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Erstes Blatt.

Fulda, Dienstag den 30. Mai 1911.

38. Jahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 29. Mal 1911.

Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der Dritten Beratung der

Reichsversicherungsordnung

hei der Ep eziald eb atte. Die 88 1—82 werden fast debattelos angenommen.

-?■ Der Präsident ruft die Paragraphen auf, zu denen Anträge vorliegen. Eine Reihe von Kompromißanträgen von nicht wesentlicher Bedeutung wird ohne oder nach Kurzer Erörterung angenommen. Bei § 86 verneint Staatssekretär Dr. Delbrück die Anfrage des Abg. T r i m b o r n (Ztr.), ob in Preußen die Absicht bestände, tu Vorsitzenden der Oberversicherungsämter Asses­soren zu bestellen.

■: Das erste Buch wird erledigt.

Es folgt daszweiteBuch (Krankenversicherung). Nach § 177 soll die Grenze für die Krankenversicherungs- Pflicht ein Einkommen von 2000 Mark bilden. Nach einem Kompromißantrag Schultz (Rp.) soll die Grenze äuf 25C0 Mark erhöht werden.

il Abg. Thoma (Nil.) begründet den Kompromißan- trag mit dem Hinweis auf das Sinken des Geldwerts, ij Abg. Hoch (©oj.) begründet einen Antrag Albrecht (Soz), die Grenze auf 3030 Mark zu erhöhen.

Abg. Potthoff (fortschr Vp.) hält die Grenze auf S000 Mark im Interesse der Techniker, Werkmeister Usw. für erforderlich.

* Abg. Mugdan (fortschr. Vp.): Die Heraufsetzung her Einkommengrenze wäre für die Landärzte der Ruin. ' Abg. Dr. Fleischer (Ztr.) tritt für den Komprvmiß- äntrag ein.

- Hierauf wird der Antrag Albrecht (Soz.) in nament­licher Abstimmung mit 235 gegen 71 Stimmen bei 3 Stimmenthaltungen ab gelehnt, der Antrag Schultz wird Angenommen, ebenso die §§ 178—194.

Nach § 195 werden die Leistungen der Kassen nach einem Grundlohn von 5 Mark pro Tag bemessen. Der Paragraph wird unter Ablehnung eures sozialdemo- kratischen Antrages, den Grundlohn auf 7 Mark zu erhöhen, angenommen, ebenso ein« Reihe weiterer Pa­ragraphen.

1 Die §§ 210 - 213 handeln von der W o ch e n h i l f e. Nach § 210 erhallen Wöchnerinnen für 8 Wochen ein Wochengeld in Höhe des KranlengelveS. Ein Komprv- inißairtrag Schultz (Rp.) will den Landkrankenkasfen das Recht geben, durch Satzung die Dauer der Wochen­hilfe aus 4 Wochen herabzusetzen. Ein Antrag Ablaß (88p.) will die in den §§ 212 und 212 a fakultativ vor­gesehene Gewährung von Hedammmendiensten, ärztlicher Geburtshilfe und von Schwangerengeld obligatorisch Sachen.

■ Abg. Dr. David (Soz.) bekämpft den Kompromiß­antrag, der auf einem der wichtigsten Gebiete der Hygiene nicht nur den parteipolitischen, sondern auch den antisozialen Standpunkt der Rechten in der mar­kantesten Weise dokumentiere

st Abg. Fegter (Vp.) bittet um Annahme des An­trages Ablaß.

Abg. Bebel (Soz.): Es ist eine Ungeheuerlichkeit, uns zuzumulen, dem Antrag Schultz zuzustimmen. Ich konstatiere, daß hier christliche Arbeilervertreler die Standartenträger zur Entrechtung der arbeitenden Mütter sind. Unter den Unterschriften des Antrages befinden sich selbst die Runen von zwei katholischen Geistlichen, von denen der eine aus Bayern ist, welches in einzelnen Bezirken die höchsten Säuglingssterblich- keltsztsfern aufweist. Wird der Antrag angenommen, so wäre das eine Schmach für den deutschen Reichs­tag. (Beifall bei den Soz.)

