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mviioo« de» ,r. Mai Wl.

58. Jahrgang.

* fuldaer

Zeitung

2. Blatt.

vr»S rat» »«lag d« gulbaet Hetitibtudttd In 8«lda.

Deutsches Reich.

** »Das Bündnis des Zentrnms und bet Konser­vativen*. Unter dieser Marke veröffentlicht Prof. Dr. von Schulte in der Deutschen Revue (Mai 1911) einen Aussatz, in dem mit einer verblüffend einfachen geschichtlichen Methode Tatsachen aus der europäischen Geschichte des letzten Jahrhunderts den Konservativen warnend ins Gedächtnis gerufen werden, um sie von dem vermeintlichen Bündnis mit dem Zentrum abzubringen. Nachdem der Verfaffer summarisch die nationalen Anträge aufgezählt hat, gegen die das antinationale Zentrum gestimmt habe, — die nationalen Anträge, welche nur mit Hülfe des Zentrums zum Gesetz wurden, läßt er selbstverständlich aus —, geht er zur euro­päischen Geschichte über und beweift auf etwa drei Seiten, daß der Katholizismus nicht nur kein Boll­werk gegen die Revolution und gegen den Umsturz ist, sondern geradezu dem Umsturz vorarbeitet. Es verlohnt sich, den Passus über Frankreich und Portugal wörtlich anzusühreu:

In Frankreich stand bis zum Jahre 1789 der ganze Unterricht unter Leitung des Klerus; die Bistümer, Stifte, Klöster usw. besaßen gut den vierten Teil des Grundbesitz -s, die Zehnten und sonstigen Leistungen an die Kirche drückten das Volk; dieser Zustand, die Macht des Adels, die staatliche Finanzwirtschaft, die bodenlose Verschweudung des.Hofes vernichtete den Wohlstand des Volkes. Die Folge war Revolution. Bon 1815 bis 1830 hatte in Frankreich die Kirche Oberwasser, die Revolution von 1830 führte den Sturz herbei. Unter dem Kaisertum Napoleons III. stieg wieder des Klerus Macht. Als der Krieg 1870 die Republik brachte, begann der Kampf zwischen Klerus Und Staat auss neue, die Folge war Trennung der Kirche vom Staate, in dem 07,2 Prozent Katholiken sind. In 60 Jahren dreimal Republik, viermal Wechsel der Dynastie, alles infolge von Revolution. In Por­tugal herrschte (I!) im 19. Jahrhundert und bis 1910 der römische Klerus. Di« Bevölkerung ist fast aus­schließlich, abgesehen von Juden, katholisch. Das Fest­land hat 13 Bischöfe, die Zahl bet Welt- und Ordens- zeistlichen läßt sich nicht genau angeben, so daß ihr Verhältnis zur Bevölkerung nicht sestzustellen ist; jeden­falls ist sie so groß, daß eine Einwirkung sicher ist. Und was hat das Land nicht alles seit 1824 erlebt bis auf die Vertreibung der Königsfamilie im Jahre 1910.

In gleicher Weise geht der Verfasser die andern romanischen Länder durch. Me hat es einfachere Beweise dafür gegeben, daß der Katholizismus an allem schuld ist. Es sollte uns nicht wundern, wenn der Verfasser nächstens einige Mißernten in den katholischen Rheinland«» etwa auch so in ursäch­lichen Zusammenhang zu bringen wüßte mit dem Katholizismus. Doch wozu diese „geschichtlichen* Ausführungen? Sehr einfach. Zentrum ist gleich „katholische Partei", die katholische Partei aber ist gebunden durch die unbedingte Abhängigkeit vom Papste, dessen Anschauungen, wie sie sich z. B. im SyllabuS äußern, das Zentrum unbedingt zu ver­treten hat. Die konservative Partei soll nun aus der Geschichte lernen, was ihr in Zukunft bevorsteht. — Es ist weit genug gekommen, wenn liberale Zeitschriften solche „märchenhafte* Artikel bringen, Nm die Konservativen zu erschrecken. Einer Wider- legintg bedarf es bei solchen Ungeheuerlichkeiten nicht

