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Mundwasser

slliaae,

»er „Bote aus dein Riesengebirge", mit dieser trüben xrttwicklung. Diese Erscheinungen des großstädti-

Reklamen« und Auzeigeuteil.

Zahn-Creme

Ami Geisa und Umgebung.

(♦) Geisa, 9. Juni 191 i. Sonntag, den 11. Juni, nachmittags 3 Uhr hält Herr Lehrer Leister aus Barsch im Landwirtschaftlichen Verein zu Geisa im Gasthaus „Zum Stern" einen hochaktuellen Vor­trag über daS Thema „Pflanzen und Tiere in ihrer Wechselbeziehung zueinander und im Dienste des Menschen".

* Bacha, 9. Juni 1911. Im Großherzogl. Forstrevier Vacha ist auch in diesem Jahre wieder der Köhlereibetrieb einer Schmalkal- der Firma im Gange. Heute mittag wurden die ersten der auf diese Wese hergestellten Holz­kohlen zur hiesigen Eisenbahnstation gefahren, um dort verfrachtet zu werden.

• Dorndorf, 9. Juni 1911. Durch Baurat Jaenisch und Schulrat Heiland-Dermbach fand heute vormittag im Beisein der Mitglieder des hiesigen Schulvorstandes, des Gemeinderats und der am Bau beteiligten Handwerksmeister die Schlußabnahme der neu er baut en Schule statt. Die Einweihung der Schule wird kommenden Montag, nachmittags 3 Uhr, stattfinden.

* Tiefenort, 9. Juni 1911. Der Schachtarbeiter Adam aus Langenfeld kam im Schachte der Gewerk­schaft Kaiserrode mit seiner linken Hand zwischen zwei Wagen, sodaß die Hand zerquetscht wurde.

* AuS Thüringen, 10. Jnni 1911. Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach feiert heute seinen 35. Geburtstag.

—.— Prospekte durch -----

Or. «. Sehufza-Kahleyss, Nervenarzt

Dr. Bommel’s Haematogen.

WARNUNG! Man verlange aus­drücklich den Namen vr Homme!

15!

Samstag dr» I». 3«nl t»il

58. Jahrgang.

Deutsches Keich

D Der ReichStagSabg. v. Oldenburg, der bekannte Bund ter, griff auf einer Versammlung in Neuteich dieser Tage den Reichskanzler sehr scharf an, weil er die Mitwirkung der Sozialdemokratie gegen die Rechte in der elsaß-lothringischen Verfassungs» frage angenommen habe. Wie seine Ausführungen deutlich erkennen ließen, rührt sein Zorn hauptsäch­lich her von der Furcht, daß auch Preußen ein ähnliches Wahlrecht erhalten könne wie Elsaß- Lothringen.

(*; Aus der Partei der Bruderliebe. Im ,P!u- ius' beschuldigt der Sozialdemokrat Georg Bern- Hard die preußischen Verwaltungskreise, daß sie

vermischtes.

* Ermordet und in dm Rhein geworfen. Bei Linz am Rh. wurde vor einigen Tagen die Leiche eines Schiffers aus dem Rhein gelandet. Wie jetzt die Untersuchung ergeben hat, liegt hier ein Mord vor. Es handelt sich um einen holländischen Schiffer Lowey, der am Abend vorher mit dem Nachtzuge in Linz eingetroffen war, wo er von Verwandten in Empfang genommen wurde; diese gingen mit ihm auf einem schmalen Seitenpfade heimwärts. Auf diesem Pfade ist er, wie Blutspuren beweisen, ermordet und so­dann die Leiche in den Rhein geworfen worden. Lowey hatte kurz vorher eine recht erhel liche Erbs chaft gemacht.

