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Fulda, Dienstag Den 6. Juni 1911.

Erstes Blatt

M 127.

38. Jahrgang.

** Offiziöse Anerkennung für den Reichstag.

Die ,Nordd. 9111g. Ztg/ kommt in ihrer Pfingstnummer auf den verflossenen Tagungsab» schnitt zurück und spendet dem Reichstag «n< ringeschränktes Lob für seine Tätigkeit in den letzten Wochen, die allen Pessimismus zuschanden gemacht habe:

„Von welchem Standpunkte aus man die Arbetten des Reichstags im verflossenen Tagungsabschmtt auch betrachten mag, wie man sich auch stellen mag zu den Ergebniflen dieser Arbeiten, immer wird der Eindruck haften bleiben, daß in anstrengender Tätigkeit bedeutsame gesetzgeberische Leistungen vollbracht worden sind. Der Pessimismus, der noch während der Osterpause dem Reichstage hoff­nungslose Schaffensmüdigkeit nachsagte und jede Aus« sicht'auf das Zustandekommen der wichtigen zur Er­örterung stehenden Gesetze verneinte, muß bekennen, daß et vorübergehende Hemmungen überschätzt und den vorhandenen Willen 'zur Tat nicht nach Gebühr gewürdigt hat . . . Das Gesamtergebnis der Tagung ist ein beredtes Zeugnis für die Arbeits- .fähigkeit und Arbeitswilligkeit dieses Reichs­tages, deffen vorzeitige Auflösung während der letzten zwei Jahre vielfach gefordert wurde. Ein Beweis- flrimb zugunsten dieser Forderung ist aus den posi­tiven Leistungen des Reichstages nicht herzuleiten. Selbst in solchen Blättern, die an den von der Re­gierung eingebrachten Entwürfen oder an der end- giltigen Gestalt der Gesetze Kritik übten, wird beim Vergleich der parlamentarischen Lage vom Herbst 1909 mit der heutigen Situation anerkannt, daß der Reichs­kanzler mit seiner Hoffnung, der Zwang zum Schaffen werde sich über alle Parteiwirren hinweg gellend machet?, recht behalten habe."

91 Co der .Zwang zum Schaffen" ist es gewesen, er hat über die „Parteiwirren" gesiegt.

Ohne dem Verdienst des Reichskanzlers irgend' wie ztt nahe zu treten, möchten wir hervorheben, daß der Schaflensdrang nnd die Bereitwilligkeit zu solider Ar bett im Zentrum und auch bei den Konservativen schon längst vorhanden war, daß aber die „Parteiwirren" ihren lähmenden Einfluß auf der linken Seite des Hauses geltend machten. Dort legte man sert dem Blockkrach das Arbeitszeug aus der Hand und betrieb Taktik, nichts als Taktik, drinnen im Reichstag und draußen im Hause. Tie Linke mußte erst von der Haß- und Hctzpolitik hinweg, wieder zu positiver Mitarbeit heiangelockt und erzogen werden: das ist in be- trächtlichem Maße gelungen. Die Liberalen haben an den beiden großen Errungenschaften der letzten Woche (Bersicherungsrcform und elsaß-lothringische Versaffungsresorm) wenigstens in ihrer Mehrheit sich beteiligt, und die Sozialdemokratie hat bei dem Vcrsasfungsgesetze gezeigt, daß sie zur Abwechselung auch einmal Ja sagen kann.

So ist in erfreulicher Weise B r es ch e gelegt und die bisher so hochgepriesene „Taktik": alle Kraft und Kunst auf den W a h l ka m p s gegen die „Schwarz­blauen" zu konzentrieren und inzwischen unter Hohn und Spott die Mitarbeit zu verrveigern.

