38. Jahrgang
Fulda, Montag den 19. Juni 1911
Erstes Blatt.
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Ruth errötet lebhaft. Doch antwortet sie nicht.
„Sie haben mich in tiefes Erstaunen versetzt und verletzt zugleich," fährt Frau Forster ernst fort.
Jetzt ist es mit Ruths Selbstbeherrschung zu Ende.
„Verstoßen Sie mich nicht!" schluchzt sie auf.
„Gewiß nicht, mein Kind! Sie verdienen eher Mitleid als Tadel!"
Tief aufatmend läßt Ruth die Hände von dem bleichen Antlitz sinken.
„O Dank! Dank!"
Mit großen, verwunderten Augen schaut Virginia drein. Sie fühlt sich beängstigt, wie vor einem nahenden Unglück.
„Was ist geschehen, Mama? Ihr seid beide so eigentümlich. Du tadelst Ruth — sie weint - du vergibst ihr — sie bedankt sich. Was bedeutet das Alles? . . . Arme, liebe Ruth, wie kannst du nur denken, daß Mama oder ich dich jemals verlosten werden!"
Damit kniet sie vor Ruch nieder, die, einer Ohnmacht nahe, sich in einen Stuhl hat sinken lasten, und schlingt beide Arme um deren Lech.
„Hör zu, was deine Mutter dir zu sagen hat!" erwidert Ruth gepreßt.
Virginia springt empor. Hastig nimmt sie den rosa Gartenhut ab und streicht das wirre Haar aus der erhitzten ©tim. Wie sie so dasteht, die großen Augen erwartungsvoll auf die Mutier gerichtet, die roten Lippen, zwischen welchen zwei Reihen milchweißer Zähnchen blitzen, hach geöffnet, das kastanienbraune Haar in natürlichem Gelock auf die kindlich reine Stirn fallmd — kein Malerauge könnte sich einen schöneren Vorwurf für eine Allegorie der Jugend oder des Frühlings denken.
Auch Frau Forster empfindet diesen Zauber. Ihre Augen leuchten auf.
„Mein Kind, mein Herzblatt!" rüst sie mit leise bebender Stimme, die Arme auSbrettend. „Komm, küsse mich! Küste mich!"
Im Nu liegt die zierlich« MSdchengestalt an der Brust der Mutter.
tit Das Stichwahlabkommen in Oesterreich.
Unmittelbar nach Beendigung der Hauptwahlen tn Oesterreich fanden unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Verhandlungen zwischen den Christ« lichsozialeu und den Liberalen statt zur Herbeiführung eines Wahlkartells. Es kam schließ- sich auch ein Abkommen unter den Parteileitungen Zustande, wonach in allen Stichwahlen, wo deutsch- bürgerliche Kandidaten e.nem Sozialdemokraten oegenüberftehen, der Sozialdemokrat bekämpft werden sollte. Der Beschluß legte beiden Parteien glwere Opfer auf, den „Deutschsreiheltlichen" da?
pfer, in Wien und Niederösterreich 19 Mandate der Christlichsozialen zu sichern, den Chriülichsozialen da? Opfer, in 40 Wahlkreisen die Wahl liberaler Kandidaten zu fördern. Die Christlichsozialen hatten als Bedingung gestellt, daß auch die gesamte libe- rale Presse das Kompromiß derart verlautbare und vertrete, daß die Christlichsozialen in der Lage seien, ihn auch ihrerseits einzuhalten. Wie not« wendig dieser Vorbehalt war, ergibt sich aus der Tatsache, daß sofort die Wiener Parteileitung, zumal die gewählten und in Stichwahl befindlichen liberalen Kandidaten und die gesamte Wiener liberale Presse erklärten, in Wien auf daS Kompromiß nicht einzugehen, sondern überall gegen die Christlichfozialen die Sozialdemokraten zu wählen.
Damit war die Stichwahlparol«, die im Interesse de« Deutschtums und der Arbettsmehrheit im Par- lamente auf Bekämpfung der Sozialdemokratie und Wahl der deutschen Kandidaten lautete, war das Wahlkompromiß gescheitert.
„Du liebe, liebe Mama! . . . Aber nun erkläre mir —"
„Gleich, mein Kind, gleich! Ich erhielt soeben einen Brief von Lord Donald —*
„Von Lord Donald? Das sagte Ruth auch. Abei ich erkannte doch Herrn Skotts Handschrift! . . . Ha, natürlich — wie dumm von mir — Herr Stott ist Lord Donalds Sekretär! Er adreffierte also den Brief!"
