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M U3.

Sonnentag den 18. Mat 1911.

58. 3ai)tgang.

* Tuldacr U Zeitung *

2. Blatt.

vruck u* Verlag der $«l6aer Acttendrnckerei iw Zwldo.

W - n Reich.

[] Don der AubUaimiLwgnttg des deutsche» Haudels- tages müssen wir doch noch, einige» uochtragm, was wir Raummangels Halder in unseren Berichten nicht vermerkt hatten. Da ist vor allem mit Bedauern sestzustellen, daß trotz der Mahnung deS Reichs­kanzlers, den Blick aufs Ganze zu richten, eine solche Veranlassung, wie die IubiiänmstagMkg des Handels­tages, dazu benutzt wurde, um in parteilicher Ten­denz politische Rosinen aus dem Kirchen zu picken. Den Vortritt hatte der Leiter, des Hausabuudes, Geh. Rat Ricßer, der u. a. auZfühlte:

„Wir sind mit weiten Kreisen der Ueberzeugung, vaß dem deutschen Gewerbe die ihm gebührende Stei­lung ein geräumt werden muß. Daher haben wir für erforderlich gehalten, Gewerbe, Handel und Industrie in einer großen Bereinigung zusanunenzufassen. Wir mollen der gewerblichen Arbeit und ihren Ver­treter» die Stellung verschaffen, auf welche sie kraft ihrer persönlichen Tüchtigkeit und ihrer Leistungen erheblichen Anspruch haben." Schließlich bezeichnete es Heer Rießer noch als Notwendigkeit, tue nationalen giefe voranznstellen und jederzeit auch den übrigen landen zu gewähren, was der Hansabv»d für sich beansprucht.

Die Illustration dazu liefert das rücksichtslose Eingreifen des Hansabuudes in die politische Ent- wickelmeg, in die Wahlbewegnng im notorisch radi- laQtberaUrt Sinne, wie gleichermaßen sein offen- kundiges Kokettieren mit dem Umsturz, zu dessen energischer Bekämpfung dieser von nationalen Zielen überströmende Bund noch nicht mit einer Silbe bei­getragen hat.' Daß diese Art des politischen Bauern­fangs bei einer solchen festlichen Gelegenheit an den entsprechenden Stellen genügend gewürdigt, wird, darauf kann Herr Rießer sich verlassen. — Einen Ungetrübt freudigen Eindruck konnte es auch ge­rade nicht hinterlassen , daß Generalkonsul v $ n Mendelssohn über die Beschränkung der Ein- Iuhr ausländischer Wertpapiere in eurem Sinne prach, der sich durchaus mit den öffentlich lnud- gegebeueu Tendenzen des früheren Staatssskretärs Dernburg urb mit den Treibereien des,Mrliner Tageblattes' deckte. Der nationaüiberale Herr Dr. Stegemanu aber fand die Kurage, den Reli- !fions unter richt in der Fortbildungssck-ule m lammenden Worten zu verdammen, da er geeignet ei, den letzten Funke.: von Religion int tritt» chcn Lebensalter zu ersticken. Eine hierauf igegründete Msolution fand einstimmige Annahme. — £>J diese Einwirkung aus die Lösung schwerwiegender politischer Fragen, die sich in der Schwebe befinden, in ausgesprochen liberalem Sinne bei einer Iubi- läumsveranstaltuug einer großen Vereinigung, die Unparteiisch dem Wohle der Gesamtheit dienen will, zu billigen ist, n Schte?» »h doch stark beLweifeln. Wohin wir aus diesem Wege treiben, beweist die Ausnutzung in der liberalen Presse. Sagt doch das f^Bcrl Tagebl.' ganz offen:

„Nach diesem Verlauf des Handelstages kann über QÜe Stellung des d ent scheu Handelsstandes gegenüber den klerikal -konse rvativen M a ch en- sch aste» kein Zweifel sein. Der Ausfall der nächsten Wahlen wird darüber entscheiden, ob dem deutschen Wirtschaftsbetrieb neue Knebelungea auferlegt werden sollen. Die Heidelberger Resolutionen würden zu leeren Demonsirativnen werden, wenn der deutsche H.audels- stand nicht mit aller Kraft darnach streben füllte, die Wiedertechr einer blau-schwarzen Mehrheit zu »er» hindern."

sJiun weiss der Reichssauzler, woran er ist, Und wir löiffra auch, woran wir sind..

