M 106.
MM »« 10. mal >,U-
38. Jahrgang.
* Waer W Zeitung
2. vlatt.
«nd Verlag der Mdaer AetienbruSerti ie Zulda.
+ Regierung und Oftmarkenverei«.
Man schreibt uns aus Berlin:
Es wird jetzt berichtet, daß die scharfe Absage deS Landwirtschastsministers, Frhrn. v. Schorlemer an den Ostmarkenverein in der Budgetkommission nach voraufgegangener Besprechung des gesamten StaatS- mintsteriums erfolgt sei, dies sie also gekannt und gebilligt habe.
Wir sollten meinen, das hätten sich die aufgeregten Hakatisten doch selbst sagen muffen. Ein Ressortminister wird doch nicht mit einer so Wichtigen Kundgebung hervortreten, ohne sich vergewissert zu haben, daß seine Kollegen damit einverstanden sind. Die Hakatfften hätten sich aber auch im Voraus so ziemlich sagen können, was dec Minister in der Enteignungsfraye antworten iverdc. Das bisherige ruhige Verhalten der Regierung gegenüber dem leidenschaftlichen Drängen nach Anwendung des Enteignungsgesetzes ließ doch mit Sicherheit darauf schließen, daß sie einstweilen die Anwendung nicht beabsichtige. Die Enteignung sollte Warneno und drohend über den Polen schweben als Damoklesschwert, aber herabfallen sollte es nur im äußersten Falle.
Die Regierung erleidet jetzt in der Polenfrage den Fluch der bösen Tat. Drängen taffe sie sich nicht, versicherte am Freitag der Landwirtschaftsminister. Woraus sind denn aber die sämtlichen verschiedenen Maßnahmen „zum Schutze des Deutschtums" seit Jahren zurückzuführen? Doch lediglich auf das Drängender H a k a t i st e n. Kaum war eine Maßnahme ergriffen, dann stellte sich heraus, daß sie unwirksam sei. Sofort drängten die Hakatisten weiter und forderten Schritte, die man vor kurzem noch für unmöglich gehalten hätte und mit denen es bann wieder ging Wie vorher. J5s war ein unausgesetztes Wafferschöxfen mit einem Sieb. Wenn die Enteignung angewandt würde, so würde sich selbstverständlich auch wieder sehr bald ergeben, daß sie ihren Zweck nicht erreichte, und die Hakatisten würden mit neuen horrenden Forderungen kommen, an denen die Polen in letzter Linie wieder ihre Freude hätten. Ziel und Ende ist nicht abzusehen.
Daß die Regierung es nunmehr „wagt", dem Ost- m a rken verein die Freundschaft zu kün- d i g e n, seine Angriffe und Verdächtigungen zurückzuweisen und zu erklären, sie verzichte auf seinen Rat und seine Mitarbeit, wird in der hakatistischen Presse als Anzeichen einer Wendung in der Polen- Politik bejammert. Vielleicht ist die Regierung endlich zu der Einsicht gekommen, daß sie schon längst gut getan hätte, den Ratschlägen der Polenfresser nicht so willig Gehör zu leihen. Im Grunde genommen konnte sie wissen, daß die Hakatisten durchaus nicht die Meinungen und Forderungen aller Deutschen in den polnischen Landesteilen vertreten, sondern die Menge der ruhig denkenden Deutschen in den Städten und auf dem Lande mit den Polen im Frieden zu leben wünschte und die ganze Polenpolitik als verfehlt verurteile. Eine Umkehr wurde in der Erklärung des Ministers übrigens gar nicht so bestimmt angekündigt, wie die Hakatisten-Presse es glauben machen will. Frhr. v. Schorlemer hat nur gesagt, die Ansiedlung werde fortan inetwaslangsamerem Tempo vor sich gehen müssen, als in den letzten 10 Jahren. Jedenfalls, darüber lassen die Worte des Frhrn. v. Schorlemer keinen Zweifel, denkt die Regierung einstweilen nicht an die Enteignung, und aufgeschoben ist möglicherweise aufgehoben.