* * Haftentlassung. Der Krankenpfleger Griehl, der am 3. März verhaftet worden war unter dem Verdacht, die Witwe Hoffmann in der Blumen- lhalstraße in Berlin ermordet zu habm, wurde gestern aus der Haft entlasten, weil sich der Ver- dacht gegen ihn nicht halten ließ. Vorhet waren betens zwei Personen, gegen die ebenfalls dringende Verdachtsgründe sprechen sollten, die aber dann wieder entlasten werden mußten, in Untersuchungs-

TMfiinA A 5. Blatt.

V I I |f Hy " druck Uttb Verlag der Mdaer »etkeudruSerel

chen Lebens haben den Artikelschreiber zu der Er- enntnis gebracht, daß die Genußsucht in gewissen Kreisen em Maß erreicht hat, das erkennen laste, ivie „untere Wertung der Menschen auf einer falschen Bahn ist". Entrüstet schreibt er:

schließt.

So ganz unrecht hat der Mann nicht. Es wächst bei uns in Deutschland eine Gruppe überreicher Schichten heran, die auf dem Boden der liberalen Weltanschauung stehend sich jeder Selbstzucht ent­äußert und sich auf einen Luxus und eine Der- chwendung hinauslebt, die geradezu genreinge- ährlich, gemeinschädlich ist. Ganz, als habe es einen liberalen Charakter ganz vergesten, beschäftigt ich das leitende Freisinnsblatt in Niederschlesien,

Kuranstalt Hof heim Taunus

arastv. Frankfurt a. M.), f. Erhohmrabedürftlre, flrven* u. Innere Kranke. SommerU.W tut besucht.

[] Sekt als „Tidchgelränk".

Bor einigen Tagen schrieb ein Franzose in einem Pariser Blatte allerlei Richtsnützrgkeiten über da- Austauchen kapitalkräftiger Deutschen an der frcm- zösischen Riviera; er wußte alles Mögliche über dre mangelnde Bildung der Deutschen — "aturnch „Bildung" von seinem Standpunkt — zu erzählen und behauptete, eine pommersche Gräftn habe beim Mittagessen entzückt erklärt, Champagner sei doch ein ausgezeichnetes Tischgetränk. Das empörte ihn aus tiefster Seele, da der gute Geschmack — nicht bloß der Franzosen — den Sekt als Tischwem aus­

zwecken. Ausdrücklich betont Joh. Orth, daß jeöe Verwendung seines Vermögens für die Zwecke oder zu Händen der Kirche ausgeschlossen sei.

— Ei« Vorgesetzter wünscht einen geistvollen Beamten, der ihm nicht unterwürfig genug erfchmnt, zu demütigen und s«gt: .Sie scheinen sich sehr hoch zu schätzen.' — «Je nachdem," erwiderte der An- geredete, .ich achte mich sehr gering, wenn ich mich genau betracht«, sehr hoch, wenn ich mich vergliche.'

— Druckfehlerteufel. „Am liebsten bewegte sich die junge Gräfin in vertraulichem Verkehr mit de, angrunzenden Nachbarschaft."

— Ein braueS Weib. .Dem Sepp sei' Alte is a gute Frau. Weil der Arme kein Bier mehr trinken darf, gibt fi« ihm sei Medizin immer im Maßkrug!'

Am Gderheflen u. den Hess. Ämtern.

♦ Aus de« Kreist Kirchhai«, 9. Juni 1911. Durch das schöne Wetter begünstigt, hat die Heuernte in diesem Jahre ftüher alS sonst begonnen. Die Wiesen zeigen durchweg guten SraSwuchS. Bei den kürzlich vorgenommenen GraSverst eigerungen wurden wesentlich geringere Gebote als in den letzten Jahren abgegeben. Auf die Kauflust wirken bte noch vielfach vorhandenen großen Quantitäten alter Heu nachteilig.

• Frankenberg, 9. Juni 1911. Der seit einigen Tagen verschwundene Kreisrentmeister Lamprecht von hier ist in Kastel verhaftet und in daS dor- tige Untersuchungs-Gefängnis abgeführt worden. Lamprecht wird bekanntlich der Unterschlagung tot Amte beschuldigt. Bei einer unvermutet vorgenom­menen Revision der von ihm verwalteten KretS- und Forstkaste Frankenberg haben sich erhebliche Fehlbeträge ergeben.

