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3. parzeLer in Fulda.

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Pf-, bei wieder Holungen wird entspr.

Babati gewährt.

Sotatt»»rdr«cku»d Verlag d«r Fuldaer A- tieudruckerei t» Fulda Fernsprecher vr.«.

M 105. Erstes Blatt.

38. Jahrgang.

Flllda, Dienstag den 9. Mai 1911*

Ausland.

*. Eine Spielbank in Rumänien. Die rumänische Kammer nahm ein Gesetz an, laut welchem der Ausschuß der staatlichen Spitäler ermächtigt wird, zur Hebung seiner Einkünfte in Sina ja eine große Spielbank nach dem Muster von Monte Carlo zu errichten. — Sinaja ist die Sommerresidenz des rumänischen Königs­paares.

** Die Wirren in Marokko. Die Pariser „Agence Havas" verbreitet folgende Meldung aus Tanger: Nach heute, 8. Mai, eingetroffenen Nach­richten stellen die Konsuln von Frankreich, England und Oesterreich-Ungarn die Lage der europä­ischen Kolonien in Fez pessimistisch dar. Man wird eine Bestätigung abwarten müssen. Die bis zum 1. Mai zurückreichenden amtlichen deutschen Nachrichten aus Fez lauten durchaus nicht so trübe. Bei den krampfhaften Treibereien der französischen Marokko-Interessenten auf einen Vor­marsch nach Fez ist ein starker Zweifel an der Rich­tigkeit der Alarmmeldungen geboten. — In Paris hat man sich schon seit einigen Tagen wieder ge­wöhnt, die marokkanischen Dinge durch eine ganz schwarze Brille anzuseheu. Man geht sogar so weit, zu behaupten, die günstigem deutschen Be­richte aus Fez bezweckten, den dortigen französischen Konsul als Lügner hinzustellen. Noch erboster ist man gegen die Spanier. In halbamtlichen Kreisen sucht man das Verhältnis zwischen der Mad­rider und der Pariser Regierung als sehr gut hin­zustellen. Um nun aber dem guten Bürger zu er­klären, warum die spanische Preffe feindlich ist, wird chm vorgemalt, dieses Gefühl würde ihr von schlechten Nachrichten des französischen Konsuls in Fez Wasser auf die Mühle der Draufgänger ge­leitet. Die Langsamkeit der französischen Truppen­bewegungen in der Schauija bringt diese Leute zur Verzweiflung. Die letzten Meldungen von der Weg­nahme einiger Kamele durch feindliche Stämme und der Tötung von zwei Soldaten geben ihnen Gründe genug, um wieder einmal den Vornrarsch auf Fez von der algerisch-marokkanischen Grenze her schleu­nigst zu empfehlen. .

** Zwischen Rußland und Japan ist em neues Abkommen getroffen worden, das demnächst den Mächten zur Kenntnis unterbreitet werden soll. Dieses Abkommen bezweckt gemeinsame Maßnahmen gegen das Vorgehen der Chinesen in der Mand- fchurei.

** Der Rücktritt des mexikanischen Präsidenten Diaz. Die Veröffentlichung des Manifestes, in dem Präsident Diaz erklärte, er beabsichtige zurück- zutreten, sobald der Friede wieder hergestellt sei, erfolgte in Extrablättern am Sonntag abend und erregte überall Jubel. Diaz kündigte die Entschei­dung einer Versammlung des Kabinetts an und be­hält sich das Recht vor, nach seinem Urteil zu ent­scheiden, wann der Friede tatsächlich wieder her­gestellt ist. Dies werde der Fall sein, wenn er die gewiße Ueberzeugung habe, daß seinem Rücktritt nicht die Anarchie folgen werde. Mader o, der Führer der Aufständischen, befand sich bereits auf dem Vyrmarsch nach Süden gegen die Hauptstadt, als die Nachricht von Diaz Ankündigung emtraf. Er sandte Diaz zu seiner Selbstaufopferung einen Glückwunsch und erklärte sich zur Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen bei verlängertem Waf­fenstillstand bereit. — In Washington hat der Schritt des Präsidenten Diaz große E r l e r ch t e - r u n g erzeugt, ebenso der Befehl Maderos an seine Truppen, die Grenze zu verlassen. Sonst ist aber die Lage ncch wenig gebeffert der andern Rebellen­banden wegen.

