fuldaer
Leitung
' Aus Oberhessen u. Öen Hess. Aemtern.
** Marburg, 28. Mai 1911. In dem Strauß- Prozeß ergab die Zeugenverne^nung der Geschä- digten ein sehr gleichförmiges Bild. Die Angeklagten haben meist ihren Geschäftsfteunden, die ihnen Heinere Beträge schuldeten, Wechselformulare ohne Angabedes Betrages übersandt, die von den Schuldnern mit dem Accept versehen und von der Firma Strauß später auf beliebig hohe Summen lau-
L * W-Uar 28. Mai 1911. Im Verlauf der letzten Woche erstrahlte unser Ort zum ersten Male in der von der hiesigen Ueberlandzentrale bewirkten elektrischen Beleuchtung; sie "funktioniert tadel- 1 los und fand die Anerkennung der Ortseinwohner- schaft. - Zwischen den beiden Gesellschaftern der I Nrma Görwitz u. Co. in Weilar, Schloffermeister Dietz und Kaufmann Adler, beide in Weilar wohnhaft, bestehen starke Meinungsverschiedenheiten, die in den letzten Wochen zu einer Reihe persönlicher An- ßnffe von Seiten des A. gegen D. geführt haben. Wegen der Angriffe hat Dietz Klage angestrengt.
* Aus Thüringen, 28. Mai 1911. In Eise-j !" och ist man sehr erbost über die immer häufiger werdenden nächtlichen Ausschreitungen der Forstakademiker. — Durch anonyme Brieffchreiberei wurde in | ® e r a (© G.) die Frau eines Fabrikanten in den Tod getrieben. Für derlei Briefschreiber sollten die Gerichte stets die schärfsten Strafen verhängen. — In I Eisenach tagt der Verband deutscher Ühren-Gros- fisten — Die Mäuseplage ist in Marksuhl inttl ®ift "d zu beseitigen. Jetzt hat man 6M Mausefallen angeschafft. — Der Streik der Stein- arbeiter in den Forst-Steinbrüchen bei Jena ist nach einer Dauer von drei Wochen beendet. Die Arbeiter haben ihre Forderungen größtenteils durchgesetzt.
* Moderne Schatzgräber. Jetzt erst wird bekannt, daß der Engländer Parker, dessen.Entwendung von Heiligtümern aus der Omar-Moschee in Jerusalem so tiefgehende Empörung unter den Mohame- | dauern hervorrief, einer Gruppe von modernen Schatzgräbern angehört, die im Alten Testament Anhaltspunkte dafür gefunden haben wollen, daß in Jerusalem an bestimmten Stellen große Schätze an Gold und Silber vergraben Jeten. Die Leute wollen jetzt div Schätze heben. Sie haben sogar btr türkischen Regierung einen großen Anteil versprochen, falls sie ihrem Treiben behilflich fei. Bis jetzt aber haben die Schatz-! gröber ebensowenig etwas zu fördem vermocht wie ftne, die noch heute nach den Schätzen der spanischen Armada aus dem Boden des Ozeans fahnden.
** „Der Streik der Versicherten".
An beinahe jedem Zweige der menschlichen Gesellschaft konnten wir in den letzten Jahren Zeuge von Ausstanden fein: Schüler, Aerzte, Universitätshörer, Abgeordnete haben wir in Streik gesehen. Daß aber Arbeiter streiken, weil man ihnen eine AlterSv ersieh erung geben will — dieses Schauspiel bietet uns jetzt Frankreich.
Nach langem Zögern ist die Altersversicherung für die Arbeiter und kleinen Bauem und Gewerbetreibenden in Frankreich von der Kammer und vom Senate angenommen worden. Jahre hat es gedauert bevor man das Altersversicherungsgesetz fertig brachte und jetzt wollen die sozialdemokratischen Arbeiter davon nichts wissen.
.Du willst nicht, mein Kind? — Aber er will doch nicht wahr?' ’’
.Das wohl.'
.Nun siehst dul Und da du keinen eigenen Wil- len mehr hast —'
Ruth fährt zusammen.