* Neustadt, 8. Juni 1911. Auf der hiesigen Eisenbahnstation brannte heute nacht em Et f en» bahnwaggon, der zur Aufbewahrung von Pe- lroleum, Oel und anderen Materialien diente, voll- ständig nieder. Mehrere in der Nähe stehende Obst- bäume wurden zerstört. Die Entstehungsursache deS FeuerS ist unbekannt.

* Goßfelden, 8. Juni 1911. Einen trau­rigen Ausgang hat eine Wette genommen, die zwischen zwei hiesigen jungen Leuten abge- schloffen worden war. Der eine der beiden hatte mit seinem Partner gewettet, daß er eine sehr hohe Pappel, in deren Krone sich ein Storchnest befand, erklettern wolle. Bei Ausführung der Wette brach ein Ast und der junge Mensch stürzte aus erheblicher Höhe auf einen Gartenzaun, wo­bei ihm eine Latte in den Leib drang. In der Klinik zu Marburg ist der Leichtsinnige seinen Verletzungen erlegen. — Der Sohn des Lehrers Hebeler ist bei einem Ausflug in den Alpen ab- gestürzt. Er war sofort tot.

* Ziegenhain, 9. Juni 1911. Unter dem Rind- Viehbestände des Landwirtes Heim. Grein zu Holz- bnrg ist der Rauschbrand sestgestellt worden.

* Fritzlar, 9. Juni 1911. Die anhaltende Trocken­heit macht sich in unseren Fluren sehr unliebsam be­merklich. Der beginnende Wies en schnitt fällt quantitativ gering aus, da das Gras schon teilweise auf dem Halme vertrocknet ist; ebenso geht der Klee täglich zurück. Auch die Obstbäume werfen den reichlichen Fruchtansatz massenhaft ab, sodaß die er­wartete reiche Obsternte in Frage gestellt ist. Da­gegen steht die Wintersaat sehr gut, nur die Roggenähren scheinen klein zu bleiben. Der allge- mein befürchtete Schaden in Mäusesraß ist zum Glück weit hinter der Befürchtung zurückgeblieben, nur stellenweise zeigen die Felder Lücken. Dagegen ist der Hedderich in diesem Jahre sehr stark vertreten wie nie zuvor, zur Freude der Bienenväter, zum Leid des Landwirtes.

hast gewesen, darunter einer zwei Monate lang. ES scheint kaum, daß man den Schuldigen noch ent« decken werde.

willigen Verfügungen Johann Orths negen jetzt im Wortlaut vor. Die Bestimmungen des Testa­ments, da, vom 24. Juli 1878 datiert ist, find vielfach nicht mehr auSführbm, da ja unter anderem Ludmilla Stube!, die Gattin des ^zherzogs. mü ihm gleichzeitig den Tod Pfunden hat. Rachem daS Testament über das Stammvermögen verfügt hat, bestimmt eS, daß der Rest in 8 Teile zu teilen

systematisch dm Radikalismus in der Sozialdemo­kratie großzögm.

„Mau läßt z. v. radikale auSländffche Sozialdemo­kraten ruhig imLande, ohne sie auSzuweifen, well man weiß, datz deren Treiben die Sozialdemokratie diskreditiert und daS Bürgertom verängstigt."

Diese Beußerung gibt der ,VorwärtS' unter der Spitzmarke »Der größte Lump im ganzen Land...' wieder und dement dazu:

„ES ändert an der Schuftigkeit dieses Denunzianten, an diesem Schrei der edlen Seele nach der Polizei nicht daS geringste, daß dies« Ge­meinheit »ugleich eine Dummheit ist. Denn gerade die ausländische« Genoffen, deren Ausweisung der Edle empfiehlt, find außerhalb deS Machtbereiches der preußischen Polizei. Im übrigen ist der Bernhard nicht mal originell. Bor einiger Zeit hat dasselbe Denun- ziationSstückcheu Herr Calwer im .Tag' verübt. Da- malS aber konnte man annehmen, daß eS nur Dumm­heit war."