* Aus dem Marsche nach Mulden mißhandelten chinesische Soldaten auf der Station Gantschun japanische Angestellte. Der japanische Konsul hat Entschädigung der Verwundeten und Bestrafung der Schuldigen verlangt. — Alles deutet auf schwere Verwickelungen in China hin, da die Regierung die Fremden gegen die Auftührer nicht zu schützen ver- mag: Ein D a m p f e r der oftchinesifchen Bahn wurde auf dem Sungariflusse, 30 Werst unterhalb Kirins, beschossen. Die Dampferwache erwiderte das Feuer. Der russische Konsul forderte vom Gou­verneur die Ermittelung und Bestrafung der Schul- digen.

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AJt Der Margareteutag.

Eine patriotische Studie.

Die Frage des Margaretentages beschäftigt ganz Bulba sehr lebhaft. Wir haben uns bemüht, die limmung, die der geplanten Veranstaltung in der Büraerkchaft entgegengebracht wird, auszukundschaslen.

sei inmitten einer glänzenden Suite vor dem Palais mit Reden und Gesängen eine besondere Huldigung darbringen zu dürfen. Die große Zuschauermenge war ehr befriedigt von der Entgegennahme der Ovation. — Um 1,35 Uhr ist der Kaiser unter dem Gckäut der Glocken des Münsters und unter den begeistertm Kund­gebungen des Publikums, das die Straßen überall dicht stillte, im Automobil nach Metz abgereist. Im Wage des Kaisers hatten der Statthalter Gras v. Wedel und der Staatssekretär Frecherr Zorn v. Bulach Platz genommmen. ,

= Metz, 8. Mai 1911. Der Kaiser ist um 6 Uhr 15 Min. nebst Gefolge in Automobilen, von dem zahlreich die Straßen säumenden Publikum mit begeisterten Hochrufen begrüßt, vor dem General- "ommando eingetroffen, wo er abstieg. Aus dem ganzen Wege von Straßburg bis Metz wurde der Kaiser überall herzlich begrüßt, viele Blumenspenden worden ihm überreicht.

Reichstagswahlvorbrreitmlgrn.

* Mainz, 8. Mai 1911. Die Fortschrittliche Volkspartei des Wahlkreises Alzey-Bingen hat in einer Vertrauensmännerversammlung beschloffen, Pfarrer Korrell bei der Reichstagswahl auszu« teilen. _______________

Die Ansichten, denen wir begegnet find, decken sich im allgemeinen mit den nachfolgenden Darlegungen, die aus der Feder eines Herrn stammen, der mit dem, was die Bevölkerung unserer Stadt denkt und wünscht, sehr genau vertraut ist.

Seit Wochen wird in den hiesig« Tagesblättern auf den Sonntag den 21. Mai abzuhaltenden Mar» gretentag hingewiesen. Der nächste Zweck des Mar- gretentages ist wohl ein charitativer. Es sollen an diesem Tage in ganz besonderer Weise Gelder ge­sammelt werden für wohltätige Zwecke. Als solche sind genannt die Unterstützung hiesiger öffentlicher Wohltätigkeitsanstalten jeglicher Konfes­sion imd am Schluffe die Anlegung eines Kriegsfonds für den Vaterländischen Frauenverein und eine Zu­wendung für die Kaiserin Augusta Viktoria-Stiftung. Mit der Zuwendung von Gelbem für diese beiden letztgenannten Zwecke hat man der Charitas, dem Wohltätigkeitssinn einen patriotischen Stempel aufge- drückt.

