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»enner$ta;| de» i. Juni im.
38. Jahrgang.
* fuldaer W Zeitung
X Blatt
Brett und Verlag der Mdaer Aetlendnickerel m 8«lda.
X Neue Kreuzer?
Die nnverantwoMchen Treibereim im Flotte n v e r e i n, die unserer auswärtigm Politik viele Schwierigkeiten bereitet haben, führten schließlich zu einer Krisis, der das Präsidium, mit dem General Keim an der Spitze, zuni Opfer gefallen ist. Es scheint, M der Chauvinismus auch unter der neuen Ver- Haltung die Oberhand gewinnt.
In Nürnberg hat der Flottenverein auf seiner Hauptversammlung schon wieder Beschlüsse gefaßt, die über das bestehende Flottengesetz hinaus- gehen, und ohne Debatte einstimmig einen Antrag angenommen, der verlangt, daß vom Jahre 1912 an -jährlich ein großer Kreuzer mehr gebaut werde, als ir Bauprogramm von 1908 vorgesehen" ist.
Großadmiral B. Köster, der nicht mehr im Dienste ist, bezeichnete es in einem Vortrag als unzulässig, daß die ungcpanzerten Kreuzer der Hertha-Klasse und dec Kreuzer „Kaiserin Augusta" auf den Bestand der gesetzlich vorgeschriebenen 20 großen Kreuzer angerechnet werden. Und die ganze Versammlung in Hurrastimnw.ng nahm dir Erklärung einstimmig an, etz müsse jetzt jährlich ein Kreuzer mehr gebaut toerben. Inwieweit ältere Schiffe auf die Borge- schrieben« Zahl anzurochnen find, hat zunächst der verantwortliche Leiter des Reichsmarineamts zu bestimmen. Soll man annehme», er verstehe davon weniger als der in den Ruhestand versetzte Großadmiral? Admiral v. Tirpitz wird für seine Beurteilung der Kreuzer gute Gründe gehabt haben. Und der Reichstag müßte von allen guten Geistern verlassen sein, wenn er die Mittel zu drei großen Panzerkreuzern jährlich bewilligen wollte, wo z>vei für ausreichend erklärt wurden, und künMich wieder eine Finanznot schüfe, der man eben erst durch neue Steuern abgeholfen zu haben wähnte.
Ginge Deutschland wirklich über das bisherige Programm hinaus, so würde damit das Signal zu einer um so rapideren Flottenoermehrung des Auslandes, ganz besonders England- und Frankreichs, gegeben. Das System des gegenseitigen Ucberbietens würde neue Orgien feiern. Und die Zuversicht in die Erhaltung des Friedens könnte durch diese Taktik sicherlich keine Stärkung erfahren.
Eine Annäherung zwischen Deutschland und England vollzieht sich sichtlich. Sie ist in jüngster Zeit Cort den Herrschern tote ihren Regierungen wesent- ■ ich gefördert worden. Beide Regierungen sind über- itngekommen, Mitteilungen über ihre Flotten auszu- jarischen. In London hat das Ministerium dem llnterhause mitgeteilt, daß im Hinblick aus die be- »orstehende, dem Gesetz entsprechende Einschränkung des deutschen Schiffbaues mich das Tempo der englischen Bauten verlangsamt werden könne. Wiederholt ist von deutscher Seite bändig erklärt worden, über den Rahmen des heutigen Gesetzes und Bauprogramms solle nicht hinausgegangen werden. Herr V. Tirpitz hat das aufs bündigste in der BudgetkoP- mission versichert. Und jetzt sollte es dennoch geschehen, weil es der deutsche Flottenverein so will? Im Gegenteil, man wird verlangen dürfen, daß die Amtlichen Kreise dieser Forderung.nachdrücklich e n t - hegentreten und jede Gemeinschaft mit den neuen Treibereien des deutschen Flot- ^«rivereins unzweideutig von sich weisen werden.
•. Die Lasten derReichsversichermlgs- ordnrmg.
Die sozialdemokratische Presse hat zur Beratung der Reichsvcrstchemngsordnung sich ein langes Schema beigelegt, das nach jedem sozialdemokratischen Antrag das Stichwort enthält: „Abgelehnt von den bürgerlichen Kompromißparteien" oder „Abgelehnt von allen bürgerlichen Parteien". Die stete Wiederkehr dieses Satzes sollte bei den Arbeitern den Eindruck erwecken, als bringe das große Werk so gut wie keine Fortschritte, sondern nur „Entrechtungen".