Verstanden?

(*) Parlamentarischer Besuch in Posen. Wie die Reichstagsabgeordneten jüngst die Hygiene-AuSstellung in Dresden, so wollen jetzt Mitglieder des preußischen Abgeordnetenhauses die Ostdeutsche Ausstellung in Posen brstchtigen. Sie treffen auf Einladung der Aus- stellungSleitung und der Stadt Posen am 24. Juni dort ein. Wie aber WolffS Tel.-Bur. erfährt, ist der Termin für die Reise noch nicht endgültig festgesetzt. DieS wird erst nach dem Wieder- zusammentritt des Abgeordnetenhauses geschehen.

).( Die Anwendung des KinderprivilegS auf die Beamte« regelt eine Entscheidung von grundsätzlicher Bedeutung, die kürzlich ein Bezirksausschuß der Rheinprovinz fällte. Mehrere Beamte hatten gegen den Gemeindevorstand wegen der Veranlagung zur Gemeindeeinkommensteuer Einspruch beim Bezirks­ausschuß erhoben. Die Kläger wurden nur zur Sälste ihrer Einkommens zur Steuer herangezogen.

ie beantragten, daß bei der Veranlagung auch daS Kinderprivileg zur Anwendung gebracht und die Gemeindeeinkommensteuer um je eine Stufe ermäßigt werde. Der Bezirksausschuß hat nun die Einsprüche kostenfällig zurückgewiesen und dafür erkannt, daß die bei der Staatseinkommensteuer zur Anrechnung kommende Kinderzahl bei der Gemeinde- einkommensteuer, bei der der Staatsbeamte nur die Hälfte seines Einkommens versteuere, auch nur zur Hälfte Anwendung finde, so daß also drei Kinder die bet der Staatseinkommensteuer eine Ermäßigung um eine Stufe bedingten, bei der Ge- nieindeeinkommensteuer eine solche Wirkung nicht haben können, denn hierbei käme nur »anderthalb" Kind in Anrechnung, was ohne Einfluß auf den Steuersatz ist.

Literarisches.

Landhaus und Billa. Illustrierte Kunstzeitschrist für Eigenhauskultur, Architektur und Wohnungs­kunst — Kultur — Hausgärten — Ange­wandte Kunst. Unter Mitwirkung führender Männer, herausgegeben von Emil 21 bißt. VII. Band. Jährlich 12 Hefte für 12 Mark, Einzelhefte 1.25 Mk. durch die Westdeutsch« Verlagsgesellschast in Wiesbaden 35.

Der vor 7 Jahren begonnene hochbeachtuche Versuch des bekannten Verlages, auch in Laienkreiseu Interesse und Verständnis für deutsche Wohnungs- kultur zu verbreiten, ist vollständig gelungen, seine Eigenhausbücher nehmen ebenso wie die Zeitschrift auf diesem Gebiete eine führend« Stellung ein. .Landhaus und Villa" bringt einen reichen ge« wählten Inhalt von praktischer Bedeutung, kurze belehrende Aussätze und ein wertvolles, auch für den Fachmann unentbehrliches Bildermaterialmuster« gültiger Beispiele für Haus, Jnnenräume (Möbel) und Garten mit Grundriffen usw. Weil HauSbei« spiele und Einrichtungen für alle Ansprüche sorge« führt werden, ist die Zeitschrift ein immerwährender guter Ratgeber für Fachleute und Laien.

