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M 12 T.

viellag den 6. Juni J9U.

58. Jahrgang.

* fuldaer W Zeitung

2. Blatt.

vrnck und Verlag der »iuldaer »ettendruckerei in Fulda.

»

♦♦♦ 70 oder 65?

Die Altersgrenze für den Bezug von Alters­rente wäre der Reichsversicherungsordnung bei­nahe zum Verhängnis geworden. Die von sozial­demokratischer und fortschrittlicher Seite gestellten Anträge auf Herabsetzung der Alters- tz r e n z'e von 70 aus 65 Jahre wurden nur mit einer ganz knappen Mehrheit abgelehnl, und das Gesetz dadurch vor dem Scheitern bewahrt, denn die Regierung hatte ihr striktes Unannehmbar ausgesprochen. Um das gewaltige Gesetzgebungs­werk mit seinen Vorteilen vor dem Falt zu retten, haben die Zentrumsabgeordneten nicht für die sozial­demokratisch-freisinnigen Anträge gestimmt, obschon ihnen die Forderung an sich durchaus sympathisch war.

Die sozialdemokratische Presse hat K daraufhin mit einem wahren Wutgeheul !r die bürgerlichen Parteien, insbesondere über die christlichen Arbeiterabgeordneten hergeftürzt. „Eine schamlose Komödie" (Leipz. Volksztg.), „un­aussprechlicher Schandfleck" und „niederträchtigster Verrat der sogenannten christlichen ArbeiMsekretäre" (Münchener Post), „Verrat an den Veteranen der Arbeit" (Essener Arbeiterztg.), das sind nur ein paar kleine Stilproben aus den Wutschschnaubenden Entrüstungsartikeln, die Inhalt und Tonart aber deutlich genug charakterisieren. Doch hier ist der tote Fuchs ahnungslos ober mit unglaublicher Frechheit in die Falle gegangen.

Wenn es jedem vernünftigen Menschen bei der Antragstellerei der Sozialdemokraten zu jedem Para­graphen der Reichsversicherungsordnung schon voll­ständig klar war, daß dies alles nur aus a g i t a- torischen Motiven geschieht und darauf be­rechnet ist, das Gesetz zu Fall zu bringen, so kann dies gerade bei der Frage der Altersrente und be­sonders Altersgrenze zum Bezüge derselben in dras­tischer Weise nachgewiesen werden. In Wirklichkeit ist der Sozialdemokratie die Herabsetzung der Altersgrenze nicht nur v o l l st ä n d i g s ch n u p p e, sondern sie ist sogar d a g egen. Ser Zentrumsabgeordnete Becker hat bereits im Reichs­tage zum Beweise dessen hingewiesen auf einen von einem Parteitage gefaßten Bes ch luß. Dem sozialdemokratischen Partestag von 1905, ab­gehalten vom 17. bis 23. September in Jena, lag folgender Antrag vor:

»Parteigenossen in Günsbach: Die Reichstags- fraklion aufzufordern, im Reichstage energisch die Herabsetzung der Altersgrenze vom 70. auf das 65. Lebensjahr im Altersversicherungsgesetz zu verlangen. <Seite 124 des Protokolls).'

Wer jetzt die sozialdemokratische Fraktion im Reichstage beobachtet hat und die von Entrüstung triefenden Artikel in der sozialdemokratischen Presse liest, der wird natürlich gar nichts anderes anneh- men können, als daß dieser Antrag von allen Seiten stürmisch befürwortet und einstimmig angenommen worden wäre. A b e r — und das ist für das jetzige heuchlerische Gaukel- und Doppelspiel der roten De­magogen geradezu niederschmetternd — das Ge­genteil geschah. Der Antrag für die Herab­setzung der Altersgrenze von 70 auf 65 Jahre ein« zutreteu, wurde vom roten Arbeiterpar­lament abgelehnt. Der in der sozialdemo­kratischen Partei als Fachmann und Spezialist auf dem Gebiete der Sozialpolstik geltende Abgeordnete Mo l k e n b u h r, fest Singers Tod auch Vorsitzender der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, wandte sich mit sachlichen Argumenten ganz entschieden gegen den Antrag. Er führte aus:

„Der Antrag 84 enthält eine alte, sehr populäre und nt der Agitation leicht anwendbare Forderung, die bei vielen Leuten großen Anklang findet. Aber sieht man die Forderung näher an, dann wird man zu der Neberzeugung kommen, daß es keine unglücklichere Forderung beim Alters- und Jnvalidenveisicheruags- gesetz geben kann als gerade diese. Mit ihrer Ber- wirllichung würde den Industriearbeitern der denkbar schlechteste Dienst erwiesen werden. Ist ein Arbeiter arbeitsunfähig, daun kann er Invalidenrente erhalten, und diese Rente wird er auch persönlich verbrauchen können.' Ist er aber noch arbeitsfähig, und verdient gerade jo viel wie jeder Arbeiter auf derselben Stelle, so wird ihm, fall- er dann Rente erhält, diese Rente durch Kürzung des Arbeitslohnes vielfach wieder ab­gejagt. Die in den Königlichen Eisenbahnwerlstätten beschäftigten Leute, welche Altersrenten erhalten, kommen gewöhnlich mit demselben Tage, wo ihnen die Alters­rente zugesprochen rohb, in eine niedrigere Lohnklasse,

und es ist nicht selten, daß ihnen ein Mehr an Lohn abgezogen wird, als sie in Form von Renten erhalten Die Forderung würde zur Folge haben, daß ungefähr drei Landarbeiter Rente erhallen und ein Jndustrie- arbester. Die Landarbeiter haben nun aber bekanntlich kein Koalitiousrecht, die Bauern werden dem alten Mann leicht seinen Lohn kürzen, und würde die Er­füllung der Forderung auf eine Unterstützung der Grundbesitzer hinauslaufen. Sobald die Altersrente herabgesetzt wird, wird der Zuwachs an Altersrentnern so groß sein, daß die Beiträge erheblich erhöht werden müssen; die Durchführung dieser Forderung wäre also nichts anderes als eine Belastung der Industriearbeiter zugunsten der Grundbesttzer. Das ist auch der Grund, weshalb die Sozialdemokraten diese Forderung nicht mehr erhoben, sie ist zuletzt im Reichstage von dem bekannten Führer des Bundes der Landwirte von Plötze erhoben worden, der sich sagte, daß dadurch die Grund­besitzer eine erhebliche Ersparnis an Lohn haben würden. Ich sehe also nicht ein, weshalb wir mit einer solchen Forderung kommen sollen. Wollen wir an dem Gesetz etwas ändern, so haben wir dafür zu sorgen, daß die Leute leichter in den Bezug der Jnvaldenrente kommen können^ (Seite 227 des offiziellen Parteitags-Protokolls).'

Nachdem Molkenbuhr die Konsequenzm dos An­trags in dies« Art und Weise geschildert hatte, wurde er, wie gesagt, abgelehnt. (Siehe Pro­tokoll Seste 232.) Seitdem sind kaum 6 Jahre ver­flossen und nun fordert es das Agitationsbedürfnis und die Verhetzungstaktik der roten Demagogen, wieder einmal den ganz entgegengesetzten Standpunkt zu vertreten. Jetzt stellen sie im Reichstage Anträge und kämpfen mit gut gespielter Energie und Hartnäckigkeit für eine Forderung, wie „es keine uuglücklichere beim Alters- und Jnvalidenversicherungsgesetz geben kann", mit deren Verwirklichung „den Industriearbeitern der denk­bar schlechteste Dien st erwiesen würde", weil sie nur „auf eine Unterstützung der Grundbesitzer hinauslaufen würde"! Jetzt schimpfen die Ge­nossen und ihre Blätter mit Aufbringung ihrer gan­zen Lungenkraft über diejenigen Parteien und 9(6= geordneten, die einen Antrag ablehnten, dessen Durchführung nach Molkenbuhr, dem sozialdemo­kratischen Fraktionsvorsitzenden, „nichts anderes als eine Belastung der Industriearbeiter zugunsten der Grundbesitzer" im Gefolge hätte, weil „dadurch die Grundbesitzer eine erhebliche Ersparnis an Lohn ' haben würden". i

Noch niemals hat so drastisch der Beweis geliefert • werden können, daß die Sozialdemokratie: mit den ihr anvertrauten Arbeiterin- s teressengeradezuSchindludertreibt. > Ekel muß jeder anständige und ehrliche Mensch em-1 pfinden, der diese abgrundtiefe Unehrlichkeit und dieses Gaukelspiel mit ansehen muß, Bedauern und Mitleid, daß sich Tausende von deutschen Arbeitern von solchen Demagogen am Narren­seil führen lassen.

