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Lotationrbrllckullb vertag der Lurdaer Ak- Uenbruckerri in Zuida Zernsprecher Nr».

38. Jahrgang

Fulda, Donnerstag den 8. Juni 1911

Erstes Blatt

M 129.

»Aber eine Frau doch", fällt Frau Forster saust ein, „wenigstens nach meiner etwas altväterischen An­sicht. Diese eine Frau sollte sein guter Engel sein, zu der er emporblickt, die er auf Händen trägt . "

„Ihr eigenes Wort „altväterische Ansicht" erklärt alles", lautet die trockene Entgegnung. „Ich gehöre — verzeihen Sie meine Offenheit, Frau Forster! — zur neuen Schule."

Frau Forster unterdrückt einen Seufzer. Kann sie einem solchen Manne das Wohl und Wehe ihres geliebten Kindes anvertrauen?

„Hoffentlich gefalle ich ihr nicht", denkt Armin befriedigt, al» er ihr« Verstimmung bemerkt. „Sie darf von „Lord Gilbert Donald" nicht allzu entzückt sei»; das würde meine Pläne hindem."

Eine Zeit lang schreiten beide schweigend neben­einander her.

Frau Förster kämpft mit sich. Ihr Gefühl empört sich gegen den Mann da neben ihr. Und doch — jenes schreckliche Dokument — es muß sein! Mt Aufbietung aller Kräfte zwingt sie sich zur Ruhe. Er klingt sogar leicht und ungezwungen, al» sie lebhcch sagt:

„Ich habe kein Recht, Ihre Meinungen zu be­kämpfen, Lord Donald. Die Zett wird dieselben auch ändern. Wer eine solche Mutter hatte, wie Sie —"

Sie zögert, und Armin beeilt sich, ein paar pietät­volle Worte über Gilberts Mutter zu sprechen, was ihm sofort wieder Frau Forsters Herz zuwendet.

„Wer seine Mutter so hoch verehrt, wird auch ein liebevoller, aufopfernder Ehemann sein", lächelt sie gütig.

Abwehrend hebt Armin die Hand.

Sie legen mir Eigenschaften bei, die ich nicht be­sitze. Ich bin ein trockener, kaltblütiger, ja etwas zynischer Weltmann— nichts weiter."

„Und jedenfalls ein Ehrenmann", setzt Frau For­ster st rundlich hinzu. „Entsinnen Sie sich übrigens noch meiner Gatten?"

Annin zögert nur einen Augenblick.

Plötzlich fährt er ihm gleich einem Blitz durch'« Hirn: Wie, wenn ich Frau Forster zu einer vertrau­lichen Unterredung brächte? Würde dies nicht meine Pläne fördern?'

Und sofort diesen neuen Gedanken verfolgend, fragt er die Dame, ob man nicht den beiden jungen Mädchen entgegengehen wolle.

Frau Forster ist bereit. Gilbert dagegen bittet, ihn für einen Spaziergang in den Fichtenwald zu be­urlauben. Zum Abendeffen werde er zurück sein.

Armin schrettet an der Seite seiner Gastgeberin dem Meere zu. Beider Wünsche find einander be­gegnet; beide suchen eine Aussprache.

Frau Forster ist etwas nervo»; doch Armin tut, als ob er es nicht bemerke. Er hat sein Ziel fest im Auge, und weiß, daß in wenig Augenblicken die Rede auf Fräulein Virginia kommen muß. Da Frau For­ster noch immer zögert, ergriff er die Jnittattve.

„Ich habe ost über die innige Freundschaft nach- gedaM", beginnt er emst, welche Ihren Herm Ge­mahl und meinen Datei verband."

Ein schneller, fast ängstlicher Blick aus Frau For­sters Augen fliegt zu dem jungen Mann hinüber.

„Sie sehen ermüdet aus", fährt Armin besorgt und in jenem gedämpften Tone fort, der ihn so un­widerstehlich macht. „Laffen Sie uns ein wenig ruhen! Wozu jenen beiden törichten Mädchen nach­laufen?"

Unwillkürlich lächelt Frau Forster.

„Welche Art und Weise, so von Mei hübschen, jungen Damen zu sprechen!"

Armin bleibt stehen.