Das Einkommen in Kreisen der Industrie und deS Großhandels ist im letzte» Jahrzehnt stark gewachsen. Und es werden, namentlich in den Großstädten und reinen Jnduftriebezirkm, Gewinne erzielt, die oft in gar keinem Verhältnis zu dem wirtschaft­liche» Werte der Tätigkeit stehen, durch die solche Gewinne erzielt werden. Es bildete sich eine breite Schicht wohlhabender Familien heraus, die durch äußeren Glanz, durch Auswand und Verschwen­dung zu imponieren suchen und dies auch biS zu einem gewissen Grade erreicht haben.

Das ist eine sehr beherzigenswerte Mahnung. Aber die Herren im Freisinn mögen nur nicht glau­ben, daß solche Redensarten oder gar entrüstete Donnerreden dagegen etwas ausrichten. Es sehlt die Selbstzucht dieser Kreise, es sehlt besonders der Heranwachsenden, von liberalen Ideen ver- euchtcn Generation der ernste Wille und die ge« estigte Lebensauffassung, die die alten durch Jahr­hunderte hindurchgewachsenen Familien ziert. Diese Elemente, die die Ausbildung als „Lebenskünstler" zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben, die den Luxus in frivolster Weise auf die allerhöchsten Aus­wüchse treiben, die bauen damit nur dem Umsturz vor und rennen mit geschlossenen Augen ins Ver­derben. Man brauch? sich nur die Genossenpresse anzusehen. In der „Leipziger Volkszeitung, dem radikalsten Genossenblatte, liest man zu diesem Ar­tikel in Anknüpsung an die Kämpfe um die Reichs­versicherungsordnung:

Während die Rechte der Arbeiter zerstört werden, während um jeden Grojche >, der zur Fürsorge für »ranke und verunglückte Arbeiter, für die Hinterbliebe­nen der Jndustrieopser aufgewendet werden darf, ge» marktet wird, als handele es sich um Leben und Ster­ben der Industrie, amüsiert sich die Bourgeoisie in ihrer Art, feiert sie ihre Feste mit einem Luxus, der ein fortschrittliches Organ betroffen macht und der ge­wiß nicht asketisch gerichteten Landjunkerseele der „Kreuzzeilung" einige heftige Aeußerungen brennenden Neides entlockt.

Die Zeiten sind ernst. Mögen die, die es angeht, erkennen, daß es höchste Zeit zur Umkehr ist!

Die Macht der Gewissen;.

17] Roman von Erich Friesen.

Eine mächtige Sehnsucht nach dem Gatten ergreift ihr Herz, trotzdem ihre Seele vor ihm zurückschreckt. — Und weiter und weiter klimmt sie empor, hier aus­glitschend, dort sich an einem spitzen Stein die Füße wund stoßend. Sie merkt es nicht. Der Weg wird breiter. Ruth bleibt stehen und blickt um sich. Wo ist der Mond? Wo sind die Bäume ringsum? — Nichts zu sehen. Nur dichte, grauschwarze, undurch­dringliche Finsternis.

Vorsichtig tappt sie weiter. Sie kennt jeden Fuß breit Erde in der Umgebung und weiß, daß sie sich auf dem richtigen Wege zu Frau Marchs Häuschen befin­det. Also vorwärts! Jetzt stoßen ihre tastend ausge- streckien Hände cm einxn Zaun. Das kleine Tor steht offen, als ob kürzlich jemand hindurch gegangen wäre. Von den Blumen ringsum steigen schwüle Düfte auf in feuchtkalte Nebellust. Nun hat Ruch die Tür­schwelle erreicht. Sie drückt auf die Klinke und steht gleich darauf in dem nichtigen Wohnzimmer.

Auf dem Herd flackert ein lustiges Feuer. Und daneben steht, einen Topf mit dampfender Suppe in der Hand, eine grobknochige Frau mit rotem Gesicht find einer blauen Schürze um die breiten Hüften.

Bei dem Geräusch wendet sie den Kopf.

„Eh — Fräulein Harrison! Sind Ste's?"

„Ja. Wo ist Frau March?"

Die Frau deutet nach dem Nebenzimmer.