Natürlich erklärt sie nun nicht, es soll eine Schwen- kung in der Polenpolitik erfolgen, sie kündigt vielmehr als neue Maßnahme das Parzellierungsge- sech an, das den Polen die Parzellierung un d Ansi edlung erschweren und der Ansiedlungs- kommisfion ein Vorkaufsrecht sichern soll. Das kann unter Umständen ebenso ungerecht und erbitternd ivir- ken wie die Enteignung. Auch von Arbeitern n- siedlung und Kleinsiedlung sprach der Minister, was ebenfalls darauf hindeutet, daß man noch Auswege aus der Sackgasse sucht, in die man mit der hakatistischen Politik geraten ist.
Es wird jetzt eine Lesart verbreitet, wonach der Landwirtschaftsminister seine Absage nicht an die Vereinsleitung, sondern die Vereinszeitung, die „Ostmark" gerichtet habe. Das ist eine Auslegung, die nur den peinlichen Eindruck der Absage verrät. Für die Zeitung ist der Verein doch schließlich verantwortlich, und das Wolff'sche Telegraphenbüro selbst verbreitet einen Nachtrag zu seinem Kommissionsbe-
8s Humoristische Erzählung von W. Borgmann-
„Was hab ich gehört? loderte er jetzt auf. „Der Mensch, vor dem Du Deinen und meinen Ruf bloß- gestellt, ist Dir teuer geworden?"
„Ja, Väterchen!" nickte Berta beherzt, _ben Locken- kopf über die Achsel drehend und immer noch den alten Braun festhaltend.
„Nein, das übersteigt alles!" rief Eveline und raffte sich vom Sessel empor. Sie schien es nicht ertragen zu können, daß man sie samt ihren Zähren unberücksichtigt ließ, und drängte sich deshalb wieder gewaltsam in die Szene.
Berta entgegnete der Erhitzten fest: „Wenn ich Dein empfindliches Ohr beleidige, Eveline, so geh' auf Dein Zimmer."
„Das hätte ich auch ohne Deine delikate Aufforderung getan!" haspelte Jene gereizt heraus.
„Du bleibst, Eveline!" gebot der Onkel.
„Aber der alte Braun kann wohl gehen, Herr Kommerzienrat!" fragte der gekränkte Diener, der inzwischen der Umarmung Berta's entledigt worden.
„Sie bleiben auch!" befahl der Hausherr. „Berta soll, wenn sie es wagt, ihr Geständnis wiederholen! Ich glaube zu ihrer Ehre noch, daß es ein neuer un- ziemlicher Scherz war."
Die Tochter legte die Hand auf die Brust und sprach mit dem Ausdruck aufrichtigster Pietät: „Ich beuge mich Deinem Zorn, mein geliebter Vater; verhänge über mich, was Du magst; aber ich habe Dir die Wahrheit gesagt — der Mann ist mir nicht gleich- giliig geblieben."
„Ich verliere den Verstand!" bebte eS in halberstickten Tönen von den Lippen des Kommerzienrats.
„Mein Vater besitzt zuviel, um ihn zu verlieren!" bemerkte Berta fein und schloß unmittelbar an:. „Du hast mir befohlen, Dir mein Herz zu öffnen. Und hättest Du's nicht, ich würde freiwillig reden." Mit wachsender Zuversicht ftrhr sie fort, Während die Innere Erregung einen rosigen Hauch auf ihre Wangen lockte. „.Warum soll Alles in der Welt so nüchtern und so
richte, wonach der Minister erflärt hat, er mache für einen an die Mitglieder des Abgeordnetenhauses im Sonderabdrmk versandten Artikel der Ostmark, der Verdächttgungm der Staatsregierung enthalte, die Leitung des OstmarkenvereinS verantwortlich und man könne es ihm daher nicht verdenken, wenn er auf den Rat und die Unterstützung dieser Vereinsleitung in Zukunft gern verzichtete.
Jedenfalls ist der Verein gewarnt, und wenn er auch noch nicht gleich ben Schmerz erleben wirb, daß sich die ganze Polenpolitik ändert, so tut er doch gut, sich klarzumachen, daß seine Treibereien anfangen, der Regierung.lästig zu werden und daß voraussichtlich nicht allzu lange mehr nach seinen Diktaten im Osten regiert wird.
s Der Kampf um die Schule in Belgien.