)( DM DiL''ikapitei„ das in tiefen Tages eine mehr als bittere Bereicherung erfahren Hal, wird aüemtzsLben autgiebig erörtert - und da muß man leiser sagen, daß di« DueUwütigleit F o - t s chr it t e macht. So. scheut sich die sonst — nur in rftfter Frage nicht — auf christiichem Boden stehende ,Tern>ä)e Ta^e-?zeitn»Z' des Mm des der Landlvirte nicht, z« schreibe«:

,Sa lange die Menschlichen Auffassungen und die 31 njd)jmengen gewisser Stand« so dieibeir, wie sie waicn und sind, so lauge der Schutz gegen schwere Beleidig»»-«« ungiMÜgeud A: s» lauixe wirb auch der Zweikampf die lies bedauerliche, aber nicht immer ver> meidbar« ntonm tato l^n.."

II . I—Mll .....................■ «■II !■! !■ I IIIIIIHII I IMI I ■

Genau ft, könnte der Einbrecher sagm: „So lange die menschlichen Auffassungen und die An» schauungen gewisser Stände so bleiben, wie sie waren und sind, so lange der arme Teufel oft bei schwerer Arbeit keine sichere Existenz findet, so lange wird auch das Einbrechen -die lief be­dauerliche, aber »Ht immer vermeidbare ultimo rcitio sein." Die Kreise, die an der Gesetzes- und Moraloerletzung durch das Duell sesthalten, tragen Schuld au der Nichtbeachtung der Gesetze durch die nichtbemittelte Bevölkerung.

Aus dem ttachbargebiete.

♦ Notenburg, 17. Mai 1911. Der hiesige, dem Niederheffifchen Touristenverein angeschlossene SU« Heimer-Klub blickt auf ein 25jähriges Bestehen zurück. Er zählt 100 Mitglieder, hat einen Ans- sichtsturm auf dem Alheimer zur Aufstellung bringen kaffen und beschäftigt sich gegenwärtig mit der Her­stellung einer Nmgebungskarte von Rotenburg zum Zwecke der Hebung des Touristenverkehrs. Auch ist die Errichtung von Schülerherbergen im Kreis Rotenburg vom Jahre 1912 ab geplant.

* Mainz, 18. Mai 1911. WaS „Sie" vom Blumentag hält. Eine bisher unter Kuratel stehende rheinhessische Frau von hohem Alter sollte vor dem Amtsgericht wieder für mündig erklärt werden. Der gestrenge Herr Amtsrichter, der sie auf ihren gesunde» Menschenverstand prüfen wollte, richtete it a. die Frage an sie, ob sie wisse, daß demnächst Blumentag ist und was sie für einen Eindruck davon habe. Die Alte besann sich keinen Augenblick und sprach dann: „Ei no, die Reiche mach« do btt Anschlag, und die Arme müsse bleche." Die Fra» hatte damit die Prüfung beüanben.

Amt Geisa un) Umgebung.

* Bacha, 18. Mai 1911. Einem Mitgliede der Hattorser Bergkapelle wurden 3 Flöten aus dem Garberobezimmer des Deutschen Hauses gestohlen. Die Instrumente habe« einen Wert von 300 Mark.

♦ Oechsr», 17. Mai 1911 Die große Basalt- zerkkestwrunasmafchiue wurde von hier nach Buttlar geschafft. Es waren 8 Pferde erforderlich, um sie xortxubewege».

* 17. Mai 1911. Das dreijährige

Töchterchen des Schachtarbeiters Simrein in Dön­ges kletterte an dem Tor des Sciimibermeisters Mötzing empor; es stürzte ab und fiel so unglück­lich, daß eS ein Bein brach und nach Jena über­führt mtxöeu mußte.