* Zur Enleignungssrage erhält die .Deutsche Tageszeitung' aus der Provinz Posen eine Zuschrift, worin es heißt,

der größere Teil der dortigen deutschen Landwirte wünsche durchaus nicht, daß die deutsche Politik in Hurra-Stimmung gemacht werde. Man sei dem Land- wirlfchastsminister von Herzen dankbar für seine Er­klärungen in der Enleignungsfrage. Es wäre äußerst bedenklich, wenn die Enteignung anders als im Äußersten Notfälle eintrete. Man sei froh, daß unter den Landbewohnern im allgemeinen eine ver­hältnismäßig friedliche Stimmung herrsche. Durch eine planlose Enteignung würden nur neue schwere Differenzen zwischen Deutschen und Polen geschaffen und manche deutsch« Landleute vertrieben werden. Der deutsche Bauernbund habe vor zwei Jahren Aufteilung der großen polnischen wie deutschen Güter gefordert. Ansiedler, die das sorderten, sollten sich doch das eine klar machen, daß hinter ihnen Tausende und Aber­tausende Besitzlose ständen, die, wenn einmal der große Kladderadatsch losgehe, auch vor den schönen An- ^edelnngsgütern nicht Halt machen können.

Amt Geisa und Umgebung.

* Vacha, 17. Mai 1911. Die hiesige Stadtge- meinde, welche für jede Zigarrenkiste voll Maikäfer

20 Pfg. bezahlt, hat bis jetzt etwa 60 Mark für auf diese Weise abgelieferte Schädlinge verausgabt. Die Zahl der Maikäfer nimmt aber täglich zu, sodaß beispielsweise in den Waldungen am Oechsenberg ein­zelne Bäume bereits vollständig ihrer Mütter beraubt worden sind. — Die Lohmühle, die zum öffent­liche« Verkauf kam, wurde für 1650 Mark von dem Drechslermeister Werner erworben. — Für die gesang­liche Mitwirkung beim evangelischen Gottesdienst ist hier die Bildung eines Kirchenchores in Aussicht ge­nommen.

* Stadtlengsfeld, 16. Mai 1911. Die Dampf­ziegelei Helddurg (S.-M.) ist am 1. Mai er. durch Sauf in den Besitz des Metzgermeifters «nd Gast­wirts Fr. Heüdach hierselbst übergegangen. — Das Wohltätigkeitsfest im hiesigen Burghof, das in Form eines Jahrmarktes gefeiert wurde, nahm einen glän­zenden Verlauf.

* Dermbach, 17. Mai 1911. Das diesjährige Obererscchgeschäst im 4. Verwaltungsbezirk findet statt am Freitag den 26. Mai in Kaltennordheim; am Samstag ben 27. Mai in Dermbach und am Montag den 29. Mai in Vacha.

* Summ, 17. Mai 1911. Die Frau eines hiesigm Einwohners hat sich, mit der Drohung ins Wasser zu springen, aus ihrer Wohnung entfernt. Sie irrte auch einen Tag lang in der Nähe von Vacha an de: Werra entlang, vor dem Sprung in das nasse Grab mußte sie sich aber doch gefürchtet haben. Sie wurde noch am anbem Tage gesehen.

* Tiefenort, 17. Mai 1911. In der am Montag den 22. d. M. im Gasthof zum „Stern* stattfindenden Lehrer-Frühjahrshauptkonferenz wird Herr Lehrer Stück einen Vortrag halten über das Thema: Dürfen im Zeichenunterricht Vorlagen ver­wendet werden?

* Ans Thüringen, 17. Mai 1911. Die in Eise­nach geplante Industriebahn für den nördlichen Stadtteil wird von den Industrie-Interessenten ebenso lebhaft gewünscht, wie von den Freunden einer Fremdenstadt Eisenach abgelehnt. — Auf dem Turnfest in Großwehrda bei Nordhausen wurde eine £>anbelSftau vom Blitzschlag getötet. — Ein etwa 30 Pfund schwerer Stein rollte am Burgberge bei Rauenstein in eine Sckmr spielender Kinder und traf einen Schulknaben Trockenbrod so un­glücklich am Hinterkopf, daß der Tod sofort eintrat. — Professor Ernst Haeckel in Jena stürzte, als er ein Buch vom Regal nehmen wollte, vom Schemel herunter. Er erlitt dabei einen Bruch im Hüftgelenk. Der Hellungsprozeß wird bei dem hohen Alter des Patienten, Haeckel stcht im 75. Laensjahre, nach Aussage der behandelnden Aerzte sehr langwierig fein.

