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Mldaer W Zeitung

I.p«^lerAM»a. wochenbeitage: „Illustrierte SomtagrzeUmtg"

38. Jahrgang

Fulda, Mittwoch den 7. Juni 1911

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Sotatisusdruckuud Verlag der Fuldaer Ak> tieudruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

ver-

Die

gewisse Schwierigkeiten gezeigt h

einmal an der Art der Ausführung der Besttmmunge», dann aber auch daran, daß man sich zurzeit noch in einem Uebergangsstadium befinde. Kür die erste Klasse der höheren Mädchenschule fordert Rednerin einen feit umrijsenen Plan; das liege im Jutereffe deS Lehrer­innenseminars, das auch auf der höheren Mädchen­schule fuße. Das Seminar könne durch die Studien­anstalten nicht ersetzt werdeir. Im übrigen möge man der Schule zunächst die Möglichkeit geben, in den Re­formplan in aller Ruhe sich einzuarbeilen. Nach kurzer Debatte wurden einige im Sinne der Aus­führungen der Referentin gegebene Leitsätze ange-

Der Bund Deutscher Bodenreformer hält in Dres­den seine 21. Hauptversammlung ab. Er zählt gegen­wärtig etwa 800000 Mitglieder, unter ihnen 583 körperschaftliche. Als besonders erfreulich bezeichnet es der Bericht des Vorsitzenden Damaschke, daß auch Organisationen, denen das Wdhl der Schule zumeist am Herzen liegt, sich den Bodenreformern anschließen, namentlich Lehrervereine in Berlin, Elberfeld, Teltow, ufm. Der Bund erkennt die Reichszuwachs­steuer keineswegs als das erstrebende Ideal an, es sei damit aber der einzige Weg eingeschlageu worden, der für die Verireter der Volksgesamtheit in Gemeinde, Staat und Reich in Betracht kommen konnte. Am Schlüsse seiner Ausführungen wandte sich der Re­ferent noch energisch gegen das K o h l e n s y u d i k a t und bezeichne! e es als für die Dauer undenkbar, daß über die Kohlentchätze der deutschen Erde, die für alle Teil« des deutschen Volkes gleich unentbehrlich find, eine Hand voll unverauiwortlicher Privatleute sollte enlscheiden können. Ueber S äu g lin g sf ür s o rg e und Wohnungsfrage referierte hierauf der Di­rektor bei Städtischen Kinderklinik in Köln, Prof. Dr. Siegelt, der feine Ausführungen dahin zusammen- faßte: »Wer die hohe Säuglingssterblichkeit bekämpfen will, muß Wohnungsfürsorge, Wohnnngsresorm, Boden­reform treiben. Diese drei Gesichtspunkte müssen zum intregierenden Bestandteil der Säuglingsfürsorge wer­den." Am Dienstag beschäftigte sich der Bundestag mit der Frage der Reform des Enteignungs­rechts, worüber Prof. Paul Oertmann-Erlangeu referierte.

Monatrbeiiage: „Fuldaer Gefchichtrblätter"

Sie wies zunächst einige Einwendungen Lehrplan als irrig zurück. Wenn sich gleiten gezeigt hätten, so liege das

fulminanter Wahrheitswidckgkeit können selbst durch die Nähe der französtschen Grenze nicht entschuldigt werden.

Aber eS kommt noch schöner. „Wir verlangen", so heißt es weiterhin, .volle Gleichberechtigung; die würdelose Bevormundung durch die Gesamtheit der Abgeordneten des Reichs werden wir uns niemals gefallen lassen." Bravo? Deshalb hat ja gerade die große Mehrheit des Reichstags der Verfaffungsreform zugestimmt, damit die „B e v o rmu n d un g" nicht mehr st a t t f t n d e n soll! Wenn das Verfaffungs- gesetz nach dem Willen von Wetterle und Genossen abgelehnt worden wäre, dann gerade würde die ivürdelose Bevormundung durch die Gesamtheit der Abgeordneten des Reiches fortgedauert haben. — Die Herren spotten ihrer selbst und wissen nicht wie.