Eine Besserung ist angebahnt, aber ausgerottet ist das liebel noch nicht. Soeben haben wir noch ■bei der kritischen Abstimmung über~ die 65jährigen Altersrentner einen „taktischen" Streich des Herrn Bassermann und der Hälfte seiner Fraktion be­obachten müssen. Hinterlistig ließen diese Herren dcC Kompromiß im Stich, und zwar gerade an eit i Punkte, wo die nationalliberale Partei nach itjur Ueberlieferung und nach ihrer wirtschaftlich- sozialen Natur aus sachlichen Erwägungen unbebmgt und mit Eifer sür den Regierungsstandpunkt ein» treten mußte. Bassermann, Stresemann und Ge- noffeu frevelten an der Sache, um für ihre Wahl- taklik Vorteile zu ergattern: einerseits sollte der Resierung der Ruhm des Gelingens geschmälert, andererseits die für Stichwahlen nützliche Fühlung mit der Sozialdemokratie gepflegt werden. Der

Schachzug ist mißlungen, aber lehrreich bleibt er doch.

Ebenso ist es beachtenswert, daß in der liberalen und demokratischen Presse noch fortwährend die Dinge durch die „taktische" Brille betrachtet werden. Weil man selb« in einem fort an die Wahlkünste und Wahlaussichten denkt, schiebt man den anderen Parteien bei ihren Entschlüssen und Handlungen „taktische" Beweggründe unter, auch wenn die sachlichen Beweggründe klar auf der Hand liegen.

So sagt z. B. die fortschrittlich - demokratische ,Frankf. Ztg/ zu den jüngsten Erfolgen des Reichs­kanzlers, er habe dabei die Gunst verschiedenartiger Parteiintereflen für sich gehabt, und insbesondere habe dem Zentrum ebenso viel wie dem Kanzler an dem Spiel mit wechselnden Mehrheiten liegen müffen, um sich vor seinen Wählern nicht zu sehr durch die Intimität mit den Junkern zu kompro- mittieren. Welch eine verdrehte Auffassung! Da soll das Zentrum sich die Mühsal und das Risiko des elsaß-lothringischen Verfaffungswerks aufgehalst haben, um nur seinen zukünftigen Wählern zu zeigen, daß es auch einmal ohne und gegen die „Junker" vorgehen könne. Erstens betrachten unsere Wähler es überhaupt nicht als „kompromittierend", wenn die Konservativen mit dem Zentrum stimmen; unsere Wähler müßten ja auch nicht bloß den Verstand, sondern auch den guten Geschmack verloren haben, wenn sie verlangen sollten, daß das Zentrum stets mit dem Abg. Müller-Meiningen oder Baffermann, oder Stadthagen zusammengehen sollte. Zweitens aber, wenn das Zentrum bei der elsäffisch-lothringi- schen Verfaffungsfrage seinen Wahlvorteil hätte ausschlaggebend fein laffen, so würde es einfach die Sache haben scheitern laffen. Es brauchte nur die eine oder andere weitgehende, volkstümliche Forderung aufrecht zu erhalt-n; dann war cs mit guter Manier der Verantwortlichkest für den kühnen Versuch ledig und hatte mit seinen bisherigen Freun­den und Nachbarn im Reichslande keine Schwierig­keiten. Mit vollem Bewußtsein hat das Zentrum seine eigenen Partei-Jntereffen hintangesetzt und Gefahren für die nächsten Wahlen, sowie für die Propaganda in Elsaß-Lothringen überhaupt in den Kauf genommen. In uneigennütziger Weise (man könnte sogar von Opferwilligkeit reden) hat es seine Pflicht gegenüber dem Reichslande und dem Reiche getan, nachdem es erkannt hatte, daß die Verabschiedung dieser Verfaffungs-Reform trotz aller noch anhaftenden Mängel für das Wohl beider Teile notwendig ist

Ob der Reichstgnz 1 er gelegentlich mal den Wunsch hat, seine Unäddangigkeit von der kon ser­vativen Partei zu bekunden (oergl. r. B. dos Leichenverbrennungs-Gesetz), laffen wir dahingestellt. Eine so schwierige und „riskante" Arbeit, wie beim elsaß-lothringischen Versaffungs-Gesetze, über­nimmt aber ein vernünftiger Staatsmann nicht zum bloßen Zwecke einer taktischen Demonstration, son­dern im Bewußtsein der allgemein-politischen Not­wendigkeit.

