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wechmbtwr«: Illustrierte Somtagqewmg" m°ilEiag<i „Fuldaer Geschichtrblätter"

aiptie«: tte ei» fpÄtigePetitzeiis »der deren Sau« 15 pfg. SerlamendrepetitzeUe Pfg., der wieder- Holungen wird entfpr. vabatt gewährt.

Lotationsdrnckund Verlag der Fuldaer St> tiendruStrei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

Erstes Blatt.

Fulda, Dienstag den 16. Mai 1911.

38. Jahrgang.

Das

bewährt bade.

Deutsches Reich.

♦ Das Kaiserpaar in London.

Kaiser paar traf gestern mittag in ein und wurde vom König und der

glaubt, eS müsse nun auch tu» dürfen, was es ver­möge.

Der Schutz anderer gilt den politischen Vor­kämpfern des Handelsstandes leicht als schweres Un­recht gegen diesen und als Ausfluß maßlosen Eigen­nutzes. Es wird gezetert über die .Unersättlichkeit der Agrarier", über den .kurzsichtigen und kleinlichen Egoismus" des Handwerkerstandes usw., sobald ir- gmdwelche gesetzgeberische Maßnahmen gegen Aus- schrettungm des Kapitals ergriffen werdm. Noch nie ist eine solche Maßregel mich gegen den offenkundig­sten Mißbrauch auf dem Gebiete des Geld- und Warenhandels getroffen worden, ohne daß sofort über Haß der Agrarier usw. gegen den Handelsstand ge­klagt wurde. Maßlos wurden immer die Folgen des gesetzgeberischen Einschreitens aufgebauscht als ein „Ruin" für das gesamte Erwerbsleben. Dabei blüht dies Erwerbsleben bei uns immer noch recht munter, obwohl es längst „erstickt" sein müßte.

Wirtschaftliches Leben ist ohne Egoismus nicht denkbar, sagt zutreffend der Reichskanzler, und darum wird auch jeder Einsichtige dem Egoismus eine ge­wisse Ellbogenfreiheit einräumen. Aber man darf doch nicht für einen Erwerbsstand allein die Berechtigung des Egoismus proklamieren und allen anderen ein Verbrechen daraus machen, wenn sie ebenfalls etwas davon zeigen. Hört man gewifle Leute, dann wäre es immer der Handelsstand und das Kapital, die in ihrer Fügsamkeit geduldig Opfer für Opfer brächten und sich alles gefallen ließen, wäh­rend die robusten Agrarier sich rücksichtslos zu be­reichern strebten. Es ist immer der Grundsatz dec Zentrumspartei gewesen, daß auf wirtschaftlichem Gebiete ausgleichende Gerechtigkeit herr­schen und das Wohl des Ganzen maßgebend sein müffe. Darum tritt es immer für den Erwerüsstand ein, der am schwersten um sein Dasein zu kämpfen hat, und von den anderen erdrückt zu werden droht. Hier begegnet es sich durchaus mit der Auffassung des Reichskanzlers: keine Alleinherrschaft eines einzelnen Erwerbsstandes und keine einseitige Begün­stigung des augenblicklichen Profites, eines Einzelnen auf Kosten der Gesamtheit und der Zukunft. Die Na­tur des Handels, sein spekulativer Charakter bringt ja die Neigung zur möglichsten Ausnutzung des sich eben bietenden Vorteils mit sich, aber auch er muß dazu erzogen werden, den Blick aus das Ganze ge­richtet zu halten.

Wer privates Gut verwaltet, soll es heickzutage tun in Prokura der Allgemeinheit, sagte Herr v. Bethmann Hollweg und streifte damit den christlichen Grundsatz über den Gebrauch des privaten Besitzes. Bei der natürlichen Neigung des Jndivi- duunts ,nur an sich selbst und seinen Vorteil zu denken, betrachtet es der Staat mit Recht als seine Aufgabe, es nötigenfalls zwangsweise an seine Pflichten gegen die Gesamtheit zu erinnern. Der Kaufmann bedarf ganz besonderer Tatkraft und Unternehmungslust, und es wäre verkehrt, wollte man ihm diese ohne Not unterbinden. Man wird aber ehrlicherweise auch nicht behaupten können, daß der Staat bei uns über das zuläsiige Maß hinausgegangen sei. Oder hält man Zustande für ideal, wie die nordamerikanischen, bei denen der D o l l a r König ist und jeder erbarmungs­los niedergetreten wird, der zum Wettrennen nach ihm nicht kräftig genug ist? Wir können uns nur freuen, daß man bei uns solche Zustande nicht auflommen laßt, nicht zuletzt hat der solide Kaufmannsstand allen Grund, sich darüber zu freuen, denn wie würde es ihm wohl gegangen fein, wenn der schrankenlose In­dividualismus und Egoismus bei uns oberstes Prin­zip wäre?

