Einzelbild herunterladen
 

«rschttnt täglich mtt Aus«ah«« der So.rn» und Feiertage, viertel- jährlich« Vezugspreir •litte vrlttsrrlohtt und vestelgelditt Fulda so- wii auswärts 1.50 IM.

»traut». «edatteurr

Lari Schütter für die Anzeigen:

Z ParztR« in Fulda.

X AAÜ Af|i1 it A

ÄUiVhvi Wiiunu

wochrnbei,ar«: „illustrierte Somtagszeitung" monatsbdiage: „Fuldaer GeschichtsbMer"

Anzcige«: Vie m» spaltigepetitzeries-er deren «<mm 15 psg. Reklaittettdrepctitzriie

Pfg., der lViider- yolungen wird entspr, Rabatt gemährt.

«otationsdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

38. Jahrgang.

Fulda, Samstag den 3. Juni 19H.

Erstes Blatt.

M 126.

und

zum Heile der Welt. Wie schön und segensreich ist das Wirken als treuer Vater und gute Mutter in der christl. Familie, die jede für sich einen glorreichen Bmistein im Reiche Gottes auf Erden bildet! Welch ein Segen strömt aus vom Bekenntnis des Glaubens, wenn es in der rechten Form und zur rechten Zeit im gesellschaftlichen und öffentlichen Leben erfolgt. Nicht in Streiterei oder Ziererei, sondern in dem einfachen Wort und der klaren Tat, die dem edlen Herzen und dem treuen Pflichtgefühl entspringen. Und wie beseligend sind die Werke der Nächstenliebe, die uns unmittelbar zu Helfern des Geistes der Liebe, be8 Trösters und ErquickerS machen!

Pfingstm ist das wahre Fest der Freude, wenn wir uns des hohen Berufes recht bewußt werben und mit frischem Mute nach bet treuen Ausfüllung des­selben streben.

Je mehr Christentum, desto mehr Freude in den Herzen und In der Welt.

Dann eilte sie, wie von Furien gehetzt, die kleine Wendeltreppe hinab in ihr Schlafzimmer.

8. Kapitel.

Eine Woche ist vergangen. Morgen in aller Frühe wollen die Freunde die Waldburg wieder vetlaffen. Heute ist ein richtiger Sommertag, heiß, sonnendnrch- glüht, aber gemildert durch eine erfrischende Brise, welche von der See heraufweht. Virginia, Ruth, Lord Donald und Armin haben sich unter einer schat­tigen Eiche mitten auf dem Feld gelagert. Der aro­matische Duft des ftisch gemähten Grases erfüllt die Luft. Die Schnitter haben sich für kurze Zeit ent­fernt. Weit und breit kein Mensch sichtbar . . . Nicht weit entfernt von dem Eichbaum, hinter einem hochaufgeschichteten Heuhaufen, steht Frau Forster. Mit ängstlichen Augen beobachtet sie die heiter schwa- tzenden, jungen Menschenkinder.

Während der ganzen Woche hat sie sich wunderbar beherrscht. Sie war eine zuvorkommende Wirtin, eine zärtliche Mutter, eine gütige Freundin. Nichts ver­säumte sie, was zum Vergnügen, zur Unterhaliung der Jugend beitragen konnte. Niemand weih, daß diese immer gleichmäßig liebenswürdige Frau wäh­rend der letzten Woche Seelenkämpfe zu bestehen hatte, gegen die alle Sorgen und Schmerzen ihres bisherigen Lebens in ein Nichts zusammenschrumpften .

Bis zu jenem unglückseligen Augenblick, da Frau Forsters Neugierde sie trieb, die schmale Wendeltteppe emporzuklimmmen und das Geheimnis des verborge- nen Gemachs und seiner silberbeschlagenen Truhe zu erforschen — bis zu diesem Augenblick war ihr Ge­wissen rein, ihre Seele unbefleckt. Sie war eine Frau von strengen Grundsätzen — offen, ehrlich, gerecht. Ihre Mildtätigkeit ist weit und breit bekannt; selbst, als sie fast nichts besaß, teilte sie dieses Wenige noch mit den Armen, Bedürftigen.