Wenn die Mehrheitsparteien eine Reihe von Anträgen abgelehnt haben, bann wollten sie damit nicht zum Ausdruck bringen, daß diese sachlich mid inhaltlich unbegründet seien, daß sie nicht ausführbar seien, sondern es sollte damit nur bekundet werden, daß es hm jetzigen Zeitpunkt ausgeschlossen ist, dem deutschen Gewerbe höhere Lasten cmfzuer- segen, als die Kommissionsbeschlüsse sie bringen. Manche bürgerlichen Parteien mußten diesen und
jenen Lieblingswunsch prrückftellen, well die Frage: wer bezahlt die Sache? entscheidend war. Auch in der SozialpolM gibt es eine Deckungsfrage-, trenn Sozialpolitik kein (Selb kosten würde, würde alle Welt Sozialpolitll treiben.
Wenn man nun fragt: was kostet die neue RetchSversicherungSordnung? fo kann darauf heute noch nicht eine Antwort gegeßen werden, die auf Heller und Pfennig stimmt. Namentlich in der Krankenverficherung ist ein« glatte Rechnung unmöglich, da die Kaff«: neben den Rrgellefftungm eine ganz« Menge erhöhter SatzungSleistungen geben und geben werden. Aber man greift nicht viel fehl, wenn man die Kosten der RrichSverfichemngsordnung auf rund 250 Millionen Mark i m Jahr« berechnet. Di« Vorlage enthält schon Mehrausgaben, die für Arbeitgeber und Versicherte rund 120 Millionen Mack und für daS Reich 27 Millionen Mark betragen. Zu diesen auf 150 Millionen Mark berechneten Kosten treten nun die Ausgaben für die Verstcherungsämter, die mit 7—10 Millionen Mark auch in der beschlossenen Form nicht zu hoch angegeben worden sind. Bei der Invalidenrente tritt die Höhe« Mehrausgabe von 9 Millionen Mark für die Kinderrente hinzu; bei der Unfallr«tte wird das Einkommen bis zu 1800 Mark statt 1500 Mark voll angerechnet. Jedoch weit mehr als all dies schlägt die neue Berechnung d es GrundlohneS zu Buch, da sie für Kranken- und Invalidenversicherung gleichzeitig erhöhend wirkt. Es wird eine Menge von Fällen geben, wo für die Arbeiterversicherung daS Doppelte der bisherigen Beiträgezu zahlen ifi.
Eine Viertelmilliarde Mark pro Jahr mehr für die Arbeiterverflcherung ist keine Kleinigkeit und fteHt vielen wohlbegründeten Wünschen eine unüberwindliche Schranke entgegen. Die sozialdemokratischen Anträge Hecken sich freilich nicht daran gekehrt; toenn man ihre gesamte finanzielle Wirkung zusommenstellt, bann kommt man nach zuverlässigen Berechnungen auf über 2 Milliarden Mark im Jahr; eine Summ«, die nur genannt zu werden braucht, um abgetan zu sein. Selbst wenn einige Mathematiker nur auf 1500 Millionen Mark kommen, so war eine solche Mehrbelastung einfach unannehmbar.
x Kovgrefie.
Pfingsten ist die Zeit der General- und Hauptversammlungen und der Kongreffe. Alle möglichen Organisationen rufen in der Zeil um Pfingsten ihre Milglieder in irgend einer Stadt zusammen, nm einen Rück- und Ausblick zu tun. So beginnt der Verein der katholischen Lehrerin nenam Pfingst- sonnlag seine Hauploersammlung in Danzig. Die Vertreter der Windth orstb nnd e versammeln sich gleich nach Pfingsten in Koblenz am Rhein. Die Tagung beginnt am Freitag, den 9. Juni und dauert bis Montag, den 12. Juni.
