Einzelbild herunterladen
 

»rfchebtt täglich mtt Änrnahmr der $o^t= »äd Feiertage, viertel- jShrNcherveplgsprei; offne vringerlohn und SesteLgeld in Fulda so­wie muwiirtsf.Sv Mt.

Kerantrv Sedattemr

Lark Schütte;

für die Anzeigen:

A.parzeLer in Fulda.

»nzrige«: Vir ein- fpaltlgePeMzeilesder deren Heun 15 pfg. veflaniendrepetitzeile Pfg., bei Greder- qolvirgeu wird entfpr.

Rabatt gewährt.

«otationrdrnckund Verlag derFiildaerN. kendruSerci in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Fulda, Dienstag Den 13. Juni 1911.

Erstes Watt

M 133.

38. Jahrgang.

Ihr

Die Macht des Gewiffens

19] Roman von Erich Friesen.

Ruth stößt die Worte eilig, heftig hervor. _. linker Arm ist ausgestreckt, wie um denselben noch mehr Nachdruck zu verleihen. Das bleiche Mondlicht wirft einen überirdischen Schimmer auf die schlanke Frauen­gestalt, an deren nassen Kleidern die langen, blonden Haarsträhne nirenhaft herabhängen.

„Heute nacht noch verbrenne ich e§!" wiederholt sie mit Emphase.

Armin erwidert kein Wort. Fest sind seine Lippen geschlossen; seine Züge erscheinen wie versteinert. Er würdigt die Zürnende nicht einmal eines Blickes. Diese überlegene Ruhe hat stets den beabsichtigten Erfolg. Ruths Zom zerschellt an ihr gleich einer sich über­schlagenden Meereswoge am granitenen Felsblock. Was gilt dem Felsen jene arme, kleine Welle?

Ruths Arm sinkt herab. Ihre Stimme klingt ruhi­ger, als sie abermals anhebt:

„Ich habe das Testament gefunden. Das war doch *,ein Mmsch, nicht wahr?"

„Ja."

„Du wußtest, wo es verborgen lag?"

„Ja."

„Du kanntest den Platz, weil Polly ihn dir genau beschrieben hat?"

„Ja, mein liebes Weib!"

Ruth schaudert.

„Dein Weib!" wiederholt sie mit flammenden Bli­cken. „Erinnere mich in dieser Stunde nicht daran!

— du, du bist ein ... o Gott, ich kann das Wort Nicht aussprechen!"

„So will ich dir helfen," fällt Armin mit eisiger Ruhe ein. „Ich bin ein Fälscher. . . Ja, ich fälschte Jenes Testament. Damals hoffte ich, du würdest nie­mals dahinter konnnen, du würdest zeitlebens das Te­stament für echt halten. Bald nach meiner Ankunft auf der Waldburg war es mir klar, daß ich mich geirrt hatte. Deine Natur ist eine skeptisch veranlagte,' du Zweifelst auch selbst da, wo du liebst. Als ich dich

® Der Delegiertentag der elsatz- lothringiichen Zentrumspartei.

Der gestern bereits mitgeteilte Beschluß des Straßburger Delegiertentages ist nicht so gut, tote feit ihn wünschten, aber auch nicht so chlecht, tote frk Gegner des Zentrums ihn erhofft hatten.

Der Mehrheit der Delegierten hat sich auch in srr Zwischenzeit zwischen dem ersten und zweiten .Parteitage ttoch nicht mit der jüngsten Vergangen­heit abzufinden vermocht: aber sie waren doch fvenigstens zu dem Entschlüsse gekommen, einem Ausgleich in der Zukunft den Weg offen zu halten, jlod) keine Wiederaufnahme der Gemeinschaft, aber auch keine Scheidung der Ehe.

Rach weiteren Mitteilungen über den Verlauf pes Tages wurde von einem Mülhauser Delegier­ten ein Antrag auf Ausschließung der Abgeordneten Pfleger und Wett er l s aus der Partei einge- hracht, weil diese die neue Nationalpartei int Gegen­satz zum Zentrum zu gründen versuchten. Der An­trag wurde mit Zweidrittelmehrheit abgelehnt. Andererseits wurde aber auch ein Antrag, der die 'erneute Schäftung einer elsaß-lothring­ischen Gruppe im Reichstag, übereinstimmend mit den Forderungen der Nationalpartei anstrebt, init 67 gegen 49 Stimmen abgelehnt, vielmehr die Brücke für die Zukunft gewahrt in dem Teil der Resolution, der den Namen und das Programm der „unabhängigen" elsaß-lothringischen Z e n * jr umspartei aufrecht erhält und die Entschei­dung über den k ü n f t i g en An s ch l u ß der reichs- ländischen Abgeordneten an die Gesamtfraktion den einzelnen Kreisorganisationen vorbehält. Im üb­rigen ging es auf der Tagung sehr stürmisch zu, w'an scheint sich weniger die Frage: was ist? als jvas wäre wünschenswert gewesen? vorgelegt zu haben.