Abg. Frhr. v. Gamp (Rp.) erwidert, daß die fjenen von der Linken völlig den Unterschied zwischen en industriellen und landwirtschaftlichen Arbeiterinnen verkennten. Während die industrielle Arbeiterin den ganzen Tag und das ganze Jahr ar­beiten muß, arbeitet die Arbeiterin auf dem Lande nur den halben Tag und ist den größten Teil des Jahres ihr eigener Herr. Wenn Sie diese Berhällnisse nicht kennen und uns trotzdem so schwere Borwürse machen, so ist das einfach empörend.

Abg. Irl (Ztr.): Was der Abg. David heute aus- ^geführt hat, hat er auS der zweiten Lesung wieder- Sekäut. (Brzepräsident Dr. Spahn bezeichnet dielen Ausdruck als rinzulässig.) Das Zentrum hat feine Fü: sorge für Wöchnerinnen in der Kommission früher betätigt, als Sie (nach links). Wir haben in zweiter Lesung unseren Antrag zurückziehen müssen, weil die Regierung ihn als unannehmbar erklärt halte. Ich muß mit Entschiedenheit dagegen protestieren, als ob es in Bayern aus dem Gebiete der Säuglirrgs- - pflege schlechter bestellt sei, als anderwärts. Die Ins- herige Gemeindekrankenversicherung kannte eine Wochen- yilfe überhaupt nicht. Eine Wochenhilfe von 4 Wochen bedeutet also einen großen Fortschritt und selbstver­ständlich soll und wird sie auch überall da, wo die Verhältnisse es zulaflen, auf 6 bis 8 Wochen aus­gedehnt werden. (Beifall im Zentrum und rechts.)

Abg. Bebel (Soz.) bleibt dabei, daß die Säuglings­sterblichkeit in Bayern größer sei wie irgend wo anders.

Abg. Fogter (Bolksp.s spricht dem Abg. Gamp die Fähigkeit ab, über landwirtschaftliche Fragen zu dozieren, da er Beamter gewesen sei und erst feit zwei Jahren ein Rittergut habe. Der Antrag Schultz sei geradezu unsittlich.

* Vizepräsident Dr. Spahn: Herr Abgeordneter, in 'diesem Hause werden keine unsittlia en Anträge gestellt. /; Abg. Horn-Neuß (notl.) verteidigt den Antrag Schultz. Dort wo in den Städten die Wöchnerinnen- itzeihilfe schon jetzt bestand, hat es bisher auch schon Abstufungen gegeben bis auf vier Wochen.

, Abg. Dr. David (Soz.): Man läßt lieber Mutter U.nb Kind sterben, als daß man aus der eigenen Tasche "ijn weniges hinzulezt. Wer noch einen Funken von .Anstandsgefühl hat, muß den Kompromißantrag ab« lehnen.

Präsident Graf Schwerin: Sie dürfen der Mehr­heit dieses Hauses keinen Mangel an Änstandsgesühl vorwerfen.

J Abg. Irl (Zentr.) hebt hervor, daß in Bayern auf ILM Saabs arela, Krstkurder aus München vorhanden Jeten und hierdurch die Sterblichkeit beeinflußt werde.

Abg. Dr. SUdekum (Soz.) meint, in dieser Be­merkung liege eine unbegreifliche Herzlosigkeit, die den Schluß zulafse, daß die Pflegekinder in Bayern auf bem Lande schlecht verpflegt würden.

Abg. Dr. Heim (Zentr.): Der Vorredner gibt den lEßorlen meines Kollegen eine Deutung, die sie nicht hat. Da die Kinderdichtigkeit auf dem Lande größer fit, so ist auch die Sterblichkeit eine größere. Wenn m Bayern in einzelnen Strichen die Kindersterb­lich k.e i t groß ist, so liegt das vielfach an dem Molkereiwesen auf dem Lande, an der Dienst­botennot, an der Ueberlastung der Bauers­frau u. s. w. Sorgen Sie von der Sozialdemokratie, daß die Dienstbotennot auf dem Lande behoben wird, haß der Bauer für seine Erzeugnisse genügend bezahlt

wird, und daß er sich ein Dienstmädchen haltert kann, dann wird die Sterblichkeit sich schon einschränken.