Die Fuldaer Bevölkerung gibt gern und reichlich für alle möglichen Wohltätigkeitszwecke. Beweis da­für die jüngsten Veröffentlichungen über die Grün­dung und Fortführung des St. Lioba-Kreissiechen- hauses und die großen Zuwendungen, die den bie- sigm privaten und öffentlichen Wohltätigkeitsanftalten in der Stille gemacht werden. Aber der Fuldaer steigt mit seiner Wohltätigkeit nur ungern und wider­willig auf die Straße hinab in die breiteste Ceffent» lichkeit. Das geplante Fest würde deshalb auch voll- ständig mißlingen, wenn man ihm nicht, wie gesagt, einen patriotischen Anstrich gegeben hätte, der sich schon in der Leitung des Ganzen durch den Vater­ländischen Frauenverein ausprägt.

Es ist in Preußen immer mißlich, gegen den Patriotismus, in welcher Form er auch auftritt, zn opponieren. Daher die Erscheinung, daß sobald ei i patriotischer Gedanke angeregt worden ist, sich ein i Menge Menschen verpflichtet fühlen, der Ausführung desselben ihre Unterstützung zu leihen. Es ist des­halb in Wirklichkeit eine Tat, daß sich zwei auf- rechte Männer gefunden haben, die in der Fuldaer Zeitung ihre abweichende Meinung und der Unbeliebt­heit des Gedankens der Veranstaltung eines Mar- gretentages in den bürgerlichen Kreisen Ausdrucks ver­liehen haben. Sie haben, wie man zu sagen pflegte, der Katze die Schelle umgehängt. -

Der Vaterländische Frauenverein hat nun eine Versammlung abgehalten, zu der die Vereinsoorstände eingeladen waren, und in welcher der Zweck des Mar- gretentages dargelegt worden ist. Es ist dort ein großes Programm festgestellt worden, das die öffent­liche Wohltätigkeit mit patriotischer Verbrämung in Wirklichkeit auf die Gaffe hinabzieht. Niemand, Hw Widerspruch erhoben, weil es eben wie gesagt mißlich ist gegen patriotische Veranstaltungen Einspruch zu erheben. Es sollen Konzerte auf den Straßen und Plätzen der Stadt veranstaltet werden. Der Nach­mittag soll einen Festzug bringen, der von den Ver­einen veranstaltet, sich durch die Straßm der Stadt bewegt, dazu noch an einem Nachmittag, an welchem feit Jahrhunderten die beiden hiesigen Pfarreien ihre Bittprozeffion abzuhalten Pflegen. Wenn schon ver­sichert worden ist, daß der Festzug in keiner Werse die althergebrachten religiösen Veranstaltungen stören soll, so widerstrebt es doch dem Volksempfinden, an diesem Nachmittag, die mit Patriotismus umkleidete christliche Nächstenliebe durch die Straßen und Gaffen der Stadt fahren zu lassen.

Run mögen die Vereinsvorstände, mit Ausnahme derjenigen der sogenannten patriotischen Vereine mit bittersüßer Miene ihre Vorstandssttzungen abhalten und sich abquälen, mühselig den übernommenen Teil des Festzuges zu schassen, dessen Zweck sie so gar nicht recht einzusehen vermögen; aber niemand wider­spricht, denn in patriotischen Dingen ist es mißlich, Opposition zu machen. Die Vereine handeln unter einem peinlichen durch den Patriotismus Herberge- führten Druck und Zwang. Von den Inhabern dn öffentlichen Verkaufsstellen soll verlangt werden, daß sie eine größere oder kleinere Menge von Blumen übernehmen zur Ausschmückung ihrer Schaufenster. Mancher wird kaum die unangenehme Zumutung zr^ ruckzuweifen mögen. Auch hier unerträglicher Druck und Zwang unter dem Mantel des Patriotismus.

