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M 120.

SamUag kn 21. Mal I9U.

58. Jahrgang.

* fulclae» W Zeitung •

2. Blatt.

Bruck und Verlag der 5uldaer Acttrndruckerr! in Zulda.

wochen-Run-schau.

fff Fulda, 28. Mai 1911.

Das deutsche Kaiserpaar ist von seiner Jagdreise zurückgekehrt. Ob man sich gute Folgen für die Beziehungen der beiden Völker zu einander von dem Besuche versprechen darf, niuß abgewartet werden; jedenfalls will man einen Umschwung in der Stimmung der englischen Bevölkerung bemerkt haben, der sich ja schließlich auch wohl in politischer 'Hinsicht bemerkbar machen dürfte. Es wird von den Engländern augenscheinlich angenehm empfunden, daß der Enkel ihrer gefeierten Königin persönlich erschienen ist, um der Enthüllung ihr^ Standbildes beizuwoh­nen und ihr dadurch seine Verehrung zu beweisen. Ein besonderes Interesse wandte sich auch der Prin­zessin Viktoria Luise zu, die von englischen Blättern als die künftige englische Königin bezeichnet wird. Man spricht von dem Plan einer Verbindung zwischen ihr Nnd dem Prinzen von Wales, der etwas jünger ist als die Prinzessin — er vollendet im nächsten Monat sein 17. Lebensjahr. Doch einstweilen können wir ganz zufrieden sein, wenn der Kaiserbesuch dazu beigetragen hat, unsere Beziehungen einige Grade über das Niveau der „Korrektheit" hinaus zu erheben und dauernd in dieser Stellung zu erhalten, ein für beide Teile gleich wünschenswertes Ergebnis.

Auf der Heimreise traf das Kaiserpaar am Montag in Köln ein, wo die feierliche Eröffnung der neuen Hohenzollernbriicke und die Einhüllung eines Denk­mals für Kaiser Friedrich stattsand. In einer Rede nannte der Kaiser die rheinische Bevölkerung „kern­deutsch, deren Eigenart nur der verstehen und würdi­gen kann, wer das Glück gehabt hat, ihr näher zu tre- ten." Die Bevölkerung des Nheinlandes ist weit überwiegend katholisch, und nicht weniger als 27 von 35 Reichstagsmandaten der Rheinprovinz besitzt da- Zentrum. Trotzdem hat man diese Abgeordneten und diese Bevölkerung antinational gescholten und mit dem Wort „ulttamontan" beschimpfen wollen. Werden diese Leute es wagen, dem Zeugnis des Kaisers zu widersprechen? Wie mit den rheinischen, so steht es mit allen deutschen Kacholiken. Sie haben alle eine Eigenart, nämlich die, treu zum päpstlichen Stuhle zu stehen in allen Fragen, welche die Religion nnd Sitte angehen. Aber dieses Treueverhältnis zu Nom hat die deutschen Katholiken noch niemals gehindert, 'ebenso treu in allen andern Fragen zum kaiserlichen Thron zu stehen. Für Altar und Thron! Das ist das katholische Programm, das sich bisher zum Segen des Landes bewährt hat und in alle Zukunft bewähren ivird. Mögm diejenigen, welche es angeht, sich jederzeit des Kölner Kaiserwortes erinnern und den Rheinländern und den Katholiken geben, was ihrer ist!

