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MI«w«ch dm 2<. Mal Ml.
58. Jahrgang.
* fuldaer s Leitung
2. Blatt.
Btetf nn6 Verlag -er Sttlbeet Aettendrväerel ht Zulda.
f Grab und Himmelfahrt.
Dieses Jahr wird die Feststimmung am Him- Eelfahrtstage beeinflußt von den jüngsten Verhand- r.gen über die Leichenverbrennung.
Ja, die gläubigen Christ« erbauen und erfreuen sich in der sicheren Zuversicht, daß auch ihr Leib wieder Suferstehen wird, wie der Leichnam Christi, und in Verklärtem Zustande dem zum Himmel gefahrenen Erlöser nachfolgen werde. Je fester sie in diesem Glau- 6en und je froher sie in dieser Hoffnung stehen, umso bitterer empfinden sie es, wenn unter gesetzlicher Autorität und behördlicher Leitung Leichen, die zur Auferstehung und Verklärung berufen sind, einem ge- waltfmnm Vernichtungsprozesse nach heidnischem Vorbilde ausgesetzt werden. Sich so an dem Leichnam eines Angehörigen oder Freundes zu vergreifen, widerstrebt den gefunden ästhetischen Empfindungen und Pietätsgefühlen; man kann sich diesen Leichenzerstö- mngsirieb nicht anders erklären, als durch die Sucht, gegen die alte christliche und volkstümliche Sitte und gegen die damit verknüpften Glaubensüberzeugungen und Hoffnungen zu de m o n st r t e r e n. Ob alle Anhänger der Leichenverbrennung sich der religionsfemd- lichen Bedeutung des Vorganges bewußt sind, ändert nichts an der Tatsache, daß die Verschmähung der christlichen Grabgeincinschaft und die Vergewaltigung der Leiche von dem gläubigen Volke als ein schwerer Aergemis empfunden wird, als ein tatsächlicher Protest gegen die erhabenen und tröstlichen Geheimnisse, die begründet sind in den Sätzen des allgemeinen apostolischen Glaubensbekenntnisses: Auferstanden von dm Toten, aufgefahren zum Himmel, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben.
Gewiß, der Allmächtige, der die Toten erweck« <mb zum jüngsten Gericht versammeln will, kann durch die Machenschaften der Menschen nicht gehindert werden. Menschenwitz und Menschenkraft vermögen weder etwas aus dem Nichts zu schaffen, noch etwas in das Nichts zurückzuführen. Auch der Leichnam, der durch einen Unglücksfall oder durch menschliche Willkür in Asche verwandelt worden ist, kann von dem ewigen Schöpfer und Ordner aufcrweckt und verklärt werden. Die göttliche Weltordnung kann nicht durch ein ohnmächtiges Menschenhändchen gestört werdm. Das wissen die heutigen Gläubig« ebenso gut, wie jene ersten Christen, die auch den zum Flammentode verurteilten oder den wild« Tieren vorgeworfmen Märtyrer zu- riefcn: AufWiederscheni,und zwar in derHoff- mmg, daß auch die verklärten Leiber an der Freude des Wiedersehens teil haben würden. Wenn das christliche Volk trotzdem Einspruch erhebt gegen eine behördlich organisierte Leichenverbrennung, so entspricht das dem staatsbürgerlichen Recht, die Verstrickung des Staates und seiner Organe in unchristliche Unsitten zu verhüten, und der sittlichen Pflicht, von Unfern Kindern und von den schwächeren Brüdern und Schwestern anstößige und für das religiöse Denken und Empfinden gefährliche Vorgänge nach Möglichkeit fern zu halten.