Der letzte Satz in den Ausführungen Molken- buhrs aber ist eine glänzende Anerkennung und Rechtfertigung der Haltung des Zentrums und der christlichen Arbeitervertreter. Sie haben nämlich dastir gesorgt, daß die bedürf­tigsten Invalide nrentner eine wesent - l, che Erhöhung ihrer Bezüge erhalten. Ihren Anregungen und Bemühungen ist es zu ver­danken, daß für jedes Kind unter 15 Jahren ein Zuschuß von 10 Prozent bis zum Betrage ton 50 Prozent gewährt wird. Damit ist den Aermsten der Armen viel bester gedient, wie mit den utoprstischen Anträgen, die nur der Berhetzungstaktik entsprun­gen sind.

-I« Die „Stimmen sus Maria-2aach" gegen Professor Dr. Küster.

Man erinnert sich noch der gewundenen und gedrehten Behauptung des Herrn Profeffor Dr. Küster in seiner Herrenhaukrede vom 7. April über den Antimodernisteneid, die italienische Zeitung .Offervatore SRomane' habe gesagt, mau könne ja nach ein paar Jahren den Eid roirber ausheben. Dazu machte dann der Redner die Bemerkung: ..es gibt wohl kaum eine zynischere Verhöhnung der Heligkeit des Eides" und mit der Beifügung, falls die Küstersche Behauptung richtig fei, traten auch andere Redner seinem Schlußnrteile bei.

Allein, von jener Zeitung aufgefordert, Nummer und Datum und Wortlaut anzuführen, mußte der

Ankläger schweigen und die Feststellung sich gefallen lasten, daß niemals in jener Zeitung ein solcher Satz gestanden habe!

Da erstand dem Herrn ein Helfer in dem Apostaten Konstantin Wieland, einem in theologi- scheu katholischen Fragen ganz außerordentlich urteilsunfäh'gen Manne. Dieser verwies auf bte Jesuiten-Zeilschrift »Stimmen aus Maria-Laach', in welcher ähnliche Sätze gestanden hätten. Und stehe da! der Herr Profestor veröffentlichte in der .Täglichen Rundschau' (Nr. 189) drei Sätze, welche er mit jener Hilfe aus teilweise mehrere Jahre zurückliegenden Jahrgängen jener Zeitschrift ausge­graben hatte. Sie lauten:

„Dieser Verstandesgehorsam (nämlich päpstlichen Lehren gegenüber, die nicht ex cathedra erfolgt sind) ist eine aus religiösen Gründen geleistete Zullimmung, der stillschweigend die Bedingung zugefügt ist: falls sich nicht später das Gegenteil als richtig herausstellt."

„Freilich lehrt der hl. Vater verhältnismäßig selten durch Kathedralentscheidungen, er will nicht von dem Vollmaße seiner apostolijchen Machtfülle immer Gebrauch machen. Er kann von seinen Kindern, auch von den Gelehrten, Glaubensgehorsam verlangen, selbst da, wo er kein ,.decernimus et definimus“ spricht."

„Es ist der Wahrheitssinn, der uns antreibt, dem kirchlichen Lehramt . . . auch dann uns innerlich zu unterwerfen, wenn es nicht mit dem feierlichen Auf- aebote der Unfehlbarkeit redet. Wir unterwerfen uns dann nicht unbedingt (Anmerkung von Prof. Küster: aber doch eidttch!) — nicht unter Ausschluß der Mög­lichkeit, daß letzten Endes etwas anderes das Richtige sein könne, nicht assensu fidei (mit der Glaubenszu­stimmung) — beim das Lehramt übernimmt keine un­bedingte Gewähr, aber wir unterwerfen uns doch mit wahrer innerer Zustimmung."

Diese Sätze mußten Herrn Profeffor Küster her­halten als Unterlage für folgende verblüffende Schluh- folgerung:

„Damit ist also gesagt, daß zwar das.Lehramt sich in keiner Weise bindet, vielmehr jederzeit das Gegenteil des Bisherigen aufstellen kann '!.'), sich silbst alle Rückzugswege offen läßt, dagegen vom Klerus eine eidliche Unterwerfung unter seine Dekrete verlangt. — Dem habe ich nichts weiter beizusügen."