„Nein, Virginia. Lord Donald adressierte ihn selbst."
„Aber Mama —"
„Laß mich aussprechen, mein Kind! Also — Lord Donald adressieret« den Brief fetoft. Der Mann, den wir für Armin Skott hielten, ist in Wirklichkeit — hm, die beiden jungen Leute — ach, tote soll ich es nur sagen — die beiden jungen Leute täuschten uns insofern, als . . . Laß mich aussprechen, Virginia! Nicht gleich so heftig! Bedenke, sie sind beide jung — ein übermütiger Jugendstreich, nichts weiter! Das Motiv war nicht böse! Ach, Virginia, Virginia, tote soll ich es dir nur klar machen!"
Mit angstvoll echobenen Händen und toeitgeöffne- ten Augm starrt Virginia die Mutter an. Sie wagt nicht zu sprechen, aus Furcht, etwas Schreckliches zu erfahren.
„Lord Donalds Brief enthält ein Bekenntnis", führt Frau Forster mit Ueberwindung fort. „Der Mann, der sich uns als Armin Skott vorstellte, ist in Wirklichkeit Lord Donald. Der andere, welcher uns alle durch seinen Geist blendete, unterjochte, welcher — ach, Virginia, mach' nicht solch entsetzte Augen — dieser andere ist sein Sekretär Armin Skott!"
Noch immer spricht Virgina kein Wort; aber ihr« Wangen find todesbleich. Jetzt wendet sie sich zu Ruth und blickt sie groß, ftagend an. Und Ruth sinkt die Lider vor diesem kindlich erstaunten, vorwurfsvollen Blick.
„Die Wsicht war gut, ja, sie war gut," wiederholt Frau Forster tröstend.
(Fortsetzung folgt.)
Die Macht öcs Gewissens.
23] Roman von Erich Friesen.
Die junge Dame nickt, und alle drei Mädchen entfernen sich, um Reifen, Bälle und Schläger zu holen.
Frau Forster bleibt mit einer frisch gefüllten Taffe Tee und den ungeöffneten Briefen allein. Sie über« denkt noch einmal di« ungeschminkte, natürlich empfundene Krttik jenes Plappermäulchens ... Sie kann dem Mädchen nicht unrecht geben. Auch auf sie hatte zuerst der blonde, offenblickende junge Mann einen ungleich vorteilhafteren Eindruck gemacht, als sein sagf kasttscher Freund ...
Dann vergegenwärtigt sie sich Ruchs Benehmen nach der Abreise der beiden Gäste . . . Schon über dreißig Stunden find fie fort, und Ruch hat noch kein Wort über ihren Bräutigam geäußert. Frau Forster fühlt sich fast verletzt über diesen Mangel an Ver- trauen. Langsam schlürft sie ihre Taffe Tee aus. Dann nimmt sie die Briefe vor.
Mit der Gründlichkeit einer Dame, die nichts zu hm hat und deshalb keine Zett versäumt, inspizieret sie jede einzelne Adreffe.
Gilberts Brief wird zuerst geöffnet.
Von fern her erschallt das heitere Lachen der jun- gm Mädchen durch den Pack, untermischt mit verein- zelten Zurufen der auf der Wiese beschäftigten Schnitter .. . Ein leises Seufzen geht durch die Zweige. Dunkler färbt sich der westliche Himmel. Von unten bermlf bringt aufgeregtes Wellengemurmel, als be- rette sich ein Sturm vor . . .
, Frau Forster merkt nichts von diesem plötzlichen Wandel in der Natur. Ihre Augen sind auf den entfalteten Brief gerichtet. Zueckt überfliegt sie ihn hastig, verwundert , . . Dann lieft fie ihn nochmals langsam, zweifelnd, als traue sie ihren Augen nicht — imd dann noch einmal aufgeregt, entrüftct, während zwei rote Flecke auf chren Wangen glühen . . . Jetzt kntt- tert sie den Brief in der Hand zusammen.
„Unverantwortlich", murmelt fie empört. „Wie bin ich blamiert in den' Augen dieser beiden Männer!