Dec deutsche Kaufmann genießt auch im Auslande Ansehen. Wir glauben nicht, daß er sich die Eigen­schaften und die Geschäftsmaximm bewahrt haben könnte, die ihm dies Ansehen verschafft haben, wenn der „Racker Staat" nicht nach dem Rechten sähe. Und so stolz der deutsche Kaufmann auf seine zum guten Teil aus eigener Kraft und Fähigkeit errungene Stel­lung sein mag, er darf doch nicht vergeflen, daß er nicht allein in der Welt ist, solidem gegen die anderen Erwerbsstande ebensogut Pflichten hat, wie diese ge­gen ihn.

0 Reichskanzler und Handelsstand.

Gelegentlich der Jubiläumssitzung des Deutschen Handeistages in Heidelberg hat der deutsche Reichs­kanzler noch eine zweite Reve beim Festmahl gesprochen, die einen starken Eindruck hinterlassen und dem Kanzler wohl auch manche Sympathien in Kreisen eingetragen hat, die ihm skeptisch gegen­überstehen.

Das deutsche Reich ist, so führte er u. a. aus, eine Firma geworden, zu der man sich mit Stolz bekennt. Und doch, die uns Deutschen so besonders sympathische Abneigung gegen den Racker von Staat ift, wenn ich nicht irre, auch aus einem Teile der Kaufmannschaft noch nicht gewichen. In Wirklichkeit laufen die Interessen und Pflichten der Privatbetriebe so mit den Interessen und Pflichten des Staates ineinander, daß der Gegensatz, wo er konstruiert wird, ein gekünstelter ist. Kein privates Erwerbsgeschäft ist heutzutage noch reines Geschäft, es ist in gewissem Sinne zugleich Amt. In der Sorge für seinen Betrieb und für die in ihm tätigen Personen erfüllt der Landwirt so gut wie der Gewerbetreibende und der Kaufmann Pflichten gegenüber der Allge- m e i n h e i t, ohne die wir uns unser heutiges staatliches Leben nicht denken können. Man kann da nicht mehr scheiden. WerprivatesGut verwaltet, solles heutzutage tun in procura der Allgemeinheit. Wirtschaftliches Leb en ist ohne Egoismus undenkbar. So auch das staatliche Leben, so auch das politische Leben der Parteien. Aber es gibt kurzsich­tigen und weitsichtigen Egoismus. Kein verständiger Kaufmann dünkt sich zur Alleinherrschaft berufen, und ebenso wenig gibt er um vereinzelten augenblick­lichen Prosits willen notwendige Verbindungen und Beziehungen für die Zukunft preis. Solcher Geist, Blick auf das Ganze, nicht Hasten am Kleinen und Kleinlichen, weitherziges Ersaflen alles Tüchtigen sollte auch unser polnisches Leben erfüllen. In diesem Sinne akzeptiere ich die aus Ihren Reihen so oft erhobene Forderung: Mehr kaufmännischer Geist in unsere öffentlichen Zustände.

Es ist nicht neu, aber beherzigenswert, was der Reichskanzler gesagt hat. Mag es auch nicht von dem Handelsstand allgemein gelten, so gilt es doch besonders von seiner Presse und den Parteien, die sein Interesse hauptsächlich vertreten wollen, daß sie eine Abneigung gegen den »Racker Staat" hegen. Diese Abneigung erstreckt sich freUich nur aus sein Eingreifen in das wirtschaftliche Leben, soweit dies Eingreifen nach ihrer Ansicht der freien Bewegung des Handels und des Kapitals Schranken setzt. So sehr sonst der Liberalismus für die Staatsallmacht schwärmt, auf wirtschaftlichem Gebiete soll der Staat möglichst wenig zu sagen haben. Man glaubt immer noch an die beglückende Macht des Individualis­mus. Insbesondere soll der Staat nichts tun, um die übrigen ErwerbSstäude zu schützen und zu fördern. Das mobile Kapital, das die Lebenskraft des Handelsstandes ausmacht, gilt als stark genug und ist eS auch, um sich zum Herrn über das gesamte Erwerbsleben zu machen, und dabei möchte man es nicht durch den Staat gestört sehen, weil man

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 15. Mai 1911.