Die Leser jener Blätter werden vollständig irre­geführt, wenn alle Handlungen der Minister, der Zentrums- und der konservativen Politik ihnen als Ausflüsse einer raffinierten .Taktik" geschildert wer- den. Diese Künstelei und Liebedienerei vor der be­weglichen Wählerschaft überlaffeu wir den Stimmen- und Mandatsjägern auf der Linken. Wir halten es lieber mit dem Spruche: „Tue Recht nnd scherte niemand I"

Die redliche Arbeit zum Wohle des Volkes ist unt bleibt ans die Dauer die beste Wahltaktik.

Deutsches Reich.

i Berlin, 5. Juni 1911. Der Kaiser empfing am SamStag den Prinzen Moritz zu Schaumburg- Lippe zur Mitteilung des Regierungsamritts des

Fürsten Adolf zu Schaumburg-Lippe. Vorher nahm er den Vortrag des Staatssekretärs des Reichs- marineamtS entgegen. — Beim Prinzen Joa­chim wurde eine Punktion des angeschwoüenen KnieS vorgenommen, um eine Linderung der Schmerzen herbeizuführen. Sem Befinden ist jetzt durchaus befriedigend. ES scheint, daß die Heilung nunmehr einen regelrechten Verlaus nimmt. Die Kaiserin weilte, wie täglich, heute Vormittag längere Zest am Krankenlager. — Der Kaiser hat dem Gene­raldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, Balliu, aus Anlaß seines 25 jährigen Jubiläum ein Hand­schreiben zugehen lassen und ihm die Brillanten zum Kgl. Kronenorden 1. Klasse verliehen. — Alfred Fürst von Hatzfeldt-Wildenburg, erbliches Mitglied des preußischen Herrenhauses, ist Samstag nacht in Düsseldorf gestorben.

X Eine Berlobung im Kaiserhause? Den vielfachen Gerüchten über eine bevorstehende Ver­lobung der Prinzessin Viktoria Luise von Preußen tritt die ,Militärisch-pol. KorrspZ mit einer neuen Erzählung entgegen, die seit langem in PotsdamerHoskreisen rund gesprochen sein soll. Wie die Korrespondenz behauptet, wird sich die Prin­zessin mit ihrem Jugendfreund und Verehrer, dem Erbgroßherzog Adolf Friedrich von Mecklenburg-Strelih verloben. Möglicher­weise soll die Veröffentlichung „dieses an die alte preußisch-mecklenburgische Tradition aus den Tagen der Königin Luise anknüpsenden Bundes" bereis am 17. Juni, dem 29. Geburtstage des Erb- großherzogs, erfolgen.

[j In de» diesjährigen Kaisermanövern wüd ein Garde-Reseroe-Armeekorps aus aktiven und Reservestämmen formiert werden und bei der Armeeabteilung des Generalobersten v. Kessel Verwendung sinden. — Der gänzlich neueBersuchmitkriegsrnäßigerManöververrvendung nichtstehender Truppen und Stämme wird nicht verfehlen, in dec militärischen Welt großes Auf­sehen zu erregen.