Im Reichstag ist die zweite Beratung der Reichsversicherungsordnung am Mon­tag glücklich beendet worden. Im Gangzen hat sie nicht ganz 15 Sitzungen erfordert. Tas sind viel wc- Nigcr, als man vielfach befürchtet hatte, und nament­lich viel weniger, als es bei dem riesigen Umfange der Vorlage hätten iverden können, ohne daß man von böswilliger Obstruktion hätte reden dürfen. Stellen­weise ging es sehr flott: mehrere hundert Paragra­fen in wenig Stunden. Die sozialdemokratische Presse hat die ganze Zeit über ein Verzeichnis der­jenigen Anträge geführt, die von den „bürgerlichen Parteien" oder den „Kompromißparteien* abgelehnt wurden. Mit dem nötigen Sperr- und Fettdruck sollte den Lesern täglich vor Augen geführt werden, wie eifrig die Sozialdemokraten sich der Interessen der Arbeiter angenommen hätteir und dabei von der Mehrheit schnöde im Stich gelaffen worden seien. Es isoll ja gar nicht bestritten werden, daß sie manche Wünschenswerte Verbesserung vorgeschlagen hatten; "über jede eingreifende Abweichung von den gettoffe- Nen Vereinbarungen würde das ganze Werk in Frage gestellt Haden. Offenbar wünschten das dir Sozial­demokraten selbst nicht emsthast, weil sie wiffen, daß die große Masse der Arbeiter das Zustanüekommen des > Gesetzes will. Aus diesem Grunde haben sie auch ! Wohlweislich Maß gehalten mit Reden und Anträgen auf namentliche Abstimmungen. Sie suchten den

Schein zu retten, als hätten sie etwas ganz Beson­deres für die Arbeiter getan, mochten aber auf keinen Fall die Verantwortung für etwaige daraus ent­stehende Gefahren übernehmen. Als ihre getreuesten Gehllfen, die fteilich nicht immer mittaten, erwiesen sich die Fortschrittler, obwohl sie damit stark in Wider- spruch zu ihrer früheren Haltung gerieten; man denke nur an die kräftigen Reden, die der Abg. Dr. Mug- dan früher gegen die sozialdemokratischen Mißbräuche bei den Krankenkassen gehalten hat. Ob die Fort­schrittler sich von dem Danke der Genossen viel prak- tifchen Vorteil versprechen dürfen, werden sie ja sehen. Da sie nicht alles milgemacht haben, was dtefe wünsch­ten, werden sie in der Agitation wohl ebenso schlecht behandelt werden, wie die anderen Parteien. Zu einer Annäherung der liberalen Parteien hat die lange Beratung jedenfalls nicht .beigetragen. Ein Hauptparadestück unter den sozialdemokratischen An­trägen war die Herabsetzung der Grenze für die Fäl­ligkeit der Altersrente vom 70. aus das 65. Lebensjahr. Der Antrag, gegen dm die Regierung sich mit Rück­sicht auf die Kosten sträubte, wurde mit 160 gegen 146 Stimmen abgelehnt, weil die Mehrheit praktische Politik treiben wollte. Die 3. Lesung der Vorlage wird voraussichtlich sehr glatt und rasch vonstatten gehen. Es sind zwar Gerüchte aufgetaucht, wonach ihr neue Schwierigkeiten bevorstehen sollen, aber man will nicht recht daran glauben.