Diese merkwürdige Logik stammt, um etwaige Zweifel über ihre Herkunft zu beseitigen, von einem deutschen Hochschulprofessor! Wo steht in diesen Sätzen auch nur dem Sinne nach angedeutet, daß man den Eid nach Jahren wieder aufheben könne? Ist denn einer dieser Sätze überhaupt gesprochen in Hinsicht auf den Antimodernisteneid? Darüber hätte Küster am besten Aufschluß bekommen, wenn er sich statt an den Apostaten Wieland an die Redaktion selbst gewendet hätte, für den Fall, daß er jene Zeitschrift in der ihm zugänglichen Bibliothek nicht einsehen konnte darüber, was sie über den Antimodernisteneid geschrie­ben hatte. Weil er diese elementarste Klngheitsmaß- nahme vernachlässigt hat, muß er sich jetzt von der von ihm augeschuldigten Zeitschrift sagen kaffen:

1. Enthalten die von Professor Küster angeführten Stellen ausdrücklich und förmlich die Behaup­tung, „man könnte ja gatu bequem nach einigen Jahren den Eid wieder ausheben"? Richt im mindesten. Keine der drei Zitate spricht vom Autimodernisteneide; die zwei ersten liegen, da sie im September 1907 ge­schrieben wurden, volle drei Jahre vor dem Motu pro» prio, durch welche? der Eid vorgeschrieben wurde, und die Klammer (Anmerkung: aber doch eidlich) rührt von Profeffor Küster, nicht aber von Pater Zimmermann her.

2. Enthalten die angeführten Stellen, wenigstens e i n s ch l u ß iv e i s e, die Behauptung, „man lömtte ganz bequem nach einigen Jahren den Eid wieder auf­heben"? Keineswegs, denn sie reden überhaupt nicht von eidlicher Beipflichtung. Wo aber die „Stimmen" vom Anlimodernisteneide reden, im Februar- und März­hefte ds. Js., betont P. Beßmer ausdrücklich, daß der Inhalt des Eides nie zurückge- nontmen werden kann. Der Lehrgehalt des Antimodernisteneides ist irresormabel ....

3. Haben unsere beiden Mitarbeiter inbezug auf den Antimodermsteneid gesagt, was Dr. Küster in ihre Worte hinein legt, „daß zwar das Lehr­amt sich in keiner Weise bindet, vielmehr jederzeit das Gegenteil des Bisherigen aujfteUen kann, sich selbst alle Rückzugswege offen läßt, dagegen vom Klerus eine eidliche Unterwerfung unter feine Dekrete verlangt"? Das haben sie nirgends gesagt. Das liegt nicht in ihren Worten; denn sie sprechen an den angeschuldigten Stellen n cht vom Antimoderuisteneide. Sie konnten es nach ihrer innersten Ueberzeugung nicht sagen; beim sie wissen und glauben, daß die kirchliche Autorität durch das Dogma und seine Folgerungen gebunden ist, und daß es da keinen Rückweg gibt. Die Kirche gehl mit der Wahrheit nicht um wie manche ihrer Feinde.

Gleichwohl hat Professor Dr. Küster es ab g e» lehnt, seine unbegründeten Anschuldigungen zurückzunehmen. Zur Erllärung dieses seltsamen Ver­haltens gibt es nur eine doppelte Annahme: Entwe­der man handelt nach dem sonst so scharf als ^jesui­tisch" verurteilten Satz, daß der Zweck das Mittel heilige oder — da wir so was bei einem deutschen Hochschullehrer nicht annehmen wollen, so bleibt nur das andere, — daß man sich der Tragweite der eignen Worte nicht bewußt ist, weil man über Dinge geur­teilt hat, die man nicht begreift. Daß das letztere der Fall tft, dafür spricht allerdings die Vorstellung des Herrn Professors, als könne das kirchliche Lehramt das Gegenteil des Bisherigen verkünden. Das ist frei­lich eine Vorstellung, über die jedes im Katechismus unterrichtete Kind lacht.

X Bor -en Wahlen in Oesterreich.

Oesterreich steht mitten int Wahlkampfe. Mi­nisterpräsident Baron Bienerth hat an die Wähler appelliert. Das aufgelöste Haus vermochte nichts zu leisten; nicht einmal den Staatsvoranschlag brachte es fertig, vom Finanzplan und damit von neuen Steuern schon gar nicht zu reden.

