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M 129.

Vonnorriag den 8. Juni fyff.

38. Jahrgang.

«fuldaer W Leitung

2. Stott.

vruS «ad Verlag der Zaldaer Arlleadrucker«! in Zulda.

* Tas alte Spiel.

„Die Roggenpreise gehen in die Höhe" — so Dnt es durch die sozialdemokratische und freisinnige Presse. Woran selbstverständlich wieder das „in­fam ichte" System der deutschen Wirtschaftspolitik schuld ist! Und die sozialdemokratische Kleinpresse, die in der „Provinz" die Einseiftmg ihrer Wähler besorgen muß, wußte auch sofort, daß da die „g e- wi unsüchtigen Bauern" wieder zugunsten ihrer „Portemonnaie-Jnterefsen das Volk ausbeu­ten". .

In Wirklichkeit handelt es sich um das alte Spiel. Vom Herbst ab, d. h. s o f o r t n a ch d e r Ernte, wenn das deutsche Getreide auf den Markt kommt, pflegen alljährlich die Getreidepreise mit einem schroffen Abwärtssprunge zurückzufallen. Der Tiefstand dauert so lange, als die deutsche Landwirtschaft Getreide in Händen hat. Da im Herbst und wiederum um Neujahr der Bauer zu hohen Ausgabe» gezwungen ist — Zinsen und Steuern drängen — ist er genötigt, sein Getreide wohl oder übel auch zu den schlechtesten Preisen zu verkaufen. Bis in die Frühjahrsmonate ist dann das inländische Getreide aufgebraucht und das noch übrig gebliebene vollständig in die Hände des Handels übergegangen. Dann kann das Preis- treiben beginnen. Und in der Regel pflegt das dann auch im Mai-Juni einzutreten.

Um sich das „Geschäft" zu erleichtern, wird noch in raffiniertester Weise die „Benachrichti- Jl u n g" der Ko n s u m b e v ö l k e r u n g ent- prechend gehandhabt. Schon in den letzten Monaten >es Jahres, wenn in den überseeischen Ausfuhrge- bietcn die Erntezeit ist, Pflegen in Europa die Nach­richten über die Größe der ausländischen Ernten dahin zu lauten, daß eine ganz gewaltige Welternte in Aussicht stünde. Der Zweck der Hebung ist, die Getreideabnehmer, vor allem die Großmühlen und den Mchlhandel, zu veranlassen, auf ein noch wei­teres Sinken der Getreidevreise zu spekulieren. Da dieses ausländische Getreide zum großen Teil erst in den Frühjahrsmonaten auf den deutschen Markt kommt, kann bis dahin, also ungefähr in den Mai- ternnn der Börse, dieses Spiel anfrechterhalten werden.

Dann, um den Maiicrmin, schlagen Plötzlich die Meldungen um. Zunächst wird mit zögernden Welt- Verschiffungen gearbeitet. Dann Pflegen um diese Zeit auch von feiten der deutschen Landwirtschaft die Nachrichten über die Ueberwinterung der Saaten einzütreffen. Und da nun alle Jahre mehr oder- minder größere Schädigungen des Saatcnstandes durch Fröste und ähnliches Vorkommen, gibt sich gleich für das Großhändlertum die Möglichkeit, diese in den Berichten enthaltenen Hinweise auf solche Schädigungen zu einer großen Aktion ausznbauen. Der deutsche inländische Saatenftand wird plötzlich grau in grau geschildert. Das hat wiederum den Zweck: einerseits diejenigen, die noch Getreide in Händen haben, zu veranlassen, auf eine hohe Preis­konjunktur im Herbste zu spekulieren und infolge­dessen auch jetzt mit dem Verkaufe zurückzuhalten 'oder wenigstens höhere Preisforderungen zu stellen. ', Anderseits werden nun die Abnehiner, vor allem die Mühlen und der Mehl- und Brothandel in Aengste versetzt. Sie haben bisher, eben weil sie auf 'einen Preisfall und auf einen Getreideüberfluß hofften, mit dein Einkauf zurückgehalten und sind ttun mit der „greifbaren Ware" nicht versehen. Die Aufregung über ihre Fehlspckulation, verstärkt durch die ihnen vorgespiegelte Preissteigerung im Herbste, veranlaßt sie nun, plötzlich mit starken An­kaufsforderungen an den Markt heranzutreten, um wenigstens sich jetzt die augenblicklichen Preise noch zu sichern. Die Spekulation der Getreidegroßhan­dels- und Börsenmächte ist dann vorzüglich gelungen. Das System hat sich ausgezeichnet bewährt. Die Preise steigen; und was man im Herbst und Winter den Bauern billig abkauft, kann man nun dem Ab­nehmer und Konsumenten zu hohen Preisen auf­zwingen.

