Zeitung
fuldaer
neue
eine Taschenuhr und verkaufte sie bei einem Althändler. Der Erlös vernaschte der freche Patron.
* Aus Thüringen, 8. Juni 1911. In das Kreis- krankenhaus Marienthal wurde ein Arbeiter aus Rosa geschafft, da er auf dem Bahnhof Liebenstein-Schweina von einem Fuhrwerk an die Laderampe gedrückt wurde, was eine Quetschung des einen Oberschenkels zur Folge hatte. - Die Straße von Unkeroda nach Wilhelmstal soll bis zum Forsthaus Attchenbach vollständig neu chauffiert werden. — Zu Pfingsten ist das vom Thüringerwald-Zweigverein ®rotte- rode erbaute neue Schutzhaus auf dem Dreiherm- stein, an dem Preußen, Weimar und Gotha zusammenstoßen, dem Verkehr übergeben worden. Das Schutz Haus ist ein Blockhaus im Schweizerstil und ist sehr geräumig. Es steht an dem viel begangenen Touristenwege Hohesonne-Jnselsberg und Ruhla-Brotterode. — Eine zugkräftige Reklame weiß eine Roßschlächterei in Weißenfels für ihre Ware zu machen. Sie annonciert: „Eine hochangesehene Dame in Naumburg hat laut Testament verlangt, daß ihre beiden Kutschpferde erschossen werden müssen. Die Tötung ist Dienstag vormittag im Schlachthofe zu Naumburg erfolgt und wird das Fleisch als etwas>ganz Vorzügliches der werten Kundschaft empfohlen." — Der Gemeinderat in Greußen hat, da der bisher erhobene Steuerzuschlag von 140 Prozent zur Bilanzierung des Haushaltsplanes nicht ausreicht ,die Einführung einer Automaten st euer sowie einer Umsatzsteuer beschlossen. Außerdem sollen die Gebühren für Tanzerlaubnis und die Hundesteuer erhöt werden.
Amt Geisa und Umgebung.
* Vacha, 8. Juni 1911. Der Eisrnbahnver- ein Vacha mit den Zweigvereinen Dermbach und Geisa unternimmt am «11. und 18. ds. MtS. Ausflüge nach der Milseburg. — Am Mittwoch abend traten hier unter Führung ihres Lehrers 13 Oberrealschüler aus Sonneberg ein, welche am andern Tage de» Oechsenberg bestiegen, um dann über Dönges (Hauisee>, Marksuhl, Wilhelmsthal, Hohe Sonne nach Eisenach zu wandern. Dem Kalibergwerk Kaiseroda bei Tiefenort widmeten die Ausflügler eine eingehende Besichtigung.
* Eisenach, 8. Juni 1911. Die Errichtung von Schülerherbergen sticht auch der Hauptvorstand des Thüringerwaldvereins tatkräftig zu fördern. Er hat in seiner letzten Sitzung den Zweigvereinen Eisenach, Erfurt, Gera, Saalfeld, Salzungen, Schmaitaldeii, Sonneberg und Weißenfels einen Zuschuß von je 50 Mark zur Errichtung von Schülerherbergen bewilligt. — Ein Jakobschüler stahl einem Schutzmann aus dessen Wohnung
** Der Aufstand der Albanesen erfährt, nachdem sich jetzt auch der mächtige Stamm der Miriditen erhoben hat, eine große Ausdehnung. Zahlreiche Proklamationen für Errichtung eines selbständigen Albaniens sind unter das Volk verteilt worden. Ein blutiger Kampf spielte sich bei Koplik ab. Etwa 2000 Arnauten griffen türkische Bataillone an. Der Kampf dauerte 16 Stunden. Den Türken kam Artillerie zu Hilfe. Der Verlust der Arnauten soll bedeutend sein, auf türkischer Seite sollen annähernd 200 Mann getötet und verwundet worden sein, darunter neun Offiziere. Ausgemuntert durch diesen Erfolg, wurden schnell neue aufständische Truppenteile gebildet. Große Verwüstungen richtete das türkische Geschützfeuer in der Umgebung von Skadar an. Besonders die Dörfer Ruvesch, Dimlja, Betos und Kostar haben gelitten.
