M 126.
Samstag den 5. Juni 19».
58. Jahrgang.
* fuldacr M Leitung
2. Blatt.
vrnck und Verlag der Fuldaer rtttlrndrnckerei in Fulda.
wochen-Run-schau.
[:] Fulda, 2. Juni 1911.
Die Arbeitszeit der Parlamente hat sich in diesem Hcihre bis ungewöhnlich nahe an das Pfingstfest heran 'Mgedchrtt; der Landtag wird sogar nach Pfingsten noch eine Weile weitertagen. Die Gegner des »schwarz-blauen Blocks" haben immer die Hoffnung iiehegt, der Reichstag werde sich als leistungsun- ähig erweisen und mit leeren Händen vor die entrüste- en Wähler hintreten müssen. Es kommt aber etwas anders. Gerade in den letzten 4 Wochen hat er noch hochwichtige und schwierige Arbeiten, wie die Rcichs- versicheruirgsordnung und die elsaß-lothringische Verfassungsreform, zuni Abschluß gebracht. Vorher hatte er u. a. die Militärvorlage und die Reichszuwachssteuer erledigt und wenn er im Herbst noch für zwei Monate zusammentritt, wird er von den rückständigen Vorlagen schon auch noch eine Reihe erledigen, sodaß ein ganz ansehnliches Quantum geleisteter Arbeit herauskommen wird. Die Patteien der Linken, die am liebsten schmollend bei Seite gestanden und höhnisch zugesehen Hütten, wie die „schwarz-blaue Mehrheit" sich vergeblich an Aufgaben abquäle, die sie nicht lösen könne, hat es allmählich doch für klüger erachtet, mit Hand anzulegen, und so haben wir cs schließlich erlebt, daß sogar die Sozialdemokrateil sich zu positiver ‘Mitarbeit bereit fanden. Wir sehen darin freilich kein Anzeichen, daß die Sozialdemokraten sich von Gmnd aus geändert haben; aber daß die Nationalliberalen sich von der reinen Negation fernhielten, trotz allen Grolls gegen Konservative und Zentrum, läßt doch hoffen, daß sie fiel) an der Seite des Linksliberalismus nicht dauernd wohl fühlen, sondern einnial wieder offen Anschluß nach rechts suchen werden. Einstweilen spekulieren sie ja noch immer darauf, daß ihnen die Herrschaft wieder zusallen werde. — Von der elsaß-lothringischen V erfass u n g s r eform kann inan behaupten, daß sie allein dem Zenttum zu verdanken isi; ohne cs hätte sich schwerlich eine Mehrheit dafiir gefunden, nicht einmal für eine schlechtere Reform. Leider scheint das Werk zn einer Spannung zwischen dem Zentrum und der elsaß-lothringischen Zentrumspartei führen zu wollen. Von Dauer kann diese Spannung aber schwerlich sein. In Elsaß-Lothringen wird man allmählich ein* sehen, daß die Reform doch einen großen Fortschritt bedeutet, auf die zu verzichten nicht im Interesse des Landes gelegen hätte, daß der einsichtige Politiker sich nicht an die Parole „Alles oder nichts" an schließt und daß man isoliert und vom Neichszenttum getrennt zur Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht verurteilt ist. So wird man den Fehler eines Bruches mit der Zeit beklagen und sicl; klar werden, wo allein das Heil zu suchen ist. Vielleicht ist es ganz gut, daß man für eine Weile noch den Versuch macht, auf eigene Faust |u handeln. Der Anschluß an das deutsche Zentrum wird dann vielleicht uni so enger. — Nachdem der Reichstag glücllich die zweite Lesung der R e i chs- vcrsicherungsordnung beendet hatte, durfte man hoffen, daß cs mit der dritten rasch und glatt gehen werde. Da die Sozialdenwkraten indes das Bedürfnis fühlten, auch diese dritte Lesung der Agitation nach Möglichkeit nutzbar zu machen, brauchte man doch etwas längere Zeit. Indes man wurde ohne Unfall damit fertig, nicht ohne noch einige Aeudemngen an dem Entwürfe vorzunehmen, freilich nicht diejenigen, velche die Sozialdemokraten forderten. Im Anschluß an das Hauptgesetz wurde auch das Einfüh- ruugsgesetz erledigt, wobei die Sozialdemokraten nochmals ihr möglichstes für die agitatorische Ausnutzung taten. — Richt ohne Widerstand fand der deutschschwedische Handelstag Annahme, namentlich die Zoll- sreiheit für Pflastersteine erregte Bedenken. — Weniger Schwierigkeiten wurden erhoben gegen dir Erneuerung des Handelsvertrages mit Japan. Einige kleinere Vorlagen wurden nebenbei glatt erledigt. Wenn der Reichstag im Herbst wieder zusammenttitt, wird u noch einen Berg unerledigter Arbeit vorfinden.