Die „v o l l e G l e i ch b e r e ch t i g u n g" sst nach unserer Ansicht gar kein ungebührliches Verlangen. Das Zentmm hat auch redlich das seinige getan, um den Elsaß-Lothringern das höchste erreichbare Maß von Gleichberechtigung mit den anderen Bundesstaa­ten zu erringen. Eine glänzende und wertvolle Frucht dieses Bestrebens sind die drei Bundesratsstimmen. Wenn nun die erwähnten Abgeordneten von Elsaß- Lothringen sich das Ziel setzen, die beschlossene Ver­fassung noch zu vervollkommnen und zwar in der .Schaffung eines gleichberechtigten selbständigen Staates Elsaß-Lothringen im deutschen Reiche, in welchem unser elsaß-lothringisches Volkstum sich frei enthalten könne", — so ist uns dieses .hohe Ziel" recht sympathisch. Es kommt aber darauf an, die rechten Mittel zur Erreichung des weiteren Ausbaues der Verfassung zu finden und anzuwenden, und da scheinen nun leider die Herren im blinden Eifer das Pferd hinter den Wagen spannen zu wollen. Sie behaupten, der Anschluß an die im Reiche bestehenden Parteien habe dem Reichslande keinen Nutzen gebracht; eine Keine, aber in sich ge­schloffene elsaß-lothringische Gruppe, welche oft das Zünglein an der Wage bilden könne, vermöge im Reichstag mehr auszurichten, als einzelne in großen Fraktionen verlorene Abgeordnete.

Ach, wie weltftemd muß das jeden kundigen Real­politiker anmutenl Klein wird die Gruppe freilich fein; aber „in sich geschlossen" wird sie nicht sein, wie ja der Aufmf selber anerkennen muß, indem er fordert, „eure auf den verschiedensten Gebieten viel­fach auseinandergehenden Ueberzeugungen" bis auf weiteres zurückzustellen. Das „Zünglein der Wage" wird die elsaß-lothringische Gruppe nicht „oft", sondern nach Lage der Packeivechälmisie höchst sel­ten bilden, und aller Wahrscheinlichkeit nach nie­mals unter solchen Verhältnissen, daß sie die volle Autonomie von der Mehrheit und von der Regierung ertrotzen könnte.

Der Bestand einer besonderen elsaß-lothringischen Parteigruppe wird vielmehr Mißtrauen und Abneigung gegen weitere Zugeständnisse wecken.

♦* Persien kann bei der starken Gegensätzlichkeit seiner Führer und der Zerrissenheit seiner Parteien nicht zur Ruhe kommen. Auf den vom Parlamente am 25. September 1910 gewählten Regenten Nasr el Mulk gaben im Köntgspalais in Teheran zwei als Frauen verkleidete Männer Revol fchüsse ab, die glücklicherweise fehlgingen. Altentäter wurden verhaftet.

** Erneute Winzerunruhen in Frankreich. Der Streit in den Champagner-Weingebieten ist immer nicht beigelegt. Die letzten schweren ruhen richteten sich gegen einige Champagnerfabri­kanten, die für den echten Champagner nicht bloß Champagneweine, sondern auch Weine aus dem Weinbaugebiet des Departements Aube verwandten, weil die Ernte in der Champagne schlecht ausgefallen war. Damit waren natürlich die Winzer im De­partement Aube sehr zufrieden. Jetzt hat nun die französische Regierung eine klare Trennung beider Weinbaugebiete vorgenommen. Sie setzt eine erste Zone fest, die die Marne, und eine zweite, die die Aube umfaßt, das eigentliche Chantpagnrrgebiet ist das Gebiet der Marne. Die Weine der Aube dürfen

X Pfirrgsttagurrgerr.