Auch in den Tagen vor Pfingsten haben schon viele Genossenschaslen und Verbände ihre Zusammenkunft abgehalten. So tagte am Sonntag in Königsberg der 15. deutsche Bau genösse nschaststag, der sich die Lösung der Wohnungsfrage zur Aufgabe gestellt hat. Der einzigste Punkt der Tagesordnung bildete die „Ausführung von Genossenschaftsbauten", der von der rechtlichen, kaufmännischen und technischen Seite erörtert wurde. In der Diskussion wurde verschiedentlich die Errichtung von Bauberatungsstellen, wie sie in verschiedenen Städten schon bestehen, verlangt.
Der deutsche Verein für Volkshygiene, an dessen Spitze der frühere Handelsminifler v. Möller steht, tagte am Sonntag m Dresden. Geh. Medizinal- Rat Prof. Dr. Hist sprach über „Schonung rind Abhärtung" und wandte sich sich besonders dagegen, in der Abhärtung ein Allheilmittel zu sehen. Bei der Verschiedenheit der körperlichen Veranlagung sei nur durch sorgsamste Beobachtung des Körpers das richtige Maß der'Abhärlnng zu treffen. Professor Dr. Bey - thien sprach über"den „Kampf gegen die Nahrungs- mittelversälschung und seine Bedeutung für die Volksgesundheit". Er wies barauf hiy, daß die fabrikmäßige Herstellung vieler Lebensmittel eine Verschlechterung mit sich gebracht habe und forderte alle zur Unterstützung der Organe zur Lebensmittelkonlrolle auf.
Die 50. Jahresversammlung des Vereins deutscher Zahnärzte fand ebenfalls in Dresden statt. Es wurde die Schulzahnpflege, die geregelte Zahnpflege beim Militär und die Einführung der Zahnpflege in den Krankenkassen, Krankenhäusern ufiv. im erweiterten Maße verlangt. <;
Der 36 deutsche Schmiedelag — der Verband umfaßt 293 Innungen mit 12 744 Mitgliedern — tagte gleichfalls in Dressen. Es wurde ein Antrag
angenommen, daß di» Konkurrenz der Tierärzte, die nebenbei prattischen Hufschlag ausüben, beteiligt werde, das Prüfungswesen im Hufbeschlag einer Reorganisation unterzogen werde und In dem nur biejentgen, die einen regelrechten Kurs mitgemacht haben, unter Zuziehung praktischer Meister zur Prüfung zuzulaffen seien; ferner solle die Ausbildung der Militärschmiede nur in den Militärschmiedlehren, nicht aber bei den einzelnen Regimentsschmieden erfolgen. Ebenso wurde beschlossen, auf die Befestigung des § lOOq hiuzu- arbeiteu.
In Braunschweig tagte der Verband der reisenden Kaufleute. Das Gesamtvermögen des Verbandes beträgt jetzt 4 691241,63 Mk., der Witwen- und Waisenfonds 2638941,41 Mk.; an Unterstützungen gelangten zur Auszahlung 122 136,50 Mk. Der Alters- verforgungsfonds besitzt em Bermögen von 1168191,59 Mark. In ähnlicher Weise haben auch die übrigen Wohlsahrtseimichlungen des Verbandes prosperiert.
In Wiesbaden hielt der deutsche Verband kaufmännischer Vereine seine Hauptversammlung ab. Er wandte sich gegen die salärdrückende Frauenarbeit im Handelsgewerbe und verlangte als Abhilssmittel dagegen eine besser« Ausdtldung der weiblichen Han- delsangestellten.
Der Verbandstag deutscher Elektrotechniker begann Dienstag in München mit einer Festsitzung unter dem Vorsitz des Prof. Budde, bei der der Ber- kehrsminister von Frauendorfer namens der Regierung die Berfammlung begrüßte. Anschließend an die Festsitzung wurde im Ausstellungsgebäude auf der The- resienhöhe die elektrische Ausstellung durch den Prinzen Franz von Bayern eröffnet.
Aus Mrche und Schule.
* Würzburg, 31. Mai 1911. Angewiesen wurden Kapian A. Kießling in Erlenbach (M.) in gleicher Eigenschaft zur Pfarrei St. Michael in Aschaffenburg und Kaplan V. Fuchs in Rimpar als Kaplan zur Muttergollespfarrei in Aschaffenburg. — Mil der Verwaltung der Stadipsarrei And wurde Pfarrer Sv. Flecken sie n daselbst beauftragt. Die Pfarrei St. Burkard in Würzburg ivurde dem Pfarrer K. Keller in Himmelstadt verliehen, die Pfarrei Röthlein dem Lokalkaplan Joh. Batth in Oberwestern, die Pfarrei Obersinn dem Lokalkaplan E. Knecht in Eichelsee.