Abg. Kegler (Bp.) wendet sich in persönlichen Be­merkungen gegen die Rechte und redet flch dabei in eine solche Erregung hinein, daß feine Ausführungen infolge lebhaften ironischen Beifalls unverständlich bleiben.

Der Kompromißantrag wird mit 192 gegen 119 Stimmen angenommen.

Zn § 363 protestiert

Abg. Schmidt-Berlin (Soz.) gegen die geplante Neuregelung der Kaffenverwaltung.

Abg. Behrens (wirtsch. Bgg.) legt dar, daß die Neuregelung lediglich den Zweck habe, die jetzt zutage getretenen Mißstände zu beseitigen. Er führt einige Fälle au, in denen tüchtige Kaflenbeamten von Kaffen­verwaltungen entlaffen worden find, weil sie nicht Sozialdemokraten waren.

Abg. GiesbertS (Ztr.) führt aus, daß es nicht ge­duldet werden könne, wenn die Raffenbeamten in ihrer Eigenschaft als Beamte Agitation für ihre Partei be­trieben. In ihrem privaten Leben werde ihnen diese agitatorische Tätigkeit nicht genommen.

Abg. Hne (Soz.) erwidert, daß ein Beweis für den Mißbrauch deS Amtes zu parteipolitischen Zwecken nicht erbracht sei.

Bei § 525a wird ein Kompromißantrag Schultz angenommen, den Berginvaliden, sofern sie als frei­willige Mitglieder beitreten und zu den Knappfchafts- f aff en zahlen, das Wahlrecht zu geben, auch wenn sie nicht mehr Bergarbeiter sind. Ein weitergehender Antrag der Sozialdemokraten wurde in namentlicher Abstimmung mit 207 gegen 95 Stimmen der Sozial­demokraten, der Soltspartei und der Polen abgelehnt.

Damit ist das zweite Buch übet Krankenkassen erledigt.

Dienstag: Fortsetzung.

Preußischer LauZtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 29. Mai 1911.

Das Haus berät den Gesetzentwurf beit. Entlastung btS Oberverwaltungsgerichts.

Die Regierungsvorlage sah die Einführung einer Revisionsfumme von 500 Mk. vor sowie die Anstellung von Hilfsrichtern, die Kommission hat nur das letz'ere bestehen lassen, dagegen die EimLhrung einer .Revisions- f um nie gestrichen.

Die Vorlage wird nach kurzer Debatte in 2. und 3. Lesung angenommen.

Es folgt die zweite Beratung de- Gesetzentwurfes betreffend die LosgesrLschnsten, die Veräußervng von Jnhaberpapieren mit Prämien und den Handel mit Lotterieloscn.

Abg. Goeben (Zlr.) führt ans, prinzipiell sei die Regelung der Frage Sache der Weichsgosetzgebung; nachdem aber die Regierung in der Konimissiou er­klärt habe, daß die Regierung beabsichtige, die Frage landesgesetzlich zu regeln, würden seine' Freunde der Vorlage zustimmen.

Abg. Peltafohn iVolksp.s äußert Bedenken gegen die Vorlage, da die Materie reichsgesetzlich zu regeln sei.

Justizminister Dr. Beseler erhärt, daß die Regie- ntng mit dem Konunisnonsbeschluß einverstanden sei. Die Bedenken des Abg. Peltasohn seien nicht stichhaltig.

Hierauf wird die Vorlage in 2. und 3. Lesung angenommen.

Die Denkschrift über die Verteilung von Ergän- zunzszuschüffen int Betrage von 15 Millionen Mark an Schuloerbänve mit 25 ober weniger Schulftellen wird durch Kenntnisnahme erledigt.

Es folgt ein Antrag Bitta (Ztr.), der die Vor­lage eines Gesetzentwurfes verlangt, durch welchen die bei Erlaß der Berggesehnovelle von 1907 vorbehallene Ordnung der Uebertragunz des Rechtes zur Aufsuchung und Gewinnung der Steinkohle an andere Personen herbeigeführl wird. Ein Antrag Dr. Bell (Ztr.) will, daß tim liebff die Interessen derer zu berücksichtigen sind, die zu einer Zeit, wo die Entdeckung noch ein Mntungs- recht gab, eine Entdeckung gemacht und nur wegen unverschuldeter Nichtwahrung der Feldesstreckmigssrist dieses Recht verloren haben.