26. Hauptversammlung des Vereins kathol. deutscher Lehrerinne«.

Am Dienstag morgen sand die zweite bera­tende Mitgliederversammlung statt. DaS erste Referat betraf di« weiblich« Fortbildungs­schule. Die Referrnttn, Frk. Soffels-DuiSburg, machte als grundsätzliche Forderung geltend: Die Fortbil­dungsschule muß ErziehungSfchul« fein; ihr Unterricht soll sich vor allem auf Deutsch, danach auf Bürger- künde erstrecken. Der Religionsunterricht muß auf konfessioneller Grundlage erteilt werden. Ferner müsse die Fortbildungsschule allen Mädchen die Vorbereitung auf den Pflichtenkreis der Hausfrau und Mutter bieten, endlich sollte sie den erwerbstätigen Mädchen fachliche Ausbildung ermöglichen. Bis zur gesetzlichen Ein- sührung der weidlichen Pflichtsortbildungsschule müsse danach getrachtet werden, der weiblichen Fortbildung durch Errichtung weiblicher Fortbildungsschulen zu dienen, sowie geeignete Lehrkräfte für den Unterricht auszubilden. Die Rednerin schlug vor, eine Eingabe an das Handelsministerium zu machen, worin die Pflichtfortbildungsschule auch für die Mädchen, ferner die finanzielle Unterstützung der bestehenden privaten Fortbildungsschulen und endlich die Ausbildung ge­eigneter Lehrkräfte gewünscht wird. Die Versammlung erklärte sich nach lebhafter Diskussion mit den Aus­führungen der Referentin einverstanden. Fräulein Schulte-Münster sprach über den Entwickelungs­stand der Reform der höheren Mädchen-

Ausland.

** Die politische Lage in Belgien. Der König hat mit dem Kammerpräsidenten Cooremans und mit den Staatsministern Woeste, Beernoert und Dupont verhandelt und dann hat er den Minister­präsidenten Schollaert zu sich gebeten. Es ist zweifellos, daß das Schulgesetz den Gegenstand der Unterhaltungen gebildet hat. Man glaubt, daß die Auflösung der Kammer bevorsteht. Tie Liberalen verbergen sich nicht, daß die Auflösung im jetzigen Augenblick für die Linte trotz des Blocks der Liberalen und Sozialisten ungünstig ist.

** Ter König von Jtalieu schenkte aus Anlaß der Enthüllung des Nationaldenkmals Viktor Ema­nuels z w e i M i l l i o n e n M a r k einem Kinderasyl.

* Die griechische Kammer hat in der Gesamtab- fiimmung die Verfassungsrevision ange- nommen.

♦* Ein politischer Racheakt Der Staats an­walt von Mona stir, welcher die Klage gegen den Albanesen vertrat, der in Monastir den sram zöstschen Ingenieur Volland mutwillig ermordet hatte, ist, nachdem der Mörder zum Tode verurteilt worden ivar, selbst von einem dem Mörder ver­wandten Albanesen erschossen worden.

in der Marne verarbeitet und als Champagner ohne weitere Unterscheidung in den Handel gebracht wer­den. Die Entschließung des Staatsrats über die Begrenzung der Weinbaugebiete hat nun im De­partement Aube schwere Unruhen hervor- gerufen. Abends wurden die Winzer durch Sturm« glocken und Feuerzeichen aufgesordert, nach Bar sur Aube zu ziehen, um dort Protestkund­gebungen zu veranstalten. Fußtruppen und Reiter sperrten jedoch die nach der Stadt führen­den Straßen und Brücken ab, sodaß die meisten Winzer ihr Vorhaben ausgeben mußten. 300 Win-

veutscher Reich.

♦* Berlin, 6. Juni 1911. Aus Anlaß der Ver­abschiedung der Reichsversicherungsordnung hat der Reichskanzler an den Hauptreferenten für dies« Vorlage, den vortragenden Rat im Reichsamt deS Innern, den Geh. Oberreg.-Rat Spielhagen ein Schreiben gerichtet, worin er ihm für die treue und hingebende Mitwirkung bei Lösung dieser großen und schweren Arbeit seinen Dank ausspricht. — Wie die »Schlesische Zeitung" mitteilt, wurde Prinz Friedrich Wilhelm von Preuße» mit der dauernden Verwaltung des Landrotsams Franken­stein betraut. — Der Kriegsminister, General der Infanterie v. Heeringen, hat sich mit Urlaub bis zum 11. Juli zur Kur nach Karlsbad begeben. Bisher war er in Wiesbaden.

