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üotatkonsdruSvnd Verlag der Luldaer At- tteudruAerei in Fulda Zernfprecher Nr. 9.
jti 125.
Erstes Blatt.
Fulda, Freitag den 2. Juni 1911.
38. Jahrgang.
zum Studium übergeben habe. Er werde eS gern hören, wenn über die Themen, die in diesem Buche behandelt werden, indemselben Geiste Predigten gehalten werden.
X Der endgültige Abschluß der Eisenbahn- Verwaltung für 1910 gestaltet sich noch be- trüchtlich günstiger, als nach den Monats- abschlüfsen zu erwarten war. Voraussichtlich werden dem Ausgleichssonds nahezu 70 Mill. Mark zugefühlt werden können. Der Betriebskoeffizient ist beträchtlich unter 68 v. H. herabgedrückt worden. Die ersten Monate des lausenden JahreS gestalten sich weiter ebenso günstig, wie die des Vorjahres.
+ Fürst Bülow «nd das parlamentarisch? System. Die .Grenzboten* behaupten in ihrem letzten Hefte, es unterliege keinem Zweifel, daß die Politik des Fürsten- Bülow anfänglich unbewußt, zuletzt immer bewußter und absichtlicher den Urbergang zum parlamentarischen System vorbereitet habe. Dazu habe zunächst die Einigung der bürgerlichen Parteien, also die Schaffung des Blocks, dienen sollen. Sodann habe er schon im Zahre 1905 weitgehende Vorarbeiten für die Einrichtung eines Reichsoberhauses getroffen, da? Bildung und Besitz von den von konservativer Seite gc- sürchtelen Schädigungen des Parlamentarismus bewahren sollte. Es bestehe ein bis in die kleinsten Einzelheiten ausgearbciteter Gesetzentwurf, der iin geeigneten Augenblick hervorgeholt werden sollte. Die „Deutsche Tageszig." will d«fen Behauptungen wenigstens die Wahrscheinlichkeit nicht absprechen unb teilt mit:
.daß in der begründeten Befürchtung eines Hin- Ireibens zum „Parlamentarismus der entscheidende Grmid für die Anhänger der Bismarcksche» Staots- aufsassung gelegen hat, dem Fürsten Bülow die weitere Gesolgfchasl und Unterstützung zu verweigern". Die (Sin(ätrittnfi der direkten ReichserdsLaftssteuer hätte, fügt das Blatt hinzu, einen Grundstein aus dem @e« bande des Reichsförterali-nius herausgerifsen, der ohne Zweifel auch ein starkes monarchisches Gewicht in unserem Berfassungslebcn bitdet."
Von der Absi ht, ein Reichsoberhaus zu schaffen, ist ja auch früher schon gemunkelt worden; ob sie aber bereits zur Ausarbeitung eines vollständigen Gesetzentwurfes geführt hatte, darf man doch wohl bezweifeln. Seinen Block hätte Fürst Büiow mit einem solche» Plane ohne tweifel »och mehr gefährdet, als mit seiner Reichsfinanzreform.
** Umgehung der Er bschaftssteuer. Ärrf der Gene- lalvcrsammlnug der Steuer- und Wirtschasisresormer hatte Herr v. 'B v 6 v't s d) w i n g !> sSchwäizcn'hasetf oen Prospelt einer ausländischen Bank erwähnt, der mittelbar zur Umgehung der Erbschaftssteuer anreize. Fr Ergänzung dessen schreibt er jetzt der ,Vreuzztg/:
Es handelt sich um die „Bastei Handelsbank", die seinerz-N in Süddentschtand ein Schreiben versandt hat, in welchem es heißt : .Für Ehegatten, Baler und Sohn nsw. haben wir die Einrichlnng kombinierter Depots, welche di« mit einem Todesfall verbundenen lästigen und leicht zu Indiskretionen führenden Förm- lichkeiteu unnötig machen." In einem gedruckten Pio- speit der genannten Bank heißt es firner: „G e m e in- schastliche Rechnungen und Depots auf die Namen von zwei oder mehr Personen." Inzwischen scheinen der Bank doch Bedenken wegen dieser Fassung m einem aUgetitem versandten Rundichreiben gekommen zu fein. Denn in einem mir selbst kürzlich .»(gegangenen Schreiben ist der zitiert« Satz dahin abge,ändert: „Neber Art und Wirkung unserer kombinierten Depots iiit El)«galten, Baler rind Sohn usw. unterrichlen wir Sie gern näher." Dieses Verweisen auf direkte Mitteilungen dürste nur noch näher bestätigen, welche Wirkung man von bett kombmierlen Depots erhoffen soll.