* Kallemrardheim, 18. Mai 1911. Ter land- wirtschöstliche Hauptverein hielt hier eine Versammlung ad. Den Hanpltagesordnungspunkt bildeten die Eisen bah »verhält nisse in hiesiger Gegend. Es wurde beschlossen, ein Schreiben an die Bezirksdirektion zur Absendung zu bringen, in dem auf die zahlreichen Unfälle, welche durch die Felda­bahn seit ihrem Bestehen inbezug auf dm Geschirr­verkehr. auf der Staatsstraße Dorndars-Kaltennold- heim veranlaßt rootbe» sind, sowie auf die enormen : Verkehrs behvidernngen, welche gerade in neuerer s Zeit durch den noch im Gange befindlichen Gleis­umbau und, dur ’i den lebhaft gesteigerten Geschirr- , und Aukomadttverlehr in bedeutend verstärktem ' Maße hervorgetretm sind, hingewiesen wird. Es wird hervorgehobm, daß Vie über dem Straßm- tfäueau hinausgehende Erhöhung der Gleisanlage ‘ vor allem schuld an den Verkehrs - Schwierigkeitril sei. Das Meis solle also wieder eingebettet werden, i Zweitens müßte die preußische Eisenbahn - Berwal- 1 lang gezwungen werden, den schon oft vom Pubti- ■ (um geforderten Zugsignaldienst einzusühren. Endlich : aber ist unter allen Ilm ständen eine Polizei-Verord­nung ittiitgeett notwendig dahingehend, daß Anto- niubüe mrs dieser Straßen strecke gehalten sind, an ! begegnenden oder za überholenden Geschirren la»g- front vorüberzufahren, wobei die Geschwindigkeit aus . höchstens 10 Kilometer bemess en werden müßte

* Aus Thüringen, IS. 'Mai 1911. In der Eise- ,rtaet)et Maschinenfabrik wollte ein Monteur

im Wafferschacht Messungen vornehmen. Durch die dort angesammelten Gase wurde er betäubt und fiel in de« Schacht. Er starb trotz angestrüter Wieder­belebungsversuche, während zwei an der Rettungs­arbeit beteiligte Arbeiter, die gleichfalls betäubt wurden, gerettet werden konnte». — In Wutha hat ein Meisenpaar Heuer zum zweitenmal einen Briefkasten zum Nistplatz gewählt. — Tas im Burgsee bei Salzungen ertrunkene Brautpaar, dessen Leichen jetzt gelandet wurden, Halle kurz vor dem Tode noch eine Flasche Champagner und eine Maibowle getrunken. Die Braut, die Tochter eines Postbeaullen, war 17, der Bräutigam, ein Ausländer, 21 Jahre alt. — Auf der Krähenjagd entlud sich das Gewehr eines Lehrers aus Gotha von selbst. Die Kugel traf den Jäger tödlich ins Herr.

Mus Oberheffen u- den Hess. Aemtern.

♦ Marburg, 17. Mai 1911. Wie wir schon kürz­lich berichteten, ist der hier seit etwa 10 Jahren be­stehende Konsumverein für Marburg und Umgegend in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Nachdem die Frist, sich mit den Gläubigern abzusin- dm, gestem verstrichm war, wurde heute das Kon­kursverfahren eröffnet. Der Verein hat bekanntlich vier Verkaufsstellen und zählt etwa 600 Mitglieder. Die Passiven betragen nahezu 30 000 Mack. — Der neue kommissarische Landrat von Mar­burg v. Loewenstein zu Loewenstein aus Loewenberg enfftammt einer alten heffischm Familie, die zum Uradel daselbst zählt und mit Werner v. Bi- schoffshcmsen um 1160—1196 zuerst erwähnt wird. Ser Sohn Werners erbaute die Burg Loewenstein in der Schwalm und nannte sich mit seinen Nachkommen nach ihr. Die Führung des Namens „Loewenstein zu Loewenstein"' wurde dem Geschlecht aber erst den 6. Mai 1874 genehmigt. Der neue Landrat des Mar­burger Kreises ist am 6. Rov. 1870 zu Hofgeismar geboren, sein Vater Oott, Herr auf Wickecshof, ist gleichfalls in Marburg ansäffig.

* Laasphe, 18. Mai 1911. Ein Hütten­arbeiter in Crenzlal geriet, als er morgens in angetrunkenem Zustand nach Hause kam, mit seiner Frau in Streit und mißhandelte sie mit dem Schüreise». Alsdann begab er sich in das obere Stockwerk, wo seine Tochter noch schlief. Er schlitzte der Ahnungslosen den Leib mit einem Messer aus.