X Wann tritt dir Rcichsversicherungsordnuug in Kraft? Ein Zeitpunkt für das Inkrafttreten der Reichsversicherungsordnung ist nur für die H i n- terbliebenen-Bersicherung feftgclegt, die mit dem 1. Januar nächsten Jahres zur Durch­führung gelangt. Im übrigen ist dos Inkrafttreten des Gesetzes oder feiner einzelnen Teile kaiserlicher Verordnung überlassen. Die umfangreichen Borar- .besten wird die Neuregelung der S r-a ulen be<- sicherung notwendig machen, an denen die R eichsbehvrden, der Bundesrat und auch die Landes- bebörden beteiligt sind. Auf die letzteren entfällt in erster Linie die Neuorganisation der Krankenkassen, Bildung der allgemeinen Ortskrankenkassen, Zulas­sung bestehender .Kassen usw. Außerdem ist die Ein­richtung der neuen Bersicherungsbehör- d e n Sache der Landesregierungen. Da für diese Behörden eine ganze Reihe neuer Ausgaben ent­stehen, für welche Mittel nicht vorhanden sind, dürste die Einrichtung der Behörden erst mit dem Etatsjahr 1912 zur Durchführung gelangen. Außerdem dürfte die Errichtung eines Normalstatuts für Kran­kenkassen erforderlich werden. Alle die Borberei­tungen werden kaum vor Mitte nächsten Jahres erledigt sein, so daß dann erst die Reichs- vcrsicherungsordmlug in Kraft treten könnte.

— Darmstadt, 5. Juni 1911. Im Großherzog- tum Hessen bringt man der Stellung von Kirche, Staat und Schule in neuerer Zeit ein ungewöhn­liches Interesse entgegen. Wie vordringlich diese Frage zurzeit die leitenden Schulkreise beschäftigt zeigt das am 26. Mai in Darmstadt abgehaltene Staatsexamen sür die hessischen Volksschullchrer. Do? Thema sür den deutschen Aufsatz lautete: „Kirche, Staat und Schule." Dieses Thema wurde, wohlgemerkt, nur de» katholisch en Kandidaten gestellt Junge

Leute sollen hierüber sich also schriftlich äußern in einem Aufsatze, über dessen Tragweite sie unmöglich im Zweffel fein können. Man denke nur: Die Re­gierung verlangt von katholischen Lehrern unmittel­bar vor ihrer definitiven Anstellung klipp und klar nickerzuschreiben, wie sie sich das Verhältnis von Kirche, Staat und Schule denken. Wir müssen ge­stehen: Das heißt denn doch die Charakterfestigkeit eines jungen Mannes einer schweren Belastungs- Probe unterziehen. Weiß er doch ganz genau, in welcher Richtung sich die Wünsche der Staatsregie, rung bewegen. Hat er nun auf Grund seiner Studien und seines religiösen Standpunktes eine andere lieber- zeugung gewonnen, dann ist die Gefahr eines Ge­wissens-Konfliktes fehr groß. Unter diesem Gesichts­punkte ist die Stellung eines solchen Themas erns.ich unerhört. Es ist sehr zu bedauern, dmß die Leiter des hessischen Schulwesens selbst bei einer solchen Gelegenheit es nicht unterlassen können, den tu Aus­sicht stehenden Brotkorb mit solch' verfänglichen Fragen zu verzieren.

’* Nürnberg, 5. Juni 1911. Die Nürnberger Stadtverwaltung, die im vorigen Jahre aus Anlaß des sozialdemokratischen Fefizuges die städtische» Gebäude beflaggen ließ, hat dem katholifche» Gesellenverein Nürnberg, der a« Pfingsten sein 50- jähriges Bestehen feiert, nicht gestattet, daß er vor feinem Hause eine Ehrenpforte errichtet und die Straße beflaggt. Begründet wird dieser tolle Beschluß damit, daß die Straße der Stadt gehört. Allch die Schmückung des Bahnhossplatzes mit Fahnen wurde verweigert, weil eine Feier des katholischen Gesellenvereins nicht die ganze Stadt berühre. Interessant fft auch, daß dir Stadt zu der Feier des Jubiläums den sozialdemokratische» Ge- meindedevollmächtigten Treu abgeorduet hat. WaS sagen zu dieser Affäre die Herren, die Tag um Tag über die angebliche Zentrumsherrschast in Bayern jammern?

