nun auch weigere, übet Fräulein Harrison mit dir zu sprechen —"

„Das wäre töricht. Warum heiratest du das Mädchen nicht?"

Armin preßt die Lippen so fest zusammen, daß sie aussehen wie eine gerade Linie.

„Liebst du sie nicht?* fragt Gilbert abermals.

„Ich liebe sie*, entgegnet Armin mit tiefer, beben­der Stimme, „ich liebe sie leidenschaftlich, rasend, wahnstnnig!*

„Na, also, um des Himmels willen, so heirate sie!"

Armin schweigt. Sein Gesicht ist noch bleicher als sonst. Ein eigentümliches Licht strahlt aus seinen sonst so hart blickenden Augen. —

In Gilbert gewinnt das Mitleiben wieder bie Oberhand.

„Du hast Sorgen, alter Junge*, sagt er in sei­nem herzlichsten Tone. „Sind wir nicht stets alte, gute Freunde gewesen? Vertraue mir!*

„Ich würde dir vertrauen, aber — es geht nicht* „Wieso?*

„Ich kann dir nicht sagen, weshalb ich Fräulein Harrison in nächster Zett noch nicht heiraten will."

„WaS? Du willst Fräulein Harrison nicht —*

„Nein."

„Weiß sie es?*

„Ja."

„Und ist damit einverstanden?"

„Sie allein vermag das Hindernis gu beseitigen. Mebr kann ich dir nicht sagen, Gilbert."

„Rur noch ein». Ist dies Hindernis Geldmangel?"

„Zum Tell — ja."

Gilbert denkt einige Augenblicke nach. Dann reicht er Armin mit bem ihm eigenen offenen Freimut die Hand.

„Ich werde deine Freundschaft in nächster Zeit mehr in Anspruch nehmen, alter Junge. Ich ver­doppele hiermit dein Gehalt. Auch hat Folkeswne Ueberfluß an Zimmern. Du kannst mit deiner jun­gen Frau eine ganze Etage beziehen, Einverstanden?"

Annin schweigt.

'wenig Geld angenehmen, gemütlichen Unterstand uni Aufenthalt, gute Kost und reichlich ehrbare Erholung gewährt. In den übrigen Häusern waltet meist am bulante Krankenpflege vor, jedoch nehmen sie auch Pensionäre auf, die einen ruhigen Lebensabend sn chen. Aber nicht nur die äußere Ausbreitung tat dem greifen Jubilar als Rektor am Herzen, gioßartif und meisterhaft hat er es vee'tanden, sich die Ver­ehrung und Anhänglichkeit feiner Mitbrüder dadurch zu erwerben, daß er stets 1 ernähr war, den Geist für­sorglicher Liebe für d - Kranken und die Begeisterung für ben Orderrsöecii's zu nähret

* Paderborn, 20. Juni 1911. In Warendor, feierte unter allgemeiner Beteiligung der Bevölke­rung Pater Osmundns Baumann im Franziska- nerttofter fein fünfzigjähriges Ordensjubiläum. 1862 trat der Jubilar in ben Franziskanerorden ein, wurde 1866 im Dom zu Paderborn vom Bischof Konrad Marttn zum Priester geweiht und wirkt seitdem höchst segensreich in verschiedenen Stellungen im Orden.

AU5 dem Nachbargebiele.

* Aus der Rhön, 21. Mai 1911. InBischosS> heim v. d. Rh., dem bayer. Städtchen am Fuße des Kreuzberges, besteht bekanntlich eine Holzschnitz' schule . Da? bayerische Kulttisministerium hat 6000 Mark als Zuschuß für den Neubau eines Werkstütte- gebaubeS dieser Holzschnitzschule bewilligt.

* Brückenau, 19. Juni 1911. JrnSinngrunb spricht man davon, bet bayerische Staat werde seine Eisenbahnstrecke nach Brückenau, die jetzt zum Teil auf preußischem Gebiete läuft, in Zukunft lediglich auf bayerischem Gebiete führen. Der Grund dazu wäre die hohe Summe, die Bayern lährlich dem preußischen Eisenbahnsiskus für die Mitbenützung des hohen Eisenbahnviaduktes bei Jossa zahlen müsse und die dadurch später in Wegfall käme. Nach diesem Reformplan würde die Teilstrecke Jossa-ZeitlosS für Bayern später nicht mehr in Betracht kommen. Die neue Bahn wird dann von Mittelsinn abzweigen und, zuerst dem Sinntal folgend, dann durch die Thüngen'schen Wälder führend, in Zeitlofs in die bisherige. Bahn- linie einmünden. Unmöglich ist daS Projekt nicht, da auch früher schon einmal Mittelfinn als Aus­gangspunkt einer Bahnlinie Mittelsinn-Brückenau ins Auge gefaßt war.