.Wie darfst du es wagen, Polly —'
.Ruhig, ruhig, Kind! Es ist doch so. Hättest du sonst alles hingegeben für ihn? Hättest du dich ihm
vermischter.
* Nach Unterschlagung von 23 000 Mk. ist der bei einer Düsseldorfer Fabrik für Kleinbedarf an- gestellte Buchhalter Ludwig Sertow geflüchtet.
* Sozialisten als Arbeitgeber. In der sozialistischen Weberei „Voomit" in der belgischen Stadt Gent streiken 200 Weber, die b es s e r e B e h a n d- t u n g und andere Arbeitszeit verlangen.
*Von seinem eigenen Fuhrwerke überfahren und getötet wurde ein Fuhrmann in Essen. Er hatte auf einer sehr aufsteigenden Straße in roher Weise seine Pferde mißhandelt und geriet mit einem Arbetter darüber in Strett. Dieser wollte ihm die Peitsche entreißen, wobei beide zu Fall kamen; dabei geriet der Fuhrmann unter das in Bewegung befindliche Fuhrwerk.
M 121.
Montag den 29. Mal iM.
58. Jahrgang.
heimlich antrauen lassen? Hättest du dich hierher begeben unter falschem Namen — denn du bist doch nicht auf der Waldburg als Frau Armin Skott, wie? — Hättest du all das getan, wenn du noch einen 1 eigenen Willen besäßest?'
Ruch schweigt.
.Ja, Kind, es ist nun einmal dein Schicksal", , fährt Frau March, mit dem Kopfe nickend, fort, .wenn er dir befiehlt: „Finde das Testament!' — so findest du es auch "
Noch immer schweigt Ruth. Ihr Herz klopft zum Zerspringen.
„Polly!' sagte sie mit Anstrengung, kennst du meinen — meinen Mann?"
Das welke Gesicht der Alten wird noch um einen Schatten bleicher.
„Kennst du ihn?' drängt Ruth.
„Hm — ja — nein—'
Fast unverständlich kommen die Worte von den zu- samrnengepreßten Lippen der Alten.
Ruths Angst wächst.
„Polly!' ruft sie wie beschwörend, beide Arme auf Frau Marchs Schultern legend, „willst du mir nicht die Wahrheit sagen? Du kennst ihn, Du korrespondierst mit ihm?'
Die Hände der Alten beginnen zu zittern. Sie öffnet die Lippen unb schließt sie wieder.
Da kniet Ruth vor ihrer Amme nieder. Schluchzend birgt sie die heißen Wangen in deren Schoß.
„Ich habe solche Angst, Polly!'
Ein Blick leidenschaftlicher Zärtlichkett aus den schwarzen Augen trifft den gesenkten, blonden Kopf. Leise streichen die zitternden Finger über die schweren Haarwellen.
„Ja, ich kenne Armin Skott', erwidert sie leise, „woher, ist gleichgilttg. Ich kann dir auch nichts weiter sagen — 's wäre ja doch zu spät dazu. Und lindem läßt sich auch nichts mehr. Also — immer vorwärts, mein Goldkind, ich werde dir helfen! Was ich tat, geschah für dich, nur zu deinem Besten. Jetzt wollen wir den Lohn ernten. Er ist mm einmal dein Mann, du hast dich ihm mit Leib und Seele zu eigen 1 gegeben. Tue also, wie er dich geheißen!'
Deutsches Reich.
)( Begnadigung der englischen Spione? In Eng- land sucht man dem Kaiser den Gedanken nahe zu legen, die beiden englischen Offiziere Trench und Brandon anläßlich der englischen Krönungsfeier zu begnadigen. — Hoffentlich läßt sich die Regierung bet aller Freundschaft zu den englischen Vettern dazu nicht herbei.
* Der Fall Landsberg, dieses Musterbeispiel .liberal-freisinniger" Intoleranz im Schulwege n, hat, wie Abg. Marx-Düsseldorf am Schluß einer rückschaueuden Vetrachttmg in den Kommunal- politischen Blättern (Nr. 5) betont, die Notwendigkeit emer Zentralstelle für die Förderung der christlichen schule gezeigt. Diese Zentralstelle müsse)
2. Bläh.
Brutf nnd vertag der jfulöa« Aettendmckerei in Znlda.