Und jetzt? Nach langen, schlaflosen Nachten nach qualvollem Grübeln und Erwägen hat sie beschlossen, das Geheimnis jener Truhe ruhen zu lassen, die Existenz des Testamentes, wonach nicht sie, fonbem eine andere Universalerbin des verstorbenen Frauleins Ursula Palmer ist, zu ignorieren. Zum Vernichten de» verhängnisvollen Papiers konnte sie sich nicht

Mt Freude soll jeder, der berufen wird vom Hausvater, in den Weinberg des Herrn gehen; denn das ist die schönste und die lohnendste Arbeit. Das stolze Gefühl der Mitgliedschaft in der größten, hei­ligsten imd heilsamsten Organisation auf Erden ver­eint sich mit der zuversichtlichen Hoffnung, daß der Geist der Stärke und Beharrlichkeit aushelfen werbe bis zum guten Enbe, wo es heißt: Du bist über iveni- ges getreu gewesen, ich will dich über vieles setzen.

Am Pfingstfeste wurde nicht bloß bas priester­liche und hirtenamtliche Apostolat begründet, fonbem auch das Laien-Apostolat, die Mittvirkung der Laien an dem Werke des Glaubens und der Liebe gemäß ihrem Können und in der gehörigen Ordnung als Unterstützung der kirchlichen Amtier. Das Laien- Aposwlat hat unter den modernen Verhältnissen »eine sich steigernde Bedeutung, und jeder brave Christ darf sich glücklich schätzen als Helfer des Herrn, wenn auch seine Kraft noch so klein und feine Stellung in der Welt noch so bescheiden ist. Auch wenn er feinen Mund gar nicht auftun könnte, würde er doch durch das gute Beispiel Mitwirken können zur Ehre Gottes und

brennende Licht in der Hand, klimmt Frau Foster die schmale Teppe empor.

Plötzlich steht sie vor einer niedrigen, von Holz­würmern benagten Tür. Sie öffnet dieselbe. Ein leiser Schrei entschlüpft ihren Lippen. Vor ihr brei­tet sich ein kleiner, quadratischer Raum cms nut einem Möblement aus längst vergangenen Zeiten. In der Mitte des Gemaches steht ein schwerwuchtiger Tisch aus Eichenholz mit acht geschnitzten Füßen. Ein Paar hohe, geschnitzte Armsessel lehnen an den wurmstichi­gen Wänden herum. Und alles verblichen, verstaubt, vermodert. Das einzige niedrige Fenster ist blind und über und über bedeckt mit Spinngeweben . . .

Trotzdem Frau Forster ein leichtes Gruseln über­fällt, schreitet sie doch tapfer vorwärts. Mit einem Stoß öffnet sie das Fenster. Erfrischend bläst der linde Sommerwind herein. Frau Forster atmet auf. Mit zitternden Knieen läßt sie sich auf einem der Armsessel nieder. Ihre Nervosität ist zurückgekehrt. Kaum wagt sie. sich umzusehen.

Dori hinten, an einer der schmalen Wände, steht eine silberbeschlagene Truhe. Was mag sie ent­halten?

Frau Forster macht einige Schritte vorwärts; dann zögert sie. Ihr ist, als ob eine Stimme ihr zu- flüsterte: „Laß ab! Das ist nichts für dich! Geh' deiner 2Bege!'

Aber die Neugierde ist stärker. Fest entschlossen, die Geheimnisse dieses eigentümlichm Gemaches zu erforschen, wenn auch noch etwas ängsüich, untersucht sie die Truhe. Sie drückt auf einen feinziselierten Knopf. Der Deckel springt auf. Eine Masse einzel­ner Fächer mchüllm sich ihren Augen, alle angefüllt mit vergilbten Papieren, altmodisch eingefaßten Ju- toclen, goldenen Ringen, Haarlocken...

Schon will sie die Truhe wieder fchließen. Da fällt ihr Blick auf einen zusammengefalteten Perga­mentbogen, der noch ziemlich neu aus sieht. Was kann das fein?

Frau Forster ergreift das Pergamentpapier, ent­faltet es und — . . . »Großer Gott!' schreit sie ent­setzt auf. »Das Testament des Fräuleins Ursula Palmer!'