Das Abgeordnetenhaus ist am Dienstag bis zum 16. Juni in die Ferien gegangen. Eine ganze Reihe von Vorlagen und Petitionen wurden noch in den letzten Tagen erledigt, darunter das Gesetz über die Beschulung blinder und taubstummer Zinder (bei dem leider die Frage des Religionsunterrichts nicht nach den Vorschlägen des Zentrums geregelt wurde) und das Eifenbahnanleihegeseh.
Der Ost Markenverein hat am Samstag einen sog. deutschen Tag in Posen abgchalten. Wie Vorauszusehen war, wurde wieder stürmisch die Aus-
UnpMische Zettläuse
(N.) Berlin, 1. Juni 1911.
!Nachdruck verboten.)
Heute fängt der Monat an, den ich für den schönsten unter den Zwölfen halte. Dec Juni vereinigt in sich die Vorzüge des Frühlings und des Sommers. Auf den Fluren und den Wäldern liegt die Helle, leichte Jugendftische, aber zugleich weckt die Ivarme, falle Fülle schon das Gefühl der fruchtbaren Reife, den Vorgeschmack des Erntesegens. Dazu die Fülle des Sonnenlichts und die Länge der Tage, die den Wettbewerb aller anderen Monate schlagen Und wenn wir mal im Juni über Hitze klagen, so pflegt doch die Schwüle nicht so drückend und unangenehm zu sein, wie in den Hundstagen.
Dieses Jahr wird der Juni noch besonders lieblich gestaltet durch die drei hohen Feste. Die beiden Pfingstfeiertage, die sonst häufig noch in den Mai füllen, leiten heuer den Rosenmonat ein. Dann folgt das Fronleichnamsfest zur Mitte des Monats, und schließlich das auf den 29. Juni festgelegte Fest Peter Kud Paul.
Angesichts dieser Fülle der Feste kann man dem Huili den Ehrentitel des katholischen Monats beilegen. Denn ein innerer Zusammenhang zwischen oen drei Festen ergibt sich in der Erwägung, wie reichlich und vielseitig der Herr für seine Kirche a u f E r - den gesorgt hat. Erstens sandte er ihr den h l. Geist der Wahrheit und der Weisheit, des Trostes und der Stärke, damit er seine Gemeinde erhalte im 'reinen Glauben und in der werttätigen Liebe. Zweitens wurde in der heiligen E u ch a r i st i e der christlichen Gemeinde jener wunderbare Verkehr mit hrem Erlöser und Stifter gewährt, der bis zum jüng- ten Tage das Vorbild u. den Vorgeschmack der himm- ischen Vereinigung bilden soll. Drittens erinnert uns der Peter- und Paulstag daran, daß Gott in den Aposteln und deren Nachfolgern, in dem Papst und den Bischöfen seiner Gemeinde sichtbare Hirten in seiner Vollmacht und Gnade bestellt hat. — Wie gut jft für uns gesorgt — wenn wir auch versorgt sein »vollen!
fühmng des Enteignungsgesrtzes gefordett und gegen die Aeußemngen des Landwirtschaftsministers über den Verein Protest erhoben. In einem Telegramm an den Ministerpräsidenten, das aber, wie man ecklärte, kein eigentliches Verttauensvotum, sondern mehr eine Formalität sein sollte, sprach man nur ganz allgemein von der Fortführung dec Ostmarkenpolittk und Herr v. Bechmann Hollweg bestritt in seinem Danttelegramm, daß ein Wechsel in der Polenpolitik beabsichtigt sei.
In Oesterreich sind das neue Wehrgefetz und die neue Militargesetzordnung veröffentlicht worden, in denen alte militärische Forderungen befriedigt werden und die Interessen der Armee und der Pevölke- rung einheitlich geschützt und gefördert werden sollen.