Der Wahlkampf für das neue Abgeordnetenhaus wird charakterisiert durch das Bestreben des bürger­lichen Freisinns und der Sozialdemokraten, koste es was es wolle, die starke Macht der verhaßten Christlich-Sozialen zu brechen. In W i e n tobt der Kampf am heftigsten, weil jede Partei die Bedeutung der Reichshaupt- und Residenzstadt in bezug auf Parteizugehörigkeit kennt. Eine Partei, die nicht m Wien festen Fuß und wenigstens die Mehrheit der Mandate hat, ist eine machtlose Partei. Das war neben anderen mit ein Grund, warum seinerzeit die Konservativen sich der christlich-sozialen Vereinigung angeschlosscn haben. Daher die wütenden Angriffe und skrupellosen Stürme aller Gegner der christlichen Weltanschauung auf diese Bastion der christlich- sozialen Reichspartei. Hier nimmt der Kamps schon Formen an, die man in zivilisierter Gesell­schaft kaum für möglich halten sollte. Daß sich da­bei die sogenannten Fortschrittlichen besonders her­vortun, kann nicht zu ihrer Ehre gesagt werden. Trotz aller Befehdungen sieht jedoch die chrrstlrch- foziale Partei zuversichtlich dem Hauptwahltage, dem 13. Juni entgegen. Es ist ja immerhin mög­lich, daß das eine oder andere Mandat verloren gefjt — bei dem Terrorismus der Gegner wäre eS gar fein Wunder —; aber int großen und ganzen wird die christlich-soziale Partei in Wien thre bts- herige Machtstellung behaupten.

Einen wunden Punkt in diesem Kampfe der christlick-sozialen Partei gegen die atheistischen Ele­mente bildet Tirol. Dort findet ein wütender Bruderkrieg zwischen beiden auf deut Boden des Christentums stehenden Parteien, zwischen den Konservativen und den Christlich-Sozialen, statt, und es ist sehr zu befürchten, daß aus diesem Bru­derkrieg der Gegner als lachender Dritter hervor­gehen wird.

Bekanntlich haben bei den letzten allgemeinen Reichsratswahlen die Christlich-Sozialen die konser­vative Partei aus allen ihren Positionen verdrängt. Ein gerechter Berichterstatter muß zugeben, daß ein- zelne Persönlichkeiten der ersteren hierbei mitunter über die Schnur gehauen haben mögen. Aber auch die Parteien müssen sich mit den Tatsachen abzu- finden wissen. Wie Staaten, die sich in blutigen Schlachten schwere Wunden geschlagen haben, später vereint zusammenwirken, wenn es ein großes Jn- tLresse erfordert, und wie Monarchen in dieser Be­ziehung oft die größten Opfer bringen, so sollten auch die Bruderparteien in Tirol der gemeinsamen Sache des Vaterlandes und des Christentums das Opfer der Einigung bringen. Hoffentlich gelingt es noch in der elften Stunde, durch einen gerechten Ausgleich die beiden feindlichen Brüder zu vereinen.

Zwei Punkte, die schwer zu denken geben, weist dieser Wahlkampf auf: die Geschlossenheit der so­zialdemokratischen Partei — wenn wir von den deutsch-tschechischen Konflikten, die auch schon diese Partei ergriffen haben, absehen — und die Zer­klüftung und gegenteilige Befehdung innerhalb der bürgerlichen Parteien. Wohin wird diese Verblendung bürgerlicherseits noch führen?

Kleines Fenilletou.

— Der Sternenhimmel im Juni.

Im sechsten Kalendermonat, von den alten Rö­mern der Göttin „Juno" geweiht und von den alten Deutschen als „Brachmond" (wegen Bearbeitung des Brachfeldes) bezeichnet, erreicht die Sonne diesmal am 22. Juni, dem Tage der Sommerfonnemvende, ihren höchsten Stand über der nördlichen Erdhalb­kugel. Die an sich schon sehr kurzen Juninächte wer­den noch durch lange Dämmerungen, besonders in höheren nördlichen Steilen, erhellt, so daß dieser Monat bei uns für intensivere Himmelsbeobachlungen weniger geeignet ist. Damit hängt vielleicht auch die statistisch erwiesene Tatsache zusammen, daß in den Monaten Mai und Juni auf der nördlichen Halb­kugel verhältnismäßig wenig astronomische Entdeckun­gen in her Regel gemeldet werden.