Frau Forster kniet vor dem Schrank nieder entleert die Kiste ihres Inhalts. Als sie den Schrank

aufraffen; so schlecht ist sie nicht — o nein. Sie will es ruhig an feinem verborgenen Platz liegen lassen, wenigstens noch für einige Zett. Natürlich — nut für kurze Zeit ... ,

Durch diese letzte Ausflucht beruhigt sie ihr Ge­wissen. Es liegt ja in ihrer Macht, den Schleier des Geheimnisses zu lüsten, sobald sie es für gut hält aber noch nicht gleich. Nein — noch nicht gleich! . . • Die erste Zeit, nachdem sie diefen Entfchluß gefaßt hat, glaubt sie nicht leben zu können unter der Schwere bet Gewissenslast . . . Aber wunderbar — gar bald gewöhnt sie sich daran; die Bürde wird von wag zu Tage leichter. Jetzt drückt ste fast gar nicht mehr.

Ja, die Selbstbeherrschung, die Frau Forster sich auferlegen muß, um sich nicht zu betraten diese Geistesanfpannung scheint sie zu verjüngen. Sie wird lebhafter, unterhaltmder, witziger. Oft fragt sich Ar­min (Statt, der Einzige, der eine Veränderung bei ihr bemerkt, was der Frau wohl begegnet fein mag. Bet feinem Kommen fand er sie langweilig — letzt ubt ihr Wesen einen prickelnden Reiz auf ihn aus. Un­bewußt wittert feine verschlossene Natur in der ihren eine gleichgestimmte Saite . . . H^^^und ohne Zwi­schenfall stiegen die Tage auf ber Waldburg bcchin

Mit scharfen Augen beobachtet Frau Forstet die vier jungen Leute. Sie hat sich fest vorgenommen, jene Abmachung zwischen den beiden Vatern zu bet- wirklichen. Wenn Virginia verheiratet fft - - dann kann Frau Forster auch wieder an cht «eelenherl den- ken - aber erst bann, die geliebte Tochter geht vor. Ihr opfert sie alles — selbst die Ruhe ihres Ge- tol^Unb Ruths Verbindung mit Herrn Skott muß ebenfalls nach Möglichkeit beschleunigt werden! Jt- qenbettoaS in dem Verhältnis der Serben zueinander betagt Frau Forster nicht. Ruths Zuge zeigen nie­mals jenes ruhige Glücksgefühl, welches die .iahe des ©dichten bringen soll — im Gegenteil; der Aus­druck ihrer Augen wird von Tag zu Tag erregter . . . Auch das Benehmen des Mannes, den Frau Forster für Armin Skott hält, ist nicht, wie es sein sollte. Nie­mals sucht et Ruths Gesellschaft; fast scheint et ihre Nähe zu meiden. (Fortsetzung folgt.)

wieder schließen will, bemerkt sie, daß sich die Kiste ein wenig verschoben hat, sodaß die Schranktür nicht zugeht. Zuerst will sie den Diener rufen. Doch wozu? Ihre Kräfte werden noch ausreichen, eine einfache Kiste zu rücken.

Kräftig stemmt sie sich dagegen. Die Kiste gibt nach und stößt heftig an die Rückwand des Schrankes. Doch was ist das? Oeffnet sich dort hinten nicht eine Spalte?

Fran Forster zündet ein Licht an und leuchtet in den Schrank. Richtig! Durch den starken Anprall der Kiste muß eine Feder berührt worden sein. Die Rückwand des Schrankes hat nachgegeben und eine handbreite Spalte bloßgelegt.

Frau Forstet stellt das Licht auf den Boden. Dann versucht sie, die Rückwand des Schrankes noch weiter zu schieben. Es gelingt ihr. Eine schmale Wcndel- tteppe wird sichtbar. Zwar hat Frau Forster von der Dienerschaft gehört, daß der altere Teil des Hauses verschiedene Geheimtüren, Gehrinssächer, ja sogar ein geheimes Zimmer enthalten soll — aber noch nie ist ihr etwas davon zu Gesicht gekommen. Augenschein­lich führt diese Wendeltreppe zu einem solchen verbor­genen Gemach.