Dir Gesetze über die reichsländische Verfassungs- Reform sind nun aber doch vollzogen. AlleReklamatio- ften u. Proteste und alle Vorwürfe gegen diejenigen, die dafür geftimnit haben, können an dieser Tat­sache nichts mehr ändern, haben also auch gar keinen praktischen Zweck mehr. Die Aufregung darüber ist um so gegenstandsloser, als niemand int Stande gewesen wäre, den Elsaß-Lothringern etwas Besse­res zu verschaffen, am wenigsten wären diese an sich dazu int Stande gewesen. Die Regierung bot ihnen anfangs viel weniger und nur dem Zen- t r n m ist es zu verdanken, daß sie schließlich über ihr eigenes Angebot hinausging. Vor einem halben Jahre hätte kaum jemand geglaubt, daß so­viel erreicht werden würde, tote jetzt erreicht worden ist. Hätte das Zentrum sich zu der Politik des '„stilles oder Nichts" bekannt, so hätten die Reichs­lande eben nichts bekommen und es ist eine Selbst­täuschung, wenn man glaubt, daß die Regierung nächstens mit einem neuen besseren Angebot hätte kommen müssen. Die Erfahrungen, die sie mit ihrer Vorlage gemacht hat, würden sie vermutlich von neuen Versuchen abgeschreckt haben und wenn sie sich doch noch dazu verstanden hätte, so Würde sie voraussichtlich solche Vorschläge gemacht haben, fiir die sie auch die Zustimmung der Kon­servativen zu finden hoffen durfte, d. h. die Reform wäre weit hinter dem zurückgegeblieben, svas heute geboten worden ist.

Politiker, die mit der Wirklichkeit rechnen, wer- den sich das immer vor Augen halten, und, nach- bc"i die Würfel gefallen sind, nicht mehr klagen ül:r das, was nicht erreicht worden ist, sondern sie werden z u g r e i s e n und von dem Gebotenen Gebrauch machen. Sie mögen bedauern, daß nicht all ihre Wünsche erfüllt worden sind, aber sie werden sich darum nicht in den Schmollwinkel stellen, sondern nach Kräften das Umsichgreifen einer p.' Autistischen Stimmung in der Bevölkerung zu v:. ändern suchen. Es gibt ja leider Parteien und Parteiführer, die von der Unzufriedenheit zu pro­fitieren hoffen und sie deshalb zu schüren suchen.

Vor diesen die Flinte ins Korn zu werfen, liegt kein Anlaß vor. Es müßte doch sonderbar zugehen, wenn den Walern nicht klar zu machen wäre, daß die Reform einen erheblichen Fortschritt bedeutet, daß mehr ihnen niemand verschaffen konnte und daß es im Jnterefte des Landes liegt, sich nun nicht mehr ablehnend zu verhalten. Ein- sichtige Wähler werden sich doch sagen, daß bei un­fruchtbarer Ablehnung nur ihr eigener Schaden herauskommt. So haben denn auch z. B. die Wäh­ler des Abg. Vonderschrrr der für die Verfassungs­reform stimmte, diesem ein Vertrauensvotum erteilt. Wir sind gewiß, daß andere Wähler chren Abgeord­neten ebenfalls ein Vertrauensvotum für die Zu­stimmung erteilt haben würden, wenn man ihnen die Sachlage in aller Ruhe auseinandergesetzt und gezeigt hätte, daß das Beste erreicht worden ftt, was unter den obwaltenden Umständen erreicht werden konnte.

Ter Straßburger Delegiertentag hat dagegen den Abgeordneten sein Vertrauen ausgesprochen, die eine ablehnende Stellung eingenommen haben. Wenn das heißen sollte, man wolle ihnen das Vertrauen wegen der Abstimmung nicht ent­ziehen, so würde man das ja verstehen, denn sie be­fanden sich, tote anerkannt werden muß, in einer schwierigen Lage; wenn es aber zugleich ein M i ß- trauensvotum gegen diejenigen sein soll, die sich auf den Boden der Verfassungsreform stellen, so würde ich e8 für ungerechtfertigt halten. An der eigenen unabhängigen Landes­organisation, deren Namen und Programm will man festhalten. Das mag sich ja aus tatti- schen und praktischen Gründen empfehlen und führt hoffentlich nicht zum vollen Bruch mit der Zen­trumspartei des Reiches. Daß man diesen nicht für ratsam hält, dürfen wir weiter daraus schließen, daß man den Anschluß an die Blumen­thal -Weltetls'sche Gründung ab­lehnte.