Für eine christliche Volksgemeinschaft gehört sich die Gemeinschaft des Grabes. Die Versenkung des Leichnams in den stillen Schoß der Erde hat nicht bloß die symbolische Bedeutung einer Pflanzung tu künftiger Ernte, sondern sie entspringt auch dem Bewußtsein, daß der menschliche Leichnam ein Heiligtum ist, das man der Hand des Schöpfers überlasten imb nicht durch eine menschliche Hand vergewaltigen soll. Wenn nun die „Aufgeklärten* nicht an die Auferstehung der Toten glauben wollen, so können sie sich doch ohtie Verletzung ihrer freigeiftigen Theorien sehr mit der alten Volkssitte in der Beziehung an schließen, daß sie die sterblichen Ueberreste einfach dem natürlichen Prozesse der Auflösung überlassen. Der gewaltsame Vernichtungsversuch gegenüber den Leichen widerspricht dem urwüchsigen Gefühl der gesunden Menschennatur. Weder sachliche Gründe noch auch die subjektiven Gründe eines ehrlich irrenden Ge- wistens machen es den „Aufgeklärten" unmöglich, sich der Grabessitte nach wie vor anzuschließen. Daher widerstreben wir mit Recht dem Versuch, den Frieden des Todes zu stören durch die Scheidung der Nation in zwei Bestattungsklassen. Zum wenigsten aber verfangen wir, daß der häßlichen und ärgeraiScnegenben Leichenverbrennung jede Förderung durch kommunale oder staatliche Leichenöfen ober sonstige behördliche Unterstützung versagt bleibe.
Sollte nun das christliche Volk in dieser Frage vergewaltigt werden durch eine liberale Minderheit
mit Hilfe der atheistischen Sozialdemokratte, so müsten alle Kräfte aufgeboten werden, um dem verwirrend« und vergiftenden Eindruck möglichst entgegenzuwirken. Angesicht» der frivolen Versuche der Leichenvemich- tung muß der Glaube an die Auferstehung und Himmelfahrt der Herrn und an die künftige Auferstehung und Verklärung der Fleischer erst recht gehegt und Sflegt werden. Da» christliche Voll muß sich fortan recht die Pflege und der Besuch seiner Frieichöfe angelegen sein lasten, sich heimisch fühle« auf dem Gottesacker, wo die DorauSgegangenm friedlich schlummern und wo auch wir die Schlummerstätte zu finden hoffen, bi» der jüngste Tag zugleich Ostern und Himmelfahrt bringt für die Gesamtheit der Christen.
Wir bleiben dem Friedhof treu, an dessen Toren die Verheißung steht:, Und ein ewige» Leben. Amen.
Ausland.
♦♦ lieber das Befinde« de» Kaisers Franz Joseph lauten die offiziösen Nachrichten fortgesetzt günstig. Als besmrder» beruhigend wird hervorgehoben, daß sich der Leibarzt Dr. Kerzl keineswegs ständig im Schlosse aufhalte. Die gegmtoärtige Heiserkeit deS Kaisers dauert allerdings bereits mehrere M o n a t e an. ES wird erzählt, daß der Kaiser vor einigen Tagen gegen den Willen des Arzte» bei zweifelhaftem Wetter eine Ausfahrt unternommen habe und von einem Platzregen überrascht worden sei, wobei er sich neuerlich erkältet habe. Die Aerzte bemühen sich nun, ben Kaiser zu bewegen, daß er in diesem Jahre statt be8 gewohnten Sommeraufenthaltes in Ischl, einen südlicher gelegenen Kurott aufsucht, um in milderer Lust seine Heiserkeit zu verlieren.
♦♦ Deutschlands Blut für Frankreichs Ruhm. Unter den bet dem Überfall von Aluana gefallenen Fremdenlegionären befinden sich neun Deutsche.