* Atteiüatslust in Japan? In Nagoya wurde ein
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Freitag den 9. 3u«i (91(.
38. Jahrgang.
2. Blatt.
vrnck und Verlag »er zuldaer Äctienbrnderei in 8«lda.
großes Dynamitlager entdeckt. Man befürchtet eine Verschwörung gegen den Mkado.
Aus Gberheffen u- den Hess. Remtern.
* Kirchhain, 7. Juni 1911. Der Magistrat hatte die Ersatzwahl eines Stadtverordneten beschossen und die Stadtverordnetenversammlung ersucht, zwei Beisitzer zur Ausführung der Wahl zu wählen. Mit Rücksicht darauf, daß die Wahlperiode deS betreffenden Abgeordneten nur bis zum 31. Dezbr. d. Js. dauerte, faßte die gestrige Stadtverord- neten v ersammlun g den Beschluß, von der Wahl der Beisitzer vorläufig abzusehen und den Magistrat zu ersuchen, in gleichem Sinne zu beschließen. Das Jahresgehalt der Feldhüter wurde von 540 bis 660 Mark erhöht. Dem Austausch von Gtundstücken mit Heinrich Schmitt wurde zugestimmt. Ter U-berweisung zweier kleiner Grundstücke an Lehrer Müller als sog. Hausgarten wurde zugestimmt. Zum Vertreter imserer Stadt auf dem Hessischen Städtetage wurde der Stadtverordneten- Vorsteher gewählt.
* Frankenberg, 8. Juni 1911. In der gestrigen Stadtverordneten-Sitzung machte der Vorsitzende Mitteilung über die geplante Vergrößerung bezw. Neuanlage der städtischen Wasserleitung. Nach den von Herrn Ingenieur Leithäuser ausgeführten Berechnungen ist es möglich, das Wasser von der Quelle bei der von der Stadt erworbenen Neuen Hütte ohne Anlage eines Sammelbehälters der unteren Stadt zuzuführen, wenn die eisernen Wafferröhren eine entsprechende Weite erhalten. Die Versammlung beschloß, Röhren mit einem Durch- meffer von 200 Millimeter zu verwenden, erwartet jedoch eine bestimmtere Darlegung der Verhältnisse.— Der landwirtschaftl. Kreisverein hält am nächsten Sonntag im Hotel Schmidtmann eine Versammlung ab. Das Erscheinen aller Mitglieder ist um so notwendiger, als auf der Tagesordnung ein sehr interessanter Vortrag über den landwirtschaftlichen Betrieb steht. — Das Kreis-Kriegerverband s- Fest findet am nächsten Sonntag und Montag m Dorfitter statt
* Wehrda, 7. Juni 1911. Gestern hat sich ein hiesiger 9—lOjähriger Knabe beim Holzhauen derart verletzt, daß er in ärztliche Behandlung gr- bracht werden mußte.
* Todenhausen b. Wetter, 7. Juni 1911. Dem Brandmeister Jakob Clement hier wurde bei seinem Rücktritt vom Amte das vom Kaiser gestiftete Ehrenzeichen für Verdienste um das Feuerlöschwesen verliehen. Das Kommando der Feuerwehr ließ ihm ein Ehrendiplom überreichen.
* Ziegenhain, 7. Juni 1911. Hier wurde ein „Sportverein Ziegenhain 1911* gegründet,
Aus dem Nachbargebiete.