Frau Forsters Reuqierde regt sich. Nur wenig Se­kunden schzvrmkt sie, ob sie warten soll, bis Viginia von ihrem Spaziergang zurückkehrt, oder ob ste alltin dem Geheimnis jener Wendeltreppe nach spür en soll. Ihre Neugierde trägt den Sieg davon. Behutsam leuchtet sie die Wendeltreppe hinauf. Die Lust fft fo dick, daß die Flamme flackert, trüber brennt und plötz­lich ganz verlischt . . .

Frau Forster zündet bas Licht abermals an. Durch die offene Tür ist inzwischen ein frische Luftzug vom Zimmer aus nach der Wendeltreppe gebrungen. Dies­mal verlischt die Kerze nicht. Vorsichtig, das trübe

Wegen des hl. Pfingstfestes wird die nächste Nummer der ,Fuldaer Zeitung" erst am Dienstag ausgegeben.

i 1 — """

t Pfirrgstfreude.

„Mehr Freude!' So ruft Bischof Keppler seinen Mitchristen zu in jenem geist- und gemütvollen Buche, auf das dieser Tage wieder die Auftnerksam- keit gelenkt wurde durch den nachträglich allerdings für falsch erklärten Zeitungsbericht über das besondere Interesse des Kaisers an dieser Schrift. _

„Freuet euch im Herrn!' Das ist der gleich­mäßige Wunsch und Ratschlag des Apostelfürsten Paulus.

Freude soll herrschen im irdischen Jammertale? — Freilich, für den Ungläubigen, der kein Jenseits kennt und kein Wiedersehen, keine Auferstehung und keinen Himmel, für den wird es schwer, angesichts ber Nöte und Leiden und des unvermridlicheir Todes die Hei­terkeit der Seele zu bewahren. Die Heiteckeit des G e s i ch t s fft da ost nur die Maske für das innere Elend. Aber der echte und rechte Christ, der im Friedm des Herrn und in der Zuversicht des Hei- landes steht, kann und soll den frohen Sinn bewahren inmittten aller irdischen Drangsal, und besonders warm und selig muß seine Herzensfreude sein am Pfingst- fefte, da er die Vollendung des Heilswerkes und die Ankunft des Trösters feiert.

Der hl. Geist, der am zehnten Tage nach der Himmelfahrt auf die ersten Christen niederstieg, um in der Folge in die Herzen aller guten Christen einzu- kehren und bei der Kirche zu bleiben bis an das Ende der Welt,— er wat als Tröstet angekündigt und hat sich in bet Tat als der wahre Trost der Welt be- währt. Nicht bloß in dem übernatürlichen Sinne der Gnadenvermittelung, sondern mich durch die heilsame Einwirkung auf die Entwickelung der Dinge im Dies­seits, auf die irdische Kultur. Was auf Erden gutes und schönes auf getroffen ist, dessen Wurzeln gehen zurück auf den Geist bet Wahrheit und Weisheit, der Treue und Liebe, derz^ffs Helfet und Tröstet bet Erlöser in bie Welt gesandt hat.

Wer guten Willens ist, darf sich mit vollen Freuden zu Pfingsten feines hohen und hehren Berufes bewußt werden. Pfingsten ist das Geburtsfest der Kirche, der die ganze Welt und alle Zett umfassenden Ge­meinschaft der Erlösten. Als Mitglieder dieser Ge­nossenschaft des Heiles stehen wir nicht vereinzelt da in unserer Schwachheit und Verzagtheit, sondern füh­len uns geborgen und gesichert unter dem höchsten Schutz und der besten Leitung. Und zugleich fühlen wir uns gehoben in dem Bewußtsein, daß auch toit trotz aller Armseligkeit doch lebendige Reben sind an dem erhabenen Weinstock, daß wir Mitwirken können auf unserem bescheidenen Posten für den Aus­bau des Reiches Gottes auf Erden.

veuljcher Reich.