Das Abgeordnetenhaus führte zunächst di» zweit« Beratung des Berliner ZweckverbandSgesrtze» zu Ende. Zu den sehr detaillierte» Bestimmungen der einzelnen Paragraphen lagen wieder eine ganze Menge von An­trägen vor, die aber fast durchweg abgelehnt wurde». Ihre Tendenz ging durchnag dahin, bei Behörden- ftreitigkette» den »ntergeordneteu Behörden «in mög­lichst wettgehendes Beschwerde- »nb Klagerecht zu geben, sowie die Vorlage überhaupt in demokratisch-berlinischem Geiste zu ändern. Zu einem kleine» Zwischenfall kam es dabet, als der sozialdemokratische Abg. Hof fman» auf einen Antrag zurückgrtff, den Graf Spee vom Zentrum in der Kommission gestellt hatte, dahingehend, daß der König zur Ernennung von 10 Mitgliedern der Verbandsversammlung ermächtigt werden solle. Es war das eine der Geschmacklosigkeiten der äußersten Linken, auf biefet Sache herumzureiten, trotzdem Graf Spee wie auch Abg. Dr. Würmeling (Ztr.) er« klärten, daß der angezogene Antrag ein rein persönlicher des Grafen Spee sei und daß in der Kommission sämt­liche Zentrumsmitglieder dagegen gestimmt hätten.

Die Vorlage wurde angenommen.

Es folgen Petitionen. Eine Petition des Ma­gistrats von Stettin um Verleihung der Wählbar­keit zu Stadtverordneten an Elementar­lehrer in den sechs östlichen Provinzen beantragt die Kommission al8 Material zu überweisen.

Abg. Frhr. v. Zedlitz ifrkons.) wünscht wegen der Wichtigkeit bet Sache Ueberweisung zur Erwägung.

Abg. Fleuß» (Ztr.) möchte Die Regierung aus biesem Gebiete keineswegs drängen.

Abg. Dt. Liebknecht (Soz.) meint, wenn Bedenken gegen die Wählbarkeit der Lehrer vorliegen, so treffen sie auch bei allen Beamten zu, die schließlich auch in ihrem Amte nicht entbehrlich sind, mit Ausnahme der Landräte, die ja hier in sehr reichem Maße sitzen.

Abg. Kopsch (Vp.) beantragt Ueberweisung zur Be­rücksichtigung. Die Städte haben alles Interesse daran, die Lehrer zur Mitarbeit heranzuziehen.

Abg. Dt. Maurer (natl.) stimmt dem zu. Der Lehrer fei läng ft nicht mehr der Mann mit der blauen Brille, der abseits zu stehen habe.

Abg. Strosser (kons.) wendet sich gegen den Abg. Li.bknecht, der aus allem Honig für seine Partei zu "äugen suche und heute wieder gegen die ßanbräte vorgegangen fei. Die Sozialdemokratie rede nur zum Fenster hinaus. In der llnterrtchtskommission, wo sie es nicht könne, fehlt sie meistens. (Hört, hört!)

Reaierungsrat Dr. LctzinS: Die Regierung wünscht keine Äenderung bet bestehenden Bestimmungen. Die Lehrer nehmen eine Vertrauensstellung ein. Es muß vermieden werden, daß das Vertrauen zwischen Lehrern und Eltern der Kinder getrübt wird. Das bedeutet aber keine Mißachtung des Lehrerstandes.

Abg. Ernst (Bp.) tritt lebhaft |ür den Antrag Kopsch ein.

Abg. Dr. Dittrsch (Ztr.) erklärt, daß seine Fraktion in dieser Frage geleckter Meinung sei. Jin Prinzip sei sie nicht gegen die Verleihung des passiven Wahl­recht; an die Lehrer.