♦ Weilar, 16. Mai 1911. Als ein hiesiger Bürger im „Dämmerzustände* von einer Hochzeits­feier in später Nacht allein nach Hause ging, kam er unbegreiflicherweise dazu, in der Nähe des Flusses seine Kleider, Uhr und Portemonnaie abzulegen und ohne diese feine Wohnung aufzusuchen. Als am Morgen die Sachen gefunden wurden, glaubte man, der betr. Hochzeitsgast habe sich ein Leid angetan und den Tod tu den kühlen „Fluten* gesucht und gefunden. Es wurde sofort nach der Leiche des Vermißten recherchiert, doch ohne Erfolg, Schließ­lich schickte man jemanden nach der Wohnung des Totgeglaubten und siche da — hier lag er im schönsten Schlummer und kräftig schnarchend wohl­behalten im Bettl Von der ganzen Entkleidungs- gefchichte wußte er keinen Deut.

Aus Oberhefferr u- den Hess. Aemtern.

* Hsmberg, 17. Mai 1911. Am 20. und 21. d. Mts. hält der Verband der Gemeinde­beamten des Regierungsbezirks Kaffe! seine Haupt­versammlung hier ab.

* Kirchhain, 16. Mai 1911. Gestern abend fiel das dreijährige Töchterchen des Biersahr­burschen S. Stürmer in die Wohra und ertrank, noch ehe ihm Hilfe werden konnte.

* Ziegenhain, 17. Mai 1911. Eine Anzahl Ort­schaften deS Schwalmgebietes haben feit l Ärgerer Zeit den Wunsch, durch eine Bahn vom Schwalm- talnach Alsfeld besser „mit der Welt* verbun­den zu werden. Auch Alsfeld mit Umgegend möchte eine solche, da dadurch der Weg nach Kassel um 54 Kilometer verkürzt würde. Während mm die einen ein Projekt Treysa oder Ziegenhain über Willings­

hausen durch das Antrefstal fordern, wollen die anbem ein solches von Loshausen oder Scheidlach über Schrecksbach durch das Anttefftal, nach Alsfeld. Nun fand hier eine von ungefähr 175 Personen aus dem ganzen Schwalmgebirt besuchte Versammlung statt, um gegen das letztere Projett Stellung zu nehmen. Ruch lebhafter Diskussion wurde eine Kommission von fünf Mitgliedern gewählt, die eine Denkschrift gegen das letztere Projekt ausarbeiten und dem Landtagsabg. v. Baumbach und dem Kreisausschuß übermitteln sol­len. — Der Bürgermeister Schlemmer von Nieder- grenzebach wurde auf wettere acht Jahre gewählt und behördlich bestätigt.

* Zimmersrode, 17. Mai 1911. Die Teil­strecke Zimmersrode-DenSberg wird am 1. Juni dem öffentlichen Verkehr übergeben. Die Bahnhöfe Gilsa und Jesberg erhalten elettrisches Licht. Das zwischen Giffa und Jesberg gelegene Dorf Reptich wird ebenfalls einen Haltepunkt erhal­ten, jedoch nut zum Ein- und Aussteigen des reisenden Publikums nach Bedarf. Nach dem vorliegenden Fahrplan sind vorerst 5 Züge vorgesehen. Die ge­samte Strafe Zimmersrode-Gemünden, die 23,9 Km umfaßt, tolrb erst am 1. Oktober eröffnet. Auf Station Zimmersrode sind mancherlei Verbesserungen und meh­rere Veränderungen vorgesehen. So ist auch eine Bahnmeisterei hierher verlegt. Infolge Einmündung der Strafe auf hiesiger Station erwächst auch dem hiesigen Postamte ein bedmtendes Pensum Mehr­arbeit. Das Personal der hiesigen Post wird daher bedeutend vermehrt. Bei dem Posthausneubau hat die Verwaltung s. Z. schon durch Herstellung größerer Räumlichkeiten den zunehmenden Postverfehr berück­sichtigt. Es unterliegt feinem Zweifel, daß der Tou- ristenverkchr auf dieser Strecke nach ben romantisch gelegenen Punkten, Kellerwald, Hamagebirge usw., ein sehr reger werden wird und daß mich bestimmt mit einem großen Güterverkehr, besonders im Holz- verscmd, zu rechnen ist.