„Verzeihen Sie meine Offenheit, Frau Forster! Aber es läuft meiner Natur zuwider, die Frauen auf ein Piedcstal zu heben. Selbst zugegeben, daß sie dem Manne gleichberechtigt sind, was ich nebenbei be­zweifele — eine große Grobheit in Gegenwatt einer Dame, nicht wahr? Aber witzu seine Ansichten vor einander verbergen? — also zugegeben, daß die Frauen dem Manne gleichberechtigt find, so werden st« doch niemals seine Gebieterinnen sein!"

der Vater wegen feiner Vergehen $u Unrecht frei ge­sprochen, sondern damtt sich etwa seine Entschuldbar­keit oder MllderungSgründe Herausstellen und erwei­sen, ferner auch, um Kraft und Mut zu schöpfen, um den bevorstehenden Schlag geduldig und gottergeben zu tragen. Kein Katholik und kein christlich denkender Mensch wird daran Answß nehmen können. Während aber andere liberale Blätter der Wahrheit zuwider von einem „öffentlichen Bittgottesdienst" oder „un­glaublicher Blasphemie" reden, verfällt die Täg­liche Rundschau auf einen neuen Trick und spricht von einem „öffentlichen Akt der B e e t n f l us s u n g de» Volksutteils" und des Spruchs des Schwurgerichts. Wohlweislich hat das Blatt nirgends gesagt, daß die Schwurgettchtsverhandlung in dem etwa 10 Stunden von Sigmaringen entfernten Hechingen stattfand, während die „in einem Anliegen" bestellte und verkün­dete stille hl. Meffe zu Sigmaringen in einer fast ein« Viertelstunde fernen, einsam aus einem Berge gelege­nen fleinen Kapelle gelesen wurde, btt der jedenfalls kein einziger Geschworener anwesend war oder da­durch beeinflußt worden ist. Und tote dadurch der Sprach des Schwurgerichtes beeinflußt werden sollte, ist ganz unerfindlich. Aber es war der Tägl. Rund­schau offenbar nur darum zu tun, der katholischen Kirche wieder einmal ttnen Hieb zu versehen und die „Praxis der jesutttschen Seelsorge", die sie gewiß ein­gehend fernten will, zu brandmarken. Man kann dar­über im Zweifel sein, ob die Gehässigkeit oder die Gemeinheit btt diesen Angriffen gegen die katholische Kirche di« größere Rolle spielt.

Ä Marburg, 7. Juni 1911. Zur Mar­burger LandtagSersatzwahl ist mitzuteilen, daß der Bund der Landwirte in einer gestern hier abgehaltenen Vertrauensmänner- Versammlung mit 23 gegen 7 Stimmen beschloß, an der Kandidatur des Gutsbesitzers Lauer- Fronhausen festzuhalten. Die Konservativen, deren Vorstand bekanntlich unter Zustimmung der Nationalliberalen Prof. Bredt-Marburg ausgestellt hat, beschloffen Stimmenfteigabe. Forst­meister Wolff-Wetter, der auch als konservativer Kandidat genannt wurde, ist zugunsten des letzteren zurückgetreten. Von linksstehenden Par­teien ist wieder Prof. Schücking-Marburg auf­gestellt.

„Gewiß", entgegnete er dann dreist. „Er besucht« einmal meinen Vater. Ich war damals ein Schlin­gel von etwa vierzehn Jahren. Einmal nahm er mich mit sich auf einen Spaziergang und erzählte mir von — von —"

Er hält inne.

„Run?"

Frau Forsters Anttitz ist etttt Sonnenschein.

„— Von seiner kleinen Tochter", fährt Armin et» 11)08 leiser fort, „von Fräulein Virginia, die ich jetzt die Ehre habe, persönlich zu kennen."

Der gedämpfte Ton feiner Stimme, die Ehrerbie­tung, die <ms sttnen Worten herausklingt, läßt Frau Försters Herz rascher schlagen.

„Ich habe jenes Gespräch nicht vergeßen", fährt Armin abermals ernst fort. „Aber Fräulein Virginia ist fast noch ein Kind, ich bin ein — nun, sagen wir ein erfahrener Weltmann. Der Altersunterschied, die verschiedene Lebensanschauung — Sie verstehen schon, Frau Forster! Hoffentlich wird Fräulein Virginia mich noch einmal besser kennen lernen! Jetzt darf ich noch nicht —*

„Da kommen die Mädchen!" unterbricht ihn Frau Forster lebhaft, indem sie rasch auffteht.

Sie ist zuftteden. Sie will gar nicht mehr hören.

Armin beißt sich auf die Lippen. . . Ist er zu weit gegangen? Hat er Frau Forster irgendwelche Hoffnung gemacht? Armer Gilbett! Wie wird er sich aus der Schlinge ziehen? —

Armin bleibt etwas zurück, während Frau Forster den beiden Mädchen entgegenschreitet.