Daß man es den Kreisorganisationen überläßt, ob künftig der elsaß-lothringischen Zentrnmspartei angehörende Abgeordnete der Zentrumsftattion des Reichstags beitreten dürfen, scheint uns auch da­für zu zeugen, daß man nicht alle Brücken zum Zen­trum abzubrechen gedenkt. Wir zweifeln nicht, daß wenn die Gemüter sich erst etwas beruhigt haben, allen elsaß - lothringischen Zentrumsabgeordneten der Beitritt zum Reichstagszentru mgestattet wird. Man muß sie nur gehörig aufklären und darf nicht zur Zentrumspartei Leute zählen, die nichts als Nationalisten sind.

In der nächsten Zett werden vielleicht diejenigen bei den Wählern den meisten Beifall finden, die am lautesten und r ü ck s i ch t s l o s e st e n gegen die Verfassungsreform loszieheit. Aber dadurch sollte die Zentrumspartei der Reichslande ihre Haltung nicht beeinflussen lassen. Gewiße Poli­tiker auch in ihren Reihen werden ja nie z u f r i e- d e n zu stellen sein und das Volk nie zu hoch kom­men lassen wollen. Zentrumspolitik ist es dagegen, mit dem Gegebenen zu rechnen und vom Boden dieses Gegebenen aus Besseres anzustreben. lieber Jahr und Tag wird, wenn man sich nur die Mühe gibt, sie auszuklären, die Wählerschaft der Zentrumspartei sich in die neue Verfassung gefun­den haben und den Schreiern die Gefolgschaft ver­weigern. Hilft man dagegen die Unzufriedenheit schüren, oder sieht man dem Treiben der Unruhe­stifter resigniert zu, so muß man gewärtig sein, daß die Wähler zu anderen Parteien überlaufen.

Aufklärung und Arbeit muß die Parole der elsaß-lothringischen Zentrumspartei sein, nicht Wettlaufen mit Nationalisten und Demokraten.

Deutscher Reich.

** Berlin, 12. Juni 1911. Der Kaiser be­sichtigte Montag auf dem Truppenübungsplätze Dö- beritz die beiden Garde-Dragoner-Regimenter. —

vorhin gleich einem Geist mir entgeyenschweben sah — da wußte ich, daß du von Polly March kamst, daß du die Wahrheit erfahren hattest. Was schadet es? Viel­leicht ist es sogar am besten so! Hand in Hand läßt sich leichter arbeiten "

„Meinst du?"

Ruth lacht schneidend auf.

„Ich weiß es," entgegnet Armin mhig. „Ich habe mir niemals Mühe gegeben, über etwas nachzugrübeln, was für mich bereits Gewißheit ist. Deine momentane Erregung ist vollkommen begreiflich — auch dein Zorn gegen mich. Aber deine Erregung wird schwinden, dem Zorn verrauchen — nur deine Liebe — oder nenne es Leidenschaft, wenn dir dies Wort bester ge­fällt — deine Leidenschaft wird bleiben. Zwei Her­zen. die einander lieben, können nur nebeneinander klopfen; sie halten zusammen im Guten wie im Bösen. Du wirst zu mir zurückkehren — vielleicht noch nicht sogleich, aber bald, sehr bald! "

Ruth schüttelt den Kopf. Noch ist sie Herrin ihres Willens.

„Nein, Armin, du irrst. Deine Macht über mich ist gebrochen. Als du dich selbst vorhin einen Fälscher nanntest, da starb meine Liebe. Ich mache mir nichts mehr aus dir — gar nichts, rein gar nichts!"

„Wie du zitterst, mein Liebling! Komm, gib mit deine Hand —'

„Nein, nein! Fort von mir! Du bist ein Teufel!"

„Meinst du? Nun gut! Du aber bist mein Aug­apfel, mein Sonnenschein, mein alles! Komm, lehn' deinen Kopf an meine Brust, damit dein armes, kleines Herz ruhiger klopfe! Ich bin stark. Komm, geliebtes Weib!"