„Schassgeduld des preußischen Volkes", „Infamie der Dreiklaffenschmach", infame Entrechtung usto., dann kann man auch aus die Waffen toirkem Eine große Abrechnung mit den „Feinden des Volkes , den „Steuerplünderern", den Wiiwenbedruckern den „Arbeiterknechter" wird angeküudigt. Aber wie fft uns denn? Sitzen nach sozraldemokraiischer Behauptung die „Steuerplünderer", die „Wrtwenbe- drücker" und „Arbeiterknechter" nicht tm R erchs- tage? Zum Reichstag Wird nun aber doch allgemein, gleich und frei gewählt und trotzdem sind darin diese verruchten Menschen, die „Steuerplun- derer", „Witwenbedrücker", rc. noch nrcht kaltgestellt. Ein Universalheilmittel wird also Wohl auch daS Reichtagswahlrecht nicht sein. Rach der Versicherung der Landeskommission" sind es bte unter, Großkapitalisten und Klerikalen", die bte „infame Entrechtung" ewig währen lasten wollen. Was bte Klerikalen angeht, so müssen wir gegen biese Behauptung Verwahrung entlegen. Die Zentrumspartet, die doch wohl unter bett „Klerikalen" verstanden wird, hat überall, wo sie konnte, em möglichst breites Wahlrecht geschassen. In.Suddeutschland hat man überall das allgemeine, gleiche Wahi- recht und man verdankt es allein dem Zentrum. Es hat es für Elsaß-Lothringen vertreten und tst auch bereit, es für Preußen zu vertreten. Seme« Augenblick ist es dem Zentrum eingefallen, das Dret- klassenwahlsystem in Preußen verewigen zu wollen. Das ZentrumverlangtdasReichsta gs- Wahlrecht auch hier und hat sich lediglich tn das Unvermeidliche gefügt, als es bei dem gescheiterten Versuche, das Wahlrecht zu reformieren, nicht unbedingt auf einer völlig aussichtslosen Forderung bestand. Wenn die Sozialdemokraten m ihrem Aus- ruf an die „Entrechteten" den Widerstand der Konservativen und Nationalliberalen brechen können, so wird es dem Zentrum ganz recht sem. Es hat gar kein Jntereffe daran, das Dreiklassensystem aufrecht zu erhalten. Die Erfahrungen tm Reich und in den Einzelstaaten zeigen es deutlich genug. Freilich, daß mit der Eroberung des Reichstagswahlrechts das goldene Zeitalter für Preußen herembtechen werde, glauben wir nicht. Man über s ch atz t vielfach den praktischen Wert des Wahlrechts. Allem Anscheine nach glauben auch die Führer der Sozia - demokratie selbst nicht an die avheilende Kraft des Wahlrechts. Ihnen kommt es wohl m eh r darauf an, mittelst der Agitation gegen das Dreiklassen« system die „Entrechteten" ihrer Partei zu zu- treiben, als praktische Erfolge bte Besserstellung ihrer wirtschaftlichen Lage zu erzwingen. Wenn sie das allgemeine, gleiche Wahlrecht haben, können sie auch noch nicht gleich die Welt aus den Angeln heben und die verhaßten „Junker, ^"Kapitalisten und Klerikalen" vor die Tür setzen. Das sollten sich alle Gegner des Reichstagswahlrechts ebenso getont- tiq halten wie die Gewißheit, baff ein bauet nb et Widerst 'and gegen die Wahlrechtsreform nicht möglich ist. Mit diesem Widerstände leisten sie nur bet Sozialdemokratie Vorschub, während rechtzeitiges Zugeständnis von Reformen der Sozialdemokratie viel Wind aus bett Segeln nimmt und ihre Stoßkraft abschwächt.
* Das Leichenverbrcnnungsgesetz. Die konservative Fraktion des Herrenhauses hat mit allen gegen zwölf Siimmen beschlossen, daS Feuerbestattungsgeseh a b z u l e h u e n. — Die Stadtverordnetenversammlung in H t r s ch d e r g in Schlesien beschloß in Uebereinstimmung mit allen gegen zwei Stimmen den Bau eine Krematoriums. — Die liberalen Kulturphilister sollten besser erst die Beschlüste der Herrenhauses ab- warten. Vielleicht wird ihnen hier noch em Strich durch die Verbrennungsrechnung gemacht.