Die Nacht des Gewissens.
8s Roman von Erich Friesen.
f°- Na, da setz dich mal neben mich, Kind, und hilf mir Schoten aushülsen! Willst du?"
„O, wie gern!" Ruth holt einen niedrigen Holz- schemel und setzt sich neben die Alte. „Entsinnst du dich noch, Polly, wie du mir Schoten gabst, damit ich meiner Puppe Mittagessen kochen sollte? — Wie hübsch ist es hier bei dir! Ich fühle mich wieder so jung, so ganz Kind. Ach, laß mich wieder Kind sein und mit dir spielen, Polly!"
Sie nimmt den Hut ab. Die blonde Lockenfülle musttahlt ihr liebliches Gesicht; die Wangen sind vom Bergsteigen, vielleicht auch von der Erregung tiefer errötet; ein schlichtes, weißes Mullkleid läßt sie'schlanker erscheinen — in diesem Augenblick ähnelt Ruth viel mehr einem glücklichen Kinde als einer verheirateten Frau.
Die Alte läßt die Hände in die Schüssel sinken und beugt sich zu Ruth nieder.
„So, mein Goldkind. Jetzt laß mich dich einmal ordentlich ansehen!"
Ruth hebt die Lider. Beider Augen blicken fest ineinander — die brennenden schwarzen der Greisin pnd die träumerisch sanften, blauen des jungen Ge- schopfes. Es ist, als ob zwei Seelen ihre innersten Tiefen offenbatten. Beide messen einander. Dann krgtbt sich der schwächere Teil.
hen ^Stopf 9?°t Ü6er3ie^ ^ths Gesicht. Sie senk
Bis zum 1. Mai sollten die an mehr als 2 Millionen Personen zugestellten Versicherungsformulare ausgefullt den Behörden zurückgesendet sein. Richt einmal 2 Prozent der Arbeiter haben diese Bedingung erfüllt, vsn Paris und im Departement der Seine . herrscht ein allgemeiner Streik. In einigen Gemeinden haben sich nicht einmal 10 Arbeiter gemeldet. Im 10. Distrikte, wo wenigstens 50 000 Arbeiter woh- nen denen man Formulare zustellte, haben sich 1650 Arbeiter gemeldet und meistens sind dies Frauen oder Nebeiter die 60—65 Jahre alt sind. Im 3., 11., 19., 20. Distrikt ist der Zulauf nicht größer. Auch In der Provinz steht die Sache um kein Haar besser. I ßu Dijon, wo 20 000 Formulare verteilt wurden haben sich 6000 Arbeiter gemeldet. Zu Orleans wurden von den 20 000 verteilten Formularen 37 dem Bür- germelsteramte zurückgesendet; zu Thiers meldeten sich
Arbeitern 2, und zu Elermont-Ferrant von 13 000 bloß 8. Zu Lyon haben sich von 50 000 Arbeitern 13 000 gemeldet. Zu Auxerre hat sich kein einziger Arbeiter einschreiben lassen. Zu Jffoire meldete sich ein Arbeiter, der bereits mehr als 65 Jahre jablte. Zu Riom meldete sich einer, zu Anwert -12' _llnd so ist es fast in ganz Frankreich.
.Die allgemeine Arbeiteckonfederation hat das Losungswort ausgegeben, daß kein einziger Organisier-1 ter das Formular ausfüllen darf. Sie bezeichnet die-1 ses Gesetz als „den größten Betrug dieses Jahrhunderts".