Damit schlingt er den Arm um ihren Nacken. Kon­vulsivisches Zittern überfliegt ihren Körper. Einen Augenblick noch widersteht sie; dann ruht ihr Kopf an seiner Brust. Ihre Augen sind geschloffen, die Lippen halb geöffnet.

Und er beugt sich nieder und küßt den kleinen, ro­ten Mund.

Der Kronprinz ist von Potsdam im Automo­bil nach Schwerin zum Pferderennen gereist. Auch die Kronprinzessin weilt dort. — Der frühere natio­nalliberale Landtagsabgeordnete Hoyermann ist auf seinem Gute Lohne bei Burgwedel gestor­ben.— Für die Annahme zum höheren Schuldienst in den Schutzgebieten läßt der Kultusminister soeben neue Bestimmungen ver­öffentlichen. Danach werden zurzeit nur noch un­verheiratete Bewerber berücksichtigt, die nicht über 35 Jahre alt und körperlich geeignet sind, die borge» schrieben« Prüfungen und chre Militärdienstzeit ab­solviert haben. Die Dienstverpflichtung beträgt für Deutsch-Südwestafrika 3 Jahre. An Umzugskosten werden 1200 M bewilligt. Das Gehalt für Ober­lehrer beträgt 7700 M jährlich, steigend in 6V* Jahren bis auf 13 400 <4C, freie Wohnung rc. Nach Ablauf jeder Dienstperiode wird em 4 monatiger Heimatsurlaub unter Belassung des Gehalts nebst Reisebeihilfe gewährt. Ausführliche Bestimmungen regeln die Pensionierung.

)( Ein Verband für internationale Verständigung ist nach einer in Frankfurt a. M. gepflogenen Beratung einer Reihe deutscher Völkerrechtslehrer und anderer Personen gegründet worden. Der Ver­band stellt sich die Aufgabe, Verständnis für die Be­deutung der gegenseitigen Förderung friedlicher Be­ziehungen zwischen den Völkern auf allen Ledens, gebieten zu verbreiten. Der Verband beschränkt seine Wirksamkeit auf das Deutsche Reich, angestrebt wird aber für später eine internationale Organisation.

)( Tie christlichen Gewerkschaften und die Reichs- versichermigsordnung. Eine am Sonntag in Essen abgehaltene, von über 3000 christlich organisierten Arbeitern besuchte Versammlung beschäftigte sich mit der Reichsversicherungsordnung und nahm nach Referaten der Abgg. Becker-Arnsberg und General­sekretär Stegerwald-Köln eine Entschließung an, in der den aus der christlichen Arbeiterbewegung hervorgegangenen Abgeordneten für ihre Tätigkeit bei der Beratung deS Gesetzes der Dank ausge­sprochen und betont wird, daß die Reichsversiche- rungsordnung gegen den bisherigen Zustand eine große Reihe von Verbesserungen bringe.

)( Die Dänen in Rordschleswig hielten am Sonn- tag in einem großen Zelt in Flensburg ihre Jahresversammlung ab, die von 5000 Personen besucht war. Ans den Verhandlungen ergab sich, daß die dänischen Vereinigungen, die das Dänen- tnm in Nordschleswig fördern, Fortschritte zu ver- zeichnen hatten. Der Sprachenverein zählt 5400 Mitglieder. Der Volksschulverein, der über 400 junge Leute auf seine Kosten auf dänische Volks­hochschulen sendet, zählt 8700 Mitglieder.

pw. Dortmund, 13. Juni 1911. Am 14. d. M, vollendete Herr Lambert Len sing in Dortmund. Verleger der /Ewnonia', Mitgründer und lang­jähriges (seit 1889-Vorstandsmitglied des Augustinus- Vereins zur Pflege der katholischen Presse, sein 60. Lebensjahr. Leasing hat mit seinem vor einigen Jahren verstorbenen Bruder im Jahre 1875 die ,Tremoni<L begründet und durch sie dir Zentrums- bewegung im Ruhrgebiet eingeleitet und oft unter sehr schwierigen Verhältnissen die Fahne hochgehalten. Auf die vielseitige öffentliche Tätigkeit Lensings im tatb. Vereins-, Partei- und kommunalen Leben wollen wir hier nicht eingehen, sondern nur auf die Bedeutung Hinweisen, welche seine ,$remonta' er- langt hat. Deren Abonnentenzahl ist von 300 im Jahre 1875 auf über 36000 im Jahre 1911 ge­stiegen. Möge der Jubilar noch recht ost in voller geistiger und körperlicher Frische den Gedenktag feiern und sein verdienstvolles Wirken noch recht lange sortsetzen.