Und nun zum Feste selbst. Schon am Vorabend sollen sich die Blumenverkäuferinnen an den Toren der Fabriken ausstellen, um den heinckehrenden Ar- beitem die Blumen anzubieten, oder vielmehr aufzu­drängen. Auch hier sanfte Nötigung, wenn sich nicht die eine oder die andere der Blumenverkaufermnen von den heimkehrenden Arbeitern eine schroffe Ab­weisung holt. „ ,

Am Sonntag morgen selbst wird mit Beginn der Konzerte an den verschiedenen Plätzen der Stadt die Belästigung der die Straßen passierenden Leute, selbst wenn sie gar nichts vom Feste wissen wollen, durch Postkarten- und Blumenverkäuferimien eine unerträg­liche werden.

Der Nachmittag bringt uns den schon genannten Festzug, der sich im Schloßgarten auflöst, woran sich bann Kaffee und Darbietungen der Sportvereine an­schließen werden. Selbstverständlich werden dort Oie sogenannten patriotischen Vereine, wie Kriegervereln, Sanitätskolonne usw., wie es auch für sie angemessen ist, neben den Sportvereinen junger Leute glanzen und hervortreten. . . m ~

Wer wird sich nun hervorragend an dem Fest beteiligen? Nicht die reichen Millionäre wie in den aroßm Städten, denn solche gibt es in Fulda kaum, u. die wenigen reichen Familien lassen sich nicht durch die mit Patriotismus umkleidete Charitas, die zum Vergnügen ausgeartet ist, in der Art und Weise, ihre Wohltätigkeit auszuüben beeinflussen. Ab­gesehen von einer großen Menge von Personen und Familien, die gern jede Gelegenheit wahmehmen sich zu amüsieren und ihrem Vergnügungssinn nachzu­gehen, werben sich einfinben: das Heer der kleinen, mittleren und hohen Staats- und sonstiger Beamten, von denen ober sehr viele gerne dem Feste fernbleiben würden, wenn sie nicht fürchten müßten, daß da- Fernbleiben von einer so Patriot. Veranstaltung bei bet vorgesetzten Behörden übel vermerkt werden wurde, ihnen dürste kick eine atofee Anzahl von Gefchäftsleu-

veutscher Reich.

> r ** Berlin, 8. Mai 1911. Der Kaiser hat in lluerkenmma. des. tapferen JBeilialtr’S der Pejatz-

Prerchischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 8. Mai 1911.

Tie erste Beratung des Eisenbahnanleihegesetzes wird fortgesetzt. „ ,, .

Wieder bringen eine große Anzahl von Redner wkale Wünsche vor.

Abg. Heine (natt) wünscht eine Bahn von Göttingen nach Heiligenstadt. „ ,. .

' Abg. Heckenroth (fonf.) wünscht eine Verbindung des West erw aldeS mit dem Siegerland und mit Köln. 7 Abg. Tinslage iZerrtr.) wünscht bessere Verbin­dung zwischen der Bahn Kassel—Frankenberg Und der Ruhrtalbahn.

t Abg. Trinnenberg-Fulda (Zentr.) wünscht eine direkte ^Verbindung der Staaten Preußen, Meiningen, Weimar ^md.Hessen durch Erbauung einer Bahn von Fnlda Nach Meiningen.

ungen der bei der Unterdrückung des Eingebo- renenauffiandes auf Ponape beteiligten : Schiffe eine große Anzahl von Ordensauszeich- nungen verliehen.

* Eine offiziöse Rüge. Die „Nordd. Allg. Zig." schreibt: »Eine der vielen neu entstandenen Nachrich- 1 tenagenturai hat die Meldung verbreitet, daß die deutsche Regierung beschlossen habe, drei Kreuzer nach den marokkanischen Gewäs­sern zu entsenden. Wir haben es hier mit einem gefährlichen Unfug zu tun. Jeder einigermaßen poli- - tisch denkende Mensch muß sich selber sagen, welche Verantwortung et auf sich nimmt, wenn er in einer so ernsten Frage, wie es die marokkanische ist, frei er­fundene Sensläionsnachrichtm lanciert"

** Zu de« Demonstrationen gegen das Kassenbeamtenrecht. Am 30. April hat bekannt­lich in Berlin eine Protestversammlung von ^An­gestellten" stattgesunden, die sich gegen die Be­stimmungen der Reichsoerficherungsordnung in bezug auf die Regelung des Angestelltenrechtes richtete. Hiei^u wird miigeteilt:

1. die Protestversammlung ist nicht von einem „Ver­bände der Krankentaffenbeamten*, sondern von den im Schlepptau der Sozialdemokratie befindlichen „Ver­bände der Büroangestellten" einberufen worden; 2. der Bund der deutschen Krankenkassenbeamten (Sitz Mannheim) hat mit diesem Verbände nichts gemein, und 3. die Kundgebung kann nicht die Willens­meinung der deutschen Krankenkassen­beamten zum Ausdruck bringen. Der Bund deutscher Krankenkaffenbeamten ist entschiedener Gegner der Bestrebungen des genannten VerbandeS. Er erachtet die Bestimmungen im Entwürfe der Reichs- versicherungsordnung nach den Beschlüssen der Kom­mission als geeignete Grundlage für die gesetz­liche Regelung der Anstellungs- und Rechtsverhältniffe der Srantentaffenbeamten und setzt das vollste Ver­trauen in die Regierung und die gesetzgebenden Körper­schaften, daß durch die Bestimmungen des Einfüh­rungsgesetzes eine Aushebung oder Beschränkung wohl­erworbener Rechte und gerechtfertigter Bezüge nicht zu erwarten steht. Der Bund ist auch der Ueberzeugung, daß die getroffenen Bestimmungen lediglich eine Folge der vielfach mißbräuchlichen Ausübung des Selbstver- waltungsrechtes sind.

M Rechts ober linkst In Nürnberg fand am Samstag eine nationalliberale Versammlung statt, in welcher der preußische Landtagsabg. Dr. Loh­mann Über die Nationalliberalen im Reichstags­wahlkampf sprach. Er führte nach einer Zeitung?- metdung aus:

Die Behauptungen von einem Linksabmarsch der Nationalliberaten seien nichts als törichtes Gerede, das nur einem taktischen Bedürfnis der Konser­vativen entspreche. Die nationalliverale Partei sei einmütig entschlossen, bei Stichwahlen zwischen einem Sozialdemokraten und einem Kandidaten der Rechten zugunsten der Rechten zu stimmen. Das Wahl­abkommen mit der Fortschrittlichen Volks« partei entspreche einem Gebot politischer Klug­heit, aber es verschlage auch nichts, wenn man in einzelnen Provinzen wie z. B. in Westfalen, mit den Konservativen zusammenaehe, um so mehr, als eine spätere Versöhnung mit den Konservativen eine vater­ländische Notwendigkeit sei.

Tie Fortschrittler werden die Ohren spitzen, wenn sie so etwas hören, wenngleich ihnen die An­schauungen des Abg. Lohmann nicht mehr ganz unbekannt sein dürste.

* Ein neuer Austritt aus der nationalltbcvaltn Partei. Wie die ,Rhein.-Westf. Ztg/ milteitt, hat der Syndikus der Bochumer Handelskammer Dr. Wiebe seinen Austritt aus bet natiorm(liberalen Partei erklärt, und zwar mit der Begründung, daß er den scharfen Ruck nach links nicht nülmachen und die Haltung der Partei in der elsaß-lothringi­schen Versaffungsfrage nicht billigen könne.

** Absage an den Hansabunb. Ein am Sonntag in Harburg a. d. Elbe abgehaltener Schmiede-Be­zirkstag hat nach einem Berichte, den der Syndikus des Berliner Verdandsvorstandes erstattete, sich dahin ausgesprochen, daß der Hansabund kläg­lich versagt und jedenfalls der Handwerker nichts von ih» zu erwarten habe.