Vor allem beanstanden die Arbeiter den Gesetzartikel, der den Arbeitgebern vorschreibt, vom Arbeitslohn der Arbeiter den Teil, den diese für das Pensionsgesetz geben müssen, vom Geschäft aus abzuztehen und zu verrechnen. Die sozialistischen Agitatoren erklären weiters, die Versicherung biete zu wenig. Sie rechnen den Arbeitern vor, daß sie durch 45 Jahre 7 Franken jährlich zahlen müssen und dann nach einem Alter von 65 Jahren 90 Zentimes täglich erhalten Das sei viel zu wenig. Es hat dem Gesetze nichts genützt, I daß es unter der Regierung des s o z i a l d e m o kr a- ti scheu Arbeitsministers Viviani erledigt wurde und daß daran die Sozialdemokraten der verschiedenen Richtungen in Frankreich mitgewirkt haben! Die Milliarde der Kongregationen, welche den Arbeitern in Aussicht gestellt wurde, um ihnen eine gute Altersversicherung zu schenken, verschönerte die Kaffen verschiedener Parteiadvokaten, aber nicht dieses Gesetz, so daß „die Frage der Arbeiterpensionierung" von I vorne an auf genommen werden muß.
Das haben Sozialdemokraten erd reicht, wo sie solche Macht haben, mie in I dem vom Sozialismus und Freisinn überströmenden Frankreich, und wo sozial d em okr a ti s ch e Häuptlinge unmittelbar in dec Regierung mittoirttenl i
l * ®* Garde-du-Corps-Soldal als Höhlenbewoh = I ner. Unter eigenartigen Umständen wurde in Pot» ■ bam dn seit dem 28. Aprtt fahnenflüchtige und steck . brieflich verfolgte Soldat Wichert von den Gardes bv 11 Eorps aufgefunden. Auf dem Truppenübungsplat : hinter den Gardejägerschießständen am Vrauhavsberr I stieß man auf eine unscheinbare Oeffnung zu einen l Hohleneingang, der fast völlig durch Gras verdeck I Bald bot sich den Soldaten ein erschreckende, I Anblick. Lang ausgestreckt in der feuchten Erde tag | oa m der Uniform des Regiments ein fast 6 i 1 MjL®1 Skelett abgemagerter Soldat, de? I voiug erschöpft und teilnahmslos die Umstehenden an- bückte. Die Augen toaren tief in ihre Höhlen zurück I gesunken, unb dichtes, wildes Barthaar umrahmt, das von der Erde schwarz gewordene Gesicht. Di, I Fingernägel waren einige Zentimeter lang. Rui I mit Mühe gelang es, den fast Leblosen zum Spreche« 13U bringen. Er erzählte, daß er der steckbrieflich weg et. I Fahnenflucht verfolgte Soldat Wichert sei und sich | seit seiner Entfernung aus der Kaserne von Gras uni Kienäpfel genährt habe. Am Tage habe er in bei Höhle gelegen unb sich nur nachts zum Nahrungs.
I suchen hinausgewagt. Als Ursache für seine Ent» 1 fernung vom Regiment gab Wichert an, daß er sich von seinen Eltem vernachlässigt fühlte, da er ult Geldzuschüffe und Pakete von Hause erhielt. Aus I diesem Grunde sei ihm bas Leben zwischen feinet, ! Kameraden als unerträglich erschienen.
* Eine höchst verdienstliche Tat. In Karlsruhe, Zeitungen ist zu lesen: Der Leiter des städtischen I Volksschulwesens hat bie Wahrnehmung gemacht, daß I in manchen Schulhäusern die Visitenkarten an bei» Zimmertüren und die Plakate in den Gängen seiche, mit gelben unb in andern mit weißen Reißnägeln be» festigt wurden. Um diesem „Uebekstande" abzuhelfen, wurde in einer amtlichen Konferenz der 25 Vorstände der einzelnen Schulabteilungen die Anaelegenheit von i dem Stadtschulrat auf die Tagesordnung gesetzt und ■ dahin entschieden, daß überall da, wo seither gelb? Reißnägel zur Verwendung kamen, diese durch weiße, mit einem Schlitz versehene, ersetzt werden müssen. Die vorschriftsmäßigen Reißnägel sind auf dem Rek» iorat zu erheben, und die Vorsteher der einzelnen Schulhäuser sind für bie sofortige Durchführung dieser Anordnung haftbar. Erfreulicherweise kann mitgetetti werben, daß bie verpönten gelben Reißnägel in fämt- litten Schulhäusern seit einigen Tagen verschwunden unb weiße an ihre Stelle getreten find.