Die elsaß-lothringische Verfas­sungsreform kam am Dimstag zur 2. Bera­tung. Da die Mehrheit immer das Ziel im Auge be­hielt, die reichsländische Verfassung endlich weiter auszubaum, und sich durch keine Lockungen zu Be­schlüssen verleiten ließ, die zum Scheitem der Vor­lage hätten führen müssen, so wurden die Kommissions- vorschläge mit ansehnlicher Mehrheit gutgeheißen. Die Konservativen, denen das Werk mißfällt, weil sie eine Rückwirkung auf das preußische Wahlrecht davon be­fürchten, gaben sich alle Mühe, Verwirmng in die Reihen des Zentrums zu bringen durch einen Antrag u Gunsten der konfessionellen Schule, dem die Elsaß- Lothringer in ähnlicher Form eingebracht hatten. Ver­schiedene Zentrumsredner bewiesen jedoch, daß der Antrag an den tatsächlichen Verhältnissen nichts bes­sern würde, ebensowenig wie ein Sprachenantrag und man ließ es bei den vorhandenen Zuständen. Mögen auch die Elsaß-Lothringer vielleicht eine durchgreifen­dere Reform gewünscht haben, bei ruhiger Prüfung werden sie finden, daß das Erreichte auch einen ganz erheblichen Fortschritt bedeutet, auf den sie nicht gern Verzicht üben. Unstreitig aber wäre es für lange Zeit mit dem Ausbau der Verfassung vorbei, wenn jetzt nichts zustande gekommen wäre. Die Regierung hat, wie anerkannt werden muß, dem Reichstage wert­volle Zugeständnisse gemacht; das würde sie nicht ge­tan haben, wenn sie nicht von der Notwendigkeit über­zeugt wäre, etwas zustande zu bringen. Das Schei­tern der Reform würde den engeren Anschluß der elsaß-lothringischen Bevölkerung an das Reich er­schwert und verzögert und im Auslande einen für uns wenig erfreulichen Eindruck gemacht haben. Die kon­servativen Gegner der Reform sollten sich doch einmal vergegenwärtigen, wem sie mit ihrem Widerstande eigentlich Freude machen.

Das preußis che Abgeordnetenhaus hat die Feuerbestattungsvorlage in zweiter Lesung mit einer Mehrheit von 12 Stimmen und in dritter, nach­dem sie dank bett Bemühungen des Zentrums noch eine Verbesserung zum Schuhe der Minderheit in den Ge­meinden erfahren, mit 2 Stimmen Mehrheit angenom­men. Das Zentrum stimmte geschlossen dagegen. Der liberale „Sieg" ist der „Gutmütigkeit" eines Teils der Konservativen zu verdanken. Diese dürften aber allmählig zu der Erkenntnis gekommen sein, daß es sich hier um eine Sache handelt, die mit Religion und Kirche nichts zu tun hat, sondern daß die Liberalen gerade deshalb so leidenschaftlich für die Vorlage ein­traten, weil sie glaubten, der christlichen Sitte und An­schauung damit einen Stoß versetzen zu können. Auch die „duldsame" Regierung wird wohl inzwischen ge­merkt haben, daß es sich hier um ganz andere Dinge handelte, als um Betätigung der Toleranz.

In Baden findet am 1. Juni ein Ministerwech­sel in Verbindung mit einer Umgestaltung der Mini­

sterien statt. Der Minister des großherzoglichen jpau« ses und der auswättigen Angelegenhetten Frhr. v. Marschall, der einzige konservative Minister, tritt zu­rück, und der jungliberale Ministerialdirektor Dr. Böhn wird Leiter des neugebildeten Ministeriums des Kultus und Unterrichts. Der Oberschulrat wird auf­gehoben; seine Zuständigkeit geht an das Kultusmini­sterium über. Im liberalen Lager herrscht großer Ju­bel. Jetzt hat die Großplockpolitik, so hofft man, freie Bahn.

In Frankreich hat eilte furchtbare Fahrzeug- Katastrophe bei Jssy am Sonntag den Tod des Kriegsmintsters Berteaux und eine schwere Verwun­dung des Ministerpräsidenten Monis herbeigeführt. Monis möchte, obwohl er für Monate an das Kran- fenbett gefesselt sein dürfte, sein Amt nicht gern ans den Händen geben. Ob Neider und Konkurrenten ihm das gestatten werden, wird sich bald zeigen müssen.