Genau so ging's vor zwei Jahren, d. h. im Früh­jahr 1909, mit dem Wcizcnvcrkaufe. Wobei aller­dings das Spiel noch durch eine schlechte Weltmarkt­ernte in Weizen erleichtert und seine Wirkung ver­schärft wurde. — In diesem Jahr ist abwechslungs­weise der Roggen daran. Selbst das „Berliner Tageblatt" quält sich zu dem Geständnisse, daß die

Deutsches Neich.

)( Tie Verbündeten. Der Bund der In- duflriellen erläßt folgende Bekannlmachung:

„DerVorstand des Bundes der Jnd ustriellen tritt am 12. Juni in Berlin zu einer Sitzung zusammen. Dieser Tag wurde gewählt, weil am 12. Juni anläß­lich des ,£> a n f a t a g e s" auch Industrielle aus allen Teilen des Reiches in Berlin zusammenkommen."

Die Zusammenlegung der Industriellen mit dem Hansabunde ist, wie ja auch zugegeben wird, nicht zufällig. In beiden Bunden sind dieselben Herren organisiert. Daß der Mittelstand von der Großindustrie nichts zu erwarten hat, kann man sich an den fünf Fingern abzählen. An dieser Tatsache ändert alles mittelstandssreundliche Getue des Hansa- brindes nichts.

)( Schon wieder ein Schmerz für die Hakn- tisten. Im ober schlesischen Kr e Rosenberg ist das 2000 Mo gen große Rrltergut Kosel- witz für den Preis von 800C(JO Mark durch den Zwi>'chenkäuser Münter an den Polen n. Grabski verkauft worden. Tie Presse des Ostmarkenvereins jammert darüber:

„Nachdem lürzlich schon die Güler Josefshöh und Skronsk.m aus deutschem in polnischen Besitz übst- begangen waren, sind nun im Kreise Rosenberg, wo v jehl vor kurzer fleit nicht eineilijigrr polnischer Gloß- grlniddesttzer ansässig war, jetzt bereits drei ualjc nebeneinanderliegende Güler an das Polentum verloren gegangen."

Wenn die Herren doch endlich einfehen wollten, daß ihre Verhetz,tng ganz naturgemäß ein Zur-Wehr-Setzen auf Seiten der Polen nach sich ziebt!

— Mainz, 6. Juni 1911. Wie die sozial- demokratische Partei bekannt gibt, wird sie während des Katholikentages in Mainz große Prote st Versammlungen abhalten. Weiter soll von sozialdemokratischer Seite ein Ar­beiterzug veranstaltet werden. Auch der Mainzer Freideukerbund bereitet Temonstrationen vor und hatte sich zu diesem Zwecke au beit Vorstand der Mainzer Liedertafel getoandt, um Ueberlassung der Räume in dessen Konzerthause. Dieses Ersuchen wurde aber abgeschlagen.

d" München, 6. Juni 1911. Es ist bekannt, wie sehr der Liberalismus durch Mitläufer verstärkt wird, die seine letzten Ziele und Konfequen- zen in politischer und kultureller Beziehung nicht er­kennen, oder auch trotz der Fähigkeit zu solcher Er­kenntnis, sich über die weiteren und letzten Dinge den Kopf bisher nicht zerbrochen, sondern der „Par­tei für Bildung und Besitz" gewohnheitsmäßig Vorschub geleistet haben. Jetzt, da der Liberalis­mus in seiner Entwicklung nach links einige raschere Schritte tut, fehlt es unter seinen Mitläufern nicht an solchen, die ängstlich werden oder sich bedroht fühlen, jedenfalls nicht mehr mithin wollen. Diesen 'erhältnissen verdankt die in München neugegrün- dete Konservative Bereinigung wohl so gut wie ausschließlich ihr Entstehen. Unter beit Gründern dürften die eigentlichen Konservakiveit, d. h. solche Leute, die in staatsrechtlicher, sozialer und religiöser Hinsicht auf dem festen Boden logisch