— Wer ist der größere fiulturföiupfer ? liebet diese Frage ist ein ergötzlicher Streit zwischen Rstionalltberalen und Fortschrittlern ausgebrochen.
Deutsches Reich.
** Berlin, 1. Juni 1911. Der Kaiser hielt heute vormittag auf dem Tempelhofer Felde die Frühjahrsparade über die Setliner Garnison ab und besuchte nachm. dm Reichskanzler. Abetrds fand im Schlosse Paradediner statt.—Ueber dasDefuldm des Prinzen Joachim wird gemeldet, daß der Heilungsprozeß trotz der innner noch andauernden Schmerzen ganz normal verläuft. — Der Bundesrat hat in seiner Donnerstagssttzung der R e i ch s v e r s i che- rungsordnung und dem Einführungsgesetz seine Zustimmung gegeben. Außerdmt genehmigte der Bundesrat auch die anderen vom Reichstag in seiner letzten Sitzung erledigtm Gesetzentwürfe. — Dem Staatssekretär des Jnnem Dr. Delbrück tft, offenbar aus Anlaß der Betabschiedung der Reichsversicherungsordnung, das Großkreuz des roten Adleor- dens mit Eichenlaub und Brillanten und dem Direktor hn Reichsamt des Innern, Caspar, der Wilhelms- orden sowie dem Direktor in demselben Amte Dr. Lew al d der Stern zum Königlichen Kronenorden II. Klasse verliehen worden. Dem Minister der öffentlichen Arbeiten von B r e i t e n b a ch ist das Ärettz und der Stem der Komture des Königlichen Hausordens Hohenzollem verliehen worden—Der Generaldirektor der Hantburg-Amerika-Linie B al- l i n beging gestern sein 25jähriges Jubiläum als Generaldirektor. Aus diesem Anlaß wurde er von der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg zum Ehrendoktor ernannt — Die bayerische Staatsreaie- rung hat eine einheitliche Regelung der Einfuhr von Weinen beim Deutschen Reiche angeregt
<9 Der Kaffer und Bischst Keppler. Bischof Keppler von Rottenburg hat befannlitd) vor Jahr «nd Tag ei« Buch beta«8gegeben, das den Titel „Mehr Freuude" führt. Der Kai'er hat dieses Buch gelesen und den Bischof bitten lassen, ihm ein Exemplar znm «geständigen Gebrauch zukommen zn lassen, da die Lehren, die in dem Buche verkünde: werden, ans das relifiöfe Empfinden und auf religiöse Duldung nur iördernd einmirteu tonnten Bischof Keppler kam dem Wunsche natürlich nach. Daraufhin nahm der Kaiser Veranlassung, in cinetn Handschreiben, das er an den Bischof richtete, zu danken und ihm seine Anerkennung über den In- halt auszusprechen. Zugleich teilte der Kaiser dem Bischof mit, daß er das Werk seinen Predigern
An und für sich ist es uns ja recht, wenn die SammlungSpoltttk des Reichskanzlers Erfolg hat gegenüber der Hetzpolttik von Baffermann, Wiemer ufw. Doch kann man neuerdings sich zu der Frage gedrängt fühlen, ob die Regierung in ihrer programmmäßigen Stellung über den Parteien nicht gefährdet werde durch eine allzu stacke nattonallibe- r a l e Färbung. Es ist bezeichnend, daß das Berliner Organ dieser Partei, die „National-Zeiümg", aus Anlaß be§ kaiserlichen Anerkennungsschreibens sich so begeistert über Herrn v. Bethmmm ausdrückt, als ob er ein liberaler Minister wäre, der gegen die Konservativen gestützt und gestärkt werden müsse.