Ein Regierungsvertreter erklärt, daß die Regierung dem Antrag Bitta zustimmen könne. Die Vorarbeiten zu einem von dem Antrag geforderten Ent­wurf seien bereits soweit gediegen, daß der Entwurf der Bergbaudeputation demnächst vorgelegt werden könne. Den Antrag Bell bitte er dagegen nicht anzu- nehmen, weil er einen einzigen Gegenstand Hera umgreift, dessen Regelung aber nur im Rahmen der gesamten Materie möglich ist.

Nach unerheblicher Debatte wird der Antrag Bstta angenommen, der Antrag Bell dagegen abgelehnt.

Eine Reihe Petitionen werden entsprechend den Kommissionsanträgen erledigt.

Dienstag: Petitionen, 2. und 3. Beratung der Sekundärbahnvoriage.

+ Zentrum üud Elsaß-Lothringer.

In Straßburg hat am Sonntag ein Dele­giertentag der elsaß-lothringischen Zentrumsfrak­tion stattgefunden, um Stellung zu nehmen zu der elsaß-lothringischen Verfassungsreform, oder vielmehr, da an dieser nichts mehr zu ändern ist, zu der Haltung der reichsländischen Abgeordneten zu die­ser Reform.

Von den in den Reichslanden gewählten Reichs­tagsabgeordneten gchören vier (Vonderscheer, Hoen, Will und Haust) der Zentnlmsfraktion an, während andere wie Wetterle und ®elfer zwar zur elsaß- lothringischen Zentmmspartei gehören, aber- dem Reichstagszentrum nicht beigetreten sind. Bekanntlich war die Stellungnahme der vier zu der Reform ver­schieden, und der Delegiertentag sollte Beschluß dar­über fassen, ob ihre Stellung zu Billigen sei ober nicht, genauer, ob sie aus der Zentrumsfraktion austreten sollten, wie es verschiedentlich verlangt wurde oder ob sie bet ihr bleiben tonnten, wie zwei (Vonderscheer und Hom) von den vier Abgeordnetm es beabsichti- gen.

Zu einer Entscheidung ist es in Straßburg noch nicht gekommm. Die Versammlung nahm nach Mr­mischer Verhandlung eine Entschließung an, worin die Haltung des ZmtrumS zur Verfassungsfrage leb­haft bedauert wird. Weitere Schritte behielt sie flch für die nächste Versammlung am 11. Juni vor. Das läßt die Möglichkeit offen, daß die anscheinend Gegenwärtig großenteils sehr erhitzten Gemüter sich noch beruhigen und die Trennung vom Reichszentrum unterbleibt.

ES wäre ein in der langen Geschichte deS Zentrums einzig dastehmder Fall, wenn eine Gruppe von SJHtgliebem aus der Fraktion ausscheiden oder auszuscheiden genötigt werden sollte. Es würde aber sicher nicht gegen die Zentrumsfraktion sprechen, son- beren höchstens beweisen, daß der Anschluß der Elfaß- Lothringer verfrüht gewesm sei. Abgeordnete, die sich nach noch nicht einer Legislaturperiode von der Frak­tion mit einer so glänzenden Vergangenheit schon wie­der trennen, würden damit doch nur beweisen, daß sie noch nicht die nötige Disziplin und politische Schulung befaßen, durch die allein man parlamentarische Erfolge erringen kann, wie das Zentrum sie so reichlich aufzu­weisen hat.