Unser Nachbarland Belgien hat ein Parlament mit katholischer Mehrheit und kathol. Minffteriuni. Seit Jahrzehnten sind Liberalismus und Sozialismus, brüderlich geeint, an bet Arbeit, diese Mehrheit zu beseitigen und ein antichristliches Regiment einzufüh- ren. Der beste Weg dünkt ihnen der über dieSchu! e zu fein.
Jahre lang verlangt man obligatorischen Schulunterricht, obschon die Gemeinde- und Privatschulen sich recht gut sehen lassen konnten. Jetzt aber, Wo die belgische Regierung ein Schulgesetz vorgelegt hat, das recht viele liberale Forderungen erfüllt, bricht der Kampf erst recht los, weil, nun weil die Schule nicht dem Liberalismus ganz ausgeliesert wird.
Nach der Verfassung ist in Belgien der Unterri ch t f r e l. Es bestehen staatliche neutrale und private konfessionelle Schulen. Letztere, zum Teil von Ordenspersonen geleitet, sind besuchter als erstere, aus dem natürlichen Grunde, weil die Väter und Mütter, denen die Wahl der Schule sreisteht, ihre Kinder lieber einem Institut anvertrauen, das diesen nicht bloß Wissen vermittelt, sondern sie auch religiös erzieht. Der Schulgefetzentwurs schlägt nun folgendes vor: Die Väter erhalten alljährlich für jedes Schulkind einen Bon (Gutschein) über 30—36 Frank, mit welchem jeder sich die Schule wählt. Die Regierung löst den Bon ein: der Staat trägt sechs, die Gemeinde drei, die Provinz ein Zehntel der Kosten. Benutzt ein Vater ben Schulbon überhaupt nicht, so kann ihn der Friedensrichter vorlaben und ermahnen.
Der Hauptärger der Kirchenfeinbe besteht nun darin, daß diese Bons auch den Ordensschulen zugute kämen und damit die „Macht des Klerikalismus" stärkten. Das soll nun um jeden Preis verhindert wer- den. Der Liberalismus ist „liberal", daß er das nach bet Verfassung zustehende Recht dem Familienvater nehmen Will. Er ist Weiter so „liberal", daß er das Ausnahmerecht einrichten, die bestehenden Privatschulen von der Unterstützung ausnehmen Will. Alles bloß aus Haß gegen die Kirche, gegen die Religion. Und so hat er beim im Verein mit der Soizaldemokratie, die ja überall ihren Haß gegen jede positive Religion offenbart, auf der ganzen Linie mobil gemacht. Protestversammlung folgt auf Protestversammlung. Offen hat man angekündigt, daß die Beratung des Gesetzes im Parlament mit allen Mitteln, selbst durch Obstruktion, verhindert werben würde. So hofft man, das Gesetz zu vereiteln, bas Laub in Aufregung zu halten bis zu ben nächsten Wahlen — die ja 1911—1912 statt- finben — unb dann, wenn der Sturz der katholischen Mehrheit gelingen sollte, ein Schulgesetz nach liberal- sozialistischen Heften zu schassen.
Belgien steht somit in einem schweren, das Land erschütternden Kampfe. Wird es geringen, den feindlichen Ansturm abzuschlagen? Die katholische Mehrheit in der Kammer beträgt nur 4 Stimmen. Wenn unsere Freunde drüben, die in der letzten Zeit nicht immer auf dem Posten waren, nicht alle Kraft an- strengen, so holen die Gegner das Banner, das ein Menschenalter über Belgien wehte, herunter. Belgien ist heute — auch ein „Beweis" für katholische Inferiorität — das industriell am höchsten entwickelte Land. Solche zersetzenden inneren Kämpfe werden nicht zu feinem Vorteil aus schlagen. Mer was fragt der verbissene antikatholische Haß darnach, ivenn er sein Ziel erreicht?
Wir in Deutschland ersehen aber aus dem belgischen Beispiel, wo der Unglaube einsetzt. Wie sagte
schon Windthorst:. Der nächste Kulturkampf geht durch die Schule!