Frankreich hat anstelle des verunglückten Herrn Berteaux in dem General Goiran einen neuen Kriegsminister erhalten. Der schwer verwundete Ministerpräsident Monis scheint sein Portefeuille behalten zu sollen. — Die vor Fez eingetroffenen französischen Tmppen, die keinen Europäer zu „retten" fanden, haben die Stadt selbst nicht besetzt, sondern außerhalb der Mauem ein Lager aufgeschlagen. Der Unterschied scheint uns aber von geringer Bedeutung zu sein. Was nun weiter geschehen soll, scheint den Franzosen selbst noch nicht klar zu sein. Nachdem die französische Presse einen Augenblick in Großmut geschwelgt und nochmals versichert hatte, daß man keine Eroberungsabsichten habe und die Stadt nicht besetzt zu halten gedenke, wurde bald der Ruf nach weiteren Truppenvorschiebungen laut. Dem Sultan Mulah Hasid wurde sogar nachgesagt, er verlange seiner Sicherheit wegen das französische Protektorat. Hinterher stellte sich freilich heraus, daß sein sehnlichstes Verlangen ist, die französischen Tmppen so bald als möglich wieder los zu werden. Man wird aber schon Vorwände finden, um chas Verlangen unbeachtet zu lassen, z. B. wird man von Marokko Ersatz der Kosten der „Nettungserpedi- tion" fordern.
Rußland hat die Welt nicht wenig überrascht durch Bckanntgeben einer scharfen Role an die Pforte, worin dieser grob gedroht wurde, weil sie den braven Nikita von Montenegro, der in Albanien usw. die Aufständischen zu unterstützen bemüht ist, nicht gewähren lassen will Die Note hatte genau die Form eines Ultimatums. Der russische Botschafter in Konstantinopel war jedoch klüger als die Petersburger Ne- giemng, er brach der Note die Spitze ab und verhandelte in einem Tone, daß die Pforte sich nicht in ihrer Ehre gekrankt suhlte. Da alle Mächte sich weigerten, das Vorgehen Rußlands zu unterstützen, beeilte sich dies, den Rückzug anzutreten und zu versichern, es sei gar nicht so böse gemeint gewesen. Die Note habe einen durchaus friedlichen Charakter und der Text habe nur im allgemeinen dem Botschafter den Gedankengang angeben sollen, den er bei dec Pforte vortragen solle. Der türkische Minister des Aeußem hatte schon erttätt, daß er die Note, die man entgegen allem diplomatischen Brauch vor dec Uebergabe durch die Presse bekannt gemacht hatte, nicht annehmen werde. Wie es heißt, ist das ganze diplomatische Malheur durch die am Petersburger Hofe als Gemahlin eines Großfürsten lebende Tochter Nikitas ar,gerichtet worden, die dem Zaren die Bedrängnis ihres braven Vaters durch die bösen Türken vorgejammert hatte. Da der russische Minister des Answättigen Safanow erkrankt ist, scheint dec Zar auf eigene Faust sich in bet Diplomatie versucht zu haben, das Ergebnis ist eine schlimme Niederlage Rußlands.
In Portugal haben die ersten Wahlen nach dec Revolution stattgefunden. Früher schrie der Liberalismus immer von den tollen Wahlbceinflussungen der Rcgiernng. Jetzt, wo sic selbst am Ruder sind, treiben fie es noch viel toller. So hat natürlich dir Revolutionspartei „glänzend gesiegt". Die _ Dinge drängen dort aber mehr und mehr auf eine ernste Entscheidung hin, und das entschiedene Eingreifen des hl. Vaters mit der machtvollen Kundgebung in einer Enzyklika wird die Auffassung, die man in der Welt von dem konfusen, gemeinschädlichen Treiben der Lissaboner Kleinigkeitskrämer und Rcaierungspsufcher hat, gründlich klären und vertiefen.