„jetzige Preissteigerung im Roggenmarkte nicht in vollem Umfange berechtigt ist", sucht aber — na­türlich? — die „Schuld" von der Getreidebörse auf die Roggeumühlen abzuwälzen. Dagegen aber wen­det sich die „Leipziger Volkszeitung" (Nr. 109):

Die Getreidehändler — so meint sie — seien „keines­wegs die Unschuldslämmer, als die sie im Spiegel des .Berliner Tageblatts' erscheinen". Denn es sei „doch zweifellos, daß in Zeiten anormalen Mangels die Potentaten des Getreidemarktes, die über größere Mengen verfügten, diese Mengen vom Markte zurück­halten und so die Hausse (Preistreiberei) fördern. So­lange es einen Getreidehandel gibt, haben die Händler noch immer die Preise in die Höhe getrieben, wo sie irgend konnten; Rücksichtnahme auf den Konsumenten ist ihnen so fremd, wie den Wölfen das Mitleid mit den Schafen."

Das hindert aber nicht, daß man nächstens wieder hergeht und fest schimpft über die „nimmer« satten" Bauern, die an der Teuerung schuld seien. Immer das alte Spiel.

sich ergänzender Grundsätze stehen, in der Minder­heit fein. Die Mehrzahl wird zu den „erschrockenen Liberalen" gehören, die eine vollständige Demokra­tisierung unseres Staatswesens und das Eindringen sozialistischer Tendenzen in unser Wirtschaftsleben verabscheuen. Die Frage, wie man sich auf Zen­trum s s e i t e zu dem neuen Gebilde stellen würde, falls es politische Wesenheit erlangt, beantwortet sich sehr einfach. Jeder Gewinn für den echten konser­vativen Gedanken, d. h. für das alle Gebiete ein­heitlich und folgerichtig umfassende konservative Ideal, ist uns willkommen. Bei unserer grundsätz­lichen Gegnerschaft zum Liberalismus erfcheiut uns jeder, der vor dessen letzten Konsequenzen zurück- scheut, als das weitaus kleinere Hebet. Daß die auf Vorurteilen beruhende und gerade deshalb festein­gewurzelte Antipathie gegen die Zentrumspartei die vielfach den ausschlaggebenden, wo nicht einzi­gen politischen Programmpuukt sogenannter Alt­liberaler bildet, jetzt plötzlich einem vollen Verständ­nis für den Zeutrumsgedanken Platz machen werde — dieser groben Täuschung wird sich in den führen­den Zentrumskreisen niemand hingeben.

Amt Geisa und Umgebung.

* Vacha, 8. Juni 1911. Das Doppelgespann eines benachbarten Rittergutes ging auf dem hie­sigen Marktplatze durch. Am Kirchplatz blieb der Wagen an .einem der starken Bäume hängen. Das Gespann kam auf diese Weise zum Stehen. Ge­schirr und Wagen wurden dabei stark beschädigt.

* Dermbach, 8. Juni 1911. Der Großherzog­liche Bezirksbirektor bringt bie Vorschrift in Erinne­rung, baß bie zum Mähen zur Verwenbitug kom ntciiben Sensen außerhalb ber Gehöfte mit einer hölzernen ober ledernen Hülle (einem sogen. Schuh) verwahrt sein müssen. — Am Freitag treffen von Göttingen eine Anzahl Stubenten hier ein, bie mit einem Professor eine wissenschaftliche Exkur- sionsreise in uitferm Rhöngebirge unternehmen werben.

* Dorndorf, 8. Juni 1911. Auf Mißstände in der Anlage und Behandlung ber G e nt c i it b e - Aasplätze macht ein Einseuber in ber „Rhön- zeitung" aufmerksam. Das Verscharren ber Tier- kabaver wirb nicht mit ber nötigen Gründlichkeit besorgt. Es ist Wohl jedem klardenkenden Menschen bekannt, daß gerade in dieser Hinsicht nicht genug Vorsicht und Aufsicht geübt werden kann, um an­steckende Krankheiten und Blutvergiftungen durch Fliegenstiche zu verhüten. Es wird dringend ge­beten, baß bie Polizeibehörden bie Aasplätze besich­tigen, um etwaige Mißstände beseitigen zu lassen.