=b, Hssenfeld, 7. Juni 1911. Ein seltenes Fest beging am letzten Tage des Marienmonats die Pfarrgemeinde Hosenfeld, nämlich das 2 5 j ä h r. Priesterjubiläum ihres Seelsorgers, des hochwürd. Herm Pfarrers Kienemund. Böllerschüsse und Glockengeläute verkündeten am Vorabende das Her- annahen des hohen Festes. Die Pfarrkinder hatten kein Opfer gescheut, das Fest recht würdig zu gestalten. DaS ganze Pfarrdorf war mit Girlanden und Fahnen festlich geschmückt. Am Festtage selbst, morgens 10 Uhr, wurde der Jubilar unter den Klängen der Fuldaer Artillerie-Kapelle von seinen Pfarrkin- bern und einer Anzahl geistlicher Herren zur festlich geschmückten Pfarrkirche geleitet. Dort hielt Dechant Bermoser-Reuhof die Festpredigt. Nach der Predigt feierte der Jubilar unter Assistenz seiner früheren Kapläne Fiege und Kleeschulte das Hochamt, das mit einem mächtigen Te Denm und dem sakramenta- lischen Segen endigte. Während des alsdann statt- findenden Festessens sprach Dechant Vermoser dem Jubilar die Glückwünsche der geistlichen Konfratres des Dekanats Reuhof aus und überreichte ihm in deren Namen ein prächtig geschnitztes Kruzifix. Gegen 5 Uhr nachmittags brachte die Schuljugend unter der Führung ihrer Lehrer dem Jubilar ihre Glückwünsche dar Des abends um 9 Uhr bewegte sich ein imposanter Fackelzug durch das Dorf zum Pfarrhause und von da in Begleitung des Gefeierten zur Lourdes- Grotte, die in vielfarbigen Lämpchen und bengalischem Feuer strahlte. Die Grotte ist unter Leitung des Lehrers Brähler zu Hosenfeld int Verlaufe vorigen Jahres nahe am Dorfe zum Andenken an das 25jäh- rige Priesterjubiläum unseres Pfarrers erbaut worden. Mit begeisterten Worten widmete Lehrer Brähler dem Jubilar die schöne Grolle zum Geschenk. Der kathol. Männergesangverein, welcher unter Leitung des Lehrers Crost-Schletzenhausen bereits am Morgen während des Festgottesdienstes mitwirkte, trug auch hier einige schöne, dem Feste angepaßte vierstimmige Lieder vor. Auch die Artilleriekavelle, die den ganzen Tag über durch Konzert nsw. das Fest verschönerte, brachte einige passende Stücke zu Gehör. In kernigen Worten gedachte Bürgermeister Lauer-Pfassenrod der Verdienste des Jubilars, die dieser sich während feines 16jährigen hiesigen Wirkens auch utn das leibliche Wohl seiner Pfarrkinder erworben hat. Bewegt dankte der Geehrte den Vorrednern für die schönen Worte und für die vielen Geschenke, die ihm von Seiten der Vereine und andern Korporationen überreicht worden waren, besonders für die Grotte. Auch allen Pfarr- kindem, die zur Verschönerung des Festes beigetragen haben, sprach er den Dank aus. Zum Schluffe forderte er seine Pfarrkinder auf, immer, wie seither, dem katholischen Glauben treu zu bleiben, damit er einst beim letzten Gerichte mit seiner vollzähligen Herde vor dem ewigen Richter ersckeinen könne.
[] Aus der Rhön, 8. Juni 1911. Das fruchtbare feuchtwarme Wetter im Mai war äußerst vorteilhaft für unsere Felder und Wiesen. Das Wintergetreide
Deutsches Reich.
*♦ „Behüt Dich Gott, . . Ein reizendes Stückchen meldet der „Genosse" Kummer in der sozialdemokratischen Wochenschrift „Die neue Zeit". Darnach waren die Stuttgarter Genossen bei der Oberbürgermeisterwahl von ihrem Siege so fest überzeugt, daß sie sich sogar „Siegesgratulanten aus Vaden" verschrieben hatten. Diese badischen Genossen waren bereits in dem Lokale zugegen, wo das Wahlergebnis telegraphisch entgegengenommen wurde. Ais aber dann die Meldung von der Niederlage des sozialdemokratischen Kandidaten eintraf, schlichen die badischen Srafulanten „mit enttäuschten Gesichtern" davon. Das ist ein großes Malheur. Es passiert also nicht bloß den Nationalliberalen, daß sie, wie s. Z. in Konstanz. die Fackeln und die Musik parat hielten zur Feier des Wahlsieges ihres Kandidaten. Auch die badischen Feldherren der Sozialdemokratie mußten mit abgesägten Hosen und mit der fulminanten Rede in der Tasche wieder gesenkten Blicks ins Philister- land zurück. Und jedesmal waren es die bösen Schwarzen, die die so schön gedachten Festfeiern verteufelten. Da wundere man sich noch über den Haß des Großblocks! Hoffentlich ärgern sich die badischen „Siegesgrainlanten" nicht gar zu sehr, daß aus dem Siegessekt nichts wurde und sie „trocken schlucken" mußten.