Ausland.

•* Die Einführung eines KavaSeriebajvnetts wird in der Armee der österreichisch-ungarischen Monarchie versucht. Dieses Bajonett ist stets am Karabiner befestigt, wo es aus- und umgeklappt toetben kann.

** Das italienische Nationaldeukmal für König Viktor Emanuel II. wurde am Pfingstsonntag auf dem Kapitol in Rom in Gegenwart der ganzen königlichen Familie und aller Behörden mit großer Feierlichkeit enthüllt. Es ist daS größte Denkmal, das- die moderne Welt hervorgebracht hat. Ausge­nommen wurde der Gedanke 1879, die ersten Bau­arbeiten begannen 1885. Das Kollsssaldenkmal hat eine Länge der Achse von 130 Meter, eine Breite von 135 Meter; die höchste Höhe betragt 79 Meter. Auf einem Unterbau von 11 Meter Höhe erhebt sich die vergoldete Reiterstatue, die 12 Meter hoch ist. Sie erforderte 50000 Kilo Bronze und wurde in Rom gegossen. Für das Modell echirlt der Bild- haukr Chiaradia eine Million Lire. Das Innere des Riesenbaues enthält drei Musern, die aber am Tage der Einweihung noch nicht fertiggestellt sind, wie denn überhaupt die innere Ausschmückung des Monumentes noch Jahre in Anspruch nehmen wird. Bei der Enihüllungsseier hielt MinisterpräfideNt Giolitti dieFestrede. Der König nahm sodann die Revue über die Fahnen und die Vertreter des Heeres und der Flotte, die Bürgermeister und die Vertreter der Provinzen ab.

** Eiire englische Kundgebung gegen Marokko. Die Londoner „Times" hatte vor einigen Tagen di« Aufsehen erregende Meldung gebracht, daß ein Tell der Besetzung von Fez unter Führung von ranzösi scheu Jnkstrukteurrn das ganze Gebiet von Lemtal eingeäschert und viele Leute getötet habe. 80 Frauen und Kinder ser dortt- 6en Stämme sollten auf dem Markt von Fez ver­kauft worden sein, eine junge Frau hab« man für

Die Macht des Gewissens.

13] Roman von Erich Friesen.

Morgen schon wollen beide Herren die Waldburg Verlassen, und man ist noch keinen Schritt weiter ge- .-Minen . . . All diese Gedanken durchkreuzen Frau Forsters Hirn, während die vier jungen Herzen dort im Schatten der Eiche plaudern und lachen. Jetzt heißt es für sie: geschickt und unauffällig manövrieren! Lan.qsam.nähcrt sie sich der Gruppe.

Virginia erblickt die Mutter zuerst. Fröhlich in die Hände klatschend eilt sie ihr entgegen.

„Mama! Mama! Wie hübsch, daß du kommst! Wir raten gerade Charade. Lord Donald weiß immer ganz besonders aparte. Komm, setze dich zu uns!" / Die Kleine sieht entzückend aus in ihrer ungekün­stelten^ Lebhaftigkeit. Sie ist ganz in Weiß gekleidet; .ein Sträußchen Kornblumen steckt in dem weißen Lebergürtel, ein anderes ziert den weißen Matro- senhut.

Zärtlich streichelt Frau Forster die glühenden Wan­gen der Tochter.

„Nein, mein Herzblatt, ich will hinunter ins Dorf. ■Der kleine Junge der Frau Jenkins ist krank; ich will .ihm eingemachtes Obst zur Erftischung bringen. Viel­leicht begleiten Sie mich, Herr Skott —" wendet sie sich zu Lord Donald — „der Korb ist mir etwas zu schwer."

i Der junge Mann errötet. Es berührt ihn noch ^mnier unangenehm, wenn man ihn mit „Herr Skott" «nrebet. Ein Glück, daß das Poffenspiek morgen ein Ende nimmt!