Ter freiftnntge Antrag auf Berücksichtigung wird gegen Die Konservativen und eiiA.i Teil der Freikonser- uatii’en und des Zentrums angenommen.

Dienstag: Dritte Lesung der Zweckverbandsgesetze.

London .... —

Königin auf dem Viktoriabahnhose adgehoit. Zur Fahrt nach dem Buckinghompalaste wurde ein längerer Umweg gewählt, um der Menge, die zu beiden Seiten die Straßen säumte, Gelegenhert zu geben, die Gäste zu sehen. Entsprechend dem fami­liären Charakter des Besuchs fehlte jede militärische Eskorte. Beide Monarchen waren bürgerlich gekleidet und im ganzen Wagenznge war keine Uniform sichtbar. Der Empfang erhielt dadurch eine angenehm wirkende Zwanglosigkeit. Im lang- fam fahrenden ersten offenen Wagen saßen der Kaiser, der die Grüße des Publikums mit dem Zylinderhut erwiderte, der König und der Prinz von Wales, im zweiten Wagen folgten die Kaiserin und die Königin von England, sowie die Prinzessin­nen Viktoria Luise und Mary

Den Nachmittag verbrachte das Kaiserpaar zurückgezoaen im Kreise der englischen Königsfamilie. Abgesehen" von einigen Besuchen bei Slitgliebetn der Königsfamilie fand keinerlei offizieller Empfang statt. Heute ist die Enchüllung des Viktoriadmkmals und am Abend großes Bankett beim König.

Die Londoner Presse bringt sehr sympathische, fast herzliche Begrüßnngsartikel für den Kaiser. Namentlich die konservative Presse zeichnet sich durch eine äußerst freundliche Stimmung aus, und in langen Kommentaren würdigen die Blätter den Kaiser als Menschen und als Herrscher. Sie weisen auf die Tatsache hin, daß er fich entgegen allen in früheren Jahren gehegten Befürchtungen durchaus als Freund Englands gezeigt und

* Berit», 15.Mai 1911. Der Abg. Czarlinski in Posen feiert am 29. Mai mit seiner Gattin das test der goldenen Hochzeit. — Das Gesetz über die eichenverbrennnng soll am Mittwoch im preußischen Abgeordnetenhanse zur Beratung ge­langen.

* DaS Kronprinzeupaar auf der Reise nach Ruß­land. Ter Kronprinz begibt sich am heutigen Diens­tag mit dem Nordexpreßzug nach P o s e n, dir Kron­prinzessin fährt einen Zug später gleichfalls nach Posen, um fich dort mit dem Kronprinzen zur Reise nach Petersburg zu vereinigen. Montag ist bereftS von Petersburg aus dem Kronprinzenpaare bis zur Grenze em russischer Hofzug entgegenfahren.

c. Im Abgeordnetenhause ist der Antrag der Zentrumsabgg. v. Savigny und Schmedding eingebracht worden, die Slaatsregierung zu ersuchen, zum Zwecke der Verbesserung der Fürsorge für ent­lassene Geisteskranke die Dolationkrenten der Provinzen unter der Verpflichtung zu erhöhen, a) durch geeignete Organisationen die Beobachtung der als geheilr entlassenen und die Ueberwachung und Pflege der als gebessert entlassenen Geistes­kranken ausführen zu lassen, b) leistungsschwachen Gemeinden für die Unterbringung und wirtschaftliche Unterstützung entlassener Geisteskranker Beihilfen zu gewähren.

** Eine fcharfe Absage an Bafsermann enthält die Nr. 424 der ,Rheinisch - Westfäl. Ztgft. Mau lieft da:

„Es ist ein Verhängnis, daß in diesem Augenblick die Nationalliberaten von Bafsermann geführt werden. Basiermann urteilt nicht nur aus einseitig liberalen Gedanken heraus, sondern er ist auch süddeutscher Partilularist . . . Unter seinem Einfluß ist auch in die nationalliberale Partei die versteckte Preußenhetze eingezogen. Man redet von mangelhafter Freiheit und Rückständigkeit Preußens unter dem Bann deS süddeutschen Geschwätzes. Der preußische Gedanke finde bei dem Badenser keine Würdigung mehr; die ganze Fraktion wirb vollkommen irrrgesührt: man sieht, die ständigen Wiederholungen von Behauptungen hypnotisieren.- Preußen ist unfrei, Preußen ist un- liberal, Preußen ist rückständig, Preußen muß um* gewandelt oder gar aufgelöst werden."