„Herr von Bethmann-Hollweg", so heißt es da, „besitzt, wie man auch au3 manchen anderen Anzeichen weiß, das vollste Vertrauen des Kaisers, der mit dem Regierungsprogramm des Kanzlers durchaus einverstanden ist und ihn wiederholt seiner Zustimmung versichert hat".
Wir wollen diese etwas zudckngliche Sprache nicht weiter kritisieren, sondern nur die nationalliberale Packei in ihrer Gesanftheit ersuchen, der Eckenntnts von den Vorgängen und den guten Aussichten der Bethmann'schen Staatskunft bei den Wahlen prakt. Folge zu geben, durch Abkehr von allen Großblockbestrebungen und Anschluß an die bürgerliche Sammelpolitik.
Jede der beiden Parteien lehnt es ab, der größere Kulturkämpfer zu sein. Der fortschrittliche Generalstabschef für das Rheinland, Schlie, hat die kühne Behauptung aufgestellt: die fortschrittliche sei mehr als die nationalltberale Partei geeignet, dem Zentrum Stimmen ober sogar Mandate abzunehmen, denn ihr könnten keine kulturkämpferischen Neigungen nachgesagt werden. Die nationallibe- rale Magdeburger Bettung' antwortet: Das sei Lüge und Heuchelei. Noch beim Antimodernisten- eid habe keiner gröber in Kulturkampf gemacht als der fortschrittliche Führer Dr. Wiemer, und das Wort „Kulturkampf" sei von dem großen Fortschrittsmann Professor Virchow geprägt worden. — Wir finden den Streit recht komisch. Wenn beide Parteien sich gegen den Vorwurf der Kultur« kämpferei wehren, so sehen sie offenbar ein, daß diese etwas Törichtes oder etwas Verwerfliches — ober beides — ist. Folgerichtig sollten sie die Kulturkämpferei ganz bleiben lassen. Dann würde kein Streit darüber entstehen können, wer von ihnen der größere Kulturkämpfer ist. Aber Kulturkampf tniben und zugleich einem anderen vorwersen, er ser der schlimmere Kulturkämpfer, das ist infonfrquent.
— Wahrheitsliebe und journalistischer Anstand der Täglichen Rundschau. Vor kurzem veröffentlichte die Tägl. Rundschau (Nr. 192) einen gehässigen Angriff auf eine Broschüre des Volksvereins für bas katholische Deutschland: Wie man einen Rekmtenvor» bereitimgskursus einrichtet. Das Blatt schloß seinen gehässigen Angriff, womit die „Schliche und Kniffe der Zentrumspolitik", selbst bet der „Rekrntenab- schiedsfeier" aufgedeckt werden sollten, mit folgenden Worten:
Um den schweren Ernst dieser lächerlich scheinende» Sache zu begreifen, erinnere man sich, daß neulich erst nu Prozeß Bachftein gerichtsnotorisch und unter Besiäiigung durch den ultromoutanen Sachverständigen sestgeftellt wurde, daß die Jesuiten, die Väter und Meister des geifterfeffelnbeii geistlichen Exerzitiums in ihrer Moraltheologie lehren und beweisen, rote der katholische Soldat desertieren dürfe, wenn ihn der Ton in der Kaserne in seinen katholischen An« fchanuugen wankend machen könnte.