)( Gegen die Maul- und Klauenseuche und ihre Verbreitung durch die Abhaltung von Manöver» ist im preußischen Abgeordnetenhaus« eine konservative Interpellation eingegangen.__
Generalsuperintendenten der Rheinprovinz ernannt worden. — Dir Teilnehmer an der türkischen Studienreise, über 60 Angehörige der gebildeten Kreis« des türkischen Volkes, sind Sonn- tag auf dem Bahnhof Friedrichstraße eingetrosten, wo sie vom türkischen Botschafter und mehreren Mitgliedern der Botschaft empfangen wurden. Ihr Aufenthalt in Berlin wird bis zum 23. Ium währen, ihm schließen sich Studienreisen nach an- deren Großstädten an.
» Der Kronprinz und die Kronprinzessin find zu den Krönungsfeierlichkeiten nach London abge-
Zu der Hanfabuudversammlung nimmt auch die ,Nordd. Allg. Ztg/ in ihrer Wochenschau Stel« lung. Nach der Ansicht des Regierungsorgans ist die Absicht, ein Gegenstück zu den Jahresversammlungen des Bundes der Landwirte zu schaffen, er- reicht worden. Auszusetzen hat bte ,Nordd. Allg. Ztg.- einige scharfe Ausdrücke wie bett Ausspruch des Geh. Kommerzienrates Raven«, baß matt nicht länger auf sich herumtrampeln lasten wolle. Ferner wirb bemängelt, daß der Kampf von Stadt gegen Land zu sehr betont sei:
„Mehrfach war von einem Kampfe des mobilen Kapitals um Gleichberechtigung, von der den, Vertretern des mobilen Kapitals und des gesamten Bürgertums fehlenden politischen Macht die Rede. Das macht den Eindruck, als ob zwischen dem mobilen und immobilen Kapital, zwischen dem „Bürgertum" und allen übrigen Ständen, wobei aI8 Bürger nur die galten, die in Gewerbe, Industrie und Handel tätig sind, ein grundlegender politischer Unterschied gemacht werden solle. Wiederholte Wendungen, daß man der Landwirtschast nicht feindlich gesinnt sei, scheinen eine solche Absicht auszuschließen. Man kann doch nicht tm Ernste das Bürgertum mit bttn_ mobilen Kapital identifizieren und damit vom Bürgertum alle jene bodenständigen Elemente ausschließen, die nicht nur im Ackerbau, sondern auch im Handwerk und Industrie tätig sind. Aber der Hansabünd wird sich nicht wundern dürfen, wenn in dem Morgenrot einer neuen 3eit, das er heraufsühren will, den Maflen die feineren Unterscheidungen zwischen Agrariern und Hyper- agrartern, zwischen Bodenständigen und otucksiandigen verschwimmen und nur die Losung übrig bleibt: Kampf von Stadt gegen Land. Die Absicht der Führer des Hansabundes wird das, wie gesagt, nicht fein, aber die Gefahr besteht."
Zum Schluß betont das Regierungsblatt, die Gegner des Hansabundes hätten über die Unklar- hett seiner Siellung gegenüber der Sozialdemokratie, namentlich im Hinblick auf die be- vorstehendeu Wahlen, geklagt. Man werde nicht behaupten können, daß diese Unklarheit durch die Verhandlungen des Hansatages beseitigt worden wäre.
)( Tas Riedeilassitugsgejuch der Franziskanerimien- Missionaiinucu Mariens, eine Kolonialhaushaltungs- schnle in Honnef a. Rh. errichten zu dürfen, ist vom preußischen Kultusministerium ab gelehnt worden. Ter Orden, der über 300 reichsdeutsche Mitglieder zählt, ist in allen Großstädten der Welt mit Erfolg tätig und w rkt in Kiarttschou sehr fegens- reich. Die Entscheidung beweist aufs neue, nr.e sehr die katholische Ordens!Lligkeit in Preußen eingeschränkt wird. Diakonistinnen dürfen sich überall niederlasteu, freilich sind sie auch nicht katholisch.
+ Das Wahlrecht in Elsaß-Lothringen und in Preußen. Es stand von vornherein fest, daß die Sozialdemokraten die Wahlrechtsreform für Elsaß- Lothringen benutzen würden zu einem Vorstoß gegen das preußische Wahlrecht. Prompt tritt denn auch bereits die „Landes komm ission der Sozialdemokratie Preußens" mit einem Aufruf: „An die Entrechteten in Preußen" hervor, worin zum Kampf gegen das Dreiklas- s e n w a h l r e ch t und für das allgemeine gleiche Wahlrecht aufgefordert wird. Es war nicht schwer, die Vorzüge des elsaß-lothringischen Wahlrechts vordem preußischen in das gehörige Licht zu stellen. Würzt man ihn mit einigen Kraftausdrücken, toie
ES bleibt nun den Ortsausschüssen überlaffen, zu de» Stichwahlen die Stellung einzuuehmen, welche bett örtlichen Verhältnissen und Interessen am beste« Rechnung trägt Der Wiener freiheitliche Zentral- auSschuß erläßt bereits einen Aufruf, der in 14 Wiener Bqirken di« Wahl fozialdemokra- lisch er Kandidaten nachdrücklich empfiehlt.