»Mit Vergnügen!" sagt er höflich, indem er auf- fjlebl und sich die Heuüberreste von seinem hellen Som- Mranzug schüttelt.

. Er nimmt Frau Forster dm Korb ab und schreitet M ihrer Seite über das Feld, dem Dorfe zu. Die Langgestreckten Strahlen der heimgehenden Sonne Wergluten seine männlich schöne Gestalt.

I Ein paar Augenblicke steht Virginia sinnend da. Ahr Blicke folgen dem sich mehr und mehr entfernen= fet Paar.

„Wie hübsch er ist!" sagt sie sich. „Er muß ein guter Mmsch sein. Ob Ruth ihm wohl auch bewun­dernd nachfchaut!"

Sie wendet sich um und erschrickt heftig.

Ruth und ihr Rachbar wechseln soeben einen Blick — einen Blick — das Mut strömt der kleinen Vir­ginia zum Herzen.

Still setzt sie fid) in einiger Entfernung nieder. Ach, hätte sie jenen Blick nicht gesehen!"

Inzwischen schretten Frau Forster und der wirk- liche Lord Donald tapfer vorwärts.

Plötzlich bleibt die Dame stehen. „Sind Sie mir böse, daß ich Sie der jungen Gesellschaft dort entzog, Herr Skott," fragt sie ein wenig befangen.

„Gewiß nicht, Frau Forster!"

„Es war mir nämlich toeniger um das Tragen des Korbes zu tun, als um Ihre Gesellschaft. Ich möchte mit Ihnen allein sprechen."

Gilbert schweigt. Da er nicht weiß, was Frau Forster bezweckt, so beschließt er abzuwarien.

„Natürlich kennt jedermann die romantische Ge­schichte von Ihrer Liebe zu Ruth Harrison."

Noch immer schweigt Gilbert; doch wird ihm unbe­haglich zu Mute.

„Es stimmt gewiß völlig mit Ihren eigenen Wün- sen überein", fährt Frau Forster fort, „wenn ich dar­über nachdenke, wie Ihre dauernde Verbindung nach Möglichkeit zu beschlmnigm sei!"

„Gewiß," erwidert Gilbert mechanisch, indem er mit seinem Spazierstock einen Keinen Stein aus dem Wege schiebt.

Frau Forster kann diese Gleichgülttgkeit nicht be­greifen. Forschend blickt sie ihren Begleiter von der Sette an. Doch sie kann fein Gesicht nicht sehen. Er hält es halb abgcwendet und folgt mit anscheinender Aufmerksamkeit ein paar Evolutionen, die er mit fei­nem Stock ausführt.

„Ich würbe mich sehr freuen," beginnt sie aber­mals, „wenn Sie Vertrauen zu mir fassen wollten. Sollte irgendein Hindernis — ich wäre gern bereit, das Meinige zu tun — tverot vielleicht — Sie ver­stehen mich schon —"

„Ich danke Ihnen," stößt Gilbert fast schroff her­vor. „Aber

„Nun?"

„Aber — das Hindernis ist augenblicklich nicht zu beseitigen. Wollen wir nicht weitergehen?"

Jetzt sühlt sich Frau Forster entschieden unange­nehm berührt. Die leise Befürchtung, das Armin Skott seiner Braut überdrüssig fei, gewinnt an Wahr­scheinlichkeit. Sie überlegt, ob sie nicht besser die ganze Angelegenheit auf sich beruhen lassen soll . . .

Inzwischen sind sie an einem schmalen Bach ange­kommen. Gilbert reicht Fra» Forster die Hand, um ihr hinüber zu Helsen. Dann schreiten Beide eine Zeit- lang schweigend nebeneinander her.