Jeder Elsaß-Lothringer, der sich zu den Gmnb- sätzm des Zentmms bckmnt, wird, wenn er sich die Frage tiorfegt, was denn mit der Trennung erreicht würde, von dieser entschieden abraten. Was bedeu­teten denn die elsaß-lothringischen Abgeordneten, ehe sie zum Zentrum kamen? Einfach nichts; sie wurden kaum beachtet. Erst sett sie dem Zentrum bei­getreten find, bebeuten sie etwas, und sie selbst werden wohl am beffen haben merken können, welchen Ein­fluß sie dadurch gewonnen hatten. Was würden sie nach der Trennung für Elsaß-Lothringen erreichen kön­nen? Gar nichts. Die Verfassimgsreform wäre höchst wahrscheinlich ins Wasser gefallen, wenn bas Zentrum flch nicht so um sie bemüht Hütte; jedenfalls wäre sie weit schlechter ausgefallen ohne das Zentrum. Und wenn sie jetzt gescheitert märe, kann man in den Reichslanden auch nur einen Augenblick glauben, die für flch allein handelnden elsaß-lothringischen Abge­ordneten ivürben in absehbarer Zeit mehr erreicht haben? Die ruhig denkende Bevölkerung der Reichs­lande sollte sich das einmal überlegen und in aller Ruhe die Frage beantworten, ob sie lieber gar keine Verfassung möchte als diese. Es ist das Zentrum, die ihr diese verschafft hat und niemand an­ders. Gar keine ober eine weit schlechtere wäre ihr ohne das Zentrum beschieden gewesen.

Es ist ja leicht, das Errungene herabzusetzen, aber politisch reife Leute fragen sich zunächst: was war erreichbar? Politik ist bekanntlich die Kunst des Möglichen. Damit, daß man bas Erreichte in Grund und Boden kritisiert, ist nichts getan. Dem Lande wird es auch nicht zum Vorteil gereichen, wenn jetzt die ll n z n f r i e d e n h e i t mit der Reform g e- schürt wird. Die Regierung wird schließlich denen recht geben, die behaupten, Elsaß-Lothringen sei für die Reform noch nicht reif, und wenn sie zu dieser Auffassung kommt, so wird das eine Behandlung des Landes zur Folge haben, die ihm nicht angenehm sein kann; jedenfalls wird die Berrnmilligkeit. zu weiteren Reformen verschwinden. Nur die Heißsporne, die die Reichslande friebeln möchten, werden ihre Freude an dem Widerstände gegen die Verfassungsreform haben.

Die ruhige Uebertegung wird, so hoffen wir im Interesse des Landes, namentlich in der elsaß-lothrin­gischen Zentrumspartei noch siegen. Von der Partei im Reiche sollte man gelernt haben, daß es unklug ist, mit dem Kopse durch die Wand rennen zu wollen und die Politik des ..Alles ober nichts" zu vertreten; daß Geduld, Festigkeit und Zähigkeit allein etwas erreichen und man nicht gleich alles Por­zellan entzwei schlagen soll, wenn es nicht gleich so geht, wie man möchte.

Wenn in der elsaß-lothringischen Zentrumspartei die polttische Mäßigung und Nüchternheit noch zu wünschen übrig zu lassen scheinen, so rührt das wohl nicht zuletzt daher, baß ihr mich Elemente angehören, die im Grunde so gut wie gar keine geistige Ver­wandtschaft mit der Z-entrnmspariei haben. Wie kom­men z. B. Nationalisten wie Wettetlö dazu, sich zue Zentrumspartei zu zählen, der sie mehr feindlich als freundlich gegenübechehen?

Ehe die elsaß-lothringische Zentrumspartei einen Strich zwischen sich und dem Reichstagszentrum zieht, tut sie wohl besser, einen solchen zwischen sich und Ele­mente zu ziehen, die nur dem Namen nach zur Zen­trumspartei gehören.

deutsches Reich.

: Belli», 29. Mai 1911. Das Kaiserpaar wohnte Sonntag dem Rennen in Karlshorst bei. Am Montag hielt der Kaiser auf dem Truppen­übungsplatz Döberitz die alljährliche Hebung der 2. Gardc-Jnfanterie-Brigade ab. — In parlamen­tarischen Kreisen ging am Montag das Gerücht, daß der Landwirtschaftsminister Frhr. v. Schor - lernet sich mit Rücktrittsgedanken trage. Das Gerücht entbehrt jeder Begründung.