Aus dem Nachbargebkte.
* Schlitz, 31. Mai 1911. Tas 3 8. Gauturn - fest des Gaues Hessen wird am 8,9. und 10. Juli in den Mauern unseres anheimelnden Städtchens skatl- fiuden. Di« Festausschüsse find schon wochenlang eifrigst tätig und die Bürgerschaft rüstet sich znm Empfang. Die Festmufik wird von der Kapelle des Infanterie-Regiments Nr. 83 zu Kassel und de» beiden Stadtkapellen ausgejührt; der Gesangverein „harmonisches Kränzchen" wird durch auserwählte Chöre dem Feste eine besondere Weihe verleihe». — Extrazüge verkehren: Am Samstag, 8. Juki: Gießen ab l30 Uhr, Schlitz an 4*° Uhr nachm.; Sonntag, 9. Juli: Fulda ab 11M Uhr, Schlitz an 1“ Uhr nachm ; Schlitz ab 10“ Uhr, Gießen an 1 Uhr nachts; Schlitz ab IO25 Uhr abends bis Alsfeld und Anschluß nach Grebenhain.
*'■ Melsungen, 31. Mai 19; 1. Die „M elsu » ger Turngemernde 18 61" feiert am 5., 6. und 7. August das 50. Stiftungsfest. Außer geselligen Veranstaltungen sind Wettläufe, Radrennen, Wettschwimmen und eigentliches Wett-Turnen in Aussicht genommen, an denen die Turner deS 7. deutschen Tur»- kreises teil.tehmen können.
* Göttingen, 1. Juni 1911. Der 18 jährige Sohn eines hiesigen Schlächtermeisters stürzte auf der Koloffeumswiefe beim FiuhjahrSseste aus einer Lust schaukel. Er erlitt derartig schwere innere Verletzungen, daß er stard.
* Frankfurt, 1. Juni 1911. Abermals ist ein gemeingefährlicher Heiratsschwindler her Frankfurter Polizei in die Hände geraten. Es handelt sich tun einen russischen Kaufmann Goren- stein, der zunächst nur wegen Ruhestörung Borgeladen worden war. Im Laufe der Vernehmung wurde et jedoch verhaftet. Der Russe steht nicht nur im Verdacht, zahlreiche Heiratsschwindeleien begangen zu haben, sondern man glaubt, genügen!) Anhaltspunkte dafür zu finden, daß er identisch ist mit jenem Hochstapler, der Ende vor. Jahres die Gouvernante Naumann vollständig a u s p l ii n d e r t e. Gorenstein hatte das junge Mädchen, das mit 18 000 Mark Ersparnissen von Rußland zurückkehrte, im Kü
pe« fermen gelernt, sich mit ihr verlobt und war schließe lich mit ihrer gesamten Habe verschwunden. — Der hiesige Wirt, gegen den die Polizei eingeschritten, loeil er Kellnerinnen tm Hosenrock bedienen ließ, wurde freigesprochen, nachdem seine Frau dem Gerichtshof das Hosenrockkostüm vorgefuhtt hatte.
* Aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden, 31. Mai 1911. Fanatisch wird von liberal-sozialistischer Seite der Bau von Leichenverbrennungsöfen gefördert. In Wiesbaden soll bereits in de» städtischen Körperschaften die notwendige Zweidrittel« Mehrheit für die Erbauung gesichert sein. Die Pläne find auch schon fertig, so daß sofort nach Inkrafttreten des Gesetzes mit dem Bau begonnen werden kann. — In Wiesbaden hat die Eröffnung der Ausstellung von Bismarck-Denkmalsentivürsen stattgefunden. Es waren etwa 800 Gäste anwesend. — In das Stationsgebäude der an der Strecke Weilburg-Weilmünster gelegenen Station Ern st Hause» ivurde ein Einbruch verübt. Der Dieb erbrach di« Wechselkaffe.
Amt Geisa und Umgebung.