Reichstazswahlvorbereitungen.

* Minden (Wests.), 12. Juni 1911. Die Ver- hvndlungen zwischen den Freisinnigen und den N a t i o n a l l i b e r a l e n in den Wahlkreisen Minden-

„Jetzt geht es dir bester, nicht wahr, mein Lieb­ling? Wir waren kurze Zeit im Paradies, wie?"

Schon hat sie sich wieder frei gemacht. „Nein, nein! Ich will dir nicht folgen, ich will nicht! Geh'"

„Was später werden soll, ist gleichgültig. Der Augenblick gehört uns. Du zitterst schon wieder, mein Liebling. Sieh, ich setze mich hier auf den Baum­stumpf! Komm in meine Arme, damit ich dich warme! Du bist so kalt, so naß. Ruhe, mein Sieb, ruhe aus Von allem Kummer!"

Einige Minuten lang liegt sie still ,bewegungslos in seinen Armen. Sie fühlt, wie seine Wärme ihre kalten Glieder durchströmt . . . Doch ihr guter Engel hat sie noch nicht verlassen. Mit leisem Stöhnen entzieht sie sich ihm.

„Ich verbrenne das Testament!" ruft sie mit for­cierter Energie. „Deine Gegenwart übt noch immer ihre Macht über mich aus. Aber du bist nicht im­mer bei mir. Und dann — dann verbrenne ich das Testament!"

„Du wirst es nicht verbrennen!'

„Doch, ich verbrenne es! Morgen früh wirst du sehen, daß ich es getan habe!"

Armin springt empor und auf Ruth zu. Sein Ge­sicht zeigt einen harten, grausamen Zug. Wie mit eiser­nem Griff hält er ihre beiden Hände umschlossen. Seine Augen glühen in die ihren.

„Du wirft das Testament nicht verbrennen!" zischt er. „Du wirst es nicht verbrennen, weil ich es dir verbiete!"

Langsam senkt Ruth die Lider vor seinem festen Blick. . .

Da gibt er ihre Hande frei.

„Jetzt geb nach Hause! Ich kehre heute abend nicht nach der Waldbuig zurück. Gute Nacht!"

13. Kapitel.

Ruchs Nervosität und fieberhafte Unruhe während des Abendessens sind auf der Waldbuig nicht unbemerkt geblieben. Sie wirken gleich beängstigend auf Vir­ginia, wie auf bereit Mutter.

Lübbecke, Herford-Halle und Schaumburg-Lippe über ein gemeinsames Vorgehen bei den Reichstags- wählen find gescheitert.

* Posen, 11. Juni 1911. Die Konserva­tiven haben die Forderung der vereinigten Libe­ralen aus Uederlaffung eines bisher konservativen Landtagsmandats an die Nationalltberalen ab- gelehn t. Damit sind die seit Monaten schweben­den Verhandlungen über ein gemeinsames Vorgehen bei den nächsten Reichs- und Landtagswahten in der Provinz Posen gescheitert.

Ausland.

* Tumultuarische Szenen gab es am Sonntag in einer Wählersersammlung in Asch in Oesterreich- Ungarn, wo der deussche Sozialdemokrat Dr. Lieb­knecht eine Rede hielt. Er erklärte, daß in Deutsch­land bei den bevorstehenden Reichstagswahlen das rote Gespenst Fleisch und Blut annehmen werde, und hoffte, daß die österreichischen Reichsratswahlen das­selbe Resultat erzielen möchten. Da die Regierung die Versammlung nur unter der Bedingung gestattet hatte, daß Liebknecht österreichische Verhältnisse nicht berührte, so unterbrach hier der Regierungsvertreter dm Redner. Die Versammlungsteilnehmer riefen je­doch: „Weiter reden! Weiter reden!" Es entstand ein fürchterlicher Lärm, und der Regierungsvertreter löste jetzt die Versammlung auf. Gendarmen drangen in den Saal ein und tiertrieben die Sozialdemokraten mit blankem Bajonette. Die Arbeiter durchzogen die Stadt unter Wsingen der Internationale, wobei es zu Zusammenstößen mit den Deutsch-Nationalen kam. Bei einer Wählerversammlung in Oders urt bet Mährisch-Ostrau kam es ebmfalls zu Zusammenstößen zwischm deutschfreiheitlichen und sozialdemokratischen Wählern, wobei zahlreiche Personen verletzt wurden. Viele Personm wurden verhaftet.