+ Die Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl bereitet dem ,Vorwärts' wachfende Sorge. Der sozialhemo- kratische Kandidat Dr. Lindemann hat bekanntlich erklärt, die Organisationsbeschlüsse machten ihm die Ausübung des Amtes unmöglich, da er volle Freiheit in der Ausübung der Repräsentations­pflichten verlange. Die Stuttgarter Genossen haben ihn gleichwohl ohne weiteres als Kandidaten ausgestellt. De, ,PorwärtS' meint,

ste hätten doch die ihm im Wege stehenden Be­schlüsse zunächst entweder aufheben oder bestätigen müssen. Linen einzelnen Genossen von ihnen zu ent­binden, gehe doch auf keinen Fall an. Jedenfalls müsse die Stuttgarter Parteileitung noch roeitere Auf­klärungen geben. Das Blatt stellt sich, als habe es keine Ahnung, was für Beschlüsse Herr Lindemann ge­meint haben könne.

Ist d« „Vorwärts denn auch schon so entartet, daß er btt Hofgängerei gutheiO? Oder kann einem sozialdemokratischen Oberbürgermeister erlaubt fein, was sozialdemokratischen Abgeordneten ver­boten ist? Die Stuttgarter Genossen haben doch die Ausstellung der Kandidatur Lindemann jeden­falls bekundet, daß sie etwaige Beschlüsse, die die Erfüllung von höfischen Repräsentations- p ficht en verbiete» wollen, sicht besonders ernst nehmen, wie es ja viele süddeutsch« Genossen nicht tun. Der „Vorwärts" aber jammert, die Partei würde sich mit der Zulassung von Ausnahmen für einzelne Genosse» aus die schiefe Ebene begeben, die die sozialdemokratische Partei eingeschlagen habe, als es sich um den Eintritt Millerands in die Re- gierung handelte. — Hoffm wir, daß eine Wahl­niederlage Lindemanns des „Vorwärts" und die Partei aus alle» Gewissensnöten befrei«, andernfalls ist «S sicher, daß die „Zielbewsßten" des „Vorwärts" eine neu« Niederlage erleiden werden.

— Straßburg, 8. Mai 1911. Die hiesigen Kai- {ertage fanden dadurch ihren Abschluß, daß nach dem Vorbeimarsch der Truppen und kurz vor der Slbrdf« des Kaisers der Studentenschaft in langem Zuge di« GyiugtuWa zutell tourbet dem Kai-

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 8. Mai 1911.

Die zweite Beratung über bie Reichsversicherungs- ordnung

Pird beim 2. Buche fortgesetzt.

Die Sitzung beginnt mit der Wiederholung der Ibftünmung über § 181, bei der infolge der An- fveiflung der Beschlußfähigkeit durch den Abg. Bebel im Samstag der Abbruch der Sitzung erfolgte. Der Antrag der Sozialdemokraten wird abgelehnt. Das !. Buch Über die Krankenversicherung umfaßt die §§ 177—559. Die Sozialdemokraten haben ihre Anträge fierz« einstweilen bis zu § 263 eiugebracht, und zwar stwa fünfzig; auf je drei Paragraphen zwei Anträge.

Die WänderungSanträge werden nach kurzer Be­kundung van der Mehrheit meist ohne Diskussion ab« relehnt. Die Paragraphen werden durchweg nach den Beschlüssen der Kommission angenommen. Wir lassen Am folgenden die bedeutungsvolleren Paragraphen jolqen:

/ " Bei § 182 wird ein sozialdemokratischer Antrag -»bgelehnt, wonach unter einer vorübergehenden Be­schäftigung diejenige zu verstehen ist, die nicht über i Woche hinauIgeht.

Bei § 184 wird ein sozialdemokratischer Antrag «bgelehnt, welcher den Versicherten eine höhere Unter­stützung gewähren will.

Tas Haus nimmt sodann auch die §§ 185 und 186 «n, letzteren, der die Befreiung von Halbinvaliden von her Versicheiungspflicht voifieht, unter Ablehnung eines auf Streichung dieses Paragraphen gerichteten sozial- demokratischen Antrages. Die §§ 186-190 werden unter Ablehnung der sozialdemokratischen Abänderungs­anträge nach den Kommisstonsbeschlüssen angenommen. 191 wird unter Ablehnung eines sozialdemokratischen {Antrags gemäß dem Beschluß der Kommission gestrichen. lZu § 192 war in der Kommission ein § 192 a hinzu- 'gefügt worden» wonach die Bersicherungsberechtigung im allen Fällen erlischt, wenn die regelmäßige jährliche iEinnahme 4000 Mark übersteigt. — Abg. Molken- buhr (Soz.) beantragt, die Grenze auf 5000 Mark zu erhöhen.