♦ Geisa, 1. Juni 1911. Am vergangenen Sonn« tag fand die Einweihung und erste Besteigung deS neuen Aussichtsturmes auf dem Rocken» stuhl statt, wozu sich eine stattliche Anzahl Mitglieder, Gönner und Freunde des Rhönklubs ein« gefunden hatten. Die Sektionen Tann und Hilders waren ebenfalls erschienen. Vielleicht überlegt es sich der eine oder andere unserer Leser, ob für ihn der als Aussichtsturm gepriesene Rockenstuhl nicht als Ziel einer Psingstwanderung in Betracht käme. Er ist auch für mittlere Fußgänger zu erreichen, da die Bahnstation Motzlar nur 25 Minuten vom Aussichtsturm entfernt liegt.
♦ Motzlar, 1. Juni 1911. Hier fand eine Gemeindeversammlung statt, deren Zweck die. Abstimmung über Erbauung einer Hochdruckwasserleitung war. Die Anregung war nach der E. Ztg. von der Großherzogl. Bezicksdirektion ausgegangen. Mit einer Stimme Mehrheit wurde der Antrag abgelehnt und zwar hauptsächlich aus dem Gmnde, weil infolge der Neuerbauung der Kirche di« Steuem für die Gemeinde recht drückend geworden sind.
* Stadtlengsfeld, 1. Juni 1911. Hier wird üben eine Reihe von Diebstählen Klage geführt, Die Stadtlengsfelder „Raubritter" Klotzbach und Jl> Ung scheinen die Hand im Spiel zu haben. St« tour» beit nämlich gerabe jetzt wieder gesichtet. Jedenfalls müssen die beiden Kumpane in der ganzen Hingegen! „getreue Helfershelfer" haben, die ihnen jederzeit Unterschlupf gewähren, sonst hätte es doch schon längst den eifrig nach den Flüchtigen sahnenden Vertretern der heiligen Hermandad gelingen müssen, ihrer habhaft zu werben. Mühe geben sich in dieser Beziehung die Gendarmen des Umkreises in der Tat genug.
* Helmershausen, 1. Juni 1911. Die schwer« Typhusepidemie, die seit einigen Wochen un« fern Ort heimsnchte, scheint ihren Höhepunkt erreicht zu haben. In den letzten Tagen find leineneue tt Erkrankungen eingetreten. Im ganzen kamen 18 Erkrankungen vor; 10 Personen liegen im Krankenhaus in Meiningen, die andern werden hier verpflegt. Zwei Fälle sind bisher tödlich verlausen.
* Dorndorf, 1. Juni 1911. In einer der letzten Rächte wurde bei einem hiesigen Einwohner ein Ein- bruchsdiebstahl verübt. Der Täter, sicherlich eine durstige Seele, erbeutete 6 Flaschen Wem.
• * Aus Thüringen, 1. Juni 1911. In Eisenach ist der Rentner M. Heusing unter dem Verdacht, umfangreiche Wechselfälschungen begangen zu haben, verhaftet worden. Er soll dis Eisenacher Bankgeschäfte um 25 000 Mark geschädigt haben. — Zwischen Obersuhl und Uulersuhl icitbeie unter schwierigen Verhältnissen eilt Lustballon, in dem sich drei Personen be- 'sanden. Eine davon erlitt bei der Landung einen Knöchelbruch. Die Hülle wurde per Wagen nach dem Bahnhof Gerstungen gebracht. —- In Eisenach findet vom 11. bis zum 18. I mi ein Beeihoven«Fest statt. Sämtliche 16 Streichquartette des Meisters kommen durch drS Frankfurter Redner-Quartett zur Wiedergabe.
* Tie Schmuggler.
An der russischen Grenze liegt ein einsames Gebirgsdorf, wo es von Schmugglern nnd Betrügern wimmelt. Hier ereignete sich eine Begebenheit, die den Menschenfreund mit Grauen erfüllt. „Komm," sprach eines Abends ein Vater, welcher das Schmrigg- lerhandwer! nicht ohne Erfolg trieb, zu seiner dreizehnjährigen Tochter, die eben ans der Konsirma- tionsstunde vom Prediger des Ortes zurückkehrie, Wirf deinen warmen Rock über und folge mir, es muß diese Nacht noch etwas Blindes herein." So Wegte er die Ware zu trennen, die man durch die Zollmie stiehlt. „Sag deiner Mutter eine gute Nacht »nd laß ihre Hand auf dein Haupt legen, denn man Weiß nicht, ob der Himmel uns gnädig sein wird."