; SBerlhi, 2. Juni 1911. Ter Kaiser hat gestern nachmittag den Tee beim Reichskanzler ein­genommen. Heute besuchte er die Große Kunst­ausstellung. — Die Kaiserin war gestern nach Pasewalk zur Feier des Kürrassterregiments gefahren. Nach der Rückkehr begab sie sich in Potsdam in das Kabinettshaus zum Besuche des erkrankten Prinzen Joachim. Im Befinden des Prinzen ist eine wesentliche Aendernng nicht eingetreten. Die Schmerzen haben angehalten. Infolgedessen ist auch der Kräftezustand angegriffen. — Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg hat seine zweite Jnnerasrika-Expedition, die ihm namentlich im Ge- biete des Tsadsees reiches Studienmaterial geboten; für feine Person bereits abgeschlossen. Er steht im Begriff, niggerabwärtS bis zur Küste sich zu be- geben, und wird bereits im Juli wieder tn der Heimat sein.

* Kein Handschreiben des Kaisers an Bi­schof Keppler. Die durch die Blatter gegangene ^Nachricht, daß der Kaiser an den Bischof von 'Rotienburg zum Ausdruck seiner Zustimmung zu dessen bekanntem Buche: „Mehr Freude!« ein eigenhändige- Schreiben gerichtet habe, ist, wie Herr Bischof Keppler der „Köln. Vz»g.« mit- teilt, erfunden.

t-s- Der Präsident deS Abgeordnetenhauses v. Krö­chet soll in Salzwedel am Sonntag in einer WäMr- versammlung erklärt haben, er werde im nächsten Jahr bie Wahl zum Präsidenten des Abgeord­netenhauses nicht wieder annehmen. Et hat das Amt feit dem Iahte 1898 inne und stets mit großem Geschick verwaltet. Nach der Behauptung li­beraler Blätter hätten die Sozialdemokraten ihn mürbe gemacht. Das mppige Auftreten der Genossen mag ihn manchmal geärgert haben, aber er hat sich doch immer als Mann mit so stacken Nerven gezeigt, baß man nicht glauben möchte, er werbe sich badurch in die Flucht treiben lassen. Sein Rücktritt mürbe nicht allein von seinen engeren Freunden bedauert werden.

** „40 Jahre Reichslanv". Unter dieser Heber» schrift veröffentlicht die ,Nordd. Allg. Zigck einen langen Artikel von einem Süddeutschen, worin unter vielfacher Berufung auf den Fürsten Bismarck die neue elsaß-lothringische Verfassung ver­teidigt und u. a. der Vorwurf zurückgewiesen wird, daß die Klausel wegen Anrechnung der elfafc- lothringischen Stimmen im Bundesrat der Ehre Preußens zu nahetrete. Der Artikel schließt:

.Sehr wohl möglich ist es, daß das Produkt des allgemeinen gleichen Wahlrechts für das erste Mal nicht durchaus schön ausfallen wird. Ruch das Ober­haus wird sich in seine Ausgabe erst einleben müssen. Da heißt es eben auch jetzt wieder Geduld Haden. Aber die innere Notwendigkeit der Dinge wird ans dem voll berechtigten Glied des deutschen Reichs auch ein leben­

diges Glied deS Reichskörpers machen. Eine Saat aus Hoffnung streuen wir in die tief gepflügten Furchen des Reichslands. Keine Wunderernte darf uns locken. Aber das Saatkorn ist gut und der Boden fruchtbar, weil wir im Vertrauen auf die besten Kräfte unseres Volkstums handeln, deshalb wird auch der gute Genius unseres Volkes mit beim Werke sein.'

)(lieber ba8 Reichsmarineamt als Arbeitgeber Ivird gemeldet: In den Marinebetrieben aus den Kieler Werften ist auf Anordnung des Reichsmarineamtes allen Technikern, die noch nicht fest angestellt sind, gekündigt worden. Das Reichsmarineamt hat sich aber bereit erklärt, sämtliche Techniker in ihren Stellungen zu belassen, wenn sie sich damit einver­standen erklären, einen Privatdienstvertrag einju» gehen. Die Marineverwaltung will in Zukunft die Techniker nicht mehr als Beamte mit Pensionsberech­

tigung anstellen.