* Treysa, 16. Mai 1911. In der letzten Stadt­verordnetenversammlung wurde beschlossen, dem Herrn Bürgermeister einen Teil seiner früheren Be- schästigung in städtischen Diensten, auf sein Pen- stonsalter anzurechnen.

** Fritzlar, 17. Mai 1911. In Anwesenheit des Divistons-, des Brigade- und des Regimentskomman­deurs sand die F rü hjah r sb e sich t i gung der hiesigen Abteilung des Feldartillerie-Regiments Nr. 11 statt. An den Parademarsch schlossen sich Reit-, Fahr- Schieß- und Gefechtsübungen an. — Der ttlhtige Ver­kehrsverein hatte am Sonntag die Arttlleriekapelle zur Abhaltung eines Promenadekonzerts veran­laßt, das bei der Bevölkerung großen Anklang fand. — In der Nacht von Sonntag auf Montag wurden auf dem hiesigen Friedhof mehrere wertvolle Denk­mäler umgestürzt und zum Teil demoliert. Man hat sofort den Totenhof geschloffen und hoffte mit Hilfe eines alsbald requirierten Polizeihundes den Täter zu ermitteln. Doch hat das eingetrelene Regeuwetter die Verfolgung erschwert.

vermischtes.

* Die Höllenmaschine im Postpaket. Der Fleischer­geselle Müller in Königsberg gestand unter der Last des Beweismaterials, das Postpaket abgesendet zu haben, durch das, wie berichtet, die Frau Schwandter und ihre Tochter, die Empfängerinnen deS Pakets in Schirwindt, das eine Höllenmaschine enthielt, schwer verletzt wurden. Die Familie Schwandtner sei ihm unbekannt, er habe aber auf Grund verschiedener Briefe seiner Mutter, die über das Verhalten der Familie Schwandtner klagte, einen Haß gegen diese gefaßt rmd sie erschrecken und einschüchtern wollen.

* I» einer Schwefelmine von Ganicaüi in Italien ist ein Brand ausgebrochen. Gegen 100 Arbeit« befanden sich gerade in der Mine. Gegen 20 wur­den von den sich entwickelnden Schwefeldämpfen betäubt. Mehrere von ihnen konnten durch eine Hilfsexpedition noch gerettet werden. Fünf Per­sonen wurden als entsetzlich verstümmelte Leichen geborgen.

* Zm belgischen Bergwerk Scouffianx bei Wasmes stieß em Förderkorb mit zwölf Arbeitern so auf, daß alle Arbeiter schwer verletzt wurden. Der Zustand einiger Arbeiter ist lebensgefährlich.

Handel nnd Industrie.

* Berlin, 16. Mai 1911. An der heutigen Börse entwickelte sich während der ersten Stunde ein um­fangreiches Geschäft. Die Gruudstimmung zeigte ein freundlicheres Gepräge. Im späteren Verlauf war oie Haltung weiter befestigt.

lkurzer Getreide-Wochenbericht der PreiSberichtssteüe des deutschen Landwirtschaft- rats vom 9. bis 15. Mai 1911.