Sie gingen. Der Wind strich eiskalt um die Berge, und die Wälder schüttelten rauschend den winterlichen Puder ab; die Wolken zogen, mit der Bürde des Nordens beladen, tief und schwer über die fahlen Felsen.
Urber diese beschneften Firste schritten beide stumm und einsam, unheimlichen Erscheinungen tzleich, einen steilen von Wanderern unbenutzten Ge- jAirgspfad hinan und kletterten wie die Gemsen an »hier gähnenden Schlucht hinan.
„Greif in meinen Gürtel," sprach der Schmugg- ter leise zu seiner Tochter, „und hatte dich fest; es Cht sich hier nicht zum besten." Das Kind zitterte r Kälte und Angst und folgte ohne Sprache seinem rauhen Führer. „Halt, hörst du nichts? Das waren Menschenstimmen."
„Rein, mein Vater, es war der Wind, der durch >te Fichten heult."
„So steh doch und horch, dort erschallen Tritte, tzch vernehm sie deutlich."
7 „Nein, Vater, das Eis barst in der Tiefe, und hie Wasser schleuderten es gegen die Felsen."
Der Alte, in seinen grauen Kittel gehüllt, drückte P»s Ohr an die Wand, um zu lauschen und befahl Ar l'.elfcbcnd: „Komm!" Immer schrecklicher wurde ■r Pf«, immer steiler ttieaen die Felsen auf. „Wenn
mir heut Unglück begegnen sollte, liebe Tochter, so sage der Mutter, sie möge ja die Kundschaft nicht fallen lassen; ich habe es weit gebracht und könnte nicht ruhig sterben, wenn ich befürchten müßte, daß mit meinem Leben der schöne Erwerb ariwören werde. Du bist nun schon alt genug, um im Notfall daran teilnehmen zu können."
Er befahl ihr, sich in einer kleinen Felsenhöhle zu verbergen, „denn wir sind an der Grenze und da drüben bist bu mir im Wege. Ich werde pseisen wie die Eule, wenn ich wiederkomrne, das soll dir das Zeichen sein; merke Wohl daraus!"
Mtt diesen Worten kletterte er weiter und das halb erstarrte Kind kroch schluchzend in das schneeige Bett hinein, um ein Vaterunser zu beten. In schwindeliger Tiefe unter ihr brauste eintönig das Wasser fort und vor ihr wirbelte der Wind den Schnee von dem Felsen vorüber; keine Menschenbrust atmete in dieser Wüste, sie war allein mit dem Baier im Himmel. Sie weinte und die Tränen des Kindes wurden zu Eisperlen auf den Wangen. Fröstelnd betend, klammerte es sich an den Stein und starrte lauschend in die Wlldnis hinaus.
Nach einer Weile Pfiff es schreiend wie der Vogel in der Nacht, und Tritte ließen sich vernehmen. Der Vater kam mit einem Pack belastet, den er hinter sich herschleppte.
„Hier," sprach er, „zich, das Ding ist leicht, du wirst keine Mühe haben. Es wirft sein ehrliches Geld ab."
Man zog die Bürde in die Höhle. Der Alte ging wieder zurück und daS Mädchen duckte sich hinter dem Gepäck nieder und rieb sich die vor Kalte steifen Glieder, um sich des Schlafes zu erwehren. Einige Zett verstrich und eS pfiff toi&cr wie zuvor; der Alte kehrte mtt einer neuen Last zurück, hieß sie die erste aufnehmen und trieb sie vor sich langsam und keuchend Hirt.
„Setter, ich höre Hunde schnauben, vernimmst du's nicht?"
„Du irrst; ich stöhne — die Zunge wird schon alt."
„Abermals ist es mir, als schnüffle es hinter uns."
„Ziehe deines Weges, Mädchen, rede nicht!"
„Es bewegt sich in unserm Rücken, Vater, dort Unten, siehst du?"