*♦ Zum Kulturkampf in Rußland wird dem in Auslandsfragen vorzüglich unterrichteten Luzemer „Vaterland" geschrieben: lieber die letzten Vorgänge, welche die katholischen Kreise Moskaus und Petersburgs betreffen, äußert sich in bemerkenswerter Weise bet Duma-Abgeorbnete Dhmscha. Er erwähnt bte gegen katholische Geistliche biefer Städte erhobene Anschuldigung, sie versuchten, die Russen zu polonisieren, und beschrieb die Anschuldigungen als typisch für die Motive, die zur Rechtferttgung einer „stacken Politik" künstlich herbeigezogen werden. „Die römischen Katholiken" — führt Dymscha aus — „werden verfolgt aus Gefälligkeit gegen die russische orthodoxe Kirche. Man hofft diese dadurch für die nattonalistische Bewegung zu gewinnen. Sowohl der Wortlaut wie der Sinn des kaiserlichen UkaseS über die Gew-iffensftei- heit von dem Jahre 1905 werden vollständig außer Acht gelassen. Stolypin tritt in einen wirklichen Kulturkampf ein, der nur mit einer Schwächung Rußlands enden kann. Mt den römischen Katholik« hat er begonnen, er schloß die Kapelle der Knaben- und Mädchenschule», die mit der katholischen Katharinenkirche in St. Petersburg verbunden sind. Das Schicksal der Schulen selbst, die von Taus« den von Schülern besucht werden, kann man sich leicht vorstellen; ebensowenig sst die Wirkung zweifelhaft, die diese engherzigen Maßnahmen auf die 15 Millionen römischen Katholiken in Rußland machen wird." Dymscha schildert in ausführlicher Weise die kleinlichen Verfolgungen, die nicht nur den polnischen, fonbem auch den litauischen Ka- thvlikm zutell werden, und wünscht, daß das Ausland, das sich einst so warm der Juden annahm, nun auch zu Gunsten der russischen Katholiken das Wort ergreife, um die russische Regierung auf andere Bahnen zu bringen. Diese Hoffnungen Dhmschas werden allerdings immer — Hoffnungen bleiben.
volkswirtschaftliches und Sozialer.
m Die Lage des Arbeitsmarktes in Hesse«, Hessen-Nassau und Waldeck im April 1911 kann als durchaus günstig bezeichnet werden. In der Metallindustrie ist in Frankfurt a. M. eine wesentliche Veränderung gegen den Vormonat nicht eingetreten. Besonders iverden die Eisengießereien als gut beschäftigt bezeichnet. Eine Firma in Rödel
heim hat ihre Gießerei vergrößert und dementsprechend ihre Arbetterzahl erhöht. Eine Firma hat ihren Sitz von Aschaffenburg nach Frankfurt a. M. verlegt. Die A. E. G.-Lahmeyerwerke, die nach ZeüungSmeldungen chren Frankfurter Betrieb aus- lösen soll, sucht immer noch Eisendreher für schwere Bänke. Am stärksten war der Mangel an Schmie- den. In der Branche für Bauschlosser, Spengler und Installateure ist die Nachfrage noch Mt. Aus der Lederindustrie Hegen folgende Mitteilungen vor: In der Pottefeutlleindustrie Offenbachs herrscht schlechter Geschäftsgang. E6 handelt sich jedoch hier um eine jährlich wiederkehrende Erscheinung. In Franksntt a. M. herrschte rege Nachfrage nach Sattlern auf Geschirr und Waaenarbett; Tapezierer waren nicht genügend vorhanden. In Wiesbaden traten die Tapezierer in eine Lohnbewegung. Der Streik wurde nach fünftägiger Dauer durch Abschluß eines Tarifs beigelegt. Aus bet Industrie der Holz- und Schnitzstoffe ist zu berichten: In Frankfurt a. M. war die Vermittlung der Schreiner am Platze selbst und nach auswärts sehr lebhaft, es wurden mehr Leute verlangt, als da waren; hauptsächlich wurden Bauschreiner verlangt, aber auch nach Möbelschreinern war ziemlich Nachfrage. Im Bekleidungs- und Reinigungsgewerbe wurden Schneider sehr gesucht. Nur ans Mainz wird