0 Die Nationalliberalen und die Reichsversiche- rmigsordnuttg. Das Nation illiberale .Niedersächsische Wochenblatt' schreibt über die Reichstagsverhand­lungen betreffend den Antrag auf Herabsetzung der Altersgrenze für die Altersrente von 70 auf 65 Jahre:

„Die nationalliberale Reichstagsfraktion legte sich warm für die Herabsetzung ein. (!) Sie schickte als Redner den Abg. Stresemann vor.' Nach Abdruck der Rede heißt es dann wörtlich: „Die namentliche Ab­stimmung ergibt die Ablehnung der Anträge auf Herab­setzung der Altersgrenze mit 160 gegen 146 Stimmen bei 4 Stimmenthaltungen. Die ablehnende Mehrheit wurde gebildet vom Zentrum und Konservativen, den unzertrennlichen Freunden. Es ist für das „soziale" Zentrum jedenfalls ein starkes Stück, diese immer wieder von der Arbeiterschaft und gerade von der nationalen Arbeiterschaft geforderte Herabsetzung abzulehnen. Und um das Maß der Sünden voll zu machen, war es auch noch ausgerechnet ein „christlicher Geiverkschaftssekretär", der den ab­lehnenden Zentrumsstandpunkt motivierte."

Wie war cs in Wirklichkeit? Von den National- liberalen haben allerdings zwei Herren für die Herabsetzung auf 65 Jahre schöne Reden ge­hauen, gestimmt haben aber von 49 national- liberalen Abgeordneten nur 24 dafür, also noch nicht die Hälfte, 8 fehlten und 17 stimmten da­gegen.

:: Das Märchen von der „Allmacht des schwarz- blauen Blocks" wird trefflich istustriert durch das Ver­halten der ^Regierung. Den Liberalen zu Gefallen scheint die preußische Regierung wieder einmal die Konservativen und das Zentrum rücksichtslos vor den Kopf stoßen zu wollen. Bekanntlich hat die Kommission des Landtags, die sich mit der Vorberatung des Pflichtfortbildungsschulgesehes zu befassen hat, den Religionsunterricht als Unterrichtsfach für die gewerblichen Fortbildungsschulen angenommen und beschlossen, in den Schulvorstand auch die Geist! i- ch e n wählen zu lassen. Wie nun schon früher erzählt wurde und jetzt dir „$ägl. Rundschau' will bestäti­gen können, soll die preußische Regierung, trotz deren Widersprach diese Bestimmung im Gesetze Aufnahme fand, gewillt fein, wegen dieser Bestimmung das ganze Gesetz scheitern zu lassen, weil sie sich diefen Beschlüssen nicht unterwerfen will. Da sowohl Zentrum wie die gesamte Rechte im Plenum für die Kommissionsbeschlüsse eintreten werden, so dürste die Vorlage kaum Gesetz werden, falls die Regierung ihr „Unannehmbar' nicht zurücknimmt. Das wäre ein netter Rahmen zu den Reden des Kaisers im Vor­jahr, der in Marienburg und Beuron den Wert der Religion so hoch pries. 9hm stellt das Parlament eine Mehrheit für religiöse Maßnahmen und da wollen die Minister nicht. Was nützen alle schönen Worte, wenn sich nicht Taten anschließen? Dafür ist aber die preußische Regierung mit dem Leichenverbrennungs- gesetz den Wünschen der liberalen Kirchenfeinde ent­gegengekommen.

)( Gegen deu Privntbeamtenversicherungs- entwurf nahm der in Breslau tagende Verein deutscher Zuckerindustrie eine scharfe Reso-

Vie Macht der Gewissens

12] Roman von Erich Friesen.

ution an, hauptsächlich wegen der kostspieligen Verwaltung, der allzu langen Karenzzeit und der ,,ganz unzulänglichen Leistungen trotz hoher Bei­träge der Angestellten".

) ( Unser koloniales Verkehrswesen Hai einen wei­teren Fortschritt zu verzeichnen. Der am 1. April geschehenen Eröffnung der Togo-Hinterland bahn Lo­me— Atakparne ist am 24. v. M. die Eröffnung der Manengnbabahtt in Kamerun gefolgt.