Me neuerdings aus Brüssel gemeldet wird, soll die Regiemng, nachdem Schollaert eine Besprechung mit dem König hatte, an Rückzug und Umarbeitung des Schulgesetzes denken, weil die Liberalen und Sozialdemokraten mit allen Mitteln der Opposition seine Durchberaümg verhindern wollen unb zu bem Zwecke bereits die drei Kommissionen, in denen sie die Mehrheit haben, immer weiter hinaus vertagen. Damit wird das Schulgesetz aber nicht gefallen fein, vielmehr wird die Rechte aus ihrer Initiative den Gesetzentwurf der Regiemng (mit einer Verbesserung hinsichtlich der Lehrergehälter neu einbrin- gen und dieser geht bann sofort an bte für ben Mai ausgelosten Kammerabteilungen, von benen vier eine Regierungsmehrheit unb zwei eine Oppositionsmehrheit haben. Woeste, bet greife Katholiken sichrer, hielt in Tongres eine große polit. Rede, worin er der Regiemng sein Vertrauen aussprach und die Erwartung äußerte, daß sie nicht zu übereilten Maßnahmen sich verleiten lasse. Er schllderie die Ohnmacht des belgischen Liberalismus, der heute vom Sozialismus die Parole in Empfang nehme und nur noch ein Anhängsel des Sozialismus fei. Er streifte auch die Streikvorgänge in Jngelmünster, wo die Liberalen für die arbeiterfeindlichen Fabrikanten auftraten, während sie jetzt wieberum aus ehrgeizigen Grünben die Arbeiter umschmeicheln. Die Kampf- rebe Woestes zeigt, baß bie belgischen Katholiken sich nicht fürchten.
Deutsches Reich.
— „Die Herren Kollegen." Dem preußischen Ab- geordnetmhause sind nicht weniger als 1033 Petitionen gegen bie Verstärkung bes weiblichen Einflusses im Mädchenschulwesen und gegen die Zulassung dec weiblichen Leitung öffentlicher Mädchenschulen zugegangen. Die Petitionen stammen aus großen unb kleineren Städten und sind in der Hauptsache von Direktoren, Rektoren, Oberlehrem und Leh- rem unterzeichnet. Die Unterrichtskommission des Abgeordnetenhauses hat beschlossen, dem Plenum zu empfehlen, über die Petitionen zur Tagesordnung überzugehen, weit die neue Verordnung über das höhere Mädchenschulwesen erst so kurze Zeit in Kraft getreten sei, daß eine Aendemng nicht empfohlen werden könne. Das Plenum dürfte in demselben Sinne entscheiden.
)( Die Stellung der christlichen Gewerkschaften zur Reichsversicherungsordnung kommt in einem Leitartikel des ,Zentralblattes der christlichen Gewerkschaften" zum Ausdruck. Es werden darin dir großen materiellen und sachlichen Vorteile, die das Gesetz bringt, anerkannt, jedoch wird auch betont, daß manche Bestimmungen des Entwurfs es den christlichen Gewerkschaftlern äußerst schwer machten, mit Freuden zuzustimmen. Wegen der Mangelhaftigkeit der Verwaltung der Landkrankenkassen hat das Zentralblatt' sehr schwere Bedenken; aber wegen dieser Unvollkommenheiten die ganze Reichsverstcherungsord- niing abzulehnen, nachdem sie unter anderen Umständen nicht zu haben sei, wäre ein großes Unrecht gegen die Landarbeiter. An den Vorschriften bezüglich der Anstellung und Kontrolle der Krankenkässenbeamten Ira.e, so bekennt das Zentralblatt, die Sozialdemokratie mit ihrer Partei und Günstl'ngswirtschaft in den Krankenkassen selbst die Schuld. Der Artikel schließt:
„Die umstrittenen Bestimmungen der R. B. O. erscheinen int einzelnen und im Zusammenhang nicht erheblich genug, um deshalb das ganze Reformwerk der Versicherungsordnung zum Scheitern zu bringen. Die materielle Fürsorge für die Witwen und Waisen, für Land arb eiter, Dienstboten und Heimarbeiter und Verbesserungen der Invalidenrente ist wichtiger und bedeutungsvoller als die Mängel in der Organisation der Institute selbst. Diejenigen bürgerlichen Parteien, welche der zu erwartenden Obstruktion der Sozialdemokratie lässig gegen- überstehen und dadurch das Scheitern des Gesetzes herdeisühren, würden sich nicht den Dank der national- gesinnten Arbeiterschaft verdienen, im Gegenteil, sich einer schweren Verantwortung schuldig machen . . . . Dieses Gesetz wird gegen die Sozial-
bemohtatie gemacht werden müssen, wie bisher all Berficherungsgesetze."