Q Reich-Partei und Nationalliberale in Baden. Eine Zuschrift der ,Postt aus Baden wendet sich scharf gegen den liberalen Blockkandidaten in Freiburg, Prof. v. Schulze-Gävernitz, der in ei- er Wählerversammluirg unter anerkennenden Worten für die Sozialdemokratie erklärt hatte, er und seine Partei beabsichtigten, mitzuarbeiten an der Herstellung einer Reichstagsmehrheit der L i n f e n, in der eine starke Sozialdemokratie auf der äußersten 4?.u fett und der Liberalismus das Heft in der Hand hätten. Der reichsparteiliche Verein in Freiburg hatte den Liberalen darauf mitgeteilt, daß solche Aeußernngen ihm die liberale Blockkandidatur unannehmbar machten. Von liberaler Seite waren darauf die Berichte über die Rede des Professors als ungenau oder irreführend und vom Kandidaten nicht anerkannt bezeichnet worden. In der Zuschrift der .Post' wird demgegenüber betont,
daß Sckulz<uGävernitz in eichet späteren Versamm- «.f-ig die Sähe über die Sozialdemokratie nicht widerrufen oder gemildert '^be, wohl aber über die Konservativen und das ostelmsche Junkertum aufs heftigste losgezogen habe, und mehr als tausend Ohren« zeugen seien vorhanden, die die bestrittenen Sätze gehört hätten Auch viele rechtsstehende Liberale sollen nicht für Schulze-Gävernitz stimmen wollen.
Der unglückselige Kandidat wird kaum in der Lage sein, feine Worte offen zu widerrufen, weil er damit in Gefahr gerät, die sozialdemokratischen Stimmen zu verlieren, die er notwendig braucht, wenn er siegen will.
hak sich, soweit eS nicht allzusehr ausgewintert war, wider Erwarten gut erhalten. Auch die Frühjahrssaat — einschließlich der Kartoffeln — steht recht Üppig. Am besten vor allem scheint heuer bei uns die Futterernte auszufallen. Die Wiesen zeigen von den Tälern bis auf die Bergkuppen hinauf einen dichten Bestand kräuterreichen, nahrhaften Grases. Die weitausgedehnten Wiesenslächen der hohen Rhön gleichen gegenwärtig einem vielfarbigen Blumenmeer. Bon den zahlreichen Fremden, dte zu Pfingsten die Berge zu Fuß durchwanderten, wurde der bunte Rasenteppich der Rhön vrelbe- wundert. Dieses Jahr deckt die Rhön nicht nur den eigenen Bedarf der Viehzüchter, sondern es wrrd sich bei einigermaßen gutem Erntewetter noch em beträchtlicher Ueberschutz ergeben. Besonders reich- liches und gutes Futter wird bei Gersfeld und in den umliegenden Ortschaften geerntet, weil daselbst in den letzten Jahren viele große Aecker mll Gras angesät worden find. Von hier aus werden alljährlich größere Partieen versandt. Auswärtige Landwirte, denen es an Heu mangeln sollte, tun gut, sich tunlichst bald in der Rhön danach umzusehcn. Sie erhalten aus beut engeren Bezirk Gersfeld erstklassiges Heu verhältnismäßig billig. Hier wäre gemeinschaftlicher waggonweiser Bezug zu empfehlen Mit dem Grasschnitt auf den Talwiesen wird hie und da schon begonnen. Auf den Bergwiesen beginnt die Heuernte erst 3—4 Wochen später. Die Heuernte auf den Bergen ist sür die Rhöner anstrengend, für die Touristen sehr interessant.
* Schlüchtern, 8. Juni 1911. Die Abhaltung des auf den 14. d. M. in Sterbfritz festgesetzten Viehmarktes ist mit Rücksicht auf die Gefahr der Weiterverbreitung der Maul- und Klauenseuche untersagt worden.