Rußland hat mit einem Ruck die alten Bahnen seiner aktiven Balkanpolitik wieder eingeschlagen, in­dem es sich wieder in entschiedenster Form als Pro­tektor der Balkanslaven gegenüber der Türkei auf­spielt. Anlaß hiezu gab dem Petersburger Kabinett die montenegrinisch-türkische Spannung wegen der Grenzkämpfe in Albanien. Montenegro hat an feiner Grenze gewisse militärische Vorkehrungen getroffen, die man in Konstantinopel als feindselige Akte empfand. Die Türkei forderte daraufhin die Zurückziehung des montenegrinischen außerordentlichen Grenzschutzes. Nun tritt Rußland auf den Plan und fordert in offizieller Form die türkische Regierung be­hufs Erhaltung der Ruhe und des Friedens auf, un­verzüglich und in der kategorischesten Form ihre durch­aus friedlichen Gesinnungen gegenüber Montenegro auszusprechen, und dadurch bcizutraaen, den Kriegs­zustand abzugrenzen, und damit selbst die Eventuali­tät herbeiführen helfen, daß die bereits von Monte­negro getroffenen außerordentlichen militärischen Maß­nahmen rückgängig gemacht werden. — das ist wohl die stärkste diplomatische Form, in der Rußland gegen die Türkei vorgehen konnte. Das Vorgehen Rußlands hat deshalb auch in allen diplomatischen Kreisen pein­liche Ueberraschung hervorgerufen.

Am 21. Mai ist die Kolonne des Generals Monier endlich in Fez eingerückt. Eine Gelegenheit, Euro­päer zu retten, was angeblich der Zweck ihres Vor­marsches war, gab es jedoch nicht, sie fanden alle Europäer gesund und munter vor. In der französi­schen Presse herrscht großer Jubel über den Einmarsch in Fez. Ob Frankreich nun seine wiederholten feier­lichen Versprechungen, sich streng an die Bestimmungen des Algeeirasverttages halten zu wollen, erfüllen oder den Versuch machen ivird, sich dauernd in Fez scst- zusetzen, muß sich nun bald zeigen.

In Mexiko ist es nunmehr zum Friedensschluß zwischen dem Präsidenten Diaz und dem Führer der Aufständischen, Madero, gekommen. Diaz und der Vizepräsident Carral danken ab. Madero begibt sich nach Mexiko, um Hauptberater des interimistischen Präsidenten de la Barra, das heißt wohl tatsächlich demnächst selbst Präsident zu werden. Die Wahl des neuen Präsidenten soll in 6 Monaten stattftndeu. Gleichzeitig sollen Parlamentswahlen vorgenommen werden, für die ein neues Wahlgesetz nach französi­schem Muster entworfen wurde. Es ivird sich fragen, was die Unterführer Maderos, die er in letzter Zeit bekanntlich nicht mehr in der Hand hatte, zu der Sache sagen. Um die Scharen der Aufständischen zu binben, sollen sie zu einer Polizeitruppe umgewandelt werden.

Deutsches Reich,

* Das Bersicherungsgeseh für Angestellte. Der Entwurf, der nunmehr dem Reichstag vorliegt, ent­spricht im wesentlichen dem seinerzeit veröffentlichten ©nttourfe. Reu eingefügt ist ein Abschnitt über die Befugnisse der privaten Versicheruugskaffen, die unter Umständen als der Reichsversicherung gleichwer­tige Einrichtungen angesehen werden sollen. Es han­delt sich um Zuschußkassen, Ersatzkassen, öffentlich rechtliche Pensionskassen und um Versicherungsver­