ReichStagswahlvorbereitungm.
0 Bärenfell-Berttilimgen. Seit Monaten liest man in der liberalen Presse alle paar Tage partei- offiziöse Meldungen von einer Einigung zwischen ben Nationalliberalen unb ben Volksparteilern einer Provinz über die Verteilung bet Reichstagsmanbate. Man wundert sich nachgerade, daß die Einigung noch immer weiter um sich greift, ba man auf Grund der zahllosen Einigungsnachrichten den Eindruck gewinnen mußte, die beiden liberalen Parteien hätten Deutschland längst brüderlich unter sich verteilt. Es pflegt sich aber nachträglich immer wieder hermlszustellen, daß die FriedenSdepeschen verfrüht Waren, denn entweder hatte man einige Mandate von dem Pakt ausgeschlossm oder die totalen Organisationen weigerten sich, die Abmachungen der Führer anzueckennen, und stellten wider die Abrede eigene Kandidaten auf. Daraus entsteht dann neuer Hader, man gerät in Zorn, wirst dem anderen Treulosigkeit und unerträglichen Eigennutz vor, droht, sich ebenfalls um keine Abmachungen mehr kümmern und nehmen zu wollen, was man nur erreichen kann. Nun machen die Führer neue Anstrengungen, eine Einigung herbet- führen, schließlich können sie der Welt auch eine solche bekannt geben unb wer die Dinge nicht so genau verfolgt hat, muff den Eindruck gewinnen, der Zug nach liberaler Einigung gehe triumphierend durch daS ganze Land. Nicht selten folgt aber auf die wiederholte Einigung neuer Hader, da die Gemüter sich durch die boraufgegangenen Einigungsbemühungen immer mehr verbittert haben. Wir haben den äugen- brieflichen Stand der Dinge nicht so genau im Gedächtnis, möchten aber behaupten, baff es bis jetzt noch keine einzige Provinz gibt, in der man wirklich ein Herz unb eine Seele wäre, und keine Partei mit Hintergedanken unb Vorbehalten zum Nachteil ber anderen in bie Wahlen gehe. Jetzt liegt aus ber Provinz Sachsen bie Meldung vor, baff eine Einigung zustande gekommen sei. Hmzugefüg! wirb aber gleich, baff zwei Wahlkreise in bem Abkommen nicht erwähnt finb, es scheint, baff es sich da um saure Trauben für beide liberalen Parteien handelt. Sonst pflegt man beim „Verteilen" gar nicht so blöde zu sein. Man „überläßt" sich gegenseitig Wahlkreise, über die man gar nicht verfügt. Wenn bie Wahlen bie Abmachungen ber Liberalen bestätigten, dann Würben Konservative unb Zentrum kaum noch Mandate erhalten, so gründlich wäre aufgeräumt. Wir unterschätzen die liberalen Wahlabmach- ungen keineswegs, meinen aber, baff ber Bär, bessen Fell man verteilt hat, einstweilen noch nicht erlegt sei. Je mehr bie Liberalen sich „einigen", nm so enger müssen unb Werben sich bie von ihnen bedrohten Parteien zusammenschlicffen.
Ausland.
*♦ Die „zielbewussten" Kirchenfeinde in Frankreich. Die französische Regierung hat vier Klosterfrauen für „ausserordentliche Stiftungen auf dem Gebiete ber öffentlichen Krankenpflege" Ehrenmedaillen verliehen. Anderseits hat der radikale unb antiklerikale Kriegsminister Berteanx seinen schwer verunglückten Sohn bei Schwestern (in Paris) in Pflege gegeben. Der Minister selbst begab sich zu ben Schwestern, um im Vereine mit diesen ben Verunglückten unterzubringen. Inzwischen aber dauert die Vertreibung derselben Klosterfrauen durch die „konsequenten" Kirchenfeinbe fort. Man nimmt ben opfermutigen Schwestern ihre Häuser und überläßt sie, wie erst kürzlich tvieder in einem Falle in Orleans, ben Freimaurerlogen.