* Kirchhain, 18. Mai 1911. Wie gemeldet, wurde hier in dem Simmet eines Dienstmädchens ein totes, neugeborenes Kind aufgeftmdm. Der Verdacht, daß das Dienstmädchm das Kind heimlich geboren und getötet habe, hat sich bestätigt. Die unnatürliche Mut­ter hat dem Kind einen Messerschnitt in d en Hals beigebracht. Di; jugendliche Mörderin, die Hofmann heißt und aus dem nahen Schönbach gebür­tig ist, wird nach ihrer Genesung in das Gefängnis eingeliefert werden.

* Zimmersrode, 18. Mai 1911. Am 1. Juni tritt in Schönstein eine Postagentur mit der Bezeichnung „Schönstein" (Bez. Kassel)" in Wirksamkeit. Als Laiidbcstellbezirk sind dieser Postagentur die Orte Untermühle, Löbecmühle, Dodenhausen und Hadden­berg zugeteilt worden. — Hier wurde ein Zroeigver- ein des K n ü l l k l u b s gegründet.

/-x Wetter, 18. Mai 1911. In einer hier abgc- haltenen Wander-Versammlung des landwirtschakt- iichen Kreisvercins Marburg besprach man auch das in diesem Jahre mit der Ausstellung der deutschen Landwirtschasts-Gesellsä.ast in Kassel zu verbindende knrhessischeTrachtensest. Es wurde mitgetcilt, daß der Verein als offizieller Vertreter der sog. Marburger Tracht je 8 Mädchen und Burschen aus den verschiedensten Orten des Kreises nach Kassel entsenden würde.

* Neustadt, 18. Mai 1911. Der hiesige Post- sekretär Rathmann trat in den Ruhestand. — Nach der ,Hcff. Landesztg/ ließ ein Althändler aus Koblenz hierher 200 Zentner Seife kommen, die er den Zentner mit 18 Mark verkaufte. Auf Betreiben des Detaillistenvereins für Heffeu und Waldeck ist jetzt die noch unverkaufte Seife beschlagnahmt worden, weil sie statt über 60 Prozent Fett nur

7Mt Prozent Fett und 67 Prozent Wasser ent­halt« soll.

♦ Homberg a. d. Ohm, 17. Mai 1911. Der hier abgehaltene MeisterkursuS, an dem 28 Teil- nehme? und 2 Teilnehmerinnen sich beteiligten, ist mit einer Prüfung zu Ende gegangen. Der Prüfung wohnte Herr Landrat von Gehren bei. Seitens der unterrichtenden Lehrer wurde den Kursisten Aner­kennung ausgesprochen für die an den Tag gelegte Pünktlichkeit, mußten doch einige einen Weg von etwa zwei Stunden, sehr oft auch nachts, zurücklegeu. Dies zeige, daß die Leute bestrebt feie», etwas ordent­liches zu lernen. — Heute erfolgte der Austrieb der Tiere auf die Kreis-Jungviehweide Marienrode.

k. Amöneburg, 17. Mar 1911. Die Turn- und Spielübungen der »Turn- und Spielvereini­gung Marburg-Kirchhain"' am 13. ds. Mts. in der Festhalle zu Kirchhain waren von Lehrern der beiden Kreise gut besucht. Die Teilnehmer, darunter eine Anzahl älterer Herren, unterzogen sich gern den Hebungen des Stabturnens und der Spiele. Die Zusammenkünfte sind von hohem Wert; da sich auch Nichtmitglieder anschließen und beteiligen tonnen, ersetzen die Hebungen einen besonderen Kursus für den Kreis Kirchhain. Anerkennung und Tank ge­bührt immer wieder Herrn Turnlehrer Fischer aus Marburg, der sich mit cbcnfooiri Selbstlosigkeit als Eifer der Mühe der Leitung unterzieht.

vermischtes.

** Warnung vor Flaschcnmißbranch. In den tes­ten Tagen sind an verschiedenen Orten wieder Uiv- glücksfälle durch Mafchemnißbrauch üorgefommen. Jm-> mer wieder handelte es sich darum, daß man Gifte wie Sauren, Saugen, Karbol, aber auch unappetitliche Sa­chen wie Benzin, Petroleum in Bier- oder Selters- flaschen widerrechtlich eingefüllt hatte. Tie Verum glückten hatten, wie immer, die Gifte für Bier oder Selterswaffer gehalten, Todesfälle, hierdurch ver­schuldet, werden wieder aus Harburg, Leipzig, Halle und Wien gemeldet.