* Worin», 20. Juni 1911. In der ganz katho- iischen Gemeinde Hüpstedt werden gegenwärtig zwei Kalischächte gebaut. Dieses Unternehmen hat unter andern: auch einige evangelische Familien, welche dort Arbeit fanden, hingesührt, deren Kinder, etwa 20 an der Zahl, die dortige katholische Schule besuchen. Wie besorgt, man darf wohl sagen, rot» ängstlich besorgt, die Regierung zu Erfurt um diese evangelischen Kinder ist, daß sie umS Himmelswillen ja nicht etwa gar vom katholischen Geiste beeinflußt werden, zeigt eine Verfügung der Regierung an den Schulvorstand zu Hüpstedt, tn welcher letzterer aus« gefordert wird, Mittel in den Schuletat einzusetzen nicht allein für die Erteilung des evangelischen Religionsunterrichts, sondern auch, man höre und staune, für Erteilung deS evangelischen ®e« schichtSunterrichts. Ein evangelischer Lehrer aus der Nachbargemeinde RüdigerShagen soll diesen Unterricht erteilen. Für die Erteilung des Religion-« Unterrichts an die Kinder einer konfessionellen Min­derheit ist ja durch das Schulgesetz gesorgt. Aber, so darf man wohl fragen, woher nimmt sick die Regierung das Recht, die Erteilung evangelischen Geschichtsunterrichts anzuordnen? Wo in Preußen wird in gleicher Weise für katholische Kinder in evangelischen Schulen gesorgt? Die Forderung, daß der Geschichtsunterricht für evangelische Kinder ton« fessionell sein soll, ist eigenartig. Geschichte soll doch unparteiisch gelehrt werden, nur bie objefr tive Wahrheit soll in der Schule, mag sie sonst katholisch oder protestantisch sein, »orgetragen werden.

* Aschaffenburg, 20. Juni 1911. Eine bedeut­same verkehrspolitische Rede hielt der bayerische Thronfolger Prinz Ludwig bei dem bayerischen Fluß- und Kanalschiffahctstag in München. Der bayerische Thronfolger sagte wörtlich:

Die Wetterführung der Kanalisation auf dem Main ist diS zu einem gewissen Brade gesichert- Aschaffenburg ist nahezu sicher. Wir wünschen

„Nun?" fragt Gilbert bertoimbert

„Hm, ich zögerte mtt bet Antwort, weil ich nicht gleich passende Worte flnden konnte, um dein groß­mütiges Anerbieten abzulehnen."

Wie?"

',Mtt tausend Pfund Sterling im Jahr mag ich keine Familie gründen, Gilbert. Ich danke dir üb­rigens für deine gute Absicht."

Und ehe Lock» Donald noch Zett hat, sich von seinem Erstaunen, seiner Enttäuschung, seinem Un­willen zu erholen, hat Armin bereit» bie Terrasse verlasse.

17. Kapitel.

Anfang März . . .

Vor ein paar Wochen ist Frau Forster nach Lon« don übergefiedelt. Am Htzde-Park, der vornehmsten Gegend der Stadt, hat sie für ein Vierteljahr ein klei­nes, elegant möblierte» Haus gemietet Von hier aus soll Virginia in die Gesellschaft eingeführt wer­den. Die verschiedensten Jugendbekannten der For­sters, welche sich nach dem Tode be» Obersten von der in Armut Hinterbliebenen Familie zurückgtzogen, beginnen sich wieder einzuflnden.

Zahlreiche Einladnngskartm fliegen in» Hau»; elegante Equipagen halten vor dem gu fieifern en Ein- ganaStor; Blumen werden abgegeben. Man findet Virginia Forster, die junge, reiche Grbtn, „reizend, entzückend, charmant* und freut sich ungemein, die „liebe, gute, unvergessene Oberstin* wieder unter sich zu haben.

Zwar zuckt Frau Forster bei all diesen Freund» schaftS-Beteuerungm die Achseln; doch sie weist sie nicht zurück. Virginia muß in bte große Welt ein ge­führt, muß umschwärmt werden. Wer weiß, wie Sie Sache mit Gilbert Donald ausläuft! . . . Und dann jenes Schreckgespenst, das Testament! Ach, hätte sie es doch damals lieber gleich vernichtet ober wenigstens in ihrem Schreibtisch verborgen! Welch unerklärliche Scheu hielt sie stet» davon ab, da» unglückselige Do­kument wieder zu berühren, bi» e8 plötzlich verschwur ben war!

(FortsHung folgt)