mitgeteilt, daß Angebot und Nachftage nachgelassen hätten. Auch für Schuhmacher war reichlich Arbeitsgelegenheit vorhanden. In Kassel ist an Schneidern und Schuhmachern fort- während Mangel. Aus Wiesbaden wird starkes Angebot von Friseuren gemeldet, dagegen war an Damenfriseuren, trotz angemessener Löhne, Mangel. Aus dem Baugewerbe wird berichtet: In Frankfurt a. M. wird die Bantätigkett als rege bezeichnet. Für Maurer und Steinmetze war gute Beschäftigung vorhanden, hauptsächlich wurden Bauschreiner verlangt. Auch in Mainz nimmt das Baugewerbe eine günstige Entwicklung. Namentlich trägt dazu die Inangriffnahme größerer öffentlicher Neubauten bei. In Kassel bringen die Vorarbeiten zur 25. landwirtschaftlichen Jubiläumsausstellung gute Beschäftigung. Dagegen wird aus Wiesbaden, Gießen und Hungen geringe Bautätigkeit gemeldet. Im Gast- und Schankwirtsgewerbe war in Franffnrt a. M. die Bermitt- lungstättgkett für alle Gruppen sehr rege. Besonders stark war in Frankfurt a.M . die Frage nach Hotelhausburschen; das Angebot war jedoch gering. Auf dem landwirtschaftlich. ÄrbeitSmarkt zeigt sich bekanntlich im Frühjahr eine lebhafte Bewegung, die in den steigenden Vermittlungszahlen zum Ausdruck kommt. Besonders in Franksntt a. M. und Mainz trat dies in die Erscheinung. In Mainz Ht die Zahl der Arbeitsuchenden zurückge- gangen, die Zahl der offenen und besetzten Stellen dagegen den Vormonat gestiegen. An guten Knechten und Mägden fft wie immer Mangel. Der weibliche Arbeitsmarkt wird lebhaft beeinflußt durch die Kur- und Badesaison. In den Städten Frankftitt a. M. und Mainz ist immer im Frühjahr Mangel. Mainz berichtet neben dem Mangel an Dienstboten für Haushalt auch über Mangel an Wirtschafts- Personal. Kassel und Darmstadt Nagen über Man- gel an gutausgebildetem häuslichem Personal. In den Kleinstädten ist ber Dienstbotenmangel auch sehr stark (Fttedberg i. H., Fechenheim a. M., Wetzlar, Bad Wildungen).
Aus -em Vatikan.
Bald nach dem anfangs Februar dahier abgehaltenen MissionSfeste hatte der Hochw. Herr Bischof über dessen herrlichen Verlauf eingehenden Bettcht an ben hl. Vater erstattet. Darauf traf jetzt das folgende Antwortschreiben ein:
Secrtttrii di Itite
di Stu Siciiik
Nr. 50688.
Dal Vaticano, die 19. Mali a. 1911
Ulme ac Revme Domino,
Solatium aliquod Beatissimo Patri allaturas putasti litteras, quas Eidern dedisti elapso mense Februar io. Attnlerunt saue, neque illad exiguum. Nantiasti enim quo Studio, quaque animi alacri- tate dioecesis tuae fideles ferantur in grande illud
collegerit iam opus a Propagation« Fidei, quosque fructoe pastoralis tua navitas collegerit iam tarn ab auspicata istic Societate operi eidem vulgando favendoque. Faxit Deus ut talibus initiis par reepondeat exitus.
Auspicia rerum secunda tibi tuisque fidelibus, iisque in prünls qui potiora studia in instituenda laudata Societate ac celebrando recens invecto ,Festo Missionis“ contulerant, praabeat Apostolica Benedictio, quam coelestium munerum concilia- tricem Sanctitas Sua Omnibus amantissime impertit Quae in ima praedictarum litterarum parte Beatissimo Patri expromebas optata fovendo operi a Propagatione Fidei pio consilio destiaata, Pon- tificie eiusdem iussu Sacris Congregationibus SS. Bituum ac 8. Officii delata sunt.
Ea qua par est existimatione me Amplitudini Tuae profiteor libentissime
Illmo a Rmo
Dno Josephe Damiano Schmitt Episcopo Fuldensi
Fuldam.
Addictissimum
R. Card. Merry del Val.
In deutscher Ueberfetzuug:
Aus dem btaatsfekretariat
Er. Heiligkeit.