Den Anlaß zu dieser Absage bietet zwar der elsaß-lothringische Verfassnngsentwnrf, aber die, ganze Tonart zeugt doch von einer tiefgehende« Verstimmung gegen Bafsermann.

)( Der „Hakatisten-Verein", der kürzlich vom preußischen Landwirtschaftsministerin seine Schranken zurückgewiesen wurde, veranstaltet Ende Mai in, Posen einen sogenannten „Deutschen Tag". Das Programm besteht außer einer Sitzung des Haupt­vorstandes und des Gesamtausschusses aus nichts anderem, als Kommers, Festessen, Festzug, Besichti« gütigen usw. Es muß demnach ein wahres Ver­gnügen fein, im Ostmarkenverein das „Deutschtum zu fördern". Was man aber in der Ostmark für einen Begriff von solch einem „Deutschtum" be­kommt, das sieht auf einem anderen Blatte.

X Verkauf der „Vossischen Zeitung". Seit dem Tode des Geheimrats Lessing in Berlin, des Haupt­inhabers der Anteilscheine des ältesten Berliner Blat­tes, war bekannt, daß die 1704 begründete „Königlich privilegierte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen" die Besitzer wechseln sollte. Nun­mehr sind die Verhandlungen mit den Vossischen Er­ben abgeschlossen. Das Bankhaus LazardSpeher- E l l i s s e n in F r a n k f u r t a. M. erwarb die Mehr­heit der Anteile. Man hatte schon seit längerem ge­hört, daß die Deutsche Bank, jenes riesengroße Berliner Institut, hier ihre allmächtige Hand im Spiel hatte. Anfangs hieß es direkt, die Deutsche Bank wolle die „Tante Voß" kaufen. Nachher hat man es aber offenbar für gut gefunden, die genannte Frankfurter Firma vorzuschieben. Daß man es mit der Deut­schen Bank zu tun hat, ergibt sich ziemlich klar auS folgenber verwandtschaftlichen Beziehung: Der Ge- neralbirettor der Deutschen Bank, daS Herrenhausmit­glied Dr. v. Gwinner, ist mit einer Tochter des Frank­furter Bankiers Speher verheiratet. Die Wege, die von der Deutschen Bank zur „Vossischen Zeitung" füh­ren, liegen damit offen. Die Tatsache dieses Ankaufes ist eine sehr bedenkliche Sache. ES ist damit der Er­werb der Verfügungsfähigkeit über bestehende große Zeitungsunternehmungen durch das Großkapital ein­geleitet. Die Bankfirma Speyer beteuert natürlich, daß die politische und sonstige Haltung der „Vossischen Zei­tung" auch nicht die allergeringste Äenderung erfahren werde. Aber es geht doch wohl zu weit, dem Publi­kum zuzumuten, etwas derartiges zu glauben. Man kann sich leicht ausmalen, wohin wir kommen würden, wenn das Großkapital sich nach und nach eines großen Teiles der größeren Presse bemächtigen wollte! Daß ihm die Mittel dafür zur Verfügung stehen, ist außer Zweifel! hätten einige wenige Finanzgrößen dem deuischenMolk seine Meinung vorzuschreiben! Die Lehre aus diesem Verkauf der „Vossischen Ztg." an das Großkapital ergibt sich für den denkenden Mann von selbst. Sic kann mir lauten: Entschiedenster Schutz der unabhängigen Parteipresse besonders der unabhängigen Partei-Lokalpresse.