In London sind am 22. Mai die Leiter der überseeischen Selbstoerwalttmgsländer des Britischen Reiches zu der Reichskonferenz zusammengetreten, die alle vier Jahre zur Beratung gemeinsamer Angelegenheiten veranstaltet wird. Das Programm der Konferenz, die bis Mitte Juni tagen soll, umfaßt Fragen der Verfassung, der Reichsverteidigung und der Ver- tvaltung,
Die drei Feste, die der Gründung, Erhaltung und Verwaltung der Kirche gewidmet sind, kann man auch so bezeichnen: Pfingsien als das Fest der Kanzel, Fronleichnam als das Fest des A l t a r e s, Peter und Paul als das Fest des B e i ch ist u h l e s. Oder mit anderen Worten: das L e h r f e st, das R ä h r f e st und das W e h r f e st.
In diesem Monate ist es an der Zeit, das kirchliche Bewußlseiu aufzufrischen. Das Bewußtsein der E h r c, ein Mitglied der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche zu sein, und das Bewußssein der Pflicht, dieser Mitgliedschaft sich nach Kräften würdig zu erweisen.
„Und das Angesicht bet Erde wirst du erneu- e r n", heißt es im Pfingstgebet. Eine Erneuerung der irdischen Welt ist aber an die Mitarbeit der Menschen geknüpft. Erneuere dich selbst, bann wirst du das Deinige zur Erneuerung der Welt beitragen.
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Frische Lust und Sonnenlicht sind die natürlichen Vorzüge dieser Jahreszeit. Die Körper sollen dadurch erfrischt und mit neuer Lebenskraft erfüllt werden. Auf die Fenster, auf die Türen? Auf die Lungen, auf die Herzen? Auch die Seele braucht ein erquickendes Lust- und Lichtbad.
Die mobeme Welt betreibt die Luft- und Lichtpflege vielfach mit jener sportwütigen Uebertreibung, die auf so vielen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens das Sprichwort vergißt, daß allzu scharf schartig macht. Es ist vernünftig und gesund, wenn man zu der natürlichen Lebensweise zurückkchtt rmd die freie Lust, das belebende Sonnenlicht und das erfrischende Wasser dem Körper gebührend zugute kommen läßt. Aber es schießt über die Natur des Menschen hinaus, wenn man die Baderei so leidenschaftlich betreiben will, als ob der Mensch einen Fischleib Hütte, und wenn man in Lust- oder Sonnenbädern sich halbe oder ganze Tage lang mit nacktem Leibe Herumtreiben will, als ob die seit Jahttausenben übliche BÄeidung des Körpers eine abstellbare Unsitte wäre. Nein, der Mensch ist kein Wassettier und auch kein Amphibium, das zeitweilig im Wasser und
In Mexiko hat Porfirio Diaz die Präsidentschaft niedergelegt und ist bann heimlich nach Veracruz und von dort nach Spanien abgereift. Im Lande geht cS noch recht unruhig her. Richt allein, daß Diaz unterwegs in Gefahr geriet, auch in der Hauptstadt läßt die Sicherheit viel zu wünschen übrig, und offener Aufruhr ist in verschiedenen Teilen des Landes ausgebcoche». Auch gegen Madera wendet sich die Unzufriedenheit des Pöbels.
Zwischen den Vereinigten Staaten, Frankreich und England schweben Verhandlungen über einen Schiedsgerichtsvertrag. Mag man dabei über den „Weltfrieden" so schön reden, wie man will, besonders freundliche Hintergedanken für das deutsche Reich hegt wenigstens ein Teil der Beteiligten nicht. Run hat die deutsche Regierung sich bereit erklärt, an beit Verhandlungen teilzunehmen, damit verliett der Plan wohl für diesen ober jenen allen Reiz.
Ans dem Nachbargebieie.
;I Bom Lande, 2. Juni 1911. Da von den Bewohnern der Stadt Fulda wenig Landwirtschaft getrieben wird, und daher die Einfuhr von Gemüse und anderen gärtnerischen Erzeugnissen zumeist von auswärts, von Gochsheim, Schweinfurt, Frankfurt usw. geschehen muß, ist es als Vorteil und Fortschritt zu begrüßen, wenn um Fulda herum gärtnerische Anlagen entstehen, die mit der Zeit die Stadt mit gärtnerischen Produkten versehen können. Es sind jetzt in Haimbach und zu Haselecke bei Zell zwei neue Gärtnereien im Entstehen, die eine gute Entwickelung versprechen. Die erstere umfaßt ein Grundstück von 1,2 Hektar und soll anscheinend besonders für Gemüse- und Baumzucht bestimmt sein. Eigentümer ist der Gärtner Möller von Haimbach. Tie Gärtnerei auf der Haselhecke weist aber 15 Hektar Land auf, das teilweise, bereits gärtnerisch angelegt ist, 150 Mistbeete zählt und besonders für Rosenkultur und Erdbeerzucht bestimmt ist. Der Inhaber dieser neuen Anlage ist der Gärtner Leonhardt von Niederhöchstadt im Taunus.