* Sünna, 8. Juni 1911. Dieser Tage ist hier ein Knapp en-Verein bet Gewerkschaft Butt­lar gegrünbet worben, dem sofort etwa 30 Mitglie­der beitraten.

Dippach, 8. Juni 1911. Der Koch ber böh­mischen Bahnarbeiter hat sich „französisch" empfoh­len. Wie verlautet, haben ber Schachtmeister und verschiedene böhmische Arbeiter Beträge von über 100 cM, von dem Flüchtigen zu fordern. Sein Miets- Herr konnte sich zimt Teil durch zurückgelasiene Un­terkleider und dergl. mehr entschädigen.

* Ans Thüringen, Juni 1911. Auf Betreiben des sächsi'ch-thüriugischeu Vereins für Lustschissahrt ist in Weimar ein Luftschiff-Flugplatz angelegt worden, der als besonderen Zweck d.e Begründung und Unterhaltung einer Fliegerschule verfolgt. Er wi d heute eingeweiht. — Eine Schwindlerin, die sich Lina Bär nennt und vorgibt, für die Firma „Ate.ier Thoma" in Berlin zu reifen, macht zurzeit Thüringen unsicher. Sie famnielt Aufträge aus viiotographifche Berg» ößerungen und läßt sich gegen Quittung 3 Mark Anzahlung geben. Die Firma „Atelier T oma" erklärt, daß sie weder eine Lina Bär kennt, noch Aufträge von ihr erhalten habe. — Ter Arbeiter, der, wie gemeldet, in Erfurt Seine Frau erschlug und flüchtig wurde, hat sich selbst der Polizei gestellt. Er wurde sofort in Hast genommen. — Die in Apolda bestehende Wirker- lehilingsschule erhält auf Gemeinderatsbeschluß unter Bewilligung von 5200 Mk. eine Erweiterung aus 6 Klaffen — Die Eisenbahndirektion Erfurt hat die Bahnhosswirte anroeifen lasten, auf den Bahnsteigen während der wärmeren Jahres- zeit Ersrischungstische (insbesondere bei Zügen mit

kurzem Aufenthalt) für das reisende Publikum auf zustellen. Die Preise der Waren müssen deutlich sichtbar angezeigt sein.

AusGberheffen u. -en Hess. Aemlern.

* Marburg, 8. Juni 1911. Die Handels­kammer Kassel hielt hier eine Sitzung ab. Ihr schloß sich ein Festmahl an. Ferner besichtigten die Herren die Marburger Tapetenfabrik. — Mit dem 9. Juni (Freitag) nehmen die alljährlich in Mar­burg stattfindenden akademischen Festspiele ihren Anfang. Für die diesjährigen Aufführungen sind Stücke von Lessing, Hebbel, Echegaray, Cal deron de la Barca, Ibsen und Kotzebue vorgesehen. — Auf dem Gläubigertermin, der in der Kon­kurssache des hiesigen Konsumvereins stattfand, wurde milgeteilt, daß die Ueberschuldung 19827,92 Mark beträgt. Mit dem Einziehen der Haftsumme von 30 Mark von den rund 600 Mit­gliedern soll alsbald begonnen werden. Die Mit- gliedschist reicht bis zum 30. Juni vor. Jahres zurück.

* Wehrda bei Marburg, 8. Ium 1911. Dir Interessenten des hiesigen Gemeindewaldes begingen am Pfingstmontag das alle sechs Jahre wieder- kehrende Grenzbegangssest. Die Feier bestand im Abgehen der Gemarkungsgrenze mit anschließen­dem gemütlichen Zusammensein.

♦ Gilserberg, 8. Juni 1911. Der Arbeiter Dingel aus dem benachbarten Moischeid reinigte feinen Revolver, wobei ein Schuß losging und ihm die linke Hand zerschmetterte. Der Verunglückte wurde sofort in das Krankenhaus der Anstalt Hephata bei Treysa übergesührt.