träge mit Lebensverstcherungsunternehmungen. So wird u. a. bestimmt, daß Angestellte, die zur Zeit des Inkrafttretens des Gesetzes bei diesen privaten Le­bensversicherungsunternehmungen versichert sind, auf ihren Antrag von der Beitragsleistung befreit iverden können, wenn der Jahresbeittag der Beiträge für diese Versicherungen mindestens dem ihren Gehaltsverhält­nissen zur Zeit des Antrags entsprechenden Beiträgen gleichkommt. Diejenigen Versicherten, welche bei Veröffentlichung dieses Gesetzes eine Lebensversiche­rung mit einer nichtigeren Beitragsleistung als 4 v. H. ihres Jahreseinkommens abgeschlossen haben, sol­len berechtigt sein, bis zum Zeitpunkt des Jnkraft- ttctens dieses Gesetzes behufs Herbeiführung ihrer Befreiung ihre Versicherung zu erhöhen. In allen biej’en Befreiungsfällen bleibt die Verpflichtung des Arbeitgebers zur Zahlung der resüichen 4 v. H. des Einkommens als Beitrag zu der neuen Angestellten­versicherung bestehe». Durch diese Besttmmungen sol­len Privatangesteüte, die bereits bei einer Lebensver­sicherung versichert sind, vor empfindlichen Schädigun­gen und Vermögensverlusten bewahrt werden, da sie meistenteils nicht in der Lage sein werden, neben den Prämien an die Versicherungsunternehmung auch noch die Beiträge zu zahlen, die ihnen durch die neue Ver­sicherung auferlegt werden. Dem Entwurf ist eine umfangreiche Begründung beigegeben, die zum größ­ten Teil auch schon bekannt ist.

* Ei« krasser Fall von protestantischer Intoleranz in Pommern wird der „Germania" von einem Protestanten berichtet. Der Fall hat sich in dem Städtchen Bahn, Kreis Greifenhagen, ereignet In der Umgegend von Bahn arbeiten auf den Gütern zahlreiche polnische Schnitter katholischen Bekenntnisses, die am Sonntag nach Pyritz ivan- bern mußten, um dort ihren kirchlichen Pflichten nachzukommen. Selbstverständlich machen die katho­lischen Saisonarbeiter bann auch ihre Sonntags­einkäufe in Pyritz und nicht in Bahn, was den Geschäftsleuten in Bahn begreiflicherweise unange­nehm war. Diese setzten sich dann mit dem katho­lischen Geistlichen in Pyritz wegen Abhaltung eines pe-wdischen Gottesdienstes in Verbindung und er­klärten sich bereit, einen paffenden Raum kostenlos ztir Verfügung zu stellen, wenn in Bahn alle 14 Tage, im ganzen zwölfntal katholischer Gottesdienst abgehalten werde. So berichtet der „Bahner Anz." CJIr. 36 vom 6. Mai). Man hätte glauben sollen, daß niemand daran Anstoß nehmen könnte. Und dennoch geschah das Unglaubliche. In Nr. 38 vom 13. Mai veröffentlichte der „Bahner Anz." folgende Erklärung:

Den hiesigen Blättern und privaten Nachrichten zufolge wird vom 21. d. M. ab alle 14 Tage in Bahn für die in der Umgegend arbeitenden polnischen Schnit­ter katholischer Gottesdienst gehalten werden und zwar aus Kosten hiesiger Geschäftsleute. Diese sind römischer Schlauheit zum Opfer gefallen und haben ungewollt und unbewußt der Papstkirche zu einem Triumph in unserer rein evangeli­schen Gemeinde verhalfen. Angesichts dieser be« llagenswerten Tatsache fragen wir: darf das sein? muß das sein? Wir sagen: Nein! Ein evangelischer Christ darf unter keinen Umständen dem Katholizismus Vorschub leisten! Unser evangelisches Gewissen mutz uns höher stehen, als alle Schätze der Welt! Darum bitten wir die hiesigen Geschäftsleute mit heiligem Ernst: Es trete ab von dem Abkommen mit dem Ver­treter der Papstkttche, wer sich evangelisch nennt! Der Gemeinde-Kirchenrat. gez. Kruger, Kirch­hoff, Voegler, Husadel, Pagel, Weigle.

Das ist ein klassisches Musterstück von In» toleranz und Rom haß, wie schon die Ausdrücke „römische Schlauheit" und „Papftkirche" beweisen. Es ist übrigens auch nicht richtig, daß das Städt­chen Bahn eine „rein evangelische Gemeinde" ist. Es zählt immerhin einige Katholiken und hat nicht nur eine evangelische Kirche, sondern auch eine jüdische Synagoge, wogegen der evangelische Ge­meinde-Kirchenrat von Bahn anscheinend nichts ein« zuwenden hat. Was übrigens die unterzeichneten Mitglieder dieses Gemeinbe-Kirchenrats betrifft, so ist bet erste Unterzeichner, Krüger, Superintendent, der letzte, Weigle, Pastor. Und diese Herren scheuen sich nicht, eine solche Sprache zu führen und von „römischer Schlauheit" und „Papstkirche" zu sprechen!