Gllbert ist ernsllich verstimmt. Aergerlich köpft er mit seinem Stock ein paar Blümchen am Wege. Er übersieht die ganze fatale Situation, in die er geraten und wünscht sich weit, weit fort von den forschenden Blicken seiner Begleiterin. Doch schon vernimmt er wieder Frau Forsters sanfte Stimme. Die echten Worte überhört er. Er ist zu sehr mit seinen uner­freulichen Gedanken beschäftigt.

Dann sagt Frau Forster plötzlich:

„Ihr Betragen Fräulein Harrison gegenüber er­scheint mir nicht ganz ehrenhaft, Herr Skott!"

Gllbert fährt zurück, als habe er einen Schlag ins Gesicht erhalten. Das Blut steigt ihm zu Kops.

„Wie meinen Sie —"

Fest blickt er der Dame in die Augen. Seine Gestalt scheint zu wachsen.

Frau Facher senkt die Lider. Eine Ahnung davon dämmett in ihr auf ,daß sie den Mann da vor ihr unterschätzt hat. ♦

„Verzeihen Sie —" stotterte sie sichtlich befangen — „ich habe vielleicht kein Recht — oder doch, ich habe das Recht . . . Ruch Harrison ist eine Waise. Ich vertrete, so lange sie in meinem Hause lebt, gewisser­maßen Mittechckle —"

Sie stockt. Handelt sie wirklich wie eine Witter an Ruch? Und jenes Dokument, dessen Existenz nur sie allein kennt? . . . Ein Zittern überfliegt ihren Körper. Doch sie beherrscht sich schnell.

„Ich halte es für meine Pflicht, mich der Ruth Harrison anzunehmen," führt sie in scktsam gepreßtem Tone fort. „Sie fft Ihre Braut, nicht wahr?"

„Hol's der Kuckuck — das wird gut!" oenft Gll­bert ärgerlich, ivährend er kurz entgegnet:

„Ja"

„Sie lieben das schöne, impulsive Kind doch noch? sie sind seiner noch nicht überdrüssig, nicht wahr? Denken Sie an jenen Abend im Rosengarten —"

„Was in aller Welt meint sie nur?" denkt Gllbert. Laut sagt er, ohne Frau Forster anzusehen: „Natür­lich bin ich der jungen Dame noch nicht überdrüssig."

Befriedigt nickt Frau Forster mit dem Kops.

„Gut, gut. Dann darf ich auch wohl eine direkte Frage stellen?"

„Bitte!"

„Warum heiraten Sie sie nicht?"

Die Situation wird für Gilbert immer schwieriger. Wer weiß, was noch kommen mag! Rasch entschlos­sen sucht er dem Gespräch die Spitze abzubrechen, in­dem er sagt:

„Aus pekuniären Gründen, Frau Forster. Sit wiffen vielleicht nicht, daß Armin Skott ein armer Mann in abhängiger Stellung ist!"

„Doch, doch! Deshalb sollte man ihn in di« Lag« versetzen, eine Familie gründen zu können. Lord Do­nald ist sehr reich. Er wird gewiß dem Freunde hel­fen, wenn ihm die Sachlage richttg dargestellt wird."

Ein humoristisch spöttisches Lächeln umspielt Gil­berts bärtige Lippen.

„Gewiß, Gewiß!"

„Und auch ich beabsichtige, dem guten Kinde eine tüchtige Aussteuer mitzugeben," fährt Frau Forster abermals, diesmal mit viel Wärme, fort. „Wenn Ruths Liebe zu Ihnen nicht so unendlich groß wäre, Herr Skott, so wären ich und meine Tochter noch so arm wie —"

„Verzeihen Sie!" unterbricht sie Gilbert rasch. „Ich möchte dieses Gespräch nicht fortsetzen. Denken Sie, bitte, nicht schlecht von mir! Wir haben eine herrliche Woche unter Ihrem gastlichen Dache ver­lebt und sind Ihnen zu großem Danke verpflichtet.