*♦ Im englischen Königshause scheint es zu Meinungsverschiebenheiten gekommen zu fein. Es wird offiziell bekannt gegeben, daß bie Königin-Witwe Alexandra während der Krönungsfeierlichkeiten nicht in London anwesend fein wird. Sie Wird sich während dieser Zeit entweder nach 9etb= ringham ober nach Windsor zurückziehen unb in London erst wieder Wohnung nehmen, wenn die Krönungsfeierlichkeiten vorbei sind
* Kulturbild aus. Galizien. Nach einer Meldung bet „Neuen Freien Presse" aus Lemberg gerieten in Weeliezka zwei Wahlagitatoren in einen Streit; plötzlich stürzte sich der eine auf ben andern
prosaisch hergehen? Warum schütteln bie Menschen den Kopf über jede Ausnahme von der alltäglichen Regel? Weil sie selber nicht aus der Regel heraus- treten dürfen, ohne sich zu schaden! Sie sind und gelten nur etwas, wenn sie Tag ans Tag ein genau nach ber Schablone leben, bie auch ber Herr Nachbar im Auge hat. All ihr Tun hat ben Hintergedanken: was werben bie Leute dazu sagen?"
„Und das ist durchaus verständig; denn wer wagt das Urteil der Welt zu verachten?" entgegnete ber Vater, aber seine Worte klangen nicht mehr zornig unb herb, sondern eher sanft unb traurig. Die Sicherheit, das Selbstvertrauen, welche Berta's Wesen entfaltete, hatte dem Kommerzienrat doch imponiert und gab ihm die Besonnenheit zurück.
„Das Urteil der Welt", versetzte die Tochter emft, „hat seine Gerechtigkeit in ber Verfolgung gerade der größten, besten Menschen bewiesen."
„DaS hat sie gestem abend von dem jungen Manne aufgeschnappt!" Mit dieser beißenden Randglosse mischte Eveline sich in die Verhandlung. Berta, ohne sie eines Blickes zu würdigen, sagte darauf: „Und wär* es so? Das Schönste, was uns jemand geben kann, sind richttge und gute Gedanken, die eben den meisten fehlen! dämm müssen sie soviel Gewicht auf fremdes Urteil legen. Sie tragen keinen Leitstern in der eigenen »ruft. Wer sich fühlt in sich selber, der darf sich manches erlauben, was andere sich versagen müssen, denn er weiß, daß er die Grenze nicht überschreitet."
„Du hast sie ja überschritten", sprach der Vater, hast getan, was sich nie wieder gut machen läßt, Du hast Dich unweiblich betragen!"
„Nein, Papa!"
„Ja, Onkel!" bestärkt« Eveline dessen Meinung.
„Es ist unedel, Eveline, meine Rechtfertigung ab- schneiden zu wollen", warf Berta der Kousine vor, indes der Kommerzienrat nahm die Nichte in Schutz:
„Eveline fühlt, eS gibt keine Rechtfertigung für Dich. Sie empfindet mädchenhaft zart, ist eine zurückhaltende Natur —*
„Zurückhaltung ist ein anderer AuSdmck für Verstecktheit", wagte Berta zu unterbrechen.
„Dein Vater kennt mich!" sagte Eveline mit ge- ringschcitzender Geberde gegen die Feindin. Da flammte diese auf: „Eveline hätte nichts lieber gesehen, nichts sehnlicher gewünscht, als, es wäre für sic ein andrer dagewesen, während ber Doktor mit mir sprach!" Die so Verdächtigte zog bie Oberlippe kraus:
„Ich kann Dir nur mit stiller Verachtung antworten!"
„Wie heißt ber Bursche?" rief ber Kommerzienrat, bem bei der Erwähnung des Doktors das Blut von neuem in die Stirne geschossen war.