So ist der Versuch, die beiden großen deutschen Parteien zur Abwehr der Sozialdemokratie bei de» Stichwahlen zu vereinige», gescheitert und zwar an der Haltung der Wiener Liberale«, die ihren Haß gegen dir Christlich-Soziasin nicht bezwingen können und lieber die Umsturzpartei al» bte Nachfolger Luegers in der Hauptstadt herrschen lasten wollen.
Der Vorgang erinnert an die Stichwahl-Verhandlungen, die tm Januar 1907 tm Rheinland und Westfalen zwischen den Liberalen und dem §entrum stattgefunden haben. Damals hätte eine erständigung zu beiderfeittgem Vorteil den Sozial- demokraten eine Reihe von Mandaten entreißen können. Aber sie kam nicht zustande, weil die Jungliberale» in Köln durchaus die Hauptstadt der Rheinprovinz der Sozialdemokratie zuschanzen wollten, um dort die „schwarze Fahne" durch die rote zu beseittgen. Der Zentrnmskandtdat für Köln war der von den vernünftigen Politikern aller Parteien hochgeschätzte, in langer parlamentarischer Arbeit als hervorragende Kraft, namentlich auf sozial- und wirtschastSpolttischem Gebiete, bestens bewährte Abg. Trimborn. Aber die jungltbe- ralen Fanatiker nahmen teilte Rücksicht auf dtese Verdienste, keine Rücksicht auf die Jntereffen von Staat und Gesellschaftsordnung, keine Rücksicht auf die nationalliberalen Kandidaten in anderen Wahlkreisen, die auf die Hilfe der Zentrumsstimmen an- gewiesen waren: int blinden kulturkämpferischen Eifer machte man das angebahnte Kompromiß zuschanden. Glücklicherweise wurde der Abg. Trimborn mit Hilfe des Kölner Ehrenbürgers Wilhelm Becker und der besseren liberalen Elemente doch gegen den Sozialdemolrateu gewählt. In den anderen kritischen Kressen aber hatte die Umsturzpariei den Vorteil von der Uneinigkeit der bürgerlichen , Parteien, die durch die Jungliberalen verschuldet worden war.
In Oesterreich hätte ein allgemeines und ehrliches Zusammengehen der Teuisch-Liberaleu und der Christlich-Sozialen bei den Stichwahlen gegen 60 Mandat« für die staaMreue und arbeitswillige Halste des Parlaments sicher stellen tan. Aber Die Wiener Liberalen haben dort in imern biindeu Haß gegen das dortige Zentrum bte höchsten Interessen des Staates und der G-chllschastsordming ebenso schnöde hmtangesctzt, w-e die Kölner Jung- liberalen bei unseren B'ockmahlen. Zugleich haben die dortigen Liberalen, tue sich als die et ait'id:en Vertreter der deut sche r Rationalität auf« spielen, auch gerade dieses nationale Interesse zu Gunsten der internationalen Sozialdemokratie geschädigt und verleugnet.
Wenn nun die Umsturzpariei iu Folge dessen von dem Schlage, den ihr der erste Wahltag in Oesterreich beigebracht hatte, wieder erholt, so wird sich dort vermutlich dasselbe Preßmanöver roteber- holen, was wir in Deutschland erlebt haben: Die liberalen Fanatiker vereiteln das Zusammengehen der bürgerlichen Parteien und erb ben dann hinterher ein großes Geschrei gegen das Zentrum beim- die Christlich-Sozialen, weil diese m Folge der verweigerten «Uigfeit keine Lust hatten, in den Wahlkreisen mit rosa-roten Stichwahlen die Liberalen herauszuhaue.i.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 17. Juni 1911.
Das Haus berät zum zweiten Male die Gemeindeordnung für die Rheinprovinz, wo das Zentrum, die Nationalliberalen und die Bolkspartei eine Reihe von Abänderungsanträgen eingebracht hatten.