Die Tägl. Rundschau, die ausführlich über deil Prozeß des abgesallenen Priesters Bachstein gegen das Paderborner Sonntagsblatt „Leo" berichtet hat, mußte wissen, daß im genannten Prozeß durch dm „ultramontanen Sachverständigen" (gemeint ist Unl- versitätsprofessor Dr. Mausbach in Munster) festgestellt worden ist, daß P. Lehmkuhl — bezw. die Jesuiten — keineswegs lehren, der katholische Soldak dürft desertieren, „wenn ihn der Ton in der Kaserne in seinen katholischen Anschaunngm Ivan» kend machen könnte", sondern daß diese angebliche Jesuitenlehre weiter nichts ist als eine falsche Anschuldigung Bachsteins, den die Tägl. Rund- schau ttach dem Prozeß mit großem Eifer, wenn auch in wahrheitswidriger Weise zu verteidigen suchte. Unioersitätsprosessor Dr. Mausbach hat denn auch am 28. April d. I. der Tägl. Rundschau folgend« Berichtigung zugestellt:
Als Sachverständiger im Prozeß Bachftein habe ich den vom Kläger (Bachftein) versuchten Nachwe.s, der tathottfche Soldat dürfe nach Lehre der Jesuiten — bezw. de; Jeiuiten Lehmkuhl — desertieren, „wenn ihn der Ton tn der Kaserne in feinen katholischen An- schaumigen wankend machen könnte", keineswegs bestätigt, vielmehr ausdrücklich gesagt, schon die oberflächlichste Vergleichung der Stellen widerlege diese Anschuldigung.
Von einer Veröffentlichung dieser Berichtigung haben wir in der Tägl. Rundschau bis heute nichts gesehen. Am 8. Mai hat Prof. Dr. Mansbach durch eingeschriebenen Brief die Tägl. Rundschau an die am 28. April eingefanbte Berichtigung erinnert und um Zusendung eines Belegexemplare-
t Der Dank des Kaisers.
Der Kaiser hat feine Anerkennung für die parlamentarischen Erfolge, die dem Reichskanzler Geschieden waren, in folgendem Handschreiben zum Ausdruck gebracht:
„Mein lieber von Bethmann-Hollweg! Mit Be- niebtgung habe Ich aus Ihrer Meldung ersehen, daß rach dem glücklichen Zustandekommm des Gesetzes über »ie Verfassung von Elfaß-Lothringen nun auch die Vorlage der Reichsversicherungsordnung die Zustimmung Des Reichstags gesunden hat. Wenn es gelungen ist, wese beiden bedeutungsvollen Gesetzgebungswerke nach Langwierigen Verhandlungen und nach Ueberroinbung Mannigfacher Schwierigkeiten in einer den Interessen pes Reiches entsprechenden Weise zum Abschluß zu «ringen, so ist dieses erfreuliche Ergebnis nicht zum ptmdesten Ihrem persönlichen Eingreifen, Wrer staatsmännischen Kunst und ziel« gewußten Arbeit zu verdanken. Ich kann es Mir daher nicht versagen. Ihnen $u diesem Erfolge Meinen Kaiserlichen Dank anSzufprechen. Um aber Meiner Anerkennung und Meinem Wohlwollen noch einen be- -vuderen Ausdruck zu geben, habe Ich Ihnen Mein beifolgendes Bildnis verliehen. Bei dessen Anblick seien Sie allezeit eingedenk der herzlichen Dankbarkeit Ihres wohlgeneigten (gez.) Wilhelm I. R. £Reue§ Palais, den 31. Mai 1911."
, Das Schreiben räumt die letzten Zweifel aus, als db das Verhalten des Reichskanzlers in der elsaß- lothringischen Frage in Folge der konservativen Opposition an der höchsten Stelle auf Bedenken gestoßen sei; es zeigt, daß die Versuche, die elsaß- lothnngische Verfassungsreform als einen Schlag gegen die Ehre Preußens und eine Herabdrückung jber Stellung des Kaisers hinzustellen, auf den Kaiser ohne Eindruck geblieben sind, und der Kaiser den SBert des Reformwcckes objektiv zu schätzen versteht.