* 200 Berliner Firmen als Konkursbeteiligte. Gegen die miteinander verbundenen Berliner Stauf- häufet Bemhard Cohn u. Cie. und Rudolf Moses ist, wie der „Konfektionär" mitteilt, der Konkurs bean­tragt worden. Die Verbindlichkeiten betra­gen insgefamt 500000 Mark, denen an Aktiven nomi­nell 200000 Mack gegenüberstehen. Beteiligt find 200 Berliner Firmen der Manusaktur-, Kurz- und Modewarenbranche, sowie Chemnitzer Wollwarenfabrl- kanten mit Forderungen bis zu 22000 Mack.

* Zunahme der Man!- und Klauenseuche. Eine roeitere bedeutende Zunahme der verseuchten Gehöfte tu Deutschland hat. wie die ,Neue landwirischaft- liche Korrespondenz' mitteilt, stattgefunden. A« 30. April ds. Js. waren 12505 Gehöfte von der Seuche befallen, es ist also eine ganz wesentliche 'Zunahme der Maul- und Klauenseuche zu konstatieren, da am 15. Februar ds. Js. nur 5994 Gehöfte verseucht waren. Ganz besonders ist die Seuche in den Provinzen Pommern, Schlesien, Sachsen, Schleswig-Holstein, Hannover, Westfalen, und in der Rheinprovinz vorgeschritten, während die Verseuchung in Brandenburg und Hessen-Nassau hin und her schwanl!.

* Gustav Mahler, der bckannte Komponist und frühere Wiener Hofopernbirektor, der dann Dirigent der Newyocker Metropolitan Opera wurde und krank aus Newyock kam, befindet sich in fteigenber Lebens­gefahr. Es handelt sich um eine aus Angina entstan­dene Blutvergiftung, die nmnentlich Herz und Lunge ergriffen hat.

* Der „Kaiser der Sahara". Ter Franzose Ja» ques I. Lebaudy, der vor acht Jahren mit dem Schiff „Frcckquita" auszog, um die Wüste Samara fiir sich als Kaiserreich zu erobern, wird jetzt ob seiner Schulden vor Gericht gestellt. Die Matrosen, die damals seine „Matrosenfoldaten" waren, ver­langen von „Kaiser Jacques I" Entschädigung für entgangenen Gewinn mrd wollen den geringen Rest von Lebaudy's einst bedeutendem Vermögen mit Beschlag belegen. Lebaudy selbst befindet sich in Amerika.

15J Hmewrifiifche Erz-äh-Emg vom W. Borg m ann-

('Schluß.).

„Mir v-Wg Hnhdermi!" jagt HeimenbetK m gleich­gültigem Tvv.c. der nah« an Geringschätzung streifte.

„Mia nicht, Dröterchenk erlaubte sich' Berta zu äußern.

„Mia auch nirirt, lieber Cntti k" gab Eveline dazu.

„Fräulein. .stufinz sammelt feurig« Kohlen auf mein H«uM" rief Henry vergnügt.

„Was schr-rSeir Sie?'" fragt her Kammerzrenrat in Unter»fsizierK-MwWr.

LoreNzi aeftoartzte mit sicherer Mene, aber ohne jede Anmaßung: „.Ich bin Aeqyptologal"

„Lest ihu etwn auch AegtffMches," wandte H«W«n- berg sich an Tochter und Richte.

„Doktor Lorenzi's Schriften werden in. der Lite- ratur-Zertung immer sehr lobend besprochen," gab Eve- (ine zur AuÄvort.

Der Kornnrrrzienrai runzelte btc Stirn und sagte verdrietzkich: „Das beweist gar nichts. Es gißt Her­ren, welche bä Kritiken über sich selbst schreiben. Ich verstehe Ihre Lefftunyen nicht xr umringen, Herr Doktor!"

„Das kimn ich auch nicht beanspruchen," erwiderte Henry mit verdecktem Sackasmus, doch meine Fach­em offen werden Ihnen bereitwillig Auskünfte ertei­len ; und wenn ich Ihnen meine Papier« zur Durch­sicht vorkegen darf —"

Hennenberg zwang ihn durch eine abwehrende Ge­lberde, zu schweigen und versetzte hastig: „Ich danke, mir fehlt jede Düthe dazu; hall' ich sie aber auch, ich würde dennoch die Ueberzeugung behalteu, daß Sie ein Abgefeimter Spekulant find, der eurem Mädchen, das xr kaum gesehen hat, freche Redensartm von Liebe macht, well er unter der Hand erfahren, daß der Va- jer Vermögen hat. Das Lebensglück meines Kinde» Ioll durch keinen gewissenlosen Gauner zerftsrt wer- ien!"