* Die Nordlandreis« drs Kaisers wird nach den bisherige« Plänen im Anschluß an die Kieler Re­gattatage am 3: Juli ihren Anfang nehmen und bis zum 3. August dauern.

* Die Kaisermanöver 1911. Für die am 11. Sep­tember beginnenden Kaisermanöver werden zwei Armeeabteilungen gebildet, unter Prinz Friedrich Leopold von Preußen und General v. Kessel. Die erstere, nördliche, umfaßt das 2. und 9. Armeekorps und eine Kavalleriedivision und wird als eine ge­landete Armee betrachtet. Ihrem Vordringen auf Berlin soll der Oberbefehlshaber in den Marken mit den dort verfügbaren Truppen entgegentreten. Es sind dies das Gardekorps und ein Reserve-Garde­korps, das aus den aktiven, über die normale Stärke überschießenden Truppen der Garde und einer Re­servedivision gebildet wird, sowie eine Kavallerie­division. Das kaiserliche Hauptquartier liegt zu­nächst in Neustrelitz. Die Heranziehung von Re­serveformationen in einem größeren Verband ist sehr wichtig, zumal man in Frankreich auf eine um- K Verwendung derartiger Formationen in en Linie rechnet.

* Auflösung sozialdemokratischer Jugend - Organi- sationen. Di: Polizei in Halle a. d. S. hob die Pfingsten zusammengetretene Provinzial-Tagung der unlängst aufgelösten sozialdemokratischen Jugend- Organisation, die sich in Halle neu- gründen wollte, auf. Dabei entstanden Tumulte, die zu 18 Verhaft tun gen führten.

* Weimar, 5. Juni 1911. Dem Landtage wird bei seinem Wiederzusammentritt außer dem Staaisvertrag mit Preußen bett. Grundstücks - Zu­sammenlegung eine Regierungs-Vorlage zugehen, welche die Regelung des kaufmännischen Fort- bildnngsschn lrvesens zum Gegenstand hat.

* Vo» der Saar, 6. Juni 1911. Der Landrat zu Saarbrücken hat auf Einspruch an den Regie­rungspräsidenten seinen ablehnenden Bescheid zu­rückgezogen und die Fronleichnamsprozes­sion in B i l dst o ck unter folgenden Bedingungen gestattet: Sie wird nur versuchsweise genehmigt, und zwar für die Zeit morgens von 146 Uhr bis *48 Uhr. Der Durchzug durch die Hofstraße, der vorgeschlagen war, wird nicht zugegeben, wiewohl nachgewiesen fft, daß dort an einem Sonn- und Fei­ertag kein Verkehr herrscht, und daß sie für 8000 Mitglieder des Kreiskriegerverbandes nicht zu eng war. Dafür werden vom Landrat zwei andere Wege vorgeschlagen, von denen der eine tasächlich wegen der Enge und des steilen Gefälles einer Straße nicht in Betracht kommen kann — er ist enger als die der Behörde vorgeschlagene Hofstratze. Der zweite Weg ist, weil zum Teil Feldweg, in ge­wissen Zeiten, besonders bei nasser Witterung, für Fußgänger unpassierbar, also erst recht für eine Prozession. So kommt die Behörde in Saarabien den Katholiken entgegen.

Die elsaß-lothringische Nationalpartei.