Es ist ja bekannt, daß die p e r f ö n l i ch e Tätigkeit des leitenden Staatsmannes sich tu der Verfas- JungSfrage noch unmittelbarer und entscheidender gel- ’t<mb gemacht hat, als bei der Verflcherungsreform. Die „staatsmännische Kunst" trat am eindrucksvollsten -zu Tage in der Regelung der Teilnahme Elsaß- Lothringens im Bundesrat. Der konservative Widerspruch gegen die hier angeblich geübte „Selbstverleugnung" ober gar „Demütigung" Preußens war ))orauszusehen, man formte aber von vornherein an- nehmen, daß Herr v. Bethmann die Nichtanrechimng ,der drei neuen Stimmen zu Gunsten Preußens erst dann in Vorschlag gebracht hatte, als er sich der vollen -Zustimmung des Kaisers versicheck hatte. Die letztere ist mm vor aller Welt durch das kaiserliche Hand- sschleiben bekräftigt und bekundet luocben, und zwar in einer Form und einem Stil, die nichts von bürokratischer Mache an sich Hal, sondern die persönliche Stimmung des Kaisers tn urwüchsiger Einfachheit und Herzlichkeit wiederspiegelt.
Daraus kann die Schlußfolgerung gezogen werben, daß ber Konflikt mit bett Konservativen wegen her Berfassmtgsfrage für Herrn v. Bethmann-Hollweg telne unangenehme Zukunftsnachwtckungen haben werde, wie f Z etwa die Novemberverhandlung wegen des Kaiser-Interviews für den Fürsten Bülow. — Es gehört ja zu den Gepflogenheiten der liberalen Dresse, die Negierung als vollständig abhängig vom ^ungekrönten" Führer der Konservativen hinzustellen simd jede Oppotirm der konservativen Packei in irgend fckner Einzelfrage zu einer fürchterlichen Minister- stürzerei aufzubauschen. Man sollte nun allge- stiach erkennen und zugestehen, daß die Regierung sticht im schwarzblauen Joche geht, son- fbern ihre Stellung über den Parteien manchmal in tiner Weise bekundet, die nicht bloß dm Konservativ en, sondern auch dem Zentrum mißfallt. Vergleiche die 'Vorlage wegen ber Leichenverbremmng und den Wi- bcrstand gegen den Religionsunterricht in der Fock- bildmtgsschnle.
Vie Macht der Sewiflenr.
5.i] Roman von Erich Friesen.
7. Kapitel.
Am folgenden Morgen nach dem Frühstück — die Mer jungen Leute streifen mnher in Wald und Feld — liegt Frau Forster mit einem Buch in der Hand auf der Chaiselongue in ihrem Boudoir. Doch liest sie sticht. Mit geschlossenm Augen überdenkt sie die letzten Stunden.
Von fern ertönen die frischen Stimmen der Schnitter zum hohen Bogenfenster herein . . .
Frau Forster öffnet die Augen und läßt bett Blick chinausschweisen über die in vollster Sonnenglut prcm- .'gende Wiese, wo junge, kräftige Burschen mit fröh- jlichem Gesang die Sense schwingen. Die Soime blendet sie. Sie klappt das Buch zu, schließt das Fenster und zieht die weißen Spitzenvorhünge zusammen. Daun legt sie sich wieder auf die Chaiselongue.
Frau Forster fühlt sich unbehaglich — sie weiß .selbst nicht, 1 Darum. Vor einem Jahr noch kannte sie feine Nerven. Da gab es für sie soviel zu tun, den flehten Haushalt in Ordnung zu bringen, Virginias Kleider zu nähen, die Wäsche zu flicken — wahrlich, ;ba hatte sie gor feine Zeit, an jene flehten Ungeheuer, so man „Nerven" nennt, zu benfen. Aber jetzt? Jetzt ist sie reich. Reichtum zieht Träghckt nach sich und Trägheit — Nerven.
Frau Forster schüttelt den Kops. Sollte auch sie bereits von diesem mobernen Leiden angekränkelt fein» Sie schilt sich selbst.
, „Es ist geradezu lächerlich! Wer hat wohl mehr Irtmd, zufckeden zu sein, als ich? Ich besitze eint liebevolle Tochter, ein herrliches Heim, bedeutende Reichtümer. Warum fange ich Grillm? Was ist, plötzlich über mich gefotmtien? Tragen jene beiden Männer die Schuld, btt gestern meine Schwelle überschritten, . . . Nein, es ist schon länger her — ich glaube, seit Ruth Harrison bei uns einzog ... Ah, bah, mir scheint, ich werde alt und hypochondrischi Das darf nicht sein. Fock mit diesem unsichtbaren Feind, der sich zwischen mich und meine Ruhe drängt."