Der Getreidehandel stand in der Berichtswoche unter dem Eindruck der russischen Wettermeldungen. Die am Schluffe der vorangegangenen Woche einge­tretenen Niederschläge waren nur von kurzer Dauer ge­wesen und die seither wieder heiße und trockene Wit­terung veranlaßte erneut Befürchtungen und eine aber­malige Befestigung der russischen Forderungen. Im Anschluß daran bekundeten auch die amerikanischen Mättte feste Haltung, zumal drüben eine erhebliche Abnahme der sichtbaren Vorräte stattgefunden hat und die amtliche Feststellung, daß die Winterweizenfläche stch infolge von Auswinterungen um 3,1 Mill. Acres verringert habe, also nur 31,4 gegen 34,5 am 1. De­zember bettage, nicht ohne Einfluß blieb. Auf Grund der üerminberten Anbaufläche hat der Newyorker Bör- senstattstiker seine Ertragsschätzung für Winterweizm von 541 auf 508 Mill. Bush, ermäßigt, während nach einer Chicagoer Schätzung nut 475 gegen 464 Mill. Bush, zu erwarten sein sollen. Die Rachftage nach Weizen war auch in der Berichtswoche allgemein ziem­lich lebhaft und auch auf ben deutschen Märkten be­stand für das bescheidene Jnlandsangebot bei anziehen den Preisen gute Kauflust seitens der meist wenig ver­sorgten Mühlen. Im Liefemngsgeschäst bessetten stch die Preise bis zum Frettag um 3—4 Mk., büßten aber unter dem Eindruck großer Weltvcrschifsungen u. günsti­gerer Witterung einen Teil des Gewinnes wieder ein. Am Roggenmarkte hatte die am Schluß der Vorwoche ejngetretene Abschwächung hier u. da etwas mehr An­gebot zum Vorschein gebracht. Da das Material bet Exporteuren und Mühlen schlank Aufnahme fand und Rußland erneut über Trockenheit klagte, wurde die Stimmung wieder fest und die Preise konnten den Stand der Vorwoche sogar noch etwas überschreiten, zumal Böhmen für Lieferung als Käufer auftrat. Zum Schluß ermattete die Tendenz indes wieder, als Ruß­land stch etwas mtgegenkommcnder zeigte und hier Regenwetter eintrat. Immerhin waren die Preise noch ca. y2 Mk. höher als zu Beginn der Woche. Für Hafer sind die Forderungen der Provinz andauernd hoch, doch haltm die Händler hier vorläufig mit wetteten An­schaffungen zurück. Gerste wat weiter fest, doch zeigte stch die zweite Hand in Erwartung größerer Zufuhren zum Schluß etwas williger. Für Mais bestand bet festen Preisen wenig Unternehmungslust.

ES stellten sich die Preise für inländisches Getreide am letzten Marktlage in Mark pro 1000 Kikogr. je nach Qualität, wobei daS Mehr (+) bezw. Weniger (—) gegenüber der Vorwoche in Klammern 0 beigefügt ist wie folgt:

Danzig Berlm Frankfurt

München

Roggen

Weizen

204 ( 4-1 ) 168VS( 4-17,1

201 (--3 ) 171 (--1 ) 2127,( 4-1'/.) 18174

225 ( j 200 ( 4-6 )

Hafer 172 (+2 ) 187 (—1 ) 190 ( )

203 (4-2 )

Weltmarktpreise: Weizen: Berlin Mai 208.25 (4- 2.00), Budapest Mai 212.00 (— 3.70), Paris Mai 231.65 (z- 0.20), Liverpool Juli 155.00 (— 1.45) Chicago Mai 149.70 (4- 8.90). Roggen: Berlin Mai 169.50 (4- 0.50). Hafer: Berlin Mai 167.75 (4- 0.25) Mk. Futtergersie Hamburg April 116.00 Mk. (— 0.50) Mai Juni 115.50 (-j- 0.50) per 1000 Kilogramm.

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14] Humoristische Erzählung von W.Borgmann.

Der Kommerzienrat hatte im Laufe dieser AuSein- cmdersetzung mehr und mehr Vertrauen zu dem jungen Mann gewonnen. Er nickte sogar ein paar Mal bei­fällig und erwiderte nun mit viel sichererem Aczent: ,Jch fette Ihre Ansicht vollkommen; doch wenn Sie mich auch von einer Furcht befreit, bleibt doch eine andere Besorgnis in mir zurück*

„Und welche? Sprechen Sie sich rückhaltslos aus!" ermutigte bet Doktor ihn, sodaß er in Ser Tat ganz gesammelt anhob:

„Ter Ruf eines Weibes ist zarter, Äs Spinnge­webe. Die Zungen der Klatschschwestern zieht kein Verständiger in Betracht, destomchr aber die Mei­nung urteilsfähiger Männer. Denn jede Frau und je- hes Mädchen stcht so hoch oder so niedrig, wie die .Achtung der Männer sie stellt. Einen anderen Rang iiimmt sie nicht ein, und wenn sie Fürstin wäre! Nach jhUcm, was meine Tochter in den letzten Tagen getan, inüssen Sie, Herr Doktor, eine Vorstellung von ihr gefaßt haben —"

„Me durchaus günstig ist!" vollendete der junge Mann den Nachsatz.