# Karlsruhe, 2. Juni 1911. Der Kyffhäuser- Hund der deutschen Kriegervereine hatte kurz- lich eine Resolution bekanntgegeben, wonach die Vereinsmitglieder gehalten sind, daß sie ,wed:r bei Haupt- noch bei Stichwahlen die sozialdemokratische, weifische oder großpolnische Partei durch ihre Stim- men unterstützen dürfen, wenn sie Mitglieder ihres Kriegervereins bleiben wollen". Das Präsidium des badischen Militärvereinsverbandes hat in einem Verbandsorgan diese Resolution zur Kennt­nis der Kameraden gebracht und dadurch — tn Baden besteht ja der Großblock, der bie_ National­liberalen zu einem Eintreten für die Sozialdemo­kraten zwingt, — beim badischen Liberalismus A n« stoß erregt. Ter »gemäßigt-liberale' Waldshnter ,A l b b o t ri hat bereits entschieden Verwahrung gegen dieses Vorgehen des Präsidiums des badischen Mtiilärvereinsverbandes eingelegt:

„Was denkt eigentlich,' so schreibt das Blatt, „da? Präsidium des badischen Militärverbandes, das doch recht gut weiß, daß in Baden unter dem Zeichen des Blocks bei Stichwahlen viele Mitglieder der Miltiär- vereine schon für einen Sozialdemokraten gestimmt haben und im gegebenen Fall dies wieder tun werden, ohne vorher das hohe Prä­sidium des Militärvereinsverbandes um seine gütige Erlaubnis zu fragen? Was sagen da alle die vielen jungliberalen Reserveoffiziere, die zum Teil alS Mitglieder, zum Teil als Bereinsvorstünde ober Gau- Vorsitzende im badischen Militärveretnsverband fun«. gieren? Lassen diese sich durch solche Resolutionen politisch mundtot machen ober ziehen sie die Konsequenzen daraus? ..... >

Das Präsidium des badischen Militarverems- verbandes befindet sich allerdings in einer schwierigen Lage. Nationalliberales Parteigebot ist dort, Sozial­demokraten zu unterstützen, und Kriegervereinsgebot, ist, sie nicht zu unterstützen. Indessen, das Präsi­dium des badischen Kriegervereinsverdandcs hat nicht das Recht, mit Rücksicht auf den Großblock die badischen Nationalliberalen von der ihnen auf- erlegten Pflicht oder von den Konsequenzen, die angedroht sind, zu entbinden. Rian kann also ge­spannt daraus fein, wie die Sache sich entwickelt.

4- Straßburg, 2. Juni 1911. Eine neue Par­teigründung versucht Daniel Blumenthal, der alte Demokratenführer, ins Leben zu rufen. Ei hat die Gründung schon vor Monaten im Landesaus­schuß in Aussicht gestellt, falls bie Verfassung, als deren Krömmg ihm ja bekanntlich die Republik^ gilt, nicht nach seinen Wünschen zustande käme. »Die Situa­tion erfordert mehr als je den engen Zusammenschluß aller derjenigen, welchen es mit unserer Aiitonomie ernst ist. Die notwendige Einigung ist das einzige Mittel zur erfolgreichen Geltendmachung unserer Rechte, und diese Einigung wird kommen." So ver­kündet er in seinem Kolmarer Wochenblatt von einem AuSskug der früher-n Landesausschußmitglieder, der dieser Tage statssand, der Grundton der vielen dort gehaltenen Reden sei gewesen, daß nur Einigkeit und fester Zusammenschluß dem Volke die Kraft verleihen könne, seine Interessen mit Erfolg zur Geltung zu bringen. Bei dieser Gelegenheit scheint also Blumen- thal das Programm seiner beabsichtigten Parteigrün­dung entwickelt und nach seiner sehr zuversichtlichen Aeußenmg zukuiiftsfreudigen Beffall damit gefunden 1 zu haben. Er, der protestantisch getaufte, ruffisch-pol­nische Jude fühlt sich also berufen, die mit Mühe un­ter fo schwierigen Verhältnissen zzrsmnmengebrachte und leider noch so wenig gefestigte Zentrumsorgani- ■ sation der reichsländischen Kacholiken zu unierwühlen