Der Mond, dessen Hauplphasen in diesem Mo­nat auf den 3. (erstes Viertel), den 11. (Vollmond), den 19. (letztes Viertel) und den 26. (Neumond) fallen, steht am 11. Juni in Erdferne und am 26. in Erdnähe auf seiner fast kreisförmigen Bahn um unse­ren Planeten. Neuerdings sind sehr intereffante pho­tographische Aufnahmen unseres Satelliten im ultra- bioletten und roten Lichte gemacht worden, wobei ab- Iorbierende Flüssigkeitszellen verwendet wurden. Durch sie hierbei festgeslellten Unterschiede an verschiedenen Stellen auf dem Monde, von denen einige mehr rotes Licht (lange Wellenlängen), und die anderen mehr ultravtoletle Strahlen (kurze Wcllenhängen) aussen- den, wird es vielleicht bei fortgesetzten Studien dieser Art nicht unmöglich fein, einzelne Gesteinsarten der Oberfläche unseres Satelliten auf ihre Natur hin zu erforschen und somit znm ersten Male aus weiter Ferne geologische Unlerstichungen anzustellen.

Von den griffen, mit bloßem Auge sichtbaren Pla- Beten ist der swmennächste Merkur, der flüchtigste aller Wandelsterne, noch immer Morgenstern, kann je­doch nur ganz tief am östlichen Horizont kurz vor Sonnenaufgug gesehen werden. Dagegen strahlt

Venus als glänzender Abendslern bis gegen 11 Uhr „och immer im Westen am Firmament, wo dieser Planet eine der schönsten und auffallendsten Himmels­marken bildet. Unser Nachbarplanet Mars kommt allmählich wieder in etwas günstigere Sichtbarkeits- bebingungen. Er gehl, im Sternbilde der Fische stehend, schon bald nach Mitternacht auf und rückt all­mählich der Erde naher. Am 21. Juni steht Mars dicht über der abnehmenden Mondsichel. Der Riefen­planet Jupiter mit seiner merkwürdigen Schar von acht Trabanten, von denen nur vier im kleineren Fernrohr sichtbar sind, leuchtet im ersten Teil der Nacht als strahlende Marke am Himmel und steht am 8. Juni dicht über dem Monde. Neuere Beobachtun­gen an diesem feurig-flüssigen Planeten, der das Bild der vergangenen Zeit unserer Erde darstelll, lassen wieder zahlreiche Flecken, Gaswolken und Strömun­gen auf der in steter Eruption befindlichen Oberfläche jenes Wandelsterns erkennen. Am Abend des 11. Juni laßt sich die Verfinsterung des dritten und hell­sten Jupilermondes sehr bequem schon im Krimstecher beobachten. Der Trabant tritt 9 Uhr 18 Min. in den Schattenkegel des Jupiter ein und um 10 Uhr 38 Min. wieder aus. Der Ringplanet Saturn mit feiner zahlreichen Schar von 10 Trabanten, die jedoch nur in großen Fernrohren sichtbar sind, geht jetzt in der zweiten Hülste der Nacht lm Slernbilde des Wid­ders auf; er kann also am Oslhimmel kurz vor Son­nenaufgang gesehen werden.

Aus der Well der Kometen ist zu berichten, daß der periodische Komet Encke mit etwas über drei­jähriger Umlaufszeit um die Sonne, bet in diesem Sommer wieder in die Sonnennähe kommt, nur unter ungünstigen Bedingungen zu sehen sein wird. Der Halleysche Komet mit 75jähriger Umlaufszeit hat sich inzwischen so weit von der Sonne entfernt, daß er nur noch als Nebelfleckchen etwa von der 16. Größenklasse in ganz großen Teleskopen gesehen werden kann.

Aus dem Reiche der Fixsterne endlich kann von sehr interessanten neuen Messungen auf photo- spektroskopifchem Wege über die mutmaßliche Tempe­ratur der Sterne berichtet werden. Aus Gmnd pho­tographischer Vergleichungen verschiedener Teile der

Sttrnspektren hat man auf die Temperatur jener fer­ner Himmelskörper schließen können. Danach kommt die niedrigste Temperatur von 4000 Gr. dem Stern Eta Pegafl und die höchste von fast 12 000 Gr. dem veränderlichen Sterne Algol zu. Ungefähr in der Mitte zwischen diesen beiden Temperawrextremen Jiegt die Temperatur unser Sonne, die von fernen Wellen gesehen ja auch als Fixstern sich bacbielet.