Straßburg, 6. Juni 1911. Am Samstag ist die schon angekündigte neue Partei als Elsaß- Lothringische Rationalpartei mit einem Werbeaufruf hervorgetreten. Hauptgründer find An­hänger von Blumenthal, Wetterle und des Lothringer Blocks. Als Anlaß zur Gründung wird bezeichnet, daß dem Reichsland gegen seinen Willen eine rück­schrittliche Verfassung aufgezwungen worden sei. Von den Reichstagsparteien im Stiche gelassen, müßten die Elsaß-Lothringer allein und aus eigener Kraft dem alle einigenden Ziel der Schaffung eines gleichberech- tiaten, selbständigen Staates zunächst zustreben unter Zurückstellung alles Trennenden. Die Abgeordneten des elsaß-lothringischen Zentrums sind, abgesehen von Herrn Weltecke, noch; nicht beigetreten, weil sie erst die Entscheidung der Packet abwacken wollen, die in der Delegieckenversammlung am 11. d. M. zu erwar­ten ist.

Diejenigen Abgeordneten des bisherigen Laudes- ausschuffeS und des Reichstags, die mit großer Lei­denschaftlichkeit gegen die jetzt beschlossene Verfassung agitiert haben, können sich natürlich nicht so leicht und nicht so schnell mit der vollendeten Tatsache abfinden. Man muß ihnen manches zu gute halten; doch was sie in ihrem Wrrbeaufrufe leisten, muß ein allgemeines Schütteln des Kopfes erregen.

Auch im größten Aerger darf man der Wahr­heit nicht so grob ins Gesicht schlagen, wie es dock durch die Behauptung geschieht: „die neue Verfas­sung bedeutck in ihrer Gesamtheit einen Rück­schritt; wir sind weiter von der Autono- m i e entfernt als vorher." Also das allgemein, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht zur zweiten Kammer und die drei Bundesratsstimmen bedeuten einen Rückschritt. Wenn Elsaß-Lothringen, dessen Gesetze bisher vom Bundesrat und Reichstag gemacht n-ur^ n, das Recht erhält, sich seine Gesetze in Straß- t r ' bst zu machen, so ist es von der Autonomie t. , 'hemt, als vorher! — Pbrasen von solcher

jCtn gelang es gleichwohl, in die Stadt zu kommeil, >och wurden sie von Dragonern vertrieben. ES kam zu einem heftigen Handgemenge. Die Gendar­men nahmen zahlreiche Verhaftungen vor. Die Ausschüsse des Winzerverbandes wollen den für morgen angekündigten Erlaß über die Entscheidung des Staatsrates abwacken. Falls diese nicht abge- ondeck wird, sollen die Gemeindeveckretungen von neuem ihre Erlasse geben intb die Steuern verwei­gert werden.

** Blutgericht in Mexiko. Nach einer Meldung aus Tucson in Ackzona sind bei Gawpania 28 Gegner MaderoS, sogenannte Liberale, sum­marisch erschossen worden. Die ,Newyork Times" meldet aus Mexiko: Die Demonstration der Anhängerinnen des Frauenstimmrechts fühcke zu einem ernsten Tumult, bei dem neun Personen erschossen worden sein sollen.

* Die Marokkowirreu. Die Spanier haben nun auch eine Gelegenheit gefunden, oder vielmehr diese kam ihnen wie gerufen, um unter dem Bor- Wand, Ruhe in Marokko zu stiften, zur Besetzung von Teilen des cherisischen Reiches zu schreiten, die ie dann nach französischem Muster sest halten. In Nordwestmarokko hat sich nämlich ein Bandenführer Tazzia zum Sultan aufgeworfen und plündert und brandschatzt das Land genau so, als wäre er der richtige Sultan, der es bekanntlich mit seinen Un­tertanen ebenso macht. Der spanische Minister des Aeutzern erklärte, daß infolge dieser Unruhen die Kriegsschiffe „Almirante Lobo" und „Catulana" nach Larrasch entsandt worden seien. Die Schiffe haben etwa 200 Infanteristen und Marinesoldaten an Bord.

Aus Uirche und Schule.