* Gießen, 15. Mai 1911. Der freisinnige Land­tag-abgeordnete Geh. Justizrat Dr Gutsleisch- Gießen hat aus Gesundheitsrücksichten sein Mandat niebetgelegt. Als Nachfolger wird Pfarrer Korell bezeichnet. m '

♦ Bremen, 15. Mai 1911. Auf der Weserwerft lief der kleine Kreuzer „Magdeburg" vom Stapel.

cf München, 15. Mai 1911. Aus einer „ganz ge­heimen Konferenz von christlichen Gewerkschaftsbeam­ten und Arbeitersekretären" wird bei „Münchener Post' von „sehr geschätzter Sette" allerlei „mitgeteilt". Es handelt sich um eine Konferenz, die am 29. März in München tn Anwesenheit des Herrn Generalsekretärs S t e g e r w a l d ftatigefunben hat. Dieses Datum ift das einzige, was an ben Mitteilungen der „Mün­chener Post' stimmt. Die „sehr geschätzte Seite' des sozialdemokrattschen Blattes möchte es als einen Lie­besdienst für die christliche Arbetterbewegung ansehen, daß sie ihr Phantasieprodukt in die Welt gesetzt hat. Die christlichen Arbeiter werden eS indes nicht als einen Liebesdienst, sondern als eine Verhöhnung «tüschsz. wer« iiato usLsriast wird, sie interessierten

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 15. Ma! 1911.

Die zweite Beratung der ReichsversicherungSordnung wird beim Abschnitt „Aufsicht' fortgefeit.

§ 408, nach dem die Aussicht über die Krankenkassen dem Verstcherungsamt obliegt, und über Beschwerden 'gegen Anordnungen des Berstcherungsamtes bas Ober* wersicherungsamt entfd)eiben soll, wird nach Ablehnung 'eines sozialdemokratischen Antrags unverändert ange­nommen.

Nach 4 412 haben die Versicherungspflichtigen •/», die Arbeitgeber V-> der Beiträge zu leisten. Bei Jnnnngs- krankenkassen kann die Satzmig bestimmen, daß beide Teile je die Hälfte bet Beiträge zu tragen haben.

Der Paragraph wirb unter Ablehnung eine» sozial» chcmokratifchen Antrages, wonach bie Beitragssefisetzung pur mit Zustimmung der Mehrheit bet Arbeitgeber «nb Arbeitnehmer erfolgen kann, angenommen, ebenso eine Reihe weiterer Paragraphen.

§ 420, ber Bestimmungen darüber trifft, wie es j gehalten werden soll, wenn bei Land-, Betriebs« oder tznnmigskasfen bie Rcalleiflmigen nicht gedeckt werden, -wird mit einem Antrag Schiüert (tonf.) angenommen, wonach für Landkrankenkasfen in diesem Falle der Ge- melnbeverband einem Vertreter bas Amt bes Kaffen- 'vorsitzenben übertragen kann.

Eine Reihe weiterer Paragraphen werden unter Ablehnung fozialbemokratischer Anträge angenommen.

Die §§ 444—462 umfassen allgemeine Vorschriften «nb bie "Bestimmungen für bie landwirtschaftlichen 'Raffen. § 447 handelt von ber Befreiung von ber 58er« 'sicherungspflicht auf Antrag des Arbeitgebers.

Die Sozialdemokraten beantragen Streichung dieses iParagtaphen sowie bes § 447 a. (Weitere Vorschriften für die Befreiung).

Abg. Arnstadt kons.)' Durch die Streichung dieser Vorschriften würden bie verheirateten Arbeiter lediglich geschädigt.

Vizepräsident Schultz teilt mit, daß über § 447 namentlich abgestimmt werden soll.

Abg. Busoldt (Soz.) befürwortet den Antrag auf Streichung.

Abg. Fegter .Volksp.): Auf die Gefahr hin, wegen interner Haltung von agrar-konservativer Seite wieder an gepöbelt zu werden. (Präsident Graf Schwerin rügt biefen Ausdruck). Es muß dock einmal fest­genagelt werden, wie politisch Andersdenkende von .ber argrar-konfervcckiven Preffe vor bem Lande bloß- gestellt werden.

Präsident Gras Schwerin-Löwitz: Wenn Sie von (ber agrar-konservativen Presse gesprochen hätten, würde ich den Ausdruck: Anpöbeln, nicht gerügt haben, aber ;©ie haben einfach von der agrar-konservativen Seile gesprochen. (Widerspruch links.)

Abg. Begier (fortfahrend): bittet beide Para­graphen abzutehnen, weil ber kleine Landmann ben größten Schaden davon haben würde.

Abg. Nenner (natl.) tritt für die Kommission btschlüffe ein. Besondere Bestimmungen seien für die 8a dwirtschaft durchaus am Platze, weil dort die Ver- häUrnsse ganz andere feien wie bei ber Industrie.