Sie steht auf und öffnet hastig das Fncster. Eine frifche Bckfe weht vom nahm Meer. Und wieder arbeiten ihre Gedcmfm. Sie drehen fich saft alle um Virginia, ihren Augapfel . ..
Damals, als sie noch arm waren, hatte pe ost an jene Abmachung zwischen den beiden Vätern gedacht; aber ihr Stolz verbot ihr, den ersten Schritt zu einer Annäherung zwischen ben jungen Leuten zu tun. Zwar hatte sie jedes Jahr einmal mit dem jungen Lord Donald korrespondiert; doch wußte sie nicht, ob er von jener Abmachung Kenntnis hatte. Und wenn auch — so lange Virginia ein blutarmes Mädchen war, bildete sie feine paffende Partie für den reichen Lord. Virginia würde, ihrer Meinung nach, unbedingt glücklicher sein an der Seite eines in gleich einfachem Der- hältnissen lebenden Mannes ... Da ging plötzlich und unerwacket die Sonne des Reichtums über ihrem Haupte auf, und mit diesem Reichtum erwachte wieder jener längst gehegte Wunsch.
Frau Forster hatte den jungen Lord Donald niemals gesehen, weder ihn, noch seinen Vater. Aber gewiß ist er ein Ehrenmann, dem sie die Zukunft der Tochter ruhig atotertrauen kann!
„Ein Besuch schadet nichts," sagte sie sich. „Ich will mir den jungen Mann einmal ansehen. Und wenn er mir und vor allem Birginm gefält — nun gut!"
Und so lud sie Lord Donald und dessen Sekretär nach der Waldburg ein. Die Einladung wurde angenommen. Alles ging nach Wunsch . . .
Da erschien plötzlich Rnth Harrison ans der Bildflache. Demütig bat sie um Erlaubnis, eine Zeitlang in dem Hause bleiben zu dürfen, das ehedem ihre Heimat gewesen. Man empfing sie mit offenen Armen. Ganz natürlich — war sie doch schön, anmutig und liebensweck! . . .
_ Doch bald merkte Frau Forster, daß Virginia trotz -Ihres Liebreizes neben ihr verblaßte, gleich einem Veilchen neben der dunkelglühmdm Rose. UeberaL» wo beide sich zeigten, flogen Ruch die Herzen zu — Virginia stand abseits. Die jetzige Situation wird unhallbar sein — Frau Forster ist sich dessen Har bewußt. Sie hat Ruth sehr gern — aber das Mädchen darf nicht für immer auf der Waldburg bleiben. Die Liebe der Dorfbewohner, die Verehrung der Dienst
boten — alles dies, was Ruth in so hohem Maße besitzt, muß auf Virginia über gehen auf ihre liebe, kleine Tochter, die nunmehrige Herrin der Wald- burg . .
Und weiter grübelt Frau Forster . . .
Auf welche Weife ist Ruth Harrison am leichtesten von der Waldburg zu entfernen? Natürlich, indem sie heiratet . . Und wen heiratet sie? Natürlich ben Mann, um deffentwillen sie Besitz und Vermögen und alles ausgegeben . .
Bei diesem Gedanken weilt Frau Forster am längsten. Ja. so geht's! Sie selbst will die Hand des jungen Mädchens in die des erwählten Gatten legen; mit ihrem mütterlichen Segen soll sie von der Waldburg ins eigene Heim überfiedeln.