* Volkmarsen, 8. Juni 1911. Bei dem Schützenfest stürzte eine brennende Petroleumlampe vor einem Kasperltheater herab aus zwei Mädchen, deren Kleider alsbald in hellen Flammen standen. Während das eine nur leichtere Verletzungen erlitten hat, mußte das andere auf ärztliche Anordnung in das Krankenhaus gebracht werden. .
* Wiesbaden, 7. Juni 1911. Die am 3. Juni in der Bonifa tiusk irch e erfolgte Beisetzung des Prälaten Stadtpfarrers Tr. Keller gibt Veranlassung, eine höchst interessante Erinnerung wachzurufen. Genau vor 25 Jahren, am 3. Juni 1886, am Feste Christi Himmelfahrt, strahlte St. Bonifatius ebenfalls im' Schmucke und Kerzenschimmer, allerdings in festlichem Schmucke: es war der Tag des Einzuges der römisch-katholischen Gemeinde, welcher von diesem Tage ab ihre Pfarrkirche znrückgegeben wurde. Und als der Prediger die Kanzel zur Trauerrede bestieg, werden sich viele ältere Gemeindemitglieder noch des feierlichen Augenblickes erinnert haben, als vor genau 25 Jahren, zu derselben Stunde, der Amtsvorgängcr des heute auf der Bahre Liegenden, der selige Bischof $8ei)« land (von Fulda), in seiner begeisterten Weise den Einzug der Katholiken in ihre Kirche mit Jesu Einzug in den Himmel verglich.
Ausland.
f. * Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht ssvird. Wie die „Germania" von gut unterrichteter Seite erfährt, sind im Vatikan Nachrichten eingelaufen, wonach das neue Trennungsgesetz iu Portugal wegen seiner allzu großen Kompliziertheit und wegen der zu weiten Einmischung des Staates in rein geistliche Dinge überhaupt nicht anwendbar ist. Tie Provinzgouver- neure weigern sich, im Hinblick auf die enormen Schwierigkeiten es anzuwenden und die Bevölkerung weigert sich, es anzuerkennen. Bei dieser Sachlage beschloß die Regierung, das Gesetz vorläufig nicht z u r Au s füh ru n g zu b ri n- d e ii. Verschiedene Abgeordnete haben sich schon dahin geeinigt, zu verlangen, daß an bent Gesetz eine wesentliche Aenberung vorgenommen werbe, und zwar in bent Sinne, baß bie Trennung von Staat unb Kirche in gleicher Wesse vorgenommeu fverbe, wie in Brasilien. Der Staat würde der Kirche volle Freiheit lassen und würbe sich um bie Jtinge, welche bie Kirche allen angcheit, überhaupt nicht kümmern; bett Bischöfen würde er u. a. auch für eine gewisse Zeit bas Eigentumsrecht an allen gotesbieustlichen Gebäuden zuerkennen.
Die Macht des Gewissens.
16] Roman von Erich Friesen.
Sofort macht er Kehrt unb schlägt bie Richtung nach bem Fichtenwalb ein. Inzwischen kehrt Frau Forster mit den 6eiben jungen Mädchen wieder um. Sie ist so sehr mit ihren Gedanken beschästigt, baß es ihr nicht auffällt, baß ihr Begleiter fort ist. DaS Gespräch mit Armin — ober wie sie glaubt, mit „Lorb Donald" — hat freudige Hoffnungen in ihr erweckt. Sic glaubt, aus demselben entnommen zu haben, üaß Gilbert um jene Abmachung weiß unb mit ihr ein- vcrstanben ist. — Voll doppelter Zärtlichkeit ruht ihr Blick auf Virginias sanft gerötetem Antlitz, auf ihren, in Heller Freude strahlenden, sammetweichen Augen. — Ja, ihr Kind, ihr geliebtes, einziges Kind wird glücklich werden — glücklich an Lord Donalds Seite! Als seine Gattin ist sie gefeit gegen die Stürme des Lebens! Und bann wird Frau Forster ihr Gewissen entlasten, wird das Testament — — Unwillkürlich hlickt sie Ruth an, die schweigend neben Virginia schreitet. Das Seebad scheint ihr nicht gut bekommen zu sein. Wie im Fieber glühen ihre Wangen.