Da hött er, wie jemand vorsichtig an ihn heran­schleicht. Ec wendet den Kopf. Hinter ihm steht ein kleiner, barfiißiger Junge mit pockennarbigem Gesicht und rotem Stoppelhaar. Hastig steckt der Bursche ihm ein schmutziges Papier zu und rennt wieder eiligst davon. Verwundert überfliegt Armin die fast un­leserlichen Schriftzüge.

Von der Polly March? murmelt er kopfschüttttnd. „Was mag die Alte wollen?"

(Fottsetzung folgt.)

Daß, tote Bebel sagt, möglicherweise einer jener welthistorisch «n Moment« eintrrten tonn, di« der Entwickelung eine» großen, zahlreichen und intelligenten Volk« neue Wege aufzwingen, ist doch gar zu unbestimmt gesprochen. Mtt einiger Genug­tuung darf man « indes verzttchnen, daß Bebtt auf die „zielbervubte" Herbeiführung de» gro­ßen „Kladderadatsches" verzichten zu wolle« scheint, denn er erklätt, die Sozialdemokratie habe keinen Grund, sich ihren Fttnden gegenüber zu Unbesonnenheiten und gewünschten Gewaltsttttchen verleiten gu lassen. Allzuviel will das freilich auch nicht sagen, denn e» läßt die MSglichkttt der Gewall offen für den Fall, daß man damtt zum Zitte zu kommm hoffen darf; außerdem ist es sehr fraglich, ob die Massen schließllch die Geduld haben werden, die „Entwicklung" in Ruhe abzuwatten, statt sie durch ge­waltsam« Eingreifen zu beschleunigen.

Irgend ein greifbar« Ziel wollen die sich „stark fühlenden" Massen schließlich doch vor sich schm; mtt Redensarten über die „geschichtliche Mission der Ar­beiterklasse" werden sie stch schwerlich zuftteden geben. Also werden Bebel und seine Genossen an der Beant­wortung der Frage: Wa» nun? auf bi« Dauer schwerlich vorbeikommen.

Deutsches Reich.

DaS Kaiserpaar in Mecklenburg.

Ä Neustrelitz, 8. Juni 1911. Das Kaiserpaar ist Mittwoch mittag 11.50 Uhr in Neustrelitz ein« getroffen, wo ihm ein großer militärischer Empfang bereitet wurde. ES ist feit vielen Jahren der erste Besuch d« Kaiserpaar« am großherzogllch-mecklen- burgischen Hofe. Prinzessin Viktoria L u i s e ist, um den Verlobungsgerüchten die Spitze zu brechen, nicht mitgereist. Um 1 Uhr war im Residenzschloß Gala täfel, wobei der Kaiser in Erwiderung auf einen Trinkfprnch des Großherzogs das gute V erhälluis, das zwischen ihm und dem mecklenburgi­schen Fürstenhvfe besteht, rühmte. Er nannte die Königin Luise daS unvergleichliche Bild der Rein­heit, den Genius des deutschen Volkes. Sich an die Großherzogin-Mutter wendend, betonte der Kaiser, daß ihm in England ttn Überaus liebenswürdiger Empfang von Seiten des Großneffen und der Groß­nichte der Großherzogin (des englischen Königs­paar«) bereitet worden sei.

• Berlin, 7. Juni 1911. Der,Reichsanzeiger' veröffentlicht das Gesetz über die Verfassung Elsaß-Lothriugens und das Gesetz über die Wahlen zur 2. Kammer für Elsaß-Lothringen. Beide tragen da» Datum d« 31. Mai 1911. — Die Meldung der,Mil.-pol. Korrch daß die Ver­lobung der Prinzessin Viktoria Luise mit ihrem Jugendfreund, dem Erbgroßherzog Adolf Friedrich von Mecklenburg-Strelitz, kurz bevorstehe, wird vom Oberhofmarschallamt alS vollständig er­funden bezeichnet.