„Tun Sie doch nicht so, Fräulein! Tag für Tag, Stunde für Stunde hat die arme Alte da drinnen sich die trüben Augen nach Ihnen ausgewemt. Drei- Inal hat sie nach Ihnen geschickt — und jetzt tun Sie, 6l8 ob Sie nichts wüßten. Pfui!"

Ruth erbleicht. Krampfhaft faßte sie die Frau beim Arm.

„Was ist? Was ist? Ich weiß von nichts!"

Jetzt sieht die Frau doch, daß sie Ruth unrecht ge­tan. Behutsam stellt sie den Topf wieder auf den 'Herd.

„Eh, tot ist sie noch nicht; aber lange kann's nicht mehr bauern. Ich pflege sie. Kennen Sie mich nicht, Fräulein Harrison? Barbara Miller — zu Diensten!"

Ruth nickt schweigend.

Wer im Dorf kennt nicht Barbara Miller! Fünf Meilen in der Runde erblitft kein Kind das Licht unserer schönen Gotteswelt, haucht kein armer Erden­pilger seinen letzten Atemzug aus — ohne Barbara Miller. — Sie ist es, die den Neugeborenen zuerst in die weißen Linnen wickelt, sie, die dem Sterbenden dm Todeskampf erleichtert. Niemand weiß, wie sie, einen starren, entseelten Körper sauber zu betten. — Barbara Miller wird geliebt und gefürchtet zugleich. Unwillkürlich überrieselt die Dorfbewohner bei ihrem Anblick ein kalter Schauer. Man weiß: wo Barbara Miller eine Schwelle überschreitet — es sei denn, daß ein neues, junges Lebm dem Lichte entgegenftrebt — da ist jede Hoffnung vorbei. Mit Barbara Miller hält noch ein anderer feinen Einzug: der Tod, jener grausige und doch so hehre König der Finsternis. — Für Barbara Miller hat der Tod seine Schrecken ver- lorm; fie lebt und atmet gewissermaßen unter seinen Fittichen, und nichts auf bet ganzen Welt interessiert sie so sehr, wie eine „schöne Leiche".

Ruth teilt diese allgemeine Scheu vor Barbara Miller. Sie ist auf einen Stuhl am Herd gesunken und starrt finster in die Glut.

„Sehen Sie baS schöne Leichentuch", plaudert Bar­bara Miller, indem sie liebkosmd übet ein großes Stück Leinwand streicht, welches an einer Seite des Herdes auSgefpannt ist. „Ich soll es lüften und wär­men. Die Arme da brinnen —", fie deutet mit dem Daumen über die Schulter nach dem Nebenzimmer hin — „furchtet sich vor der Kälte. Morgm ist's vor­über, sagt der Doktor."

Mil Gewalt überwindet Ruth den eifigm Schmer, der sie gepackt hat.

„Ich will fie sehen. Wo ist fie?"

„Natürlich im Bett. Wo denn sonst? Wird die sich freuen, wenn Sie kommen, Fräulein!"

Mit bebenben Händen reifet Ruth ihren wollenen Schal von ben Schultern. Dann trocknet sie mit einem Zipfel des Leichentuches ihr smchtes Haar — zum

Entsetzen der Pflegerin, deren abergläubisches Gemüt sofort ein böses Omen wittert.

Zögemd betritt Ruth das Sterbezimmer. Auch hier flackert im Karnin hinter dem eisemen Gitter ein lustiges Feuer. In dem breiten Bettgestell, ganz ein­gehüllt in weiße Linnen liegt Polly March. Das kleine, verrunzelte Gesicht verschwindet fast in bem dicken Kopfkiffen. Nur die lebhaften, schwarzm Augen haben nichts von ihrem Glanz eingebüßt. Aufleuch­tend funkeln sie der Eintretenden entgegen.

„Brav, mein Herzblatt, daß du da bist." Und eine bürte, misgemergelte Hand streckt sich zum Will­kommen aus.