„Um Himmelswillen, das sind die Jäger! — Wir sind verloren, toenn toir jene Schlucht nicht erreichen Binnen'
Ein Hund schlug an und drohte schon den Alten zu packe«, als er ohne Rettung am Felsen hängend fein Pack gegen die Bestie fchleuderte, daß sie heulend in den Schnee hinunter tauntelte. „Gib her!" schrie er und ergriff die leichte Last des Kindes, faßte dieses sest an der Hand und zog es mit beschleunigten Schritten den schmalen Felsweg fort. Aber die Angst lähmte die schweren Glieder und wie eine Tote schleppte sie der bedrängte Vater fort. Das Verderben meldete sich immer näher hinter ihnen. —
Stimmen riefen: „Halt'." und wieder „halt!" uub als keine Antwort erfolgte, donnerte ein Büchsenknall hundertfältig durch das fchtoeigende we- birge. Die Kugel schlug zu ihren Füßen an beit Felsen an.
„Barmherziger Gott!" schrie das Kind, „ich kann nicht Wetter, laß mich hier, mein Vater, sie werden mich nicht morden."
„Aber verraten wirst du mich, Kind!"
„Rem, nein, nein! Laß nrich hier und rette dich!"
„Verraten wirst du mich und deinem Vater den Strick um den Hals legen. Komm, komm!" Er zog sie verzweiflungsvoll vom Boden auf und schleppte sie nebst seiner Bürde um ein Felsenriff herum. Aber umsonst. Die Schützen stürmten herauf und herab, wie die Gemsenjäger, und die Angst stteg von Minute zn Minute. Das Kind war wie leblos an ihm niedergesunken und alle Anstrengungen deS geängstigten Vaters, es aufzurichten, vergeblich. Roch einmal schrie es „halt!" und immer näher schrttten die Vollstrecker des Gesetzes. An einem Augenblick hing das Leben, ein Augenblick konnte retten und verniLi-»
Er stürzte sich nieder auf seine Tochter, riß sie laut schreiend in die Arme und: — „Nun so Helse mir der Himmel in der letzten Not!" und stieß da 1 Kind stumm in den Abgrund hinab, daß es wie eh Schne vall über die Feffenstücke hinuntertanzte uni zerschmettert tief unten in Die Fluten rollte.
Die Jäger standen vernichtet vor dieser gräßlichen Tat und ließen ihre Büchsen sinken. Dei Alte huschte indeß um den Fels herum, too er blitz schnell verschwand und sich nnd sein Paket rettete.
Er hat später den Weg noch oft gemacht.
— Tie Gefahren der Fliegen. In vielen Hänfene, meist auf dem Lande ist die Fliegenplage ganz unbeschreiblich, und gar mancher hat in der Sommer- frische, ganz abseits vom Verkehr, im Gasthof eines Dorfes, Erfahrungen machen muffen, die ihm all sein Glück beeinträchtigten. Die größte Gefahr liegt darin, daß die Fliegen in außerordentlichem Maße Krankheitekeime übertragen. Sie setzen sich mif Vorliebe auf ekel«, verwesende Substanzen, fliegen dann auf Nahrungsmittel, und durch dies« gelangen Die Keime in den Magen. Die asiatische Cholera, Typhus, Darmkrankheiten, besonders Ruhr, auch zum Teil die Tuberkulose werden nachgewiesener maßen durch Fliegen verbreitet. Man hat sestgestellh das Typhusbazillen, die von den Fliegen selbst verzehrt worden waren, noch nach 3 Monaten lebensfähig waren! Auf andere Art gefährlich sind die Stechfliegen; diese infizieren direkt das Blut bei Gelegenheit ihres Bisses. Zur Vermeidung von Nachteilen sollte man daher alle Lebensmittel verschlossen oder wenigstens durch Glas- oder Drahtglocken verdeckt halten und alle Mittel anwenden, um die Fliegen schnell zu besettigen. Die bekannten Leimruten sind zwar ganz zweckdienlich, aber eine große Tierquälerei und ein scheußlicher Anblick. Giftpapiere helfen zu wenig, am weitesten komm! man bei Anwendung der Fliegenklatsche und beim Zerstäuben von gutem Insektenpulver. Auch muß man die Larven vertilgen, dicke weiße Maden, in Klosetts r. B. durch Chlorkalk. Hcnwtsache ist aber,