Aus dem Battkan, den 19. Mai 1911 Hochwohlgeborner und Hochwürdigster Herr! Durch Ihr an den Heiligen Vater im Monat Februar d. I. gettchtetes Schreiben hofften Sie dem- felben einen Trost zu bereiten. In der Tat gereichte es Ihm zu nicht geringer Befriedigung. Sie berichteten ja über den freudigen Eifer, mtt dem die Gläubigen Ihrer Diözese sich dem großen Weck« der Glaubettsverbrettung widmen. Sie wiesen bin auf di« Früchte, die Ihre oberhirtliche Rührigkeit schon gleich bei Einführung des für die Förderung jenes Weckes so geeigneten sFranzikus-XaveriuS-f Vereins hat sammeln können. Gebe Gott, daß so glücklichem Beginn ein gleicher Fortgang entspreche!
Zur Bekräftigung seiner Glückwünsche sendet der Hl. Vater ben Apostolischen Segen, den Er Ihne« unb den Gläubigen Ihrer Diözese, namenllich aber jenen, die sich um die Einführung des genannte« Vereins, sowie um das Gelingen des neulich gefeierten „Missionsseftes" besonders verdient gemacht hab«, als Gewähr der himmlischen Gnaden liebe« voll erteilt.
Die Anträge, die Sie am Schlüsse des genannten Schreibens in der frommen Absicht, das Weck der Glaubensverbrettung noch roetter zu fördern, de» Hl. Vater unterbreüeten, find auf dessen Befehl ben Kongregationen der Riten und des hl. Offizium» zugewiesen worden.
Mt geziemender Hochschätzung verharr« ich Euer Gnaden
ergebender
BL Starb. Merry bei Val.
Er. Gnaden
dem Hokywürdigstr» Herrn Joseph Damian Schmitt Bischof von Fulda
zu Fulda.
Amt Geisa und Umgebung.
* Bacha, 23. Mai 1911. Die hiesige Polizei unterzog dieser Tage die vor der Stadt stehende« Feldscheunen einer genauen Durchsicht, ob sich in ihn«» nicht etwa lichtscheues Gesindel, was sich jetzt in Massen hier umhertreibt, befinde. Das Ergebnis war ein negatives. In einer bet Scheunen traf man einen schlafenden — Hasen, der beim Schein der elektrischen Taschenlampe durch eine Maueröffnung entsetzt die Flucht ergriff
* Stadtlengsfeld, 24. Mai 1911. Gerade ein, Woche nach dem Beschluß, daß eine Zigarrenkiste voll Maikäfer mit 20 H bezahlt werden solle, waren 76 Zigarrenkisten mit ben schädlichen Käfern eingeliefert. Ein Beweis für die Ausdchmmg der Maikäfer» plage.
* Oechsen, 23. Mai 1911. Hier werden gegenwärtig die Masten zu der Drahtseilbahn für da» Basaltweck am Dietrichsberg aufgeftefft Beim Ausrichten eine» dieser Böcke sprang der Zimmermann 8 t-
Die Nacht -er Gewissens.
6] Roman von Erich Friesen.
Wie groß iva- das Erstaunen der Leute, als Fräulein Ursula dieses Jahr schon im März eintraf und teoar — allein. Man steckte die Köpfe zusammen und flüsterte imb munkelte und forschte und erfuhr schließlich, daß es einen fürchterlichen Krach zwischen der alten Dame und ihrer Stiesnichte gegeben habe. Wes- bolb, wußte niemand. Tatsache war, daß seitdem Ruths Name nicht mehr genannt werdm durste.
Fräulein Ursula kränkelte seitdem, unb schon nach wenig Wochm trug man sie hinaus nach bem Keinen, ßhpressenumwachsenen Dorskirchhof.
Einige Zeit stand die Waldburg leer. Und wieder steckten die biederen Dorfbewohner die Köpfe zusammen und flüsterten und mutmaßten, wer wohl ba» fürstliche Besitztum erben würde.