Jtenb ausgegeben wurden. Ein unterrichtendes Zwi- : schenfpiel aus dem Verlauf der Vernehmung sei mitgeteilt: Der Landwirt K. aus Sachsenhausen (Kr Ziegenhain) hatte von Sttauß 2900 Mack geliehen St. übersandte ihm Akzepte, die der Zeuge mit seinem Namen versah, ohne, wie er angibt, eigentlich recht
I gewußt zu haben, was St. .damit machen' werde. — I Vorsitzender: Dachten Sie denn nicht, daß da? doch I irgend einen Zweck haben müsse? — Zeuge: Ich war «zufrieden damit, daß Strauß mir sagte, die Sache I hab« schon ihre Richtigkeit. Was mtt den „Papieren" I wohl gemacht werde, darüber habe ich gar nicht nach- I gedacht. — Als ihm dann für insgesamt 19160 Mack, I also für mehr als das Sechsfache seiner Schuld, I Wechsel präsentiert wurden, hatte K. gesehen, was I „gemacht' worden war. Infolge der Sttaußschen I Manipulationen ist K. in Konkurs geraten. — Neber I ben Ausgang des interessanten, toenn auch bedauer- I liehen Prozesses berichtet uns unser Marburger Korre- I spondent: Das Urteil, das Samstag abend spät veckündet wurde, lautet gegen den Kaufmann Adolf
I Sttauß auf 3 Jahre unb 3 Monateund Herrn. ISttauß aus 2 Jahre unb 8 MonateGefäng- I n iS, wovon 10 Monate Untersuchungshaft abgerech
net werben. Es wurde Konkursvergehen, Unterschla-1 gung, Wechselfälschung und Betrug angenommen. Der angerichtete Schaden wurde vom Gericht mit I 450 000 Mark berechnet. Der Staatsanwall hat 2% I unb 2 Jahre Zuchthaus beantragt. Das Ge^ I richt nahm jedoch Milderungsgründe an.
* Marburg, 28. Mai 1911. Stadtbaurat Bewig ist zum ©tabtbaurat unb Magistratsmitglieb in Witten a. d. Ruhr gewählt worben.
I * Kirchhain, 29. Mai 1911. Am vergangenen I ! Mittwoch fand im Kreishause die feierliche Etnfüh- rung unseres neuen Landrats v. Gilsa durch den Re- giemngspräsidenten Grafen v. Bernstorff statt. — Ein von vier hiesigen Herrn besetztes Automobil erlitt auf der Fahrt zwischen Hof Petersburg und Ernsthausen I eine Panne, sodaß die Insassen gelungen waren, | mittelst eines Pferdefuhrwerkes nach hier zurückzu- kehren.
* Schröck, 29. Mal 1911. Im Interesse ver Vieh- veckäufer Ist hier eine VieHwage zur allgemeinen I Benutzung gegen geringes Entgelt, zur Aufstellung , gekommen.
Wori zu sagen, schlingt die Alte den um die jugendliche Gestalt und drückt ben blonden Kops an ihre Brust.
„Ich weiß alles. Brauchst mir nichts zu sagen
Item Kmb." ' '
Ruth schluchzt leise.
„Woher, Polly?"
„Ich ahnte es bereits — und deine Augen verraten dich; hab' ich Recht?"
„Ja, Polly, ja. Ich könnt' nicht anders.' „Matln ist es geschehen, mein Kind?'
,. 'inen Ausblick zögert Ruch. Dann springt sie empor, ^hre Zuge tragen ben Stempel eines liefen Seeleiikampfes.
„Heut abend sehe ich ihn wieder", murmelt sie "p Svtt, ich habe eine schwere Rolle zu spie- lst, als würde ich wahnsinnig. Leb' wohl, Polly! *
Krampfhaft ergreift bie Alle die ausgestreckte -VUTlv.
. 'Ab' wohl mein Herzblatt! Unb vergiß nicht, öaf? ich dir verstehen werde, wenn es nötig fein sollte \5th tat ja alles nur für dich!"
Roch ein Kopfnicken, und Ruth ist im Fichtenwald verschwunden.
5. Kapitel
, fährt der Zug in die kleine Bayn-
yofshalle des Städtchens ein.