* Vom Kreuzberg, 3. Mai 1911. Der Weg zwischen dem Kreuzberg und dem Dorse Platz ist durch den Nhönklub-Zweigverein Bad Kiffingen mit Markierung versehen worden. Es handelt sich um eine der schönsten Rhön- partirn, die mitten durch die Schwarzen Berge geht. Der Weg führt vom Kreuzberg zur Eisernen Hand, Fenerberg, Tolemannsberg. Platzer Kuppe, Platz und von da nach Kiffingen oder Brückenau. Er ist mit Pfählen und Wegweisern in weißer Farbe markiert.
* Frankfurt a. M., 3. Juni 1911. Einen sehr bemerkenswerten Erlaß, der auch durch seine herzliche Tonart erfreut, hat der kommandierende General des 18. Armeekorps (Frankfurt), Exzellenz v. Eichhorn, an die ihm untergebenen Stellen gerichtet. Es heißt da: „Ich habe Veranlassmig, auf Mißstände hinzuweifen, die bas Tragen eigener Sachen f e it e n s der Mannschaften im Gefolge hat. Wohlhabenbe Eltern wird es nicht bedrücken, wenn sie ihre Söhne mit Extrauniform je nach Wunsch aus- ftatten. Arme und solide Jungens müssen sich bescheiden, wenn ihre reichen Kameraden Sonntags Staat machen. Unsolide Elemente wollen es diesen gleichtun und stürzen sich in Ausgaben, deren Deckung die Eltern empfindlich schädigt. Eine Einschränkung des Tragens eigener Sachen erscheint mir daher sehr erwünscht, auch im kameradschaftlichen Interesse. Die für ben Sonntag ausgegebene Beklei- b u ng darf bann freilich nicht so unansehnlich sein, daß ein Mann, dec auf sein Aevßeres hält — und bas gehört zum Soldaten — ungern auf die Straße geht und dann auf ben Ausweg verfällt, sich eigene Sachen zu kaufen."
* Wiesbaden, 2. Juni 1911. Gelegentlich des letzten Kaiserbesuches wurde die Direttrice eines hiesigen Modewarenhauses mit einer Anzahl vonDame n h ü t e n zum Kaiser befohlen. Die Direttrice hatte nicht weniger als vierzehn Hüte ins Schloß mitgenommen, von benen bet Kaiser schließlich vier, zwei für die Kaiserin und zwei für die Prinzessin Victoria Luise, aussuchte. Der Kaiser zeigte sich sehr wählerisch, und die Direttrice mußte jeden
zeitweilig in dec Lust atmen kann. Wir haben keine Kiemen, sondern nur Lungen. Wir sollen auf dem Lande leben und das Wasser nur soweit benutzen, als es zur Reinigung und Erfrischung der Haut angebracht ist. Das Sonnenlicht hat eine gewaltige Kraft der Läuterung und Belebung; doch ist es Aberglaube, wenn man die heilsame Lichtwirkung abhängig machen will von der fhmbenlangen Entblößung des ganzen Körpers. Die Ansicht, daß die Strahlen durch Klci- dungsstofse nicht durchdringen könnten, ist ja wissenschaftlich längst abgetan. Die sogenannten Röntgenstrahlen gehen ja bekanntlich durch die dicksten Hindernisse glatt durch. Diejenigen Strahlen, die unser Auge aufzufangen vermag und die in der Regel nur das Glas durchdringen, bilden nur einen kleinen Teil bet Strahlenfülle, bie das Weltall durchflutet, und gerade die für das körperliche Leben wichtigsten Strahlen liegen außerhalb dieses engen Kreises des Augenlichtes. Sehen wir uns die Tiere an, die in ihrer urwüchsigen Gesundheit den Segen einer naturgemäßen Lebensweise uns vorführen. Die Land- und Lusttiere nehmen wohl teilweise ein kurzes Wasser- ober Sand- bab, aber sie bleiben nicht stunden- ober tagelang außerhalb ihres eigentlichen Elementes, und wenn sie ein Sonnenbad nehmen wollen, so fällt es keinem ein, den Feder- oder Haarpelz abzulegen. Sie sind in ihrem Jnstintt gescheidter, als die menschlichen Sportfexe. Sie genießen die Vorteile von Lust und Licht ohne viel Umstände und ohne alle Apparate. Die Menschen aber pendeln zwischen Extremen hin und her: von dec un- nattirlichen Lebensweise zur Uebertreibung von natürlichen Einwirkungen in Form und Maß, sodaß die Maßlosigkeit wieder unnatürlich wird.