„Natürlich Fräulein Ruth HarcisonI" meinten die einen.
„Unsinn! Das selige, alte Fräulein hat sich ja Mit ihr gezantt!" behaupten andere.
„Na, wer soll denn sonst erben, wenn nicht unser liebes, gutes Fräulein Ruth?" gaben wieder andere |u bedenken.
Da verbreitete sich plötzlich im Dorfe die ungeheuerliche Kunde, zwei toilbfrembe Frauen hätten in Aaldbrirg ihren Einzug gehalten. Man schüttelt die Kopse, zweifelt, entfeht sich, — vergebens. We- ntge Tage später schon fuhren zwei Damen, eine gmg junge und eine ältere, in der eleganten, wappengeschmückten Karosse der Palmers bte staubige Dorf, praße entlang. Finstere Gesichter, feindselige Blicke, herbe Worte, folgten ihnen, wo sie sich blicken ließen.
Doch nach und nach begann man sich an die Tatsache zu gewöhnen, daß nicht Fräulein Ruth Harrison, sondern Fräulein Virginia Forster die Hütten der Swrfbewohner auffucht, besonders da letztere gar nicht stolz ist unb mit den Armen unb Kranken genau so liebevoll spricht wie mit ihresgleichen.
Vergessen ist Ruth Harrison noch nicht — bewahre. Aber man muß sich eben in das Unabänberliche fügen.
ES ist an einem warmen, sonnenüberfluteten Füll- morgen.
Wie leben Tag hat man auch heute ben Teetisch auf ber großen Terrasse ber Waldburg gedeckt. Soeben haben die beiden Damen ihr Frühstück beendet.
Mtt einem fröhlichen Jauchzer springt Virgina emptw, schüttelt die dicken, langen, kastanienbraunen Zöpfe, auf welche das Sonnenlicht leuchtende Reflexe wirst, so daß sie wie Gold erschimmem, faßt den großen, mit klugen Augen zu ihr aufblickenden Bernhardiner am silbernen Halsband unb eilt nach bet breiten Treppe, welche hinab in ben Gatten führt.
„Virginia I" ruft die Stimme ber Mutter hinter ihr her.
„Ja, Mama!"
Virginia bleibt stehen.
„Lord Donald wird uns in einigen Tagen besuchen."
„Lord Donald?" Virginia wiegt nachdenklich das hübsche Köpfchen. „Ist das nicht ein alter Freund von Papa? Der muß aber all sein — huhl"
Frau Forster lacht.
„Papa» Freund ist längst tot. Ich meine seinen Sohn!"
„®o —?'
„Und er bringt feinen Freund, der zugleich sein Sckretär ist, mtt."
Virginia» Gesichtchen zlcht sich merflich in die Länge.
„Ach —I Hoffentlich bleiben die Herren nicht lange. E» ist so gemüllich hier, ganz allein nur mit dir, meine liebste Mama unb meinem brave« Nero hterl Grit, Mer?"
Liebkosend streichell sie da» dicke Kell de» Hunde», der dankbar feinen Kopf an ihren schlanken Körper drückt. ®r hat fett Jahr« alle Wandlungen in bem Leben der Forsters mtt durchgemacht. Vielleicht, dich jetzt feinen steten Gleichmut der Anblick der Rebe unb Hirsche im Park einmal etwa» erschüttert — aber im übrigen findet ft keinen Unterschied »wisch« seiner
neuen Sage unb ber früheren. Er ist überall bei seiner jung« Herrin; was tarnt er noch vom 9eben wünschen.
„Weißt du, Mama, ich muß mich erst nach und nach an den Reichtum gewöhnen!" ruft Virginia heiter zurück. „Bi» jetzt kommt mir da» alle» noch wie ein Spielzeug vor, das mir wieder weggenommm werden tarnt."