In Ruths Augen steigen Tränen auf. Sie ist ihrer alten Amme wahrhaft zugetan; sie so krank zu sehen, schmerzt sie tief — trotz ihres eigenen Kummets.

Sie zieht einen Stuhl heran und setzt sich neben daS Bett. Die Hand der Alten ruht in der ihren.

Die Katze, welche ruhig auf dem Kopfkiffen gelegen hatte, erhebt'sich kimrrend und reibt ihren Kopf an Ruths Arm.

„Ich wußte nicht, daß du krank bist, Polly", be­ginnt Ruth, ihre Träum tapfer hinunterschluckend. „Seit warm dmn?"

„Du wußtest nichts davon, mein Herzblatt? Hast du meine Zettel nicht erhalten?"

„Nichts Polly. Glaubst du, ich hätte dich warten lassen? Auch heute bin ich nur durch Zufall hergekom- mm. Ich bin unglücklich. Wärst du gesund, würde ich dir fugen warum. Aber so — na, eS macht auch nichts!"

In dm Augen der Altm blitzt es auf.

„Gegen seinen Willen bist du hier, natürlich", preßt sie zwischen dm Zähnen hervor. „Der Bösewicht! Ich kann kaum mehr Lust kriegen — aber — ein Weil­chen toirb’S noch gehen — bis — bis —'

Erschöpft sinkt ihr Kopf wieder in die Kiffm zu­rück, von benen fie sich in der Erregung ein wenig erhoben.

„Barbara Miller soll kommen!" stöfet fie dann mühsam hervor.

Ruth schaudert. Ihr ist, als ob der Tod bereits vor bet Tür Wache halte.

„Nein, nein, nicht Barbara Miller!"

„Rufe sofort Barbara Miller, Kind!" wiederhov die Alte in so dringendem Ton, dafe Ruth nicht mehl zu widersprechen wagt.

Als die Wärterin gleich darauf mit einer Taff, Fleischbrühe etntritt, erklärt Polly, fie wolle noch ein Kiffm haben.

„Wozu? Sie stetbm leichter, wenn Ihr Kopf tief liegt", meint Barbara Miller bedenklich.

„Ich will noch ein Kiffm habm", beharrte bi« Alte mit der Zähigkeit der Krankm.

Ein neues Kopfkissen wird herbeigeholt. Ruth selbst richtet Polly in die Höhe und schiebt das Kiffen unter dm silberweißen Kops.

„So ist's — besser", stöhnt die Alte mit einem Seufzer bet Erleichterung. „Jetzt lassen — Sie mich mit dem Mädchm hier — allein, Frau Miller l Kom- men Sie — erst wieder — wenn ich Sie rufe.“

Schweigmd verläßt die Wärterin das Stornier.

Jetzt wendet Fran March mühsam den Kopf. Eint Welle bilden ihre eingesunkenen Augen Ruth forschend an. Dann sagt sie mit NachdnÄ:

„Er war da und ist wieder fort, mein Kind."

„Wer, Polly? 29er?"

„Dein Mann, Armin Skott! O, mein Herzblatt er ist ein schlechter Mensch, glaube eS mir! Er ist ein Teufel! Seine Krallen packm dich wie 'nen eksemm Griff — und du kannst nickt rnchr loS. Ach, mein Augapfel — ich hab' Angst. Wenn ich gestorben bin — und du hast niemand mehr auf der Welt — als — ihn

Ruth schüttelte ben Kopf.

„Sorge dich nicht um mich, Polly! Ich bin jung; ich tarnt kämpfen, wenn's nötig sein sollte. Erzähl» mir von Mr! Was wolltest du von ihm?"

Ein paarmal öffnete die Alte dm Mund. Pfel­fmd ringt sich bet Atem aus ihrer matten Brust. End lich stöfet fie mühsam hervor:

„'S ist bald vorbei — und ich — muß sterbe» mit dieser Last — auf meinem Gewissen. Ich — bcck ihn — fie mir abzunehmen — und — er wollte nicht. Oh

(Fortsetzung folgt)