/■ Abg. Dr. Mugdan (Bp.) äußert Bedenken gegen den ganzen Paragraphen. Niemand, der mit feinem Gehalt die Grenze von 4000 Mark überschreite, habe die Gewähr, ob er nicht später wieder unter die Grenze herunter sinke.

Abg. Hoch (Soz.): Es Hai ja gar keinen Zweck, über diese Anträge zu debattieren. Die Vertreter des Blocks sitzen hier wie die Puppen und stimmen einfach alle Anträge nied er. (Unruhe.)

Präsident Dr. Spnljn: Ein solcher Vergleich ist unzulässig; ich rufe Sie zur Ordnung!

Abg. Molkenbuhr (Soz.) empfiehlt nochmals den sozialdemokratischen Aulrag.

Die Diskussion schließt. § 192 wird unverändert angenommen.

t Bei § 197, der von der Krankenhilfe handelt, wird ein sozialdemokratischer Antrag abgelehnt, der eine Er­weiterung des Krankengeldes und speziell die Ge­währung von Krankengelo auch für Sonn- und Feier­tage will. ,

f Der Eventualantrag der Sozialdemokraten, das Krankengeld aus des Gruudlohues festzusetzen,^wird in namentlicher Abstimmung mit 212 gegen 59 Stim­men abgelehnt.

Bei § 199 stellen die Sozialdemokraten einen An­trag auf "erweiterte Zulassung der Krankenhauspflege.

Abg. Zirbeil (Soz.) begründet den Antrag, indem er die Mehrheit bittet, ihre bisherige „Wanzenlaktik" aufzugeben. Wenn die Mehrheit aber sortsährt, alles -niederzufiim men, bann bitte ich den Herrn Präfi- l benteit, künftig nur noch negativ abstimmen zu lassen, damit die Herren wenigstens nicht in ihrer Ruhe ge» , stört werden. (Beifall bei den Soz.) ! Vizepräsident Schultz: Ich muß so abstimmen lassen, wie es die Geschäftsordnung voischreibt.

§ 199 wird unverändert angenommen.

§ 210 handelt von der Fürsorge für Wöchnerinnen und Schwangere. Die Sozialdemokratie beantragt eine Erweiterung" der Leistungen für sie für beide State« goiieen und will, daß diese Leistungeri nicht durch Satzungen geregelt, sondern obligatorisch gemacht werben.

Abg. Dr. David (Soz.) begründet den Antrag in zweisründiger Rede.

Inzwischen ist ein Antrag der Konservativen und 'des Zentrums eingegangeii, wonach die Leistungen für die Wöchnerinnen aus der Landwirtschaft und für Dienstboten nicht obligatorisch, sondern durch Statut geregelt werden sollen.

Abg. Irl (Ztr.) begründet den Antrag. Bei allem sozialem Empfinden, welches wir im vorliegenden Falle ijabe-i, dürfen wir die Frage doch nicht außeracht lassen, was die neue» Bestimmungen der Landwirtschaft kosten . werden. Es handelt sich hier um einen großen Schritt, den die Landwirtschaft aus einmal machen soll. Es würde auf dem Lande nicht verstanden werden, wenn, während vielfach die Frauen bereits 8 Tage nach der Entbindung ihre Arbett wieder aufnehmen, andere 8 bis 12 Wochen nach der Entbindung unterstützt würden. Wir hoffen mdesfen, daß es mit der Zeit dahin kommen vird, daß durch Statut dasselbe erreicht wird, wie durch den Kvmmissionsvorfchlag.

Dienstag: Fortsetzung.

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