Voll mütterlichen Stolzes mhen Frau Försters Augen auf dem pikanten Gesichtchen ber Tochter. Unter feingezeichneten Brauen sunkrin große, braune Augen mit ganz eigenem sammetweichen Glanz. Das Rasch« ist fein und gerade, ber Mund sehr klein, mit vollen, etwas geschwungenen Lippen. Jede Bewegung der zierlichen, ebenmäßigen Gestatt zeigt Leben unb natürliche Grazie.
„Du wirst dich bald daran gewöhn«, mein Liebling", lächelt die Mutter. „Die Erinnemng an Armut und Entbehrungen pflegt schnell zu schwinden gleich einem bösen Traum."
„Nein, e nein, Mama!" Fast angstvoll blicken Vttginias Augen. „Ich möchte, daß diese Freude am Ueberfluß, dieses wohlige Behagen mir stets bliebe. Denke nur, hinunterlaufen können in denGarten unb Rosen pflücken, weiße, rote, gelbe, sogar meinen Liebling, die La France-Rose, unb immer wieder pflücken und pflück«, ganze Hände voll — kann e» was Herrlichere» geben? Ensstnnst bu dich nodb, wie tote in Orford manchmal für ein arntfdige» Blümchen einen halben Schilling geb« mußten und dafür keine Butter zum Frühstück aßen?"
Unb filbechell lacht sie auf.
„Mein lieber, liebes Kind!" murmeln bte Lipp« ber Mutt« während ihre Hände sich unwillkürlich wie zum Gebet falten.
Leichtfüßig rill Virginia, gefolgt von New, die Treppe vollends hinab. Der Wind lpirit mtt ihr« Sttrnhärchm und veritep da» Rot auf ttten Bangen. Heiter lächeln bte Lippen, während sie Rose um Rose abschneidet und behutsam in einen ztervch geflochten« Binsenkorb legt,
Plötzlich hebt Nero d« Kopf unb beginnt zu knurr«.
Virginia dreht sich um und gewahrt in der Ferne eine hohe Mädchengestalt, welche stch nur zögernd w nähern scheint.
„Ruhig, New!"
Sie faßt den noch immer knurrend« Hund am Halsband und geht ber Dame entgegen.
Jetzt neigt sie fremtdlich ben zierlich« Kopf zum Gruß.
„Bitte treten Sie näher! Gewiß »offen Sie zu meiner Mutter?"
„Rein. Ich muß zuerst Sie selbst sprechen, Fräu. lein Forster."
„Mich? Kenn« Sie mich denn? Ich entsinne mich nicht. Sie je geschm zu hab«. Oder vielleicht doch — ich habe solch schlechte» PhhstognomiegebLchtni»."
Die Fremde schüttrit b« Kopf.
„Nein, Fräulein Forster, Sie kenn« mich nicht. Mein Name ist —" ste zögert, rasch wechsrit die ffarbe auf ihrem Antlitz — „mein Name ist Ruth Harrisonl"
„Ruch Harrison!" Virginia wird ganz rot vor Reberraschung. Rasch stellt ste d« Kort mit Ros« ins ®ra» und streckt bem unerwarteten Besuch beide Hände entgegen. „Also Sie sind Ruch Harrison! — Wie freue ich mich Sie lernt« zu lernen. Sie heldenmütige», tapfere» Mädchen. Ich muß Sie küssen. — So! Kommen Sie schnell hinein, damit auch Mama Ste sicht! Wie schmerzlich muß e» für Sie fein, al» Fremde nach der Waldburg in komm«, nachdem Ste —' fle bricht verleg« ab, faßt stch jedoch rasch wieder unb sprudelt heiter heraus: „Eigentlich sollt« wir eifersüchttg auf Sie sein. Wo wir gehen und stch«, spricht man von Amen — die Dorflettte, die Dienerschaft, sogar der Gärtner und ber Ktttscher. „So machte e» Fräulein Ruch —", „Fräulein Harrison konnte da» nicht leitet' — unb so weiter."
Damit schlingt ste ben Arm um Ruths Taille und zieht bte Widerstrebende mtt sich fort.
(Fortsetzung folgt.)