Zu Hause angelangt, begibt Ruth sich sosort in ihr Zimmer. Hastig riegelt sie bie Tür ab, wirft Hut unb Sonnenschirm aufs Bett unb läßt sich bann tief aufatmenb aufs Sofa fallen. Sie schließt die Augen und versucht, nichts zu denken. Ihre Pulse fliegen; das aufgeregte Blut rinnt wie Feuer durch ihre Adem. — O, könnte sie doch dieser fieberhaften Erregung Herr werden!
Plötzlich entRnnt sie sich, daß die verstorbene Tante Ursula in ihrem Schlafzimmer eine kleine Apotheke Eingerichtet hatte, in welchem sich auch Chinin befand, »r- Vielleicht hilft dies! Einen Gedanken fassen und ihn ausführen ist für Ruth stets das Werk einiger Augenblicke.
Sie springt empor. Die Hände an die wild- pochenden Schläfen gedrückt, eilt sie den Korridor entlang, nach dem älteren Teil des Hauses. Die Tür von Frau Forsters Schlafzimmer ist geschloffen. Ruth w,
Keine Antwort. Ruth öffnet bie Türe. Dort in her Ecke steht der kleine, geschnitzte Kasten, ben Tante Ursula als Apotheke üeriuanbte.
Doch was ist bas? Aus jenem halbgeöffneten Schrank bringt ein schwacher Lichtschimmer. Sollte außer ihr jemanb bas Geheimnis bes Schrankes kennen? Unb nun ein Rascheln wie von Kleibern auf ber Wendeltreppe. Gleich barauf tritt Frau Forster mit allen Zeichen heftiger Erregung hinter ber Schranktüre hervor Ihr Gesicht erscheint beim ungewissen Schein der slackernben Kerze geisterbleich Die Hand, welche bas Licht hält, zittert.
Jetzt erblickt sie Ruth. Ein leiser Schrei entringt sich ihrer Brust.
„Was — was machen Sie in meinem Zimmer, mein Kind?"
Die sichtliche Erregung ber Frau übt einen be- rnhigenbei Einfluß auf Ruths Nerven ans. Ihr Ton klingt ungezwungen, fast sorglos, als sie rasch entgegnet:
„Verzeihen Sie. Frau Forster! Ich hätte nicht ohne Erlaubnis Ihr Zimmer betreten sollen. Aber ich erhielt auf mein Klopsen keine Antwort unb glaubte, Sie seien abwesend. Ich wollte mir etwas Chinin holen, welches Tante Ursula benutzte, wenn sie an nervösem Kopfschmerz litt."
Ein angstvoll forschenber Blick trifft Ruth.
„Haben Sie Kopffchmerzen, Kinb?"
.Ja"
In Frau Forster hämmert ein fürchterlicher Verbucht auf. Als sie soeben in bem geheimen Gemach bie Truhe öffnete, war das Testament verschwunden. Wie, wenn Ruth dasselbe an sich genommen hätte?
„Wissen Sie, wo ich soeben war?" fragt sie angstvoll.
„Ja, Frau Förster."
„Unb Sie — Sie kennen bas geheime Gemach auch?"
.Ja-'
Frau Forsters Herz krampst sich zusammen. Kaum vermag sie noch, sich aufrecht zu halten.
„Weiß noch jemand, dämm?"
inK Sveisezim^er oanoen wie Heuer. uewenoer in ucc
■ ** ™ U-N.H- «Atz; »* 3 ’KÄt Äffim
baß sie noch hort unb sieht, was um sie her vorgeht. (Fortsetzung folgt.)
(Fortsetzung folgt.)
— Aer letzte, Abend — .unb Kimm .iß nicht bal
Morgen, morgen schon verläßt er bie Walbburg, und nichts, nichts ist geschehen, um ihre unerträgliche Lage zu ändern l Sie ist sich selbst nicht klar, was sie von diesem letzten Abend erwartet, — aber irgend etwas mußte ernteten! — Sic bat seinen Befehl ausgeführt; sic hat bas Testament gefunben. Noch keinen Blick hat sie barauf geworfen. Einmal versuchte sie, es zu entfalten, aber das Papier brannte in ihren Händen wie Feuer. Ein siechender Schmerz in der
Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie senkt dte Liber, bannt nientanb bie verräterischen Tränen bemerke. Ihr ganzes Sein ist nur von einem Gedanken beseelt:
Wo ist Armin?