X Die Zentrumsfraktio« des Reichstages hielt gestern ihre letzte F r akt i o n s s i tzu n g vor der großen Sommervertagung ab, die als schöner, erheben­der Abschluß der arbeitsreichen Session in eine har­monische Kundgebung zur Einigkeit der Fraktion und Partei ausklingen konnte. Aus der Mitte bet Ver­sammlung heraus wurden Worte der Einigkeit gespro- chm, und der stellvertretende Vorsitzende Prälat Dr. S ch ä d l e r bekräftigte sie mit dem Hinweise darauf, daß wir, mitten im Kampfe und ringsum von Geg­nern umstellt, uns gerade jetzt am allerwenigsten den Luxus einer Unsttmtnigkett oder einer Lücke in der Geschlossenheit bet Fraktion und Partei leisten könn­ten. Auch bie seinerzeitigen Meinungsverschiedenhei­ten zwifchen Dr. Heim und der Fraktion sind in harmonischer Weise ausgeglichen worben. Dem zu feiner Erholung noch ferne weilenden Vorsitzenden der Fraktion, Hrhrn. v. H e r 111 n g, wurde auf An­regung des stellvertretenden Vorsitzenden der Dank und Gruß der Fncktion entboten.

)( Dem Regiermtgsrat Schmedding-Münster waren scharfe Vorwürfe gemacht worden, weil er bei der Abstimmung über das Leichenverbrennungs- gef etz gefehlt hatte. Jetzt klärt der Abg. Schmed­ding die Sache folgendermaßen auf:

„Die zweite Lesung war auf einen Tag angesetzt, an welchem ich in der Jmmediatkomrnission für Ver- waltungsreform wegen prinzipiell wichtiger Fragen, die für die konfessionelle Gestaltung der Volksschule von größter Bedeutung find, nicht fehlen durfte. Am Freitag, Samstag und Sonntag, also während der

dritten Beratung, hatte ich in Posen zu tun. Damit nun während meiner Abwesenheit dem Zentrum kein Schaden erwachse, hatte ich mit dem Mitglieds der nationalliberalen Partei, Dr. v. Schenckendorff, daS Abkommen getroffen, daß wir beide der Abstimmung fernbleiben wollten. An dieses Abkommen war ich, wenn ich Treue unb Manneswort halten wollte, ge­bunden. Hätte ich das nicht getan, und hätte infolge­dessen auch v. Schenckendorff sich nicht weiter gebunden B, so wäre dadurch am Endergebnis nichts ge­worden."

Der Münsterische,Westf. Merkur' will sich mit dieser Aufklärung nicht beruhigen. Er meint, daS wohl einzig im parlammtarifchen Leben dastehende „Abkommen* fordere doch sehr die Kritik heraus, und daS Verhalten des Abg. Schmedding werde nach diesem Briefe um so mwerständlicher, da er an der Abstimmung am Freitag über den Antrag Müller teilgenommen habe, für die Schlußabstimmung am Samstag gerade wie für die Abstimmung am Donnerstag, aber ohne Entschuldigung fehlend auf- geführt werde.

* Prinz Joachim von Preußen, der jüngste Sohn des Kaiserpaares, ist gestern bei der Hebung in Döberitz, an der das erste Garde- Regiment, bei dem der Prinz Dienst tut, al- markierter Feind teilnahm, zu Fall gekommen und hat sich einen Bluterguß ins rechte Knie­gelenk zugezogen.

0 Niemals zurück. Im Anschluß an die Tagung des deutschen Ostmarkenvereins sand am Sonn- Tag in Posen ein „Deutscher Tag* statt. Wie üblich, wurden große, lange Reden gefchwunge», und die Begeisterung konnte sich, wie immer, un­gehindert entfalten. Natürlich drehte sich alles um Die Cnteignnngssrage und die Neußerungen des Ministers Frhrn. v. Schorlemer. Die „Ostmärker* bestehen selbstverständlich auf der Enteignung, wollen nicht zugeben, daß sie Fehler gemacht hätten und gingen mit bem Minister scharf ins Gericht. Der Regierung wurde vorgeworsen, daß sie aus Rücksicht auf das Zentrum das Enteignungsgesetz nicht aus- snhren wolle. Offen wurde die Erwartung ausge« fprocheu, daß Herr v. Schorlemer nicht lange Minister bleiben werde. In einer Resolution sprach der Gesamtausschuß sein volles Einverständ­nis mit der Haltung des Hauptvorstandes in der Enteignungssräge atrs und forderte nochmals die Ausführung des Gesetzes. In einem Telegramm an den Reichskanzler wurde das Vertrauen ausgesprochen, daß er die weitere Entwicklung der Ostmark nachhaltig fördern werde. In seiner Ant« wort sprach der Reichskanzler seine Freude dar­über aus,

„daß die Ostmärker sich durch die aus der Lust gegriffenen Gerüchte von einem angeblichen Wechsel in der Ostmarkenpolitik der Regierung nicht beirren lassen und gesonnen sind, in Einigkeit unb Hand in Hand mit der Regierung auf bem allen Wege fortzuschreiten. Nun quam retrorsum (Niemals zurück!)"