** Zm Prozeß Berdest wurde Montag abend gegen 9 Uhr in Rom das Urteil gefällt. Verdefl wurde wegen Verleumdung zu zehn Monaten Gefängnis und 833 Lire Geldbuße ver­urteilt. Der Staatsanwalt hatte 15 Monat« Gefängnis und 1500 Lire Geldbuße beantragt. Verdesi hatte bekanntlich nicht nur gegen feinen Beichtvater Bricarelli, sondern auch gegen den Papst den Dor­wurf d:S Bruches des Beichtgeheimnisses erhoben. Tie Strafe, die ihn ob dieser Verleumdung getroffen hat, ist hart, ober gerecht. — Papst Pius X empfing gestern Msgr. Bricarelli in Privataudienz und ließ sich über den Verlauf des Prozesses Bericht erstatten

verbürgen, sondern klare und feste Grund­sätze, Verständnis für die Aufgaben der Zeit, ein entschlossener Wille und die Fähigkeit zu po­sitiver Arbeit und treue Opferwilligkett der Anhänger.

V Ei« fortschrittliches Jubiläum.

Gestern waren 50 Jahre verflossen seither Grün- pung der deutschen Fortschrittspartei. Wrr haben liicht gemerkt, daß die Packei, die sonst so gern den Mund recht voll nimmt und sich vor den Leuten in bengalischer Beleuchtung sehen läßt, besondere Ver­anstaltungen zur Feier dieses Jubiläums getroffen iiat. Beim Rückblick auf das verflossene halbe Jahr- mnbert dürste ihr eben nicht allzu festlich zu Mute ein.

Ihre ,Z>eroenzeit" dauerte kaum 5 Jahre. Un­leugbar hatte sie anfangs eine große Mehrheit d e s B o l k e s hinter sich und konnte sich der tüch­tig st e n M ä n n e r als ihrer Mitglieder rühmen. >Aber das Volk blieb ihr nicht treu und ihre Führer waren im Ganzen mehr abstrakte Theoretiker mit diel Beredtsamkeit, als praktische Männer und dein Willen und der Kraft zur Tat. Ihr Verhängnis war, daß sie alsbald auf den Kraftmenschen Bis­marck und seine Heiser stieß. Bismarck war im politischen Kampfe nie skrupulös und hat nie viel danach gefragt, ob die Waffe, die er, sich zur Nieder- lverfting des fortschrittlichen Widerstandes bediente, besonders ritterlich war. Sie haben ihn ja ebenfalls Nicht gerade glimpflich behandelt, aber er besaß in seinem rücksichtslosen Wollen doch schließlich die oie größere Macht und hielt sich als Realpolitiker stets an die Wirklichkeit der Dinge, während die Fortschrittspartei mehr auf Programm und Theo­rien schwor und sich kaum recht klar gemacht hatte, Ido sie hinaus wollte und mit welchen Mttteln sie ihre politische Ziele verwirklichen könnte.

! Als dann Bismarck im Jahre 1866 so große Er­folge seiner Polittk ausweisen konnte, da zeigte sich, daß in der Fortschrittspackei der Glauben an das eigene Ideal schwankend gewor­den und eine starke Neigung zur Anbetung des Er- solgcs vorhanden war. Der größte Teil schlug srch ohne wetteres aus die Seite des bisher angefeindeten Staatsmannes und entzog dem „aufrecht" geblie­benen Rest die Lebenskraft. Es ist kein erhebender Anblick, eine Anzahl tüchtiger Manner sich in aus- ichtslosem Kampfe gegen Bismarck aufreiben zu ehe«. Man braucht gerade nicht der Ansicht zu ein, daß die Fockschrittler besser getan hätten, samt rnd sonders in das Lager der bismarckgetreuen Na­tionalliberalen überzugehen, aber etwas praktischer hätten sie ihre Sache doch angreifen können, um Er­folge zu erzielen.

Daß ein Bismarck doch nicht allmächtig war und mit den Packeien nach Belieben umspringen kounte, hat die Zentrumspartei bewiesen, die von ihm noch wert rücksichtsloser behandelt wurde als die Fortschrittspartei. Sie Hai sich nicht gesügt und das ist ihm mit allen seinen Machtmttteln nicht gelungen, sie zu zermalmen. .