„Vaterk" rief Berta mit loderndem Blick Vorwurfs- voll.

„Du schweigst!" klang e? gebieterisch zuruck

; „Aber ich habe M sprechen!" ergriff Henry das Wort,- den» fetzt nimmt die Sache eine ernste Wen- 1 billig! Sie entsinnen sich gewiß meines gestrigen Ge- fftändmsfeS, daß die rote Rose mein einziger Gedanke [ grblieben, feit unserer ersten Begegnung. Sie hatte "mir Geist in* Hetz genommen, was Wunder, daß nun henk' auch mein Auge sich gefangen gab? Zufall und Schicksal, wer trennet ihre Grenzen? Ein zielloser ! Scherz ward yim Verhängnis für uns alle, und alle ■ haben mir unfern Vorwitz gebüßt, auch die arme teil- > nehmende Kusine und — Sie selbst, Herr Kommer- ^zjeurkck!"

„Ich bitte, mir bei dem Vorwitz keine Beachtung >gu schenke» l" sagte Heirmnberg pikiert.

„Dar ist leider unmöglich", entgegnete der Doktor gelassen. „Sie haben mich gesucht, nicht umgckehrt." ! „ÄEexbntg»! jedoch keineswegs, um Sie anzu- Mehor", stieß der Lammerzieurat ingrimmig heraus.

„We köunen Sie mir eine andere Absicht zur Last legen, und zwar die niedrigste, deren eine Seele fähig ffi? Der Mann der WUenschast kauft sein Weib nicht auf dem Jahrmärkte, er kniet nicht vor goldenen Käl­bern, Geld hak sirr ihn geringen Wert, sonst würde er andere« Gülle« dienen, als den Muse«. Sein Kapital ist sein Kopf, und mll den Zinsen, den dieser trägt, muß das Weib, daß sich tut ihn schließt, haushalten. Fühlst Du deu Mut bazu- Mädchen?" kchrte er sich plStzkich gegen Berta, „sonst gib Dein Wort einem Galle», der Deinen Fuß in goldene Schuhe kleidet!"

Und mll dem Ausdruck vollster Herzinnigkell bot Serie ihm beide Hände.

^Zch folge Dirk" Der Kommerzienrat verstummte vor Schreck Mll at^ger Entschlossenheit richtete Henry das Auge auf ihn: „Sie haben jetzt nur zwei Kinder oder gar kein- zu wählen, Herr Rat!"

„Rein eiuzig Kind mir stehlen?" rang' fichs von Heimenberg'» Stuft, und feine Widerstandskraft war gebrochen. Er sank ermattet in eine» Stuhl und ächzte: „Mag das Schicksal es zu btffcrem Ende führen als ich fiuchte. Ich kmm nichts mehr tun. Gott verzeih mir und Euch, wem» wir gefehlt!"

Henry streckte ihm die Hand hin: „Vertrauen Sie mir. Mit Gottes Beistand werde ich Ihre» Zweifel schon zu beseillgen wissen? Die Zukunft wird Sie

belehren, daß mich nur die Flamme Gottes, die wir Liebe nennen, zu Ihrer Tochter zieht."

Der Kommerzienrat stand auf und nahm die dar- gebotene Hand: „Ich trete das Höchste, was ich be­sitze, an Sie ab! gedenken Sie dessen stets!"

„Vater!" mein lieber, teurer Vater! schluchzte Berta und umschlang stürmisch seinen Nacken. Heimen- brrg küßte sie lange, lange, als nähme er ewigen Ab­schied von ihr. Dann drängte er sie sanft von fich und rief: „Braun!"

Der alte Diener mußte schon draußm an der Titre gestanden haben. Er schlug augenblicklich ~ auf die Klinke und kündigte sich mit einem „Hier hängt er!" an. „Brann, wir verfteren Berta!" eröffnete ihm der Kommerzienrat mit halber Stimme

Der Mann mit dem krummen Rücken glotzte umher und stottecke: „An den Burschen?"