„Nein," entgegnete Heimenberg. „Sie müssen mein jsiind verachten, müssen eine Dreistigkeit in ihr vor- pussehen, die uns an jedem Weibe beleidigt. Frauen flößen nut durch Zartheit Respekt ein. Ich bin aufs Tiefste über Bertas Betragen enttüstet, ich begreife yicht, wie sie es hat wagen können. Wenn ich Ihnen yun sage--o Gott, wie schwer werden mit die

Wotte!"

„Darf ich sie Ihnen abnehmen?" sagte der Doktor freundlich. „Sie wollen mir erklären, daß Ihre Toch­ter nur einen Streich jugendlichen Uebetmutes ausge­führt ,ohne die Nachwirkung zu erwägen, daß sie trotz­dem nicht zu den unweiblichen Naturen zählt —"

„Ja, das wollt' ich sagen!" fiel Heimenberg auf. jatmenb-ejn. „Doch Sie können mit unmöglich glau­ben," schloß er düstet an.

„Wie leicht ich Ihnen glaube", beruhigte bet an­dere, „muß Ihnen daraus hetvorgehen, daß ich Sie erraten."

Heimenberg ließ ben Kopf sinken: „Ihre Höf­lichkeit beschwichtigt meinen Argwohn nicht. Im Stil­len werden Sie denken: „der Vater spricht aus ihm", und Ihre Meinung über mein Kind bleibt nachteilig, zumal nun gar Bertas Kusine, die in meinem Hause lebt, sich in ben widerwärtigen Handel gemischt." Et schwieg und der Doktor überlegte einige Sekunden bei sich, was zu tun. Dann versetzte er entschlossen:

„Herr Kommeqientat, es gibt ein höchst einfaches Mittel, Ihre Sorgen zu bannen.“ Heimenberg sah ihn halb mit Hoffnung, halb mit Mißtrauen an. „Stellen Sie mich den Damen vor, so wird eine Spanne Zeit genügen, daS falsche Urteil, von dem Sie mich trotz meine; Protestes befangen glauben, zu berichtigen. Ich werde das wirkliche Wesen der jungen Mädchen kennen lernen, und sobald ich durch Sie selbst, Herr Kommerzienrat, bei ben Ihrigen eingeführt bin, ist alles Anstößige aus ben vergangenen Tagen getilgt."

Heimenberg erhob stch vom Stuhl: „Ihre Hanb, mein totrter Herr Doktor! Ihr Tattgefühl hebt die größte Last von meinem Herzen. Ich burfte den Vor­schlag nicht machen. Verweilen Sie gütigst eine Minute in diesem Zimmer u»b gestatten Sie, daß ich Ihnen die Mädchen hier entgegenfuhte. Wollte ich Sie auf­fordern, mich zu ben Kindern zu begleUen, so würde Ihr plötzliches Etfcheinen die Unvorbereiteten arg be­stürzen —“

„Falls nicht etwa,* warf bete Doktor Me Ver­mutung auf, „mein ehrenwerter Freund Braun schon die Hiobspost meinet Anwesenheit den Damen über­bracht hat.*

„Umso mehr Watte könnt' ich mit sparen," sagte der Kommetzieurat, die Hand auf bet Klinke. Die Tüt schloß stch, B. 1 blieb allein, lieber sein Gesicht flog ein Glanz, der Me unregelmäßigen, aber geist­vollen Züge fast schön erscheinen ließ. Hochklopfen- ben Herzens Sutchmaß der Erwartungsvolle das Zim­mer und verfiel wieder, ohne es zu bemerken, in lautes SelbftaeÜJtäÄr Als Kind wurde ich sehr

ärgerlich und weinte, trenn ein erwachsener Lümmel mir sagte, die Märchen wären nicht wahr, es gäbe keine« Rübezahl, keine Heinzelmännchen. Hatte ich nicht recht, gegen den ungläubigen Tölpel zu ergrim­men? Es ist schlechterdings alles möglich in Deutsch- land!"