♦* Der Reichsüberschuß von 57 Millionen. Die endgültige Uebersicht über die Einnahmen auS Zöllen, Steuern und Gebühren im Rechnungs­jahr 1910 liegt nunmehr vor. Schon aus der vorläufigen Uebersicht, die wir Ende April wieder- gaben, war zu erkennen, daß die Einnahmen dies« Jahres den Etatsansatz nicht unerheblich übertreffen würden. Sie wurden damals auf 1477 Millionen angegeben gegenüber dem Etat von 1441 Millionen. Nach dem endgültigen Abschluß find die Einnahmen bis auf fast 1500 Millionen gestiegen, so daß sich ein genauer Neberschuß von 57,7 Mill, er­gibt. Dieser Ueberschuß ist im wesentlichen auf die Mehreinnahmen aus den Zöllen, der Börsen-

+ Eine „Weltkatastrophe"

'Äbnt Bebtt wieder einmal. Er hat die Neuauflage Äner alten Schttst mit einer Vorrede versehen, die sich hauptsächlich mit der Entwicklung der deutschen So- zialdemokratte und den nächsten Reichstagswahlen be- schäftigt. In dem Prophezeien, das ihm schon so ost gründlich borbeigerungen ist, scheint er doch nachgerade Pin Haar gefunden zu haben, denn er will e» jetzt an­deren überlassen und begnügt sich mit allerlei unbe- stimmten Andeutungen.

Natürlich ist er noch immer voll Bewunderung für die Entwicklung seine r Partei, die tote in unentrinnbare? Schicksal die kapitalistische Gesell- ■iäjaft bedrohe, ähnlich wie das Christentum die Ge- rllschaft des faulen römischen Kaiserreiches überwun­den habe. Da Bebel an den großen Kladderadatsch richt mehr zu glauben scheint und lange genug im Parlamente gewesen ist. um zu ernennen, daß auch ein L,Volksbeschluß" die große Wendung wohl so bald nicht Bringen wird, so legt er den Haupwett auf eine mög­lichst große Anzahl von Anhängern seiner Partei. Wie schon neulich in Hamburg, so erklätt er ^etzt wieder, nicht die Zahl der Mandate, sondern die Zahl her Stimmen fei die Hauptsache.

Allerdings hängt die Zahl der Mandate von Zu­fälligkeiten ab und ist nicht beweisend für die Stätte her Partei im Lande. Aber auch die Zahl der Wahl­fiimmen betoetft an und für sich noch nicht viel. E» fragt sich immer, toiebiele von zielbewußten Genossen oder von Mitläufern abgegeben worden sind. Das Anwachsen der sozialdemokrati- scheu Stimmen, das gibt Bebel zu, wurde auch nichts für das Anwachsen der Sozialdemokratie beweisen, e» muß schon ein ganz erh ebliches Anwachsen sein. Im Jahre 1907 brachte die Partei es auf 3 260 000 Stimmen; wenn sie jetzt nicht über 3% Million kommt, so bedeutet das in Bebels Augen eher einen Rück­schritt als einen Fortschritt, denn 1907 ist kein „Nor­maljahr" gewesen; die Gegner haben die Pattei da­mals durch ihre Manöver um mindestens eine Viertel- tn'n'T- Stimmen gebracht; sonach würden 3% Mil­lionen Stimmen nur die Summe darstellen, die sie ich an vor 5 Jahren hätte haben müssen, und nut was darüber hinaus geht, kann als Zuwachs gerechnet wer­den Man darf indes von vornherein überzeugt fein, daß die Partei auch mit 3% Millionen Stimmen ge­waltig renommieren und sie als Beweis für ihr unauf­haltsames Vordringen Hillstellen wird.

! Auch der Umstand, daß die Fortschrittler diesmal zu dem Stimmenzuwachs nicht wenig bei» 'tragen dürften, wird den Triumphgefühlen wohl kei­nen »Eintrag tun. Man zahlt die Stimmen von Mit­läufer» wie von anderen Parteien ruhig als „echt" stnit. Da man noch immer auf einen „Gesinnungswech­sel" in den kleinbürgerlchen und klttnbäuerlichen Schichten hofft, so wird man wohl kaum Bedenken tragen, einen Stimmenzuwachs auf diese zurückzu­führen.