Freibäder und Sonnenbäder machen den Gefund- hcitskohl nicht fett. Die Hauptsache ist, daß wir unser ganzes alltägliches Leben aus den s o r t b a u e t n b e n Genuß von frischer Lust unb belebendem Licht möglichst gut einrichten. In den Wohnungen und in ben Werkstätten muß man das finden, was her Körper braucht, um gutes Blut zu erzeugen und zu verwerten. In die H ä u s e r muß frische Luft und Sonnenschein hinein. Die Fenster und Türen bilden Mittel zu diesem Zweck; aber sie können es allein nicht machen.
Hut erst aufprobieren und sich darüber äußern, ob er auch nicht zu schwer sei. Ec verlangte nur große Hüte, aber fie dürften, wie er sagte, auch nicht allzu groß sein, damit seine Domen mit diesen Hüten auch ein geschlossenes Automobil besteigen könnten. Zuletzt entschied sich der Kaiser für einen weiß-lila Hut mit Changeant-Fcbem und einen großen schwarzen Hut mit hellblaue» Federn, die beide für die Kaiserin bestimmt waren, sowie für einen großen schwarz-weißen Hut mit marineblauer Schleife unb Samtunterrand und für einen großen Hut mit rosa Schleife für seine Tochter. Alle vier Hüte mußten sofott per Eilpaket nach dem Neuen Palais in Potsdam geschickt werden, damit die Kaiserin und die Prinzessin cfi noch zu bet Reise nach London mitnehmen konnten. Außerdem hat der Kaiser der durch die Kaiserliche Kundschaft geehrten Firma auch noch eine Anzahl norwegischer Pelze übergeben, die er als vorsorglicher Familienvater zu Pelzen für Frau und Tochter verarbeiten ließ.
* Darmstadt, 2. Juni 1911. Aus Gründen der Sparsamkeit wurde vor einiger Zeit bekanntlich einer ganzen Anzahl meist schon älterer Bauaspi- tanten durch ben hessischen Staat gekündigt. Neuerbings wurde nun bie Stadtbauineisterstelle zu Neu-Isenburg einem bieser zur Entlassung koni- menben Baubeantten übertragen. Auch will die Fürstlich Leiningensche Verwaltung einen dieser Aspiranten als Baumeister in ihren Dienst nehinen. Die k a i s e r l i ch e n W e r f t e n sind auf die frei- werdenden Beamten ebenfalls aufmerksam gemacht worden. Trotzdem ist immer noch die Hälfte ohne Aussicht auf Stellung, obgleich von der RegierilUg sowohl als auch von dem Verband der Banbeamten alles getan wird, den Entlassenen anderweitige Verwendung zu verschaffen.
** Au8 Frankei,, 2. Juni 1911. Auf der Strecke Obern bürg —Aschaffenburg verkehrt seit dem 1. Mai unter starker Benutzung Mittwochs und Samstags ein Sonderzug, der vornehmlich im Interesse der an diesen Tagen nach Aschaffenburg zur Ablieferung fahrenden Konfektionsschneider eingelegt wurde. — Nach eingehender Debatte hat sich Pie Stadtverordnkten-Versammlung in Aschaffenburg mit 14 gegen 13 Stimmen für die Verschiebung der Polizeistunde von 1 Uhr auf 2 Uhr nachts entschieden. — Die Zahl der Kurgäste, die in dieser Saison im Bad Kissing en weilen, beträgt 7461. — Schwere Gewitter zogen über den Aischgrund und Steigerwald. Ein Blitzstrahl fuhr in das Pfarrhofgebäude in Schorn- weißach, das vollständig niederbrannte. Die amtlichen Akten konnten gerettet werden.