Unpolitische SeRIaufe.

(N.) Berlin, 25. Mai 1911.

sNachdruck verboten.)

Nehmen denn die Ungkücksfälle gar kein Ende? Voll es bei der sogen. Eroberung der Lust immer noch mehr Tote und Verwundete geben?

Kaum hatten wir in der vorigen Woche über die Schicksalstücken bei den Ballon führten geklagt, da zeigten alsbald in abschreckender Weise die Flug- mafebinen, daß auch bei ihnen der Haß der Elemente wahllos seine Opfer fordert. In Jssy bei Paris wurden zwei zuschauende Minister von einem nieder­gehenden Flugzeug dahingemäht; in Straßburg fiel ein Flieger sich zu Tode, wett sein Apparat beim Aus­weichen einen Baum streifte, und nebenbei wurde im Gedränge noch einer Frau durch einen Spazierstock ein Auge ausgestoßen.

Das Unheil weiß immer neue Wege und Formen zu finden. Als zu Paris in der Sonntagsstühe die Teilnehmer an dem Wettflug nadi Madrid aufsteigen sollten, dachte man wohl an die vielen Gefahren, die auf betn weiten Wege lauerten, aber man rechnete durchaus nicht mit der Möglichkeit, daß schon bei dem Aufstiege ein Flugzeug in die Znichauer Tod und Verderben hineintrage. Eine Gruppe von Ministern und Offizieren spazierte gemütlich über das Flugfeld; der Polizeipräfekt von Paris ging ihnen voran. Die hochvermögenden Herrschaften machten von dem Vor­recht ihrer Stellung Gebrauch, während das gewöhn­liche Volk außerhalb der Flugfeldgrenze bleiben mußte. Zum Unglück für die Privilegierten stand nun mitten auf dem Jlugfelde auch noch eine Schwa- oron Kavallerie, die zur Abwehr des etwa sich vor- mchj,6enden Publikums bereit gehalten wurde. Diese Aiyüllung des Flugfeldes wurde zum Verderben. Einer von den aufgestiegenen Wettslieqem spürte Un­regelmäßigkeiten an seiner Maschine und wollte des­halb wieder niedergehen. Als er schon niedrig über Dem Erdboden strich, sah er plötzlich die Reiterschar vor sich. Er gab seinem Flugzeug einen kräftigen Ruck zum Ausweichen, und dabei schoß er auf die Ministergruppe. Seine Luftschraube war noch im Gange. Die großen Schraubenflügel trafen in ihrer käsend schnellen Umdrehung zunächst den Kriegsmi- nifter und rissen ihm einen Arm aus und verstümmel­ten ihn am Kopf und Rumpf fo arg, daß er alsbald starb. Der nebenstehende Ministerpräsident wurde

schwer verletzt; doch scheint er mit dem Leben davon­zukommen. Ein Offizier trug noch leichte Verletzun­gen davon. Der Flieger selbst und fein Begleiter tarnen heil zur Erde.