Abag. Schmidt Berlin (Soz.), Dr Mngdnn (Bolksp.) und Moikcnbnhr (Soz.) buten bie beiden Paragraphen ,zu streichen.

Die Abstimmung über die § 447 und 447 a wird weil sie namentlich ist auf Vorschlag des Präsidenten zurückgestellt.

Nach § 452 kann für Landkrankenkasfen Durch Satzung nut Zustimmung des Oberversicherungsamtes bas Siranfengelb für die Zeit vom 1. Olloder bis 81. März bis auf ‘/« des Ortslohnes herabgesetzt werden.

Adg. Arnstadt (kons.) begründet diese Bestimmung mit der Eigenartigkeit deS landwirtschaftlichen Betriebes und Acdeitsverhat-niffes.

Abg. 3nbeit (Soz.) bekämpft die Bestimmung. Es fei geradezu verbrecherisch, auch die Wöchnerinnen dieser Brstimmimg zu unterstellen. Es scheine, daß bei der Rechien und bei der Regierung die Scham zu ben HimDen gefiebert sei.

Präsident Gras Schwerin-Löwitz ruft ben Nebner ,*ur Drbnitng.

Avg. Zubeil , Soz): Noch nie hat die Mehrheit ihre Macht fc> miftbraucht, wie in biefen Tagen.

Avg. Fegt er (Bolksp.) tritt ebenfalls für bie 'Streichung Der Bestimmung ein.

§ 452 wrrb angenommen, ebenso die §§ 453—462.

Die §§ 463 - 458 handeln von Den Sonderbestim- (tnungen ftir Dienstboten und werden unter Ablehnung eines fozialdemotrattschen Antrages angenommen.

Tie §§ 462 ff. handeln von der Versicherung der ^inständigen Arbeiter. — Ein fvzialdemolratifcher Au­ftrag will durch Wiederherstellung der Regierungsvor­lage den !8e, tiff der unständigen Arbeit etwa? enger ' gefaßt w'ffen.

Abg. Pauly-Cochem (Ztr.) bekämpft ebenfalls die Bestimmung. Zwischen Den Arbeitsgebern und den ■©elegtnbeibjatbe lern auf dem Lande bestände im Westen und int Süden auf bem Lande vielfach ein ^patriarchalisches Verhältnis, sodaß die Gelegenheits­arbeiter, wem, die Arbeit knapp würde, noch weiter beschäftigt würden. Wenn nun den Arbeitgebern durch 'bie neue Bestimmung weitere Lasten auferlegt würden, so würde das aufhöreu. In Koblenz stehe auf einem 'Balkon geschrieben: Maick halten ist Bürgerpflicht! '(Heit.rkeit.)

Vizepräsident Schultz: Herr Abgeordneter, das ist iber keine unständige Arbeit. (Heiterleit.)

Abg. Pauly-Cochem (Ztr.): Tas Maulhalten ge- flchieht auch bis zu einem gewissen Grade, aber ich bitte doch diesen Ausspruch nicht einer allzu harten Belastungsprobe zu unterziehen. (Erneute Heiterkeit). Am besten wäre es zu bestimmen, ber unstänbig Be­schäftigte hat da- Recht, neben dem Tagelohn auch das betreffende Teil Krankengeld für die Zeit der Be- fdjäft'gung von bem Arbeitgeber einzuziehen. Hierdurch ginge dem Arbeiter nichts verloren und ber Kranken­kasse wäre die Arbeit gespart. Mau sollte wenigstens -doch nicht bie ländlichen Bezirke schablonenmäßig ein« zwärgen.

Ministerialdirektor Caspar verspricht bem Redner dafür zu sorgen, baß für btc Landwirtschaft Ausnahmen gemacht würden.

Ter § 469 wirb angenommen, ebenso bie §§ 470 bis 486, sowie die zZ 487 bis 493 (Wandergewerbe­treibende) und §§ 494 bis 515a (Hausgewerbe).

Die namentliche (vorhin ausgesetzte) Abstim­mung über den § 447 ergibt feine Annahme mit 181 gegen 85 Stimmen Volkspartei, einige Nationalliberale «vd Sozialdemokraten bei einer Enthaltung.

Dienstag: Forlfetzung.