* Kiffingen, 2. Juni 1911. Ein in dem benach- barten Orte Friedritt gebürtiger Diener Franz Volk ist wegen zahlreicher Darlehnsschwindeleien in Frankfurt verhaftet worden. Er hatte Darlehen anfzunehmen versucht und den Geldgebern vorgespielt, er sei Angestellter der Eisenbahnbehürde. Um feine Angaben glaubhaft erscheinen zu lasten, zeigte er gefälschte Arbeitsbescheinigungen vor. Es gelang ihm, auf diese Weise erhebliche Geldbeträge zu erschwindeln. Ein Komplize des Volk ist schon vor einigen Wochen festgenommen worden. Volk soll auch einen auf den Namen „Graf vonLiebenau" gefälschten Wechsel diskontiert haben. Der Verhaftete trat als Gras sehr nobel auf.
Amt Geisa und Umgebung.
♦ Fischbach, 3. Juni 1911. Der Muhlenbesitzer Mathes hat die hiesige „Schlagemühle", in der ec ein Sägeweck eingerichtet hatte, an die Finna Görwitz u. Cornp. aus Weilar veckauft. Unabhängig von der Fabrik in Weilar soll hier ein Alumininmfab- r i k eingerichtet werden.
* Kaltennordheim, 1. Juni 1911. Der Postassistent Endlich ist nach Friedrichroda, der Postgehilfe Streuer von Apolda nach hier versetzt worden.
* Tiefenort, 3. Juni 1911. Der Schmied Johann Christoph Storch 4. von hier ist durch Ausschlußurteil bcs Großh. Amtsgerichts Vacha für tot erklärt. Storch ist am 2. Mai 1841 in Tiefenort geboren und seit dem Jahre 1891 verschollen. Als Zeitpunkt des Todes hat das Gericht ben 31. Dezember 1901 festgestellt.
In einem verstaubten unb verschmutztem Zimmer ist bie Lust immer schlecht, wenn auch noch so viel gelüftet wirb. Die belebenden Lichfftrahlen können merndje schlechten Keime töten; aber auch sie können ben Unrat nicht unschädlich machen, ber sich überall dort ansammelt, wo Menschen Hansen, wenn nicht fortwährend das Reinmachen mit zäher Ausdauer von kundiger Hand betrieben wird. Auch in Sachen der Kleidung und ber Hautpflege liegt das Heil in dec steten Sorge für bie Sauberkeit, nicht aber in ber periodischen Entblößung, bie jetzt vielfach Möbelst.
Wamm in bie Bäder oder auf die Sportplätze schweifen? Bleibe daheim unb fäubere bich unb deine Umgebung redlich.
Luft und Licht sind nicht wie flüchtiges Wild, dein man mit besonderem Aufwande von Kraft und Kunst nachjagen muß. Sie kommen von selber zu uns, wenn wir ihnen nur nicht den Weg verlegen und ihnen eine reine Stätte bereit halten.
Lust ub Licht für bie Seele kehren auch als Gnabengabe bes Hiimnels ein, wenn nur ein reines Herz zu ihrer Aufnahme bereit ist. Auch auf betn sittlich-religiösen Gebiete empfiehlt sich bas G r o ß- reinemachen vor Pfingsten.
— Der Monat Juni. Der Juni-Monat hat schon mancherlei Namen geführt. Juni, d. h. der „junonische Monat", wurde er genannt zur Erinnerung an die Göttin Juno. Nach einer anderen Lesart soll er nach einem römischen Konsul Jurnus Brutus der „junische Monat" genannt worden sem. Eine Zeitlang hieß er sogar zu Ehren ber römischen Herrscher „Germanikus" unb „Actins". Im Jmn- monb werden bie Felber umgepslugt, „gebrochen , daher hießen ihn bie Deutschen „Brachmonat". Die Dichter aber unb bas Volk nennen ihn ben „Rosenmonat". Denn bie Rose ist bas Sinnbilb bes Junimonats. Stehen doch in biesen Tagen allerorten Tausende von Rosenblüten in duftigster Pracht. In Gärten unb Anlagen, überall herrscht der balsamische Duft ber roten, weißen unb gelben Rosen vor. Auf bent Blumenmarkt gehen bie anberen Kinbcr Floras