— Neuartige Verlobangsanzeigen. Um wieder mal etwas Neues herauszustecken, geben die Amerikaner gewisser Kreise Verlobungen in der Familie nicht mehr offiziell durch Karlen bekannt, sondern sie machen ein kleines Geheimnis daraus und überlassen alles andere dem Zufall, der sich allerdings auch pünktlich einfleüt. Die Mutter der Braut ladet zu einem kleinen Gabelfrühstück ein. Man schmaust und scherzt wie sonst auch bei solchen Lunchs, bis plötzlich in Blumen versteckt, in Gläser graviert, unter dem Teller verborgen ober sonstwie jemand zwei verschlungene Buchstaben bemerkt, ein Mono­gramm, die Vornamen von Braut und Bräutigam darstellend. Die Sache fällt auf, man munkelt, man spricht, man weiß, man gratuliert. Muß das ein großartiger Spatz feinl vs.

— Der Reichtum unseres Kaisers. Unser Kaiser ist der reichste Gutsbesitzer in Deutschland. Er be­sitzt nicht weniger als 52 Schlösser und schloßartige Grundstücke, zu lenen insgesamt 83 Güter gehören. Was diese einbringen, ist natürlich schwankend, immcrhin ergeben sie einen ganz beträchtlichen ,Zu­schuß" zu der Zivilliste, die der Kaiser als König von Preußen erhält, und die jetzt bekanntlich 20 Mill. Mark beträgt. Die Wälder und Felder der Kaiserlichen Güter umfassen 98 748 Hektar, d. i. 987 Quadratkilometer, eine Fläche, die 15mal so groß ist wie die des Stadtkreises Berlin. Da kann man schon etwas ernten! Nimmt man den Rein, ertrag eines Hektars durchschnittlich mit nur 100 Mark an, so ergibt sich eine jährliche Einnahme von ca. 10 Mill. Pik. Dazu kommen noch die Zinsen eines baren Millionen-Vermögens. Dem

Kaiser zunächst folgt der Fürst von Pleß mit 75 Gütern von 51 Quadratkilometern Umfang, dann der Herzog von Ujest mit 52 Gütern von 39 Qua­dratkilometer Umfang und der Herzog von Ratibor mit 51 Gütern von 33 Quadratkilometer Umfang. Der König von Sachsen als nächster besitzt „nut* 50 Güter mit 31 Quadratkilometer Umfang, vs.

— Einen Kampf gegen die Heiratsagenturen wollen die Frauen-Vereine in Amerika aufnehmen. Es gibt dort drüben gegen 5000 derartige Geschäfte, wie die Vorsitzende der „Amerikanischen Reltungsgeseltschast für Frauen*, eine Frau Charlotte Smith, jüngst öffentlich mitteilte, und man kann daraus leicht be­rechnen, wieviel Eheleute in Amerika rein geschäfts­mäßig zusammenkommen. So kann es auch nicht Wunder nehmen, wenn man in den Vereinigten Staaten allein 50000 unglückliche Frauen zählt, die von Betrügern geheiratet, dann ausgeplündert und meist in großem Elend sitzen gelassen wurden, wo.

— Ei» Vogel als Schäferhund. In Venezuela gibt es einen Kranich, Iokamik genannt, der wohl der intelligenteste aller Vögel genannt werden kann. Die Eingeborenen verwenden ihn ganz so wie bei uns die Hirten ihre Schäferhunde zur Beaufsichtigung ihrer Herden. Oftmals lassen sie die Herden ganz allein mit dem Vogel und sind sicher, daß dieser die Tiere, die manchmal meilenweit fortziehen, wie­der vollzählig zurückbringt, indem er sie vor sich her treibt. -vs-

— Anders gemeint. Frau (zu ihrem Mann): „Schämst Du Dich nicht vor dem Gasttvirie, zwölf Glas Bier zu trinken?" — Mann: „Freilich schämte ich mich; ich hatte aber kein Gelb mehr, sonst hätte ich mehr getrunken."

— Zerstreut. Ein Professor hält eine Vorlesung vor leeren Bänken. Plötzlich bemerkt er dies, klappt sein Buch ärgerlich zu und ruft: „Daß niemand zu meiner Vorlesung hier ist, ist schon bedauerlich, daß mich auch keiner meiner Zuhörer daraus auftnerksam macht, ist geradezu empörend!"

— Gemildert. „Der alte Herr, mit dem Sie gestern gingen, war wohl Ihr Herr Papa?" »Ja­wohl — aber man sieht ihn mir nicht an."