Das liegt nicht lediglich in der Gewandtheit ihrer Führer, sondern an der Klarheit und Festigkeit ihrer Grundsätze. Allerdings standen auch die Masse der Wähler der Zentrumspartei mit bewunderuugs- würdiger Treue hinter ihr, wogegen die Fockschritts- packei nach ihrer politischen Niederlage von 1866 auseiuauderfiel. Tatsächlich hat sie aber erst nach Beendigung des Kulturkampfs ihre ausschlag- gebende Stellung errungen. Sie wußte cbcu praktisch den Beweis zu liefern, daß sie nicht überflüssig geworden sei, und sand sich mit erstaun­licher Gewandheit in die neue Lage. Die Führer hatten von vornherein nicht an grundsätzliche Op­position gedacht, sondern waren entschlossen zur po­sitiven Mitarbeit bei allen wichtigen Aufgaben, die an die Volksvertretung herantraten. Sie hatten Verständnis genug für die Bedürsnffse und Forde­rungen des Volkes, um immer ftifch mit anzugrerfen.

Die Fockschrittler dagegen verbissen sich immer mehr in eine unffuchtbare Opposition,, hielten an alte» Theorien sest, auch bann, als diese sich im praktischen Leben als unhaltbar erwiesen, und gaben dem Volke statt Brot leere Redensarten. Das rich­tete sie vollends zu Grunde; ein Teil ihrer Anhänger ging in das Lager der Sozialdemokratie über, ein anderer siel den Parteien zu, die namentlich auf Wirtschaftlichem Gebiete etwas mehr als schöne Theo­rien boten. Es ist fast rührend anzusehen, tote die Fortschrittler seit der Katastrophe von 1866, die durch 1870/71 noch „besiegelt" wurde, An­strengungen über Anstrengungen machen, um sich wieder emporzuarbeiten. Man teilt sich, man sammelt sich wieder, auf eine „Fusion" folgt in nicht langer Zeit eine „Sezession" und so ohne Ende weiter bis heute. Nie wieder hat die Packei es zur parlamentarischen Macht bringen können; wenn sie durch eine „Fusion" für ein Weil­chen eine stattliche Anzahl von Mitgliedern erlangt hatte, so machtet: die nächsten Wahlen alle schöne Hoffnungen wieder zu Wasser.

Seit gut Jahresfckft haben wir eine aus drei verschiedenen Parteigruppen zusamntetMflickte Fort­schrittspartei, nachdem der alte Name fast 20 Jahre gus unserem Packeileben verschwunden gewesen war. Das Auftreten dieser neuaufgebügelten Partei ge­stattet es bisher nicht, ihr noch eine große Zukunft zu prophezeien. Ihr törichtes Liebäugeln mit der Sozialdemokratie und die „unentwegte" Neigung zur Opposition, das Festhalten an einem neuen durch das Leben überwundenen Doktrinismus läßt alles eher als einen großen Auffchwung erwarten. Ihre Neigung, sich auf die Hilfe des Großkapitals und die Gunst der Regierung zu verlassen, verrät immer wieder ihre Schwäche: Mangel an Wurzeln im ei­gentlichen Volke

Als die Z e n t r u m s p a r t e i vor kurzem ihr 40jähriges Jubiläum feierte, konnte sie mst Genug­tuung auf die Vergangenheit zurück- und mst Zu­versicht der Zukunst entgegensehen. Wenn sie einst jhr öOjähriges Jubiläum feiern wird, kann sie es, das darf man heute schon sagen, mit mehr Stolz tun, als heute die Fortschrittspartei. Sie hat Her­borragende Männer in ihren Reihen gezählt; wenn die Fortschrittspartei sich der größeren Zahl solcher Männer rühmt, so wollen wir darüber nicht un­nötig streiten. Die Erfahrung zeigt, daß Männer Mein die Stärke und Lebenskraft einer Partei nicht