Aber was d an n, wenn der erhoffte Zuwachs ein getreten ist? Bebel, bet sonst auf alles eine Ant­wort Hai, überläßt es den durch die vermehtten sozial- deimckratiichen Stimmen entsetzten Regierungen und herrschenden Klassen, die Frage zu beantworten: „Was nun?" Es fei nicht Aufgabe der Sozialdemo­kratie, sich über diese Frage den Kopf zu zerbrechen. So machen die Herren Genossen es ja immer. Als Man sie vor Jahren im Reichstage ernstlich fragte, wie sie sich den ZukunftSstaat dächten, entgegneten 'sie stolz, es stt nicht ihre Aufgabe, sich darüber ;ben Kopf zu zerbrechen; das werde sich zur gegebenen Zeit schon finden. Wir meinen freilich, eine Pattei, jbie sich zur Ablösung der kapitalistischen Gesellschaft be­rufen fühlt, müßte sich vorher einigermaßen klar werden, wie sie die an sie herantretende Aufgab e lösen will. Auch sollte man meinen, die Genossen, mit deren Millionenstimmen man renommiert, müßten um so neugieriger werden, je mehr ihnen von ihrer uwviderstehlichen Macht vorgeredet wird.

steuer, dem Grundstücksübertragungsstempel und der Erbschaftssteuer zurückzuführen, während der größte Ausfall bei der Branntweinsteuer ent­standen ist.

♦» Ein Nachspiel z« der Stuttgatter Oberbiirget- meisterwahl fand am Dienstag abend in Stutt­gart statt. Wie die ,Württemd. Zig.' berichtet, beschäftigte sich eine von mehr al» 100 Mitgliedern der sozialdemokratischen Partei besucht« Versamm­lung mit der letzten Stadtvorstandswahl. Nach ttner Debatte, die ttnen überaus stürmischen Ver­lauf nahm, wurde der Versammlung eine Ent­schließung vorgelegt, die von dem Abg. Hilden- brandt und Gen. eingebtacht worden war und Stellung nahm gegen bi« Quertreibereien der Radi­kalen. Diese Entschließung wurde abgelehnt. Da­gegen gelangte eine von der Stuttgarter Partei­leitung und den Vertrauensleuten eingebrachte Ent­schließung zur Annahme, die vott den Radikalen ttngebracht war und besagt, daß e8 Pflicht aller Genoffen ist, in strenger Uebereinstimmung mit den Grundsätzen der Sozialdemokratie zu bleiben und die Beschlüsse der Parteileitung und der Organi­sation unverbrüchlich zu beachten. Diese Erklärung gelangte mit 620 gegen rund 450 Stimmen zur Annahme. In der Versammlung herrschte hierauf ein Lärm, wie kaum jemals zuvor in einer Partei- Versammlung. — Da» Stimmenverhältnis deutet nicht darauf hin, daß die Revisionisten sich nun­mehr den Radikalen einfach fügen werden.

* „Gebet gegen ein Schwurgerlchtsutteil". Unter dieser Ueberschttft bringt die „Tägl. Rundschau" in Nr. 245 eine Meldung der „Hohenz. Blätter" Nr. 110, wonach in Sigmaringen „in bet Josephskapelle auf dem zu den fürstlichen Besitzungen gehörenden Josephsberg ein Gottesdienst für den heute zur Aburteilung durch da» Schwurgericht kommenden R-chmmgsrat Wesener" ftattfanb. Der Genannte wurde wegen fortgesetzter Amtsunterschlagung in 156 Fällen zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren vier Monaten verurteilt. Die „Tägl. Rundschau" benutzt die Sache als Anlaß zu folgender Hetzertt:

Wohlgemertt, der „Gottesdienst" fand nicht nach, sondern vor der Schwurgertchtsvethandluna statt: es kann sich also nicht um ein Bittgebet für den Berur- teilten, da» man allenfalls verstehen könnte, gehandelt haben, sondern um ttnen öffentlichen Akt der Beein­flussung de» BolkSurteils noch vor dem Spruch de» Schwur gerichts. Wer di« Praxis der jesuitischen Seelsorge kennt (!) weiß, daß in ihr die Gedetsertzörungen bei „glücklich über­standenem Prozeß" keineswegs etwas Unbekanntes sind. Das ist denn aber doch eine Auffassung von der Rechtsprechung, bk verwirrend und auflosend wirken muß: ein Stück Frömmigkeit ist da» nicht, wohl aber ein Stück Priesterherrschaft (!), die selbst nach den höchsten Attributen der modernen Staats­hoheit greift, nach dem Recht, zu verurtttlen und frei- zusprechen bei bürgerlichen Bergehen.