* Tas neue belgische Ministerium, de Broqueville hat gestern dem König die neue Ministerliste vor- gelegt. Das Kabinett ist so gut wie gebildet. Mit Ausnahme von vier Ministern bleibt das neue Kabinett dasselbe wie das vorige.

r Vom „Kampf geg'll das Schulgesetz" in Belgien. Sozialistische und liberale Rowdies haben am Samstag abend in Schaerbeek zu mehreren Hundert vor dem Vereinslokal eines katholischen Vereins den wenigen dort versammelten Mitgliedern aufgelauert und sie, dreißig gegen einen, auf der Straße mit Knüppeln überfallen und niederge­schlagen, wie das schon wiederholt geschehen ist. DaZ ist der „Kampf gegen das Schulgesetz", „gegen die Klöster" u.f.ro., wie all die Heucheleien und Lügen heißen. Wir geben diese feige Bande der Vev achlung jedes anständigen Menschen preis.

** Auch die Bordeanxtoinzer fangen an unruhig zu werden. In Bordeaux fand unter Vorsitz des Mit­glieds des Generalrats Eymond eine auch von mehre­ren Mgeordnetm des Departements Gironde besuchte Versammlung von etwa 1500 Winzern statt, die sich mit Entschiedenheit gegendieAbschaffungder Abgrenzung der Weinbaugebiete aussprach. Ey­mond hielt eine Ansprache, in der er Ruhe empfahl, je­doch hinzufügte, sie wären entschlossen, Gewalt anzu­wenden, falls man gegen sie Gewalt brauche.

** Bon der Republik Mexiko verlangt die chinesische Regierung die Zahlung einer Summe von 2 Millionen Pfund als Schaden­ersatz 'für die Ermordung von 300 Chinesen bei der Einnahme von Torreon am 31. Mai und die Vernichtung ^rer Habseligkeiten. Ferner verlangt China Bestrafung der Mörder und Unterhaltung der Familien der Ermordeten. Die chinesische Regierung scheint ihre Forderungen mit allem Nachdruck vertreten zu wollen, denn es verlautet, daß ein chinesisches Kriegsschiff in die mexikanischen Gewässer beordert sei.

Besonders Virginia fragt sich immer wieder, was der Freundin wohl fehlen mag, ob sie Kummer habe, ob sie gar unglücklich sei . . . Gewiß ist letzteres der Fall. Hat ihr Bräutigam sich während der ganzen Zeit auch nur im geringsten um sie gekümmert? Kein herzliches Wort, kein warmer Blick, kein Zeichen ir­gendwelchen Befriedigtseins im gegenseitigen Verkehr! . . . Zwar ist die kleine Virginia noch gänzlich un­erfahren in derlei Sachen; aber immerhin — sie hat sich doch ein bestimmtes Bild von Brautleuten ge­macht, und das sst grundverschieden von Ruth und Armin Skott . . .

Bekümmert legt sich Virginia endlich zu Bett. Doch sie tarnt nicht einschlaseii. Der Gedanke an Ruth raubt ihr dm sonst so gesundm Schlummer. Wie mag es jetzt der Freundin gehen?

Die Schlafzimmer der beiden Mädchen liegen ne- beneinanber, nur verbunden durch eine Türe. Vir­ginia wirst einen leichten Morgen rock über und horcht am Schlüsselloch ,ob sich brinnen in Ruths Zimmer etwas rege.

Alles still: Noch mehr geängstigt sucht Virginia jetzt die Mutier auf.

Auch Frau Forster ist noch wach; sie hat sich noch nicht einmal entkleidet. Mit ausgestütztem Kopf sitzt sie am Fenster und grübelt.

„Liebe Mama!" ruft Virginia schon beim Ein­treten, „„ich habe Augst um Ruth. Hast du nicht be­merkt, daß sie gleich nach dem Essen verschwand und seitdem nicht wieder zum Vorschein kam?"

Frau Forster blickt auf. „Ja, mein Kind. Sie hatte Kopfweh."

„Wenn es sich nur nicht verschlimmert hat! Ich möchte einmal sehen, wie es ihr geht."

„Vielleicht schläft sie und du weckst sie auf!"

„Nein, nein. Ich werde ganz vorsichtig die Türe öffnen, und wenn sie schläft, schleich ich wieder davon."

Beide Frauen begeben sich nach Ruths Schlafzim mer. Leise klopft Virginia an die Tür.

(Fortsetzung folgt.)