* Treysa, 8. Juni 1911. Hier herrscht wieder eine rege Bautätigkeit, besonders in der Bahn- Hofstraße, wo außerdem noch Verschönerungen, wie Bürgersteig-Anlagen und Anpflanzungen von Linoen u. a. Dorgenommeu werden.

* Hilchenbach, 8. Juni 1911. In der hiesigen Leimsabrik F. W. Weiß Dnls. Sohn eniflan: ain Brand, der in kurzer Zeit das große Ge­bäude vollständig einäscherte. Nur die Lager­räume blieben vom Feuer verschont.

* Schweinsberg, 8.' Juni 1911. Eine; außerordentlich starken Güterverkehr beinah man in diesem Jahre 'auf der Ohmtalda i>. Große Güterzüge mit Bafaltsteinen und Grube: Holz beladen roanbtrn über die Krewstrecke imü der Main-Weser-Bahn zu. In letzter Zeit sin ■ allein hier 986 Festmeter Grubenholz zum Bei laden geschnitten worden.

* Fritzlar, 8. Juni 1911. Gelegentlich eh , Beerdigung hatte sich hier eine Anzahl Kinder unö Neugieriger in der Nähe des Ftiedhosseingangs au - gestellt. Während die Beisetzuugsfeierlichkeit auf dem Friedhof vor sich ging, fuhr ein Automobil auf der StraßeMarburg—Kassel heran; ein kleines Mädchen von etwa 4 Jahren wollte noch rasch vor dem in mäßigem Tempo fahrenden Auto herlaufen, wi: die Kinder das leichtsinniger Weise ost tun, wurde aber ersaßt und umgeworfen, ohne aber an­scheinend besonders schwer verletzt worden zu se n. Es entstand aber durch den Unfall eine große Aufregung unter der Menge, die sich noch auf die Trauerversammlung ausdehnte, sodaß diese auch gestört wurde und ein Teil des Leicheugesolges der Totenhof verl'eß.

vermischtes.

* Die alte Eisenbahubriicke in Köln. Seit Mo uateu dauern schon die Abtragungs- und Spreu gungsarbeiteu an den Strompfeilern der alten Eisenbahnbrücke an. Die lange Dauer der Arbeiten ist ein trefflicher Beweis für die Festigkeil dieser Brücke. Im Rheinbett sind um den Kern dieser Pfeiler, die bis zu fechs Meier Tiefe unter Pegelhöhe eingebaut waren, Pfahlwände au8 schweren Eichenbalken aufgeführt. Die Beseitigung dieser Pfahlwände, die sich im Laufe der Jahrzehnte ungeheuer festgesetzt haben, muß zuerst erfolgen, ehe man an die Forträumung des Pfeilermauerwerke.' Herangehen kann. Die Sprengungen mit starken

Kleines Feuilleton.

— Aus meiner Parlamentszeit. Unter diesem Titel veröffentlicht Dr. Julius Bachem in der Von Dr. p. Expeditus Schmidt 0- F. M- heraus- gegebenen Halbmonatsschrift „liebet den Wassern" (Berlin, Hermann Walthers Verlag) iuteicffaiite Plaudereien aus der Zeit feiner Zugehörigkeit zum preußischen Abgeordnetenhause, Ende der 1870er bis Anfang der 1890er Jahre. Aus persönlicher Er­innerung heraus entwirft er in knappen, scharfen Strichen Schilderungen von Männern, die in jener geistig so bewegten Zeit der preußischen Volksver­tretung angehörten: Mitglieder der Zentrumsfrak- tion nicht nur, sondern auch hervorstechende Per­sönlichkeiten aus andern Lagern. Die Plaudereien haben in Heft 10 der genannten Zeitschrift begon­nen und werden in dem eben erschienenen Heft 11 fortgesetzt. Es sind zum Teil ungemein charakte- ristische Erscheinungen, die in chrer geistigen und sonstigen Eigenart mit plastischer Schärfe vor uns pintreten. Was aber diese Eigenart noch auf be­sondere Weise hervortreten läßt, das fft eine Anzahl Federzeichnungen des Abg. Janssen (des späteren langjährigen Vorsitzenden des rheinischen Proviu- jialausschusses), der es ausge^ichnet verstand, mit wenigen Strichen jede Phtzsiognomie in meister­hafter Weife festzuhalten. Neun solcher Porträts, die sich int Privatbesitz des Verfassers der Plau­dereien befinden, find wiedergegeben, sie stellen dar die 9(bg. Mooren, Simon (Fraustadt), Dürre (Mag­deburg), Bestvater, Adolf Wagner, Loewe (Kalbe), Olzem sowie den Minister v. Goßler und den Ge­heimrat Bonitz. Als eine Perle feiner Sammlung bezeichnet der Verfasser der Plaudereien ein wohl- gelungenes Portrait des nationalliberalen Abg. Olzem und erzählt über dessen Entstehung folgen­des: Dieses Porträt wurde mir als Belohnung für eine kleine parlamentarische Aktion überreicht, die den rechten Ernst vermissen ließ, über die ich aber doch keine Reue empfinde. Unter dem Porträt steht zu lesen: „Der Amtsrichter mit dem aufge­