Etnm Koupee erster Klaffe entsteigen zwei Männer. Suchend blicken sie umher.
Da nähert sich ihnen mit abgezogenem Hui ein kleiner Diener.
„Lord Donald?"
„Jawohl", antwortet Armin.
Einige Augenblicke später rollen beide Freunde in dem zweirädrigen Bucky, den Frau Forster geschickt, der Waldburg zu. ,
Gilberi hat keine Ahnung weder von der Existenz eines Fräuleins Ruth Harrison, noch einer Frau Armin Skott.
Als vor einem halben Jahre Armin auf einem Ball Ruch Harrison zum ersten Male sah, war Gilbert nicht anwesend. Auch hütete sich Armin, von seinen Herzensangelegenheiten zu dem Freunde zu sprechen. Die völlig selbstlose, ideale Art von Gilberts. Freundschaft liegt seiner berechnenden, verschlossenen Ratur zu fern, als daß er sie zu würdigen vermag. Er fürchtet, die Stellung als Privaffekretär und Reisebegleiter des reichen Freundes zu verlieren, wenn er ihm von seiner Verheiratung Mitteilung macht.
(Fortsetzung folgt)
Amt Geisa und Umgebung.
I. * Kranlucken b. Geisa, 28. Mai 1911. Die Ma- E in unserem Orte so stack auf, daß bie Schule geschlossen werden mußte.
19H. Nach gemüt- t'chem Bierttschgespräch gerieten hier ein Porzellan- maler unb ein Handwerksmeister in Streitigkeiten, in I °eren ,Verlauf der eine ber Streitenden einen Mes- II m -bte.. r^te Halsseite erhielt, sodaß sich ,n ärztliche Behandlung begeben mußte.
I * ®«rie«rtaft, 27. Mai 1911. Auf der Strecke Hunfeld-Wenigentast-Vacha erlitt geftem der um 7 Uhr 39 Min. in Hünfeld abgehende Zug eine Ver- jPatung von 2 Stunden. Grund der Verdatung war ein Maschincndefekt, welcher in der Nähe ber Station Steinbach, kurz hinter Hünfelb, eintrat
* Tiefenort, 28. Mal 1911. Das hiesige Bürgermeisteramt macht bckannt, baß der für den 6 Juni angefe&te Gerichtstag bereits am 30. Mai abJ gehalten wird.
.in erster Linie Material und statistische Zahlen sammeln, um ben Forberungen auf Wahrung von Parität und Uebung von Toleranz auch gegenüber katholischen Minderheiten die nötige Unterstützung zu verschaffen. HVS6 Ä erkläri dft Redaktion bet Kommu- nalpollttschen Blätter (Köln) sich bereit, solches Material, namentlich soweit es sich auf kommunale Schul- angelegenheitm bezieht, zu fammeln, um es entweder sofort zu veröffentlichen oder in ihrem Archiv auftube- ww^en mrd bei Bedarf zur Verfügung zu stellen Sie bittet imher um gefl. Einsendung aller in Betracht kommenden Mitteilungen, auch solcher, Ne bereits in ben Tagesblättern erschienen sind.
)( Vom Hansabnnde erfährt man täglich mter. I effantere Einzelheiten. Jetzt tritt ein .Schutzverband ehemaliger Angestellter und Mitarätter des HansabundeS' mit einem Schreiben an die Oeffent- lichkeit, rn dem sich die Mitglieder dieser Organisation vor „Verdächtigungen und Schädigungen' die der Hanfabund gegen sie ausstreut bezw. ihnen ru- fügt, zu schützen suchen. — Daß sich so kurze Reit nach der Gründung des Hansabundes'schon ein „Schutzverband ehemaliger Angestellter" bilden muß, ist gewiß bezeichnend für diese liberale Musterorgamsation. Daß sich Angestellte, die früher ch" Kraft widmeten, kurz darauf gegen Verdächtigungen und Schädigungen durch den Bund schützen müffen, kann danach kein Wunder mehrnehmen.