Davon, daß nunmehr zur (Enteignung geschritten werden solle, steht in dem Telegramm kein Wort. Allerdings sagte das Telegramm an ihn auch nichts davon, sondern hielt sich vorsichtig in allgemeinen Wendungen. — Die Antwort des Kaisers auf ein Huldigungstelegramm des Ostmarkenvereins ist ein einfacher Dank.

* Oki: oicrung einer mecklenburgischen Verfassung? Von einer Stelle, die den maßgebenden Kreisen der Regierung sehr nahesteht, wird der ,Voss. Zig/ be­richtet, daß man n Schwerin und Strelitz überein» gekommen sei, eine Der fass ung in den beiden Großherzogtümern nunmehr zwangsweise ein« zu führen. Als Zeitpunkt dafür ist der Oktober in Aussicht genommen. Bestätigung bleibt abzuwarten.

— Höchst, 28. Mai 1911. Der Zentrum S- Parteitag der nassauischen Zentrumspartei nahm heute hier einen glanzvollen Verlauf. Ein­geleitet wurde er durch ehren sehr stark besuchten Telegiertentag. Der vom Parteisekretär Herkenrath erstattete Bericht über den Stand der Parteiorganisation im Bezirk zeigte, daß die Organi­sation im allgemeinen einen erfreulichen Stand auf­weift. So ist z. B. inr Wahlkreise Höchst-Homburg bie Zahl bet eingeschriebenen Zentrumsvereinsmit« glieber von 2800 auf 3800 gestiegen. Die Frank­furter Parteigenossen brachten es auf 1750 Ber« einsmitglieder. Der nächstjährige Parteitag soll in Wiesbaden abgehalten werben. — Für bie Massen der von allen Seiten, besonbers aber aus dem Main­gau, bem Rheingau, von Wiesbaben, Frankfurt, aus bem golbneit Grunde, von Limburg usw. herbei­geeilten Zentrmnswähler genügten für bie Volks­versammlungen bie brei größten Säle der Stadt nicht, so daß viele Zuhörer in den Türen unb Zugängen sich brängten. Man darf die Zahl samt- licher Teilnehmer Wohl auf 3000 schätzen. In der einen Volksversammlung, bie im katholischen Ge­sellenhause abgehalten wurde, präsidierte der Senior­chef der nassauischen Zentrumspartei Abg. Kom­merzienrat C a h e n s l y (Limburg), der mit be­neidenswerter Rüstigkeit unb Frische seines Amtes waltet. Zu Eingang erfreute Oberlanbesgerichts- präsibent Dr. Spahn (Frankfurt) als alter Ras« fauer seine Landsleute mit einer herzlichen und an« feuernden Ansprache. Sodann hielt Abg. Laudge- richtsdirektor I t s ch e r t (Berlin), den der erste nassauische Reichstagswahlkreis für bie kommende Reichstagswahl als seinen Kandidaten auf den Schild gehoben hat, eine ebenso temperamentvolle wie formvollendete Äanbibatenrebe mit scharfer Frontstellung gegen bie Sozialdemokratie, welche Herrn Jtschert bekanntlich bei den Blockwahlen anno 1907 bas Reichstagsmandat für Höchst-Homburg- Usingen entrissen hat. Der Redner sprach die Hofs- nung aus, baß es bet Begessterung seiner treuen Wähler von 1903 heuer gelingen werde, über dem ersten nassauischen Reichstagswahlkreise das Zen­trumsbanner wiederum aufzupslanzen. Sodann gab der Abg. Dr. Pieper (M.-Gladbach) einen groß­zügigen Ueberblick über die innere und äußere Reichspolitik der verflossenen 40 Jahre und zugleich einen Ueberblick über bie großartige Tätigkeit der Zentrumspartei in diesem langen und ereignisrei-