blasenen Kalbfleisch über die Hildesheimer Laus­petition referierend." Damit verhält es sich fol­gendermaßen: Der Abg. Olzem, welcher in jüngeren Jahren ein besonders scharfer „Kulturkämpfer" war, hatte in öffentlicher Versammlung die Wen­dung gebraucht: „Der Patriotismus der Ultramon­tanen komme ihm vor wie aufgeblasenes Kalb­fleisch." Natürlich nahmen wir im Zentrum dem Abg. Olzem das sehr übel. Einige Zeit darauf erschien er am Referentenpult, um über die appetit­liche Frage: auf wessen Kosten die eingelieferten Vagabunden von Ungeziefer zu reinigen seien, mündlich und gründlich Bericht zu erstatten. Als ich ihn da oben stehen sah und des „aufgeblasenen Kalbfleisches" gedachte, fuhr mir ein nichtsnutziger Gedanke durch den Kops, und ich sagte zu meinem Nachbar, dem behäbigen Kollegen Biesenbach aus Düsseldorf: „Paffen Sie auf, der bekommt jetzt eine Strafarbeit." Als Olzem sein Referat beendet hatte, meldete ich mich zur Geschäftsordnung: „Die­jenigen, welche dem Referate gefolgt sind, werden mit mir den Eindruck haben, daß die darin behan­delte Frage so einfach nicht liegt, daß sie auf einen mündlichen Bericht entschieden werden könnte: ich beantrage, die Petition zur schriftlichen Berichter­stattung an die Kommiffion zurückzuverweisen." Natürlich beschloß das Haus, da niemand dem Re­ferate gefolgt war, nach meinem Anträge. Nun hatte der Referent auch noch das Malheur, zu er» Hären: „Ich glaube namens der Kommiffion sagen zu können, daß sie gegen die Zurückverweisung an die Kommission nichts einzuwenden hat." „Danach wird sie gar nicht gefragt," war die Antwort aus dem Haufe. Manches Jacht nach diesem Vorgang traf ich den Landgerichtsrat Olzem in dem schönen Garten des Hotels Kley zu Bonn, der leider auch nicht mehr besteht. Olzem hatte aus Gesundheits­rücksichten kein Mandat mehr. Wir plauderten über vergangene Zeiten, und es ergab sich, daß wir beide reichlich Wasser in unseren Wein gegossen hatten. Wir schieden als gute Freunde. Von dem Porträt und dem darunter ftchenden Spruche habe ich ihm aber nichts erzählt.