Selbstverständlich lieben die beiden etnandere über alle Maßen! .... Allerdings — gestern abend bei Tisch — Ruch hatte ihren Platz neben Herrn Sfott — und auch heute beim Frühstück, da waren beide ungewöhnlich still. Kein warmer Blick, kein glückliches Anlächeln, kein mädchenhaftes Erröten . . . Einmal sogar — als nach dem Abendessen die beiden auf der Terrasse dicht nebeneinander standen, wie es Verlobte häufig tun und Virginia Lord Donald ein Album mit Photographien erklärte — da hatte Ruth zu diesen beiden hinübergeblickt und den jungen Lord mit Augen angesehen — mit Augen — Frau Forster entfärbt sich bei der Erinnerung an diese glühenden, leidenschaftlichen Augen . . .
Und doch — war heute Lacht Ruch nicht in ben Park hinabgegangen? Zu welchem anderen Zweck, als um mit ihrem Verlobten imgeftört plaudern zu können? . . . Die Einzige, die gestem abend noch wachte, als das ganze HauS bereits in tiefer Dunkel- hckt lag, war Frau Forster. Als sie leise Schritte auf dem Korridor vernahm, huschte sie Ms dem Bett, hin zum Fenster. Da sah sie eine lichte Gestalt den Weg zum Ro.smgarten entlang eilen und dock ver- schtvindcn. Und gleich darnach folgte eine dunkle Män- nerslgur. . .
Diese Entdeckung, die Frau Forster gestern abend mtt Besorgnis erfüllte, beruhigt sie jetzt. Natürlich liebt Ruch ihren Bräutigam; würde fie sonst in eine Begegnung zu so ungewöhnlicher Zeit willigen? ,. .
Frau Forster nimmt Shawl und Sonnenschirm und steigt die Treppe hinab in den Gacke». Ihre Gedanken schtveifen von Ruth und ihrem Verlobten zu Lord Donald — oder vielmehr zu dem Manne, den sie für Lord Donald hält. Er sst nicht ganz das Ideal, welches ihre Phantasie sich als Gatten für ihre kleine Virginia ansgemalt. Er ist so eigentümlich, so — Frau Forster findet kein passendes Wock. Er hat etwas an sich, was cmzieht und abstößt zugleich. Ihm zu widerstehen, muß schwer sein . . . Klopfenden Herzens denkt Frau Forster «r ihr unschuldiges Töchterchen. Er war aufin-.-rfiam und liebenswürdig zu Virginia gewesen, und auch ste schien sich gern mit ihm zu unterhalten. Wenn er nur weniger sarkastisch überlegen wäre, weniger rätselhaft, weniger — etwa ähnlich seinem Sekrckär . . .
Herr Sfott — oder vielmehr der Mann, den sie für Armin hält, — ist wirklich ein angenehmer Mensch, natürlich unbedeutend im Vergleich zu dem andern, aber so offen, so bieder. Bei ihm weiß man gleich, woran man ist. Wäre er Lord Donald und letzterer Armin Mott — da wäre die Sache bedeutend einfacher. Sv grübelt und grübelt Frau Forster . . . Sie gibt sich die größte Mühe, ihre Besorgnis zu verscheuchen ...
EMich gelingt es ihr. Beruhigt lehrt sie m ihr Schlafzimmer zurück. Es ist erst gegen elf Uhr, noch zwei Stunden bis zum Mittagessen — also gerade Zeit genug, eine Arbeit vorzunehmen, welche sie schon lange verschoben hat.
Fran Forsters Schlaszimmer ist dasselbe Gemach, in welchem Fräulein Ursula Palmer vor einem halben Jabre starb. Es ist ein sehr geräumiges, niedriges Zimmer, im ältesten Teil de? Hauses gelegen. Wände, Decken, Fußboden, Türen — alles massives Eichenholz. Das Altertümliche, eigenartige dieses Ge- maches hatte FrM Forster von Anfang an derart an- aezogen, daß sie es zu ihrem Schlafzimmer bestimmte. Die Wände des Zimmers sind auffallend dick. In einer derselben befindet sich ein Schrank, in tvelchen grau Forster vor einigen Wochen eine große, ganz mit Büchem angefüllte Ziste hat stellen lassen. Diese mit Büchern angefüKte Kiste hat stellen lassen. Diese chrer Bibliothek untetbthtgen.
(Focksetzung folgt.)