„Das weiß ich so wenig wie er meinen Namen kennt", erwiderte bie Gefragte. „Glaub's nicht, Onkel", schürte Fräulein Nichte bas Feuer, „sie unterhielten sich häufig ganz leise!"
„Der Vater wird mir glauben!" betonte Berta, doch sie irrte sich; denn jener erklärte: „Ich glaube Eveline; denn hat er Dir seinen Stand geoffenbart, bann ohne Zweifel auch den Namen."
„Verzeih, Papa! seinen Stand vermute ich nur aus seinem Inserat. Seiner Bildung nach müsste er Wenigstens Professor fein."
„Bildung ist Brot, steht als Motto vor einer alten Ausgabe ber deutschen Klassiker", fiel Braun an der Schwelle ein. Der Kommerzienrat gab ihm einen vernichtenden Blick: „Was schwatzen Sie dazwischen?"
„Ich wollte nur bemerken", entschuldigte der Alte feine Kühnheit, daß mancher Gebildete nichts zu beißen und zu brechen hat, und das könnte auch hier der Kasus sein."
„Richtig Braun", gab ber Rat seine Befriedigung zu ert ernten, „wahrscheinlich ein verkommener Gelehrter, der sich durch eine reiche Partie aufhelfen möchte."
„Ich hab ihm nicht verraten, daß ich reich bin", sagte Berta.
„Du bist auch nicht reich", entschied der Vater, sich wieder in Grimm redend, „ich kann Dich auf ein Pflichtteil herabfetzen und von meinem übrigen Gelbe Legate stiften."
„O, Papa, wie glücklich Wär' ich, wenn ich um diesen Preis die Liebe jenes Mannes fiirs Leben gewänne."
„Berta!" brauste Heimenberg auf. Das Mädchen lächelte ihn an: „Gesetzt bester Vater, wir hätten uns auf einem Ball gefunden, er hätte in weißer Kravatte und weißen Handschuhen mit mir getanzt —. Das wäre etwas anders. Gewiß, Papa; wir hätten bann auch wahrscheinlich eine andere Unterhaltung geführt, zum Beispiel: „Finden Sie es nicht recht heiß im Saal, mein Fräulein?" — „Ich hab es lieber warm als kalt, mein Herr!" — „Sind Sie in der ersten Vorstellung des neuen Stück's gewesen, mein Fräulein?" — Papa wartet immer erst die Kritik ab, weil er keinem neuen Stück mehr traut!" — Und in diesem Stil wäre es bis zum Ende des Tanzes fortgegangen, unb ich hätte Gott gebankt, ben Mann wieber los zu werden. Gestern dagegen war er nicht froh, als er ging. Mit Neckerei und Spott war ich vor ihn getreten. Er gab mir Stich auf Stich zurück, aber gutmütig, wodurch er mir feine Ueberfegenffeit zeigte. Zugleich verwies er mir mit freundlichem Ernst den Betrug, den ich der alten Dame gespielt. Schön ist er nicht, Väterchen, aber klug und gut, und. Was daS Beste ist an ihm, er hat Charakter."
Der Kommerzimrat verschränkte bie Arme Wer die Brust. „So! Du hast ihn ja ungeheuer gründlich studiert."
„Ja, das hab' ich, Papa, weil sein Wesen mich sofort fesselte. Es ist nicht bei jedem Menschen nötig, baff man einen Scheffel Salz mit ihm ißt, bevor man ihn wirklich kennt. Vielmehr glaube: Die sind nicht viel wert, die wir erst lange beobachten müssen, um in ihre Eigentümlichkeiten einzudringen. Die tragen Masken; das ist immer widerlich; er aber trug keine Maske, er ist ein Mann, wie bie Mutter sterbend ihn mir empfahl."
„Erwähne jetzt der Mutter nicht!" sagte Heimenberg, und eine Falte senkte.sich zwischen seinen Brauen. Trotzdem klang seine Stimme weicher, als zuvor, und die Augen suchten den Boden.
„SBarum nicht, lieber Vater?" fragte Berta entschlossen. „War mir's doch gestern, als stände sie neben mir, ihm gegenüber, und flüsterte mir zu: Das ist der Rechte!"
(Fortsetzung folgt.)