— Eine Heldin der Pietät. Aus London wird geschrieben: Von einer Reise durch das dunkelste Afrika ist Miß Oliv-Macleod,die Tochter des früheren Unterstaatssekretärs für Schottland, wieder nach England zurückgekehrt, nachdem sie rund 4000 Meilen in den schwer zugänglichsten Teilen Mittel­afrikas zurückgelegt hat. Das Ziel der gefährlichen Reise war Maifrei und ihr ausschließlicher Zweck galt dem Wunsche Miß Macleods, auf das dort be­findliche Grab chres Bräutigams, des Leutnants Bohd Alexander, der bei einer Forschungsreise von verräterischen Eingeborenen ermordet wurde, einen Kranz niederzulegen. Miß Macleod, die im ver­gangenen August England verlassen hatte, landete in Plymouth in Begleitung von zwei Löwenjungen, die sie dem Zoologischen Garten zum Geschenk machen will. Wie sie Berichterstattern erzählte, hat sie den Tschadsee, den Niger und Brunn im Kanoe befahren, das mit halbwilden Negern bemannt war. Nach der Durchquerung von Nord- und Südnigeria zog sie durch Nordkamerun und gelangte im Okto­ber nach Französisch Ubangi. Hier gelang es der wagemutigen jungen Dame, auch die gcheimnis- vollen Fälle des Maokabi, die bisher noch niemand gesehen, zu entdecken, denen die französischen Be­hörden mit Bewilligung der Entdeckerin den Namen „Macleodfälle" beilegten. Vier Monate durchzog die Expedition, die sich aus Miß Macleod, dem englischen Ehepaar Talbot und 8 eingeborenen Trägern zu­sammensetzte, unbekanntes, von englischen Reisen­den bisher noch nicht betretenes Gebiet, und sechs Monate hielt sie sich in Gegenden auf, in die bis­her noch keine weiße Frau gekommen war.

— Ein bio chemisches Experiment recht amüsanter Art, welches beweist, daß der Mensch Kohlensäure ausatmet, ist das folgende: man kaufe in einer Apo­theke für 5 oder 10 Psg. Kalkwasser. Das steht ganz flat wie reines Wasser aus, dennoch enthält es ca. 0,14 Teile Kalk gelöst. Bläst man nun die Atemluft aus dem Munde in das Kalkwasser - -am besten durch einen Strohhalm ober Keinen Zerstäuber, Glasröhre k. —, so trübt sich alsbald die Flüssigkeit bis fast zu milchiger Undurchsichtigkeit. Bläst man immer weiter

Luft hinein, so flärt sich nach und nach die Flüssigkeit wieder und wird zuletzt vollständig Kar. Der Vor­gang fft so zu erklären: das Kcükwaffer verschluckt begierig die in der Atemlust enthaltene Kohlensäure, es bildet sich nun kohlensaurer Kalk, der in Wasser fast unlöslich ist, sich also ausfcheidet und dadurch die Trübung hervortust. Bläst man nun immer mehr Luft in die Flüssigkeit, so nimmt schließlich auch das Wasser sechst die Kohlensäure auf, es entsteht kohlen saures Wasser, und in diesem ist der kohlenfaure Kalk nun wieder löslich, die Flüssigkeit wird somit wieder Kar. ne.

— Die Lust als Leitungsmittel. Einet Versamm­lung von Elektrotechnikern, die kürzlich in Newyork tagte, hat der bekannte Erfinder Tesla Mitteilung ge­macht, daß et in kurzem in Dublin in Irland bi« Straßenbahn durch einen elektrischen Strom, der in Lang Island City erzeugt wird, zu betreiben hoffe. „Das Hindernis der Entfernung ist durch mein Ver­fahren völlig beseitigt", erKärte Tesla der Versamm­lung. „Ich benutze die Lust als Leitungsmittel und bin so imstande, die elektrische Energie von jedem be­liebigen Punkt nach jedem beliebigen PunK der Erde zu übertragen. Ich werde ebenso in der Lage fein, Nachrichten nach allen Teilen der Welt zu versenden, und ich gedenke weiterhin eine drahtlose Telephon­zentrale zu schaffen, die jedem Wort, das in meine Apparate hineingesprochen wird, die Stütze einer Kraft von 1 Million Pferdestärken gewährt. Viele Hunderte werden gleid^eitig dieses Telephon, das den Begriff der Enffernimg nicht kennt, benutzen können, ohne daß einer mit dem andern kollidiert." Für die Zwecke des Flugwesens hat der Erfinder ferner einen neuen Motor von Turbinentyp konstmiert, der bei einer Leistung von 10 Pferdekräften nicht mehr als 1 Pfund wiegt. Nach Teslas Mitteilungen hat diese Maschine bereits bei den Versuchen, die in dem New- yorker Edison-Weck ausgefühck wurden, die Feuer- pobe mit gutem Erfolge bestanden.

— Widerlegt. „Die deutsche Sprache ist eigent­lich doch recht arm an Wörtern!" — „Na, da sollten Sie mal meine Frau hören!"