Man sollte es kaum für möglich halten, daß die­ser Fall in dem Organ des Evangelischen Bunde» in so nichtsnuhiger Weise ausgeschlachtet und in so g «- h äss i g er We i s e entstellt werden konnte, wenn man nicht btt der Täglichen Rundschau an dergleichen jour­nalistische Stiftungen gewohnt wäre. Wie liegt benn in Wahrheit die Tatsache? Nach der Darlegung, die das Stadtpfarramt Sigmaringen dem Deuffchen Volksblatt gegeben hat, wurde an das Pfarramt die Bitte gerichtet, daß in einem Anliegen in der Kapelle eine hl. Messe gelesen werde. Dieselbe wurde in der Pfarrkirche und im Kirchlichen Anzeiger mit folgendem Wortlaut veröffentlicht: „Am Montag ist um 7 Uhr in der Kapelle auf dem Josephsberg eine hl .Messe in einem Anliegen." Das ist die Tatsache. Nun geht die liberale Presse hin und macht aus dieser ganz diskreten Angttegenhtit rinne „öffentlich en Bitt- gottesdienst" zugunsten eines Ange­klagten! Wenn die schwer heimgesuchte Familie eine hl Meffe hat lesen laffen, so ist dies nicht von ihr und von dem Priester in der Meinung geschehen, daß

Ausland.

** Ronvier f.

Gestern nachmittag ist bet ehemalige französische Ministerpräsident Rouvier im Alter von 69 Jah­ren plötzlich gestorben.

In dem Verstorbenen tritt ein Staatsmann Frankreichs von der Bühne ab, der sich aus kleinen Anfängen heraus zu einer wiederholt bestimmend in die Geschicke bet Republik eingreifenden Persön­lichkeit emporgearbeitet hatte. Eine besondere Be­fähigung für Finanzwesen, Handels- und Verkehrs­fragen gab dem 1842 zu Aix geborenen Marseiller Advokaten nach dem Sturze des von ihm lebhaft be­kämpften Napoleon III. sofort ein politisches Schaf­fensfeld. Am 4. September 1870 zum Generalse­kretär des Departements Bouches-du-Rhone gewählt, kam et 1871 schon in die Nationalversammlung und schloß sich bet äußersten Linken an. 1876, 1877 und 1881 kam er in die Deputiertenkammer, wurde im November 1881 unter Gambetta Handelsmi­ni st e r, trat mit diesem sogleich zurück und hatte das gleiche Ressort wieder unter Ferry im Winter 1884/85. 1887 wurde et Ministerpräsi­dent, mußte aber am Jahresende vor den Radi­kalen weichen, nachdem er vorher das Verdienst sich erworben hatte, Boulanger an» dem Kabinett zu entfernen. 1889 unter Tirard, bann unter Fteyci- net, Soubet und Ribot toieber Finanzminister, muffte

Die Macht des Gewissens.

15] Roma» von Erich Friesen.

„Du mußt ins Reine kommen über Fräulein Vir­ginias Gefühle. Vergiß nicht: sie ist deine zukünf­tige Braut!"

Verstimmt schiebt Gilbert ein paar Grashalme nit seinem Stock beiseite.

„Sie ist rin entzückendes Geschöpf, die Reine Vir­ginia Forster. Aber, offen gestanden, Armin — ich saß die ganze Zeit über hier wie auf glühenden Koh- -len. Ich hatte zu sehr aufzupassen, damit ich nicht '«antwortete, wenn man „Lord Donald" etwas fragte pnd ebenso umgekehrt, daß ich gar keine Zeit zum Hof- Sachen fand. Die ganze Komödie ist eine unwürdige arte, deren ich mich schäme."

Armin schweigt. Er freut sich, daß auch hierin fein Man gelungen ist, daß der Freund stch noch gänzlich Angebunden fühlt.

„Warum antwortest du nicht?" fragt Gilbett unge­duldig.

„Hm — du könntest doch heute abend der Kleinen stoch ein wenig de» Hof machen. Das kann nicht» Schaden und verpflichtet zu nichts. Wenn sie dir also /gefällt. .

„Ich werde es versuchen. Aber hol' mich der Kuckuck, wenn ich mich je wieder in so etwas einlasse!"

Die beiden jungen Leute sind an der Waldburg fgnge(angt. Schweigend steigen sie die Treppe zur ^erraffe empor. Die Fenster im Heinen Salon stehen /weit offen. Würziger Blumenduft vermischt sich mit Jbein Aroma des Tees, den Frau Forster auf einem plberuen Samobar selbst bereitet.

Die beiden jungen Mädchen sind von ihrem Bade Atoch nicht zurückgekehrt.

Gilbert ist sehr still; er fühlt stch nicht aufgelegt Wieder zum Sprechen noch zum Trinken. Armin hin- 'gegen schlürft das aromatische, in zierlichen chinesischen Tassen servierte Gettänk mit der Behaglichkeit eine» Evikuräers