Die Mimtten wurden dem Harrenden unbeschteib- lich laug. Et sah einmal übet'S andere nach bet Uhr, bis endlich, endlich die Seitentüt sich auftat und der Kommerzienrat wieder sichtbar wurde. Hinter ihm schimmetten zwei Ftauengewändet, über Fuß­spitzen, welche zögerten, die Schwelle zu überschreiten, bis ihr Führer sie wittt-erholt zum Eintritt aufforderte.

Die beiden Mädchen standen vor B. 1, aber keine wagte, ben Blick aufzuschlagen. „Herr Doktor", will Heimenberg vorsteklen, aber der junge Mann erhebt ihn des G^chDes durch Me rasche Bitte: „Verzeihung, Herr Kommerzienrat, gönnen Sie mir die Freude, mein Gelübde zu lösen!" Mit gewandter Bewegung sttht er vor ben Damen, faßt Bertas zuckende Hanb, bie sich seiner Gewalt nicht zu entwinden vermag und zieht sie an seine Lippen: Dies ist bie Hand, deren schlanke Form den anmutsvollen Schwung bet Feberzüge ver­rät, die in mein Hetz geschrieben bleiben, bis es zu atmen aufhöttl" Aus bet Wimper des Mädchens tte- felt eine Träne über bi« bleiche Wange. Et sieht nicht mehr den Vater, nicht mehr die Kusine neben Betta, sie allem ist für ihn im Zimmer, auf der Welt, und ticfercegt ergreift er ihre Hand aufs neue: „Weinen Sie! Es sst das erste Mal, daß schöne Augen sich meinetwillen trübe umfloren seit jenen Tagen, wo meine tote Mutter noch über die durchtriebenen Streiche ihres wilden Buben weinte.

O, könnt ich ste heul' noch einmal weinen, noch eine einzige lebenswarme Träne sehen, ich wollt zehn­fach ungezogen fein, als in der schlimmsten Zeit mei­ner Jugend."

Der schmerzliche Humor, der feine letzten Worte durchbebte, rühtte bie, der sie galten, zu solcher Teil­nahme, daß ihr Auge sich von: Boden erhob und dem seinen begegntte, doch nun auch nicht mehr von ihm ließ, fonbern sich tief tief hineinsenkte, als zöge bet

eine Blick ihre ganze Seele nach unb gäbe sie Auge und Seele, Leben und alles von Stunde an dem Manne hin, der dieselben Seelenschauet fühlte, wie sie, und plötzlich überwältigt Bettas Hände an seine Brust drückte unb leise sprach: „Du bist mein bis in den Tob!"

„Herr, falb Sie bei Sinnen?" fiel Heimenberg gleich einem „Reif in der Frühlingsnacht" dazwischen.

„Sie heuchelten ben Mann von Ehre —*

„Ich heuchle nie, ich bin ein Mann von Ehre“, entgegnete der Dvttot, sich rasch aus dem Wunder- traum, ben zwei Augen geschaffen, in bie Wirklichkeit zutückfinbend.

„Meine Seele ist zur Stunde emft gestimmt wie eine Orgel, und spielt Psalmen-Melodien, aber in meinem Kopse schwirren tausend Nachtigallen unb schmettern so luftig, baß ich mich nicht zu retten weiß vor dem Jubel hier dttrmen und faseln könnte, wie ein halber Narr.“

„Segen Sie dreist fünfzig Prozent zu!* rief Hei­menberg.

„Mit Vergnügen“, antwortete jener fein, „da ich höre, daß Sie Anlagen zum Humoristen haben. Und so geben Sie dem ganzen Narren die Hand Ihrer Tochter, um die er Sie jetzt bittet.“

„Herr, dott ist die Tüte!" schrie bet Kommer­zienrat.

„O, ich bitte!" sagte der Doktor sehr entschieden. Lassen Sie «ns als gebildete Menschen verhandeln, nicht wie — ich meide den Vergleich, Herr Rat!"

Diese Art auszutretm imponierte dem echauffier­ten Heimenberg dennoch. Er steckte einen Pflock zurück — wie bet Volksmund sagt — und erklärte:

„Sie haben nicht das mindeste von mir zu for­dern, mein Herr, und Ihre Bitten weise ich rundweg ab; den« ich weiß weder wer, noch was Sie find.“

„Ich bin Schttftsteller. Mein Name ist Henry Lo- renzi!“ entgegnete bet Doktor mit bescheidener Festig­keit.

(Schluß folgt)