11. Kapitel.
Endlich — endlich vorüber bas Abendessen! Ruths Erregung hat einen derartigen Höhegrad erreicht, daß sie kaum mehr fähig ist, ihre Handlungen zu kontrollieren. Fast besinnungslos stürmt sie auf ihr Zimmer, wirft hastig ein weißwollcnes Tuch um bie Schultern unb eilt hinaus ins Freie. Weshalb? Sie weiß cs selbst nicht. Nm hinaus, hinaus!
Das Wetter hat sich geänbert. Der klare, sonnige Nachmittag ist einem feuMalten, regnerischen Abend gewichen. Unten vorn Meer heraus steigt bicker Nebel unb beginnt, alles ringsum in unburchbringliche Schleier zu hüllen. Zuerst mertt Ruth es gar nicht Planlos rennt sie im Park auf unb ab. Plötzlich fühlt sie wie es sich feuchtkalt auf ihre ©lieber legt. Das dünne Grenabinekleid hängt schlapp an ihr herunter. Fröstelnb zieht sie bas Tuch fester zusammen. Dann nimmt sie bie nasse Schleppe über ben Arm unb eilt, einem unerklärlichen Drange folgend, ber Richtung nach bem Hause ihrer alten Amme zu. —
Die kleinen Füße in ben bünnen Halbschuhen sind naß und kalt; seuchtwirr hängt bas schwere, blonde Haar um Stirn unb Wangen — sie merkt es nicht.
„Wo ist Armin?" schreit ihr Herz.
„Ich glaube nicht. Nur meine frühere Amme, bie alte Polly March, bie einmal burch Zufall hinter bas Geheimnis kam."
Jetzt bemerkt Frau Forster trotz ihrer eigenen Sorgen die Fieberröte auf Ruths Wangen. Gewiß, bas Mäbchen hat bas Dokument gefunben. — Ach, was werden bie nächsten Tage bringen —!
Wenige Minuten barnach kehrt Ruth mit bem gewünschten Schächtelchen Chinin in ihr Zimmer zurück.
Trotzbem bie Gäste morgen früh schon bie Walb- ourg verlassen wollen, bies also der letzte 516enb ihres Zusammenseins mit dem Gatten ist — nimmt Ruth sich nicht die Mühe, wie sonst sich in Gesellschaftstoilette zu kleiden. Hastig wirft sie ein u'.S, schwarzes Grenabinekleid über. Dabei blickt sie nicht einmal in ben Spiegel. Die beträchtliche Dosis Chinin hat ihre Wirkung nicht verfehlt; sie hat beruhigt — aber auch ermattet, erschlafft.
Gleichzeitig gegen alles um sie her begibt sie sich ins Empfangszimmer, wo Frau Forster, Virginia und Lord Donald ihrer bereits harren.
Armin ist noch nicht anwesend.
Der Spaziergang Fiat Gilbert gut getan. Dazu kommt ein Gefühl der Erleichterung, daß morgen das unwürdige Versteckfpiel enöet. Heiter plaudernd sitzt er neben Ruth, während seine Augen von Zeit za Zeit zu Virginias pikantem Gesichtchen hinüberfliegen. Virginia zieht ihn weit mehr an, als beten schöne, leidenschaftliche Freundin. Wie angenehm wäre der Aufenthalt in ber Waldburg gewesen, wenn er offen unb ehrlich unter seinem wahren Namen aufgetreten wäre unb um Virginias Liebe hätte werben können!
Auch Ruths Gebanken wellen nicht bei der Unterhaltung. Einsilbig antwortet sie, während ihr Mick unruhig aus ber Tür haftet. Wo bleibt Armin?
Nach einer Viertelstunbe entscheidet Frau Forster, baß man nicht länger warten wolle. Man begibt sich