Die Anträge deS Zentrums betreffen den geheimen WahlmoduS, der Oeffentlichkeit der Gemeindeverhandlungen, der Bürgermeisterwahl, u. f. w.
In der allgemeinen Aussprache empfiehlt Abg. Neuster (Zentr.) die Anträge des Zentrums. Er be- |ont insbefonbexe die Notwendigkeit deS geheimen Wahlrechts. z Ä
Unterstaatssekretär Holtz warnt vor @tn>eiterungen der Vorlage, die eine Gefährdung derselben brächten.
Abg. Bell (Zentr.) wies daraus hin, daß bte Rhein- provinz schon ein Jahrhundert auf eine Abänderung der bestehenden Landgemeindeordnung warte. Ein weiteres Jahrhundert könne man nicht mehr warten. Die Anträge des Zentrums stellten keineswegs Partet- wünsche bar, sondern würden von allen Rhemländern vertreten. , v . . .
Nach Schluß der Gesamtaussprache wurde bet der Spezialderatung bei Artikel 1 ein Zentrumsantrag, der die bisherige Abgrenzung der rheinischen Landgemeinden aufrecht erhält, aber den Zusammenschluß zweier Ge- mehtben zu einer zuläßt, angenommen. Bet ber Abstimmung über einen weiteren Zentrumsantrag ergab sich die Beschlußunfähigkeit des Hauses, worauf A-r« iajWtg auf Montag etntrat.
Herrenhaus.
Sitzung vom 17. Juni 1911.
Das Haus beginnt die Beratung des Berliner Zweckverbandsqesetzes. In der GeneraldiSkus- sion machte sich eine starke Minderheit gegen bas Ge- fetz geltend, vornehmlich waren es die Oberbürgermeister Kirschner-Berlin, Körle-Königsberg und Dr. Bender-Breslau, die gegen das Gesetz sprachen. Die Generaldiskussiou wurde beendet. Am Montag beginnt die Spezialdebatte.
Deutsche» Nsich
» Berlin, 18. Juni 1911. Hof- und Schloß Prediger Lic. theol. Rogge in Stettin ist zum
Nie nie würde ich ihnen verzeihen, wenn.nicht jenes Testament--Wie bringe Ich nur Virginia die
Nachricht am besten bei? Aus keinen Fall darf sie den Brief lefen . . . Und Ruth? Sie war mit int Komplott Jetzt verstehe ich alles — auch ihre Unruhe, ihre Nervosität, ihr eigentümliches Benehmen! . . . O, diese Demütigung, diese Demütigung!"
Die frischen Stimmen der jungen Mädchen kommen näher. Hastig steckt grau Facher den Brief in die Tasche.
„Er erbittet meine Verzeihung. Nun gut, er soll sie haben — es gilt das Wohl meines Kindes!"
Inzwischen haben die Wolken sich mehr und mehr zusammengeballt. Das leis« Säuseln in den Baumkronen ist kräftigem Peitschen gewichen. Gleich Dm- nerrollen grollt die Meeresflut herauf.
Fräulein Smich empfiehlt sich rasch, damit fie das Dorf, wo ihr Vater Arzt ist, noch vor Anbruch des Unwetter» erreicht.
Bevor grau gorfter inS Haus tritt, ersucht si« Virginia und Ruth, fie tn einet Viertelstunde in ihrem Zimmer aufzusuchen. Cie habe ihnen etwas mit« zuteilen.
Die beiden Mädchen bleiben auf der Terrasse zurück.
„WaS mag Mama nur von uns wollen?" fragt Virginia erstaunt. „Sie sah so feierlich aus, so —"
Ruch lehnt an der Brüstung und blickt gleichgiltig auf die unter der Wucht de« Windes ächzenden Zweige der Bäume.
„Lord Donald hat geschrieben."
„Lord Donald? Rein. Du meinst gewiß Armin Skott. Ich sah feine Handschrift."
„Ich meine Lord Donald!" beharrt Ruch. „Du wirst es sogleich erfahren. Komm mtt zu deiner Mutter!"
Als die beiden Mädchen das blaue Boudoir betreten,winkt ihnen grau Forster, die Tür zu schließ«!. Einen Augenblfik ficht pe Ruth forfäenb an. Dam sagt fie vorwurfsvolle JgfaI hÄtea Sie von Ihrem Betragen mit gegenüber, Ruth?"