Nun sagt man, die Schuld liege einzig und allein an der UeberfüHung des Flugfeldes. Innerhalb des Raumes, der für den Ausstieg und die Proberunden beftimmt war, hätte man weder Soldaten noch Mini­ster zulassen bfirfen, sondern nur die wenigen Leute, die mit dem Geschäft selber zu tun hatten. Das ist richtig. Die Freihaltung des inneren Feldes vermin­dert die Gefahr ,aber es hebt sie nicht vollständig auf. Wenn bei einem auffahrenden Flieger etwas in Un­ordnung kommt, so kann er bei dem erzwungenen Nie­dergang auch über den Zaun hinweg in den Kreis der Zuschauer hineingeraten. Bei dem Unglücksfall in Straßburg, der sich an der Grenze des Feldes er­eignete, war es nahe daran, daß von der fallenden Maschine die Zuschauer gettoffen wurden. In Jo­hannisthal bei Berlin wird auf die Absperrung sorg­fältig geachtet. Als ich gelegentlich dort hinter dem Zaun her zuschaute, sind manchmal Flieger über mei­nen Kopf hinweggesurrt, so daß ich das Gefühl hatte: Wenn der Motor jetzt ausseht und das schwere Ding heruntersaust, so gibt es einen großen Brei von Men- schenkürpern! Aehnlich ist das Gefühl, wenn man das Flugzeug, das sich im Kreise bewegen soll, gerade auf sich gerichtet sieht, versagt da plötzlich die Steuerung, fo muß die Maschine in der Tragweite auf die Zu­schauer losschießen. Auf den Rennbahnen, wo die Motorräder zum Schrittmachen gebraucht werden, ist ebenfalls der Zuschauerkreis gefährdet; im alten bota­nischen Gatten zu Berlin hat man es ja vor einigen Jahren erlebt, daß diese Maschinen sogar über den Zaun hinweg das Publikum zermalmen und in Brand setzen können. Die Flugmaschine lommt na­türlich noch leichter über den Grenzzaun fort.

Man daff also auch bei gehöriger Absperrung des innem Feldes die Schauflüge nicht für ungefährlich erachten. Wer zuschauen will, soll die Flieger, die sich ihm nähern, gut im Auge behalten. Wenn eine Flugmaschine von dem vorgesehenen Wege nieder­schießt, so bentt man natürlich zunächst ans Auswei­chen, um aus der Richtung des Flugzeugs zu kommen. Das Ausweichen ist aber bei dem Gedränge nicht immer möglich. Da bleibt als letztes Notmittel für die bedrohte Schaar nur das Niederwerfen. Dadurch rettet man sich wenigstens vor dem Schicksal, von den

sausenden Schraubenflügeln getroffen zu werden. Innerhalb einer hin und her flutenden Menschenmenge darf man sich freilich nicht zu Boden narren; denn da würde man aus dem Regen in die Traufe kommen. Die Wahrscheinlichkeit des Zertretenwerdens wäre noch größer, als die Gefahr, unter dem niedergehenden Flugzeug zu leiden. Das Richtige wäre, daß sich alle Bedrohten auf den Ruf eines besonnenen Mannes zu­sammen niebertoütfen.

Was nun die Absperrung des inneren Fel­des an geht, so wird die glücklicher Weise in Deutsch­land etwas gründlicher und zweckmäßiger besorgt, als in manchen anderen Ländern. Unter den Schaulusti­gen erregt diese Vorsicht aber keineswegs lautet Wohl­gefallen. Die Neugierigen sind vielfach sehr entrüstet über die polizeilichen Absperrungen. Sie ivollen nur zu gern recht dicht dabei sein und möglichst ihre Nase und ihre Hände in die fenfationellen Dinge hinein­stecken. Wer sich die obwaltenden Gefahren recht klar macht, wird für die Absverrmaßregeln nicht bloß Ver­ständnis, fonbem auch Dankbarkeit haben.

In gewissen Kreisen ist es neuerbing-5 Mobe ge­worben, auf bie „herrschsüchtige, rücksichtslose, gewalt­tätige, brutale usw." Polizei zu schimpfen unb zu be­haupten, bas Vorgehen ber Polizei schaffe erst die Unruhe und die Gefahren; ohne deren Eingriffe würde das Publiktim felbst viel eher das Richtige treffen. Die Erfahrung straft dieser Redensart Lu­gen. Wenn eine Masse von neugierigen oder sonst aufgeregten Leuten zusammenströmt, so kommt es in der Regel zu verhängnisvollen Torheiteit; da muß mit vorsorgender Hand rechtzeitig eingegriffen werden.