Berta ging lebhaft auf ihn zu, zog die treue Seele in den Kreis der Ihrigen, und sagte mll Wärme:

„Rem, Ihr verlieri mich nicht! Ich schließe Euch alle jetzt noch tiefer in meine Liebe ein!"

„Mädchen!" rief Henry begeisieck und preßte sie an sich, „wärst Du häßlich, wie Du reizend bist, wie wärst Du durch Dein Gemüt schön, Geliebte!" Die Seele gibt den Menscyen den Wert; Geist ohne Seele schil­lert und blendet nur, wie Wintersonne, die nicht er­wärmt. Nichts Großes", fuhr er in leidenschaftlicher Glut fort, „wird vom Geist allein erzeugt; die Seele ist die Mutter aller Wecke, die uns veredeln, bilden und erfreuen! Und weißt Du, toer des Mannes Seele ist? Ein echtes Weib! Daher der ewige Zauber, den Frauen auf uns üben, und die Wonne, bie unver­gleichbar hohe Seligkeit, lvenn die geheimnisvolle Sehnsucht, die den Jüngling, den Mann durch die Welt treibt, sich legt, wenn wir die langgesuchte Seele finden in himmlischer Reinheit? Ich habe sie gesun­den!" Et lehnte ihre Locken an ferne Schulter, in schweigender Umarmung schwuren sie einander ihre Herzen fürs Sieben zu.

„Ich werde sie wohl nie finden!" klagte es jetzt plötzlich in ihrer Nähe. Es war Eveline. Teilneh­mend näherte sich ihr der alte Mmer und tröstete: „Sie sind ja selber Seele. Sehen Sie mal bie nächste Zeitung nach, vielleicht werden Sie von B 2 ge­sucht"

„Ach nein, lieber Braun", seufzte sie, „solch Gluck wird mir nicht zuteil!"

„Run, mm", sagte der Alte, ihr gutmütig auf die Schulter Nopseiid, „geben Sie die Hoffnung nicht auf, Fräulein Eveline — schlimmsten Falls steht Ihnen der alte, liebe Braun zur DispoWcm!"

Der komische Einfall de? alten Gesellen wandelt« den Emst um, der sich über die Gemüter gelagert, iw Heiterkeit und der Kommerzienrat ließ noch au deu» selben Tage, nachdem er Hemy's Wesen in stund«' langer Unterhaltung näher beobachtet, bie Furch! schwinden, sein Kind könne durch den abenteuerlid eroberten Bräutigam elend werden. Berta ist'S auch nicht geworden, im Gegenkeff, sehr glücklich durch ihrer Gatten, wie er durch sie. Bon Jahr z» Jahr hatti ihre Licke eher zu als abgenommen, rmd so nmß ei in jeder rechten Eh« sein, daß Mann und Weib sich immer inniger ineinander leben, daß jeder dem An­dern »nenkbehckich wird, jeder dm Andern tiefer ver­stehen lernt bis zum gegenseitigen Erratm der Ge­danken.

Aber wieviel Menschen führen eine rechte Ehe? Philomea und Baucis warm im Altertum >chon ein vereinzeltes Beispick und roerben m her modernen Welt auch selten roieder angetroffeu. Philomen und Baucis hielten auf ihre Götter; ebenso wie heutzu­tage wirkliche Christ« sich an Gottes Gebot halt« im Leb«; denn nur dort trifft man wahrhaft glück­liche Ehm, wo die Religion noch nicht gewichm, und einem Nichts Platz gemacht. Mit Humanität und Gott weiß welchen Tugmdm brüftet sich heutzutage mancher Mann, und zu Hause ist er nichts wmlger als human.

Die Geschichte des B. 1 ist zu Ende. Daß sie nicht aus her Luft gegrifffen, sondern aus dem Leom ist, wird wohl kein Leser bestreitm. Aber ich mochte kei­nem raten, auf diesem nicht mehr imgewöhnlichen Wege seine Lebensgefährtin zu fuchm; hi deu selten­sten Fallen ist eine solche Ehe glücklich. Auch nicht auf dem Tanzboden, in Gefellschastm soll man fein« WcO treffen, sondern man soll beobachlen, ob tiefet Glaub« vochanden, man soll nachforschm, wie 's tn bet Haushaltung zugeht, ob sparsam ober verschwen­derisch, ob fitifam ober putz süchtig; danach soll tn®, wählen'