* Von einem Automobil überfahren und getötet I wurde bei Lößnitz im Erzgebirge der Rentner I Fischer. Tas Automobil setzte seine Fahrt in vollem ! Tempo fort, ohne sich um den Unerfahrenen zu I kümmern.
I * Meuschenfleisch als Kmukenfpeise. Ein alter I Marabu! (Wandheiliger) in Tunis, der sich der I Arzneikunde widmete, hatte der Familie eines schwerkranken Eingeborenen geraten, dem Patienten Menschenfleifch zu essen zu geben. Die Mitglieder der Familie bemächtigten sich darauf hin zweier Kinder eines benachbarten Stammes, töteten sie und setzten das Fleisch dem Kranken vor. Ditz gekommen, ber eine eingehende Untersuchung eingeleitet hat.
* Ein Finder, der sich selbst U lohnt. Vor einigen Tagen verlor der Angestellte eines Geschäfts in München einen Betrag von 17 000 Mk. Dem Verlierer, der in der Zeitung um Rückgabe des Geldes gebeten hatte, gingen auf anonymem Wege 15 500 Mk. zu. Der Finder hatte die restlichen 1500 Mk. als Belohnung für sich gleich in Abzug gebracht.
„Vor vierzehn Tagen."
„Warum hat et dich hierher geschickt?"
„Weil — weil —"
„Nun, mein Goldkind?'
„Weil et glaubt, Tante Ursula habe ein Testament gemacht."
.Das Hai sie auch!" fällt bie Alte hastig ein.
„Vielleicht ftüher einmal", gibt Ruch gleichgültig Zu- »Aber wenn auch — bas ist längst vernichtet. Auch steht es mir nicht an, in ber Waldburg hemmzuspionieren. Ich liebe Virginia Forster und chre Mutter. Beide nahmen mich armes Geschöpf mit offenen Armen auf. Sie find so glücklich im Besitz des Erbes!"
Tief beugte bie Alte den grauen Kops über bie Schüssel, als sie etwas zögernb ertoibert:
»Hilst nichts. Sie haben kein Recht bazu '
„Polly!"
Ruth ist aufgesprungen.
«Nein sie haben kein Recht dazu!" wiederholt die Alte, diesmal In festerem Tone.
„Woher weißt du das, Polly,"
„Ich weiß es eben."
Beide schwiegen eine Zeitlang. Mt emsigen Fin- gem hantiert Frau March an ihren Scholen umher, während Ruth erregt In dem kleinen Raum auf und ab geht.
Plötzlich bleibt sie vor der Alten stehen.
Und wenn auch!" mst sie energisch. „Ich will nichts davon wissen! Rein, nein, ich will nicht!"
Ein milleidiges Lächeln umspielt bie dünnen Lippen bet Alten.
I Y Zenner», 26. Mai 1911. Heute beging der hiesige Bürgermeister Hocke sein 25jähr. Amts-
l jubiläum. Er hat den Feldzug von 1870/71 mit- I gemacht. Am Mittwoch abend brachten ihm der I hiesige Krieger, und der Gesangverein einen Fackel- jug unter Begleitung der Ftitzlarer Militkttrnusik ^?r. Im festlichen Zuge wurde der Jubllar zum Festlokale geleitet, wo ein Festessen stattsand. Der Jubllar erfreut sich einer guten Gesundheit; er hat
I sich um die Gemeinde große Verdienste erworben.
I s. * illeustadt, 28. Mal 1911. Der vor kurzem als der Wilddieberei verdächtig verhaftete Arbeiter> Sack aus Emsdorf wurde vom Schöffengerichte dahier zu 60 Mack Geldstrafe unb in die Kosten verurteilt. Auch wurde auf Einziehung des Gewehres erkannt.
* Fritzlar, 28. Mai 1911. Zum 1. Juli wird in I Fritzlar ein neues Proviantamt eröffnet. Zum Vorstand daselbst ist ber Proviantamts-Inspektor Krause aus Halberstadt ernannt. Die in Fritzlar garnifonierenbe reitende Abteilung des Kasseler Artillerie-Regiments Nr. 11 wurde bislang vom Proviantamt Kassel verpflegt. Jetzt hat sie also ein eigenes Verpflegungsamt gut Verfügung.