Es ist auch nicht wahr, daß in Deutschland und besonders in Preußen die Polizei „brutaler" ootginge, als in den sogen, freiheitlichen Ländern. Rein, die französischen Polizisten schlagen schonungslos drein, wenn die Sache emft wird. Und in Frankreich hat man noch die bedenkliche Sitte, zur Abwehr von Volksmassen alsbald Kavallerie heranzuziehen. In Denffchland dagegen sucht die Polizei möglichst lange mit ihren eigenen Kräften auszukommen, wie ja auch bei dm großen und andauemden Krawallen in Moa­bit die Heranziehung des schärfet vorgehmden Mili­tärs vermieden toorben ist. Auf bem Flugfelde bei Pans stand an dem kritischen Platze auch wieder eine Schwadron Kavallerie bereit, um im Falle eines Vordtängms der Zuschauer los gelassen zu werden.

Diese berittene Reserve der Ordnungspolizei ivurbe bekanntlich ber Anlaß zu bem Unglück. In Deutsch­land würde man nicht eine solche Netterschar mitten auf bem Flugfelb ausgestellt, fonbem vielmehr die etwa vorhandenen berittenen Schutzleute von vorn­herein auf die Peripherie verteilt haben, um bei ben Zuschauern ein Gelüst auf Durchbrechung ber Schran­ken überhaupt nicht auffommen zu lasse». — Als» wollen wir in bie Schimpfereien auf unsere Polizei nicht einstimmen, fonbern uns lieber den Sperrmaß­regeln ruhig fügen in ber Erkenntnis, daß bei jeder Ansammlung von größeren Menschenmengen Vorsicht dringend geboten ist, und erst recht dort, wo gefährliche Maschinen in Tätigkeit gesetzt werden.

Einige meinen nun, man solle bei der Unberechen­barkeit der Lufffahrzeuge Ueberlandslüge voll­ständig verbieten. Das geht doch zu weit. Wenn ein Ballon oder eine Flugmaschine über Feld und Wald dahinfährt, so ist die Gefahr doch sehr gering, daß sie einem Ackersmann oder einem Spaziergänger auf den Kopf fallen. Auch bei einer Notlandung in einsamer Gegend ist nicht viel zu befürchten für unbe­teiligte Personen. Bei den vorgesehenen Zwischen­landungen, zu denen sich zahlreiche Zuschauer einstel­len, muß freilich für ein freies Feld von genügender Größe vorgesorgt sein.

Bei allem Mitgefühl mit den Opfern darf man doch die weiteren Versuche zur Eroberung der Lust nicht verbietm oder sonst verhindern wollen. Nur sollten alle Veleiligim, auch die neugierigen Zuschauer, aus den trüben Effahrungm etwas mehr Vorsicht schöpfen. Die ganze Sache steckt noch in den Kinder­schuhen, und das Treiben ber Kinder muß bekanntlich mit besonderer Sorgfalt bewacht werden.

Im übrigen predigen alle Unglücksfälle uns stets von neuem die alte Wahrheit, die ebenso heilsam wie ernst ist: Mitten im Lebm sind wir stets vom Tod umfangen. In jedem Augenblick, wo wir uns zum Gmuß des irdischen Lebens recht anschicken, kann unser Körper plötzlich zerschmettert sein. Der Tod verfügt in der Tat über „Blitz aus heiterem Himmel", und deren Zahl und Mannigfaltigkeit nimmt fortwäh­rend zu mit der weiteren Entwickelung unseres kom­plizierten „Kulturlebens". Daher empfiehlt es sich, daß der Christ sich allczett in der Lage hält, dir Himmelfahrt antreten zu können,'wenn bei überraschende Ruf an ihn ergehen sollte.